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Full text of "Untersuchungen zur römischen Kaisergeschichte"

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UNTEESUCHUNGEN 



ROMMJHEN KAI8EEGE8CHICHTE 



HEKAlSGEßEUEK 



Dr. HAX BÜDINGER 



ERSTER BAND 



LETPZIH 

TlHÜCK UNI> VKH.I,AIJ VoN B. G. TKUBNKR 
1808 



JOHANNES DIERAUER 

BEITRÄGE ZU EINER KRITISCHEN ÜESCIIICHTE TRAJAJiS 

JOHANNES ZÜRCHER 

COM MODUS 
EIS BEITRAG ZUR KRITIK DER HISTORIEN HERODIAtlS 



EMIL EGLI 

FELDZilGE IN ARMESIEN VON 41-83 N. CHR. 

EIN BElTKAti ZÜK KRITIK DKS TACITUS 



LEirzio 

£>KUi:K IND VEKLAO VON B. (i. TEÜBNER 
1868 



VORREDE. 



Dieses Werk besteht aus Arbeiten früherer und gegen- 
wärtiger Genossen der historischen üebungen, welche mir 
seit dem Herbste 1861 an der Züricher UniversilÄt zu leiten 
obliegt. Wir bieten zunächst der gelehrten Beurtheilung von 
den in diesen Uebungen^ sei es entstandenen ^ sei es ganz 
oder Üieilweise besprochenen Abhandlungen zwei Bände der 
auf romische Eaisergeschichte bezüglichen Untersuchungen, 
Unsere VeroflFentlichung soll zugleich ein Zeugniss unseres 
Wunsches sein, durch herzliche Verbindung zu gemeinsamer 
Forschung für die Aufklärung der allgemeinen Geschichte 
beizutragen. 

Drei der vorliegenden grösseren Arbeiten haben ihre Ver- 
fasser durch eine Reihe von Jahren beschäftigt. Herr 0. Hunziker 
aus Bern, z. Z. Pfarrer in ünterstrass bei Zürich, hat im vollen 
Drange einer umfassenden seelsorgerischen und gemeinnützigen 
Thätigkeit die Untersuchungen vollenden können, auf welche 
er durch die Lösung einer von unserer theologischen Fakultät 
gestellten Preisfrage geführt worden war. Tn ähnlicher Weise 
enthält die Abhandlung des Herrn Dr. JoH. Diekauer aus 
Bemeck, z. Z. Professor an der Kantonschule zu Sanct Gallen, 
die Umarbeitimg einer von unserer philosophischen Fakultät 
gekrönten Preisschrift; der Verfasser gelangte durch die litö' 
rarischen and künstlerischen Hilfsmittel, welche ihm später 
ein Aufenthalt in Paris bot, zu erschöpfender Kunde mehrerer 
längst von ihm behandelter Fragen; zugleich erhielt er für 
andere die freundliche Unterstützung zweier der hervor- 
ragendsten Sachkenner in Paris und Kiel. Trotz seines fast 
aufreibenden Lehrberufes an einem Privatgymnasium in Braun- 
schweig hat Herr Dr. Julius Brunner von Küsnach Zeit 



VI Vorrede. 

gefunden, seine Eiiizelforsehungen über die zweite Hälfte 
des dritten Jahrhunderts fiir eine wichtige literarische Frage 
abzuschliessen. 

Herr JoH. Zürcher aus i2ug, zur Zeit an einem englischen 
Institute in Blakewell, obwohl sein Hauptinteresse Studien 
über das Constanzer Concil zugewendet ist, hat auch nach 
seinen Universitätsjahren frühere Forschungen auf unserem 
Gebiete mit Eifer fortgesetzt. 

Beide Bände schliessen mit Abhandlungen junger Männer, 
welche ihre Studien noch nicht beendet haben, darunter Bruch- 
stücke von einem durch ein vorzeitiges Geschick dem Leben 
entrissenen Luzerner Jm-isten, Herrn Xavkr Bossart, welche die 
edle Geistesrichtimg dieses Hingeschiedenen vergegenwärtigen. 
Herr EmilEgli aus Zürich, welcher neben seinem theologischen 
Berufsstudium für geographisch - historische Probleme in be- 
merkenswerther Weise Neigung und Befiihigung besitzt, hat Beide 
Für die Tacitus - Kritik von einer unerwarteten Seite nutzbar ge- 
macht, während Herr J. J. Müller von Wülflingen seine Rich- 
tung auf schöne Form imserer historischen Erkenntnissquellen 
zunächst auf einem verschütteten Gebiete verwerthen konnte. 

Und so tritt in einem Vereine verschieden gearteter Geister 
Jeder nach seiner Eigenart an dem gemeinsamen vielgestaltigen 
Stoffe wirkend hervor. Mir aber sei vergönnt, dem Leser an 
diesem Orte von dem, was er an neuen Ergebnissen aus 
unserem Werke erwarten dürfe. Einiges anzudeuten. 

Die Egli'sche Untersuchung (Bd. L S. 265 S.) legt das 
Hauptgewicht auf die Feststelhmg der militärischen Geograi)hie 
Armeniens imter den Juliem; sie fixiert eine Reihe von Locali- 
täten mit voller Sicherheit, darunter die -Feststellung der Lage 
Tigranocerta's auch weiteren Kreisen erwünscht sein wird; 
die Chronologie der dortigen Ereignisse von 38 — 63 n. Chr. 
wird entwirrt. Das Bedeutendst-e dünkt mich, dass Tacitus* 
Auszüge aus Corbulo's Berichten, obwohl nur mit der künst- 
lerischen -Absicht eines moralischen Contrastes, ja mit* Miss- 
achtung jeden geographischen, strategischen und politischen 
Details dieser ermüdenden Grenzverhältnisse gegeben, die 
strengste Prüfung in Bezug auf zeitliche und örtliche Genauig- 
keit ertragen. 



Vorrede. VII 

Die Dierauer'sche Trajanstudie (Bd. I. S. 1 ff.)- ist 
besonders firuchtbar geworden durch eingehende zugleich und 
verbindende Prüfung jeder einzebien unter so vielen Angaben 
Lei Schriftstellern ; auf Inschriften, Münzen und Kunstdenk- 
malen. Auf diesem Wege hat, wie die übersichtlich eingeschobene 
Darstellung von Nerva's Regierung, von Trajan's Jugend, der 
mihtarischen Machtmittel seiner Zeit, so insbesondere die 
Geschichte der dacischen und parthischen Kämpfe desselben 
einen chronologisch und sachlich neuen Gehalt gewonnen 5 
die grossen Bauten des Kaisers in Rom selbst haben zugleich 
eine erschöpfende Behandlung und das rechte Verständniss 
aus dem auf Grund so vieler verschiedenartiger Thatsachen 
erwachsenden Charakter der Epoche erhalten. ^ 

Die Bossart-MüUer'sche Arbeit (Bd. IL ö. 287 ff.) lässt 
die Geschichte des ersten Antoninus unter nicht unwesentlich 
verändertem Lichte erscheinen, schon nach den Gründen seiner 
Bestimmung für den Thron, seiner Benennung als Pius, vor 
Allem nach der kriegerischen Seite seiner Regierung und nach . 
seiner personlichen .Wirksamkeit im Oriente. Von den Pflichten 
der Pietät, welche mir selbst und dem Jieueingetretenen Bear- 
beiter Sporn zugleich und Erschwerung waren, habe ich in einer 
Einleitung zu dieser Abhandlung noch besonders sprechen 
zu müssen geglaubt. 

Die Zürcherische Forschung (Bd. I. S. 221 tf.) hat den 
bisher vorzugsweise für die Geschichte des Commodus ver- 
wendeten Autor aus^ dei? Reihe der benutzbaren Quellen für 
diese Regiiermig gestrichen und hierdurch, wie man leicht 
einsiehst, eine ganz andere Färbung für dieselbe gewonnen. 

Durch die Brunner sehe Abhandlung (Bd. IL S. 1 ff.) . 
wird mit Hilfe sorgsamer Betrachtung des Hauptschriftstellers 
über die Zeit von Aurelianus bis Diocletianus nach allgemeinen 
wie besonderen Seiten das Ansehen dieses Geschichtschreibers 
selbst zwar erheblich veiringert, aber durch Prüfung der 
sämmtüchen von ihm gegebenen Nachrichten der wirkliche 
Thatbestand für jede einzelne derselben festzustellen gesucht. 

Chronologisch an letzter Stelle steht der Stoff der Hun- 
ziker'schen Untersuchung. Eine excursorische Einleitung gibt 
bier dem Leser erschöpfende und die Grundlage der bisherigen 



Vlll Vorrede. 

Auffassungen wesentlich verändernde Kunde von dem Ver- 
hältnisse der beiden Hauptschriftsteller über die diocletianische 
Christenverfolgung zu den Ereignissen. Der Verfasser schildert 
im ^Verlaufe seiner Darlegung Diocletianus als zur Verfolgung 
von Anfang gedrängt zugleich und entschlossen, nimmt eine 
mündliche Verabredung desselben mit seinem Mitkaiser für 
den entscheidenden Schritt an, wie eine Berufung des Cäsars 
Galerius an den oberkaiserlichen Hof nur wegen der Form der 
Ausführung. Zum ersten Male sind fiir die Verfolgung selbst 
in allen ihren Besonderheiten und Wendungen die zahlreich 
erhaltenen Heiligenleben kritisch benutzt , die beabsichtigte 
Regelmässigkeit der Ersetzung der bisherigen durch neue 
Herrscher nach scheinbarem Gelingen der Verfolgung dargethau, 
die Bedeutung des kurzen Oberkaiserthums Gonstantius I 
geschildert, die verwickelten Verhältnisse von dem Tode des- 
selben bis zur Sicherung von Constantinus' und Licinius' 
Doppelherrschaft in klare Ordnung gebracht. • 

Es wird wesentlich von der Aufnahme, welche diese 
beiden ersten Bände unserer Untersuchungen bei den Sach- 
kennern finden werden, abhängen müssen, ob denselben noch 
weitere folgen oder nicht. Kaum einer Erwähnung aber wird 
es schliesslich bedürfen, dass die Herren Verfasser der einzelnen 
Abhandlungen Ehre wie Verantwortung derselben übernommen 
haben. Mir selbst wird nur die Freude zu Theil, in dem 
Kreise jüngerer Freunde, in welchem idt -no ßexn weile, auch 
vor dem unbekannten Leser zu erscheinen. 



Vitznau, 17. September 1868. 



Max Büdinger. 



BEITRÄGE 



zu EINER KRITISCHEN 



GESCHICHTE TRAJANS. 



VON 



JOHANNES DIERAUER. 



l'nler^ifh. r. Rom. Kaisor«;-each. I. 



Erster Abschnitt. 

Trajans Aufkommen und erste Regierungsjahre. 

M. Ulpius Traianus^) entstammte einer spanischen Familie 

von unzweifelhaft italischer Herkunft.^) Sein Vater gleiches 

Namens kam während der Regierang Nero's nach Rom und 

* 

jjjelangte zu prätorischen und consularischen Aemtern. Er 



1) So lautet der Name bei Dio Caesius LXVIII, 3: MdpKov OöX- 
TTiov (Ncpouav) Tpaiav6v iroioO^ai. Eutropiua, Historia ßoznana VIII, 2 

etl. Rud. Dietach) kennt noch ein Agnomen Crinitus. H. Francke, 
Zur Geschichte Trajan's und seiner Zeitgenossen, Güstrow 1837, S. 4 
hult es mit Berufung auf Strabo, Geogr. III, 3, § 7 für nicht unwahr- 
scheinlich, dass ihm dieser Zuname von der in seiner Geburtsgegend 
üblichen Tracht langer Haare beigelegt worden sei. Etwas Aehnhches 
sagt loannes Lydus, de mensib. IV, 18, ed. Bekker, 1837, p. 60: OöX- 
moc ^KoXciTO ö Tpaiavöc Kaxd Tf\v toO iraTpöc irpocr]Yop(av, Kpivlrov 
bi auTÖv olovEi €ÖTrXÖKa^ov toic 'PtJjiiaioic ^6ök€i koXcIv hiä Tf|v irepl 
Tuc TT^c K€q)aXf^c aÖToO xpixac CTroubrjv. Aber Trajan hat den Namen 
Crinitus nie getragen ; erst später wurde derselbe willkürlich aufgenom- 
men, da zur Zeit des Kaisers Aurelian ein ülpius Crinitus in hoher 
Stellung lebte, ^qtii sc de Traiani genere referehat^. Flav. Vopisc. 
Aarel. c. 10. #■ 

2) Dio Gase. LXVIII, 4: öti "Ißnp ö Tpaiavöc, dXX' oök 'IraXöc 
qW 'iToXiiiiTTic T^v. Diese Erklärung eines wohlunterrichteten Schrift- 
stellers scheint die Möglichkeit der altitalischen Abstammung Trajans 
aasznschliessen. Aber Dio Cassius wollte vielleicht nur sagen, dass 
Trajau in Spanien und nicht in Italien geboren wurde. Nach Appian. 
de reb. Hispan. c. 38 ist eine nach dem zweiten punischen Kriege 
erfolgte Niederlassung altrömischer oder altitalischer Familien in ItaUca 
dem Geburtsorte Trajans, wie wir unten sehen werden) verbürgt. 
Gewiss kam bei dieser Gelegenheit die ulpische Familie nach Italica. 
gleich wie die aelische, die ihre Abkunft aus dem picentischen Hadria 
nie vergessen hat (Spart. Uadr. c. 1). Ueber ihren ursprünglichen 
Sitz in Italien haben wir keine Nachrichten Auf die von Pighius, 

1* 



4 JohanncH Diorauer: Geschichte TrajaiiJ*. 

diente im jüdischen Kriege als Legat der zehnten Legion.*) 
Ln IVühjahr 67 erhielt er während der Belagerung von Jotapat 
in Galiläa von Yespasian den Auftrag^ die in dem befestigten 
Orte Japha concentrirten Empörer, anzugreifen. Trajan ent- 
ledigte sich seiner Aufgabe mit Erfolg, indem er einen 
Ausfall der Insurgenten zurückschlug und die äussere Be- 
festigungslinie durchbrach. Aber für die völlige Einnahme 
der Stadt war sein Truppencorps zu schwach; die Erstür- 
mung der zweiten Ringmauer gelang erst, als ihm Titus 
die von Vespasian erbetene Verstärkung zuführte.^) Er hatte 



Annal. Roman. III, p. 806 angeführte Inschrift, nach welcher die getis 
Ulpia für die republikauiBche Zeit in Rom nachgewiesen wäre, dari 
man sich ihrer Uubestiramtheit wegen niclit stutzen. Sicher hat vor 
dem Vater des Kaisers kein ülpicr eine hervorragende Stelhnig im 
römischen Staate eingenommen, und deswegen sagt auch Eutropius 

a. a. 0.: Traianus familia ayitiqua viagis qiuim dura, womit eine 

etwas maliciöse, offenbar nicht im Senate vorgetragene Bemerkung des 
jungem Plinius (Paneg. c. 70, 2) zu vergleichen ist; Cur enim te prin- 
cipe, qui getieris tui daritatein viiiute fniperasti, deterior easet conditio 
eorum qui posteros hibere nolnles mererentur quam eorum qui parentes 
habuissent? — Die Ulpier waren, wie alle römischen Bürger Italica's, 
in der sergischen Tribus eingeschrieben, vgl. Uenzen, Collect. Orell. 
Supplem. n. 6202; Annali" dell' In tituto di corrispondenza archcologica, 
18C2, p. 139. 

1) loseph. de hello lud. III, 7 § 31. Diese Charge setzt die Priitur 
voraus. FrÖhner, la Colonne Trajane, Paris 1866, p. 8 lasst ihn als 
Tribun am jüdischen Kriege Theil nehmen. 

2) Flav. loseph. a. a. 0. Der Autor hat den währen Sachverhalt 
absichtlich zu GoMten des Titas zu entstellen gesucht: Kcvi^v bk M<xxt~ 
puiv XoTi2^ö^€VOC cTvat ti^v tcöXiv ö Tpa'iavöc (d. h. nach Erstürmung 
der äussern Mauer Japha's), €l hi Kai tivcc ?v&ov cTcv, olöpcvoc nr\hiy 
aÖToCic ToX|üi/|C€iv ÖTTÖ ft^ouc, dvcxiOci Tiji CTpaniT^ ti?|v dXuJciv* xal 
CTciXac dTT^Xouc irpöc Oöcciraciavöv t[|T€lT0 ir^|üH|iai t6v ul6v aOroO 
T(tov ime/jcovTa Tfl v(Kr| tö t^Xoc. *0 bi cujiißaXibv 6TroXe(iTec6a( 
Tiva irövov, incxd crpariäc töv ulöv ^iriir^imiTCt ircvtaKOcduv iii^v 
lirir^uiv, xi^tujv bi ircZiIiv (d. h. mit einem Detachement, welches das 
bisherige Belagerungsheer um die Hälfte verstärkte, vgl. den Anfang 
des Paragr.). Man sieht sogleich, dass der Inhalt jener Botschaft an 
Vespasian unrichtig angegeben ist. . Trajan forderte überhaupt Hülfe, 
nicht den persönlichen Antheil des Titus. In der That verstand Vespasian 
seinen Wunsch so gut, dass er ihm unverzüglich eine bedeuknide V«»r- 



I. Tn\jaua Aufkommen und orste K^jgierungöjahre. 5 

Theil au der grausameu Rache, die an deu Ueberwiiiideiieu 
wegen ihres erbitterten Widerstandes genommen wurde. 

Noch mehrmals im jüdischen Kriege wird der ältere 
Trajan ausdrücklich erwähnt. Die Einnahme von Tiberias 
erfolgte unter seiner Mitwirkung.^) Im Kampfe um Taricheä 
am See Genezareth unterstützte er auf Yespasians Befehl einen 
Reit<erangriiF des Titus.'-^) Im zweiten Feldzuge (68 n. Chr.) 
unterwarf er in Verbindung mit einem andern Legaten die 
transjordanische Landschaft Peräa; es wird hervorgehoben, 
dass er zuerst, nach glücklicher Erfüllung seiner Mission, 
das Hauptquartier Yespasians in Jericho wieder erreichte.*^) 
Hierauf kehrte er wahrscheinlich nach Rom zurück, um, 
etwa im Jahre 69, das Consulat za übernehmen. ') 

Wir erkennen aus diesen Thatsachen, dass Trajan ein 



Stärkung zusandte. — Japha lag südlich von Jotapat im galiläiBchen 
Hochlande. Spruner-Menke, Atlas antiquus, 1S65 u. 26, Ncbcnkärtchen 
von Galiläa. 

1) Id. III, 9 § 8. 

2) Id. III, 9 § 1 — 3. Auch hier ist der Vorgang in ein falsches 
Licht gestellt: Als Titus vor dem Angriffe die unerwartete Menge der 
Feinde sieht, sendet er an seinen Vater um Hülfe (§ 1); unterdessen 
lässt ihn Josephus eine ilcdo halten, durch welche seine Soldaten so 
begeistert werden, dass sie nur ungern Trajan mit 400 Heitern an- 
kommen sehen, die ihnen die Ehre des Sieges schmälerten: ficxaXXov 
ÜK fA€iou^4vi)C Tf\c vIkt^c cötoIc bxä Ti^v Koivuiviav (§ 3). 

3) Id. rV, 8 § 1. 

4) £utrop. a. a. 0.: Nam pater eius prinius comul fuit. Er war 
((nmil suffecttiSj da sein Name in den Gonsularfasten fehlt. Die Zeit 
beiacs Consulates lässt sich annähernd festsetzen. Er fungirte, wie wir 
gleich sehen werden, im Jahre 79 als Procousul v^ Asien. Die Ver- 
waltung der senatorischen Provinzen Asien und Africa wurde aber regel- 
mässig erst 10 Jahro.nach dem Consulate übernommen (Borghesi, Bullet, 
dell' Institute di corrisp. archeol. 1846, p. 173, vgl. Aunali dell' Inst. 
1855, p. 35). Tr^'an war daher spätestens im Jahre 69, vielleicht scnon 
im Jahre 68 zu dieser Magistratur gelangt. Hieraus folgt ferner, dass 
er nicht erst unter Vespasian, wie FrÖhner a. a. 0. meint, sondern schon 
unter Nero in den Patricierstand erhoben worden ist. Dass er aber 
wirklich, wie der erste Consul, so auch der erste Patricier in seiner 
Familie war, darf, wie mir scheint, aus der bei Plinius so gcflissent- 
Uchen Hervorhebung der patricischen Abkunft des Kaisers geschlossen 
werden: credetitne posteri patricio et consülari et triumpMli patre 



Joliiuiiies Dicrauer: (leschichte TnijiiUb. 

hervorragender Offizier war. Man bat ihm, gestützt auf die 
tendenzmässigen Nachrichten bei Flavius Josephus, die Eigen- 
schaften eines gewandten Hofmannes beilegen wollen, der 
in berechnender Klugheit den Siegesruhm seinem Feldherr ji 
Vespasian und dessen Sohne Titus überlassen wollte.^) Die- 
ses Urtheil beruht auf einer Täuschung, die bei genauerem 
Zusehen verschwindet. Wir können sagen, dass er in seinen 
Unternehmungen schnell und glücklich war, sich aber zugleich 
als harten Kriegsmann erwies, der dem Feinde gegenüber 
schonungslos verfuhr. 

Um das Jahr 76 war Trajan kaiserlicher Legat von 
Syrien und bestand wol von dieser Provinz aus, von soincni 
Sohne begleitet, einen Kampf gegen die Parther, durch dessen 
siegreichen Ausgang er sich die Triumphinsignien erwarb. -j 



tjenilum imperatorein tum ah e,vcrcitu fadnmY (Paneg. c. 9). Dio 

Erwähnung des Consulatcs schliesst das Patriciat sclbätverßtändlich ein ; 
auf letzteres ebenfalls Nachdruck zu legen, hat nur einen Sinn, wenn 
es für die betreffende Person neu ist. 

1) Francke, S. 25, und nach ihm Ch. Merivale, a history of thu 
Romans uuder tlie empire, London 1862, Vol. VIT, p. 211. 

2) Belley , Memoires de l'Acad. des Inscript. et Beiles - Lettre.^, 
Paris 1764, T. XXX, p. 271 — 286 hat eine Münze aus Antiochia (nach 
Pembrock, Numismata antiqua, Pars 111, tab. 87, London 1746) erklärt, 
welche auf der einen Seite den Kopf Domitians (nach Belley) mit der 
Inschrift IMPerator PONtifex, auf der Rückseite die griechische Legendti 
eni TPAIANOY ANTIOXeßN €Touc €KP (125) zeigt. Das antiochc- 
nische Jahr 125 begann im Herbste 76 nach Chr. Diese Münze wurde 
also zur Zeit Vespasiaus während der Statthalterschaft eines Trajan in 
Antiochia geprägt. Ist nun dieser Trajan der Vater unsers Kaisers? — 
Die Beantwortung dieser Frage knüpft sich an den Erweis eines par- 
thischen Krieges um das Jahr 76. 

Sueton (Dom. c. 2) erwähnt, dasfi der Partherkönig Vologäsus von 
Veepasian Hülfe gegen die Alanen forderte. Ueber die Alanen berichtet 
uns Josephus, de hello lud. VII, 7 § 4, sie seien (etwa im vierten Jaluc 
der Regierung Vespasians, vgl. § 1) von ihren Sitzen zwischen dem 
schwarzen und kaspischen Meere über den Kaukasus gezogen, in Medien 
und Armenien eingefallen (hier haben sich lebhafte Erinnerungen von» 
diesem Ereignisse erhalten, s. Mo'ise de Khorene, Historie d'Armönie 
trad. franyaise par P. E. Le Vaillant de Florival, Venise 1841, I, p. 265), 
und erst nach entsetzlicher Verwüstung des Landes beutebeladcn wieder 
in ihre Wohnsitze zurückgekehrt. Diese Raubzüge wurden wie es scheint 



I. Trigaus Aufkoiumcu und erste RegierungHJahre. 7 

Drei Jahre später er»clieiut er als Proconsul von Asieu.') 



auch dem parthischen Reiche gefährlich und vcranbissten Vologäsus, 
romifiche Hülfe zu suchen. Vespasian, entweder weil er sich nicht in 
fremde Handel mischen wollte (vgl. Dio Cass. LlJ^yi, 15: clirüiv Öri 
üu npocfiKei aÖTiJi tA dXXörpia iroXuirpaYlüiovctv) , oder weil eine in 
iiDmassender Form gefasste Zuschrift des stolzen PartherkÖnigs eine 
augenblickliche Missstimmang in ihm erregt hatte (id. c. 1 1), verweigerte 
jede Unterstützung {in\ bi toO OOccnaciavoO ^ktov Kai ^Ttl toO TCtou 
T^TapTov dpxövTinv, c. 15). Da erklärte Vologlteus den Krieg und brach 
in Syrien ein. £r wurde, ohne dass es zu ernsten Conflicten gekommen 
wäre, von der römischen Uebermacht zum Frieden gezwungen, vgl. Aurcl. 
Vict. Caes. c. 9: Ac hello rex Parthorum in pncetn coactiw; und in 
jjpnaaerer Fassung Aurel. Vict. Epit. c. 9: Eex Parthomm m et u solo 
ift pacem coacti(s est. Diese Ereignisse dürfen nach Dio Cassius in das 
Jahr 75 oder 76 gesetzt werden. 

Wer den Angriff des Yologäsus zurückschlug, sagen die bisher 
cnvahnten Quellen nicht. Hier tritt der jüngere Ph'nius ein. Er spricht 
Päiicg c. 14 ausdrücklich von einem parthischen Kriege des altern 
Trajan: Kon incunahula haec tibi, Caesar, et rudimenta, cum puer 

ndnuxlum Parthica Jauro gloriam patn's augeres , cum ferociam 

sapcrhiainque barbarorum ejc proximo auditus magno terrore cohi- 
hrirs — — P Sein Sohn trug wesentlich zu seinem Erfolge bei; ihm 
liatle er, wie wenigstens Plinius (c. 89) annimmt, die Triumphinsignien 
m verdanken. Sehen wir zu, in welche Zeit dieser Feldzug fallen 
muas, so kann es nur die Zeit der Regierung YespasianH sein; denn 
autcr einem frühem Kaiser hätte der Sohn wegen seiner Jugend mi- 
möglich so thätigen und erfolgreichen Antheil nehmen können, später 
iiber wäre er nicht mehr *j>ue?* admodum* gewesen. Er war damak 
Tribun (vgl. c. 15) und ohne Zweifel etwas über 20 Jahre alt, sodass 
wir mit Rücksicht auf die unten festzustellende Geburtszeit Trajaiis für 
dio Expedition wieder auf .das Jahr 75 oder 76 gelangen. Es unterliegt 
also chronologisch durchaus keinen Schwierigkeiten, wenn man den bei 
Anrel. Victor erwähnten parthischen Krieg und den durch Plinius an- 
ij'edenteten Feldzug unter der Leitung des altem Tr^an, sowie endlich 
die durch Dio Cassius bezeichneten Vorgänge unmittelbar miteinander 
verbindet. Da nun Wirklich der ältere Trajan diesen Krieg führte, so 
id der Rückschluss wohl gestattet, dass er während der Untemehmung, 
also am das Jahr 76 Legat von Syrien war; denn zunächst dem Statt- 
halter dieser Provinz lag es ob, einen parthischen Einfall in Mesopo- 
tamien zurückzuweisen. 

1) Boeckh, Corp. Inscript. Graec. 3141. 3935. Letztere Inschrift 
gehSrt in die zweite Hälfte des Jahres 79 (vgl. Clinton, Fasti Romani, 
YoL I, ad ann.); auf ihr erscheint Trajans Name vollständig: MAPKOY 
OYAHIOY TPAIANOY TOY ANeYHATOY. 



8 Johannes Dierauer: Geschichte Trjyahs. 

Er starb vofr dem Jahre 100^) uiid wurde zwischen den Jahren 
112 und 114 theosirt. '-«) 

Seine Gemahlin, die Mutter des Kaisers^ kennen wix- 
nicht, eben so wenig seine Schwester, die mit einem Aelier 
vermählt war.^)- Sie scheinen frilh gestorben zu sein, so 
dass am Ende 'des ersten Jahrhunderts die hispanisch-ulpische 
Familie in Rom nur durch seinen Sohn M. Ulpius Traianus 
und seine Tochter Marciana^) vertreten war. 



1) Als PliniuB im September des Jahres 100 seine Lobrede hielt, 
lebte er nicht mehr: Sed et tu, pater Traiane, (nam tu quoque, st 
non sidera, proxmiam tarnen »ideribus obtines sedem) quantam percipis 
voluptatem cet. Paneg. c. 89. Völker, de imperatoris M. Ulpii Nervac 
Traiani vita, Elberfeld 1859, p. 10 (Gymnasialprogramm) zieht aus diesen 
Worten umgekehrt den Schluss, dass Trajan damals noch lebte, die 
directe Anrede des Flinius beweise dies. Aber in gleicher Weise 
wendet sich der Redner auch an den bereits theosirten Nerva. Er 
hält sich einfach an die bekannte religiöse Anschauung, nach welcher 
die theosirten Verstorbenen sich bei den Göttern in der Stemenregion 
aufhielten. Die Helden und grossen Männer bewohnten eine niedrigere 
Region zwischen der Erde und dem Himmel (nach Lucan. Pharsal. IX, 
5 sqq., wo von den Manen des Pompejus die Rede ist), oder die Sphäre 
der Milchstrasse unmittelbar unter dem Aetherkreis, der die Götter 
birgt (nach Cicero, de republ. VI, 9, vgl. Burnouf, Pline le Jeune, 
Pan^gyrique de Trajan, Paris 1845, 3n»o ädit. p. 239). Der Gedanke ist 
nun klar: Nerva bewohnt die Sterne, Tr^an weilt diesen zunächst: 
^proxitnam tarnen sideribus obtines sedem. ^ Vaillant, Numismata im- 
perat. roman. praestant. II, p. 119 (Romae 1743) setzt seinen Tod in 
die Zeit Domitians. Diese Annahme mag zutreffend sein, kann aber 
nicht bewiesen werden. 

2) Mehrere Münzen bezeugen die Consccration/ Cohen, Description 
historique des monnaies frappdes sous Tempire romain (mddailles im- 
periales), Tome II, p. 97, vgl. p. 16, n. 88. Letztere zeigt auf der 
Vorderseite die lorbeerbekränzte Büste Trajans mit der Legende IMP- 
TRAIANVS AVG • GER • DAC • P • M • TR • P ■ C0§ • VI • P • P • , auf der 
Rückseite den Vater Trajan, sitzend auf einem curulischen Sessel, eine 
Patera und ein Scepter haltend, mit der Umschrift Dl WS PATER 
TRAIAN • Sie ist nach dem Jahre 112, in welchem der Kaiser zum 
sechsten Male Consul war, aber vor dem Jahre 1 14, in welchem er den 
Beinamen Optimus annahm, geprägt worden. Dass der ältere Tr^an 
aber nicht vor dem Jahre 112 theosirt wurde, beweist die Inschrift bei 
Renier, Inscriptions romaines de TAlgdrie, n. 2524. 

3) Spart. Hadr. c. 1. 

4) Plin. Paneg. c. 84 erwähnt die Schwester des Kaisers, ohne sie 



1. Tri^jans Aufkommoii und erste Regierung^jahre. 9 

Ueber die Geschichte des Sohnes vor dem Jahre 07^ d. h. 
vor seiner Erhebung zum Mitkaiser, sind wir sehr ungenügend 
unterrichtet, und es ist sonderbar genug für eine so glän- 
zende Erscheinung in der Reihe der römischen Imperatoren, 
dass man auch beinahe für seine ganze Regierungszeit die 
Kargheit der Quellen bedauern muss. Er wurde am 18. Sep- 
tember 53 zu Italica in der Provinz Bätica geboren.') Früh 

zu nemien. Wir kenneu ihren Namen aus Inschriflen, Orelli, n. 786, 
791 etc. Sie starb etwa im Jahre 114, da de auf einer Inschrift des 
Jahres 115 zum ersten Male Diva genannt wird, Orelli, n. 792. 

1) Appian. a. a. 0. Eutrop. VIII, 2. Aurel. Vict. Cacs. 13. Aurel. 
Victor Epit. 13, wo die Lesart 'ex urhe Tudetihm*, die auf Tuder in 
Umbrien als Geburtsort Trajans führen könnte, in ' ex urhe Turdelana ' 
zu berichtigen ist, vgl. Tillemont, Histoire des empereurs romains, 
Paris 1691, Tom. II, p. 646. 

Der Geburtstag Trojans ist bestimmt der 18. September. Plin. 
Paneg. 92: Nam quod ei nos potissimum mensi attribuisti, quetn tuus 
natalis examat, qimm pulchrum nobis! (Plinius spricht von dem Con 
sulate, das ihm und TertuUus am 1. Sept. 100 von Trojan übertragen 
worden war) quibus edicto, quibus spectaculo celebrare continget diefii 
ülum triplici gaudio Ifietum, qui principem abstulit pessimwn (Do- 
mitianum, cf. Suet. Dom. c. 17), dedit Optimum (Nervam), meliorem 
optima genuit (Traianum). Diese Stelle kann keinen Zweifel lassen; 
es ist hier wirklich vom Geburtstage die Bede und nicht vom Jahres- 
tage seiner Adoption, wie Schwartz (ad 1. c.) darzuthun suchte. Auch 
der Geburtstag des Titus wurde durch circensische Spiele gefeiert, bis 
Domitian sie aus vorgeblicher Trauer abschaffte (Dio Cass. LXVII, 2). 
Zu vergleichen ist Plin. ad Traian. 17 ed. Keil, und eine Inschrift mit den 
Natales Caesarum aus der Zeit Coustantius des Jüngeren, Orelli, n. 1 104. 

Das Geburt^ahr Trajans lässt sich nicht mit dei'selben Sicherheit 
bestimmen. Dio Gassius (LXVUI, 6) berichtet, T]:;ßjan habe im 42sten 
Jahre zu regieren angefangen. Dem Zusammenhange nach ist hier die 
selbständige Uebemahme der Regierung im Jahre 98 nach dem Tode 
Nervals gemeint. Am 18. Sept. 97 hätte also Trajan sein 4l8tcB Jahr 
zurückgelegt und wäre folglich im Jahre 56 geboren. Diese späte 
Ansetznng kann nicht richtig sein. Trajan war vor dem Jahre 86 
Prätor (Spart. Hadr. c. 1); zur Uebernahme der Prätur aber gehörte 
gesetzlich ein Alter von 30 Jahren. Entweder hat also Dio Gassius 
einen Irrthum beg^angen, oder jene Zahl, die sich übrigens auch bc- 
Zonaras, AnnaL XI, 21, cd. Bonn. II, p. 507 wieder findet, ist uns 
nicht genau überliefert. — Nach Eutropius lebte Trajan 63 Jahre, 
Monate und 4 Tage. Da er Anfangs August 117 starb (Spart. Hadr. 
^•4), so müaste er im November 53 geboren sein, eine Bestimmung, 
<lie sich mit dem unzweifelhaft feststehenden Geburtstage nicht vcr- 



10 Jubaunes Uierauer: Gebcbicht« Trajaui^. 

scheint er mit seinem Vater iu den ürieut gekommen zu 
sein, wo wir ihn bereits auf einem parthischeu Feldzuge 
gefunden haben. Zehn Jaliro laug war er Militärtribuu und 
diente als solcher auch im germanischen Heere am KheinJ) 



einigen liUst. Eutrop scheint aber diese Nachricht, wie liberhaupt 
Alle», was er über Trajan berichtet, einer unverdächtigen Quelle ent- 
nommen zu haben und wir können nicht zweifeln, dass seine Zahlen 
urBi)rüngUch richtig waren. Aurel. Victor a. a. 0. Hat für die Lebenis- 
zeit Trajans summarisch 64 Jahre, was zu der Yermuthung führt, dieser 
Autor habe 63 Jahre und eine grössei^e Zahl von Monaten (6 — 11) vor 
Hieb gehabt. Die Zahl 63 bei Eutrop durfte also richtig überliefert 
sein, während sich in den Monats- und Tageszahlen durch die Ab- 
schriften wahrscheinlich schon früh Fehler eingeschhchen haben. Auf 
alle Fälle, ob wir Eutropius oder Aurelius Victor folgen, gelangen wir auf 
(bis Jahr 53, und so unterliegt die Prätur Trojans im Jahre 84 oder 85 
keinen Schwierigkeiten. — Pagi, Critica in annales Baronii, saecul. II, p. 19 
will bei Xiphilinus gefunden haben, dass Trajan 60 Jahre 10 Monate 
24 Tage gelebt habe; vom 11. August 117, dem Begierungsantritte IIa- 
driaus, rückwärts gezählt, würde man hiernach genau auf den 18. Sept. 56 
gc'langen; aber diese Zahlen finden sich bei dem erwähnten Epitomator 
nicht und sind aus Pagi's eigener Berechnung hervorgegangen. 

Italica war damals noch ein Muni9ipium und wurde erst unter 
liadrian zur Colonie erhoben (Aul. Gell. XVI, 3, cf. Orelli, n. 96). Es 
(entspricht der Lage nach dem heutigen Santiponce, vgl. Cort^ y Lopez, 
Uiccion. Googr.-histor. de la Espana antigua, t. III, p. 97 ff. 

1) Wir verdanken die Nachrichten über Tr^ans Laufbahn vor 
.seiner Erhebung beinahe ausschliesslich einer Episode des Plinius in 
i^eineni Panegyricus, c. 14 — 15. Die Stelle, die mich zu der Annalimc 
führt, Trojan sei schon als Mihtärtribun an den Rhein gekommen, 
lautet c. 14: Non incunahula haec tibi, Caesar, et rudinienta, cum 
inier admodum Parthica lauro (jloriam patris augeres nomenquc 
Germanici tarn tum mererere, cum ferociam sujjcrbiamque barba- 
rorum ex proximo auditus magno terrore cohiberes, Ehenumque H 
Kuplu'atcn admiratiotu's tuae societate coninngerenY cum orbem tcrra- 
rum non j^^'dibus magis quam laudibu« peragrarea, apud eos semper 
maior et clarior quibiut })ostea amtigissesY Plinius spricht hier bestimmt 
genug von einem Aufenthalte Trajans in Germanien nach dem parthi- > 
bchen Feldzuge. Die Wahrheit dieser Ueberlieferung kann nicht näher 
ge])rüfb werden; an und für sich liegt in einer solchen Versetzung 
nichts Ungewöhnliches. Ohne genügende Gründe haben einige Com- 
mentatoren den genau feststehenden Text ändern wollen (s. die An- 
merkungen von Lipaius, Schwarz, Gesner u. A. in Amtzenius' Ausgabe 
des Panegyricus, Amsterd. 1738); durch ihre Conjecturen gienge aber 
die Einheit und klare Fassung der Periode verloren. Tillemont II, p. 151 



1. Tnijaui4 Autliommoii und erste Uegieruugsjahre. 1 1 

Su gewaiui er bei Zeiten die ausgedeliiitesfceu Localkeuutnisse. 
Er besHSs eine unverwüstliche Gesundheit: das Lagerlebeii 
unter verschiedenen Himmelsstrichen härtete seinen Körper 
i^ogen Entbehrungen und klimatische Einflüsse bis zur Un- 
enipfiudlichkeit ab.') Gründliche militärische Durchbildiuig 
zu erwerben scheint sein Ehrgeiz gewesen zu sein.') So 
i^euau machte er sich in dieser Zeit mit den römische» Ji 
Kriegskraften vertraut, dass er noch als Kaiser ältere Sol- 
daten bei ihrem Namen nennen und ihre Heldenthaten an- 
fuhren konnte.'^) 

Nach Ablauf seiner Legionstribunate wird er entsprechend 
der regelmässigen Beamtencarriere eines Patriciers zum Qua- 
xtor, hierauf ziun Aedil oder Volkstribun und endlich zum 
Prator befördert worden sein. Wir wissen nur, dass er die 
Prätur vor dem Jahre 8H verwaltete.^) In den folgenden 
Jahren war er Legat in Spanien: wahrscheinlich stand er 



)>emerkt annähernd richtig: II peut aroir fin8f<i commandc des ce tcmjis-lä 
fun*' Ugionj duns Ja Gennmiie et y aruir (icquis de hi reputation. Eb 
ist anzunehmen, dass er bei einer Legion in Untergermanien Tribun 
war, da er später Obergermanien verwaltete: in der Kegel wurden die 
kaiserlichen Legaten nicht in solche Provinzen gesandt, in denen 8i(! 
fniher als Militärtribunen gedient hatten (Henzen, Annali dell' Instit. 
i^^2, p. 114). Sein Milit-artribunat erwähnt auch loann. Lydus a. a. O.: 
ouK €ÖT€voüC TUTX<ivujv cpa)üiiX(ac ' Tpißoövoc fäp t^v iipÖTepov rjfouv 
(puXapxoc. Natürlich schliesst dieser Autor aus dem Tribunat mit Un- 
recht auf niedrige Herkunft Trajans. 

1) Plin. Paneg. c. 16. Cognovisti per stipendia decem mores gen- 
tium, regionum sittui, opportunitates locorum, et diiersam (ifjuarum 
melique tcmperiem lä patrios fotvtes patriumque sidiis f'erre consuesti. 
Noch alt« 60 jähriger Greis durchwatete er ohne Schaden zu nehmen, 
lUe mesopotamischen Flüsse. Dio Cass. LXVIII, c. 23. 

2/ Plin. a. a. 0. Neque enim proapexisse caatra brevemque milUiam 
qtmisi transisse content ns, itu egisti trihuntini nt ofse dux .stidim pos^ses 
mhilque discendum haheres tempore docendi. 

3} id. ibid. 

4) Spart. Hadr. c. 1. ac di'cimo aetatis anno (d. h. im Jahre 86, 
<h Hadrian im Jahre 76 geboren war) patre orbatus Ulpium Trauivum 
praetorium tunc — et Caelium Attianum — tutores hahiiit. Ks ist nicht 
<i'^ übersehen, dass Trajan damals praetorius, gewesener Prätor war; 
«eine Prätur gehört also in das Jahr 85 oder 84, eher in das erstere 



12 Johannes Dieuauer: Geschichte Trajaue. 

unter dem Statthalter der tarracouensischen Provinz. *) Als 
im Jahre 89 der Aufstand des Saturninus in Obergermanieii 
ausbrach^ berief ihn Domitian mit der ersten Legion (Adiutrix) 
an den Rhein. Man kann nicht annehmen^ dass er zur Unter- 
drückung der Empörung wesentUch beigetragen habe, denn 
über Erwarten schnell wurde Saturninus durch einen andern 
Feldherrn Domitians, L. Appius Maximus Norbanus besiegt.^) 



mit Rücksicht auf sein zohi^ ähriges Militärtribanat und die folgenden 
civilon Aemter, die der Prätur vorausgehen mussten. 

1) Der couBularische Statthalter von HiBpania Tarraconeuais oder 
citerior hatte -3 prätx)ri8che Legaten unter sich (abgesehen von dem 
praefectus pro legato, der die Insehi verwaltete). Becker - Marquardt, 
Handbuch der röm. Alterthiimer , III, 1, p. 82. Es scheint mir, daes 
Trojan nach seiner Prätur eine solche Legatenstelle erhielt; in ähn- 
licher Weise war Q. Glitius Atilius Agricola, auf den wir später zurück- 
kommen werden, Prätor, hierauf legatus citerioris Hispaniae (Uenzen, 
n. 5449; Muratori, p. 310, 311). Plinius, der uns die Nachricht über 
einen Aufenthalt Trajans in Spanien gibt (Paneg. c. 14), sagt nichts 
Näheres über seine dortigen Functionen. Allerdings könnte er auch 
Statthalter der Provinzen Baetica oder Luaitauia gewesen sein, die 
beide prätorisch waren; aber dann Hesse sich schwer erklären, wie er von 
Domitian mit einem Heere nach Obergermanien berufen werden konnte. 

2) Tillemont, H, p. 94 setzt diesen Aufstand in's Jahr 88, Clinton 
in*8 Jahr 91, Imhof, T. Flavius Domitianus, S. 64 f. (Halle 1857) in das 
Frühjahr 93; ihm folgt Merivale, a history of the Romans under tho 
cmpire, VoL VII, p. 112. Imhof nimmt mit Francke, zur Gesch. Trajans, 
S. 46 und 50 an, dass ' Trajan im J. 92 Spanien als Proconsularprovinz 
verwaltete*, und im folgenden Jahre beim Ausbruch der Empörung an 
den Rhein kam, um hierauf die Verwaltung der Provinz Obergermanien 
zu übernehmen. Aber ausser den Bedenken, die diese Chronologie für die 
Geschichte Trajans erregt, sprechen einige besondere Gründe gegen eine 
so späte Ansetzung des Aufstandes. Domitian triumphirte über die Dacior 
im Jahre 91 (Clinton ad ann., Imhof, S. 65). Man vergleiche nun Stat. 
Silv. I, 1 V. 5 sqq.; I, 4 v. 89 sqq., IV, 2 v. 66 und besonders l, 1 v. 78, 
wo der Dichter den Geist des Curtius zu Domitian sprechen lässt: 

Seniel auctor ego, invetUorque saJutis 

Romuleae; tu hella lovis, tu proelia Rheni, 
Tu civile nefas, tu tarduum in foedera montevi, 
Longo Marie donias — — 

so ist hier die chronologische Reihenfolge in den Kriegen Domitians 
imzweifelhaft gegeben. Ueber die ^ hella lovis'' vgl. Suot. Dom. 1; 
die ^proelia BlienV verweisen auf seinen chattischen Feldzug im Jahre 84; 
dann folgte das ^civile nefas^ des Saturninus und endlich der Sieg über 



1. Tni||an» Aufkonnneti und erste Itc>gieningHJ:ihro. 1«*{ 

Man erkennt aber, dass Domitian grosses Vertrauen auf ihn 
setzte und dass er ihm die Schnelligkeit, mit der er die Trup- 



die Dacier, die die 'steilen Berge' bewohnten. Der Bürgerkrieg gieng 
also diesem Siege voraus, wie auch eine Vergleichung der andern 
angeführten Stellen bei Statins erweist. Er gehört folglich vor das 
Jahr 91 and vor das Consulat Trajans (das in das Jahr 91 fällt, s. S. 14), 
geuau, wie er bei Dio Cassius (LXVIT, 11, vgl. 12) angemerkt ist. 
Dass er aber erst nach dem Jahre 8C, in welchem der dacische 
Kri^ begann (Clinton ad ann.), Statt fand, entnehme ich einer Inschrift 
ans Icosium in Mauretania Caesariensis (Benier, Inscript. rom. de 
TAlgerie, n. 4062), nach welcher ein Soldat der 13. Stadtcohorte zuerst 
im dacischen, dann im germanischen, hierauf wieder im dacischen Kriege 
Ehrengeschenke erhielt. Der dacische Krieg hatte also offenbar beim 
Xosbrnchc der Empörung schon begonnen, ja es scheint, dass die erste 
Episode desselben, die etwa die Jahre 86 und 87 umfasst (Imhof 
S. 56. 57), damals bereits vorüber war. Es ist nun schwer zu sagen, 
in welches Jahr (zwischen 86 und 91) die saturninischc Empörung ftlllt. 
Ich entscheide mich für das .lalir 89, da Domitian in diesem Jahn» 
mehrmals zum Imperator ausgerufen wurde (vgl. die Münzen bei Cohen, I, 
Domitien, n. 90. 91. 92. 113. 128. 129. 130. 159 aus dem 8. und* 9. Tri- 
bnnate, in denen die Imperatorszahlen von 16 auf 21 stiegen) imd da 
man andererseits nach Dio Cassius nicht allzu weit hinter das Jahr 91 
zurückgehen darf. — Ein Zusammenhang zwischen jener Empörung und 
der Versetzung Trajans von Spanien nach Germanien kann deswegen 
doch bestehen und wird auch durch Plinius in bestimmter Weise an- 
gedeutet: nee dübito quin iJle qui te int er illa (rermaniae hella 
nh IIi»pania usque ut validissimum praesidium excirerat, inern ipse 
aiienisique rirttUibus tunc qiioque invidus imperaior, cum ope earum in- 
digeret, tantam admirationetn tui fion sine quodam timore c(mce2>erit. 
«Paneg. c. 14). In Eilmärschen zog Trajan mit seinen Truppen durch 
Gallien: per hoc mnne spatium cum legiones duceres seu potins 
(tanfo velocitas erat) r aper es, non vehicidum umquam, wo»? 
fq»um rcJ^existi (ibid.). Diese That-sachen gehören vor das Jahr 91, 
denn ein Legionschef hatte nur prätorischen Rang. Gesetzt, die Pro- 
vinz üispania tarraconensis wäre Trajan nach Ausübung des Consu- 
lates zugefallen, so konnte er von deren Verwaltung vor dem Jahre 95 
füglich nicht abberufen werden; an eine Versetzung im Jahre 93 ist 
nicht zu denken. Es ist also höchst wahrscheinhch , dass Trajan im 
Jahre 89 von Domitian den Befehl erhielt, gegen L. Antonius Satur- 
ninos zu ziehen; so erklärt sich die Eile, mit der er seine Mission aus- 
Rihrte, und so begreifen wir überhaupt, warimi er an der Spitze von 
Truppen nach Germanien zog. — Die Legion, die er führte (Plinius 
«agt rhetorisch legiones) war ohne Zweifel die Leg. I Adiutrix. Asch- 
^h, die römischen Legionen Prima und Secunda Adiutrix, Sitzungsber. 



14 Johannes Dieraner: Geschichte Trajans. 

pen von Spanien nach Germanien geführt hatte, als beson- 
deres Verdienst anrechnete. In der That erhielt Trajan im 
Jahre 91 das Consulat.*) Dio Cassius, der gerne nach Wun- 
dem hascht, erzählt von gewissen Zeichen, die Trajan bei 
der Uebernahme des Amtes den künftigen Thronbesitz un<l 
seinem Collegen M'. Acilius Glabrio den baldigen Tod ver- 
kündigt hätten.'^) Man sieht leicht, dass dieses Märchen 



der philos. hist. Classe d. k. Akad. der Wissensch. Wien 1856, Bd. XX, 
S. 290 ff. lässt sie schon unter Yespa^ian während des batavischen Auf- 
standes an den Rhein kommen, indem er bei Tacitus (Hist. V, 19) 
fiexta et prima statt se.rta et decima ex Hinpnnia accitae liest. Da- 
gegen bemerkt Borghesi, Oeuvres completes, T. IV, p. 204: ma e in- 
duhitato dorersi preferire la volgatn sexta et decima. Tuttavolta 
non puö neyarai che sia f(i,ata auch' eJIa per qiinhlie tempo nella pro- 
viucia superi^re (nach Inschriften und Ziegelstempeln). Laonde s;oapetto 
che si facesse venire dalla Spagna sul Ueno un poco piit tardi , eioe ai 
tempi delle guerre Germaniche di Domiziano o di Traiano. 
In der That stand die Leg. I Adiutrix zu Nerva's Zeit an der Donau 
(Uenzen, n. 5439), während sie noch im Anfange der Regierung Vespa- 
sians in Spanien stationirt war (Tac. Hist. II, 77. III, 44). Ist es nun 
nach Borghesi wahrscheinlich genug, dass si» erst nach dem batavischcn 
Aufstande Spanien verliess, so darf man ohne Bedenken die Hinüber- 
iührimg (wenigstens bis an den Rhein) Trajan vindiciren. — Mommsen, 
zur Lebensgeschichte des Jüngern Plinius, im Hermes, Zeitschr. f. class. 
Philol. III, S. 119 vermuthet, dass auch die VII Gemina von Trajan 
herangeführt worden sei. Ich konnte diese wichtige und in die Ge- 
schichte Trajans sehr wesentlich eingreifende Abhandlung leider erst 
bei der Corrcctur der Druckbogen benutzen. 

1) Vgl. die Consularfasten bei Clinton, ad ann. 91. Es war unter 
Domitian, der das Consulat fast alljährlich übernahm, eine besondere 
Ehre, comul Ordinarius zu sein. Plinius erwähnt dieses erste Consulat 
nur einmal sehr gelegentlich, Paneg. c. 64: UUane saiis dignn pracdi- 
cafio Cfit idem tcrtio couaidem^fecisse quod primo, idem principem quod 
j>riratum, idem imperaiorem quod suh impcratore? 

2) Dio Caas. LXVII, 12: TpaiavHJ U h^ tiü OuXiriui, Kai 'AwXiq) fXa- 
ßp(u)vi, öiraTcOcaci tötc, rd aörd ctiMcia X^Y^Tai t^vkOar kcI dir' 
aÖTdiv Ti?i iLi^v rXaßpiujvi öXeOpoc (cf. Suet. Domit. c. 10), ti|i hi Tpaiavui 
1^ Tfjc aÖTOKpoTopiac dpxn irpoeppeGn. — Herr Prof. Löon Renier in 
Paris hatte die Freundlichkeit, mir aus Borghesi's noch ungedruckten' 
luiHti coiisulares eine Inschrift mitzutheilen, nach welcher das Pränomeu 
dos Acilius Glabrio (Manius) festgestellt wird: ' Fragment um fantorum 
nodal i um augustalium linriVia rt'pertum mense maio ann. js;:^.') , nunc 



I. Trajanä Aufkommen und erste Ref^^ierungsjahrc. 1{) 

erst nach dem Eintritt der Ereignisse entstanden ist: vor 
dem Jahre 97 dachte Niemand an Tra-jans Erhebung^) lieber 
die folgenden Jahre seines Lebens haben wir keine Nach- 
richten. Vielleicht versah er gegen das Ende der Regierung 
Domitians irgend ein consularisches Amt in Rom.'^) Erst als 
ihm Nerva, wahrscheinlich im Jahre 97, die Verwaltung 
von Obergerraanien übertrug, gewann sein Name gröasero 

Romae in liortts Columfiensium in colle Qnirinali, quod ipfic cmituli 
die primo meiutis lunii ann. 1842. 

IMPCAESA/ 
T • CAKSARF • Ai 

P • R . CJ an. DCCCXXXl (von Herrn Henier vor- 

P VALER/"^ gesclilagene Ergänzung). 

C 0/ optatuB 
W.AC ILf 
M • V LP 

Gl ooptati 
L . CEL 
L • N 
TS, 

misit Braun.' 

1) ßurnouf, p. 166 bezweifelt nicht, mit Berufung auf Tac. Agric. 4 i, 
(lass es unter Domitian Leute gab, deren Wünsche und Ahuungeu sich 
auf Tn^an als künftigen Imperator richteten. Tacitus sagt nämlich : 
A'am Ricuii — (der Text ist hier lückenhaft, vgl. die Ausgabe von 
Hahn, Leipzig 1864) durare in hac heatisshni «aeculi htce, ac principem 
Trnianum videre, quodam augurio rotisque aptid fiosiras aures omina- 
hatur. Jener Lücke wegen ist der Sinn dieses Satzes nicht ganz klar; 
es Bchemt jedoch so viel daraus hervorzugehen, dass Agricola über- 
haupt bessere Zeiten wünschte und voraussagte, ohne gerade in Trajan 
den Träger dieser bessern Zukunft zu erkennen. Für Tacitus selbst 
vai diese Zeit eben mit der Regierung Trajans gekommen; er schrieb 
die Biographie seines Schwiegervaters, wie Mommsen im Hermes, III, 
S- 106 A. 4 dargethan hat, zu Anfang der Alleinherrschaft Trajans. 

2) Für den Aufenthalt Trajans in Rom während der letzten, für 
die römische Aristocratie so peinlichen Regierungsjahre Domitians spricht 
eine venig beachtete Stelle in Plin. Paneg. c. 44: Vixisti nohiscum, 
l^iditntu« es, timuisti, quae tunc erat ifinocentium rt'ta. ^:>c^s et ex- 
jmixin es quanio opere detestentur malos principes etiam qui malofi 
ffidunt, Meministi quae optare nohiscmm (d. h. im Senate), quae sis 
<iu€ri mlitus. Er btieb von den Verfolgungen Domitians unberührt, 
va« tms Plinins ebenfalls berichtet, c. 94: Jw enim (der Redner wendet 
sich am Schlüsse seiner gratiarum actio an Juppiter Capitolinus) iatn 
'«»r tl/nw in tutelam recepisti, cum praedonin aridinRimi faucihufi eri- 
putüfi Keque enim sine nuxilio fua, cum aUiaaimn quaeqmie quafereti- 



16 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Bedeutung, denn bei dieser Stellung fiel ihm das wichtigste 
Gommando des römischen Reiches in Europa zu. ^) 

Die Folgen des saturninischen Aufstandes mochten sicli 
in jener Zeit kaum mehr fühlbar machen, aber immerhin 

tur, hie qui omnibus excelsior erat (in diesen Worten liegt offenbar 
schmeichelhafte üebertreibung) inconcussiis stetit 

1) Sehr schön hat Henzen im Anschlüsse an die vor einigen Jahren 
zu Athen aufgefundene Ehreninschrift Hadrians dargethan, dass Trojan- 
Legat von Germania superior war (Annali deir Instit. 1862, p. 146). 
Die früher geläufige Ansicht, nach welcher sich Tra^jan zur Zeit d€*r 
Adoption in Germania inferior befand, stützte sich auf eine Stelle bei 
Eutropius, VIII, 2: Imperator autein apud Agrippinam in Gallis f actus 
est, und bei Aurel. Vict. Epit. 13: Hie imperium apud Agrippinam 
nobile)n Galliae coloniam suseepit. Diese Nachrichten beziehen »ich 
aber auf die Uebemahme der Alleinherrschaft nach dem Tode Nerva's ; 
damals war er wirklich in Köln, zur Zeit der Adoj)tion dagegen in 
Obergermanien. Spart. Hadr. c. 2. 

Francke, a. a. 0. lässt die Statthalterschaft Trajans schon im 
Jahre 92, also noch unter Domitiau beginnen. Ich glaube von dieser 
Chronologie abweichen zu müssen und suche im Folgenden meine An- 
sotzung zu begründen. 

Auf den ersten Blick ist es doch unwahrscheinlich, dass Trajan 
vom Jahre 92 bis zum Jahre 97 (in welchem er adoptirt wurde), also 
während 5 Jahren einer und derselben Provinz vorstand. Gewohnlich 
erhielten die jeweiligen Candidaten die Provinzen auf drei Jahre, nach 
deren Ablauf sie andern zur Pro vinzial Verwaltung berechtigten Prä- 
toriern oder Consularen ihre Stellen räumen mussten. Es lässt sich 
nicht einsehea, warum Trojan länger als ein Triennium in Germanien 
verblieb, zumal unterdessen ein Regierungswechsel Statt fand. Die 
römische Beamtenhierarchie war damals noch so straff, dass man sich 
nur selten der legalen Bestimmungen entschlug. 

Andererseits unterliegt es keinem Zweifel, dass Trajan im Jahre 97 
consularischer Legat (leg. Aug. pr. pr.) von Obergermanien war (Spart. 
Hadr. c. 2, vgl. Ueiizen a. a. 0.), also muss er diese Stelle in den 
allerletzten Jahren Domitians oder unter Nerva selbst, sei es im Jahre 
96 oder 97 übernommen haben. Für die Zeit Nerva's finden sich positive 
Zeugnisse. — Plinius, der in diesen Dingen genau unterrichtet war, 
spricht zu wiederholten Malen von einem eigenthümlichen , nach seiner 
wirklichen oder tingirten Ueberzeugung sehr bedeutsamen Zufalle, der 
Trajans Abgang von Rom in die Provinz bezeichnete. Als er nämUch 
vor seiner Abreise das Capitol bestieg, um der Uebung gemäss Gelübde 
zu thtin und die vorgeschriebenen Opfer zu bringen (Becker-Marquardt, 
Handb. d. röm. Alterth. III, 1, S. 285 fl.), rief die versammelte Volks- 
menge plötzlich aus: '"GegrüsHt seist du, Imperator!' Der Zuruf galt 
nicht ihm, wondorn dem 'siegreichen Juppitcr', dessen Standbild auf 



I. Trajans Aufkommen und erste Regierung^ ahre. 1 7 

war die militärische und civile Administration des Landes 
schwierig, denn seit jenem Aufstande war den Legaten von 

Obergermanien die Pflicht erwachsen, strenge Disciplin im 

• 

dem Gapitol aufgestellt war. Aber Plinius (Paneg. c. 6) beutet diesen 
Voi^aog aus: illa (turba) quidem, ut ttmc arhitrabatur, deum, 
crterum, ui docuit evenius, te ccm^salutavit imperatorenn. Nee aliter 
n cunctis omen acceptum est. Nam ipse intellegere nolebas: reciisäbas 
mim imperare; — igitur cogendus fuisti. Und nun folgt eine Andeu- 
tung der UmsISjide, die ihn zur Uebemahme der Regierung zwangen: 
Cogi porro non poteras nisi periculo patriae et nutatione rei publicae. 
Obstinat um etiim tibi non suscipere imperium, nisi servandum futsset. 
Quare ego illum ipsum furorem motumque castrensem reor 
(xtitisse, quia magna ri magnoque terrore modestia tua tnncenda 
erat. Es handelt sich hier um die Empörung der Prätorianer im Jahre 97 
iOctober), die Nerva, wie unten genauer nachzuweisen ist, zur Adoption 
Trajans beweg. Die Reihenfolge der Ereignisse nach Plinius ist also 
folgende: Trajan ist im Begriffe, in die Provinz zu gehen (cum ad 
ejrercitum proficiscereriH) ; er besteigt das Capitol, um zu opfern und 
verlasst die Hauptstadt; während seines Aufenthaltes in Germanien ent- 
stehen Unruhen in Rom; hierauf wird er von. Nerva zum Mitregenten 
aufgenommen. Wir finden nicht die leiseste Andeutung von einem unter- 
dessen erfolgten Regierungswechsel, und doch war mit dem Tode Domi- 
tians auch eine nutatio rei publicae verbunden, die Trajan vermöge 
seiner hohen Stellung zum Ergreifen der Herrschaft hätte bewegen 
können, Plinius setzt also offenbar bei Erwähnung der Abreise Trajans 
nach Germanien den Tod Domitians und die Erhebung Nerva's vor- 
aaa. — Noch klarer ergibt sich dieses Verhältniss aus einer zum Theil 
schon in anderm Zusammenhange verwertheten Stelle in c. 94 : Tu enim 
iam tunc illum in tutelam recepisti, cum praedonis avidissimi faucibus eri- 
pttisti. Neque enim sine auxilio tuo, cum altissima quaeque qtiaterentur, hie 
qui atnnibus excelsior erat, inconcussus stetit. Praeter itus est a pessimo 
principe qui praeteriri ab optimo non potuit (der Uebergang von Do- 
mitian, der ihn vernachlässigte, zu Nerva, der ihn beförderte, ist hier 
bestimmt angedeutet). Tu clara iudicii tui signa misisti, cum profi- 
ciscenti ad exercitum tuo nomine, tuo honore cessisti (vgl. c. 6). Tu 
roee imperatoris quid sentires loaitus, filium Uli, nobis par entern, tibi 
pontificem maximi^in elegisti (denn Nerva sprach die Adoption auf dem 
Capitol aus, vgl. c. 8}. Trajan erhielt also die Provinz nicht unter 
Domitiau, sondern ab optimo principe, d h. von Nerva; der Satz Hu 
clara iudicii — — cessisti^, in welchem auf seine Abreise nach Ger- 
manien verwiesen wird, kann sich dem Zusammenhange nach nur auf 
Kerva's Zeit beziehen. — Das gewichtigste Zeugniss fSr die Richtigkeit 
dieser Chronologie liegt endlich in c. 9: An non obsequereris prin^ipi 

ciris, legatus imperatori, filius patri? Quid enim, si provincias ex 

prorinciis, ejr belliji hella mandaret? Eodem illum (sc. Nervam) uti iure, 

Unlersoph. t. Rßm. Kaiscrpeseh. I. O 



18 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Heere zu handhaben und zugleich die Provinz vor den Ein- 
fällen der germanischen Stämme für alle Zukunft zu schützen. 
Die Niederlage des L. Antonius Satutninus war vielleicht 
nur eine Folge des Ausbleibens der Germanen ^ die durch 
plötzlichen Eisgang des Bheins an der versprochenen Hülfe- 
leistung gehindert wurden. Sie konnten in günstigeren Zeiten 
den Uebergang aufs Neue versuchen und die am Rhein bei- 
nahe traditionell gewordenen Empörungen der römischen 
Legionen unterstützen. Eben nach dieser Seite hin ent- 
wickelte Trajan zuerst als Legat; dann als Kaiser eine Thä- 
tigkeit; die man nicht hoch genug anschlagen kann. Nach 
eigentlichen Heldenthaten muss man hier nicht suchen: sein 
Hauptverdienst besteht darin ^ dass er zwischen Donau und 
Rhein eine weit vorgeschobene Befestigungslinie anlegte, 
welche einerseits das hier schon unter Domitian gewonnene 
Terrain deckte und andererseits für die cisrhenanischen Ge- 
biete die Bedeutung einer zweiten Schutzwehr gegen die Ger- 
manen erhielt. Denn man wird nicht mit Unrecht den Plan 
der dauernden Occupation des sogenannten Decumatenlandes 
durch Errichtung eines grossen befestigten Grenzwalles auf 
Trajan zurückführen dürfen : die Absicht auf durchgreifende 
Grenzcorrectionen leitete, wie noch oft hervorzuheben ist, 
auch seine spätem kriegerischen Unternehmungen.^) 



ctim ad Imperium revocet, qiio sit umia, cum ad ex er ci tum miaerit, 
nihilque inieresse ire legatum an redire principem iubeat, 
nisl quod maioi' sit ohsequit gloriu in eo quod quis miniM relit. — 
(Mommsen, im Hermes III, S. 40 A. 2 spricht sich ebenfalls dahin aus 
daes Trsy'an erst von Nerva zum Legaten von Obergermanien ernannt 
worden sei). 

Trajan kam nach den bisherigen Untersuchungen also dreimal nach 
Germanien, zuerst als Militärtribun (nach Unt^rgermanien), dann alB 
prätorischer Legionschef im Jahre 89, endlich als consularischer Legat, 
ausgerüstet mit dem Obercommando über sämmtliche Legionen der 
Provinz Obergermanien, im Jahre 97. Für dieses Jahr entscheide ich 
mich mit Rücksicht auf den so viel sich erkennen lässt gewöhnlich im 
Sommer erfolgten Wechsel der kaiserlichen Legaten, vgl. Mommsen im 
Hermes, Jll, S. 81, A. 2. 

1) Roth, im Schweiz. Museum für histor. Wissenschaften, 1838, Bd. II, 



I. Tr^janR Aufkommen und erste Regieruugejahre. 19 

Im Jahre 97 wurde Trajan von Nerva adoptirt^ und mit 
diesem für seine Zukunft entscheidenden Ereignisse tritt seine 
Geschichte in helleres Licht. Um den Zusammenhaug zu 
erkennen, in welchem er vorerst zum Antheil an der Herr- 
schaft gelangte, müssen wir einen kurzen Rückblick auf die 
Regierung Nerva's werfen. 

S. 30— 40 führte die Provinzialisirung Schwabens auf Domitians chat- 
tischen Feldzug des Jahres 84 zurück. Ihm widerspricht mit guten 
Gründen Imhof, S. 49, Anmerkg. 1. In der That Hesse sich die von den 
Germanen beabsichtigte Unterstützung des saturninischen Au&tandes 
nicht leicht erklären, wenn Schwaben schon damals römisches Provinz- 
land gewesen wäre. Immerhin gehört aber die Occupation des Landes 
noch in die Zeit Domitians. Roth hat hervorgehoben, dass der Name 
einer schwäbischen Stadt, Arae Flaviae, des heutigen Rottweil am 
Neckar, deutlich auf das flavische Regentenhaus hinweise; nach seiner 
Ansicht dürfte sie die Stelle bezeichnen, an welcher die neu provinzia- 
lisirten Stamme der Kelten und Germanen mit religiösen Weihungen dem 
flanschen Kaiserhause Gehorsam gelobten. Während aber vor dem 
Jahre 90 eine bleibende Erobenmg jenseit des Rheins sehr wahrschein- 
lich nicht Statt fand, war sie im Jahre 98 bereits eine Thatsache 
(Tac. Germ. c. 29: Proiulit enim magnitudo populi Bomani ultra Ehe- 
num, ultraque veteres terminos, itnperii reverentiam. Mart. Epigr. X, 7, 
wo noch während Trojans Aufenthalt in Germanien a. 98 vom Rheine 
gesagt wird: Et Rofiianus eas utraque ripa). Man hatte diese Grenz- 
erweiterung wahrscheinlich dem Vorgänger Trajans in der Statthalter- 
schaft von Obergermanien zu verdanken. Trajan gebührt das Verdienst 
der vöUigen Sicherung des erworbenen Gebietes. Schon Domitian hatte 
jenseit des Rheins einen limes angelegt (Frontin. Strateg. I, 3, 10: 
Imperator Caesar Domitianus Äugustus, cum Germani m<yre auo e sah 
tibus et öbscuris latehris suhinde impugnarent nostros, tutumque regres- 
»um in profunda silvarum hdberent, lim i tibus per centum viginti 
millia passuum actis, nofi mutarit tantum statum belli, sed stibiecit 
ditioni suae hostes, quorum refugia mtdaverat, vgl. II, II, 7. Die Con- 
jectur Scrivers, Leydener Ausgabe 1644, p. 662, welcher *limitib%M^ 
etatt des durch die Codices gebotenen 'militibus^ liest, ist gewiss rich- 
tig, trota der Bedenken ImhoFs a. a. 0.). Die vorliegende Stelle scheint 
«ich aber auf Domitians chattischen Krieg zu beziehen , so dass jener 
Limes sich nicht über das Chattenland hinaus erstreckte. In diesem 
Falle wäre das Werk Trajans dessen südöstliche Fortsetzung. Ich 
komme unten auf einige Thatsachen zurück, die seinen Anthejl an der 
AüfPahrong des hmes transrhenanus näher begrilnden; dass der Wall 
schon unter ihm die Ausdehnung erhielt^ die wir in seinen Ueberresten 
erkennen (Ukert, Geogr. d. Griechen und Römer, Germania, S. 278 ff.), 
i»t nicht wahrscheinlich. 

2* 



20 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Nerva war ein Mann von friedlichem Charakter, aber 
ohne körperliche und geistige Energie. Die- Verschwomen 
gegen das Leben seines Vorgängers hatten ihn in aller ICile 
zum Kaiser ausgerufen, vielleicht nur in der Aussicht eines 
baldigen Wechsels in weniger gefährlichen Umständen. Der 
zu Erhebende sollte auf jeden Fall der herrschendeu Classe 
angehören, und da man sich in einem weuig tugendhaften 
Leben befand, so wollte die Mehrzahl, wie zur Zeit der piso- 
nischen Verschwörung, kein scharf zufahrendes und strenges 
Regiment. ^) Zwar griff Nerva zuweilen entschlossen in die 
Dinge ein; er wagte es zum Beispiel, der wilden Leiden- 
schaftlichkeit, mii der nach dem Tode Domitians die Delato- 
ren verfolgt wurden, zu steuern und die gegen sie eingelei- 
teten Processe zu unterdrücken. 2) Im Allgemeinen aber ver- 
mied er es, von seiner Gewalt so ausgedehnten Gebrauch zu 
machen ; er wollte sich durch Milde auszeichnen, durch weise 
Mässigung und möglichste Schonung der Standesinteressen 
Zutrauen gewinnen. Dabei versäumte er, die Prätorianer 
zu versöhnen. 

Domitian war der Liebling der Soldaten gewesen ; durch 
Erhöhung des Soldes '^) und durch prunkvolle Triumphzüge 
hatte er sie in gleicher Weise zu gewinnen gewusst. Es 
kümmerte sie wenig, wenn jene Siegesfeste zum Theil offen- 
bare Scheintriumphe waren, vorausgesetzt, dass ihre Interessen 
und ihr Ehrgeiz glänzende Befriedigung fanden. Nach sei- 
ner Ermordung konnten ihre Empörungsversuche nur mit 



1) Tacit. Annal. XV, 48: Sed procul gravitas morum, et volupin- 
tum parsimonia: lenitati ac ma(piificentiac et aliquftndo ht.rui indul- 
gebat. Idqu€ phiribus j^roltahatur, qui, intania vitiorum duhedine, sum- 
mtim imperium non restrictum nee per sec er um volunt. Vgl. Merivale, VII, 
p. 194 mit uot. 3. 

2) Dio Cass. LXVIII, 1 : Ueber die damalige Verfolgungswuth vgl. 
Plin. Epist. Villi, 13, 4: Ac prhnis quidem diehua redditae lihertatis 
pro se quisque inimicos mios, dumtaxat minores, incondito turhidoqne 
clamore postidaverant mmü et oppresf^^erant. 

3) Zonaras, XI, 19, ed. Bonn. II, p. 500. 



I. Trajans Aufkommen und erste Regier uugsjabre. 21 

Mühe zurückgehalten werden ^) : an der Donau drohte offener 
Aufstand.^) Es gelang, die aufgeregten Gemüther für einen 
Augenblick zu beschwichtigen, allein Nerva war nicht im 
Falle, dem Beispiele seines Vorgängers in der Liberalität 
gegen die Soldaten folgen zu können. Die Verwirrung in 
den Finanzen und die ihm nach seiner Ansicht erwachsende 
Pflicht, die Vorräthe des Fiscus zur Restitution der unter 
Domitian eingezogenen Güter und zur Unterstützung armer 
Bürger zu verwenden 3), nöthigten ihn zur Sparsamkeit,^) 
So pflanzte sich die Unzufriedenheit im Heere fort und ein 
fJahr nach seiner Erhebung brach der Sturm aus. Die Prä- 
turiauer unter der Leitung des Präfecten Casperius Aelianus 
belagerten den kaiserlichen Palast und verlangten mit wildem 
Geschrei die Hinrichtung der Mörder Domitians. Nerva 
weigerte sich mit Entschiedenheit, diejenigen zu bestrafen, 
denen er seine Herrschaft verdankte. Da wurden die Schul- 
digen hervorgeschleppt und vor seinen Augen mit roher Wuth 
niedergemacht. So ohnmächtig war Nerva jn diesem Augen- 
blicke, dass er sich auf Aelianus' Befehl herbeiliess, den 
IVätorianem für diese That öfiPentlich zu danken,^) 

So erscheint der Entschluss, den Nerva nach diesem 
Ereignisse fasste, zunächst als ein Act der Verzweiflung. 



1) AureL Vict. de Cae». 11: (jui cix uegreque per prudentes cohi- 
hiÜ, iandem in gratiam optimatum concenere. 

2) Philoätrat. Vita Sophist. I, 7. 

3) Dio Cass. LXVIII, 2. 

4i Was Tacitus (Hist. I, 18) von Galba sagt, gilt auch mit ßezug 
auf Nerva: CansUd potuisse conciliari animos quantulacumquc parci 
fenis Uberalitate. 

5) Dio Cass. LXVIII , 3. Aurel. Vict. Epit. 12. Plinius (Paneg. 6, 
vgl. c. 5; berührt diese Vorgänge in rhetorischer Form; thatsächlich 
stimmen seine Andeutungen mit den Berichten der übrigen Quellen 
überein: Magnum qnidein illud mecido dedecus, magnum rei publicae 
'^uhus inpressum est: imperator et parem generis humani ohsessus capitis 
indusiis, ahlata mitissimo seni servandorum hominum potestas, ereptum 
principi illud in principatu beatissimiün, quod nihil cogitur. — jjostrenio 
<^ctu8 prittceps quos nolebat occidere, nt daret principem qui cogi non 



22 Johauoes Dierauer: Gebchichte Trajans. 

Seine Kräfte reichten gegenüber der drückenden Gewalt der 
Prätorianer nicht ans; seine Lage war eine unwürdige ^ sein 
Ansehen untergraben. Entweder musste er der Herrschaft 
entsagen oder Hülfe suchen, die ihm sichern Rückhalt bot. 
Er wählte das Letztere und adoptirte Trajan. 

Man kann sich fragen, warum Nerva gerade diese Wahl 
traf. Bestanden zwischen ihm und dem Heerführer am Rhein 
etwa private Beziehungen, die wir nicht kennen?') Oder 
wurde er von seiner Umgebung auf diesen Mann aufmerksam 
gemacht? Eines ist wol sicher, dass die Empfehlung des 
L. Licinius Sura, eines Mannes aus den vornehmsten Ereiseu, 
seine Entscheidung beeinflusst hat^): Sura wurde in der 
That zeitlebens von Trajan in hohen Ehren gehalten. Dies 
ist aber Alles, was wir von äusserer Einwirkung vernehmen. 
Nerva, und eben hierin hegt das Bezeichnende seiner That, 
handelte in freiem Entschlüsse, indem er in richtiger Wür- 
digung der Verhältnisse mit Weisheit und Selbstverleugnung 
den nach seiner Ansicht tüchtigsten Staatsbürger adoptirte. 
* Keine Verwandtschaft, bemerkt Plinius, bestand zwischen 
dem Adoptivvater und dem Adoptivsöhne. — Nerva ist sein 
Vater geworden im gleichen Sinne wie er der Vater der 
Römer ist. — Und in der That, sollte man den Erben der 
höchsten Gewalt nur in der eigenen Familie suchen, und 
nicht vielmehr sich im ganzen Staate umsehen und den als 
den nächsten Verwandten betrachten, der sich als der Beste 
und den Göttern Aehnlichste erweist? Wer Allen gebieten 



1) Einen eigenthümlichen Grund kennt Joannes Lydus, de mensib. 
IV, 18, ed. Bonn. p. 60 sq.: cuvaic6av6|Li€voc hi übe ^pacrrjc ^ctiv ö 
Ncpßotc ö KaXoOjLievoc toO övtoc aÖT«|i irpoacTeiou (kqI xdp öjLiopoi ^&X- 
Xov trepl Ti]v xTf^civ dXXiqXwv ^tOtxövov), cuytP^M'OC aÖTiKO ^ujp€äc 
YpafifiaTclov ^irl xiji TrpoacTeiiu Tiji Ncpßd Trpoc€KÖjbiic€V ö bi dTOcGelc 
Töv Tpaiavöv de ulo6€c(av ^Xaßev. Diese Ueberlieferung erscheint 
mir als ein späterer vulgärer Erklärungsversuch für den etwas unge- 
wöhnlichen Schritt Nerva's. • 

2) Aurel. Vict. Epit. 13 : hie ob Itottorem Surae cuüis studio Imperium 
arripuerat, valacra condidit. 



1. Trojans Aufkomiueii und erste Kegierungsjahre. 23 

soll; niuss aus Alleu gewählt werdeu!") So discutirte mau 

1) Plin. Paneg. c. 7. In der Folge lässt sich Plinius durch seinen 
Eifer zu weit fuhren: Superbuni istud et re(fium, nisi adoptes eum, 
qf^m constef imperatururm fuisHe, etiamsi fwn adoptasses. Hierdurch 
schmälert er unwillkürlich das Verdienst Nerva's. Die Ausführlichkeit 
und der Nachdruck, mit denen er von der Nothwendigkeit einer guten 
Wahl spricht, deutet darauf hin, dass er die Adoption, au der Stelle 
ded erblichen Ueberganges der Herrschaft in Zukunft zur Norm erhoben 
wissen wollte (vgl. Bumouf, p. 168). Es gewährt einiges Interesse, 
Plinius' und Tacitus' Gesichtspunkte über diesen Gegenstand zu ver- 
gleichen. Die Gedanken, die Plinius entwickelt, kehren in auffallender 
Aehnlichkeit in einer ßede wieder, die der Verfasser der Historien 
den Kaiser Galba bei Gelegenheit der Adoption Piao's halten lässt. 
Wir stellen de einander gegenüber: 

Plinius, Paneg. c. 7. 10 (ed. Keil). Tacit. Hist. I, 15. 16 (ed. Bekker). 

e. 7. Summ<i€que potestatis here- I, 15. Augustus in domo succes- 
(km tatUum intra domum tiMim soreni quaesivit; ego in re puhlica. 
quaeras? Non toiam per civitcUem 
circumferas octüos ? 

'Sulla adoptati cum eo qui ado- I, 16. Suh Tiberio et Gaio et 
ptahat, cogtuttio, nuUa necessitttdo, Claudio tmius familiae quasi here- 
Hl« qiiod uterque optimuß erat, ditas fuimus: loco lihertatis erit 
digmtsque alter eligi, alter eligere. quod eligi coepimus. Et finita 

luliormn Claudiorumque domo Opti- 
mum quemque adoptio inveniet. 

Non enim serculis tuis dominum, Neque enim hie, ut gentibus quae 
ut possis esse contentus quasi ne- regnantur, certa domi^norum domus 
cessario herede, sed prindpem civi- et ceteri ser&i: sed imperaturus es 
hus daturus es imperator. hominibus qui nee totam servitiUefn 

pati possunt nee totam libertatefu, 

Fedt hoc Nerva, nihil interesse Nam generari et nasci a prin- 

arbitratus genueris an elegeris, si cipibus fortuitum, nee ultra aesti- 

perinde sine iudicio adoptentur matur: adoptandi iudicium inte- 

Liberi ac nascuntur; nisi quod ta- grum; et si velis eligere, consensu 

wen aequiore animo ferunt homines monstratwr. 
<mem princeps partim felidter ge- 
n\ut quam quem male elegit. 

c. 9. (Nerva) eo ipso earus omni- Nero a pessimo quoque semper de- 
^ ac desiderandus quod prospexe- sideräbitur: mihi ac tibi providen- 
Toi ne desideraretur. dum est ne etiam a bonis desideretur. 

Ulan sieht, Tadtus hat die Bede seines Freundes gelesen. Plinius 
meinerseits verweist auf die Adoption Piso's und ihre Folgen in c. 8: 
OmUne sumus ut nuperpost adoptiofiem non desierit scditio, sed coepent? 



24 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

damals im Hochgefühle der glücklichen Zeit, die mit Trajan 
gekommen zu sein schien, den Entschluss Nerva's. An der 
Legalität seines Vorgehens konnte Niemand zweifeln, denn 
dem Träger der Souveränetät des römischen Volkes kam 
auch die Bestimmung des Nachfolgers rechtlich zu. Aber 
wenn die alten patricischen Familien auch keinen offenen 
Widerspruch erhoben, so waren sie Anfangs doch schwerlieh 
mit der getroffenen Wahl zufrieden. Wir werden sehen, wie 
Trajan sie auszusöhnen verstand. 

Unvergesslich blieb den Zeitgenossen der Tag, an wel- 
chem Nerva das Capitol bestieg und mit feierlicher Stimme 
der versammelten Menge verkündigte: *Möge es dem Senate 
dem römischen Volke und mir selbst zum Glück und Segen 
gereichen! Ich nehme den M. Ulpius Nerva Traianus an 
Kindesstatt an!'*) Es schien ihnen, als handelte Nerva im 
Namen einer höhern Macht, als hätte jener Aufstand sich 
vollziehen müssen, damit der * erschütterte Staat' eben im 
rechten Augenblicke an der Brust Trajans eine Zufluchts- 
stätte finden konnte."^) Aus Pannonien war als Zeichen eines 
vom dortigen Heere erfochtenen Sieges ein Lorbeerkranz an- 
gelangt, der üblicherweise dem capitolinischen Juppiter ge- 



1) Dio Cass. LXVllI, 3. Plimua legt ausserordentlichen Werth 
darauf, dass die Adoption auf der geweihten Stelle des Capitols aus- 
gesprochen wurde : nan enim occulta potestate fatorum sed ab love ipso 
coram ac palam repertns est (c. 1). Itaque tui non in cuhiculo sed in 
templo, nee ante genialetn tortiin sed ante pulvinar lavis optimi inaximi 
adoptio peracta est (c. 8 ; vgl. c. 47. 94). Man darf nicht glauben, dass 
Plinius diesen Umstand in schmeichlerischer Absicht hervorhob. Dio 
äussere religiöse Weihe des Actes hatte doch auch in den Augen der 
alten Aristokratie eine gewisse Bedeutimg, sie vertrat gleichsam das 
Augurium augustum, welches demjenigen, der dessen theilhaftig gewor- 
den war, das Ansehen eines von den Göttern Erkorenen verlieh. -- 
Die Adoption erfolgte etwa Ende Octoy:)er 97, drei Monate vor dem 
Tode Nerva's, vgl. Aurel. Vict. Epit. VI. 

2) Plin. Paneg. 6: Expectatum est tempus quo liqueret nwi tarn 
accepisse te beneficiuvi quam dedinsc. Confugit in sinnm fuum concussa 
res publica. Sehr prägnant sagt Eutropius VIII , 1 : JRei publicae diritm 
provisione consuhiit Traianum adojHando. 



I. Tnyans Aufkonimon untl ei-sto Kegicrungsjahro. 25 

weiht werden musste. Eben .diese Gelegenheit benutzte Nerva 
zur Adoptionserklärung. *So hatten es die Götter gefügt, 
sagt der Lobredner Trajans, dass das Symbol des Sieges die 
Erhebung eines unüberwindlichen Kaisers schmückte.'*) 

Trajau empfieng die Nachricht von seiner Adoption durch 
ein eigenhändiges Schreiben Nerva's. Mit den Worten des 
beleidigten Priesters Chryses im Gebete an Apollo: *Lass 
deine Pfeile meine Thränen an den Danaern rächen!' for- 
derte ihn sein Adoptivvater zur Bestrafung der Prätorianer 
auf.-) Es scheint, dass er Anfangs zögerte, die Entscheidung 



1) Plin. Paneg. c. 8: Adiata erat ex Pannonia laurea, id agentibutf 
düs ut inricti imperatoris exortum cictariae insi^ne decorarct. Hanc 
imptraior Kerva in gremio lovts cordocarat; vgl. c. 16: ndoptimiis 
tuae die dient n Capitolino Tori laurus. Plinius bringt mit der Adoption 
eine Thatsache in Verbindung, die wir bei Dio Cassius nicht erwähnt 
finden: eine Siegesnaöhricht aus Pannonien. Cedrenus, ed. Bonn. p. 433 
schreibt diesen Sieg Trajan zu: *€k TTaiovCac bi dTT^XCa ^ttivikiwv 
iXöoöca irapä Tpa'iavoO. Schwarz, in seiner Ausgabe dea Panegyricus 
ad c. 8, hält diese Nachricht fest und erklärt den Widerspruch mit der 
Thateache, dass Trajan zur Zeit seiner Adoption in Germanien war, 
dnreh die Annahme einer schnellen Reise aus den Donauländern an 
deu Rhein. Allein wie konnte Trajan noch als Statthalter von Ober- 
grermanien an die Donau kommen und dort sogar ein Heer befehligen? 
Die Stellen in Paneg. c. 12 und 16, auf die sich Schwarz beruft und 
(lie uns wirklich von einem Aufenthalte Trajans an der Donau berichten, 
«gehören in einen späteren Zusammenhang. Wäre wirklich Trajan der 
Sieger in Pannonien gewesen, so hätte Plinius nicht versäumt, dies 
hervorzuheben. Cedrenus' Angabe ist also unrichtig, wir kennen den 
tarnen des Siegers nicht. Mommsen (im Hermes, 111, S. 116 if.) hat 
gezeigt, dass es sich «hier um einen Krieg gegen die am Marchflussc 
wohnenden Sueben handelt, die ohne Zweifel über die Donau in Pan 
nonien eingebrochen waren, und dass eben damals, im Zusammenhang 
mit diesen Ereignissen, Nerva und Trajan deu Titel Germanicus an- 
nahmen. Das bellum Suebic um unter Nerva ist sonst nur in der 
Inschrift bei Henzen n. 5439 erwähnt. 

2) Dio Cass. 1. c. cl*. Hom. Iliad. I, 42. Sein Vetter Hadriau, 
«Jamals Tribun der Leg. V. Macedonica (Henzen, Annali dell' Instit. 
IB62, p. 139) überbrachte ihm die Gratulationen des mösischen Heeres 
•Spart. Hadr. c. 2). Fröhner, la Colonne Trajane, p. 10 sagt unrich- 
tig: Trajan sc trouvait ä Colofftie, quand son coimn Adrien innt lui 
rmettre Vacte d'adoption. — Auf Münzen finden wir keine Andeu- 
^g der Adoption. Die von Schwarz p. VI nach Tristan, Com- 



26 Johaunes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Nerva's anzunehmen; er fühlte sich offenbar der Stimmung 
in Rom nicht sicher, bevor die förmliche Bestätigung der 
Adoption durch den Senat ihm zugekommen war.*) 

Kraft der Adoption war Trajan weder formell noch ma- 
teriell im vollen Besitze der Berechtigungen eines römischen 
Staatsoberhauptes, wie sie sich seit der Entstehung der Mo- 
narchie allmälig festgestellt hatten. Der Titel Augustus 
konnte nach seiner ursprünglichen Bedeutung immer nur 
einer, durch das Augurium augustum von den Göttern aus- 
erwählten Person zukommen; und ebenso war der Ober- 
pontificat ein untheilbares Amt, das erst mit dem Tode 
Nerva's auf seinen Nachfolger übergieng. Dagegen erhielt 
Trajan das Attribut Imperator, wodurch ihm neben Nerva 
der Anspruch auf die höchste civile und militärische Gewalt 
zuerkannt W9,r, und, was ihn im eminenten Sinne zum Mit- 
regenten erhob, die tribunicische Gewalt. Ausserdem 
nahm Trajan den Titel Caesar an^), der ohne weitere Be- 



mentairea historiqueB, Paris 1657, I, p. 378 (vgl. MediobarbuB, Imperat. 
liomanor. numismata, Mediol. 1730, p. 147) angeführte Münze mit der 
Inschrift ADOPTIO auf der Rückseite, dem Kopfe Trojans und der 
Legende NERVA TRAIAN • CAES • GERM • NER • AVG • F • P • TR • P • 
COS • II • auf der Vorderseite ist entschieden unecht. Es gibt Münzen 
aus dem zweiten und dritten Consulate JServa's, auf deren Rückseite 
wir den Kaiser sehen, ihm gegenüber« einen Mann in der Toga, der 
mit der Rechten eine Kugel hält; auf einer dieser Münzen lautet die 
Umschrift PROVIDENTIA SENATVS SC. Man sieht hiemach, dass 
sie sich auf das Verhältniss zwischen Senat und Kaiser bezieht und in 
diesem Sinne erklärt Cohen die Darstellung (Tem. I, Nerva, n. 116), 
während sie von Vaillant, Numismata imperat. romanor. praestant. 
Rom. 1743, p. 52 auf die Adoption gedeutet wurde. Dieselbe Darstellung 
wiederholt sich auf späteren Münzen Trajans. Cohen, II, Trajan, n. 538. 

1) Paueg. c. 9: Ut vero ad te forttmae tuae mmtins venu, tnalebcts 
quideiti hoc esse quod fueras, sed non erat Über um, Cf. c. 10: Äd hoc 
axidiehas sencctus papulique consensum. Non unius Nervae iudicium 
illudj illa electio fuit. Nam qui vhique sunt hotnines hoc idcfn votis 
cxpetehafU. 

2) Ueber diese Attribute vgl. Plin. Paneg. 8: Sitnul filius, simul 
Caesar, mox Imperator et consors trihuniciae potestatis, et omnia pariter 
et statim f actus es, quae proxime parens verus tatvtum in alterum filium 
contuJit (cf. Suet. Tit. c. 6). Was ^mox^ hier zu bedeuten hat, ist nicht 



I. Tr^aus Aufkommen und erste Regierungsjahre. 27 

deatong war^ sowie endlich den Ehrennamen Germ an icusJ) 
Für das Jahr 98 wurde, er zum Consul designirt.^) 

Ungefähr drei Monate nach der Adoptionserklärung, am 
27. Januar 98, starb Nerva.^) * Er sollte nach jener unsterb- 



ganz klar. Es scheint, dass Flinius einer seite die Adoptionserklärung 
Nerra's, andererseits die durch den Senat unmittelbar darauf erfolgte 
Bestätigung des Actes (Dio Cass. LXVIII, 3), sowie die Uebertragung 
eines Antheils der kaiserlichen Yollgewalt auf Trajau scheiden will. 
Relativ geschah die Annahme der Titel Imperator imd Caesar doch 
gleichzeitig, wie Plinius selbst wieder andeutet, c. 9: Inm Caesar, iam 
huperatory iam Gennaniciis , ahsens et ignarus, et jmst tanta nominal 
quantum ad te pertinet, privatufi (d. h. bevor die Nachricht in Ger- 
manien anlangte). — Den Titel Censor, den noch Nerva getragen zu 
haben scheint (Orelli, n. 780, sofern hier nicht GER statt GEN oder 
CEN zu lesen ist) , und der sich besonders häufig auf Münzen und ^ 
Inschriften Doinitians findet (Cohen, T. I, Domitien, n. 2, 4*etc. Orelli, 
IL 766, 768. Henzen, n. 5433; Domitiau nannte sich Censor perpetuus), 
hat Trajan nicht angenommen. Plin. Paneg. c. 46: et ideo nmi cen- 
suram ctdhuc, non praefecturam mor'um recepisti, quia tibi beneficiis 
potius quam remediis ingenia nostra experiri placet. 

1) Nerva nannte sich Germanicus erst gegen das Ende des Jahres 97 ; 
denn einfach mit dem dritten Consulate verbunden (vom 1. Jan. 97 an) 
erscheint der Titel nie, sondern entweder mit trib. pot. II. Cos. III. 
des. IV noch für das Jahr 97, oder mit trib. pot. III. Cos. IUI fiir den 
Anfang des Jahres 98 (Eckhel, Doctr. numor. T. VI, p. 409, Cohen, I, 
Nerra, n. 35 — 42, 99. Henzen, n. 5438). Die Annahme dieses Titels fällt 
nach Mommsen a. a. 0. in die Zeit der Adoptionserklärung, s. oben 
S. 23. Trajan erhielt den Ehrennamen Germanicus iure adoptionis, 
jedesfalls mit Rücksicht auf seine Verdienste in Germanien. Plinius 
sagt uns sehr deutlich, dass er ihn nicht vorher getragen hat, c. 9: 

Crtdentne posteri eidem, cum Germanide praesideret, Germanici 

nomen^lUnc missum? Vgl. die in voriger Anmerkung angeführte Stelle 
ans dem gleichen Capitel. 

2) Plin. Paneg. c. 57: Nam secumdum (consulatum) Imperator qui- 
dm, sub imperatare tarnen inisti, d. h. noch unter Nerva im Anfange 
des Jahres 98, vgl. die Consularfasten bei Clinton, ad ann. 98. Trajan 
war abwesend Consul. Paneg. c. 59: Gessisti alterum consulatum, scio: 
»Tlttw exercitibus, illum provinciis, illum etiam exteris gentibiis poteris 
inputare, non pot es nohia, vgl. c. 56, 4. 

3) Dio CasB. LXVIII, 4: irpdEac [ö NepoOac] hi ToOra, ^€Tir|X\aH€v, 
dpEac £t€i Ivi, Kai \xr\c\ T^ccapci, kuI f\\kipa\c hi^a (ed. Bekker). Aurel. 
Victor Epit. 12: Imperavit menses sedecim, dies decem. Hiervon weichen 
ab Eutropius, VIII, 1 : fnortuus est Mamae post annwn et quatiwr metises 
iinperii sui ac dies octo, und das Chronicon Paschale, ed. Bonn. I, p. 469, 



28 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

Hellen That keine sterbliche mehr begehen.' Damit nvar 
Trajan Alleinherrscher: er selbst betrachtete diesen Tag 
als seinen eigentlichen Regierungsantritt. Die tribunicische 
Gewalt hatte er sich schon mit dem Beginn des Jahres 98 
zum zweiten Male übertragen lassen; er erneuerte sie in der 
Folge alljährlich regelmässig am 1. Januar.^) 



welches den 25. Januar als Todestag nennt (j\ KaXav6uiv qpcßpouapduv). 
Ihnen folgt Clinton ad. ann. 98. Offenbar bildet in diesem Falle Die 
Cassius die sicherste Autorität. Vom 18. Sept. 96 an gezählt, endigten 
16 Monate mit dem 17. Jan. 98, und durch die Addition von 10 Tag'en 
gelangen wir zum 27. Januar. Dieses Datum steht fest und widerspricht 
den Nachrichten über die Dauer der Regierung Trajans (19 Jahre, 
6 Monate^ 15 Tage, vgl. Dio Cass. LXVIU, 33, Eutrop. VllI, 5 ed. Dietsch) 
nicht, denn Dio Cassius rechnet dieselbe offenbar bis zum 11. August 119, 
an welchem Tage Hadrian die Herrschaft übernahm (Spart. Hadr. c. 4}, 
und nicht bis zum Todestage Trajans, den wir nur annähernd bestim- 
men können. — Der Nachricht bei Aurelius Victor a. a. 0., nach wel- 
cher am Todestage Nerva's eine Sonnenfinsterniss Statt fand, was nur 
am 21. Januar möglich war (Tillemont, Hist. des empereurs, II, p. 544), 
darf man kein Gewicht beilegen. Der Autor hebt es, Naturerscheinun- 
gen aller Art, die während der Regierung eines Kaisers sich zeigten, 
je weilen am Schlüsse seiner Biographieen anzuführen. Hier brachte 
er willkürlich eine Sonnenfinsterniss mit dem Ausgange Nerva's in 
Verbindung. 

1) Eckhel, Doctr. num. VII, p. 456 sqq. hat diesem Punkte eine 
eingehende Untersuchung gewidmet und den 19. October als den Tag 
für die Erneuerung der tribunicischen Gewalt bestimmt, in dem Sinne, 
dass sie Trajan am 19. October 98, ein Jahr nach seiner Adoption, 
zum zweiten Male u. s. f. übernahm. Francke, S. 6 ni^unit als selbst- 
verständlich an, Trajans Tribunat sei im Herbste, am Tage der Adoption, 
erneuert worden, ebenso Clinton. Schon Eckhel konnte sich aber nicht 
erklären, wie Trajan einigen Münzen und Inschrifben zufolge zum 21. Tri- 
bunate gelangte (vgl. VII, p. 457; Orelli, n. 795; 796 = Mommsen, 
Inscript. Regiü Neapolit. n. 5619). Borghesi, Annali deir Instit. 1846, 
p. 330 f. hat diese Schwierigkeit durch eine genauere Vergleichung 
zweier Militärdiplome Trajans (Henzen, n. 5442 und 5443) zu lösen 
gesucht; nach dem Resultate seiner Forschungen hätte Tnyan die 
tribunicische Gewalt am 28. Jan. 98, am Tjige nach dem Tode Nerva's, 
zum zweiten Male übernommen und hierauf nach Jahrcsintervallen 
erneuert. Nun zeigt aber Mommsen in seiner Untersuchung über die 
ordentlichen Cousuln der Jahre 103 und 104 (Hermes IH, S. 126 ff.}, 
dass das von Borghesi bezogene Diplom n. 5442 nicht dem Jahre 104, 
sondern dem vorhergehenden angehört. Da es vom 19. Jan. datirt 
und bereits die VII. tribunicische Gewalt aufweist, so ergibt sich hier- 



I. Trajand Auilcomnieii und erste Regier iingsjahro. 29 

Trajan war in Köln, als er durch seinen Vetter Hadrian 
die Kunde vom Tode Nerva's erhielt J) Er theosirte seinen 



aus mit Evidenz, dasB Trajan seine Regierangsjahre vom 1. Jan. an 
gezahlt hat. Am 1. Januar 117 begann daher das 21. Tribunat und 
die Frage über die Möglichkeit desselben, die nach Eokhels Bestimmung 
mit Rucksiebt auf den im August 117 erfolgten Tod Trajans sich auf- 
Inmgen musste, bat hiermit (wie allerdings schon durch Borghesi) ihre 
Erledigung gefunden. 

Mommsen's Festsetzung bildet die Grundlage fiir die Chronologie 
<icT Regierung Trajans. Ihre Richtigkeit wird durch mehrere andere 
Militärdiplome bestätigt: 

1. Diplom Yom 13. Mai 105, mit dem 9. Tribunate. Arneth, Zwölf 
römische Militärdiplome, S. 43 ff. Tafel XV, XVI. Henzen, n. 6867, 
der es irrthumlich dem Jahre 106 zuweist. 

2. Diplom vom 1. Sept. 114, mit dem 18. Tribunate. Henzen 6857 a. 
Wes veröffentlichte zuerst v. Sacken, über die neuesten Funde zu Car- 
iiuntum, Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wissensch. Bd. XI, S. 853, mit 
Facäimile auf Tafel III. Auf der Aussenseite des Diptychons ist das 
nte, im Texte der Innenseite dagegen das 18. Tribunat verzeichnet. 
V. Sacken knüpft hieran den Beweis, dass um den Tag der Ausstellung 
(ie$ Diploms die Erneuerung der tribunicischen Gewalt Statt fand. Er 
verwechselt aber die beiden Seiten der Urkunde: was er die Aussen- 
seite nennt, ist in der That die Innenseite und diese allein hat legale 
Kraft (Henzen, Monumenti ed annali deir Inst. 1855, p. 23). Auch auf 
andern Denkmälern erscheint die siebente Salutation als Imperator 
nur in Verbindung mit dem 18. Tribunat. Orelli, n. 788. Mommsen, 
1 B. X. u. 1408. 

3. Diplom vom 8. September 116 mit dem 20. Tribunate, heraus- 
?(^oben von K. Rössel, ein Militärdiplom Kaiser Trajans aus dem 
K'''iDercafitelle in Wiesbaden, Wiesbaden, 1858, vgl. Brambach, Corp. 
In^^cripi Rhenan. n. 1512: 

l; Eutrop. VIII, 2. Aurel. Vict. Epit. 13. Spart. Hadr. c. 2. 
Hadrian war zu jener Zeit Tribun der XXII. Legion in Obergermanien 
Henzen^ Annali deir Inst. 1862, p. 139 if). Ex qwi (heisst es bei Spar- 
^iau ftstinans ad Traianum, ut prhnus nuntiaret excessum Nervae, 

^' ^raiano, sororis viro diu detentus fractoque consulte vehiculo 

^'^TthAwSj pedibus Her facietis eiusdem Serviani beneftciarium antevenit. 
^m diese Zeit war also die Statthalterschaft von Obergermanien bereits 
u L. Julius Ursus Servianus, den Schwager Hadriana, übergegangen, 
^giPlin. Epist. VIII, 23, 5. — Bemerkeuswerth ist das Gratulations- 
ächreiben, daa Plinius nach 'dem Tode Nerva's an Trajan richtete 
fidTraian. 1 ed. Keil). Hier zum ersten Male finden wir das Bewusst- 
^ein von der hohen Bedeutung der trajauischen Zeit ausgCHprochen: 
hmtr eryo ut tibi et per te gener i humnno profipera omnia, id ef<t 
^^>!)nn naecnlo tuo cofit ingant. 



30 Johannes DieratJer: CreBchichte Trajans. 

Adoptivvater und liess ihm einen Tempel errichten, in -wel- 
chem der Cult des Divus Nerva von nun an geübt wurde.') 
Die Führer der Prätorianer strafte er durch Cabinetsbefehl.*) 
Der Ergebenheit des Senates versicherte er sich, wie seiner 
Zeit Titus und Nerva, durch das eidliche Versprechen, keinen 
Römer von adeliger Geburt seiner Ehre oder seines Lebens 
jemals berauben zu wollen.^) So konnte er ohne Bedenken 
die Reise nach Rom noch einige Zeit verschieben, um seiner 
vorgenommenen Sicherung der germanischen Grenze möglichst 
dauernden Bestand zu verleihen. 

Es ist unmöglich, Trajans Thätigkeit für Germanien in 
den Jahren 98 und 99 von seiner früheren genau zu schei- 
den. "*) Vielleicht fallt in diese Zeit die Anlage von Festimgs- 
werken im Taunus^), die Erweiterung eines keltischen Ortes 

1) Plin. Paneg. e. 11: Quem tu laci'imis primum, ita ut filium 

decuit, mox templis Jionestasti. Tu sidei'ibus patrem intulisti, noft 

ad jnetum civium, non in contumeliam numinum, noti in honorem tuuni, 
sed quia deum credis. — Sed licet illum aris pulvinanbus ftnmine colas, 
fiofi alio magis tarnen deum et faas et proba.% quam quod ipse tdlis es. 
Eutrop. VIII, 1: (Nervaj int er Divos relatus est. Auf einer Restitu- 

-tionsmedaille Trajans ißt die Theosirung Nervals erwähnt (Cohen, 1, 
p. 480, 22. 126. 127). 

2) Dio Cass. LXVIII, 5: AiXiavöv bi Kai toOc bopu(pöpouc toOc 
KttTd NepoOa cTacidcavxac, tbc Kai xpncö|üi€vöc xi aörolc, )LleTa1T€^Hld|Lle- 
voc, ^KiToöibv ^7roif|caTO. 

3) Dio Cass. LXVlIf, 5 (sub init.): iJbc bi aöroKpdTUip lfiv€TOy 
^TT^creiXe rfl ßouXf| aÖToxeipfqi äXXa t€, Kai iIjc odbiva ävbpa dYCx- 
6ÖV dTTOC<pdHoi f\ dxi^dcoi. Kai Taöra Kai öpKOic ox) töt€ ^övov, dXXd 
Kai öcrepov ^iriCTiiicaTo; cf. c. 2 undLXVII, 2. Dio Cassius legt grosses 
Gewicht auf dieses Versprechen.. Man konnte es Domitian nicht ver- 
zeihen, dass er einem Senatusconsult, welches dem Kaiser das Recht 
genommen hätte, über einen Senator die Todesstrafe zu verhängen, die 
Zustimmung versagte. 

4) Es versteht sich Von selbst, dass Trajan nach seiner Erhebung 
zum Mitregenten an keine bestimmte Provinz mehr gebunden war. 

Ö) Ammian. Marcellin. XVI, 1. Hier ist von einem ' munimefitum 
Traiani ' die Rede. Dieses Castell musste, nach Ammianus zu schUessen, 
in der Nähe von Mainz jenseit des Rheines liegen. Francke, S. 58 (vgl. 
Anmerkung 1—3) versetzt es in die Nähe von Höchst, au den Ausfluss 
der Nidda in den Main, fs fehlen sichere Anhaltspunkte zu einer 
genauen topographischen Bestimmung. 



I. Trojans Aufkommen und erste Regierungsjahre. 31 

an der Stelle des heutigen Ladenburg*), die Gründung von 
Baden-Baden^) und von Colonia Traiana (Xanten) am Nieder- 
rhein.') Wir finden Trajan aber auch mitten im Winter an 



1) Der keltisclie Name dos Ortes war Lupodanum, der römisch- 
kaiserliche Civitafl Ulpia, vgl. Fickler, im archäolog. Anzeiger, u. 217, 
Jan. 1867, S. 7 f. Mommsen bemerkt jedoch, dass die Erhebung von 
Lupodonnm durch Trajan zur Stadt keineswegs feststehe, indem die 
Inschrift bei Brambach, G. I. Rhen. n. 1713 noch grossen Bedenken 
unterliege. 

2) Francke, S. 59, nach Leichtlen (Schriften der Gesellschaft zur 
Beforderong der Geschichtskimde zu Freiburg, 1829), der die Bedeu- 
tung der Thätigkeit Trajans am Rhein sehr richtig beurtheilt hat. 
Eine in Baden-Baden aufgefundene Inschrift aus dem zweiten Con- 
sulate Trajans (a. 98) weist nach, dass zu jeuer Zeit Abtheilungeu der 
Leg. I. Adiutrix und XJ.* Claudia die Besatzung des Ortes bildeten 
(Brambach. C. I. Rhen. n. 1666). — Bedeutsam für die Anlage und 
Erweiterung transrhenanischer Städte durch Trajan ist eine Notiz des 
Eutropios, VIII, 2: Urhes Irans EhetiHm in Germania reparavit; sowie 
des Oroöius, VII, 12: (Traianusj mox Germanium trans Ehenum in 
pristinum sUitum redtwit, das heisst wol in den Bestand, wie er zu 
Drusns' Zeit gewesen war. 

3) Eine römische Meile unterhalb der durch Claudius Civilis zer- 
störten Festang Castra Vetera auf dem Fürstenberge bei Birteii 
'Itinerar. Antonini, ed. Parthey et Finder, p. 176; unrichtig ist die 
Zahl XL auf der Tabula Peutingeriana). Hier war das Standlager der 
von Trojan gegründeten Legio XXX. Ulpia Victrix (Borghesi, Oeuvres 
completes, IV, p. 258. 259). Das eigentliche Castell lag nördlich vom 
jetzigen Xanten, auf beiden Seiten der Strasse nach Cleve. Südlich 
von der Umfassungsmauer in den Feldern und Gärten gegen Xanten 
zu hat man einen grossen Gräberplatz der erwähnten Legion und der 
Einwohner von Colonia Traiana gefunden (F. W. Schmidt, Jahrbücher 
des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheiulande, Bd. XXXI, S. 111. 
Bonn 18G1). Ueber die Entstehung des Namens Xanten vgl. Francke, 
S- 53. Es mu88 übrigens dahingestellt bleiben, ob die Gründung von 
Colonia Traiana noch in das erste Jahrhundert fällt. Ich finde es 
wahrscheinlich, da eben in den ersten Regierungsjahren Trajans diu 
Strasse von Cöln nach Nimwegen neu vermessen wurde (Brambach, 
C. I. Rhen. n. 1927). 

Aof die berühmt gewordenen Nenniger Inschriften, die den Namen 
Trajans (aus dem Jahre 97) an die Umgebung von Trier knüpfen woll- 
ten, brauche ich hier nach der Verurtheilung, die sie dyrch Brambach 
(Ueber die Inschriftenfälschung zu Trier, offener Brief an Dr. Janssen 
in Leyden, Elberfeld 1866) und durch Hühner (Ueber die auf den fal- 
schen Inschriften von Nennig bei Trier angewandten Schriftformel!,' 



32 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

der Donau ^) und müssen annehmen ^ dass er damals eine 
grosse Recognoscirung vornahm^ um die Verbindung zwischen 
Germanien und den untern Donauländern zu sichern.^) 
Aggressives Vordringen suchte er zu vermeiden; er begnügte 
sich, die jenseit des Flusses wohnenden Völkerschaften durch 
die Ostentation seiner Macht einzuschüchtern.^) Durchaus 
friedlich, aber desto nachhaltiger vollzog sich diese nördliche 
Grenzregulirung. *) 



Monatsber. d. k. preuss. Akad. d. W. zu Berlin 1867, p. 62 ff.) erfahren 
haben, nicht näher einzugehen. 

1) Plin. Paneg. 12: An audeatit, qui sciant te adsedisse ferocissi- 
mis populis eo ipso tempore quod amicissimum Ulis, difficilUmuni nobin, 
ciim Damd)ius rip'as gelu iungit durafusque glacie ingentia tergo belja 
transpoi'tat (nach dem Tode Nerva's, der in c. 10 und 11 erwähnt ist, 
■wahrscheinlich im Winter 98/99). 

2) Wahrscheinlich hieng dieser Aufenthalt Trajans an der Donau 
mit den kriegerischen Vorgängen 4es Jahres 97 (gegen die Sueben) 
zusampien. S. Mommsen, Hermes III, S. 117. 

3) Plin. Paneg. c. 16: Non times hella, nee provocas. Magnum 
est, Imperator Auguste, magnum est stare in Danuhii ripa, si transeas, 
certum triumphi, nee deceiiare cupere cum recusantibus: quorum alterum 
fortitudine, alterum moderatione efficitur. Plinius rühmt die Mässigimg, 
die in der That Trajans Politik in Germanien bestimmte, ausiührlich. 
Eine andere hierher gehörende Stelle (c. 56 s. f.) bezieht sich bestimmt 
auf Trajans zweites Consulat, also auf das Frühjahr 98: Magnificnm 
est civibus iura, quid hostihus reddere? sjjeciosum certam fori pacem, 
quid inmanes campos sella curuii victorisque vestigio premere, inminere 
mivacibus npis tutum quietumque, spernei'e barbaros fremitus, hostilem- 
que terrorem non armorum magis quam togarum ostentatione conpescere'^ 

4) Mit dem Plane einer dauernden Gewinnmig von Grenzgebieten 
jenseit des Rheins würde der Bau einer steinernen Brücke über diesen 
Fluss stimmen.' Zwischen Mainz und Castel finden sich in der That 
Ueberreste einer alten Brücke, die einige Aehiilichkeit mit den Kuinen 
der Donaubrücke bei Tum-Severin zeigen, so dass Schaab, Geschichte 
der Stadt Mainz, 1841, Bd. I, S. 93 — 103, und Francke, S. 60, nach 
Mittheilungen Fiedlers, nicht anstehen, die Anlage derselben auf Trajan 
zurückzuführen. Ein am Fusse eines Pfeilers aufgefundener Denkstein 
der XXII. Legion schien überhaupt das Werk entschieden als ein alt- 
römisches zu bezeichnen, und die gleichen Gründe, die Trajan veran- 
lassten, einen festen Donauübergang zwischen Mösien und Dacien her- 
zustellen, konnten auch hier zur üeberbrückung des Rheins ermuntern. 

Dagegen lässt sich Folgendes einwenden: 
1. Kein römischer Schriftsteller berichtet von einom Brückonbau 



I. Trojans Aufkommen und erste Regierungen ahre. 33 



Trajans am Rhein, und doch wäre das Werk, wenn auch dessen Dimen- 
sionen geringer waren, als an der Donaubrücke, der Erwähnung würdig 
gewesen. Jedesfalls müsste sich bei Plinius irgend eine Andeutung 
finden, sofern (nach der Annahme Francke*s und Schaab's) der Bau 
Tor dem Jahre 100 ausgeführt wurde. 

2. Von Alexander Severus (Lamprid. Alex. Sev. 6) wird berichtet, 
dass er allerorten die trajanischen Brücken wiederherstellen Hess. Bei 
Mainz scheinf keine solche vorhanden gewesen zu sein, denn als Maxi- 
minns im Jahre 235 einen Feldzug gegen die Chatten unternahm, musste 
er eine Brücke über den Rhein schlagen (Capitolin. Maximin. c. 10. 12), 
ebenso Julianus (Ammian. MarceUin. XXIX, 4). 

3. Der erwähnte Stein bildet nur ein schwaches Argument für den 
rumischen Ursprung der Brücke; er kann zufällig und in späterer Zeit 
den römischen Ruinen in Castel als Baumaterial entnommen worden 
sein (G. C. Braun^ Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfr. im Rheinl. II, 
S. 38 ff. Freudenberg, Anzeige von Schaab's Geschichte der Stadt 
Mainz, Jahrbücher UI, S. 179). 

4. Bestimmten Nachrichten zufolge baute Karl der Grosse eine 
stehende Brücke bei Mainz über den Rhein. Einhard spricht in der 
Vita Caroli Magni, c. 17 (Pertz, Mon. Germ. bist. SS. II, p. 452) von 
den Werken Karls, die dem Lande zum Nutzen und zur Zierde gereich- 
ten. Unter diesen erscheinen ihm als die vorzüglichsten die Kirche in 
Aachen, et pons apud MogwKtiaewn in Beno quingefvtorum passuum 
longütulinis, — Qui tarnen, so berichtet er weiter, uno antequam dece- 
deret anno incendio confUigravit , nee refid potuit propter festinatum 
illius decessum, qucmquam in ea meditatione esset, ut pro ligneo lapi- 
rfeim restitueret. Und c. 32, p. 460; Item pons Hreni apud Mogun- 
tiaeum quem ipse per decem annos ingenti läbore et opere mirabüi de 
Ugno üa eonstruxit, ut perhenniter durare posse videretttr, ita tribus 
horis fartuito incendio eonflagravit, ut praeter quod aqua tegebcUur, ne 
una quidem hastula ex eo remaneret. Hiermit ist zu vergleichen Poet« 
Saxo (Pertz, Mon. SS. I, p. 275, v. 443—462), der die mächtigen, aus 
dem Wasser emporragenden Brückenpfeiler vielleicht selbst noch sah: 
coUes ingentes flucttbus in niediis, und besonders v. 457 sq.: Virtutis 
monimenta manent tarnen eius in aevum. In vastis stantes gurgitihus 
tumuli; sowie Monachi Sangall. Gesta Karoli I, 30 (Pertz, Mon. SS. II, 
p. 745). Da 10 Jahre für den Bau verwendet wurden, so kann es sich 
unmöglich um eine ganz aus Holz construirte Brücke handeln. Gewiss 
war der Unterbau (die Pfeiler) von Stein , wie durch den Poeta Saxo 
and den Mönch von St. Gallen (cuius rei testes aMtui sunt arcae pontis 
Magontiacensis) bestätigt wird. Eben auf eine solche Brücke weisen 
die zwischen Mainz und Castel aufgefundenen Ueberreste hin. Im Jahre 
i854 Hess sidi noch die Lage von 18 Pfeilern nachweisen (W. Heim, 
ober die ehemalige stehende Rheinbrücke zwischen Mainz und Castel, 
im 6. Hefte der Abbildungen von Mainzer Alterthümem, mit 2 Tafeln, 
1855). Man wird daher mit Sicherheit annehmen dürfen, dass diese 

UoliTsafh. z. Rom. KaiAort^rcscIi. I. 3 



34 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Man sehnte sich in Rom nach ihm.*) Ein damaliger 
Dichter forderte den Rheinstrom im Namen der Tiber auf, 
Trajan seinem Volke und seiner Stadt zurückzugeben.') Noch 
in seiner Abwesenheit schrieb Tacitus die Germania, eiue 
politische Gelegenheitsschrift, die den Zweck hatte, die Be- 
deutung der Thätigkeit Trajans ins rechte Licht zu stellen. 
Man sieht aus dieser Schrift, die schnell genug entworfen 
wurde, welch ausserordentliche üebung die Romer gewonnen 
hatten^ fremder Völker Sitten und Natur auch ohne person- 
liche Anschauung richtig zu fassen.^) 



Rainen ihrem ganzen Umfange nach jener Brücke Karls des Grosaen 
und nicht einem Bömerwerke angehören. 

1) Plin. Epist. ad Traian. 10 ed. Keil: Olwiam ituma, quo miUurius, 
domine, exoptatissimi adventus tut gaudw frui pos»im, rogo per- 
mittas mihi quam longissiine occurrere tibi. 

2) Martial. Epigr. X, 7. Äd Ehenuni: 

Traianum populis suis et urhi, 

Tibris te dominus rogat remittcis. 
Mommsen (Hermes III, S. 121 f.) hat nachgewiesen, dass die zweit<^ 
Bearbeitang des zehnten Buches der Epigramme Martials im Jahre 98 
vorgenommen wurde. 

3) Die Germania wurde im Jahre 98, im zweiten Consulate Trajans 
geschrieben (c. 37); jedesfalls erschien sie während seines Aufenthaltes 
in Germanien, vor dem Einzüge in Rom. Die Ansichten über die Ent- 
stehung dieser Schrift sind getheilt. Sehr verbreitet ist die Meinung, 
Tacitus habe seinen entarteten Zeitgenossen in dem kräftigen und un- 
verdorbenen germanischen Volke, bei welchem sich manche an das 
frühere Römerthum erinnernde Züge finden Hessen, einen Sittenspiegel 
vorhalten wollen. So sagt Merivale, VU, p. 298: l'he Germania pre- 
sents an eldbornte co^ntrast between the vices of a polished age and tlie 
inrtues of barbarisfn. It is an alarum rung in the ears of a careless 
generation etc. Man kann nicht leugnen, dass in dem durch Tacitus 
vorgelegten Gemälde ein indirecter moralisch - tendenziöser Mahnruf 
liegt; aber seine Absicht war es nicht, eine Satire zu schreiben: 7a 
legon nait du cont raste, et les allusions se prdsentetU d'elles-memes 
(Bumouf, Oeuvres completes de Tacite, Introd. p. V). Er weist wie auf 
die Tugenden der Germanen, so auch auf ihre Fehler hin. Für eine 
Satire wäre die Aufnahme einer grossen Menge von Nachrichten, die 
das ethische Gebiet nicht berühren, zwecklos gewesen. — • Unbefangener 
Prüfung erscheint die Germania als eine politische Broschüre, hervor- 
gegangen auK dem Interesse, das Tacitus als Staatsmann au den ger- 



I. Tr^jana Aufkommen und erste Regiemngsjahre. 35 

In der zweiten Hälfte des Jahres 99 hielt Trajan seinen 
Einzag in Rom.*) Er wurde mit unendlichem Jubel begrüsst. 
*Ihn wollten die Kinder kennen lernen ^ auf ihn zeigten die 
Greise; Kranke sogar schlichen gegen der Aerzte Y.orschrift 
herbei, als ob sie in seinem Anblick Heilung und Gesundheit 
hatten finden können.' Der Kaiser aber schritt langsam 
zirischen der zudrängenden Menge einher, zeigte sich freund- 
lieh gegen Vornehme und Geringe , und bewahrte bei allen 



maoiscben Angelegenheiten nahm, und veröffentlicht mit der deutlich 
zu erkennenden Absicht, die Römer über die Noth-wendigkeit einer 
dauernden Consolidirung der gegenseitigen Beziehungen in den rhena- 
nischen Grenzgebieten aufzuklären. Es musste in Rom auffallen, dass 
Trajan nicht unmittelbar nach dem Tode Nerra's aus Germanien zurück- 
kehrte. Domitian hatte das Volk über das wahre Verhältniss zu den- 
Germauen getäuscht (Agricola, c. 39). Man wurde ungeduldig (Mar- 
tial. a. a. 0.; PUn. Faneg. c. 20: lam te civium desideria revocabant). 
Da trat Tacitus auf und rechtfertigte durch eine seiner Absicht nach 
wahrhafte Schilderung der deutschen Völkerschaften, durch Hervor- 
hebung ihrer Gefährlichkeit als kriegerische Nation das Verhalten des 
Kaisers. Gerade diese unmittelbare Beziehung auf Trajan (sie ist in 
c. 37 ausgesprochen) erklärt überhaupt das Erscheinen einer solchen 
Schrift in einer Zeit, in welcher mau das umfangreichere Werk des 
älteren Plinius über den gleichen Gegenstand noch nicht vergessen 
haben konnte. Es kam in jenem Augenblicke darauf an, in möglichst 
scharfer und conciser Form das Wesentliche und Entscheidende aus 
üem zar Verfugung stehenden Material dem Leser vorzulegen. 

1) Die Zeit des Einzuges lässt sich nur annähernd festsetzen. Das 
zweite Consulat bekleidete Trajan im Jahre 98, als er noch in Germa- 
nien war, itixta barbaras g&ntes (FHn. Faneg. c. 66). Für das folgende 
<fahr schlag er das Consulat aus, weil seine Abwesenheit fortdauerte: 
pt^u« f<jpo mdeo proximo anno consulatus recusandi hanc praecipuam 
fuiftse rationem, quod eum absens gerer e non poteras (c. 60). Im An- 
fange des Jahres 99 befand er sich also noch ausserhalb Italien^ 
gegen Ende des Jahres aber war er sicher in Rom, denn er nahm 
au den Comitien für die Consulwahlen des Jahres 100 Theil (Faneg. 
c 63. 64). Es steht daher nichts der Annahme entgegen, dass er im 
S^tsommer oder vielleicht erst im Herbste seinen Einzug in Rom 
hielt. — Plinius (Paneg. c. 20) stellt die Reise Trajans nach Rom 
^d sein bescheidenes Auftreten dem mit übermässigen Kosten ver- 
Wdenen Rückzuge Domitians aus den Donauländern (nach dem Frie- 
denBabschliisse mit Decebalus im Jahre 90) entgegen. Hieraus schliesst 
tiurnoof, Fanägyrique de Tngan, p. 182 wol mit Recht, Trajan sei 
flieht von Germanien, sondern von Paniionicii aus nach Italien geroist. 



36 Johannes Dierauer: Geschichte Trajanf«. 

Freudenbezeugungen, die seine Ankunft erregte, veürdigen 
Ernst. Als er endlich das Gapitol bestieg, als bei den Römern 
die Erinnerung an den Tag erwachte, an welchem Nerva 
zwei Jahre früher von der gleichen Stelle aus die Adoption 
verkündigt hatte: da verdoppelte sich der Jubel; * Alles "war 
angefüllt mit Altaren, bedeckt mit Opfern; Aller Wünsche 
vereinigten sich zur Wohlfahrt eines Einzigen, weil man 
fühlte, dass im Glücke dieses Einzigen das Glück Aller lag/ *) 
In der That war schon Trajans äussere Erscheinung 
dazu angethan, den Romern Vertrauen einzuflossen. Seine 
Gestalt gieng über die gewöhnliche Grösse. Seine Gesichts- 
züge waren regelmässig, scharf ausgeprägt; es lag in ihnen 
der charakteristische Ausdruck jeuer mit Besorgniss unter- 
mischten Zuversicht, die der Gedanke an die überwältigende? 
aber muthig getragene Verantwortlichkeit aufdrückt. Sein 
reiches aber schlichtes Haar verdeckte den obern Theil der 
Stime: die Mühen und Wechsel des Lebens hatten es bereits 
gebleicht. Aber sonst war nichts Greisenhaftes an ihm. Er 
stand damals noch in ungebeugter Manneskraft: seine Hal- 
tung verrieth den Soldaten und zugleich den imponirenden 
Herrscher. ^ 



1) Plin. Paneg. c. 22. 23. Trajan gieng zu Fusfee, was ihm Plinius 
sehr hoch anrechnet (c. 24). 

2) id. c. 22:- Tu sola corporis proceritate elatiar aliis et excelsior. 
c. 4: lam firmitas, iam proceritas corporis, iam honor capitis et di(fni- 
tas oris, ad hoc aetntis indeflexa matuntas nee sine quodam munere 
deum festinatis senectutis insignihus ad augendam maiestatem ornatn, 
caesaries, norme Jonge lateque principem ostentant? Im Feldzuge des 
Jahres 117 (damals war er allerdings über 60 Jahre alt) kam er in 
Lebensgefahr, weil die Feinde ihn au seinem weissen Haare und ehr- 
würdigen Aussehen erkannten (Dio Cass. LXYIII, 31). Joannes Malalas, 
ed. Bonn. p. 269 sagt: f|v bi jiiaKpöc, lr\p6c rd^ cid^ari, ^cXdrxpooc, 
XcirToxapdKTTipoc, KovböOpi?, iroXiöc, ßaOctc €xujv ö<p6aXfio0c. Diese Züge 
treffen nur zum Theil zu. Man darf sich überhaupt nicht auf Malalas* 
Personalbeschreibungen verlassen. Nach ihm trug z. B. Nerva einen 
dichten Bart, während notorisch Hadrian der erste Kaiser war, der 
den Bart wachsen Hess (Dio Cass. LXVIII, 15). Sehr ungenau schreibt 
Joannes Lydus, de mensib. IV, 18, cd. Bonn. p. 60: xai tö ^^v cüj)jia 
T^v ßpaxOc. Die noch vorhandenen Büsten und Statuen geben in dieser 



I. Tnyans Aufkommen und erste KegicrungBJahre. 37 

Die Art und Weise, wie Trajan zum Throne gelangt 

war, verlieh seiner Herrschaft hinreichende Legitimität. 

Allein es lag am Tage, dass jeder andere römische Bürger 

seines Standes, ja, nach den in der Adoption zum Ausdruck 

gelangten Principien jeder Staatsbürger überhaupt, rechtlich 

eben so viele Ansprüche auf den Thron hatte geltend machen 

können, als Trajan selbst durch die freie Entscheidung Ner- 

Fa's zugestanden ware^. Wie schon oben hervorgehoben 

wurde, musste er daher vor allem darauf bedacht sein, sich 

mit dem Adel in freundliches Yerhältniss zu setzen. 

Wir finden, dass er in dieser Beziehung nichts versäumte. 
Noch während seines Aufenthaltes in Germanien vermied er 
es, die unter seinem unmittelbaren Befehle stehenden Offi- 
ziere seiuen höheren Rang fühlen zu lassen: er verkehrte 
mit ihnen im Tone scheinbarer Gleichstellung.') Bei seinem 
ersten Auftreten in Rom kam er den Mitgliedern des Senates 
mit ausnehmender Freundlichkeit entgegen : der derbe Soldat 
beobachtete gewissenhaft die Forderungen der Etiquette.') 
£s scheint, dass er damals aufs neue sein Wort für die 

Beziehung die beste Auskauft. Das Antikenmuseum des Louvre besitzt 
eine Büste von vorzüglicher Erhaltung, sowie drei Statuen, von denen 
zwei den Kaiser stehend darstellen, angethan mit dem ßrustpanzer, auf 
welchem dacische Trophäen in BeUef abgebildet sind, — die dritte 
mtsend auf einer sella curulis mit einem Globus in der linken Hand. 
Vgl. Mongez, Iconographie romaine, T. Hl, Planche 36, Paris 1826. 
Merivale, VII, p. 270 f. 

1) Plin. Paneg. c. 19: Tu tarnen maior amnibus quidem ercu, sed 
sine uüius deminutione maior: eandeni auctoritatcffi pra^setite te quisque 
quam absente retinebat, — sie imperatorem oommilitonemque miscueras 
vA Studium omniufn laboremque et tamquam exactor itUenderes et tam- 
quam particeps sociusque rdevares, c. 10 : Imperator tu tituiis et ima- 
Sinibus et signis, ceterum modestia labore vigilantia dux et legatus 
ä miles. 

2) id. c. 23: Graium erat cunctis, quod senatum osctUo exciperes, 
ut dimissus osctUo fueras (d. h. vor seinem Abgänge nach Germanien)^ 
graium quod equestris ordinis decora hofwre twminwm sine mmiüore 
«ignares (cf. Suet. Nero, c. 10). In Plinius' Augen hat der feine An- 
stand, mit dem sich Trajan zu benehmen wnsste, ganz besondern Werth 
(vgl. c. 71, wo von der Begrüssnng der Gandidateu für das Consulat 
die Eede ist). 



38 JolianncB Dierauer: Geschichte Trajani*. 

persöuliclie Sicherheit der Senatorier verpfändetet) Seitdem 
der Seuatorenstand mit der Entwickelmig der absoluten 
Monarchie factisch und rechtlich in die Stellung der alten 
Nobilitäten eingetreten war, seitdem die ausgezeiclinetsteu 
Männer aus allen Theilen des Reichs in denselben aufge- 
nommen wurden, hatte er auch dem Kaiser gegenüber, ganz 
abgesehen von dessen Persönlichkeit, eine viel höhere Be- 
deutung gewonnen.^) Wenn schon Nero in seiner letzten 
Zeit, und noch viel mehr die Fla vier auf den Senat Rück- 
sieht nehmen mussten, so war Trajan, dessen Familie erst 
in jüngster Zeit bekannt geworden war, am wenigsten im 
Falle, sich über dessen formelle und materielle Ansjirüche 
hinweg zu setzen. So viel wir zunächst aus seinen ersten 
Regierungsjahren erfahren, entschlug er sich dieser Rück- 
sichten keinen Augenblick : in der Curie benahm er sich wie 
ein einfacher Stator. ^) Man bemerkt aber auch, und ein 
Zeitgenosse hat diese Thatsache mit Genugthuung hervorge- 
hoben, dass Trajan den Resten des alten Adels, ^enen Ab- 
kömmlingen der Helden, jenen letzten Söhnen der Freiheit' 
eine wohlbercchnete Aufmerksamkeit schenkte, indem er 
junge Männer aus diesen Kreisen durch Verkürzung der Anits- 
intervalle möglichst schnell zu höhern Magistraturen gelangen 
Hess. ^) Man darf hiermit die Restitution zahlreicher Mün- 



1) Dio Caas. LXVIIl, 5: Kai xaOxa koI öpKOic oö t6t€ ^övov, äWä 
Kttl öcTcpov iiriCTcbcaTo, Kttl €pTuj dv€ii^&uice, Kaiirep ^irißouXeu- 
Oeic; vgl. c. 16 über die Verschwörung des Calpurniiis CrassuK, dessen 
Bestrafung er dem Senate übertrug. Die Schonung der Senatoren hebt 
auch Eutropius (VIII, 4) hervor. 

2) Priedländer, Darstellungen aus der Sittengeschicht« Roms, I, 
S. 166 f. 

3) Plin. Paneg. c. 65. 71. 76. Mart. Epigr. X, 72: Non est hie 
Domhius, sed imperator, Sed iustissimus onuiium Senator. Als Consul 
nannte er dio Prätoren seine Collegen (Paneg. c. 77). Er machte von sei 
nem Intercessionsrechtc nur den beschränktesten Gebrauch (c. 4). 

4) Plin. Paneg. 69: Tandem ergo wobilitas non obscuratur, sed in- 
Instratur a principe: tafidem illos ingentium virorum nepotes, ilhs 
postcros libertatis nee terret Caesar tiec pavet; quin immo festinatis 
honorihus amplificat atque angei et maioribus suis reddit. Man braucht 



I. TrajanH Aufkommen und crstü Ik'ffierungBJahrf. ol) 

zea aus der republikanischen Zeit in Verbindung bringen, 
die er etwas später , wahrscheinlich erst nach dem zweiten 
dacischen Kriege vornahm J) 

Während er die überkommenen Ansprüche des Senate» 
sorgfältig beachtete, verlieh er ihm zugleich seine alte Würde ; 
deim man wird nicht leugnen können, dass diese Versamm- 
lung in den letzten Jahren Domitians, als sie der Willkiir 
eines unsinnigen Regimentes preisgegeben war, sich bisweilen 
zu Acten niedriger Schmeichelei herabliess.^) Trajan ge- 
stattete volle Freiheit in den Verhandlungen, und erweckte 
dadurch Aufrichtigkeit und gegenseitiges Zutrauen.^) So ge- 
staltete sich gleich von Anfang das glücklichste Verhältuiss 
zwischen der kaiserlichen und der im rechtlichen Sinne sou- 
veränen Gewalt. 

Bei den Wahlcomitien für das Consulat des Jahres 1(X) *) 

nicht anzunehmen, dass durch diese Begiinstigungen die Annalgesctzo 
verletzt wurden. 

1) Eokhel, Doctr. numor. V, p. 108. Borghcöi, Oeuvres completes, 

T.I,p. 215 f. Cohen (Mediiillcs consulaires, lutrod. p. XXVIIl fl ) kennt 

43 Famüienmünzen , die von Tr^an restituirt wurden. Sie tragen die 

alteu Typen mit der Umschrift IMPCAESTliAIANAVG GEliDAC 

P PREST-, so dass auch hier die Kücksicht auf die Familien der ropubli- 

kaoiüchen Nobilität nicht zu verkennen ist. Wir finden diese Hestitu- 

tion auch bei Dio Cassius erwähnt, LXVIII, 15: tö T€ v6|biic|Lia irdv t6 

^SiTi)\ov ^Scx^iveucc. Mommsen, (icschichte des röm. Münzwesons, 

S. 158 glaubt, dass die VerschliiFenheit des Geprilges nur ein Vorwand 

iiir die Umschmelzung war, indem sich bei der damaligen Verschlech- 

(<'rung des SUberdenars trotz aller Abnutzung der Htiicke noch ein 

»nsohnlicher üewinn ergab. Die Zahl der restituirten Typen ist aber 

verhältniEsraässig gering und manche Exemplare sind ausserordentlich 

An. 

2) Hin. Paneg. c. 54. 76: Plinius übertreibt hier, wie überall, wo 
^T auf die Zeit Domitians zurückgeht. Siehe den Excurs. 

3) id. c. 76: Interroffavit qmsqiie quod plaaiit: dissentirc, discedere, 
^^ copmm iudicii sui rei puhUcae f'acere ttUum fiiit: consuUi omnes 
«^IfM« etiam dinumerati sumiis, vicitque sefUentia non prima sed melior. 
f' 74: Vfüinde dabat vocihus nostria fidem apud Optimum principem 
M apud fiuüos därahtbat; cf. Tacit. Agric. c. 3. 

4) Sein Collega im Jahre 100 war Sex. Julius Frontinus, der bekannte 
Verfa«wr der Strategemata und einer Schrift über die Wasserleitungen 
<lw Stadt Uom, nun ebenfalls Cos. III. (Plin. Paneg. c. 60: rcccpisti enim 



40 Johannes Dierauer: CicBchichte Trajan». 

gab er recht eigentlich die Principien zu erkennen, die er in 
seinem Regimente einzuhalten gedachte. Er unterzog sich 
allen Förmlichkeiten, die in der republikanischeu Zeit be- 
obachtet worden waren. Persönlich erschien er auf dem 
Marsfelde, liess Auspicien anstellen, hörte das einleitende 
Gebet an und legte feierlich nach erfolgter Bestätigung 
seiner Wahl den Eid in die Hand des renuntiirenden Gonsuls 
ab.^) Indem Trajan vor der versammelten Menge auf die 
ehrwürdigen Gebräuche der Republik zurückgieng, bewies er 
deutlich, dass er sich an die Grundlagen des römischen 
Staatslebens halten wollte. In dem Schwüre, dass er sein 
Leben und sein Haus dem Zorn der Götter preisgebe, wenn 
er als Gonsul jemals wissentlich gegen den Staat sich ver- ' 



tertiwm consülatum ut dares). Clinton folgt den Gesnerschen Fasten (ad 
Plin. Paneg. 00), die irrthümlich den zweiten Consul M. Cornelius Fronte 
nennen, nach der Chronik des Cassiodor (vgl. Mommsen, in den Abhandl. 
d. Bachs. Gesellsch. d. Wissensch. 1860, S. 635). Frontinus trat früher 
zurück als Trajan; an seine Stelle wiurde wahrscheinlich Vestricius Spu- 
rinna gewählt, der unter Nerva als Legat von Untergermanien einen 
vertriebenen König der Bructerer in sein Reich zurückgeführt und vom 
Senat die Triumphalstatue erhalten hatte (Mommsen, im Hermes III, 
S. 39, vgl. S. 40, A. 1). Er war nach Plin. Paneg. c. 61 schon zweimal 
Consul gewesen: Equideni illum antiquum senatum cofitua'i viddmr, 
ctwi ter consüle adsidente tertio consulein designatum rogari setUentiam 
cernerem, — Quid, quod duos pariter tertio consulatu, duos coUegas 
tui sanctitate decorasti? ut sit nemini dvibium hanc tibi praecipuam 
causam fuisse extendendi consulatvs tui, u^t duarum consulatus ample- 
cteretur collegamque te non wii dar et. Uterque nuper consuieUum alte- 
rum gesserat (i. e. Frontinus et Spurinna), a patre ttw, id est quanto 
minus quam a te datum! In c. 60 ist von persönlichen Verpflichtungen 
die Rede, die Trajan diesen beiden Consuln schuldete (utriusque eura, 
utriusque vigilantia öbstrictiis es, Caesar). Sie würden einiges Licht 
auf die frühere Geschichte Trajans werfen, wenn sie uns nSlier bekannt 
wären. 

1) Plin. Paneg. c. 63 — 65. Die Ausführlichkeit, mit welcher sich 
Plinius über die Comitieu und das Zurückgehen Trajans auf die alten 
Formen verbreitet, zeugt für die Bedeutung, die man diesen Dingen in 
den senatorischen Kreisen beilegte. — Dass Trajan die Auspicien über- 
haupt sorgföltig beobachtete, berichtet Plinius in c. 76. Er versäumte 
nie, vor einer Senatssitzung nach dem Fluge der Vögel zu schauen: 
una erat in limine mora, cmtsuUare aves revererique 7iuminum monitus. 



I. TngaiiB Aufkommen und erste Regierung^t^ire. 41 

gehen sollte^ lag die Absicht ausgesprochen, sich jedes ille- 
galen Actes zu enthalten. Er wollte möglichst gewissen- 
bafter oberster Beamter des Staates sein^ nicht ausser dem 
(lesetze^ sondern im Gesetze stehen, den rechtlichen Formen 
sich bis ins Einzelne unterziehen, aber auch consequent mit 
der gleichen Straffheit, die er sich selbst vorschrieb, den 
Staat regieren nach Recht und Gesetz. 

So sehr hatten sich die Römer bereits in die Monarchie 
eingelebt und sich gewöhnt, den Kaiser nach Willkür han- 
deln zu sehen, dass ihnen diese Vorgänge trotz ihrer republi- 
kanischen Erinnerungen beinahe unbegreiflich schienen. 
Pliuius hört und lernt zum ersten Male, ^dass der Herrscher 
nicht über dem Gesetze, sondern das Gesetz über dem Herr- 
acher steht.'*) 

Schon im Jahre 98 war Trajan vom Senate der Ehren- 
name 'Vater jles Vaterlandes* ertheilt worden^); jetzt erhielt 



1) id. c. 65. Sein Erstaunen ist besonders in c. 64 ausgedrückt: 
Siupeo, patres conscripti, necdwn satis aut oaUis meis aut auribus credo, 
atqwe identidem me an audierim, an viderim tnterrogo. Imperator ergo 
et Caaar et Ängugttis et pontifex maximus stetit ante gremium con- 
sulis et€. Wie nüchtern und zutreffend gegenüber dieser enthusiastischen 
Geschwätzigkeit ist dagegen eine Stelle bei Aurelius Victor, Epit. 13: 
fTraianus) iustitiae vero ac iuris humani divinique tarn repertor novi, 
quam inveterati ciutos, Quae omnia eo maiora visebantur, quo- 
Mam per muUos atque eUroces tyrannos perdito aJtque prostrato statu 
Romano, in remediwn tantorwn mdhrum divinitus credeibatur oppor- 
tune datus. 

2) PUn. Paneg. c. 21: At tu etiam nomen patris patriae recusahas, 
Quam hnga nobis cum modestia tua pugna! quam tarde vicimus! No- 
men iüud, quod dlii pritno statim principatus die, tU imperatoris et 
Caesaris, receperunt, tu usque eo distulisti, donec tu quoque, beneficio- 
ncm tuorum parcissimus aestimator , iam te mereri fatereris. Itaque 
9t^i omnium contigit tibi ut pater patriae esses ante quam fieres. Diesen 
Worten zufolge muss man annehmen , Trajan habe sich anfongs aus 
Bescheidenheit das Attribut Pater Patriae versagt. Auf einer Inschrift 
aoB dem Jahre 98, da Tr^an zum zweiten Male Consul war, erscheint 
dieser Beiname in der That noch nicht (Orelli, n. 278); ebenso fehlt er 
aof einigen Münzen, die während des zweiten Consulates geprägt wur- 
den (Eckhel, Doctr. numor. VI, p. 412; Cohen, II, Trajan, n. 3. 7. 
182-197), jedoch nicht auf allen (vgl. Cohen, n. 2. 4. 6. 8. 324). Auch 
usschriftUch ist die Verbindung von P. P. mit dem zweiten Consulate 



42 Johanne^ DicTduer: <ie?cliichte Tnyaus. * 

er den Beiuanieu *der Beste', den er jedoch erst viel später, 
etwa vom Frühjahre 114 an, nach einem erneuerten Senats- 
beschlusse als ofGciellen Titel trug.*) 



nachweisbar (vgl. die von Kanitz mitgetheilte Inschrift auR Praovo in 
Serbien, in d. Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wissensch., XXVI, S. 20O). 
Von Ende 99 an (Orelli, n. 449, Meilenstein von Baden im Aargau auf 
der Züricher StadtbibHothek: COS-II- DES HIPP) finden wir den 
Titel regelmäusig. Man kann also fiir die Zeit der Uebemahme dessel- 
ben zweifeln zwischen dem Jahre 98 und dem Anfang des folgenden. 
Eine Stelle in Plinius* Panegyricus (c. 57) spricht ffir das Ende des 
Jahres 98. Plinius berichtet hier, Trajan habe wegen seiner Abwesen- 
heit von Rom das Consulat für das Jahr 99, das ihm der Senat über- 
tragen wollte, nicht angenommen: in hac civitate tertium consulat utn 
princeps genet'ia Jiumani ut praegravem reaisasti. Dann fügt er hinzu: 
Tantone Papiriis etiam et Quintiis moderatiar Äugustus et Caesar et 
pater lyatriae? Der Senat muss ihm eim'ge Zeit vor dem Beginne 
des Jahres 99 das Consulat angetragen haben: damals war er also 
bereits pater patriae. 

1) Plin. Paneg. c. 2: lam quid tarn civile, tarn senatorium quam 
illud additum a nobis oj^timi cognomen? qwod peculiare huius et 
2>roprium adrogantia priorum principum fecit c. 88: lustisne de cau- 
sis senatus populusque Bomanus optimi tibi cognomen ad- 
iecit? — Hoc tibi tarn proprium quam paternum; nee tnagis distinctc 
definiteque designat qui Traianum quam qui Optimum appellat. Trajuu 
erhielt also den Namen UJptimus^ durch Senatsbeschluss noch vor dem 
Jahre 100, oder genauer vor dem September des Jiüires 100, in welchem 
Monat Plinius seine gratiarum actio vortrug, und zwar im Sinne eine» 
eigentlichen Cognomeus, das in die Reihe seiner übrigen Namen ein- 
treten sollte. Besonders die folgende Stelle (aus c. 88) lässt hionil>cr 
keinen Zweifel: Merito tibi ergo post ceteras appellatioues Juice 
est addita, ut maior. Mintis est enim imperatoi'cm et Caesarem et 
Aiagiistum quam omnibus impcratoribus et Caesaribus et Äugustis esse 
meliorcm. Plinius denkt sich also offenbar folgende Nameusverbin- 
dung: IMP. CAESAR AVGVSTVS OPTIMVS. Aber in gleicher Linie 
mit den übrigen Cognomina oder Agnomina Trajans erscheint Optimus. 
erst auf einem Militärdiplom vom ersten September 114 (Henzen, 
n. 6857 a): IMP- CAESAR DIVI NERVAE FNERVA TRAIANVS OCTI- 
MVS AVG • GERM • DACIC • PONTIF • MAX TRIBVNIC • POTESTAT • 
X Vi U . IMP • VII . COS . VI • P . P . cet. Noch auf der Inschrift der Trajans- 
.«^ilule (1. Januar — 31. December 113) fehlt Optimus. Zu vergl. Orelli- 
llenzen, n. 789. 800. 1696. 6769. 7070, und die Münzen n. 60—72, 99—105. 
164—180 bei Cohen, T. II, Trajan. 

Nicht dieses Cognomen Optimus, sondern die einfache Auszeichnung 
'rrnjans als Ojitimus Princeps finden wir dagegen auf sehr zahlreichen 
Münzen schon vom Jahre 103 au, d. h. in Verbindung mit dem 5. Con- 



I. Tmjans Aufkommen und ersto Rügierungsjahre. 43 

Ueber den Rücksichten, die Trajan den Senatorieru 
schenkte; vergass er keineswegs die übrigen Stände. Wie 
Julius Caesar wnsste er die Soldaten für seine Person einzu- 
uehmen. Er ertrug Hunger und Durst mit ihnen und unter- 
zog sich gleich einem gemeinen Krieger aJlen Mühen des 
Dienstes. Den Ermatteten brachte er Trost, den Kranken 
Hfilfe; väterlich sorgend für seine Untergebenen, war er 
stets der Letzte, der sich zur Ruhe legte. Er übte sich mit 
seinen Truppen im WaflFenspiele und freute sich, so oft sein 
Helm oder Schild von einem stärkeren Schlage getroffen 
wurde.') Solche Züge liefen damals von Mund zu Munde '^) 

siilate. Diese Münzen, die übrigens für eine genauere Chronologie nur 
wenige Anhaltspunkte bieten, da die folgende Erneuerung des Consu- 
Utes erst im Jahre 112 Statt fand, zeigen auf der Rückseite gewöhnlich 
folgende Legende: 

S P • Q . R. OPTMO PRINCIPI S • C • 

Die Inschriften stimmen mit den Münzen überein. Nur n. 6774 bei 

üenzen, wo Tnyan im zweiten Consulat OptimuB Maximus Imperator 

genannt wird, scheint hiervon eine Ausnahme zu machen. Da sie aber 

sehr verdorben und die Interpolation unsicher ist, so kann sie hier 

nicht in Betracht kommen. — Somit steht Folgendes fest: Schon vor 

liem September des Jahres 100 bestand ein Senatsbeschluss, nach wel- 

ibem Trajan das Cognomen Optimus in aller Form zuerkannt war, und 

zwar im Sinne eines wesentlichen Bestaudtheües seines voUständigen 

Nunieus, als dfriOvu^ov, titulum cognominis loco (Fabretti, de columna 

itaiana Syntagma, Romae 1690, p. 293). Trajan gab diesem Beschlüsse, 

»ie es scheint, keine officielle Folge. Erst vom Jahre 103 an (frühestens) 

Wete er die Bezeichnung Optimus Princeps im Sinne eines beloben- 

<len Ausdrucks von Seite des Senats (^iriecTov, titulum laudationis^ 

^'ab^e^ti a. a. ). Endlich erfolgte ein zweiter (oder dritter) Senate- 

^chlüss, der im Grunde nur eine Wiederholung des ersten war, nun 

•iWr wirklich ausgeführt wurde. Diesen Beschluss hebt Dio Cassius 

LXVIll, 3 hervor: rd xe äXXa iy^rx^^iZ^to aÖTui noXXA i^ ßouXf| Kai 

OuTinov, €iT* oöv äpiCTOv, diruivöjLiacev , aber er bringt ihn unrichtig 

^^ der Ertheilung des Ehrennamens Parthicus in Verbindung, die 

nach dem mesopotamischen Feldzuge des Jahres 115 erfolgte. Aus 

einer Vergleichung des Militärdiploms bei Henzen, n. 6857 a, mit zwei 

«uitiochenißchen Münzen aus dem 18. Tribunat bei Mionuct, V, p. 176, 

H- 236, 237, von denen die eine den Namen APICTOC noch nicht zeigt, 

?<'M Tiehnehr hervor, dass er zwischen dem 1. Januar und 1. September 

^^^gefaest wurde. 

1) Plin. Paneg. c. 13. 

'^) Plinius selbst verdankt sie offenbar nn'iudlichen Mittheilungen 



44 Johaono» Dierauer: GcHchichte Tri^ans. 

und erzeugten im Heere eine Begeisterung für deu Kaiser^ 
die nicht wenig zu den Erfolgen seiner späteren Kriege bei- 
getragen hat. Aber mit dieser Herabhissung^ aus der sich 
erkennen lässt, v?ie hoch er den Soldaten achtete^ verbaud 
er auch die strenge Zucht, die nach den bekannten Vor- 
gängen im Jahre 97 doppelt nothwendig geworden war. Er 
führte die Truppen zum Gehorsam zurück und erhöhte die 
Autorität der Offiziere. Die Sicherheit seines Auftretens 
und seine persönliche Ueberlegenheit Hessen keinem Wider- 
spruche Raum^), so dass er sich in kürzester Zeit ein voll- 
kommen ergebenes Heer geschaffen hatte.^) Mit Recht kouuie 
ihn Plinius etwa zehn Jahre später den Gründer und Be- 
festiger der militärischen Disciplin nennen.^) 

Das Volk gewann Trajan durch Congiarien*) und Spiele. 
Aus erklärlichen Rücksichten verbannte er anfangs die Pan- 



von Augenzeugen. Sie gehören in die Zeit des Aufenthaltes in Ger- 
manien nach dem Jahre 97. 

1) Plin. Paneg. c. 18: Qtmm speciosiwi est enim qiu)d discijjUfiam 
castrorum lapsam extinctamque refovisti depulso prioris saectdi ninlo, 
inertia et contumacia et dedignatione parendi? Tutum est revererUtaiH , 
tiäum caritatem mereri, nee ducum quisquam aut non amari a müitibtts 
aut amari timet. — Quippe non is princeps qui sibi inminere, stbi in- 
tendi putet qnod in hostes paretur. 

2) id c. 9: cum fortissimum ampUssimum amantissimum 5«» 

exercitum regeret. — Sehr schön wird sein Verhältniss zu den Soldaten 
durch eine Münze aus den Jahren 98 — 102 bezeichnet. Wir sehen auf 
der Rückseite in der Mitte einen Altar, links Trajan, der einem Sol- 
daten die Hand reicht; hinter diesem stehen 3 andere mit Feldzeichen. 
Die Legende lautet: FIDES EXERCITSC- (Cohen, II, Triyan, n. 342). 

3) Plin. ad Traian. 29 ed. Keil. 

4) Plin. Paneg. c. 26. Cohen, T. II, Trajan, n. 324. Wir finden 
hier auf der Rückseite die Legende COS • H • P • P • CONG - PR • S • C • 
Diese Münze gehört in das Jahr 98 oder in den Anfang des folgenden. 
Das erste Congiarium scheint also vor seiner Ankunft in Rom aus- 
getheUt worden zu sein. Aus späterer Zeit ist ein zweites (Cohen, 
n. 330) und ein drittes (n. 321) erwähnt. Sie bezeichnen vielleicht die 
Liberalität des Kaisers nach dem Abschlüsse des ersten und zweiten 
dadschen Krieges. — Trajan scheint auch Geld unter das Volk ver- 
theilt zu haben (Plinius a a. 0.: nisi vero leviter attingi placet locu- 
pletatas trihus). 



I. Trojans Aufkommen und erste Regierungsjahre. 45 

tomimen von der Bühne'); er liess sich aber schnell genug 
bewegen ; sie wieder einzuführen.^) Er hatte eine ganz un- 
geheoerliche Freude an der Befriedigung- der Massen. Die 
Gladiatorenspiele; die Nerva sonderbarer Weise abgeschaflPt 
hatte'); sowie die Thierhetzen nahmen unter ihm einen 
eolossalen Umfang an.^) Ein späterer Schriftsteller äussert 
<>ich trefflich über diese Neigungen Trajans. Es sei wol aus 
der höchsten Staatsweisheit abzuleiten ; dass er nicht einmal 
die Tänzer und die Übrigen Künstler der Bühne ; des Oircus 
und der Arena yemachlässigt habe: *er wusste, dass das 
romische Volk vorzüglich an zwei Dingen hält, an Brod und 
spielen, dass es letztere sogar begieriger verlangt als Ge- 
treidespenden und GeldvertheilungeU; dass die Congiarien 
das Volk einzeln Mann fQr Mann beruhigen; die Schauspiele 
aber die Masse in ihrer Gesammtheit.' ^) 

Sein Privatleben erhöhte seine Popularität. Er huldigte 
zwar der Knabenliebe und war ein starker Zecher.®) Aber 

1) Domitian hatte das öffentliche Auftreten der Pantomimen ver- 
boten (Säet. Dom. c. 7). Nerva führte sie wieder auf die Bühne; aufs 
neue verwies sie anfangs Trajan. Die Art and Weise, wie Plinius 
■Paneg. c 46) die Ordonnanz Trajans sowol Nerva als Domitian gegen- 
über zQ rechtfertigen sacht, macht einen peinlichen Eindruck. S. meinen 
Excora. 

2] Dio Cass. LXyill, 10; nach dem ersten dacischen Kriege. Vgl. 
Friedländer, Darstellnngen ans der Sittengeschichte Roms, II, S. d02. 

B) loannes Malalas, ed. Bonn. p. 268. 

4) Dio Cass. LXYIII, 15., Plin. Paneg. c. 33. Die Stelle bei Plinius 
ist chaiakteristisch iiir römische Anschauung über die Gladiatorenspiele 
und ron Friedländer, II, S. 242 gebührend hervorgehoben. 

5) Fronto, Principia historiae, ed. Mai. Mediol. 1815, II, p. 345, 346; 
^. Niebubr. Berol. 1816, p. 249, 260; vgl. Friedländer, II, S. 127. 
Nach Plinius (Paneg. c 34) hess Trajan dem Volke auch monstruöse 
Wnge zeigen: ingentia robora virorum et pares ammos, nunc inmani- 
tatm ferarum, nunc mans^ietudinetn incognitam, ntm<: secretas illas et 
arcaiMw oc 9vib te primum communes opes. 

6) Dio Cassius (LXVIII, 7) hebt Beides sehr ausdrücklich hervor: 
val oUa ^^v Srt xal irepl MCipdKia xal ircpl otvov ^citouMkci, fügt 
aber hinzu: dXX* cl fi^v ti dK toOtujv f\ alcxpöv f^ koköv f\ dbcöpdKei 
Mt€ir6vO€i, dirrixopiav Äv ctxc* vOv hk toO T€ oTvou biaKÖpuic ^irivc, 
wi vr|<pu)y i^v, iv T€ Totc iTaibtKolc oöbdvQ dXOiniC€v, womit eine glaub- 
würdige Notiz bei Aurelius Victor, Caes. 13 übereinstimmt: quin etinm 



46 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

die damalige Zeit fand in diesen Fehlern um so ^weniger 
etwas AnstössigeSy als sie sich nie zur Leidenschaft stei- 
gerten. Er liebte es auf unruhigem Meere das Ruder zu 
lenken, oder kühne Jagdpartien zu unternehmen^); nocli sind 
Reliefs erhalten , die seine Eberjagden darstellen.^) E^aum 
ist ein Kaiser leutseliger und zugänglicher gewesen. Es 
war für ihn ein Vergnügen, mit wenigen Freunden spazieren 
zu fahren ; oder unangemeldet und ohne Begleitung in 
Privathäuser zu treten.^) Sein Palast stand Jedermann 

vinoleMam, quo uti Nerva angebatur, prudentia molliverat, cu- 
rari vetans iussa j^ost longiores epulas. Zu vergleichen ist, was 
Dio Cass. LXVIII, 31 und ein Fragment (wahrscheinlich aus Arriaiis 
Parthica) bei Suidas s. y. ^XX6ßia nber das Verhältnias Trojans zu 
ArbanduB, dem Sohne des Osrhoenerkönigs Abgarus (Maanu) aas dem 
Jahre 114 berichten. Diese Geschichte hat übrigens echt orientalisches 
Gepräge und scheint früh ausgeschmückt worden zu sein. Mit beissen- 
dem Spotte ergeht sich lulianus (Caesares, ed. Heusinger, Gotha, 1736, 
p. 6) über die sittlichen Mängel Trajans. Sileu warnt den Juppiter bei 
dessen Eintritt: O&pa vOv töi becirÖTij Au, ckottcIv, öitujc ö ravujLir|6i7C 
aOTip (ppoupf)ceTat. . Zu wiederholten Malen wird angedeutet, dass er 
den Wein liebte. Als den Cäsaren während einer durch die Klepsydra 
bestimmten Zeit das Wort zur Rechtfertigung ihrer Thaten gegeben 
wird, da ist es wieder Silen, der die Götter mahnt, ein wachsames Auge 
auf Alexander und Trajan zu halten: sie könnten das Wasser mit dem 
Nectar verwechseln (p. 13). üebertrieben ist die Bemerkung auf p. 23: 
öirö bi Tf)c (piXoirocCac dfißXOrepoc ^auToO iroXXdKtc i^v. Ihr ist die 
angeführte Stelle aus Dio Cassius (LXYIII, 7) entgegenzuhalten, sowie 
eine Notiz des Joannes Lydus, die er sicher einer guten Quelle ent- 
nommen hat: alc6ö^€voc bi öti bießdXXcTO dirl oivo(pXuT((2i , iravTcXüiic 
olvoiroc(ac direixexo (de mensib. IV, 18, ed. Bonn. p. 61). — Plinius lobt 
im Gegentheil die Massigkeit Trajans (Paneg. c. 3. 49, cf. Epist. VI, 31, 13) 
und seine Sittenreinheit überhaupt (Paneg. c. 4. postremo adhuc nemo 
exstitit CHtuü virtutes nullo vitiorum confinio laederefitur ; cf. c. 83, 2). 
Ich denke nicht, dass man Plinius hier der Schmeichelei beschuldigen 
könne ; die erwähnten Fehler mögen sich erst später auffallend gezeigt 
haben. 

1) Plin. Paneg. c. 81. 

2) Auf dem Triumphbogen Constantins in Rom. Rossini, gli archi 
trionfali onorarii e funebri degli antichi Romani, Roma, 1836, Tav. 7*2. 

3) Dio Cass. LXVIII, 7. Eutrop. VIII, 4 (ed. Dietsch): amicoa 
fifthttnndi ccnissft frequentayus rel aegrotantea rel cum fet<tos dies hahuis- 
sent, cotn'iria cum iisdem hidiscretn rwisshn hfdtenHf mepe in rehiculis 
eoruni sedetfu. 



I. Tnyans Aufkommen und erste Regierungsjabre. 47 

offen'); Jedermann durfte sich ihm nahen^ ihn begleiten und 
anreden, wenn er sich öifentlich zeigte.^) Jeden Prunk, jede 
Schranke, die den Herrscher von deinen Unterthanen trennen 
kann, suchte er fem zu halten*^) Wäre er eigener Neigung nach- 
gogaugen, so würde er überhaupt seine Majestät in sehr lässiger 
Weise gezeigt haben. Aus Eutropius erfahren wir, dass ihm 
seine staatskundige Umgebung Vorwürfe über seine allzu grosse 
Herablassung machte. *Ich will,' erwiederte er, 'dem Privat- 
manne gegenüber als Kaiser mich so zeigen, wie ich selbst 
als Privatmann von Seite des Kaisers es wünschen würde.' ^) 
Ersetzte einen gewissen Stolz darein, gleich von Anfang 
mit der Sicherheit eines geübten Herrschers aufzutreten.^) So 
übergab er dem Präfecten der Prätorianer das Schwert mit 
den Worten: 'Gebrauche es für mich, wenn ich das Gute 
wiD und gegen mich, wenn ich Unrecht thue.'*^) Eine über- 



1) Plin. Faneg. c. 48 f. Seit Nerva trug er die Aufschrift 'aedes 
j/uWica«', c 47. 

2) id. c. 24: Liberum est ingrediente per publicum principe sub- 
^i<ere, occurrere, comitari, praeterire: amhuHas inter noft, non quasi am- 
tingas. — Haeret IcUeri tuo quisquis accessit, finemque sermonis suus 
f^i^ pudor, non tua superbia facit. 

3) Im CircoB entfernte er die^ kaiserliche Loge: visenda autem cum 
c(tera ttpecie, tum quod aequatus plebis ac principis locus. — Licebit 
frpo citxbus tuis te invicem cotüueri: dabitur non cuhiculum principis 
^d ijmm principem cernere, inpublico, inpoptdo sedentem (Paneg. c. 61). 

4) Eatrop. VIII, 6: Ämicis enim culpantibus, quod minis circa 
'flNnö communis esset, respondit talem se imperaiorem esse privatis, 
9«öles esse sibi imperatores privatus optasset. Aehnlich sagt von ihm 
PÜDiua: ünum üle se ex nobis, et hoc magis exceUit (Uque esninet, quod 
'"««n ßc nobis putat nee minus hominem se quam hominibus praeesse 
»wwimt (Paneg. c. 2). 

5) Hin. Paueg. c. 24: imixisti enim ac miscuisti res diversissima^s, 
^^^ritatem olim impei'antis et incipientis pudorem, ein Satz, der in der 
hm äoflallend mit dem bekannten Urtheile nbereiustinimt, das Tacitns 
über Nena's Regierung fUUt: set quamquam primo statim beatissimi 
^«ouii artu Nerva Caesar res olim/ dissocidbiles miscuerit, principatum 
^libetiiUem cet. (Agric. c. 3 ed. Halm). 

6)Dio Cass. LXVIII, 16. Aurel. Vict Caes. 13. Der Präfect hat 
^abncheinlich Saburanus, nicht Subunarus geheissen. Auch Pliniiis 
^f rweist auf diesen Ausspruch in c. 67: Nonne vobis, patres cmi- 
*^"J^*, Imc diebus ac noctibus agitare seaim videiwr? * ego quidem 



48 Johannes Dierauer: Geschichte Tri^jans. 

aas freundliche Erscheinung war seine Gemahlin Poznpeia 
Plotina.^) Man hatte ihre würdige Haltung beim Sin zage 
in Rom bemerkt.^) Allen glaubwürdigen Nachrichten zufolge 
war sie ein Muster weiblicher Tugend, ihrem Gemahl von 
Herzen ergeben.') Auf ihr Zuthun wurde damals (um das 
Jahr 100) eine Enkelin Marciana's mit P. Aelius Hadriauus^ 
dem künftigen Kaiser , yermähjt.'*) 



in me, 8% omnium utüitas ita posceret, etiam praefecti manum artnaci — . 
Noch in spätrömischer Zeit erinnerte man sich desselben. Sidouius 
Apolliu. Carm. V. v. 560 sq. (ed. Sirmondi, Paris 1662, p. 327): 
Vix habuit mores similes, cui, teste senatu. 
In 86 etiam tractwm commisercU ülpius ensem. 

1) Den Gentilnamen kennt nur Aurel. Victor, Epit. 12: Nanique 
14* coteteras omittam, Pompeia Plotina incredibile dictu est, quanto 
auxerit gloriam Traiani. Auf Inschriften und Münzen heisst sie nur 
Plotina oder Plotina Augusta (Orelli, n. 792, 793. 3356. Eckhel, Doctr. 
Num. VI, p. 465 sq. Cohen, II, p. 90—93). Wir wissen nichts über 
ihre Herkunft. Plinius erwähnt ihres Namens einmal in seinen Briefen. 
Epist. Vim, 28, 1. 

2) Dio Cass. LXVm, 5. 

3) Eine grosse goldene Medaille Plotina*s aus dem sechsten Con- 
sulate Trcgans zeigt auf der Rückseite einen Altar mit der Inschrift 
ÄRA PVDIC- (Cohen a. a. 0. n. 5), eine Bronzemedaille die Göttin 
der Treue: FIDES AVG- (n. 10. 11). Plinius, der in seiner gratiarum ' 
actio vor dem Senate nicht von ihr sprach (s. den Excurs), hat ihr 
nachträglich einen kurzen Abschnitt gewidmet, c. 83: Tibi uxor in 
decus et gloriam cedit. Quid enim illa sanctius? (cf. Epist. Villi, 28) 
quid antiguius? Nonne, si pontifici maximo eligetida sit coniunx, aut 
hanc a%tt similem (ubi est autem similis?) elegerit? Er rühmt ihre Be- 
scheidenheit: Eadeni quam modica cultu! quam parca comitatuf quam 
civilis incessu! Dass sie Hadrian begünstigte, ist sicher (Spart. Hadr. 
2 — 4), aber mit Unrecht hat man hieraus geschlossen (die Anschuldigung 
findet sich bei Dio Cass. LXIX, 1), dass sie in unsittlichem Verhältnisse 
zu ihm stand. — Es sind einige Büsten und Statuen von ihr erhalten. 
Ein ungewöhnlicher Ernst liegt auf ihrem Gesichte, eine antike Strenge, 
wie Plinius andeutet, vgl. Visconti, Museo Pio Clementino, Rom. 1792, 
Tom. VI, Tav. XLIV (die hier abgebildete Colossalbüate gehört nach 
Visconti in die Zeit Hadrians), imd Mongez, Iconographie romaine, 
T. III, PI. 37. — Sie sowol als Marciana Hessen sich erst dann Augusta 
nennen, als Trajan den Titel Pater Patriae angenommen hatte. 

4) Spart. Hadr. c. 2. Die Vermählung ist vor der Quästur erwähnt, 
die Hadrian im Jahre 101 erhielt (c. 3). Er trat durch diese Heirath 
in doppelte Verwandtschaft zu Trajan. Er war nämlich der Enkel 



I. Trojans Aufkommen und erste RegierungHJahre. 49 

Die Gelehrten duldete Trajan^ schenkte ihnen gelegent- 
lich auch seine besondere Gunst J) Ihm selbst fehlte eine 

einer Tante Trojans und wurde nun der Gemahl einer seiner Gross- 
iiiehten. Dieses Verhältniss erhellt aus folgender Zusammenstellung. 

AeliuB MarylUnunf) 
SC. Ulpius Traianus. Ulpia soror Aelitu quidara. 

1 



M. ripioi Traianns Imp. Mardana aoror.a) P. Aelim Hadrlanu« Afer.c) 

(POmpeia Plotina) (Domitia Paalina) 

Matidia I.b) (L. Vibioa 

Sabinas)c) , 

Matidia IL d) Sabina.e) P. Aelim Hadrianui Imp. Paulina 

^"^ Boror (L. luliui ITrsus Servianus). 

a) Ihr Gemahl war ein sonst unbekannter C. Matidius Patruin us. 
Borghesi, Oeuvres, III, p. 241. 

b) Miutte bei Cohen, II, p. 96, n. 5: MATIDIA AVG • DI VAE MAB- 
CIAKAE F- Boeckh,'Corp. luscript. Graec. 2265. Spart. Uadr. c.ö. 

c) Hommsen, Inscript. Regni Neapol. n. 713S = Henzen, 5460, vgl. 
Borghesi, III, p. 240. 

d) MATIDIA AVG VST AE FILIA DIVAE MARCIANAE AVG VST AE 
NEPTIS DIVAE SABINAE AVGVSTAl«] SOROtt. Oreili 836. 887. 

6} Boeckh, I. c. Spart. Hadr. c. 2: tieptis per sororem Traiani, 

f) Spart. Hadr. c. 1, ed. Feter: Hadriano atavus Maryllinu^. 

g) Spart. I. c. : Hadriano pater Aelius Hadrianus Afer fuit, conso- 
brinus Traiani imperatoris. Der Name seines Grossvaters 
ist uns nicht überliefert. Dieser muss aber mit einer Schwester 
des altem Trojan vermählt gewesen sein. Dass der Vater 
Hadrians ebenfalls das Pranomen Publius trug, entnehmen wir 
der athenischen Inschrift (Henzen, Annali dell' Inst. 1862, p. 139). 
Die übrigen in der Zusammenstellung berührten Verhältnisse 
ergeben sich ans Spart, c. 1. 

1) Phn. Paneg. c. 47: QtLem honorem dicendi tnagistris, quam 
iH^mtionem sapientiae doctorihwi hohes I ut suh te ftjnritum, et san- 
yii/wm receperunt sttidia, quae priorum temporuin inmanitas eriliiA 
]niHid)at. Völker, de imperat. M. Ulpii Nervae Traiani vita, p. 11 
meht luvenaJ. Sat. Vü, v. 1 sqq. auf Trajan: 

Et spes et ratio studiorum in Caesar e tatUum^ 
Salus enim tristes liac tetnpestate Camenas 
Respexit, 

IHese Beziehung ist nicht sicher, vielleicht geht sie auf Hadrian (vgl. 
Jivenal. Sat. ed. Heinrich, Bonn 1839, p. 68). — Der besondem Gunst 
Trajans erfreute sich der Rhetor Dio Chrysostomus. Er deutet dies 
^Ibßt in einer seiner Reden an(XLV, 2, 3, ed. Emperii). Nach einem 
l^nigment bei Suidas Hess ihn Trajan auf seinem Wagen bisweilen neben 
äfh sitzen: bi^Tp€Hi€ TÖ irXciCTov irapd Tpaiavtp tu» Kaicapi, ibc kqI 

luiiT%»fh. t. Rr»iii. KaihcrtTPHch. I. 4- 



5() Johannes Dierauer: rrescliichte Trajan«*. 

gründliche Bildung^); doch besass er Beweglichkeit des 
Geistes genug , um ' sich die praktischen Ergebnisse der 



cuTKoO^Zccöai iv Tiji ßaciXtK(D öxnMOTi (s. v. Alujv). Aus dieser glaub- 
würdigen Thatsache hat aich das Mährchen entwickelt, daas Dio einst 
auf dem Triumphwagen zur Seite Trajans in Rom eingezogen peri. 
Philostrat. Vita Sophist, ed. Kayser, p. 10. 

1) Nach Clinton, Fasti Romani ad ann. 98 war Plutarch der Lehrer 
Trajans gewesen: ^That he tcas the preceptor of Trojan is attested hy 
the epistle apud Sarisbur. Policraticon V, 1 (given in Fabricius BihJ. 
Graeca tom. V, p. 192). For although that e2yistle is spurious, 
yet it is founded an the fad. Trajan according to Dio was born Sept. IS. 
A. D. 56 and would be ten years younger than his master Plutarch. ' 
Wenn aber jener Brief unecht ist, so wird man ihn in keiner Weise 
für die Geschichte Trajans verwerthen dürfen. Wir finden ihn zuerst, 
in lateinischer Fassung, in einem Buche des loannes Saresberienais 
(t 1180 als Bischof von Chartres), betitelt: Policraticus , sive de nugis 
curialium et vestigiis philosophorum libri VIII. In Lib. V, c. 1 (Ley- 
dener Ausgabe 1596, p. 213) heisst es: Extat epistola Plutarchi Traia- 
num iustituentis, quae cuiusdum poUticae constitutionis exprimit sensum. 
Ea dicitur esse huius modi. Nun folgt der Brief. Plutarch macht sei- 
nem Schüler zunächst ein Compliment; er weiss, dass Trajan in seiner 
Bescheidenheit nicht nach der Herrschaft getrachtet hat; nun ist er 
aber derselben um so würdiger, je weniger ihn der Vorwurf des Ehrgeizes 
trüit. Beiden ist also zu gratuliren, vorausgesetzt, dass sich Trajan gut 
hält. Alioquin (heisst es weiter) te periculis et ine detraltentium Unguis 
subiectum iri non dubito, quum et ignaviam (!) imperatarum Borna non 
ferat, et senno publicus delicta discipulorum re funder e soleat in prae- 
ceptores. So haben Seneca, Quintilian imd Socrates an ihren Schülern 
Schande erlebt. Trajan aber, dessen ist Plutarch überzeugt, wird sich 
trefflich halten, und wenn er sich selbst nicht vergisst, wenn er sich 
zusammennimmt (sie), wenn er seinen Sinn auf die Tugend richtet, 
wird ihm Alles wol gelingen. Der Brief schliesst mit einem Hinweis 
auf eine politische Schrift Plutarchs, die dem Kaiser für seine Regierung 
zur Richtschnur dienen soll: Politicae Constitution is maiorum vires 
tiJn e.rpressi, cui si oUemperas Plutarchum vivendi habes auctorem. 
Alioquin praesentein epistolam testem invoco, quia in peniiciein imperii 
"non pei'gis auctore Pluiarclw. Man sieht auf den ersten Blick, dass 
dieser Brief, ganz abgesehen von seiner lateinischen Fassung (eine 
griechische ist nicht bekannt), nach Form und Inhalt für Trajans Zeit 
unmöglich ist. Er trägt alle Anzeichen einer schulmässigen Erfindimg 
des Mittelalters, die keinen Anstand nahm, Plutarch mit dem Ansprüche 
eines pedantischen Lehrmeisters gegenüber Trajan auftreten zu lassen. 
Wie diese Fiction entstanden ist, erklärt sich aus einigen Bemerkmigen, 
die der Verfasser des Policraticus an die jenem Briefe folgende ^nstitutio 
Traiani' knüpft. Er behauptet nämlich, die erwähnte Schrift Plutarchs 



I. Trajans Aiifkoiiimeii und erste Regierungsjahre. 51 

Wissenschaft anzueignen J) Wir kennen aus einer Reihe 
von Beseripten seinen Stil : sie sind ein Muster yon gedräng- 
ter, schlichter Kürze und zutreffender Form.'^) Er war nicht 
sehr beredt; aber ein wirksames Wort an seiner Stelle ver- 
stand er zu sprechen.^) 



zu kennen und theilt sie von c. 2 an, p. 213 sqq. im Auszuge mit: 
Sfquuntur eiusdetn pöliiicae constiiutionis capitula in libelJo qui in- 
üfTtbitur 'histitutio Traiani^, quae pro pcuie i)raesenti opusado curavi 
\n$erere, ita tarnen %U sententiarum vestiffia potiiis imitarer quam j^as- 
^<^ verborum. Aber diese Institution passt wieder nicht auf die traja- 
nische Zeit; man erkennt bald, dass es dem Verfasser nicht um die 
Wiedergabe einer plutarchischen Schrift, sondern um die Verwerthung 
seiner eigenen politischen Doctrinen zu thun ist, dass er seinen Leser zu 
täuschen sucht, indem er sich hinter Plntarch versteckt. Dieses Verhält- 
niss ergibt sich klar genug aus folgender Stelle zu Anfang des 6. Buches: 
Dum Plutarchi vestigia in Traiani itistitutione familiarius sequor, me 
ip^um arbiträr hac hnagin^ compellan: eroqiie hidibrio omnium, nisi 
(lüigtntius persequar quod incepi: me efiim in praesenti clientefn eitis 
pTofessm sum. Sequor ego eum et a capüe reipublicae cum eo usque 
nd pedes descendam^ ea tarnen conditione, ut, si his, quibus iura per- 
mittitur igfiorare, mordacior in hac parte apparuero, i^ non mihi 
»ed Plutarcho adscribant, aut Mi potitis qui regulam quam pro- 
f^enlur, et qua vivendum est eis, ediscere noluerunt. Wahrscheinlich 
hat also die Institutio Traiani vor dem Verfasser des Policraticus nicht 
eiistirt; der gleiche Autor wird aber auch, um jeden Schein einer 
blossen Fiction von sich abzuwenden, jenen Brief Plutarchs an Kaisei* 
Trajan erfanden haben. — Gewiss hat Dübner mit Unrecht den Brief 
sowol als Fragmente der Institutio unter die echten Schriften Plutarchs 
aafgenommen. Vide Plutarchi Opera, Paris 1855, Vol. V, p. 59 sq. 

1) Dio Cass. LXVIII, 7: itaxbeiac |li^v yäp ÄKpißoOc, 6cr\ iv Xötotc, 
oö n€T^cx€' t6 t€ fA^v ^p^ov aÖTT^c Ktti rjnlcTaTo Kai ^ttoIci. Plin, 
Paneg, c. 47 : Praestas enim quaequmque praecipiunt (artes). 

2) C. Plini Caecili Secondi ad Traiannm imperatorem Traiani im- 
l)eratoriB ad Plinium Epistularum liber, ed. Keil, Lips. 1865, p. 198—288. 
Wir kommen auf diese Correspondeuz im Abschnitte über die Provin- 
zial?erwaltung Tr^ans zurück. 

3) Plin. Paneg. c. 67: Quae enim illa gravitas sententiarum! Quam 
inadfectata veritas verborum! quae adseveratio in voce! quae adfirmatio 
»H vuHu! quanta in oculis, habitu, gestu, toto denique corpore fides! 
I^se Worte beziehen sich auf die Bede, die Trajan am 1. Jan. des 
Jahres 100 zur Eröffnung des Senates hielt. ^ Eb liegt darin nicht etwa 
Plinius' ürtheil über Trajans Beredsamkeit. Zu vergl. ist Plin. Epist. 
^I^ 31, 11. Aurel. Victor Epit. 13 sagt wol mit zutreffendem Urtheil: 
^f^gis üimpliciara ingenia aut eruditissimos, quamvis ipne parcae esset 

4* 



52 Johannes Dierauer: Geschichte Triyans. 

Fasst man alle diese Züge zusammen ^ sein Privatleben; 
seine Stellung zum Volke, zum Heere, zum Senate, ivie er 
sie nach seiner Ankunft in Rom einhielt, und auch ferner 
einzuhalten gedachte, so muss man erkennen, dass seine 
Regierung zu glänzenden HoflFnungen berechtigte. Den da- 
maligen Römern wurde er zum wahren Abgott^); in seiner 
Person sahen sie ihre kühnsten Ideale von einem Herrscher 
verwirklicht.^) Jeder Stand fand seine Interessen gesichert, 
seine traditionellen Ansprüche zum Theil über Erwarten ge- 
achtet. Nicht nur die Masse des Volkes, sondern auch die 
einsichtigsten Männer jubelten ihm zu und erkannten in ihni 
den Träger einer glücklichen Zeit^); es war ihnen im Ge- 
nüsse eines weiten Masses politischer Freiheit wieder ver- 
gönnt, *zu denken was sie wollten und zu sagen was sie 
dachten.'^) 

Bevor wir Trajan in den dacischen Krieg folgen, werfen 
wir noch einen Blick auf seine administrative und legisla- 
tx)rische Thätigkeit in Rom vom Herbste 99 bis zum Beginne 
des Jahres 101. Wir sind über dieselbe durch die Lobrede 
des jüngeren Plinius, die dieser im September 100 als (-on- 



scientiae moderateque eloquena, (liligehnt. Damit »timmt auch 
liberein» >vas Julianus sagt: ö bi, xaiTrep buvdjiicvoc X^t^^v (6itö ^aOuMiac 
^TTiTp^TTCiv TÄp €l(ij6€i TÄ iToXXd* Tul Co\}pq. Tpd9€i öir^p auToO) qiGcYTo- 
juevoc, f\ X^T^v, ^'m&€{KVU€v. — oöÖ^ y^P »^v ^^^ toö ÖuvacOai f>»jTO- 
p€u€tv (ed. Heusinger, p. 22. 23). Das Wesentliche in diesen ironischen 
Bemerkungen ist leicht zu erkennen. 

1) Eutrop. VIII, 4: Oh haec per orhem terrarum Deo proxirMis nihil 
iwn renerationis meruit et virus et mortuua. 

2) Bezeichnend ist eine Stelle in Plinius' Panegyricus, c. 4: Saepe 
e(fO meaim, patres cMiscripti, facitus agitavi qualem quantumque ««<» 
ojiorteret ctiins ditiont niUuque miiria terrae pax hella regerentur; cum 
interea fingeftti formantique mihi principem quem aeqxwta diis inmor- 
talibus pctestas deceret numquam roto saJtem concipere sucairrit similem 
huic quem videmus. 

a) Tacit. Agric. c. 3. 44. 

4) Tacit. Hist. I, 1 : rara tewporum felicitnte, uhi sentire qyae 

relis, et qune setttias dicere licet. 



I. Tnyans Aiiiltommeu und erste KegieruugHJahre. bli 

»vi im Senate Tortrug und später überarbeitete '); in ziemlich 
ausgedehnter Weise unterrichtet. 

Vor Allem war er bemüht, Hemmnisse jeder Art, die 
einer freien Entwickelung des öffentlichen Lebens entgegen- 
stehen, zu entfernen. Der unselige Umschwung, der sich 
in der Regierung Domitians etwa vom Jahre 93 an bemerken 
lässt^}, verschaffte den Delatoren eine Macht, die zersetzend 
in aUe bürgerlichen Verhältnisse eingriff, vorzüglich aber die 
Interessen der herrschenden Classe tief verletzte. So selir 
waren die Zeitgenossen über dieses Unwesen erbittert, dass 
sie die Vorzüge der frühem Domitianischen Verwaltung ver- 
giissen und sich mit einem Hasse gegen den letzten Flavier 
erfüllten, dem sie nur in den bittersten Worten Ausdruck 
gaben.^ Nerva enthielt sich eines strengen Einschreitens 
gegen die Schuldigen, und er handelte klug: die leidenschaft- 
hohe Aufregung hätte ohne seine Massregeln endlose Pro- 
zesse herbeigeführt.*) Trajan nahni die Untersuchung in 
ruhigerer Zeit wieder auf und verhängte über zahlreiche An- 
geklagte die Strafe der Deportation. Nach einer grausamen 
Sitte wurden ' sie * vor ihrer Einschiffung dem Volke zur 
Augenweide durch den Circus geführt.*) 

1) Vgl. meinen Ezcurs. 

2) Tacitos Agric. c. 44: — tempus, quo Domitianus non iamper intev- 
mlla ac spiramenta tempornm, sed conttnuo et relut tino ictu refft pitbli- 
mm exhausit. cf. Plin. Paueg. c. 75. Imhof, T. Flavius Domitianus, S. 64. 

3) So beeondera PliniuB in seinem Panegyricus (s. d. Excurs). Taci* 
tuü, im Leben seines Schwiegervaters, ist doch zurückhaltender. 

4) S. oben, S. 20, Anmerkung 2. 

5) Plin. Paneg. c. 34. 35. Plinius kann seine Freude über das 
Schicksal der Delatoren kaum verbergen; er nennt sie ein ^intestinum 
»la/tti».' Sie wurden auf unwirthliche Inseln geführt (c. 34, cf. Tac. 
Hist. I, 2). Diese Felseuinseln sind die bei Tacitus mehrfach erwähnten 
Ügäischen Eilande Seijphos uud Gyaros (Aunal. II, 85. III, 68, 69. IV, 30). 
Daas sie dem Volke zur Schau vorgeführt wurden, berichtet ebenfalls 
Plinius a. a. 0.: Vidimus delatoruni iudichim (ed. Keil; Schwarz liest: 
ddatorum agmen inductum), qwm grassatorum, quasi latronum. Trotz 
dieser verschiedenen Lesarten kann man über den Vorgang nicht zwei- 
feln. PUnins hat unmittelbar vorher von den Gladiatorenspielcn ge- 
sprochen; er lobt nun Trajan für die Cicwährung dicECs neuen Schau- 



54 Johauiies Dieraucr: Geschichte Trajans. 

Die Anklagen auf Majestätsverbrechen, die den Confis- 
cationen so oft zum Vorwande gedient hatten, wurden ver- 
boten*), die Testamente vor den EingriflFen des Fiscus ge- 
sichert.^) Er errichtete einen eigenen Gerichtshof für fiscalisclie 
Prozesse, der ohne Rücksicht auf den Kaiser nach Recht und 
Billigkeit zu entscheiden hatte. 3) 

Einen höchst wichtigen Zweig der Verwaltung bildete 
bei der -stets wachsenden Bevölkerung Italiens und Roms die 
Ueberwachung der Getreidezufuhr. Trajan zuerst suchte 
durch massenhafte Anhäufung von Getreidevorrätheii deji 
Zufälligkeiten in der Productivität der Kornländer zu be- 
gegnen."*) und so wirkungsvoll waren seine Massregelu, dass 
Aegypten im Jahre 100, als dort in Folge von Miss wachs 
eine Hungersnoth drohte, von Italien aus mit Getreide ver- 
sehen werden konnte.^) Ohne Zweifel verlieh schon er den 
SchiflFsrhedem und Getreidehändlern besondere Immunitäten^ 

Spieles; nichts sei des Jahrhunderts würdiger 'quam quod conti git 
de super ifitueri delatorum supina ora retortasque cervices.* Sie 
wurden 'super sanguinem noxiorunV durch die Arena gefiihrt. Ganz 
ähnlich hatte schon Titus die Delatoren bestraft. Suet. Tit. c. 8 (ed. 
Roth, p. 239, 36): Hos assiduc in foro flageUis ac fustihiis caesos, ac 
noüissime truductos per anqihitheatri arenam, partim subici ac renire 
imperacit, partim in asper rimas insiilas aceJii. Vgl. Martial. de spocta- 
culis, ed. Leniaire, Paris 1825, I, p. 10: nee cepit arena noccntes; Et 
delator habet, quod dahat, exsilium. Friedländer, DarstelL aus d. Sitteu- 
gesch. Roms, III, S. 236, Anmerkung 5. 

1) Plin. Paneg. c. 42: servile bellum sustulisti. 

2) id. c. 43. Domitian hatte in seiner ersten Zeit ganz ähnliche 
Verfügungen getroflen. Suet. Dom. c. 9. 

3) id. c. 36: Nam tribunal. quoque excogitatum principatui est, par 
ceteris nisi illud litujatons amplitudine met iuris. Sors et urna finco 
iudicem adsignat Nerva hatte für solche Processe einen Prätor ernannt. 
Pompon. de origin. iuris, § 32. 

4) Ael. Lamprid. Heliogab. c. 27: Cum eo tempore iuuta 2^rocisio- 
nem Severi ei Traiani Septem annorum canon frumentarius Bomae esset, 

6) Plin. Paneg. c. 29—31. Der Fiscus kaufte das Getreide an und 
verkaufte es wieder nach freier Uebereinkunft, ohne auf die Preise zu 
drücken (c. 29). Plinius verschmäht nicht, sich bei dieser Gelegenheit 
in geringschätzigen Ausdrücken gegen die Aegypter zu ergehen (s. deu 
Excurs). Man musste sich aber damals sehr auf Aegypten verlassen, 
vgl. Tac. Annal. XII, 43. 



r 



I. Trjjauis Aufkomiueii iiiul erste Kegiorungsjalire. 55 

ilie zur Privatzufuhr ermunterten J) Wir vernehmen sogar 
von einer Reorganisation der städtischen Bäckerzunft. '^) Um so 
vreniger konnte er sich den umfassendsten Vorkehrungen für 
die Versorgung der Stadtbevölkerung entziehen'^), als damals 
mindestens 20^000 Bürger auf regelmässige Komspenden An- 
spruch machten; abgesehen davon ^ dass bei gewissen Ver- 
anlassungen ausserordentliche Geschenke an das Volk verab- 
reicht werden mussten. 

Eine nicht genug hervorzuhebende Bedeutung haben 
Trajans Bemühmigen für die Alimentation unbemittelter 
Kinder. Die Anfönge dieses Institutes gehen auf Nerva zu- 
rück^), unter Trajan gewann es eine grossartige Ausdehnung. 
In Rom selbst versorgte er 5000 Kinder durch Aufnahme in 
die Zahl der Getreideempfänger.*) In den Städten Italiens 
dagegen stiftete er aus dem Fiscus Gapitalien ^ die auf Com- 



1) Becker-Marquardt, Handb. d. röra. Alterth. III, 2, S. 105. Von 
Alexander Severus wissen wir dies bestimmt. Lamprid. Alex. Sever. 
c. 2*2: Negottaton'bus , ut Romam volentes concurreretU , ma.vimam Im- 
munität em dedit. 

2) Aurel. Vict. de Caesar. 13: Annonae perpetuae mire cotisultum, 
reperto finnatoqu^ pistorum coUef^io. Th. Mommsen, Fragm. Vatic. p. 74 
§ 233: Sed fwn alios puto excusandog quam qiii intra ftumerum con- 
Mituti centenarium pistrinum secunduin litteras divi Tmiani ad Stilpi- 
dum Similem exerceant, 

3) Sie sind im Panegyricus, ausser in c. 29 — 31 auch in c. 26 s. f. 
augedentet: Magniflcum , Caesar, et tuuvi diminctissimas terras tnuni- 
ficentiae ingenio velnt admavere, inmensaque sj)atia Uberalitate cantra- 
htrt, intercedere camhus, occuvmre fartunae, atqiH omni ope adniti nc 
quift e plehe Eomana dante congiarium te Imminem se magis senliret 
fmse quam, civem, 

4) Aurel. Vict. Epit. 12: Fuellas piierosquc natos parentihxis egesto- 
«> sumpto pubUco per Italine oppida ali iussit. Eine Münze aus dem 
dritten Consulate Nerva's (a. 97) zeigt auf der Rückseite eine bildliche 
Darstellung, die sich auf diese Alimentationen bezieht: Nerva sitzt auf 
einer Sella curulis und reicht seine Hand einem Knaben und einem 
Mädchen. Die Legende heisst: TVTELA ITALIAE. Nach Marquardt, 
ill, 2, 8, 112 dürfte hiermit die Erlaubniss zusammenhangen, welche 
Xerva den Communen zur Annahme von Vermächtnissen gal). 

5) Plin. Paneg. c. 28. Hieraus erklärt sich, warum man in Rom 
keine Denkmäler der Alimentationen findet. Vgl.'Henzen, Tab. Aliment. 
Baebian. Rom. 1845, p. 22. 



5(3 Johaiines Dieraucr: (iescliichte Trajaiie. 

luuiialgütem oder Grundstücken von Privaten hypothekarisch 
versichert waren. Die Zinsen derselben wurden für monat- 
liche Unterstützungen von Knaben und Mädchen verwendet^ 
in der Weise, dass diese entweder freies Getreide oder eine 
bestimmte Geldsumme erhielten, lieber diese Verhältnisse 
sind wir besonders durch eine zu Veleia bei dem alten Pla- 
centia aufgefundene Erztafel unterrichtet, die zu den vunfang- 
reichsten uns erhaltenen Urkunden des Alterthums gehört.') 

1) Die Tafel wurde im Jahre 1747 aufgefunden und die Inschrift 
in den folgenden Jahren mehrmals edirt. Vgl. Maffei, Museum Vero- 
nense, Verona 1749, p. 381 — 398. Terrasson, Hist. de la Jurisprudence 
Romaine, Paris 1750 (im Anhang: Veteris lurisprud. Roman, monum.j 
p. 27—43. Sie findet sich abgedruckt bei Fr. Aug. Wolf, Von einer 
milden Stiftung Trajans, Berlin 1808, S. 33-63; bei Francke, S. 381—407, 
und Hänel, Corpus Legum, p. 72 — 78 ad ann. 103. — Der Zeit nach 
gehört die veleiatische Urkunde in die Jahre 103 — 114: Trajan heisst 
Dacicus, aber noch micht Parthicus, die Consulats - und Tribunatszahlen 
fehlen. Doch dürfte der zweite Theil der Obligationen schon aus früherer 
Zeit datiren, da hier der Name Dacicus fehlt (vgl. Henzen, Tab. alimeat. 
Baebian. p. 13 sq.). Pomponius Bassus und Cornelius Gallicanus, die in 
der Urkunde genannt werden, waren von Trajan mit der Leitung des 
Alimentationsinstitutes beauftragt (Borghesi, Bullet, deir Instituto, 1844^ 
p. 126 fl.). In Veleia erhielten 246 legitime Knaben jeder monat- 
lich 16 Sesterzeu (jährlich etwa 38 Fr.), 34 legitime Mädchen jedes 
12 Sest. (28—29 Fr. jährl.), ein unehelicher Knabe jährlich 144 Sest., 
ein uneheliches Mädchen 120 Sest. Das erforderliche Capital betrug 
1,044,000 Sesterzen oder 208,800 Fr., und war zu 6% auf Hypotheken 
veleiatischer Grundstücke und Häuser angelegt: 46 Verschreibungen 
sind der Reihe nach aufgeführt. Aus der Stiftung, die den zweiten 
Theil des Monumentes bildet, wiurden mit den Zinsen eines Capitals 
von 72,000 Sesterzen 18 eheliche Knaben und ein uneheliches Mädchen 
imterstützt. — Wir besitzen femer ein bedeutendes Bruchstück einer 
Urkunde aus dem Jahre 101 (Imp. Caes. NERVA TRAIANO AVG Ger- 
manicO ilH Q. ARTICVLEIO PAETO COS), die in Ligures Baebiani 
in der Nähe von Benevent ausgestellt wurde. Die Fonds betrugen hier 
401,800 Sesterzen, die (wahrscheinlich halbjährlichen) Zinsen 10,045 Seat. 
Vgl. die erwähnte Abhandlung Henzen'a. Mommsen, Inscr. Regn. 
Neapolit. n. 1354. Orelli-Henzen, 6664. Hänel, Corp. Leg. p. 70, ann. 101. 
Dio Cassius berührt die Alimentationen Trajans nur kurz, LXVUI, 5: 
ic bi Tf|v 'Piij|Liriv kcXediv iroUd iitoUx irpöc t€ öiöpOuiciv tiI)v koi- 

vuiv \bc Kttl Taic TiöXeci Tale dv *lTaXi<y Tip6c t^jv tOjv iraibwv 

Tpo<pf|v TToXXd xopCcacOai koI toutouc eöepTCTuiv. Auf Münzen sind sie 
mehrmals erwähnt und dargestellt (Eckhel, D. N. VI, p. 425. Cohen, II, 



I. Tmjans Aufkommen und erste Kcgiorungsjalire. 57 

Keimen wir aber auch die für Veleia verwendeten Summen 
genau • so fehlen uns doch genügende Anhaltspunkte ^ nach 
welchen wir die Ausdehnung der trajanischen Stiftung an- 
uähemd bestimmen konnten. Nimmt man an, dass sie sicli 
über ganz Italien gleichmässig erstreckt habe, so war das 
erforderliche Grundcapital ungeheuer gross.*) Sie hielt sich 
ohne Zweifel in bescheideneren Grenzen, war aber immerhin 
so bewunderungswürdig, dass sicher nichts Aehnliches früher 
im Alterthum bestand.^) 

Trajans Beispiel der Wohlthätigkeit fand Nachahmung 
bei reichen Privaten, die nach dem Muster seiner Stiftung 



Tr^an, n. IS. 14. 299. 300—304). Die Typen auf der Rückäeitc zeigen 
gewöhnlich Trajau, wie er die Kinder hülfreicli aufnimmt, und die 
Umnchrift ALIM • ITAL • S • P ■ Q • R- OPTfflO PßINCIPI. Hierher gehört 
ihrer hüdlichen Darstellung ^vegen auch eine Bronzemedaille aus dem 
5. Consulat mit der Legende REST ITALI ASP- QßOFriMO PRIN- 
CIPI-SC- (Cohen, II, Traj. n. 373, Trajan debout, teuant un aceptre, 
sonnontä d'an aigle et relevant Tltalie ü. genoux qui tient un globe; 
entre eox deux enfants tendant les mains). Ein Relief auf dem Trajans- 
bogeu in Bene^ent zeigt vier mit Mauerkronen geschmückte Frauen 
wahrscheinlich Symbole der italischen Municipien), welche Trajan Kinder 
zufuhren (Henzen, Tab. alim. Baeb. p. 13, not 1. Rossini, gli archi 
triönfaü degli antichi Romani, Tav. XXXVI II~XLI1I). — Plinius erwähnt 
das Institut der Alimentation für die italienischen Städte in seinem 
Panegyricus nicht; um so ausführlicher spricht er von den Alimen- 
tationen in Rom. Nach seiner Darstellung kann man nicht zweifeln, 
da88 die Kosten aus dem Fiscus bestritten wurden. Paneg. c. 26, 3: 
cre^erait de tuo qui crescerenltibi, alimentisque tuis ad stipendia 
im pervenirent. c. 26, 4: rede, Caemr, quod spem Romani nominis 
^umptibus tuis tsuscipis, c. 27, 3: (^uod circa nihil magis in tua 
Ma libtraUtate lauducerim quam quod congiarium *da8 de tuo, ali- 
menta de tuo. Die gleiche Bedeutung hat auch der Ausdruck publi- 
ca mmplihus aluntur in c. 28, 4. Vgl. Marquardt, Handb. d. röm. 
Altertk III, 2, S. 112 fl. 

1} FriUicke, der S. 413 diese Annahme vertritt, berechnet das ver- 
wendete Capital auf über 54 Millionen Thaler. Es lässt sich kaum 
erklären, wie diese Summe angelegt werden konnte; es war gegen die 
Qnmd^tze Trajans, Capitalien aufzudrängen und eben damals liebte mau 
^ nicht, vom Staate Geld auf JHypotheken anzunehmen (Plin. ad Traian. 
W ed. Keil). Wahrscheinlich erstreckte sich die Anstalt nur auf eine 
iHÄchiänktere Zahl von Orten, oder die Fundirung war uugleichmässig. 
2) Dies ist das Urtheil Fr. Aug. Wolfs, in der angef. Abhandlung, S. 23. 



58 Johiuuie» Dioraucr: Geschichte Trajaut«. 

kleiuere Anstalten gründeten J) Hadrian und seiiie Nacli- 
fülger beförderten und vergrösserten das Institut*^); es dauerte 
fort bis auf Pertinax, der es nicht ^aus verhärtetem Zartge- 
fühl', sondern aus finanziellen Gründen aufhob.*) 

£s lässt sich erkennen, dass Trajan mit seinen Alimen- 
tationen, an denen nur freigeborene Kinder^) und zumeist 
Knaben Antheil hatten, zwei bestimmte Zwecke verfolg'te: 
Vermehrung der Bürgerschaft und Rekrutirung des Heeres. 
Die Neigung zum ehelosen Leben bildet eine eigenthümliehe 
Erscheinung in dem socialen Leben der romischen Kaiserzeit. 
Augustus hatte Gesetze erlassen, welche den verheiratheten 
Bürgern civile und politische Privilegien gewährten, sie be- 
standen immer noch^), aber damals so wenig als zur Zeit 
ihrer Entstehung vermochten sie genügend zu wirken. Trajan 
fasste nun einen grossmüthigen Entschluss: er setzte gegen 
das tief eingewurzelte Uebel die Hülfskräfte des Staates ein ; 
er erleichterte dürftigen Eltern die Aufgabe der Erziehung 
ihrer Kinder und leistete dadurch der Schliessung von Ehen 
unter den ärmeren Klassen grössern Vorschub, als durch 
strenge Handhabung der julischen Gesetze.*^) An diesen 

1) Eine Caelia Macrina in Terraciua dotirte eine Million SestiT- 
zen, aus deren Zinsen 100 Kinder unterstützt werden sollten (Borgliobi, 
löcrizione alimentaria di Terracina, Oeuvres completes, Tom. iV. 
p. 269 ff.). Nach Mommsen (Hermes III, S. 101) gehört die für frei- 
geborne Knaben und Mädchen in Comum bestimmte Alimentenstiftung 
des jungem Plinius (oder wenigstens die Zusage der Schenkung, vgl. 
Kpist. I, 8. VII, 18) noch in die Zeit Nerva's. 

2) Spart. Hadr. c. 7r Fueria ac imeUix, quiOits etinm Traiamts 
iilimeniu detulerat, tncrementum UbemUtntis adiecit. — Capitolin. Au- 
tonin. Pius, c. 8: Puellas (dimentarim in honorem Faust inae Faust t- 
nianas constituit, also eine getrennte Anstalt neben derjenigen, die 
ofiiciell vom Staate unterhalten wurde. Sie ist durch ein Relief illustrirt, 
vgl. Zoega, Bassorilievi, I, p. 154. 

3) Capitolin. Pertinax, c. 9: alimentaria eiiam compcndia, qaac 
novem annorum ex indituto Traiani debebantur, obdurata verecundia 
fiHstidit. Die wahren Gründe ergeben sich aus dem Zusammenhange. 

4) Plin. Paneg. 28. 

5) id. c. 26: Locupletes ad tollendos liberos ingentia praemia H 
pares poeitae cohortantur. 

6) id. c. 26: Super omnia est tarnen, quod talia es, at aubte liberos 



I. Trdjane Aufkomuieu und erste Kcgierungsjahi-c. 51) 

Vortheil seines Institutes knüpfte sich unmittelbar ein weiterer 
(.rewinu, auf welchen Trajan wie es scheint das Hauptge- 
wicht legte: in den hülfsbedürftigen Knaben erzqg er sich 
nicht nur Bürger, sondern vor Allem ergebene Soldaten, die 
um so unbedingter an seine Person geknüpft waren, als sie 
ihm gegenüber das Gefühl besonderer Verpflichtung für ihre 
leibliche Existenz mit ins Lager brachten. 'Sie werden auf 
Staatskosten erzogen, sagt Plinius^), um eine Stütze im 
Kriege, eine Zierde im Frieden zu werden; sie lernen das 
Vaterland lieben nicht als solches, sondern als eine Mutter, 
die sie in ihrer Jugend ernährt hat. Aus ihnen werden einst 
die Legionen, aus ihnen die Tribus ergänzt^); ihre Nach- 
kommen bedürfen der öffentlichen Unterstützung nicht mehr.' 
Von den Bauten, die Trajan vor dem dacischen Kriege 
in Rom vornahm, ist wenig zu sagen. Er endigte die schon 
Yon Domitian nach einem Brande vorgenommene Wiederher- 
stellung und .Erweiterung des Circus Maximus, so dass die 
Dedicationsinschrift melden konnte, Trajan habe ihn dem 

'S. 

romisehen Volke geziemend "jgrösser und prachtvoller aufge- 
führt.') Durch die Entfernung der kaiserlichen Loge wurden 

tofkre liheat expediat. c. 27: magiium quideni est educafidi incitamen- 
tum tollere liberos in »pem alimentontm , in »xiem congiariorum ; inaius 
tarnen in spem lihertatis, in apevi securitatis. Damit bringt Plinius die 
Frage in Zusammenhang mit dem Regierungssyetem überliaupt, und 
gewiss mit Recht. Unter eiaer gemässigten Herrschaft, bemerkt er, 
werde es nie au Bürgern fehlen, welche Kinder zu haben wünschen; 
unter einem Despoten trete dieser Wunsch zurück: ne ille etiam brevi 
tempore effecerit ut amnes ivon poderorum modo sed sui parentumquc 
IMteniteat, Er geht jedoch zu weit, wenn er c. 26 sagt: pauperibu^ 
ducandi nna ratio est bonus pnnceps, 

1) c. 26, 3. 28. 

2) Die in die Alimentationslisten aufgenommenen Kinder wurden 
zugleich einer bestimmten Tribus zuertheilt. Henzen, Tab. aliment. 
Baeb. p. 22. 

3) Suet. Domit. c. 6. 7. Die Cass. LXVIII, 7: oütui Top ^ou xal 
|ieTa^ö<ppuiv Kttl |Li€ToXoTViJÜfxu*v €cpu, üjct€ Kai Tiu ll^lro6p6^^) dirixpciipai, 
ÖTi ^apKoOvTQ auTÖv TI4» Tttiv 'Pu)jLia(uiv örmqj itrolncev, ^ir€tÖf) 610960- 
pcvra iri] Kai \xtiZ}X) xal ircpiKaXX^CTcpov ^EeipTdcaTO. Diesen Bau deutet 
dsch Pliniiis (Paneg. 51) an: liinc inmensum latus drei templorum 
puMritudinem provocat, digtia jjopulo Victore gentium sedes, nee minus 



00 Johannes Dierauer: Geschichte Trojans. 

5000 neue Sitze gewonnen J) Im Allgemeinen tritt schon in 
dieser Zeit Trajans Baulust unverkennbar hervor. Plinius 
erstaunt über die Pracht und den mächtigen Umfang des 
CircuS; über die zauberhafte Schnelligkeit^ mit der sich vor 
seinem Auge Säulenhallen und Tempel erhoben.*) Dies 
waren öffentliche Bauten , für sich war er sparsam gleich . 
seinem Adoptivvater.^) Er duldete nicht , dass man ihm 
Statuen aus kostbarem Metall errichtete.^) Zahlreiche Güter 
der alten Nobilität^ die allmälig in kaiserlichen Patrimonial- 

ipsa riiienda quam quae ex illa spectahuntur. Im Herbste des Jahres 100 
war 'also die Restauration noch nicht vollendet. Nach Friedländer, 
Darstell, aus d. Sittengesch. Roms, II, S. 165, Anmerkmig 3 dürfte sich 
auch Pausanias' Angabe, V, 12, 4 (olKob6|üir)|Lia kc Yttitujv Öpö^ouc irpo- 
fjKOv Kai ^c bOo cxabiujv iif^KOC) auf Trajans Ausbau des Circus beziehen. 
Auf einer Münze aus dem fünften Consulate (103 — 111) ist der Circus 
abgebildet (Cohen, II, Trajan, n. 493); man sieht deutlich den grossen 
Obelisken in der Mitte. 

1) Plin. a. a. 0. Vgl. Hübner, Iscrizioni esistenti sui sedili di teatri 
ed anfiteatri antichi, Monumenti ed annali delF Instit. 1856, p. 59: IJ 
pulvinare imperiale fu tolto sotto Traiano affine di guadafffiare 
spazlo per xin maggior numero di })oati. Damit ist eine Inschrift zu 
vergleichen, welche die 35 Tribus im Jahre 103 Trajan widmeten: 
gVOD LIBERALITATE || OPTIMl PRINGIPIS || COMMODA EARVM 
ETJAM LOCORVM ADIECTIONE || AMPLIATA SINT. Orelli, n. 3065. 

2) Plin. a. a. 0.: At quam magnificus in publicum es! Hinc por- 
ticus, inde delubra occulta celeritate properantur, ut non consummatn 
sed tantum conmuiata videantur. 

3) Plin. a. a. ü.: Satis es tibi nimiumqiie, cum succeaserig fruga- 
liasimo principi; magnum reicere aliquid et amputare ex iis quae prin- 
ccps tamquam necessaria reliquit, Trajan suchte also Nerva noch zu 
übertreffen. 

4) id. c. 52. Vgl. dagegen Suet. Domit. c. 13. Einige Münzen 
aus dem dritten Consulat (a. 100) zeigen auf der Rückseite die Dar- 
stellung eines Triumphbogens (Cohen, II, Trajan, n. 528, 529). Damals 
scheint aber in Rom noch kein solches Monument zu Ehren Trajans 
bestanden zu haben (Plin. Paneg. c. 59: Cum arcus, cum tropaea, 
cum 8tatuas deprecaris). Wie mir scheint, hat jene Abbildung Bezug 
auf einen Triumphbogen, der in eben jener Zeit von der Colonie Tba- 
mugas in Numidien Trajan gewidmet wurde (Renier, Inscriptions 
romaines de TAlg^rie, n. 1479. Die Inschrift rührt von der Attica des 
Bogens her und findet sich jelzt auf mehreren Fragmenten am Fusse 
desselben } die Datirung aus dem dritten Consulate ist sicher). 



I. Trajans Anfkouimen und erste Regierungsjahro. Ol 

})eaitz übergegangen waren, liess er verkaufen.*) So finden 
wir bei ihm Prachtliebe und Sparsamkeit unvermittelt neben 
einander. Es hält schwer, sich einen richtigen Begriff von 
iieiner finanziellen Verwaltung in diesen ersten Regierungs- 
jahren zu bilden. Man begreift kaum, wie er nach der Geld- 
noth, die auf Nerva gedrückt hatte ^), noch verschiedene 
Steuern vermindern oder aufheben konnte.^) Und doch er- 
liess er Italien und den Provinzen die Entrichtung des Kron- 
geldes.*) Das Gesetz über die Erbschaftssteuer änderte er 
in der Weise ab, dass die Bestimmungen über die Exemtion 
von dieser drückenden Abgabe erweiterte Anwendung er- 
hielten.'') Man darf zwar nicht verschweigen, dass Trajan 
um das Jahr 100 anfieng, von der reellen Münzprägung 
Domitiaus und Nerva's abzugehen, indem er die Legirung 



1) Plin. Paneg. c. 50: Circumfertur aub nomine Caesaris tahula 
ingena rerum renalium, d. h. der früher coiifiscirton Häuser und Güter. - 
Tum exitialis trat apnd principem knie la.vior donins, Uli amoeninr 
rilla; nunc pritweps in haec eadem dominoa quaerit, ipse inducit: ipHOs 
iUfbt magni aliquando imperntoria Imffos, illud numquam nisi Caesaris 
ifuhurhanum licetnur, einimits, inplemus. Diese Stellen verdienen hervor- 
gehoben zu werden, denn ohne Zweifel trug der Verkauf jener Do- 
mänen bedeutende Summen ein. Uebrigens verschenkte er auch einige 
Villen: sed amoenisjfima quaeque largiris et doncis. 

2) Nerva hatte nicht nur Kostbarkeiten aus dem kaiserlichen Palaste, 
sondern auch Privateigenthum verkauft: (Dio Cass. LXVTII, 2. Plin. 
c. 51 : Praeterea pater tuus tisitms mds detrah^lKit, quae foiiuna impeHi 
tltderat). Der Senat hatte eine Commission niedergesetzt, welche ^de 
minuendis publicift sumptibvs'' berathen sollte (c. 62, cf. Epist. II, 1, 9). 

3) Auch Plinius legt sich diese Frage vor, Paneg. c. 41: Natu mihi 
(Agiianti etmdent te collatiafie^s reniisisse, donativum reddidisae, congia- 
rium obtuUsse, deJatares abegisse, vectigaJia ietnperasse, interrogandus 
rideris satifme ccmputavefis imperii redittis. An tantas vires habet fru- 
gaUtaa principis ut tot inpendiis, tot erogatiofiibus sola mfficiat ? 

4) Plin. Paneg. c. 41. Trs^au ahmte hierin Titus nach. Vgl. Mar- 
«loardt, Handb. d. röm. Alterth. III, 2, S. 211 fl. 

5) id. c. 37—40. lieber die lex viceaima hereditatum vgl. Mar- 
quardt, III, 2, S. 194 fl. Die neuen Bestimmungen Trajans hat nach 
Plinios Hänel zusammengestellt, Corp. Leg. p. 68. Das Wesentliche 
seiner Legislation über, die Erbschafts Verhältnisse liegt darin, dass das 
Natarrecht grössere Berücksichtigimg fand. In diesem Sinne traten 
Mwlificationen ein in Bezug auf Erbschaften zwischen Vater und Sohn, 



62 Johannes Dierauer: rieschicbt« Trajans. 

erheblich vermehrte^), aber jenen Thatsachen gegenüber 
muss man doch annehmen ^ dass Trajan in der Benutzung 
anderweitiger Hülfsquellen ausserordentlich glücklich war; 
denn in dieser Zeit konnte er noch nicht über die reichen 
dacischen Schätze verfügen. 

Mit dem Jahre 101 beginnt die zweite Periode in der 
Regierung Trajans. Er hatte seit seinem Regierungsantritte 
den Staat nach innen hinreichend consolidirt. Nun konnte 
er mit Zuversicht in den folgenden Jahren seine ganze Kraft 
auf die Besiegung eines Feindes verwenden, der schon seit 
mehreren Menschenaltern die Provinzen an der untern Donau 
beunruhigt und in jüngster Zeit aufs neue eine drohende 
Haltung angenommen hatte. Den dacischen Feldzügen Tra- 
jans ist die folgende Untersuchung gewidmet. 

Bruder und Schwester, Grosseltern und Knkeln. Plinius hebt diese 
Bedeutung in seinem Excurse mehrmals hervor. 

l) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 764—768. Die 
Legirung des Süberdenars steigerte sich von 10%, wie sie unter Do- 
mitian und Nerva gewesen war, auf 20 Vo- 



Zweiter Abschnitt. 



Die dacischen Expeditionen. 

Die Dacier sind ein Zweig jener Geten, die als ein ur- 
sprünglich thracisches Volk zwischen dem Ister und dem Hämus- 
gebirge, also in der heutigen Bulgarei wohnten. Die ent- 
fernte Zeit, in welcher sie sich von dem gemeinsamen Stamme 
trennten, lässt sich nicht mehr bestimmen.^) Ihr Name ist 

1) Dass Geten und Dacier verwandte, zur thraciscben Yölkerfamilie 
s^ehoreude Stämme sind, unterliegt Iteinem Zweifel (vgl. Zeuss, die 
Dentscheu und die Nachbarstämme, S. 260). Die Geten werden zuerst 
hti Herodot (IV, 93—96) als eine Völkerschaft auf der Nordseite des 
Hamas bis zur Donau erwUhnt. Wahrscheinlich zur Zeit Philipps von 
Macedonien gründeten sie ein Reich jenseit des Ister, indem sie sich 
der Erbschaft des SkythenkÖuigs Ateas bemächtigten (339 v. Chr.). 
Von da an finden wir sie durch mehr als zwei Jahrhunderte hindurch 
auf beiden Seiten des Flusses. Doch kehrte mit der Auflösung des 
Geteilreiches der Name zu dem Volke in den Stammessitzen am Hämus 
iunlck. Während hier die thracisch-getische Bevölkerung nach Unter- 
werfung Macedoniens durch die B>ömer im Jahre 168 ihre Selbständig- 
keit allmälig verlor, erhoben sich, bisher kaum dem Namen nach 
bekannt, im Gebirgslande jenseit der Donau die Dacier. Genaueres 
ober ihre Trennung von den Geten oder von dem thracischen Stamme 
kennen wir nicht. Strabon ist über das Verhältniss zwischen Geten 
und Dacieru nur ungenügend unterrichtet. Er behauptet, dass die 
Dacier mit den Geten, die Geten aber mit den Thraciern dieselbe 
Sprache redeten (Geograph. VII, 3, § 10. 13, ed. Müller und Dübner, 
Paria). Nun macht Müllenhoff (Ersch und Grubers Encyklopädie , Art. 
Geten) mit Bccht darauf aufmerksam, dass Strabon dem Zusammen- 
bange nach gar keine Geten südlich von der Donau kennt; verleitet 
durch den Sprachgebrauch der Griechen hält er Geten und Dacier für 
dasselbe Volk und lässt höchstens einen örtlichen Unterschied zu: 
TtTac ]xi}f ToOc TTpöc Töv TTövTov k€kXi|ui^vo\jc Kol irpöc tV|V ^U), AdKOUC 
^ ^ Touc €tc Tdvavria irpöc Tf|v fcp^avlav Kai tAc toO *'lcTpou irr^Ydc, 



()4 Johannes Dierauer: CJeschichte Trajans. 

alt und schwer zu deuten ^) ; er erscheint schon Jahrhunderte 
früher als er politische Bedeutung gewinnt. Ihr erstes Auf- 
treten in der Geschichte knüpft sich au eine interessante 
Herrscherpersönlichkeit, Börebistes.*) In Verbindung mit 
einem Priester^) gab dieser seiner Nation feste sittliche und 
politische Ordnungen, stiirkjte dadurch ihre Macht und 
konnte bald nach allen Seiten erobernd auftreten. Vom 
siebenbürgischen Tlochlande aus, das schon damals als 
der eigentliche dacische Stammessitz erscheint*), zog er 
gegen die in Pannonien wohnenden Kelten und sehlug 
sie vernichtend. Dann unternahm er verheerende Züge 
nach Macedonien und Illyrien: 2(K),0(X) Mann stark soll 
damals die dacische Heeresmacht gewesen sein. Walir- 



oOc oT^ai Adouc KaX€tc6oH t6 iraXaiöv (§ 12). Diesem Irrthume tritt 
T)io Cassius in fast polemischer Art entgegen : AaKoiic hi aCiTouc irpoc- 
afopcijuj, üjcTTCp TTou Kai aÖTol ^auToOc Kai oi TuJ^aloi ccpac övofidZou- 
civ, oÖK äfvoOuv ÖTi '€XXr]vu)v rivk f^xac aÖToOc X^towciv, €it* öpOwc 
€iT€ Kai n)) X^TovT€c* i^w yop olba f^rac Toiic öir^p toO Ai'mou 
Trapd TÖv "Icxpov oiKoOvTac. Es geht hieraus des bestimmtesten' 
hervor, doss die Dacier nur missbränchlich und ftilschlieh Get^n hiesson, 
dass daher der Unterschied zwischen beiden Völkerschaften kein so 
geringer war, wie man etwa nach Strabon schliessen köimte. Seine 
Behauptung über die Spracheinheit der Dacier, Gcten und Thracier ist 
nur mit Vorsicht aufzunehmen; sie durfte nur für den. Beweis einer 
allgemeinen Verwandtschaft dienen (vgl. Müllenhoff a. a. O., der auf 
die Verscliiodenheit dacischer und thracischer Endungen bei Ortsnamen 
hinweist). 

1) Grimm, Geschichte der deutscheu Sprache, Thraker und Oeten, 
S. 192, glaubt, die bei Thukydides, II, 96 erwähnte thracische Völker- 
schaft der Atoi am Gebirge Rhodope sei mit den Adot, auf welche 
Strabon zurückgehen will, identisch. Indem er dann das lateinische 
Daci mit dem detitschen Dagai oder Dagos zusammenhält, gelangt er 
auf den Begriff des Leuchtenden, Lichten, der dem Göttlichen 
(AToi) nahe liege. 

2) Strabon (VII, 3, § 11) nennt ihn einen Geteu, wol nur indem 
er Geten und Dacier wieder verwechselt. 

3) Er hiess Dekäneos, vgl. Strabon, a. a. 0. 

4) Früher hatten die Dacier in der imgarischen Tiefebene zwischen 
der Theiss und Donau gewohnt; durch die .Tazygen, ein sarmatisches 
Volk, wurden sie nach Osten in das (iobirgsl.ind gednlngt. Plin. Nat. 
Jlist. IV, 12; vgl. ZeuPS, S. 261, 282. 



II. Die dacischen Expeditionen. 65 

scheiolich regierte Börebistes noch im Jahre 45 oder 44. 
C. Julius Gasar fasste den Plan zu einer Expedition nach 
üacien, die aber in Folge seines schnellen Todes unterblieb.^) 
Nach Börebistes' Sturz erlitt die Macht der Dacier durch 
Parteiangen zwischen Theilfürsten eine Schwächung'^); aber 
schon unter Octavianus Äugustus machten sie sich, geführt 
Yon einem Könige Eotiso, aufs neue gefürchtet.^) Äugustus, 
der den Gedanken einer Regulirung der Reichsgrenzeu zuerst 
in bestimmter Weise gefasst hat, konnte sich der Aufgabe 
nicht entziehen, den unruhigen Feind an der Donau zu be- 
kämpfen. Er rühmt sich in seiner Autobiographie, dass unter 



1] Die Epoche der höchsten Macht des BOrebistes lässt sich an- 
nähernd bestimmen. Strabon a. a. 0. berichtet nämlich, dass Börebisces 
die Taurisker vernichtet habe. Da nun Cäsar noch im Anfange der 
Bürgerkriege von dem Könige der Noriker, d. h. der Taurisker (Zeuss, 
S. 239) Unterstützung erhielt (Bell. Civ. I, 18) und er noch im Jahre 45 
oder 44 einen Feldzug gegen Börebistes unternehmen wollte (Strabon 
VII, 3, § 5 Kai bi] 6t€ BupeßiCTac i^pxc tüüv Pctcüv, i(p" ßv i\br] tcap- 
«Keudcaro Katcap ö 0€6c cxparcöeiv, vgl. Liv. Epit. 107; Suet. Divus 
InJiofl 44, August. 8; Appian. Bell. Civ. II, 110), so fällt wol die ver- 
mchtende Niederlage der Taurisker und die Zeit der höchsten Macht- 
eotfaltnng des Börebistes in die Jahre 49 — 44 (vgl. Müllenholf a. a. 0.). 
Der damalige König der Taurisker hiess wahrscheinlich Yocio oder 
Voccio, nicht Kritasiros, wie MüUenhoff mit Berufung auf Strabon § II 
Amummt; letzterer war König der Bojer. 

2) Strabon VII, 3, § 11: ö m^v oöv Boipcßicxac €<peii KOTaXuedc 
kavacTdvTuiv aÖTiji tivujv, irplv f\ Twjiaiouc CT€Uai cxpareCav i-n" 
aÖTÖv ol bk biabEldn€.vo\ Tf|v dpxi^v elc ttXciuj \iipr\ 6i^CTr)cav. Rösler, 
das Yorrömische Dacien (Sitzungsberichte der k. Akad. d. Wissenschaf- 
ten, Bd. XLV, S. 318), verlegt diese Theilung des Reiches in die Mitte 
des Jahrhunderts, um 50 v. Chr., wie es scheint hauptsächlich bewogen 
durch eine Datinmg des Jomandes (de reb. Get. 11), der Börebistes 
einen Zeitgenossen Sulla's nennt; aber Strabons bestimmter Bericht 
(§ 5, Tgl. oben Anmerkung 1 ) ist hier für die Chronologie entscheidend, 
30 daag Börebistes* Sturz frühestens ins Jahr 44 zu setzen ist. 

3) Flor. II, 28: Daci montiktis hihaeretit. Inde Cotismiis regis im- 
ytrio, quotiens concretus gelu Danuvius iunxerat ripas, decurrere sole- 
^mt d ticina populari. Ein 'Cotiso Getarum rex^ wird auch bei Suet. 
Aug. 63 erwähnt. Die Dacier müssen damals in Rom Aufsehen erregt 
haben, ihre Einfalle in Mösien bildeten das Tagesgespräch, vgl. Horat. 
Sit. II, 6, 53: quicutnque ohvius est, me consuluü: Ü bmie — Num quid 
de Bads audistiV 

ÜDler»Q€h. z. Rüm. Kaiscrg^csch. I. 5 



66 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

seinen Auspicien ein dacisches Heer diesseit der Donau ge* 
schlagen worden sei, und dass seine auf das jenseitige Ufer 
geführte Streitmacht die Dacier gezwungen habe^ die Befehle 
des römischen Volkes auszuführend) 

Am empfindlichsten traf sie aber die Massregel, nach 
welcher (etwa im ersten Jahrzehnt nach Chr. Geb.) ihrer 
50,000 zur Uebersiedelung auf das rechte Donauufer gezwun- 
gen wurden.^) Was sie wol zugleich für längere Zeit in 
Ruhe hielt, war die formliche Unterwerfung Mosiens^ die 
Ausgustus nach Bewältigung des pannonisehen Aufstandes 
vom Jahre 9 vornahm. Grossere Truppenmassen ^ die von da 
an in den Donauprovinzen lagerten, und eine Reihe von 
Festungswerken , die längs des Flusses angelegt wurden^ hin- 
derten sie an den gewohnten Einfällen in jene Gebiete. 

Noch zu Nero's Zeit konnte der mösische Statthalter 
Ti. Plautius Silvanus Aelianus freundschaftliche Beziehungen 
zu den Daciern unterhalten.^) Aber sogleich mit dem Beginne 
der Bürgerkriege wurde dieses Einvernehmen gestört. Als 



1) Monunsen, Bes gestae divi Augusti, p. 86: Pannoniomm gentes, 
quas antea me principem popuU Botnmii exei'citus nitsquam adit, deci- 
ctas per Ti. Neronem, qui tum erat privignus et legatus meus, impen'o 
populi Bomani subieci, protMque fines Illyrici ad ripam fluminis Da- 
nuvti. Quod Dacorum transgressus exercitus meis auspiciis profligattis 
victtisque est, et postea trans Danuvmm ductus exercitus mens Dacorum 
gentes imperia populi Rofnani perferre coegit. Vgl. Strabon, VU, 3» 
§11; Sueton. Aug. 21: Coercuit et Dacorum incursiones, trihus eotum 
ducihus cum magna copiu caesis. 

2) Strabon, VII, 3, § 10. Die Uebergesiedelten traten in die Reihe 
der mösischen Völkerschaften und wurden von den Bömern hinfort 
nicht mehr besonders unterschieden. Die Zeit dieser Uebersiedelung 
kann nicht mehr genau bestimmt werden; sie geschah durch Aelius 
Catus, der nach Vell. II, 103 im Jahre 1 n. Chr. Consul war. 

3) Orelli, n. 750: REGIBVS | BASTARNARVM ET RHOXO- 

LANORVM FILIOS ■ DACORVM FRATRVM (leg, FRATRES) | CAPTOS 
AVT HOSTIBVS EREPTOS REMISIT. Diese Thatsachen gehören nicht 
in die Zeit Vespasians, wie noch Fröhner (la Coloune Trajane, p. 4) 
annimmt, sondern unter die Regierung Nerva's. Heuzen in seiner Ab- 
handlung über eine Tessera gladiatoria (Annali deir Inst. 1859, p. 5 ii., 
vgl. p. 20) hat bewiesen, dass Ti. Plautius Silvanus Aelianus um das 
Jahr 62 (bestimmt zwischen den Jahren 58 bis G9) Legat von Mösien war. 



II. Die dacischen Expeditionen. G7 

Vespasians und Vitellius' Legionen bei Cremona zum Ent- 
scfaeidungskampfe einander gegenüberstanden^ rückten die 
Dacier plötzlich über die Donau und brachten die romischen 
Standlager in die äusserste Noth. Nur das zeitige Erscheinen 
des C. Licinius Mucianus an der Spitze einer Legion rettete 
die bedrängte Provinz. 

Besonders schwierig gestalteten sich die dacischen Ver- 
hältnisse unter Domitian. Schon im Anfange seiner Regie- 
rung standen die Dacier wieder unter kräftiger einheitlicher 
Leitung^ wie zur Zeit des Börebistes. Der Sage nach hatte 
König Duras einem an kriegerischer Tüchtigkeit ^hm über- 
Irenen Manne^ Namens Decebalus, die Herrschaft freiwillig 
abgetreten. Diese Ueberlieferung ist gewiss so zu verstehen; 
dass damals der mächtigste Stammesfürst (Decebalus) auch 
die Oberleitung über die neben seinem Herrschergebiete be- 
stehenden Theilfürstenthümer gewann.^) 



1) Tacit. Hist. III, 46 : Mota et Bacorum gena nutnqtuum fida, tunc 
^ine metu abducto e Moesia exercitu. — — lamqtie coifträ legionum 
ejrcindere parahcmt, ni Mucianus sextam legioneni apposuisset, Cremo- 
nensis Hctariae gnarus. Ueber das Pränomen des Licinius Mucianus 
?gL BoTghesi, Oeuvres, IV, p. 862. 

2) Imhof, T. FlaviuB Domitianus, S. 55 hat diese Vorgänge zuerst 
in das richtige Licht gestellt Man kann bei Duras nicht an eine frei- 
willige Abtretung der Herrcchaft, ako an einen Act reiner Selbstver- 
leognung, wie Dio Cass. LXVII, 6 erzählt, sondern höchstens an freiwil- 
lige Fügung unter die stärkere Macht eines andern Fürsten denken. Dass 
vor den dacischen Kriegen Domitians in Dacien mehrere Theüfürsten- 
thümer bestanden, ist sehr wahrscheinlich. Wie Strabon VII, 3, § 11 
belichtet, zerfiel nach Börebistes das Reich in 4, später in 5 kleinere 
Henschaffcen ; ohne Zweifel waren daher Duras und Decebalus ursprüng- 
lich zwei von einander unabhängige Fürsten. — Der Name Decebalus 
wird bald als Personenname, bald als allgemeines Appellativ der daci- 
schen Könige gefasst (vgl. die verschiedenen etymologischen Erkläruugs- 
veisache bei Rösler, S. 353). Im letzteren Falle wäre nach Orosius 
Vn, 10 und Jomandes, de reb. Get. 13 Diurpaneus oder Dorpaneus 
der eigentliche Name des gegen Domitian und Trajan kämpfenden 
Eonigg gewesen. Dagegen kennen die Zeitgenossen nur den Namen 
Decebalus und gebrauchen ihn nie als Appellativ (Plin. ad Traian. 74 
ed. Keil; Henzen, n. 5448; in dieser Inschrift heisst es ausdrücklich: 
[Traianua] GENTEM • DACOR • ET • REGEM DECEBALVM BELLO 



5* 



68 Johannes Dieraner: Geechiclite Trajans. 

Um das Jahr 86 überschritt Decebalus die Donau ') und 
drang verheerend in Mösien ein. Der Statthalter dieser Pro- 
vinz^ Oppius Sabinus, ward geschlagen und getödtet^ das 
Land erbarmungslos ausgeplündert. Domitian sammelte ein 
bedeutendes Heer; er scheute aber ernstliche Änstreng^uugen^ 
und während er selbst unthätig in einer mösiscben Stadt ver- 
weilte, erlitten seine Legionen unter Anführung des Präfecten 
der Leibwache, Cornelius Fuscus, eines zwar gedienten^ aber 
an ein behagliches Lagerleben gewöhnten Offiziers^ eine 
zweite Niederlage unter grossem Verluste an Kriegsmaterial. 
Die Leitung eines erneuerten Angriffes übernahm hierauf Ter- 
tius Julianus^ der sich schon unter Otho und Yespasian in 
Mosien ausgezeichnet hatte. Ihm gelang es, die Dacier in 
ihren Bergen bei einem Orte Tapä, dessen Lage sich nicht 
mehr bestimmen lässt, völlig zu besiegen. An der Einnahme 
ihrer Hauptstadt hinderte ihn nicht, wie eine damals g'ang- 
bare Anekdote meldet, eine Kriegslist des Decebalus 2), son- 
dern vielmehr die gleichzeitig mit jenem Siege erfolg'te 
Niederlage Domitians durch die Quaden und Marcomannen, 
nach welcher dieser darauf bedacht war, den Krieg an 
der Donau eiligst zu beendigen. Nach dem gegen das 
Endo des Jahres 90 abgeschlossenen Vertrage wurde Dece- 
balus wenigstens zum Scheine römischer Vasall, während 
Domitian sich zu sofortiger Bezahlung einer bedeuten- 
den Geldsumme und zur Erlegung eines fortlaufenden jähr- 
lichen Tributes verpflichtete.^) Ausserdem gewährte er dem 
Könige der Dacier eine Anzahl geschickter Arbeiter für 
Kriegs- und Friedenszwecke, wodurch es diesem möglich 



SVPEEAVIT). Hätte wirklich ein Personenname, wie etwa Diurpaneus, 
bestanden, so wäre er hier verwendet worden. 

1) Clinton, Fasti Romani, ad ann. 86. 

2) Es heisst, Decebalus habe zur Täuschung der Römer Baum- 
stumpfe bewaffnet (Dio Cass. LXVII, 10). Diese Anekdote bildet ein 
Seitenstück zu den übrigen unwahren Berichten, die Domitian während 
des Krieges selbst verbreitete oder verbreiten liess (vgl. Dio Cass. LXVII, 7, 
wo von einem unterschobenen Briefe des Decebalus die Rede istl. 

8) In der Darstellung der dacischen Kriege liess sich noch Francke, 



^m 



II. Die dacischen Expeditionen. 69 

wurde, den Römern in Zukunft nicht nur mit der natürlichen 
Macht seines Volkes, sondern auch mit den Mitteln einer 
ausgebildeten strategischen Technik entgegenzutreten. Man 
ist erstaunt, Domitian zu Anfang des Jahres 91 einen Triumph 
feiern zu sehen, dem doch nur Misserfolge vorangegangen 
waren J) 

Es lag am Tage, dass das durch den erwähnten Vertrag 
festgestellte Verhältniss zwischen Rom und Dacien auf die 
Dauer nicht bestehen konnte. t)ie Unsicherheit desselben ent- 
gieng Decebalus am wenigsten. Wir erkennen, dass er in dem 
folgenden Jahre mit Hülfe der gewonnenen Werkmeister sein 
Land durch Anlage von Festungswerken in Vertheidigungs- 
zostand setzte, um auf alle Fälle gegen einen neuen Angriff sei 
es von Seite Domitians oder eines seiner Nachfolger gerüstet 
ru sein.^) So erhob er sich zu einem immer gefährlicheren 
Nachbar der Donauprovinzen. Er war ein geübter Feldherr, 
der alle Schwächen eines Feindes zu benutzen verstand, uner- 
schöpflich, zuweilen aber auch nicht wählerisch in seinen 
Mitteln.'*) Und nicht etwa ein rohes Barbarenvolk beherrschte 
er: die Dacier waren wie die Geten seit Jahrhunderten von 
grieehischen, neuerdings auch von römischen Culturelementen 



S. 79—83 durch die ungeschickt auseinander geworfenen Nachrichten des 
l)io Cassios, wie sie in Xiphilinus' Auszuge uns vorliegen, beirren. Ini- 
hof, S. 56—61 nnd nach ihm Bösler haben die Berichte geordnet und 
gezeigt, dass der Epitomator die Ereignisse des dritten, von Julianus 
geleiteten Feldzuges erst in c. 10 nachholt, statt sie in c. 6 oder 7 (Lib. 
LXVII) einzufügen. — Die Bedingungen jenes Vertrages erwähnt Dio 
Cassiuß LXVII, 7 (vgl. LXVIII, 6). Plinius spottet mehrmals über das 
unwürdige Verhältniss, Paneg. c. 11: ac ne indutias quidem nisi aequis 
conditionib^us inibant (hostesj, legesque ut acciperent, däbatU. c. 12: 
Aeeipimtts obsides ergo (d. h. jetzt unter Trajan), non emimus (vgL Tac. 
Agric. 39), nee ingentibus damnis inviensisquei muneribtis paciscimur 
«* tieerimus. 

1) Der Triumph wurde im Januar 91, nicht wie Rösler S. 341 be- 
iiaaptet, im December 90 gefeiert (Mart. Epigr. VIII, 8). Ueber die 
Scheiutriamphe Domitians vgl. PHn. Paneg. 16. 

3) Die grossartigen dacischen Festungswerke, die auf der Trajans- 
Bäole dargestellt sind, lassen auf jahrelange Rüstungen schliessen. 

3) Dio Cass. LXVII, 6, vgl. LXVIU, 12. 



70 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

durchdrangen; straffe politisch -theokratische Ordnungen hiel- 
ten sie zusammen; in ihren uralt-getischen Beligionsanschau- 
ungen trat als bestimmteres Dogma der ünsterblichkeits- 
glaube hervor, der ihnen jene Lebensverachtung, jenen 
Todesmuth und jene Kühnheit im Kampfe verlieh, die ihren 
Feinden Bewunderung abnöthigtenJ) üeber ihre Zahl am 
Ende des ersten Jahrhunderts wissen wir nichts Bestimmtes ; 
sie war wol trotz der erlittenen Einbusse seit ihrer Berüh- 
rung mit den Römern kaum geringer als zu Borebistes" Zeit, 
während ihre reelle Macht in Folge der neuen, von Decebalus 
eingeführten einheitlichen Organisation sich verstärkt hatte. 
Immer noch bewohnten sie ein Land, das nach seiner Lage 
jenseit der Donau und nach seiner orographischen Beschaffen- 
heit dem Eindringen eines Feindes Hindernisse entgegen- 
setzte, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen war. 

Beachtet man alle diese Momente, so muss man erkennen, 
dass die Forderung eines Feldzuges gegen die Dacier unab- 
weisbar an Trajan herantrat. Man darf auf jenen unehren- 
vollen Vertrag Domitians nicht allzu grosses Gewicht legen, 
er bildete höchstens ein äusseres Motiv zu einem Kriege. Dio 
Gassius sagt ganz einfach: 'Trajan zog gegen die Dacier, 
weil er ihnen anrechnete, was sie gethan hatten, weil er sich 
beschwert fühlte durch den Tribut, den sie Jahr für Jahr 
beanspruchten, weil er die fortwährende Vermehrung ihrer 
Streitkräfte und ihren Uebermuth sah.' ^) Gewiss ist vorzüg- 
lich der letzte der hier angeführten Gründe zu betonen. 
Wir wissen, wie sehr sich Trajan während seines Aufent- 
haltes am Rhein bemüht hatte, die Reichsgrenzen gegen die 

1) Der Unsterblichkeitaglaube wird zwar nur den Getan ausdrück- 
lich zugeschrieben (Herod. IV, 94—96). Aber sicher gieng eine Lehre 
von so eminenter Bedeutung für die sittlich religiöse Entwicklung der 
(leten auch auf die Dacier über. Julianus i^Caesares, ed Heusinger, p. 
23) lässt Trajan zu seiner Vertheidigung sagen : koI t6 Fctiöv (sc. Ad- 
KUJv) fevoc ^£€tXov, ot Tuiv inj(iiTOT€ |uiaxt|üiuiTaTot T^TÖvaciv, oöx frirö 
dvöpciac ^6vov toO ciiiimaToc, dXXä koI div Irretccv oOtouc ö Tt]Liu(ifi€voc 
Ttop' aOxotc Zd^oXEtc. oö jap diro6vncK€iv, dXXd MCToiKiJCcceai voiniZIov- 
T€C, ^Toi|ui6T€pov ouTÖ TToioöciv , f\ xdc diToöimiac uiroim^vouav. 

2) Dio CasB. LXVIll, 6. 



II. Die dacischen Expeditionen. 71 

germanischen Völkerschaften dauernd zu sichern. Im Jahre 
98 oder 99 recognoscirte er die Donauländer ^) 5 sehr wahr- 
scheinlich hat er damals den Plan zu einer dacischen Expe- 
dition gefasst. Die pannonischen und mösischen Landschaften 
waren seit ungefähr 150 Jahren mit grösserer oder geringerer 
Unterbrechung von den Einfallen der Dacier bedroht; Trajan 
musste nach glücklicher Regulirung der politischen Bezieh- 
ungen 'ZU Germanien dem unsichern Zustande an der Grenz- 
linie des untern Donaugebietes auf alle Falle ein Ende 
machen.^) Die Frage war nur, ob es fflr den beabsichtigten 
Zweck genüge, Decebalus einfach zu factischer Anerkennung 
römischer Oberhoheit zu bringen, oder ob nicht vielmehr die 
pohtische Existenz des dacischen Volkes gänzlich aufgehoben 
und das Land als Provinz in römische Ordnungen eingefügt 
werden müsse. Es scheint, dass Trajan erst im Verlaufe 
seiner Unternehmung hierüber zu einer bestimmten Entschei- 
dung gekommen ist.') 

1) Plin. Paneg. 12, 16. 

2i Francke, S. 9t hat die Gründe für einen Feldzug Trajans gegen 
Decebalus zum Theil richtig hervorgehoben. Den Krieg aber als ein 
Mittel znr Ableitung des Gährungsstoffes zu betrachten, der sich wäh- 
rend der Uebergangszeit des Reichs aus den republikanischen in die 
mouarchischen Formen unter dem römischen Volke erzeugt hatte, und 
zugleich als ein Mittel, dem Kaiser Achtung bei dem eifersüchtigen (!) 
Senate zu verschaffen, sind wir entfernt nicht gezwungen. Rösler, S. 
342 und Fröhner, la Colonne Trajane p. 11 kennen nur die äussere 
Veranlassung mit Bezug auf den domitianischen Vertrag. Merivale, A 
histoty of the Romans under the empire, vol. VII, p. 222 unterschiebt 
Trajan ganz persönliche Motive: BiU the flattery of the Senate, even 
in the polished phrases of Fliny, — must have been irksome to a man 
of Trajan's piain sense. We can well believe, that he soon began to frei 
under the restraiTtts of deference to a society by which he must have been 
frequently mortißed, and longed to fling himself into tJie stir and wo- 
rment of the milüary career. Aber nach Allem, was wir über Tra- 
jaiis Privatleben wissen, vertrug er sich sehr leicht mit den Sitten der 
damaligen Gesellschaft. Wenn ihm Pliuius in seiner gratiarum actio 
zuweilen mit bewusster Absicht schmeichelte, so darf man den Senat 
nicht des gleichen Fehlers zeihen; seine Beifallsbezeugungen waren auf- 
richtig, und wie sehr Trajan durch dieselben gerührt wurde, bezeugt 
Flmiaä selbst an mehreren Stellen (Paneg. 2, 8. 73, 4). 

3) Die Provinzialisirimg Daciens wäre schon nach dem ersten daci- 



72 Johannes Dierauer: Geschichte Tn^ans. 

Schon im Jahre 100 wurden Vorbereitungen für den 
mit dem folgenden Frühling zu erö£Pnenden Feldzug ge- 
troflfen. *) Zunächst sorgte Trajan für die Weiterführung 
der schon von Tiberius begonnenen Militärstrasse längs des 
rechten Donauufers. ^) Eine in den Felsen eingehauene 

sehen Kriege Trajans möglich gewesen, erst nach Beendigunc^ des zwei- 
ten wurde sie ausgeführt. 

1) Die dacischen Kriege dauerten 5 Jahre. Julian. Caes. a. a. 0: 
^trpdxÖr] bi jioi t6 ^pfov toOto ^v ^vioutoIc ctcui nou rr^vTe. Der zweite 
endigte, wie unten nachgewiesen werden soll, im Jahre 106. Francke, 
S. 15, benutzt für die chronologische Bestimmung der dacischen Kriege 
eine Stelle bei Spartianus (Hadr. c. 3): Qttaesturam gessit (Hadrianus) 

TraiafW quater et ÄHiculeio cotisulibiis. post quaesturam acta 

senattis curavtt atque ad bellum Dacicum Traianum famüiarius pro- 
secutua est. Das hier genannte Consulat WXi allerdings in das Jahr 1 Ol ; 
wenn nun aber gesagt wird, Hadrian sei nach Verrichtung der Quästur- 
geschäfte und nach der cura actorum senatus (letztere Angabe beruht 
auf einem Irrthume) dem Kaiser in den dacischen Krieg gefolg^t (als 
comes, wie aus der Ehreninschrift Hadrians hervorgeht), so ergibt edch 
hieraus kein fester Anhaltspunkt für die Chronologie, da über die Daner 
der Quästur nähere Bestimmungen fehlen. Die offizielle Aufzeichnung 
seiner Beamtencarriere lässt nur vermuthen, dass er im gleichen Jahre 
^quaestor imperatoris Traiani' und ^ comes expeditionis Dacicae' war 
(vgl. Henzen, Iscrizione onoraria d'Adriano, Annali dell' Inst. 1862, p. 149). 
Die Abreise Trajans setzt Francke a. a. 0. schon in den Herbst des 
Jahres 100, gestützt auf eine Münze bei Mediobarbus (Imperatorum 
Romanorum numismata, Mediol. 1730, p. 150, nach Occo, Imp, Kern. 
Num., Aug. Vindelic. 2601, p. 197): DIVO NERVAE TRAIANO AVG • 
P . M . TR . PL • COS in . P • P . II PROFECTIO AVG • GERMANIAE S • C ■ 
Offenbar ist dieses Zeugniss seiner Form nach sehr verdächtig und 
raüsste mit Vorsicht benutzt werden, auch wenn es nicht die zweifel- 
hafte Autorität Occo*8 gegen sich hätte. Die von Aschbach (Uieber Tra- 
jans steinerne Donaubrücke, S. 3) vorgeschlagene Restitution der Legende 
ist willkürlich. Trajan war vielmehr in den ersten Monaten des Jahres 
101 sicher noch in Rom, er übernahm mit dem 1. Januar das Consulat 
zum vierten Male, was bei all^lliger Abwesenheit nicht geschehen 
wäre, denn eben wegen seiner Entfernung von Rom hatte er im Jahre 99 
die vom Senat ihm angetragene Consulwürde abgelehnt (Plin. Paneg. 60). 
Dass man aber schon gegen Ende 100 ernstlich an einen Krieg gegen 
Decebalus dachte, beweist eine bei der TJeberarbeitimg eingeschobene 
Stelle in Plinius' Panegyricus c. 16, 5 (vgl. meinen Excurs). 

2) Eine Felseninschrifb bei dem serbischen Dorfe Herum gegenüber 
dem Orte Kozlamare im Temeswarer Banat lässt erkennen, dass unter 
Tiberius im Jahre 33 oder 34 (es ist zu lesen TR • POT • SXV) die 



n. Die dacischen Expeditionei). 73 

Inschrift, Ogradina gegenüber, gibt noch heute von diesem 
Werke Zengniss. Sie besagt nach einer freilich unsicheni 
Erklärung, Trajan habe dort die Felsen des Gebirges durch- 
brochen und einen Weg gebahnt.^) 

Die Herbeiziehung der für den Feldzug erforderlichen 
Truppen unterlag nach der damaligen topographischen Yer- 
theflnng der Legionen keinen besondem Schwierigkeiten. 

Leg. mi Scyihica und Leg. Y. Macedonica am Bau der Strasse thäüg 
waren. Vgl. Griselini, Versach einer Geschichte des Temeswarer Banats, 
S. 237, der zugleich (S. 286) die merkwiirdigeu Ueberreste des in das 
feste Gestein eingehauenen Weges beschreibt; nach ihm Neigebaur, 
Daden, S. 7 und Aschbach, 8. 3. Genau ist die Inschrift, die sich 
l'/t Standen stromabwärts wiederholt, erst von Arneth gegeben wor- 
den, in den Sitzungsberichten d. k. Akad. d. Wiss. Bd. XL, S. 358. 

1) Marsigli, Danubius-Paunonico-Mjsicus, tom. II, tab. 53 und 
Griselini zu S. 289 gaben ungenaue Abbildungen von dieser Inschrift. 
Eine zuTCrlässige Publication verdanken wir Arneth in seiner Abhand- 
lang: Die Trajansinschrift in der Nähe des eisernen Thores (Jahrbuch 
der k. k. Centralcommission zur Erforschung und Erhaltimg der Bau- 
denkmale, 1856, S. 83). Nach den auf seine Veranstaltung angefertig- 
ten Papierabdrücken ist noch Folgendes von ihr' erhalten: 

IMP CAESAE DIVINERVAE-t^. 
NEBVA TRAIANVS AVQGERM. 
PONTIP . MAXIMVS • TßlB • POT • lUr 
PATER PATRIAE COS IUI 

MONTI L AN....BVS 

S VP . . A T E 

Die l)eiden letzten Zeilen sind sehr verstümmelt, so dass man auf eine 
richtige Herstellung wahrscheinlich verzichten muss. Arneth ergänzt 
äe folgendermassen: 

MÜNTIS ET FLWII ANFRACTIBVS 
SVPERATIS VIAM PATEFECIT. 

.\8chbach a. a. 0. liest in der fünften Zeile: 

M0NTI8 ET FLWI DANVBI RVPIBVS. 

Vielleicht ist hinter MONTIS der Name des Berges ausgefallen, wie 
Fröhner, la Colonne Trajane, p. 15 annimmt (vgl. Freudenberg, Jahrb. 
i Ver. V. Alterthumsfr. in Rheinl. DoppeDieft XXXIX und XL, S. 343). 
Jedesfalls gehört die Inschrift in das Jahr 100 (statt des vierten Con- 
tolates, welches Arneth nach einer Andeutung in den Abdrücken her- 
stellte, muss sicher das dritte gelesen werden). Die entsprechenden 
Strasaenbauten , von denen sich ebenfalls noch Ueberreste erkennen 
lassen, wurden daher wahrscheinlich schon damals in Angriff genommen. 



74 Johannes Dicrauer: Geschichte Trajans. 

Schon Yespasian hatte nach Bewältigung des batavischen 
Aufstandes das Besatzungsheer in den Donauländem bedeu- 
tend vermehrt; während dort noch im Anfange seiner Regie- 
rung nur sechs Legionen stationirt waren ^), brachte er später 
deren Zahl auf acht.*) So viel man sieht, blieb dieser Be- 
stand unter Domitian unverändert: seine Misserfolge gegen 
die Dacier und Marcomannen hätten eine Verminderung der 
Truppen in jenen Provinzen nicht gestattet. Die Legionen, 
die beim Beginne der dacischen Kriege Trajans die Provinzen 
Pannonien und Mösien besetzt hielten, waren: die X. Gemina 
und XIV. Gemina zu Vindobona und Carnuntum, die XIII. 
Gemina in Poetovio, die IL Adiutrix zu Acinquum^), die 



1) Mit Hinzuziehung von Dalmatien; s. die Zusammenstellung Bor- 
ghesi's, Iscrizioni del Reno, Oeuvres compl^tes tom. IV, p. 240 not. 2. 
Die in sein Verzeichniss aufgenommenen Leg. III. Gallica, die beim 
Beginne der Bürgerkriege von Mucianus nach Mösien geführt wurde 
(Tac. Hist II, 86), hielt sich nur sehr kurze Zeit an der Donan auf; 
wir finden sie vor- und nachher im Orient (Marquardt, Handb. d. röm. 
Alterth. III, 2, S. 352. 356). 

2) Sie hiesseu: l' Italica, V. Macedonica, VII. Claudia, IV. Flavia, 
XV. Apollinaris, X., XIIL, und XIV. Geminae. Aschbach, die römi- 
schen Legionen prima und secunda Adiutrix (Sitzungsber. d. k. Akad. 
d. Wissenach. Bd. XX, S. 319) weist statt der V. Macedonica der V. Alau- 
dae ein Standlager an der untern Donau zu. Es ist aber nicht zu 
erweisen, dass letztere jemals in den Donauländem stationirt war. 
Höchst wahrscheinlich gieng sie schon im Anfange der Regierung 
Vespasians ein (Borghesi, Oeuvres t. IV, p. 217). 

3) Aschbach, S. 323, vgl. S. 324 Anmerkung 1. Wir erkennen 
nicht mit voller Sicherheit, wann die IL Adiutrix nach Pannonien kam; 
Aschbach nimmt an, dass es jedesfalls noch unter Vespasian geschehen 
sei (S. 320, Anm. 3). Nach Grotefend (Jahrb. d. Ver. v. Alterthumsfr. 
im Rheinl. XXXII, S. 77) hielt sich aber diese Legion einige Zeit in 
Britannien auf; sie stand noch dort im Jahre 94 oder 95, als Hadrian 
ihr Tribun war (Henzen, Iscrizione ouoraria d'Adriano, Annali delF 
Inst. 186'^, p. 145). Ihre Versetzung nach Pannonien fUllt also in die 
letzte Zeit Domitians. — In Bezug auf die Leg. I. Adiutrix bleibt die 
Versetzung aus Obergermanien nach Pannonien (Bregetio) mit dem 
Beginne der dacischen Kriege (dies ist die Ansicht Aschbach's, S. 322} 
sehr zweifelhaft. Kein einziges Zeugniss beweist uns ihre Mitwirkung 
an den dacischen Feldzügen Trajans. Wir wissen nur, dass de zu 
Anfang seiner Regierung noch in Obergermanien war (Brambach, Corp. 
Inscript. Rhenan. n. 1666), zu Ptolemäus' Zeit aber in Pannonien (vgl. 



\ 



IL Die dacischen Expeditionen. 75 

YQ. Claudia zu Virninacium^ die IIIL Flavia zu Singidununi; 
die I. Italica und V. Macedonica zu Durosturum und Troes- 
mis.^) Im ersten dacischen Kriege verwendete Trajan aus- 
schliesslich einige Legionen aus diesem mosischen und pan- 
nonischen Heere 2); erst im zweiten Kriege berief er aus 
Untergermanien die Legio I. Minervia.') Wie gross die je- 
weilen ausgehobene Truppenmacht war^ lässt sich nicht ein- 
mal annähernd bestimmen. Nach der gangbaren Ansicht^ 
dass mit geringer Ausnahme alle damals verfügbaren ^ d. h. 
acht bis zehn Legionen in den Feldzügen gegen Decebalus 
verwendet wurden, war das operirende Heer gegen 80,000 
^tann stark.^) Diese Zahl ist aber sicher zu hoch, indem 



BoTgbed, Oeuvres IV, p. 204). Sie kam in das Standlager der Leg. XIII. 
Gemina (Aschbach, S. 323), die nach dem Kriege als Besatzung in 
Daden verwendet wurde (Borghesi, p. 234). Dieser Umstand lässt mit 
dniger Wahrscheinlichkeit eine Dislocatiou um das Jahr 106 vermuthen. 
Brambach, Corp. Inscr. Rhen. praef. p. IX verlängert ihren Aufenthalt 
in Germanien bis in die Begierung Hadrians. 

1) Aschbach, Trajans steinerne Douaubrücke, S. 3. 

2) Die Belege folgen unten, S. 77 ff. 

3) ürlichs, Jahrbücher d. Ver. v. Alterthumsfr. im Rheinl. XXXVI, 

S. 102 fl. hat bewiesen, dass diese Legion während des ersten dacischen 

Krieges die Provinz üntergermanieu nicht verUess. Ihre Betheiligung 

am zweiten Shriege beweisen die Inschriften bei Benzen, n. 6930, 

Fröhner, Append. n. 24, und besonders die Ehreninschrift Hadrians 

(Henzen, Annali dell' Inst. 1862, p. 139 = Fröhner, Append. n. 2), 

ans welcher wir in Uebereinstimmung mit Spart. Hadr. c. 3 erfahren, 

dass sie durch Hadrian commandirt wurde. Hadrian war aber damals 

nicht Gouverneur von Nieder -Pannonicn, wie Fröhner, p. 25 nach 

unrichtiger Interpretation dieser Inschrift geschlossen hat, sondern 

PrÄtor (^Benzen, p. 154, vgl. C. de la Berge, Revue critique, 1866, n. 7, 

p. 118) und wahrscheinlich coincidirte sogar sein Volkstribunat einige 

Zeit mit diesem Commando, denn die entscheidende Stelle des Docu- 

mentes heisst: PRAETORI • EODEMQVE • TEMPORE • LEG • LEG • I • 

MINERVIAE . P • P . BELLO DACICO • ITEM • TRIB ■ PLEB • (s. Henzen, 

P- 152). Nach dem dacischen Kriege war die Leg. I. Min. wieder in 

Germania inferior. Ein ihr angehörender Soldat entledigte sich nach 

winei Rückkehr eines Gelübdes, das er AD ALVTVM FLVMEN SECYS 

MONI CAVCASI gethan hatte (Henzen 5930 = Fröhner, Append. n. 14, 

^gl. Urlichs, Jahrbücher a. a. 0.). 

4) Die römischen Legionen waren im Beginne des zweiten Jahrhun- 
<i€rt8, unmittelbar vor den dacischen Kriegen, folgendermassen vertheilt. 



76 



Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 



uns durch inschriftliche Zeugnisse nur die Mitwirkung von 
5 Legionen unzweifelhaft verbürgt wird, nämlich der I. Italica, 



Nordafrica: 
Spanien: 
Britannien : 

Unter- Germanien : 



Ober-Germanien : 



Pannonien: 

Mösien: 

Orient: 



m. Augusta. 

VII. Gemina (Borghesi, Oeuvres, tom. TV, p. 220). 

II. Augusta (Borghesi, p. 206); XX. Valeria Vic- 
trix (p. 246); IX Hispana (Borghesi, p. 114 iT). 

I. Minervia (vgl. vor. Anmerkung); VT. Victrix 
(Borghesi, p. 21, vgl. p. 115; erst unter Hadrian 
kam sie nach Britannien, Orelli 3186); XXX. Ul- 
pia (Victrix). Dass sie wirklich schon dajnals 
bestand, erkennen wir aus Orelli, 3176 = Fröhner, 
Appendix n. 8. Sie war von Trajan gegrtiiidet 
worden (Dio Cass. LV, 24). Den Beinamen Victrix 
trug sie mit oder sehr bald nach ihrer Entstehung 
(Borghesi, p. 258; Henzen 6769 = Kenier, Inscri- 
ptions rom. de TAlgörie, n. 1480, 1481). 

VIII. Augusta (Borghesi p. 223); XXII. Primi- 
gen ia (Borghesi p. 254 mit der Anmerkung [6j 
von W. Henzen); XI. Claudia (Borghesi, p. 227). 
Von der XXI. Rapax lässt sich für die Zeit Nerva s 
und Tr^^'ans keine Spur mehr entdecken, ihre letz- 
ten Monumente gehören unter die Regierung Do- 
mitians (Borghesi, p. 247; Meyer, Mittheilungen 
der antiquar. Gesellschaft in Zürich, Bd. VII, 
S. 125 ff.;; I. Adiutrix (s. oben S. 74, Anmer- 
kung 3). 

X., XIII., XIV. Geminae, II. Adiu^ 
trix 

IV. Flavia, VII. Claudia, I. Ita- 
lica, V. Macedonica . . . 

XU. Fulminata und XV. Apolli- 
naris in Cappadocien .... 

III. Gallica (Phoeuiden) .... 
IUI. Scythica und XVI. Flavia (Sy- 
rien) 

VI. Ferrata und X. Fretensis 
(Judaa) 

IL Traiana (Aegypten). Sie wurde wie die XXX. Ul- 
pia von Trojan errichtet, wann, wissen wir nicht 
genau. EbenfaUs in Aegypten stand zu dieser 
Zeit noch die 

XXII. Deiotariana (Borghesi, IV, p. 252 mit An- 
merkung 7 von Henzen), sowie die 

III. Cyrenaica (Grotefend, in Pauly's Realeucyklo- 
pädie, Bd. IV, S. 876). 



8. oben S.74fl. 



8. die Zusam- 
menstellung 
Borghesi's, IV, 
p. 263 fl. 



II. Die daciBchen Expeditionen. 77 

MI. Clandia ^ IUI. Fla via, XIII. Gemina und der schon er- 
wähnten I. Minervia.^) Diesen Legionen standen allerdings 



Es existirten also damals 30 Legionen. Der Orient war verhBJtniss- 
massig stark besetzt, aber eine Schwächung des dortigen Heerres wäre 
wegen der feindlichen Haltung der Parther nicht rathsam gewesen. 
Yon den übrigen Provinzen konnte allein Germanien in Folge der 
dnrchgefiüirten Grenzsicherung einen Theil des Besatzungsheeres zeit- 
weise entbehren. 'Aschbach, der die Legio I. Adiutriz zu Anfang des 
dacischen Krieges nach Pannonien kommen lässt, findet nun (Tra- 
jaiis steinerne Donaubrücke, S. 3), dass acht Legionen für denselben 
verwendet werden konnten, die I. und IL Adiutrix, die I. Italica, 
IV. Flavia, Vn. Claudia, V. Macedonica, I. Minenria, XIII. Gemina; 
er Bcbätzt demnach unter Berücksichtigung der AuxiUartruppen die gegen 
I>ecebalu8 geführte Streitmacht auf 80,000 Mann, ebenso Frdhner, p. 14, 
der jedoch zu den genannjben Legionen noch die X. Gemina und XII. Ful- 
minata hinzufügt (p. 13 und 14). Francke, S. 100 berechnete 60,000 Mann; 
seioe Ausführungen über die Legionen der Kaiserzeit (S. 96 — 99) sind 
osdcher, da er die grundlegende Arbelt Borghesi^s über die rheinlän- 
dischen Inschriften bei Abfassung seines Buches noch nicht kannte. 

1) Für die I. Italic a vgl. Henzen, 5659. Orelli, 3454. Nach Renier 
(zu Borghesi, IV, p. 126, not 3) muss hier statt PROMOTVS • IN • 
LEG V - MAC . PHAL • DONIS • D etc. gelesen werden: PROMOTVS • 
ex LEG . V • MAC • in • leg • I • ITAL • DONIS • D • etc. 

Für die VII. Claudia: Orelli, 3049. Henzen, 6853. Letztere In- 
schrift dient nur als secundäres Document, indem nicht genau zu be- 
stimmen ist, welche Chargen der hier genannte Ofßzier im dadschen, 
und welche er später im parthischen Kriege einnahm. Sehr wahr- 
scheinlich gehören aber die Centuriate, die er successive in der Leg. I. 
Miner?ia, Leg. VII. Claudia und Leg. XIII. Gemina bekleidete, in die 
Zeit der dacischen Kriege. 

Für die IIIL Flavia: Orelli, 3049 (genauer bei Henzen, Vol. III, 

p. 265 nach Borghesi's Mittheilnng). Dieser Inschrift zufolge erhielt 

L. Aconios Statura, Centurio LEG • XT- C • P • F • LEG • IIÜ • F • F • 

LEG V- MACED • LEG • VII • C • P • F- dona militaria von Trajan wegen 

^^ dadschen und von ^den frühern Kaisern' wegen des germanischen 

ond Eannatischen Krieges. Wahrscheinlich kämpfte er in Germanien 

igegen Satuminus) als Centurio der XL Legion , nahm hierauf in der 

ini. Legion an den sarmatischen Kriegen Domitians, und in der V. und 

VII. an den dacischen Expeditionen Trajans Theil. Aber auch die 

^Jöialime ist nach Borghesi (Oeuvres, IV, p. 209) gestattet, dass er in 

seiner Eigenschaft als Centurio der IV. Legion bowoI die sarmatischen 

a^ dacischen Feldzüge mitmachte. Die Verwendung dieser Legion in 

beiden dacischen Kriegen Tr%jans wird übrigens durch ein Fragment 

WiMuratori, p. 768, 8 (vgl. Bullet, dell' Inst. 1845, p. 132, n. 10 mit 

Fragment n. 9) evident bewiesen. 



78 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

zahlreiche Auxiliartruppen zur Seite, wie wir besonders aus 
der bildlichen Darstellung der Feldzüge auf der Trajaussaule 

Für die XIII. Gemina: Henzen 6853. 

Für die I. Min er via s. oben S. 75 Anmerkung 3. Da sie am 
ersten dacischen Kriege nicht Theil nahm, so konnte sie damals auch 
nicht unter dem Befehle des L. Licinius Sura gestanden haben, wie 
Aschbach (Donaubrücke S. 3) imd nach ihm FrÖhner, p. 14 annehmen. 
Sein Commando der Leg. I. Min. gehört in eine viel frühere Zeit, vgl. 
Henzen, n. 5448. 

Für die Leg. I. Adiutrix verweist Fröhner auf Append. n. 15 = 
Henzen 6490 (Borghesi, Oeuvres IV, p. 214). Zeile 4—8 dieser einem 
T. lulius Maximus gewidmeten Inschrift lauten: 

LEGAVGLEGmFLÄVIAELfiG.AVGLEG.I.ADIVT) ricis • leg 
itRIDICO ■ HISP . CITERIOR • TARRACÖNfiNS • PR • A.^ ed corq 
PRÖVINCIAE . HISP • VLTERIÖRIS • BAETICAE • DONKisdonato 
BELLO . DACICO • CORONlS • MVRALI • ET • VALLÄRI • I f tem - arg 
VfiXILLO . TRIB . MIL • LEG • V • MACEDONIC • SfiVIRO V equitum 

Offenbar hat T. lulius Maximus die hier erwähnten Ehrengeschenke 
nach einem dacischen Kriege nicht als Legat der I. Adiutrix, sondern 
als Militärtribun der V. Macedonica verdient; die Form des corsus 
bonorum lässt hierüber keinen Zweifel. 

Was die V. Macedonica betrifft, so wird ihre Herbeiziehung zum 
dacischen Kriege Trojans von Aschbach und Fröhner, a. a. 0. ange- 
nommen; aber die eben angeführte Inschrift bietet keineswegs einen 
sichern Beweis, da der Kaiser, durch welchen T. lulius Maximus belohnt 
wurde, nicht genannt ist; möglicherweise geschah es unter Domitiau 
(C. de la Berge, Revue Critique, 1866, n. 4, p. 52). Genauem Aufschluss 
könnte uns die Inschrift bei Henzen, n. 5451 geben, wenn sie nicht an 
der entscheidenden Stelle verstümmelt wäre. 

Für die Leg. II. Adiutrix beruft sich Borghesi (Oeuvres IV, p. 206) 
auf die Inschrift Orelli 799 = 3048, die sehr verdächtig ist, vgl. Hen- 
zen, Annali delP Inst. 1862, p. 144 und seine Anmerkung zu Borghesi 
a. a. 0. (11). 

Für die Verwendung der Leg. XI. Claudia fehlt jedes Zeugniss. 
Uebrigens hätte sie unmöglich von L. Minicius Natalis, dem Sohne, 
befehügt werden können, wie Fröhner p. 14 vermuthet; dieser war 
nur Tribun der XI. Claudia gewesen (Henzen, n. 6498) und zwar nach 
dem dacischen Kriege (n. 5450). 

Das Gleiche gilt mit Bezug auf die Leg. X. Gemina Die Inschrift 
bei Gruter, p. 437, 7 = Fröhner, Append. n. 21 besagt, dass Q. Pri- 
feruus Paetus als Praefect der ala I. Asturum, nicht als Tribun der 
Leg. X. Gemina nach der expeditio Dacica von Trsyan decorirt wurde: 
-- — PRAEF . COH • III . BREVC • TRIB- Leg- X- | GEMPRAEF- ALAE- 
I . ASTVRVM DONIS | MILIT • DONATO IN EXPED ■ DAC • AB • IMP • | 



n. Die dacischen Expeditionen. 79 

erkennen. Wir finden hier Germanen^ die mit Keule oder 
Schleuder bewaffnet sind^), Sarmaten^), mauretanische Reiter^) 
Tind andere Hülfs Völker^ dereuHerkunft schwer zu erkennen ist.*) 
Unter den hohen Offizieren^ die Trajan in seinen General- 
siab berief, erscheinen die Statthalter von Pannonien und 



CAESTßAIANO HASTA PVRA VEXILLO | CORONA MVRALI PßOC • 
PROVINC . SICILIAE. 

Fröhner, p. 14, läset endlich auch die Leg. XII. Fulminata 
laofl dem Orient) herbeikommen, zafolge der Inschrift bei Henzen, n. 
6777 = Fröhner, Appendix, n. 22: Q RAECIO Q F | GL RVFO | P P 
LEG XÜFVLM | TRECENARIO i DONISDON AB IMPE | VESPASIAN 
ET TITO IMP I BELL IVD AB IMP TRAI , BELL DAC PRINC PRAET | 
TREBIA MF- PROCVL | MARITO | T P I. Aus diesem Docamente 
geht hervor, dass Q. Raecius Rufus unter Vespasian Primipilus der 12. 
Legion war, im dacischen Kriege Trajans dagegen Anführer eines prae- 
toriachen Corps. — Ein entscheidendes Argument fttr die Verwendung 
der XIL Legion erblickt Fröhner in dem Emblem eines geflügelten 
Blitzes, das auffallend häufig auf den Schildern an der Trajanssäule 
wiederkehrt. Aber gerade diese Wiederholung, sei sie eine absichtliche 
oder zufäJlige, beweist, dass nicht die Soldaten der XII. Legion allein 
I wenigstens zur Zeit Trajans) dieses Abzeichen trugen; den Bas -Reliefs 
zafolge hätte sie sonst im dacischen Kriege die bedeutendste Rolle ge- 
spielt, wobei nicht zu erklären wäre, wie eine solche Aufzeichnung in 
ihren Denkmälern spurlos vorübergegangen sein sollte, üeber ihren 
griechischen Namen tö Kcpauvoqpöpov (Dio Cass. LV, 23) vgl. Borghesi, 
IV, p. 233 und die Anmerkung von Uenzen. 

1) Santi Bartoli, la Colonna Traiana, Tav. 27. 49. Fröhner, Descri- 
ption n. 86, p. 138. 

2) Bartoli, Tav. 46. Sie tragen Heim mit Schuppenpanzer. 

3) Eine Gruppe derselben erscheint schon im ersten dacischen Kriege: 
Bartoli, Tav. 43, Fröhner, p. 112, 113. Die Darstellung entspricht genau 
der Beschreibung Strabons, XYII, 3 §. 7. Ihr Haupthaar ist sorgsam 
gekiÄuselt; sie sitzen auf ungesattelten Pferden, und lenken dieselben 
mit einem Zaum aus Stricken, der um den Hals geschlungen ist. Cia- 
eonias, dem wir die erste, sehr verdienstliche Beschreibung der Bas- 
Heliefs auf der Trajanssäule verdanken (Historia utriusque belli Dacici 
& Traiauo Caesare gesti, ex simulachris quae in columna eiusdem Romae 
visantar collecta, anctore F. Alfonso Ciacono Hispano, Romae 1576, 
11—42), erkannte in dieser Gruppe germanische Reiter (u. 198, p. 27), 
irregeleitet- durch die ungenaue Zeichnung Muziano's. 

4) In den Bogenschützen bei Bartoli, Tav. 49, 50, 82, 83 erkannte 
Ciaconius, n. 275 Pannonier, Illyrier und Dalmaten, Fröhner, p. 138 da- 
gegen Parther. Nach der Kleidung zu schliessen, sind es wol ebenfalls 
Sannaten. 



80 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

MösieO; Q. Glitius Atilius Agricola ') und M\ Laberius Maxi- 
mus ^); sie wurden unmittelbar nach dem ersten Feldzn^e im 
Jahre 103 für ihre Verdienste mit dem üonsulate belohnt^); 
wahrscheinlich führte jeder den Oberbefehl über mehrere 
Legionen. L. Licinius Sura^ dessen Einfluss auf die £nt- 
schliessungen Nervals bei der Wahl eines Nachfolgers wir be- 
rührt haben^ war Generaladjutant des Kaisers ohne bestimmtes 
Commando.^) L. Minicius Natalis^ Consul wahrscheinlich im 
Jahre 107; befehligte eine nicht mehr näher zu bestimmende 
Legion^). P. Aelius Hadrianus stand im zweiten Krieg^e an 

1) Zahlreiche Turiner Inschriften geben uns über die Geschichte dieses 
Mannes Aufschluss (Marmora Taurinensia, I, p. 185 [griechisch]; 11, p. 
25—29, die jüngste auf S. 27, denn dort ist seine praefectnra urbis er- 
-wähnt; Henzen, n. 5449). Unter Nerva war er Legat yon Belgien und 
als solcher vielleicht der unmittelbare Vorgänger Sura's, vgl. Henzen, 
n. 5448. Ohne Zweifel war er der letzte Statthalter der imgetheilten 
Provinz Pannonien; denn schon im Jahre 107 lässt sich die Theilung 
in Pannonia inferior und Pannonia superior mit prätorischen Legaten 
bestimmt nachweisen (Ilenzen, Iscriz. onor. d^Adriano, Annali deü* 
Inst. 1862, p. 155). 

2) Plin. ad Traian. 74 ed. Keü. Dio Cass. LXVIII, 9. Wir wissen 
nicht, welche der beiden mösischen Provinzen er verwaltete. Borghesi, 
Oeuvres III, p. 185 glaubt, dass die Theilung von Mösien entweder noch 
unter Domitian oder im Anfange der Regierung Trojans erfolgte. 
Ersteres ist nach Henzen, Annali dell' Inst. 1857, p. 19 wahrscheinlicher. 

3) Orelli, n. 4115. Henzen, n. 5442, vgl. Mommsen im Hermes, III, 
S. 126 ff. 

4) Henzen, n. 5448. Borghesi, Annali dell'Inst. 1846, p. 343, hat 
bewiesen, dass sich dieses Fragment (der Name fehlt) auf L. Licinius 
Sura bezieht. Die eigeuthümliche Stellung, die er in den dacischen 
Kriegen einnahm, wird angedeutet durch die Worte: SVBEODEM- 
DVCE (sc. Traiano) • LEG • PßOPR • Die doppelte Zahl seiner Decora- 
tionen (AB EODEM . DONATO • HASTIS • PVRIS • VIII ■ VEXILLIS • 
VIII . CORONIS MVRALIB • II • VALLARIB • H ■ CLASSICIS II • AVRA- 
TIS • II •) beweist, dass er Trajan in beiden Kriegen begleitete (die 
Zahlen sind z. B. bei Q. Glitius Atilius Agricola [Henzen, n. 5449], der 
so viel man sieht, sich nur am ersten Kriege beüieiligte, nur halb so 
gross: hastis puris iül • VEXILLIS • IUI • CORONA vallari etc.). 

5) In der fragmentarischen Inschrift bei Henzen, n. 5450 fehlt der 
Name der betreffenden Legion. Ueber sein Consulat im Jahre 106 
oder 107, vgl. Mommsen, Inscr. Regni Neapel, n. 4496 = Henzen, 
n. 7081, und Hermes, HI, S. 46 A. 6. Sein Gollega war Q. Lici- 
nius Silvanus Granianus, ohne Zweifel dieselbe Person, die wir mit 



II. Die dacischen Expeditionen. 81 

der Spitze der Legio I. Minervia.^) Unter den übrigen 
Führern sind Claudius IdvianuS; der Chef des kaiserlichen 
Gardecorps ^^ und besonders der Mauretanier Lusius Quietus 
za nennen. Nach einer glaubwürdigen Ueberlieferung stellte 
üich dieser mit einem mauretanischen Eeitergeschwader frei- 
willig ein ; er hatte schon früher im romischen Heere gedient, 
aber wegen eines unbekannten Fehlers seine Entlassung ver- 
wirkt: im dacischen Kriege gedachte er seine Schuld durch 
Heldenthaten zu sühnen.^) 

Ausgangspunkt der Expedition war ohne Zweifel das 
Standlager der Leg. VII. Claudia , Viminacium, einige Stunden 
unterhalb der Einmündung der Morava in die Donau, wo 
gegenwäiüg Kostolac liegt. In der Nähe dieses Ortes, bei 
dem heutigen Rama, setzte Trajan mit einem Theile seines 
Heeres auf einer Schiffbrücke über die Donau, während eine 
andere Abtheilung, so viel sich vermuthen lässt, den Lauf des 
Hasses rechts weiter verfolgend bei Kolumbina, dem alten 
Taliatis, ihn überschritt und gegen Alt-Orsova (Tierna) vor- 
drang. Die beiden von Lederata (ßama gegenüber) und von 

fiuem zweiten Cognomen, '(iranianus*, auf verschiedenen spanis('hen 
Inächöflen finden. Mommscn, Bull, deir Inst. 1846, p. 45, not. 1. 

J) Siehe oben S. 75, Anmerkung .3. 

2.1 Dio Caas. LXVIIl, 9: KXaubtoc Aißmvöc ö ^irapxoc. 

.H) Ein werthvoUes Fragment des Dio Cassius (LXVJII, 32) gibt uns 
rilj«r diese Dinge Aufdchluss: 6ti KufjToc AoOctoc (so Bekker; Keimar: 
KOvToc Aoucioc; Euaebius, Histor. Eccles. IV, c. 2: AoOkioc Kuf|Toc; 
Euseb. Chronic. Can. ed. Alfr. Schöne: Auciac Kövtoc; nach Spart. 
Hadr. c. 5, 8 ed. Peter moss man sich für die Form Lusius Quietus ent- 
scheiden) Maöpoc }iiv f\v, xal aÖTÖc tuiv MaOpuiv dpxuiv, Kai iv linrcO- 
civ iXi]c dHr|CTaTo, KaraTvujcOclc h^ ini ttov^piq. töt€ h^v Tf\c crparefac 
<iirT)XXdTri xal /|Tl^ul01l, (tcTcpov bi toO Z^qkikoO itoX^^ou 4vcTdvToc xal 
Toö TpaiavoO Tf4c täiv Maupwv cumnaxtoc b€ii9^vToc t^XG^ t€ irp6c aO- 
Töv aÖTcirdTT^XToc kgI fütCTdXa ipya dircbciSaTO. Das folgende ti^itiGcIc 
^ ^iri T0ÖT141 voki) irXctui koI ixeHiu kv Ttli beuT^pip iroX^jLiifj ^HcipydcaTO 
Wzieht sich auf den parthischen, nicht mehr auf den dacischen Krieg. 
Themigtius, Oration. XVI, ed. Dindorf, Lips. 1832, pag. 250, versichert 
üQsdrücklich, dass Lusius Quietus einem den Römern nicht unterwor- 
fenen afrikanischen Districte angehörte: dXX* oi)hi *Puj)iaTov övra 
Töv fivöpa, dXX' oöö^ Aißuv U xfjc öittiköou AißOric, dXX* kl dööHou Kai 

'nlpreuch. z. Rom. Ka58erg<»sch. I. ß 



82 Johannes Dierauer: (teschichte Trsyans. 

Tiema ausgehenden Strassen zogen sich zum Eisernen Thor- 
Pass hinauf^ und vereinigten sich bei Tibiscum, das am Zu- 
sammenflusse der Temes und der Bisztra zu suchen istJ) 
Dass Trajan für sich die erstere Richtung wählte, ist mit 
Sicherheit aus einem bei Priscian erhaltenen Fragmente seiner 
Memoiren über den dacischen Krieg zu entnehmen-, die darin 
erwähnten Stationen Berzobis und Aizi entsprechen oflFenbar 

1) Ich folge im Allgemeinen Aschbach, Donaubrücke, S. 4 und S. 9 — 12, 
sowie Fröhner, der p. 17 die von Viminacium ausgehenden Strassen- 
züge nach der Tabula Peutingeriana, dem Itinerarium Antonini, Ptole- 
mäus und Procopius übersichtlich zusammengestellt hat. Dass eine 
Schiffbrücke in der Nähe von Viminacium über die Donau gebaut wurde, 
ist sicher, sie ist auf der Trajanssäule abgebildet (Bartoli, Tav. 4. 5. 
Fröhner, p. 71). Ueber den Ort herrscht nicht volle Klarheit. Jedes- 
falld kann sie aber nicht, wie Aschbach glaubt, bei Viminaciuizi selbst 
geschlagen worden sein. Der directe Strassenzug von Virninacium nach 
Tibiscum führte zunächst nach Lederata, das auf der Tab. Peuting. 
noch auf dem rechten Ufer der Donau angegeben ist, unzweifelhaft aber 
auf das linke gehört. Es lag an der Stelle des heutigen Uj>PalaDka 
(Böcking, annotat. ad. Not. Dignit. I, p. 481, Aschbach, S. 11, Fröhner, 
a. a. 0.). Nach Procopius (de aedific. p. 287, ed. Dindorf; Bonn 1838) 
war auf dem diesseitigen Ufer, Lederata gegenüber, das Fort Noßai 
(Tab. Peut.: ad Novas; Itin. Anton.: Novas); diese Angabe ist entweder 
ein Irrthum oder muss vielleicht nicht im strengen Sinne genonunen 
werden (Böcking, a. a. 0.), denn die Entfernung von Yiminaciuns^ nach 
Lederata beträgt X M. P. , nach Ad Novas dagegen XXXVI M. P. 
Genauer würde Pincum (auf der Tab. Peut. irrthümlich Punicum) zu- 
treffen (Entfernung von Viminacium XIII M. P.); in der That verlegt 
Böcking diesen Ort an die Stelle des jetzigen Rama, gegenüber Uj-Pa- 
lanka, ungefähr 3 geographische Meilen unterhalb Eostolac (p. 475 fi.)- 
Wäre diese Ansetzung richtig, so müsste die Entfernung nach Lederata 
grösser sein, als die nach Pincum, sie ist aber nach der Peut. Tafel 
umgekehrt kleiner. Es scheint mir daher, dass uns der Name des römi- 
schen Forts, das der Lage nach dem heutigen Rama entsprechen würde 
und bei welchem Trajan zur Verbindung mit Lederata eine Schiff- 
brücke bauen liess, nicht überliefert ist. Pincum lag an der Strasse, 
die von Viminacium dem Laufe der Donau auf dem rechten Ufer abwärts 
folgte; wahrscheinlich zog sie sich nicht um den langgestreckten Hügel 
herum,, der den Fluss nöthigt, zwischen Kostolac und GradiSte eine 
weite Biegung nach Norden zu machen. Vgl. Eanitz, die römischen 
Funde in Serbien, Sitzungsber. d. k. Akad. d. W. Bd. XXXVI, p. 196 fl. 
und das zur Orientinnig beigegebene Kärtchen, aus welchem ersicht- 
lich ist, dass Rama auf dem nördlichsten Punkte joner Halbinsel liegt. 
In seinen neuesten Untersuchungen (Mittheil. d. k. k. Centralcommiaaio« 



IL Die dacischen Expeditiofien. 83 

den auf derPeutmgerschen Karte im Srassenzuge von Lederata 
nach Tibiflcum angeführten Orten Berzovia und Ahihis.^) 

Decebalus hatte unterdessen^ wie es scheint^ Verbindungen 
mit sarmatischen^) und germanischen Stammen angeknüpft. 
Eine Anzahl solcher Stamme, die Burer an der Spitze^ 
liesseu Trajan eine formliche Warnung zukommen und ihn 
zum Rückzuge mahnen.'^) £r war natürlich nicht in der 

XII, 8. 49 ff. ] verlegt Kanitz das alte Lederata ohne genägende Gründe 
aaf das rechte Donaunfer. 

1; PriBciani Institationum gramraaticarum Lib. VI, 13, ed. Hertz 
p. 206; Traiamut in I Dctcicor^im: inde Berzdbim, deinde Aizi pro- 
cessimus. 

2) Auf der Trajansaäule sehen wir za wiederholten Malen sarma- 
tische Reiter (Ciacouius, n. 147, 161; Bartoli, Tav. 22, 27). Sie tragen 
einen Helm und sind im üebrigen, gleich ihren Pferden durch einen 
Schappenpanzer geschützt, den sie ans Pferdehnfen verfertigten, vgl. Paa- 
aan. 1, c. 21, §. 6, ed. Dindorf^ Paris 1845: CuXXcHdM^voi bi läc öiiXäc iKKa- 
6i^)pavr^c T€ xai fticXdvTcc iroioOciv dir ' aöruiv ^^fpepf) bpaKÖvrwv <poX{- 

civ. TaOra ftiarp/^cavTcc xal vcupotc Yttitutv koI ßouiv cuppdipavTCc 

Xpwvrat edipaHtv oürc ci^TrpcTrcfqL tuiv *€XXr]viKdiv dTroö^ouciv oÜtc dcOc- 
vccT^poic. Pröhner weicht ?on Ciaconius' Ansicht, die durch Fabretti, 
de Colomna Traiaui Sjmtagna, Rom. 1683, p. 109 sqq. eingehend be- 
gründet wurde, ab und erklärt jene Reitergruppen für Parther (p. 96, 101). 
Aber schon Fabretti, p. 111, hat mit Berufung auf Plutarch. Lucullus, 
28 geieigt, dass das Costflm der parthischen Reiter sehr wenig mit dem 
auf der Trajanssäule dargestellten übereinstimmt. Allerdings bestanden 
in jeuer Zeit freundschaftliche Beziehungen zwischen Decebalus und 
Pacoms (Plin. ad Traian. 74) : von Hülfeleistung des Partherkönigs aber 
▼emehmen wir nichts. Allem Anscheine nach wurde Trajan nicht vor 
dem Jahre 113 oder 114 zu einem Kriege gegen die Parther herausge- 
fordert, denn Julianus, Caesares, p. 23, lässt ihn sagen: irpöc TTap6ua(- 
ouc ö^, irptv niv döiKclcOai irap' a(jTUL»v, oOk di6^iiv &elv xP^c9ai toIc 
ovXoic dbtKoOciv bi ^ncEt^XOov, o^biv öit6 tt^c r|XiK{ac KUjXueeic xai- 
Toi btbövTuiv ^ot Tuiv vöfiuiv TÖ jif| CTpaTcOcceai. Mit Recht verweist 
C. de la Berge, Revue Critique 1866, n. 4, p. 55 auf diese Stelle. 

3; Dio Cassius, LXVIII, 8: CTparcOcavTi bi rw Tpaiavu) Kard xiuv 
doLKfSiy Kai Tctic Tdnatc £v6a £cTpaToir^&€uov ol ßdpßapoi, iiXr)CidcavTi jitu- 
«TC pitfüc 1^poc€Ko^lc8T] , ypd)i|üiaci Aarivoic X^t^Jv öti dXXoi t€ tüjv 
c\l^^dxulv Kai BoOppot napaivoOci Tpaiaviü Ö7r(cu) diti^vai Kai €lpnvf)cai. 
IHese Nachricht klingt so sonderbar, dass ich sie nicht ihrem ganzen 
Cmfange nach aufzunehmen wage. Kann ein Schwamm überhaupt als 
Sehreibmaterial dienen? Man denkt an eine Form mit breitem Dache, 
aber gerade solche Schwämme erhalten sich nur kurze Zeit. Zwar be- 
deutet pOkt)C auch 'die metallene Spitze oder Kappe einer Degenscheide» 



84 Johannes Dieraner: Geschichte Trajans. 

Lage, ihre Vorstellungen zu berücksichtigen; und wies auch 
die Friedensanträge ab, die eine dacische Gesandtschaft ihm 



(Thesauros linguae graecae, s. v.); dass man Tri^'an unter dieser Form 
eine Botschaft überbrachte, ist ebenso unwahrscheinlich, und I>io 
Cassius denkt offenbar, nach dem beigefügten ^iyac zu achliessen, 
an einen Schwamm. Vielleicht liegt aber ein Irrthum vor; mög- 
licher Weise schrieb Dio Cassius 'XuKfi', das unter der Hand ein^s 
Copisten in '^üktic' übergieng, worauf Xiphilinus, um die auiTallendo 
Nachricht wahrscheinlicher zu machen, 'fui^yac' hinzufügte. Eigenihüm- 
lich ist auch der Umstand, dass die Warnung in lateinischer Sx>rache, 
oder wenigstens mit lateinischen Buchstaben geschrieben war. Dio 
Stelle bildet ein völliges Räthsel. — Fröhner, p. 79, glaubt, dass die 
Gesandtfichafb der Burer auf der Trajanssäule dargestellt sei (bei liar- 
toli, Tav. 8; galvano - plastische Nachbildung der Säule im Loiivn» 
[Pavillon Denen], erste Trommel, 2. Undauf): Un Germain, relu d'une 
chcmise grossiere et arme d'une vutssue (man erkennt diese nicht deut 
lieh), est alle ä la rencontre de Vanpereur. Ä Vaspect de Trajan et dt 
ses licute^nants, ... «7 tmnhe de son imilet, soit par acddetit, soit par fray- 
eur. Ce Gemmin est le viessager des Eures, luition voisine de la IJacie; 
il apporte une missive ecrite en caracteres latins sur un grand Cham- 
pignon poreiix^ et par laqueUe an cmiseille ä Trfj^jan de faire la jmix 
et de retirer prompt ement ses troupcs. Fröhner hält also den runden 
Gegenstand, der den Rücken des Thieres zum Theil bedeckt, für einen 
Schwamm. Diese Erklärung, die schon Fabretti, Syntagma. p. 17 gab 
(gegenüber Ciaconius, der an ein 'Sieb' dachte, n. 85), ist gewiss un- 
richtig. Jener Gegenstand stellt eine kreisrunde, flache Scheibe dar, 
die auf der linken Seite noch ganz sichtbar von einem erhabenen liande 
begrenzt ist; rechts und oben ist der Rand in Folge der Verwitterung 
weggefallen. Fast mitten über die Fläche der mit kleinen, runden und 
ungeordneten Verüefimgen versehenen Scheibe läuft der ausgestreckte 
Arm des am Boden liegenden Mannes, in der Weise, dass der Zeige- 
finger der Hand bis an den Rand derselben reicht Wahrscheinlich ist 
die Scheibe am Rücken des Thieres befestigt; wenigstens lässt sich von 
einer Verbindung mit dem Arme, wie sie z. B. auf' einer Nachbildung 
dieser Scene in Gyps im antiquar. Museum zu Leyden willkürlich durch 
Hinzufügung von Schildriemeu dargestellt wurde, keine Spur entdecken. 
Verglichen mit den Dimensionen des Pferdes oder Maulthiers hat der 
Gegenstand einen Durchmesser von 2 — 27^ Fuss. — Es erhellt nach 
dieser Beschreibung, dass hier von der Abbildung eines Schwammes 
nicht die Rede sein kann; der Künstler hätte einen solchen nicht als 
ebene Fläche, sondern als gewölbten Gegenstand, vor Allem ohne erha- 
benen Rand dargestellt. Vielmehr dürfte es sich um einen Schild han- 
deln, wobei die erwähnten Vertiefungen als Verzierungen der Auaseu- 
seite zu betrachten sind. Wir finden in der That diese Art der Ver- 
zierung auf der Trajanssäule noch einmal, am Schilde eines Daders 



11. Die diuji>*chen Expeditionen. 85 

vorlegtet) Es begaun also der blutige Kampf. »Sicher kam 

{Lonvre, 2. Trommel, 2. Umlauf). E» betrifit den Schild des obcreien 
der auf Ta?. 30 bei Bartoli dargestellten Dacier; die Abbildung ist 
ungenau. 

1) Excerpta e Petri Patricii Uist. 4, Bonn, 1829, p. 123: öti Ac- 
K^ßoXoc irpöc Tpatavöv irp^cßcic £1re^^l€ inXo96pouc* oOtoi ydp cki irap' 
aCrrok ol TifuudiTcpoi. TTpÖTcpov yäp KOjiifiTac lirc^ircv, cötcXcct^- 
pouc öoKoOvrac irap* aÖToIc elvai. 4k€1voi bi ^XGövtcc ^rri toO Tpa'ia- 
voO {ppiHiav Kai tä öirXa , xal rdc x^pcLC öiticScv &i^cavT€C ^v alx^aXtii- 
Tuiv TdSet ^b^ovTo ToO Tpa'iavoO clc X6touc dXOetv A€K€ß<iXip. Hier sind 
ako Kwei Gesandtschaften deutlich auseinander gehalten; zuerst schickte 
Decebalus ^comati', d. h. Männer von geringerem Stande, dann 'pilo- 
phori', Angesehene, die in demüthiger Form Trajan baten, mit Dece- 
baloB sich über eine persönliche Zusammenkunft zu vereinigen. Im 
Anazuge des Xiphiünus sind diese Verhältnisse verwirrt. Hierheisst es: 
Ti]viKaOTa 6 AcK^ßaXoc irpkßeic fircfi^ic (LXVIU, 8 s. fin.). *67r€iT6^q>€i 

fliv KUl irpö TffC 1\lTr\C np^CßCtC, OÖK £tI TUIV K0^T1TUIV, ÜJCITCp 

irpörepov, dXXd TiSkvniXocpöpiuv toCic dpicTouc xal ^KCtvoi rd t€ örrXa 
j^ii|pavT€c, Kai touroOc €ic Tf|v yi^v KaTaßoXövrec, £6€f)6ncav toO Tpa'iavoO, 
MdXtcTa niy aijrCjt ti|i AcxcßdXiu xal ^c öhjiv koI ic Xöyouc aOroO dX6€lv, 
tiic Kai irdvra Td K€XeucOr|c6Meva iroirjcovri, ^iriTpairf^vai (c. 9, ed. Tauch- 
nitz, Lips. 1829). Auch hier ist von zwei Gesandtschaften die Rede, 
aber man erkennt nicht genau, welche von denselben vor oder nach 
der Niederlage (bei Tapae, vgl c. 8) erschien. Doch lässt sich aus den 
Worten: oOx in tuiv xojiiiiTüiv, UJCTrep itpÖTCpov schliessen, dass Dio 
Cassius früher die Gesandtschaft der comati als die erste erwähnt haben 
wird; erst nach der Niederlage entschloss sich Decebalus zur Absen- 
dung vornehmer Unterhändler. Dieses Verhältniss wird durch eine Ver- 
gleichung mit dem angeführten Ezcerpte des Petrus Patricius klar. Um 
den richtigen Sinn bei Dio Cassius herzustellen, müssen wir den Satz: 
^ic€iröfi<p€i )i^ xal npö tt^c fjTTiic irp^cßcic in Parenthese setzen, wo- 
durch oux Iti Tütv xo)inTiXiv unmittelbar auf TiivtxaOTa ö Acx^ßaXoc 
iipkßeic £ii€)uiipe bezogen wird. — Nun ist aber zu bemerken, dass nach 
einem Ezcerpte des Ursinus, das Bekker aufgenommen hat, der Schluss 
von c. 8 wesentlich von der angeführten Form abweicht Er lautet: rr^vi- 
Kaura ö Aex^ßoXoc irp^cßcic tiiiit^ac touc dpicTouc tuiv triXotpöpuiv, xal 
öl' aÖTvliv ToO aÖTOxpdTOpoc &€nO€ic, oOb^v ö Ti oöx ^Toijiwc tOjv irpoc- 
TaxB^VTUiv äcx€ cuv0^c6ai. Dieser Passus besagt mit Ausschluss der von 
mir vorgeschlagenen Parenthese das Gleiche wie der Anfang des fol- 
genden Capitels ; um also die Verwirrung nicht noch grösser zu machen, 
darf er nicht als integrirender Bestandtheil des Xiphiliuischen Textes 
betrachtet werden. Ob der Satz: oöft^v ö ti oOx ^to(|L(Uic tul»v irpocTa- 
xO^vTurv fcxe cuvO^cBai hierher gehöre, ist zu bezweifeln: er wiederholt 
«ich wörtlich in c. 9. — Die ersten dacischen Gesandten erscheinen auf 
der Säule wirklich noch während des ersten Feldzuges im Jahre 101 



86 Johanne» Dierauer: Goschiclito Trajans. 

es noch im Jahre 101 zu einem Gefechte ^ das aber iiiclit 
von entscheidender Bedeutung war. Es wurde sehr viel Zeit 
auf die Anlage von Strassen und Festungswerken verwendet, 
und dabei ein ZusammentreflFeu mit dem Feinde vermieden. 
Dieser Feldzug trug also den Charakter umsichtiger Vorbe- 
reitung für die grossem Unternehmungen des nächsten Jahres. 
Allem Anscheine nach gelangte Trajan vorerst nicht über den 
Eisernen Thorpass hinaus^ aber dafür hatte er jenseit der 
Donau eine gesicherte, ziemlich weit vorgeschobene Operations- 
basis gewonnen.*) Er liess also sein Heer in dem eroberten 
Gebiete die Winterlager beziehen.') 

Im Frühling des Jahres 102, nachdem für neue Zufuhr 
gesorgt war, wurde der Angriff mit grösserer Nachhaltigkeit 
wieder aufgenommen.^) Bei Tapae, an der gleichen Stelle, 



(Bartoli, Tav. 20; Fröhner, p. 94, 96); sie tragen lange mit Fransen 
besetzte Mäntel und haben keine Kopn)edeckung. 

1) üeber jenes Gefecht vgl. Bartoli, Tav. 17; Ciaconius, n. I3i?; 
Fröhner, p. 89. Fröhner halt dasselbe für die bei Dio Cassius, LXVIll, 
8 erwähnte Schlacht bei Tapae ; ich gehe auf diese Ansicht unten näher 
ein. — Eine Reihe von DarsteUungeu beziehen sich auf die Festungs- 
banten; s. Bartoli, Tav. 9—14. 

2) Wir sehen auf der Säule, wie ein solches Winterlager von den 
Daciern angegriÖen wird (Bartoli, Tav. 22. 28). Die Ansicht FrÖhners 
(p. 96), dass in einer Scene am Schlüsse des ersten Feldzuges (bei Bar- 
toli Tav. 22) dargestellt sei, wie dac. Eeiter bei einem beabsichtigien 
Ueberfalle der mösischen Lager auf der überfromen Donau durch 
den Bruch des Eises umkamen, ist wol iiiolit zutreffend. An einen 
Rückzug des römischen Heeres nach Mösien beim Einbrechen des Win- 
ters, also an ein Preisgeben des bereits eroberten Gebietes, kann man 
füglich picht denken; gewiss blieb dasselbe, wenigstens soweit die Be- 
hauptung der angelegten Forts es erforderte, jenseit der Donau. In 
beiden Fällen bleibt ein Versuch der Dacier, den Fluss au überschreiten, 
gleich unwahrscheinlich. Der Vorfall geschah also in Dacien selbst. 
Die Art der Darstellung, besonders ihre Einschiebung zwischen Scenen, 
die unzweifelhaft auf dacischem Boden vorfielen, dürfte jeden Zweifel 
heben. Welch anderer Fluss statt der Donau bezeichnet ist, können 
wir nicht bestimmen; Ciaconius, n. 146, dachte an die Theiss, welcher 
Ansicht ich eben so wenig beizupflichten vermag. 

3) Gewiss hat Fröhner richtig erkannt, dass nach jenem Kampfe 
um das Winterlager auf der Säule ein neuer Cjclus von Darstellungeo 
beginnt, die sich auf den Feldzug des Jahres 102 beziehen. In der 



II. Die docitjchen Expeditionen. 87 

wo 12 Jahre früher Tertius Julianus einen erfolglosen Sieg 
erfochten hatte , erlitten die Dacier eine blutige Niederlage. 



Nähe einer Stadt, neben welcher sich ein Amphitheater erhebt, werden 
Lebensmittel auf Schiffe verladen. Tr%jan steht mit zahlreicher Be- 
gleitong am Ufer und scheint sich einschifiPen zu wollen (Ciaconius, n. 
151 sqq.; Bartoli, Tav. 33; Fröhner, p. 97). Dann folgt, durch einen 
Bogen mit Quadriga getrennt, die Darstellung der SchifiPfahrt selbst 
Bartoli, Tav. 24), endlich (Tav. 25) Landung und Ausladen der Fracht. 
Nach Fröhner hielt sich Trajan im Winter von 101 auf 102 in Rom 
auf und schiffte sich im folgenden Frühling in Ariminum wieder ein, 
60 das8 wir also hier die Fahrt auf dem adriatischen Meere zu erkennen 
hatten. Mehrere Grande veranlassen mich, von dieser Coi\jectur, so 
annehmbar sie auch scheint, abzugehen und Ciaconius' Ansicht: 'Traia- 
nns Augustus per Istrum libumicis vectus' (n. 162) festzuhalten. 
I) Von einem Aufenthalte Trajans in Rom während der genannten Zwi- 
acbenaeit liegen keine Beweise vor; erst nach dem Friedensschlüsse im 
Jahre 102 erwähnt Dio Cassius dessen Rückkehr nach Italien (LXYIII, 9). 
i\ Hätte es überhaupt in der Absicht des Künstlers gelegen, Be- 
gebenheiten darzustellen, die ausserhalb des Kriegsschauplatzes oder 
dessen unmittelbarer Nähe vorfielen, also z. B. die Reise Tr%jans von 
Rom nach Mösien, so würde er eine Andeutung derselben am aller* 
wenigsten zu Anfang versäumt haben. Wir werden aber sogleich (Tav. 
4) an die Donau versetzt. 3) Allerdings hatte Rimiiii ein Amphitheater; 
(lies hindert aber nicht, auf Tav. 23 an eine Donaustadt zu denken (vgl. 
auf Tav. 75 das Amphitheater neben der Donau- Brücke). 4) Jener 
Bogen, den Fröhner für den Triumphbogen des Augustus in Rimini 
erklart, hat nur die Bedeutung eines Trennungszeichens für die vor 
nnd hinter demselben dargestellten Scenen der Einschiffung und der 
Fahrt. Gewöhnlich hat der Künstler seine Scenen durch Zeichnung 
eines Baumes geschieden, der den Plan von unten nach oben durch- 
schneidet (vgl. BartoU, Tav. 8, 19, 21, 23, 27, 28 etc.; es lassen sich 
^5 — 30 Stellen nachweisen); aber oft verwendete er da, wo ein Baum 
anpassend schien, einen Bogen (Bartoli, Tav. 4, 34, 62, 67, 76/76). Eben 
dies war hier der Fall, wo zwei Bildergruppen auf einer Wasserfläche 
getrennt werden mussten. 5) Unter den Schiffen bemerken wir Biremon, 
aber auch solche mit nur einer Ruderreihe, endlich ganz einfache 
Fluaskähne, die man zu einer Fahrt über das Meer unmöglich hätte 
benaUen können. 6) Trajan landet nicht, wie Fröhner p. 100 vermuthen 
mdchie, bei einer Stadt in Istrien, sondern auf dacischem Gebiete, denn 
onmittelbar nachher (Bartoli, Tav. 26 fl.) sehen wir den erneuerten 
Kampf beginnen; so erklärt es sich, warum bei der Landungsstelle 
ein Trennungszeichen fehlt: wir müssten uns wundern, wenn der Künstler 
ohne jede Andeutung einen plötzlichen Sprung von der adriatischen 
Küste nach Dacieu gewagt hätte. 7) Auf Tav. 33 und 34 wiederholen 
«äch ganz ähnliche Vorgänge (noch im ersten Kriege); wir erkennen 



88 Johannes Dierauer: Geschichie Trojans. 

Aber auch für die Romer müssen die Verluste bedeutend ge- 
wesen sein. Es wird erzählt; dass Trajan sein eigenes Ge- 
wand in Streifen schnitt^ da es an Verband für die zahlreichen 
Verwundeten fehltet) 

Decebalus schickte hierauf Gesandte aus dem Stande der 
Edlen ; die sich durch eine mützenartige Kopfbedeckung vor 
den Nicht -Adeligen auszeichneten.^) Er liess Trajan bitten. 



eine Bireme, dann ein einfaches Flassschiff, aus welchem Lebensmittol 
ans Land geschafR; werden. Hier kann man um so weniger an das 
Meer denken (FrÖhner, p. 107, sagt ausweichend: Trsg'an s'embarque 
de nouveau), als gleich darauf eine Schiffbrücke folgt. — Nach dicson 
Erwägungen (auf die Uferscenen zu Anfang des zweiten dacischen Krie- 
ges komme ich zurück) dürfte es entschieden sein, dass bei Bari.oli, 
Tav. 23 fl. die Fahrt auf der Donau dargestellt ist. Trajan verblieb 
also im Winter 101/102 in der Nähe des Kriegsschauplatzes, wahr- 
scheinlich in Mösien und erreichte von dort aus im folgenden Früh- 
ling das Heer, das er jenseit der Donau zurückgelassen hatte. 

1) Im Jahre 101 fiel keine grössere Schlacht vor (vgl. oben, S. 86). 
Zu entscheidenden Kämpfen kam es erst im folgenden Feldzuge (vgl. 
Bartoli, Tav. 26—28 und besonders Tav. 30. 31; Fröhner p. 101 fl.); 
nach einer dieser Schlachten wurde Trajan zum Imperator ausgerufen 
(Bart., Tav. 32), hierauf vertheilte er Donati ve an seine Soldaten (Tav. 
33). Jene Salutation ist auf einer Inschrift des Jahres 102 angemerkt: 
TRIB - PÜT • vT . IMP . li ■ COS . Uli • P . P . (OrelH , 786). Die Schlacht 
bei Tapä, die nach Dio Dassius (L XVI II, 8) mit einer blutigen Nieder- 
lage der Dacier endigte, gehört also eher in das Jahr 102, als in das 
vorhergehende. Mit dieser Annahme lässt sich auch sehr wol der Bo 
rieht des Dio Cassius verbinden, dass die dacische Gesandtschaft der 
comati 'vor der Niederlage' bei Tapä erschien (vgl. Petrus Patric. 
a. a. 0.): in der That triflt dies auf der Säule zu (vgl. S. 85 An- 
merkung 1). — Dass der Sieg auch für die llömer von grossen Ver- 
lusten begleitet war, sagt Dio Cassius LXVIII, 9: tcoXXoOc |uiiv tüiv 
oiK€{uiv Tpau^ariac dircTöc, der auch den erwähnton aufopfernden Zug 
Trajans mittheilt. Auf der Säule finden wir überall nur Siege ohne 
Verluste; mit Aengstlichkeit ist hier Alles vermieden, was auf die Er- 
folge der Römer ein imgünstigcs Licht werfen könnte; nur ein ein- 
ziges Mal sind Verwundete auf ihrer Seite dargestellt (Bartoli, Tav. 29). 

2) Dio Cass. LXVIII, 9, vgl oben S. 85 Anmerkung 1; dazu Jor- 
nandes, de reb. Getic. ed. Lindenbrog. Hambg. 1611, p. 86, wo von 
den Geten gesagt wird: (rraecisque consimiles, ut refert Dio. — Qui 
dixit primum Tarabosteos, deinde vocitatos Pileatos (wol die latini- 
airto Form von TnXo96poi) lios, qui inter eos generosi eartabant: ex qui- 
bus eis et reges et sacerdotes arditiabantur. Wir sehen auf der Säule 



II. Die dacischen Expeditionen. 89 

ilim eiue persönliche Zusammenkunft zu gewähren oder seiner- 
seits einen Legaten zur Einleitung von Friedensunterhand- 
luBgeo in das dacische Lager zu senden J) Wir wissen nicht, 
was Trajan bewog, den ersteren Vorschlag abzulehnen : L. Li- 
einius Sara und Claudius Livianus erhielten den Auftrag, ein 
Ueberein kommen mit Decebalus zu versuchen; es zeigte sich 
jedoch, dass er durch solche Manöver nur hatte Zeit gewinnen 
wollen: er liess sich in eine Besprechung mit den römischen 
Gesandten nicht ein.^) 

Auf die grosse Schlacht bei Tapae folgten in diesem 
ersten Kriege noch eine Reihe von Gefechten. 3) Die Dacier 
führten den Kampf mit einer Erbitterung, die sich bis zur 
Barbarei steigerte. Ein Relief der Trajanssäule stellt dar, 
wie sie den Leichnam eines Römers über ein Wagenrad 
spannten, um ihn zerdrücken zu lassen')*, ihre Frauen quälten 
entkleidete Gefangene, naciidem ihnen Hände und Füsse zu- 
sammengebunden worden, mit brennenden Fackeln.'') Dece- 
balus vertheidigte sich mit allen Hülfsmitteln der römischen 
Kriegskunst; aber Trajan hatte nachhaltige Kräfte genug, 
um dem Widerstände des Feindes zu begegnen. Er verdrängte 
ilin aus seinen festen Stellungen im Gebirge und schwächte 
ihn durch Erbeutung von Waffen und Kriegsmaschinen: aus- 
drückUch wird bemerkt, dass er den Legionsadler, den das 
Heer des Fuscus zur Zeit Domitians verloren hatte, wieder 



aach Dacier, die nicht eine weiche Mütze, sondern steife Hüte von ab- 
gestumpfter Kegelform tragen. 

!) Wo wir diese zweite Gesandtßchaft auf der Säule zu suchen 
haben, ist nicht ganz klar, vielleicht bei Bartoli, Tav. 29, wahrschein- 
licher aber auf Tav. 41 nach den grossen Schlachten (vor. S. Anm. 1). 
Hier erscheint ein vornehmer Dacier vor Trajan, er hat den Schild 
ihm zu Füssen gelegt (Dio Cass. a. a. 0. : xal ^kcIvoi rd t€ önXa /^ii|iav- 
T6C Kai ^(xuToOc €lc T^ T*)v KaTOtßaXövTCC d&€/|8iicav ToO Tpaiavoö) und 
kniet vor ihm nieder. 

2) Dio Cass. a. a. O. 

3) Bartoli, Tav. 43, 44; 46, 47; 49—53. Piinf verschiedene Gefechte 
lasen sich unterscheiden. 

4) Bartoli, Tav. 28; Pröhner, p. 103. 

5) id. Tav. 33; Fröhner, p. 106. 



IK) Johannes Dierauer: Greschichte Trsyans. 

eroberte J) Jetzt überschritt er den Eisernen Thor-Pass*) 
und drang ins Hatszeger Thal vor^ wo die dacische Königs- 
stadt Sarmizegethusa (etwa an der Stelle des heutigen Dorfes 
Varhely) lag.^) Die Einahme eines wichtigen Festungswerkes ^), 
die für Trajan günstige Entscheidung einer letzten Schlacht 
in unmittelbarer Nähe jener Stadt ^); endlich die zu gleicher 
Zeit erfolgte Gefangennebmung einer Schwester des feind- 
liehen Königs durch M'. Laberius Maximua machten diesem 
Feldzuge und damit dem ersten dacischen Kriege ein Ziel.^) 

1) Dio Gass. LXVIII, 9: 6 6iTpa*iav6c öpi^ t€ Ivt€T€ixic^^ va ^aßc, 
Kttl ^v aÖTolc Td T€ ÖirXa xd t€ ^T^xavninaTa xal rd alxiidXujTa , xö t€ 
ci^nctov t6 irt\ ToO 4>oöckou &X6v eöpc. — Auf der ersten Schiffbrücke 
über die Donau (Bartoli, Tav. 5) sehen wir einen signifer, der das Feld- 
zeichen einer Legion trägt, auf welchem jedoch der Adler fehlt. Hieran 
scliliesst FrÖhner (p. 72) die Bemerkung: Un autre soldat ne tient que 
le Support d*une aigle, perdue sous Je regne de Domüien, lors de Ja 
defaite du prüfet des prdtoriefhs Cofm^itis FaseiLS. Gieng aber nur 
der Adler allein, und nicht auch der Fahnenschaft verloren? Bei ersterer 
Voraussetzung wäre die Idee doch höchst sonderbar gewesen, nur den 
Schaft darzustellen. Täusche ich mich nicht, so hat ursprünglich auf 
dem latemenartigen Untersatze (Giaconius^ n. 50, dachte wirklich an 
eine Laterne, vgl. auch Francke S. 195) noch irgend ein Feldzeichen ge- 
standen; es zeigt sich bei genauer Betrachtung (Louvre, 1. Trommel, 
1. Umlauf), dass dasselbe entweder in Folge der Verwitterung oder 
wahrscheinlich schon früh in Folge eines Zufalls weggefallen ist. 

2) Bartoli, Tav. 35, vgl. Ciaconius, n. 183 fl.; Francke, S. 114. Die 
Erklärungen sind aber alle unsicher. Durch die Darstellung eines stei- 
len Weges und eines Gebirgsgrates, hinter welchem sich die Soldaten 
hervordrängen, ist indessen das Ueberschreiten einer Passhöhe ziemlich 
anschaulich bestimmt. 

3) Die dacische Hauptstadt heisst bei Dio Cassius (c. 9) Z€p|üit2l€T€- 
6o0ca, auf der Tab. Peut. Sarmategete; die Inschriften nennen sie 
Sarmizegethusa (vgl. den Index bei Ackner und Müller, die römiticli. 
Inschriften in Daden, S. 206, 207). Ueber die Localität haben wir Mit- 
theilungen von Ackner, Jahrb. der k. k. Central -Commission, Wien, 
1856, S. 7 fl. 1857, S. 74 fl. 

4) Dio Gau. a. a. 0.: xal xu'piov ti Icxupöv clx^v. Es läset sich 
Bartoli, Tav. 60. 51 (FrÖhner, p. 117) vergleichen. 

5) Bartoli, Tav. 52. 53. 

6) Wir finden auf der Säule keine Scene, die an die Gefangen- 
nehmung einer dacischen Prinzessin erinnern könnte. Was FrÖhner 
n. 20, p. 95 (vgl. Bartoh, Tav. 21) bemerkt, beruht auf einer Täuschung; 
dort sind dacische Frauen dargestellt, dio mit ihren Kindern, wie es 



II. Die dacischen Expeditionen. Dl 

ßecebalus sah sich geooihigt; die ihm vorgeschlagenen Frie- 
(lensbedingungen anzunehmen. Er musste Trajan sein Kriegs* 
material fibergeben, die Festungen schleifen , das von den 
Bränem in Besitz genommene Land räumen, alle Romer, die 
in seiner Haft oder in seinem Dienste waren ausliefern, und 
Tersprechen, dass er keinen romischen Soldaten je wieder in 
sdnen Dienst aufnehmen wolle. ^) Dacien erhielt nunmehr 
eine ähnliche Stellung, wie sie Judäa vor dem Tode des 
Herodes Agrippa im Jahre 44 gehabt hatte: es ward ein ab- 
hängiges Königreich, ohne Zweifel mit der Verpflichtung zu 
bestmimten, uns nicht bekannten Leistungen.^) Decebalus 
ersehien selbst vor Trajan, um sich seinen Befehlen zu unter- 
werfen.**). 

lichemt, die Gnade Trajans erflehen; die erste dieser Frauen, die Fröh- 
Der für Decebalus' Schwester halt, zeichnet sich durch nichts von den 
übfigen aus. 

1) Diese Uebereinkunft wurde zunächst mit einer dacischen Gesandt- 
«ehaft abgeschlossen, der dritten, von der wir schriftliche Kunde haben: 
Excerpta e Petr. Patrie. Hist. 5, p. 123: ön irdXiv 6 Aex^ßaXoc irpc- 
c^iav fir€fii|r£ irpöc Tpamvöv, tiSiv irap6vTUJV dvaKUJxnv Ko^12!6;- 
|i€voc* ömcxvclTo öi Td T€ öirXa irdvra Kai rä )uirix<xvi^MaTa nopa- 
bt66vat T<|) Tp<nav(4). — npocebHato odv Tf|v irpecßetav 6 Tpcnavöc 
^iri Tuuratc rcClc cuveif)Kaic. Im Auszuge des Xiphilinns (LXVIII , 9) 
haben sich nur undeutliche Spuren von dieser Gesandtschaft erhalten. 
Nachdem hier erwähnt ist, dass Trajan den L. Lidnius Sura und Clau- 
ilioB LivianuB ins dacische Lager schickte und dass diese bei Decebalus 
oichts ausrichteten, heisst es weiter: £1^c^^le (ö Acx^ßaXoc) hi xal 
t6t6 Tivdc. Wir vernehmen aber nicht sogleich, welchen Auftrag diese 
(leföndten hatten ; zuerst wird erzählt, wie Trojan in das höhere Berg- 
land vordrang, feste Plätze eroberte, wie Mazimus die Schwester dcH 
Königs gefangen nahm u. s. f.; dann erst kommt ein Bruchstück, das 
mit der Erwähnung jener Gesandschaft in Verbindung zu bringen ist: 
oö6ev 6 Ti oöx itiApoiK tuiv TrpocraxO^VTWV ic%i cuvedcOai. Aus dem 
folgenden: oi>x öti xal ^mii^vetv airrote f^eXXev, dXX' W* ^xTi&virap- 
övTttiv dvairvcöcij. tA yäp ÖirXa xal t4 junixav/mara touc t€ jüiixo- 
voicoioöc «apoteO'yat etc. erkennen wir leicht, dass das oben angeführte 
viel klarere £xcerpt wirklich in diesen Zusammenhang gehört. 

2) Marquardt, Handb. d. röm. Alterth. 111,1, S. 184 fl. Dieses Ver- 
hatiniss wird vorzüglich durch einen Passus in den Friedensbestimmungen 
beleochtet, nach welchem Decebalus versprechen musste toOc tc uOtouc 
^xOpouc Koi <piXouc Totc *Pu>Ma(oic vo\iit€iy. 

3) Dio Cass. a. a. 0. : irp6c tc t6v Tpaiiav6v clccXOdiv, xal ic Tf|v 



92 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Nachdem Trajan 8armizegethuBa und mehrere andere 
dacische Städte mit römischen Garnisonen versehen hatte , 
kehrte er nach Italien zurück ^); begleitet von den Gesandten 
des besiegten Königs ^ die vom Senate die Bestätigung des 
zwischen Trajan und Decebalus geschlossenen Vertrages er- 
bitten mussten.^) 

Noch im Jahre 102 feierte Trajan den ersten dacischeii 
Triumph. Dreimal hatten ihn seine Legionen während den 
Krieges zum Imperator ausgerufen: jetzt ertheilte ihm der 
Senat den Ehrennamen DacicuS; der von nun an immer 
seinen übrigen offiziellen Titeln beigefügt wird. Im Anschluss 
an den Triumph unterhielt er das Volk durch Gladiatoren- 
spiele und die bei dieser Gelegenheit auf die Bühne wieder 
zurückgeführten Pantomimen. ^) 



Xnv necidv, xal irpocKUv^jCac aOri^, koI t& önXa dTroppi^iac. Die Unter- 
werfungsscene auf der Säule (Bartoli, Tay. 54 — 56) gehört zu den weni- 
gen Darstellungen, die eine schriftliche Nachricht iünstriren. Den 
Römern muss sich die bei den Daciem gebräuchliche Form der Demü- 
thigung tief eingeprägt haben; Dio Cassius hat sie mehrmals erwähnt 
(s. d. Anfang von c. 10, und Excerpta e Petr. Patric. Hist. 4, p. 123). 

1) Dio Cass. a. a. 0.: TaOxa cuvO^fuievoc xai CTpoTÖircÖGV iv Zcp- 
liiZeTcOoucq KaraXiirdiv, ti^v T€ dXXnv x^P^^ qppoupalc ^laXaßtbv, ^c 
MTuXCav dv€K0^(ce1l. Man kann nach dieser Stelle nicht annehmen, 
dass schon damals eine römische Colonie in Sarmizegethusa gegründet 
wurde. 

2) Dio Cass. LXVIII, 9. 10. 

3) id. c. 10: Tpa'iavdc bk rd T€ viKirnfipia fijacfe Kai AaKiKÖc ^iruivo- 
\i&cQr\f (y T€ Tip OedTpip |uiovo|uidxouc cuv^ßoXc (xai t^P ^X^^ipcv aOrolc), 
Kul ToOc öpxncTÄc de TÖ O^aTpov diravi^TaT€; cf. Zonaras, XI, 21, ed. 
Bonn. II, p. 508. 

Für die Chronologie des ersten dacischen Krieges ist vor Allem 
entscheidend, dass nach den Untersuchungen Mommsen^s (Hermes, III, 
S. 126 if.) das fönfte Consulat Trajans auf das Jahr 103 fällt und nicht, 
wie seit Noris und Fabretti (de Gol. Traiana Syntagma, p. 274) allge- 
mein nach der Autorität von einigen wenn nicht gefälschten, so doch 
ungenau redigirten Münzen, entgegen den handschriftlichen Listen an- 
genommen wird, auf das Jahr 104. Trajan war also zu Anfang des 
Jahres 103 in Rom, da er sonst das Consulat nicht übernommen hätte 
(vgl. oben S. 36, Anm. 1 und S. 72, Anm. 1). Der erste dacische Krieg 
muss folglich noch im vorhergehenden Jahre abgeschlossen worden sein, 
wie schon C. de la Berge (Revue critique, 1868, n. 4, p. 53) gegenüber 



IL Die daciscben Expeditionen. 93 

Nach dem ersten dacischen Kriege hielt sich Trajan wieder 
einige Zeit in Born auf. Er yertheilte^ ähnlich wie nach sei- 
ner Rückkehr aus Germanien im Jahre 99; ein ausserordent- 
liches Congiarium an das Volk^) und beeilte sich^ seine 
Generale durch militärische Decorationen und die Ertheiluug 
der Consul würde auszuzeichnen.^) Mit dem 1. Januar 103 



FrOhoer ausgesprochen hat, der alle anf der Säule zwischen der zweiten 
Schiffbrücke (p. 107, vgl. BartoU, Tav. 33, 34) und der Victoria zwi- 
K'hen dacischen Trophäen (p. 120, Bartoli, Tav. 58) dargefi teilten Be- 
gebenheiten, d. h. vier grössere Gefechte mit einem Sturmangriite auf 
eine F^tung dem Jahre 103 zuweist. — Diese Chronologie wird durch 
die namismatischen Documente bestätigt. Vor Allem iüt festzuhalten, 
dass die vierte Salutation als Imperator zugleich die letzte im ersten 
Kriege war (vgl. die Inschriften bei Henzen, n. 5440. 5442); sie findet 
sieh schon auf Münzen aus der zweiten Hälfte des Jahres 102: IMP- 
<;äES . NERVA TRAIAN - AVG • GERM • P • M • TR • P . VI • || IMP - IUI . 
COS . im . DES . V . P . P . S • C . (Cohen , II , p. 57 , n. 352 , '353). Ohne 
Bedenken lässt sich auch n. 354 bei Cohen herbeiziehen, denn wenn 
KHch das Pariser Exemplar, wie ich mich selbst überzeugt habe, un- 
zwcifelhail TR-PVIl hat, so gibt es doch andere Exemplare der glei- 
chen Varietät mit dem 6ten Tribunate (Mommsen, S. 128, Anm. 1). — 
l>arf man aber mit gutem Grunde annehmen, dass in n. 354 bei Monst 
isutreffender Form ein Stenipelfehler in den Tribunafszuhlen (Vll statt VI) 
vorliege, so wird man das Gleiche auch mit Bezug auf n. 355 und 539 
^a^n dürfen, wo die Aufschrift lautet: IMP • CAES NKltVA TRAIAN ■ 
AVO GERM . DACICVS • P M • TR • P • VIMMP Uli • COS IUI. DES 
Y P • P - Eben hier treuen wir zum ersten Male den Ehrennamen 
DacicuB, ein Beweis, dass er Trajan noch vor dem Schlüsse detf 
Jahres 102 ertheilt worden ist. In der That treffen wir diesen Titel 
noch auf Silbermüuzen aus dem vierten Consulate (Cohen, II, p. 15, 
n. 78, 79 nach Wiczay und Eckhel), die Cohen mit Recht dem Jahre 102 
zugewiesen hat. Allerdings fehlt hier die Angabe der Designirung zum 
fuliften Consulate, aber es ist zu beachten, dass auf den Gold- und 
äilbermünzen Tn^jans immer nur die Zahl der wirklich angenommenen 
Consulate, nie zugleich des für das folgende Jahr zu übernehmenden 
vermerkt ist. Eine kaiserliche Münze mit COS • IUI • kann den Jahren 
101 oder 102 angehören; das letztere Jahr ist da mit G'ewisshcit auf- 
iuaehmen, wo zugleich der Titel DACICVS gefunden wird. Wir sind 
nicht genöthigt, die Echtheit dieser Münzen zu bezweifeln. — Noch zu 
Anfang des Jahres 103 sind Münzen geschlagen worden, welche an den 
ersten dacischen Triumph erinnerten (Vaillant, Numism. Imperat. Ro- 
man, praestant Rom. 1743, p. 63). 

1) Cohen, n. 330. 

2) S. oben S. 80, Anmerkung 3—4. 



94 Johannes Dierauer: GeBchichie Trajans. 

übernahm er das Consulat zum fünften Male in Gencieinschaft 
mit M'. Laberius Maximus ^ dem gewesenen Commandanten 
der mösischen Armee ^); aber schon nach wenigen Tagen 
überliess er seine Stelle dem Q. Glitius AtiKus Agricola^ der 
wie wir wissen ^ als Statthalter von Pannonien am Kriege 
Theil genommen hatte.*) 

Der jenseit der Donau nach mehrjähriger Anstren^ng 
errungene Erfolg mochte Trajan für einmal befriedigen. 
Allein es musste sich bald genug zeigen, dass das durch 
den Friedensschluss festgestellte Verh'altniss zwischen Rom 
und Dacien auf die Dauer nicht bestehen konnte. Wie hät- 
ten auch Decebalus und sein auf die bisherige Unabhängig- 
keit stolzes Volk die drückende Oberhoheit der Römer, deren 
Augriffe sie noch unter Domitian mehrmals zurückgeschlagen, 
deren Eindringen unter der Leitung Trajans sie neuerdings 
längere Zeit hindurch abgewehrt hatten, ruhig ertragen 
wollen? In der That vernahm man in Rom sehr bald, daes 
sich Decebalus an die von Trajan ihm abgezwungenen Zu- 
geständnisse nicht halte. Er stellte seine Festungen wieder 
her, nahm romische Ueberläufer auf, trat in Verbindung mit 
benachbarten Völkerschaften und entriss sogar den zwischen 
der Donau und Theiss wohnenden Jazygen, die zu den Römern 
in freundlichem Verhältnisse standen, einen Theil ihres Ge- 
bietes.') Angesichts dieser drohenden und durch den Angriff 
auf römische Bundesgenossen zugleich aggressiven Haltung, 
die den Friedensschluss des Jahres 102 in offenbarer Weise 
verletzte, erklärte ihm der Senat aufs neue den Krieg, und 
Trajan übernahm wieder persönlich dessen Leitung.*) Er soll 

1) Orelli, 4915. Mommsen, im Hermes, ITI, S. 126 if. 

2) Schon am 19. Januar hatte Trajan das Consulat niedergelegt, 
wie wir aus einem von diesem Tage datirten Militärdiplom ersehen. 
Henzen, n. 5442. 

3) Dio Cass. LXVIII, 10. Trajan gab den Jazygen dieses Gebiet 
nicht wieder zurück. 

4) Dio Cass. a. a. 0.: oörw bi\ Kai aööic iroX^^iov aÖTÖv f[ ßouXf) 
^HiilcpicaTO- Kai d Tpaiavöc b\" ^auToO Kai aOOic, ä\\" oö b\* Iri- 
pUJv CTpaTiiYoiv, TÖv Trpoc 4K€tvov ii6X€)Liov ^iroiriCüTo. 



II. Die dacischen Expeditionen. 95 

sich damals oft der Betheuerung bedient haben: *So mögen 
mir die Ootter beistehen; Daeien in eine romische Provinz 
zu verwandeln!*^) Erst jetzt gieng er also mit der ausge- 
sprochenen Absicht an die Donau , das dacische Volk seiner 
politischen Existenz nach zu vernichten und das Land zu 
provinzialisiren. 

Noch vor Eröffnung des Krieges hatte Trajan eine mit 
Bücksicht auf dieses Ziel entscheidende Massregel getroffen. 
Er überzeugte sich, dass wenn auch nicht für einen erneuer- 
ten Angriff; so doch für die gesicherte Beibehaltung der ein- 
zurichtenden Provinz die Erstellung einer festen Brücke über 
die Donau unerlässlich war. Gelang die vollige Eroberung 
Daciens (und wer hätte daran zweifeln wollen !), so lag in 
der Sorge für sichere und bequeme Communication mit Mosien 
das wirksamste Mittel zur Beförderung römischer Cultur im 
transdanubischen Lande. Ohne Zweifel noch im Jahre 104, 
ak) bald nach dem Abschlüsse des ersten Krieges, wurde 
wirklich ein solcher Bau begonnen. Für die Anlage wählte 
man die geeignetste Stelle, sowol mit Bezug auf das Fluss- 
terrain als auf die Configuration der dacischen Pässe; sie 
fand sich unterhalb der Stromschnellen von Orsova zwischen 
dem heutigen wallachischen Orte Tum Severin in der Nähe 
der Stadt Czernetz und dem serbischen Orte Fetislan oder 
tladova. Man baute zunächst am linken Ufer der Donau 
auf einer vorspringenden Landzunge eine Anzahl Pfeiler und 
grub hierauf zwischen denselben einen Kanal, durch welchen 
die Hauptstromung des Flusses abgeleitet werden konnte. 
Die Ausführung der eigentlichen Wasserbauten unterlag dem- 
nach geringern Schwierigkeiten, aber immerhin zeugt das 
Werk von einer ungemeinen Ausbildung der damaligen Hydro- 
technik, denn in ungefähr anderthalb Jahren war es vollendet. 



1) Ämmian. Marceil. XXIV, 3: Traianus fertur dliquoties iuramlo 
ffida eowmestse firtnare: 'Sic in provinciarum speciem rediictam videmn 
Ihciam.' Vgl. Francke, S. 124. Man darf diese Worte unbedenk- 
lieh anf die Zeit zwischen dem ersten und zweiten dacischen Krief^e 
Wiehen. 



96 Johannes Dierauer: Geschichte Tri^jans. 

Die Brücke ruhte auf 20 Pfeilern aus gemischtem Mauerwerk 
mit massiver Quaderverkleidung und hatte eine Lange von 
3570 Fuss römisch. Die Bogen mit einer Spannweite von 
110 Fuss waren von Holzconstruction: noch jetzt kann man 
in dem Mauerwerk der zum Theil erhaltenen Brückenköpfe die 
Vertiefungen beobachten, in welche die eichenen Balken ein- 
gelassen wurden. Hadrian Hess später den obem Theil der 
Brücke unter nichtigem Vorwande abwerfen, so dass nur noch 
die hoch über den Wasserspiegel aufstrebenden Pfeiler übrig 
blieben. Diese mochten noch im dritten Jahrhundert, als 
üio Cassius schrieb, einen imposanten Anblick gewähren, 
und wahrscheinlich im Anschluss an die Ueberreste, verbun- 
den mit dem unbegrenzten Erstaunen, welches der Bau bei 
den Alten erregt hatte, bildete sich sehr bald der Mythus^ 
dass auch die Bogen von Stein gewesen seien. ^) Baumeister 

1 ) Wir haben über die Donaubrücke die schon mehrmak erwähnte* 
ausffihrlichc und gründliche Untersuchung JoBei)h ABchbach's (Mitthei- 
hnig«»n der k k. Centralcomraission zur Erforschung und Erhaltung d. Bau- 
deukmalc, Wien, 1858, August- Heft, 24 S., mit 2 Tafeln, auch als Separat- 
ausgabe). Er hat Francke's Ansicht von einem Brückenbau unterhalb 
der Aluta- Mündimg bei Gieli (Zur Geschichte Trajan's S. 127 — J34 
widerlegt, und auf das überzeugendste dargothan, daäs, wie schon 
Mai*sigli (Dauubius Pannonico-Mysicue, U, 26) gefunden, die Brücke bei 
Turn Severin angelegt wurde. Seine Beweisführung, die sich auf die 
quellenmässigen Nachrichten und auf die liesultate einer im Frühjalir 
1858 durch die Donauingenieure vorgenommenen Vermessung der Ueber- 
reste stützt, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Ich folge auch 
seinen Bestimmungen über die Dimensionen, nur scheint es mir unge- 
rechtfertigt, die Breite der Pfeiler, die Dio Cassius (c. 13) auf 60 Fuss be- 
stimmt, um 10 FusB zu reduciren, indem in der That mitten im Strombett 
noch ein Pfeiler mit einer Breite von 10 Klaftern gemessen wurde (vgl. 
den Brief von F. Deuster, Bau -Assistent, bei Aschbach, S. 24). Noch 
in einem Punkte muss ich Aschbach entgegentreten. Er hält es (S. 18) 
für mehr als wahrscheinlich, 'dass die Brücke mit steinernen Bogen 
versehen war und einen steinernen Uebergaugsweg hatte', obgleich er 
zugibt , Ulass die Gallerien und manches Beiwerk an der obersten 
Brückenbedeckung von Holz gewesen sein können.» Dio Cassius aller- 
dings sagt a. a. 0.: Tpaiavöc hk fiq>\)pav XiBiviiv ^irl toO "Icxpou 
KttTecKCudcaTO. Auf diese Worte beruft sich Aschbach. Wir vdssen 
aber, dass Dio Cassius, wenn er an Ort und Stelle war (was nicht er- 
wiesen ist), nur noch die Pfeiler sehen konnte, da der Brückenweg 



II. Die daciachen Expeditionen. 97 

der Brücke war der berühmte Architekt Trajans, Apollodorus 
von Damaskus; ein Mann von ausserordentlichen Kenntnissen, 



hemU abgebrochen war (Dio Cass. a. a. 0.: 'Abpiav6c 6^ . . . q>oßr)6€lc, 
^ Koi Toic ßapßdpotc toOc <ppoupoOc aörf^c ßioJIoM^voic tiqbia öidßacic 
^c T?|v Muciav fj, dq)€tX€ ii\y ^miroXf^c KaTacKeufjv). Es fehlte ihm also 
«ue klare Anschauung von der ursprünglichen Gestalt des Werkes; 
er scheint dasselbe überhaupt für ein wahres Wunder gehalten zu haben ; 
»eioe AeuBserungen über die Schwierigkeiten der Anlage sind er¥ne8ener' 
maesen übertrieben. Vollkommen zuverlässigen Aufschluss über die 
Constradion gibt uns allein das betreffende Relief auf der Trt^'ans- 
säule (BartoK, Tav. 74, Fröhner, p. 132). Der gleiche Architekt, der 
die Bonaubrücke baute, leitete auch die Anlage des trajanischen Fo- 
rams mit der Säule ; gewiss ist unter seiner Aufsicht die Brücke iu einer 
«lern Originalwerke wenigstens den Haupttheilen nach entsprechenden 
Weise dargestellt worden. Betrachtet mau diese Darstellung unbe- 
fangen, so erkennt man leicht, dass mit Ausnahme weniger Bogen am 
mösiBchen oder dacischen Ufer nur die Pfeiler von Stein waren, die 
Verbindungen aber von Holzwerk. So hat auch Canina geurtheilt 
lÄrchitettura B.omana, Rom. 1832, I, p. 116): Si vedono ivi i piloni 
(kliere statt fannati coli* opera qtMdrata e le arcuazioni con legnami 
btn cciligati tra loro. — Le stesse arcuazioni sono disposte tm curvature 
depresse (vgl Tav. CLXXXII); ähnlich Fröhner, p. 133. Der Künstler 
fahrte das Holzwerk sehr genau aus : er vergass nicht, die Nägel anzu- 
deuten, die zur Befestigung von sich kreuzenden Balken dienten. Dazu 
kommt die Abbildung eines Bogens auf einer Bronzemünze (Cohen, 
n. 490—492, vgl. Fröhner, p. 133), die auch ihrerseits keinen Zweifel 
über die Art der Pfeilerverbindung lässt. 

Ueber die Zeit des Baues fehlen bestimmte Nachrichten. Begonnen 
^orde er wahrscheinlicli im Jahre 104 oder im Winter 103^104, gewiss 
(Tst nach dem Abschluss des ersten dacischen Krieges. Wenn Noöl 
des Vergers (Comptes rendus de TAcad. des Inscript. et Belles-Lettres, 
1S66, p. 79) sich für den Anfang des ersten dacischen Krieges ausspricht, 
so beruht diese Festsetzung auf einem Irrthume. Die Inschrift bei 
(jfuter, p. 163, 1 ist von Ameth viel vollständiger mitgetheilt worden; 
sie bezieht sich nicht auf die Brücke, sondern auf die Donaustrasso und 
gehört allerdings, wie wir wissen, in das Jahr 100. Aschbach, S. 6, 
glaubt, dass die Brücke schon im Jahre 104, vor dem Beginne des 
zweiten Krieges vollendet war. Allein gegen die Echtheit der von 
ibm angefahrten Münze bei Mediobarbus (Numism. Imp. Rom. praest. 
p. 154: IMP- CAES . NERVAE TRAIANO AVG • GER. DAC • P • M TR. 
PCOSTOSPQR OPTIMü PRINCTPI SCPONS TRAIANI DANV- 
nVS) sind schon von Eckhel, Doctr. Num. VI, p. 419 gegründete ße. 
denken erhoben worden, und die Angabe des 5. Consulats ist anderer- 
«•its nicht entscheidend für dio Annahme des Jahros 104, da Kioh Trajan 

latefsiicli. z. Riiiii. Kaisorgrsc'h. I. 7 



98 Johannes Dieraner: Geschichte TrcTJans. 

der gleich Trajan eine jinverkennbare Vorliebe für grossartige 
Werke besass. ^) 

Es scheint, dass sich Trajan noch im Spätjahr 104 an 
die Donau begab und während des Winters 104/105 in Mosien 
verweilte.') Es war eitel Täuschung, wenn Decebalus nach 

erst im Jahre 112 das Consnlat erneuern Hess; in der ganzen Z^i^ischen- 
zeit von 104 — 111 (oiler nach unserer Rechnung von 103 — 111) heiast 
er auf Münzen und Inschriften Cos. V. — Für Dio Casaiua verstand 
es sich von selbst, dass Trsyan sein Heer zur Eröffnung des zweiten 
dacischen Krieges über die fertige Brücke führte: Tpdiavöc 6^ biä 
TttOTqc Tf\c ye(p()pac töv "IcTpov irepaiuiOeic (LXVIII, 14). Diese Mei- 
nung ist aber sicher unrichtig.. Zufolge der Darstellung auf der 
Säule fielen eine Anzahl von Kriegsbegebenheiten in dadschem Jjatide 
unter persönlicher Leitung Trojans (er ist immer leicht kenntlich , wo 
die Bas -Reliefs nicht beschädigt sind) noch vor der feierlichen Ein- 
weihung der Brücke vor (vgl. Bartoli, Tav. G7— 73, Fröhner, p. 129 fl.; 
das grosse Opfer bei der Einweihung: Bartoli, Tav. 74, Fröhner, p. 131); 
Hie muss also erst einige Zeit nach dem Beginne des Krieges vollendet 
werden sein. Fröhner hat sich einer Täuschung hingegeben, wenn er 
(p. 136, n. 79) behauptet, dass der Künstler den Marsch des Heeres 
über die Brücke (bei Bartoli, Tav. 76, 76) angedeutet habe. Diese 
Brücke hier, die allerdings fast unmittelbar auf die Darstellung jenes 
grossen Baues über die Donau folgt (dazwischen liegt die Empfangs- 
scene einer dacischen oder sarmatischeu Deputation), ist eine einfache 
hölzerne Bockbrücke über einen. dacischen Fluss mit offenbar unbedeu- 
tenden Dimensionen. Der Bogen, unter welchem die Soldaten hervor- 
treten, dient nur zur Trennung der Scenen und die auf demselben 
stehenden Trophäen sind willkürliche Zuthat des Künstlers. Da der 
zweite Krieg wahrscheinlich im Frühjahr 105 begann, so ist nach die- 
sen Erörterungen die Donaubrücke im Sommer des gleichen Jahres 
dem Verkehre übergeben worden. 

1) Procopius, de aedeficüs, ed. Bonn. IlT, p. 288: öiruic jn^v ouv 
Ti)v Y^cpupav ^TTi^iHaTo xauTiiv, ^|uioi fi^v oök öv ^v ciroubfl t^voito, *AnoX- 
Aö&ujpoc b^ 6 Aa^acK1lv6c, ö xal TtavTÖc TCYovihc dpxiT^KTUJV toO ?pYou, 
fppaZ^Tu*. ApoUodoros hat also die Construction der Brücke selbst be- 
schrieben; seinem Werke hat vielleicht Dio Cassius die Massangaben 
entnommen. Wir besitzen es nicht mehr, dagegen sind seine TToXiop- 
KriTiKd erhalten (Thevenot, Opera vet. mathemat., Paris 1693, p. 13—48). 
Auf seine Bedeutung als Architekt werden wir zurückkommen, wenn 
wir von der Anlage des trajanischen Forums sprechen. 

2) Eine Untersuchung über die Chronologie des zweiten dacisclien 
Krieges lasse ich weiter unten folgen und beschränke mich hier auf 
die Kritik der Fröhner'schen Ansicht über die Bedeutung einer Reihe 
von Bil^« Reliefs (Bartoli, Tav. 59 — 65), die auf der Säule unmittelbar 



IL Die daciBchen Expeditionen. 99 

ÄUem was geschehen war noch einei^ annehmbaren Frieden 
zu erlangen hoffte : die Forderung, die an ihn gestellt wurde, 
konnte keine andere sein als unbedingte Unterwerfung. Jetzt 

nach dem Abschluas des ersten dacischen Krieges (Tav. 58) folgen. 
Frohner hält auch hier an einer Fahrt auf dem adriatischen Meere fest 
fuach Ciaconiüs' Erklärung, n. 234 fl. würde es sich um die Tiberfahrt 
bei der Rückkehr Tr^ans aus Daden handeln); er erkennt Ancona als 
den Hafenplatz, in welchem sich Trajan einschiffte (p. 123 fi.); er lässt 
ihn zunächst etwa bei Bavenna (p. 125), dann bei einer Stadt im eis - 
alpinischen Gallien (p. 127) und endlich in Istrien landen (p. 128). 
Zwingende Gründe zu dieser Annahme liegen nicht vor. Im Allgemei- 
nen verweise ich auf die Argumente, die ich oben S. 8G, Anmerkung 3 
mit Bezog auf eine Reihe von Darstellungen zu Anfang des zweiten 
Ft'ldznges (im ersten dacischen Kriege) gegen Fröhner angeführt habe. 
Aach hier landet Trajan am dacischen Ufer (Bartoli, Tav. 65, 66): ein 
ilacischcr Stamm kommt ihm entgegen und bittet ihn um Gnade (Tav. 67). 
Wir können an einen unvermittelten Uebergang vom adriatischen Meere 
an die Uferlandschaft jenseit der Donau nicht denken. Dass der Künst- 
ler sich möglichst wenig von dem eigentlichen Kriegsschauplatze ent- 
fernen wollte, beweist er durch den Abschluss des zweiten Krieges, 
liier hätte eine Andeutung der Rückkehr des Siegers oder seines Trium- 
phes in Rom vor Allem nahe gelegen; statt dessen hat er bescheiden 
^e Auswanderung des besiegten Volkes dargestellt (Bartoli, Tav. 113 fl.). 
— Grosse Bedenken erregt es, wenn Fröhner den Ausgangspunkt der 
Fahrt für den Hafen von Ancona erkjärt. Angenommen, der gleich 
nach den Trophäen erscheinende Tempel (Bartoli, Tav. 69) sei wirklich 
(in Venustempel, was mit Catull. XXXVI, 13 zutreffen würde, so kann 
üer am Ufer stehende Bogen doch unmöglich der Trajansbogen von 
Ancona sein. Die Inschrift auf demselben sagt deutlich, dass er im 
Jahre 115 (TR-POTXVlmiMP.VllII.COS.Vl) errichtet wurde (Orelli, 
u- 792), 10 Jahre nach dem Beginne des zweiten dacischen Krieges und 
twei Jahre nach der Aufstellung der Säule. Auf dem Bogen standen 
nicht die Statuen von Juppiter, Mercur und Mars, sondern die bronzene 
fieiterstatue Trajans (Rossini, Gli archi trionfali degli antichi Ro- 
mani, Rom. 1836, p. 8, Tav. XLIV— XLVI) mit den Standbildern der 
Plotina und Marciana zur Seite (vgl. die Inschrift a. a. 0.). Es filUt 
folglich auch die Stütze dahin, die Fröhner in einer von Carlo Nolli 
(l'Arco eretto all' Imp. Nerva Trajano nel Porto d'Ancona; das Werk 
^ar mir nicht zugänglich) publicirten Münze für seine Ansicht zu finden 
giauhte (p. 124, not. 1). Entweder bezieht sich der Bogen auf eine 
mösische Stadt, oder er ist nach früher angeführten Analogien freie 
Zathat des Künstlers. Alles zusammengehalten, müssen wir von einer 
Meerfahrt absehen : Tnijan fahr zur Eröffnung des zweiten Krieges eine 
Strecke weit auf der Donau uud besuchte bei dieser Gelegenheit ver- 
schiedene mösische Städt<^». 



100 Johannes Dierauer: Geschichte Trojans. 

begann er seine Streitkräfte offen zu sammeln und die um- 
wohnenden Stämme zum Mitkampfe aufzurufen. Er stellte 
ihnen mit gutem Grunde vor, dass sie selbst in Gefahr kom- 
men würden, sofern sie ihn im Stiche liessen, leichter und 
sicherer könnten sie in Verbindung mit ihm ihre IVeiheit 
behaupten. Wahrscheinlich hatte dieser Aufruf wenig Erfolg 
und so sehen wir ihn zum ersten Male zu unrühmliclien 
Mitteln schreiten. Er schickte einige Ueberläufer nach Mö- 
sien, welche sich Zutritt zu Trajan verschaffen und ihn um- 
bringen sollten. Einer der Beauftragten wurde ergriffen und 
bekannte den Mordanschlag. Hierauf lockte er unter dem 
Vorwande weitere Unterhandlungen anknüpfen zu wollen, 
den Longinus, einen persönlichen Freund Trajans, zu sich. 
Er forderte von ihm Auskunft über den römischen Kriegs- 
plan, Hess ihn, als er sich des Verrathes weigerte, festneh- 
men und verlangte von Trajan Kriegsentschädigung und Her- 
stellung seines Gebietes bis zur Donau gegen Loslassung. Da 
nahm Longinus in grossherzigem Entschlüsse Gift, um seinem 
Kaiser die peinliche Alternative zu ersparen.') 

Der Krieg begann noch im Jahre 105. Man darf mit 
Sicherheit annehmen, dass Trajan von Westen und Süden, 
am Eisernen Thor- und Vulkanpass, vielleicht auch weiter 
gegen Osten am Rothen Thurm in das feindliche Land vor- 
zudringen suchte. 2) Die Schwierigkeiten des nun folgenden 



1) Dio Casß. LXVIII, 11. 12. Von beiden Vorgängen, dem Mord- 
unschlage imd der grossherzigen That des Longinus, finden wir auf 
der Säule keine Andeutung. Es möchte scheinen, als ob sich die Sagt» 
an Longinus' Schicksal geknüpft und dasselbe nach ihrer Weise aus- 
geschmückt hätte. Die Geschichte ist mit auffallender Umständlichkeit 
erzählt, ähnlich wie die Entdeckung der dacischen Schätze. Xiphilinus, 
dem sie gefiel, hat sie offenbar unverkürzt wiedergegeben, Zonaras 
übergieng sie. • 

2) Dieses Eindringen von mehreren Seiten ist auf der Säule sehr 
anschaulich dargestellt (vgl. besonders Bartoli, Tav. 80, 81, 82, 85, 
wo zwischen zwei verschiedenen Heeresabtheilungen sich ein Gebirge 
hinzieht). Für eine Invasion am rothen Thurm-Pasa dürfte die bekannte» 
Inschrift eines Soldaten der Leg. I. Min., der AD ALVTVM FLVMEN 
SKCVR MONT • CAVCASI (Henzen, n. 5930) ein Gelübde fasste, bewei- 



II. Die dacischcn Expeditionen. 10] 

Kampfes müssen diejenigen des ersten Krieges weit über- 
troffen haben; wir ersehen dies sowol aus den darüber erhal- 
tenen schriftliehen Nachrichten, als aus den Darstellungen 
auf der Trajanssäule. Mit unglaublicher Rührigkeit hatten 
sich die Dacier in der Zwischenzeit zu einem neuen Kriege 
gerüstet; mit mächtigen Verschanzungen die Eingänge in 
ihre Thäler gesperrt.^) Sie benutzten alle Mittel, die die 
Gunst des Terrains ihnen bot; eine ihrer schönsten Städte 
legten sie in Brand, um deren Vortheile dem Feinde zu ent- 
ziehen.^) Die Romer ihrerseits stritten mit wahrem Helden- 
muth, Trajan selbst zeichnete sich durch persönliche Tapfer- 
keit aus.^) Ein Ritter wurde schwer verwundet aus der 
Schlacht getragen; als es sich zeigte, dass er unrettbar ver- 
loren seiy sprang er aus dem Zelte, stellte sich wieder in die 
Linie und kämpfte noch so lange, bis seine Kräfte ihn ver- 
liessen.^) Ein Stamm der Dacier nach dem andern musste 



send sein. Die Bömerstrasse , die, an der Aluta- Mundung beginnend, 
sich am rechten Ufer des Flusses über den Rothen Thurm-Pass nach 
Siebenbürgen hinaufzog, hat von jeher den Namen Trajansstrasse (Kalea 
Tnyanului, vgl. Francke, S. 149; FrÖhner, p, 27) geführt. Sie mag in 
der That von Trajan gebaut worden sein, obwol die walachische Tra- 
dition, die ihn so zu sagen zur Personification der römischen Cultur 
jenseit der Donau erhoben hat, sonst wenig entscheidend ist. 

1) Bartoli, Tav. 86—89. Fröhner, p. 140. Wir sehen hier eine 
lange, aus unregelmässig behauenen Blöcken aufgeführte Mauer, die 
von Zeit zu Zeit durch Thürme gestützt wird. Vor derselben liegen 
räthsclhafte Kriegsmaschinen (Tav. 87, 88), eine Art dreirädriger Wa- 
gen, die an den £nden der Achsen mit Sicheln versehen sind. Wahr- 
scheinlich hatten sie den Zweck, durch ihren Anprall auf abschüssige ui 
Terrain Verheerungen unter dem Feinde anzurichten, ähnlich wie die 
Wagen der Thracier, von denen Arrian (Exped. Alexandri, I, 1 § 2) 
spricht, nur mit dem unterschiede, dass diese Wagen keine eigentlichen 
Kriegsmaschinen waren, sondern nur zufällig deren Dienst versahen. — 
Die Schwierigkeiten des zweiten dacischen Krieges hebt Dio Cassius 
»ehr ausdrücklich hervor: Kai fti* dcqpaXeiac ^äXXov f\ b\ä ciroubflc töv 
KÖXc^ov froioOfxevoc, cdv xp^^vip kqI iliöXic ^KpdTrice tuiv AckOjv (LXVIIl, 
14, Tgl. Joannes Zonaras, ed. Bonn. II, p. 510). 

2) Bartoli, Tav. 92. Fröhner, p. 142. 

3) Dio Cass. a. a. 0.: iroXXdi fui^v aCiTÖc CTparriT^^c ^9f^ kuI dv- 
^ioc iiriöciSdfxevoc. 

4) id. ibid. 



|()2 Johannes Dierauer: Geschichto Trflijans. 

sich unterwerfen •, zur Verzweiflung getrieben, gaben sich die 
Edelsten den Tod durch Gift. *) Decebalus selbst endigte 
nicht unwürdig: alö er sich auf dem Schlachtfelde von römi- 
schen Reitern umringt sah, zog er den Tod einer schirapf- 
lichen Gefangenschaft vor und durchbohrte sich mit seinem 
Schwerte/-^) Sein Kopf wurde nach Rom gebracht**) und als 
blutiges Siegeszeichen beim folgenden Triumphe aufgeftilirt. 
Mit Decebalus' Untergänge war die Kraft des Wider- 
standes gebrochen und nach wenigen Kämpfen das Schicksal 
Daciens entschieden. Trajan machte unermessliche Beute; 
die reichen Schätze des dacischen Königs^ die dieser der Sage 
nach unter dem Bette eines Flusses und in Berghohlen ver- 
borgen hattC; geriethen in seine Hände.^) Dacien ward eine 

1) Bartoli, Tav. 93. Fröhner, p. 143. Diese Scene ist ergreifend 
dargestellt. Leider habeu die obersten Umläufe auf der Säule sehr 
gelitten; manche Partien sind bis zur Unkenntlichkeit verwittert. 

2) Dio Cass. a. a. 0. Bartoli, Tav. 108. Fröhner, p. 147. Ciaco- 
nius, n. 310 irrte sich über die Stelle, an der Decebalus' Tod darg-e- 
stellt ist. 

3) Dio Cass. a. a. 0. Bartoli, Tav. 109. 

4) Man kann nicht bezweifeln, dass Decebalus seine Schätze irgend 
wie verborgen hatte. Aber die bei Dio Cassius ausführlich erzählte 
Geschichte von der Ableitung eines Flusses (Sargetia) und von dem 
Bau eines Gewölbes unter dem Bette desselben trägt unverkennbar den 
Charakter der Sage. Decebalus, heisst es, Hess die Arbeit durch Ge- 
fangene ausführen, die er nachher umbringen Hess, damit dcis Geheim* 
niss gewahrt bleibe. Natürlich durften nur Gold- und Silberwaaren, 
überhaupt solche Gegenstände in dem Gewölbe untergebracht werden, 
welche dio Feuchtigkeit ertragen komiten. Aber trotz der angewandten 
Vorsicht wurden die Schätze entdeckt; Decebalus' Vertrauter (wie sonder- 
bar, dass wir seinen Namen, Bikilis, erfahren!) gerieth in römische Ge- 
fangenschaft und übte Verrath. Der Kern der Sage ist wahrscheinlich 
sehr alt; sie erscheint in auffallender Aehnlichkeit später wieder bei 
den Gothen. — Auf der Trajanssäule (Bartoli, Tav. 103, 104; Fröhner, 
p. 145) sieht man einige Maulthiere, die mit kostbaren Gefässen grie- 
chischer Arbeit beladen sind. Ueber den Umfang der Beute finden wir 
merkwürdige Nachrichten bei Joannes Laurentius Lydus, de magistra- 
tibus, II, 28, ed. Fuss, Paris 1812, p. 142: irpOlToc ikwv cuv AcKcßdXqj 
Tuiv rexuiv i^tncaiLi^vijj , Tpaiavöc ö iroXüc, irevTaxocCac )Liupidbac xpu- 
c(ou XtrpOjv, ^itrXadac bi dpYupou (^Kuui|uidTUJv dveu kqI CKeudiv ti/litJc 
öpov dKßcßiiKÖTUJV, dTcXüJv bi Kai öirXwv), kqI dvöpiliv |üiaxiMUJTdTuiv 
(iTT^p irevrrjKovra ^upidöac ciiv Totc öirXotc 'Pwfuiaioic elc/iTütev, die ö 



II. Die dacischon Exi)oditioncn. 103 

kaiserliche Provinz und erhielt einen prätorischen Statthalter 
mit dem Titel Legatus Augusti pro praetore.*) Viele der 
bisherigen Einwohner wanderten mit ihrer Habe aus'^); ein- 
heimische Sprache und Sitte verschwanden und römische Co- 
lonisten bevölkerten auf Trajans Anordnung das Land.^) Die 
bedeutendste unter den von ihm gegründeten Colonien war 
Ulpia Traiana Sarmizegethusa, die sehr bald zu hoher Blüthe 
gelangte.*) Die Goldlager, die man entdeckte, lockten zahl- 



KpiTUJV irapuiv Tii> iroX^juiip bucx^picaro. Diese Zahlen sind aber offenbar 
sehr übertriebeu. Uebrigens ist sicher, dass das trajanische Forum 
seinen Glanz zum Theil den dacischen Schätzen verdankte, indem 
Gellios, Noct. Attic. XIII, 24 bemerkt: In fcistigm fori Traiani simu- 
hcra sunt sita circumundique inaurata equorum atqtM signorum milita- 
rium; subscriptum est: EX MANVBIIS. Einige der erbeuteten Gefilsse 
weihte Trajan dem Juppiter Easios in Pelusium: ^vOa Tpaiavöc dvd- 
6t)K€ KpaTflpac dptupoOc, Kai xdpac ßoöc Tta\xnir(€Q^c Kcxpucujjyidvou, dKpo- 
Öivia Tf)c Korä tuiv feToiv viKric (Suidas s. v. Kdciov öpoc). 

1) Dass Daden vorerst eine praetorische Provinz war, beweisen 
mehrere Inschriften. M. Statius Priscus verwaltete sie unter Antonin us 
Pins, bevor er das Consulat erlangt hatte (Miüler und Ackner, die 
ri)m. Inschriften in Dacien, n. 314; Anhang, p. 244, n. 37 = Henzen, 
n. 5480). Ebenso war Sex. Julius Severus, der Besieger des jüdischen 
AofstandeB unter Hadrian (ich verdanke die Kenntniss seines von Th. 
Mommsen entdeckten, noch unedirten cursus bonorum der gütigen Mit- 
theflnng des Herrn Prof. L^on Renier) zuerst LEG • PR • PR • M> • "RA- 
lANI HADRIANI AVG • PROVINCIAE DACIAE, erst unmittelbar nach- 
her Consal. Als kaiserliche Provinz wird sie zudem ausdrücklich dojrch 
Manien aus Trajans Zeit bezeichnet: IMP- CAES -NERVAE TRAIANO 
AVG ■ GERM • DAC • P • M • TR • P • COS • VI • P • P- || DACIA AVGVST • 
PRüVlNCIA . S • C- (Cohen, U, Trajan, n. 332-334). Von Marcus 
Aiirelius an erhielt sie consularische Statthalter (Ackner und Müller, 
Anhang, S. 243, n. 33 = Henzen, n. 5478; vgl. Borghesi, Annali dell' 
Inat. 1855, p. 31 fl.)- 

2) Bartoli, Tav. 113. 114. Fröhner, p. 147. 

3) Eatrop. VIII, 6: Traianus, victa Dada, ex toto orbe Bomano 
'H/i«to €0 copias hominum tratistulerat ad agros et urbes colcndas. 
Dada enim diuturno hello Decehdli viris fuerat exhattsta. 

4) Vgl. Ackner und Müller, Iudex, S. 206. 207. A. W. Zi/ftipt, 
Comment. cpigraph. I, p. 404. Es scheint, dass der erste dacische 
Statthalter, D. Terentius Scaurianus, mit der Gründung der Colonio 
beauftragt war. Es gibt eine stark interpolirto Inschrift (Ackner 
und Müller, n. 65), von welcher ein Theil nach Borghesi (a. a. 0. 
Anmerkung 1} wirklich echt ist und wahrscheinlich so gelautet hat: 



104 Johannetj Dieraiier: Geschichte Trajans. 

reiche Einwanderer herbei. Ein eigenthümlicher HaixdeLs- 
und Rechtsverkehr entwickelte sich, von welchem werthvolle 
Spuren auf uns gekommen sind. In den Bergwerken Sieben- 
bürgens haben sich notarielle, in Cursivschrift geschriebene 
Urkunden erhalten, die in merkwürdiger Weise die festen 
Verkehrsformen im römisch-dacischen Lande illustriren. ') 

Die neue Provinz war westwärts durch die Theiss be- 
grenzt (das von den Jazygen bewohnte Land blieb unbesetzt) ; 
im Süden reichte sie bis zur Donau, gegen Norden und Osten 
wurden die Grenzen wol niemals fest bestimmt.*) Vielleicht 
bestand von Anfang an eine wenigstens unter Hadrian nach- 
weisbare Theilung der Provinz in Ober- und Unter-Dacien.^) 
Ihre Bewachung wurde der XIIL Legion übergeben, die ihr 
bisheriges Standlager in Pannonien gegen Apulum (Earls- 
burg) vertauschte.'*) 



imp. II caeSARIS DIVI • NERVae f. j] nervae TRAIANI- AVGVST || CON- 
DITA • COLONIA • DACICA • PER [] terentiVM • SCAVRIANVM .... 
Es gab noch drei andere Colonien Trajans in Dacien: Apulum (Karls- 
burg), Napcca, und Zerna oder Dierna (Zumpt, a. a. 0.; Marquardt, 
Handb. d. röm. Alterth. III, 1, S. 108). 

1) Es sind dies die Urkunden von Verespatak, veröffentlicht durch 
Massmann, Libellus aurarius, Lipsiae 1840, und Detlefsen, Sitzungs- 
berichte d. k. Akad. d. W. XXIII, 603 f.; 625 f.; 636 f. (vgl. Ackner 
und Müller, n. 623—630). Sie stammen aus den Jahren 139—167. 

2) Ptolemäus (Geogr. III, 8) nennt als nördliche Grenze Daciens 
die Karpathen, als östliche den Fluss Tyras. 

3) Diese Zweitheilung wird durch eine Stelle in dem Militärdiplom 
vom 22. März 129 bezeugt:- ET SVNT IN DACIA INFERIORE SVB 
PLAVTIO CAESIANO (Ackner und Müller, n. 832). Sarmizegethusa lag 
in Dacia superior (n. 844). Borghesi (Annali dell' Inst. 1855, p. 34) 
findet es wahrscheinlich, dass die Theilung schon durch Trajan vorge- 
nommen wurde. Bestinmite Beweise für diese Ansicht fehlen uns. Jedes- 
ialls hatte sie nicht die Bedeutung, wie z. B. die Theilung der benach- 
barten Provinzen Mösien und Pannonien: Dacien bliebe auch nachdem 
imter Antoninus Pius 3 Verwaltungsbezirke eingerichtet wurden (Ackner 
imd Müller, n. 169; über die Zeit vgl. Borghesi a. a. 0.), immer unter 
der Leitung eines einzigen kaiserlichen Legaten. L. Aemilius Carus 
(um das Jahr 173) heisst z. B. : LEG • AVG • PR • PR • III • DACIARVM. 

4) Ihre dortigen Denkmäler sind sehr zahlreich (Ackner und Müller, 
n. 275 fl.). Einzelne Detachements scheinen sich auch in Sarmizegc- 



IL Die dacischen Expeditionen. 105 

Der zweite dacische Krieg endigte im Jahre 106 J) Der 
die Unternehmung krönende Triumph gehörte wol zu den 



thusa aufgehalten zu haben, vielleicht zeitweise die ganze Legion, 
n. no. 175). — Die Leg. V. Macedonica kam erst unter der Regierung 
des Septimios Severus nach Daden (Mommsen, zu Borghed, Oeuvres 
rompl^tes, IV, p. 260, not. 2, vgl. Bullet, dell' Instituto, 1864, p. 262; 
Kollier, InBcriptions de Troesmis [extrait des Comptes rendua des sdan- 
ceä de TAcademie, Paris 1865], p. 10). Sie blieb dort, bis AureUan dap 
transdanubische Dacien aufgab. 

1) Es hält schwer, die Chronologie dieses Krieges genau zu bestim- 
men. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass er nicht vor dem Jahre 
105 begann; denn Hadrian, der als Legat der Leg. I. Minervia an dem- 
selben Theil nahm, war im Anfange dieses Jahres^ wenn auch vielleicht 
nur für einige Monate Tribun: tnbimus plebis (actus est Candido et 
(^mdrato Herum coss. (Spart. Hadr. c. 3, ed. Peter, vgl. den cursus 
hooomm, Henzen, Annali dcU* Instituto, 1862, p. 139). Nach der bei 
Spartianus folgenden Stelle: secunda expeditiove Dacica Traianus 
nm pritnae leffioni Minerviae praeposuit, secumque duxit könnte es 
scheinen, als habe sich Trajan zugleich mit Hadrian an die Donau be- 
geben. AUeiu einen längern Aufenthalt des Kaisers in Mösien vor 
dem Beginne des Krieges anzunehmen, nöthigt uns die Darstellung des 
Dio Gassius. Er erzählt, dass die von Decebalus abgesandten Meuchel- 
mörder Trajan erreichen sollten, als er noch in Mösien war; die Gc- 
Kluchte des Longinus, die complicirte Unterhandlungen in sich schHesst, 
trag sich ungefähr um dieselbe Zeit zu, dem Zusammenhange nach 
ebenfalls bevor Trojan die Donau überschritt. Er hat daher sehr wahr- 
scheinlich schon gegen den Schluss des Jahres 104 Rom verlassen, um 
persönlich die Vorbereitungen für die zweite Expedition zu leiten ; jedes - 
falb mass die Kriegserklärung des Senates noch in diesem Jahre erfolgt 
äein (vgl Henzen, Iscriz. onor. d'Adriano, Annali dell' Inst. 1862, p. 152; 
Nocl des Yergers, Comptes rendus, 1866, p. 81). Mit Bezug auf den 
Abschlags des Krieges haben sich die eben erwähnten Autoren dahin 
äusgeBprochen, dass er gegen Ende 105 entschieden war, mit Rücksicht 
auf die Inschrift bei Orelli, n. 161: IMPCAESAßl DIVI NERVAE F- 
NERVAE 11 TRAIANO AVG • GERM • DACICO • PONTIP • MAX- 11 TRIB 
POTEST . Villi . IMP . V • COS • V • P • P • In der That würde die An- 
gäbe Imp. V in Verbindung mit Trib. Pot. Villi, dafür sprechen, dasn 
im Jahre 105 Trajan einen Sieg in Dacien davontrug; die Been- 
digung des Krieges vor dem 31. December 105 erfolgt daraus keines- 
vegB mit Nothwendigkeit. Nun hat sich aber neuerdings durch 
^e Vergleichungen Hübners an Ort und Stelle gezeigt, dass auf dem 
Bogen der Brücke zu Alcäntara, von welchem jene Inschrift stammt, 
nicht das neunte Tribunat, wie fast alle bisherigen Abschriften besa- 
gen, sondern daa achte steht (E. Hübner, II ponte d' Alcäntara, Annali 



106 Jobannes Dicrauur: Geschichto Trajun.^. 

glänzendsten y die Rom je gesehen hatte. Gesandtschaf teu 
aus allen Gegenden der Welt; selbst aus Indien ^ trafen iu 
Rom eiu; um Trajan ihre Glückwünsche und Huldigungen 
darzubringen. Er selbst scheint die Eroberung Daciens bocii 
angeschlagen zu haben: 123 Tage hinter einander gab er 
Schauspiele; 10,000 Gladiatoren traten auf und gegen 11,000 



dell' Inet. XXXV, 1863, p. 171 ff., vgl. Monumenti dell* Inst. vol. VI, VII, 
tav. LXXIII— LXXV). Mit dem 8. Tribunat ist aber die fünfte Salotii- 
tion schlechterdings anvereinbar, da vfir auf authentischen Inschriften 
das 9. Tribunat noch in Verbindung mit Imperator IUI finden (Hcn- 
zen, n. 6857 [Militärdiplom vom 13. Mai 105]; Mommsen, Inscr. Regii- 
Neap. n. 6253; Üruter, p. CCXLVII, 1 [nach Smetius]). Folglich ist 
die Inschrift von Alcäntara unrichtig redigirt und als chronologisches 
Erweisraittel nicht zu gebrauchen (vgl. Renier zu Borgheai, Oeuvres, IV, 
j). 122, not. 8). Die übereinstimmende Form der angeführten Inschrif- 
ten bei Henzen, Mommsen und Gruter dürfte vielmehr beweisen, 
dass es im Jahre 105 zu keiner Entscheidung kam. Aber noch 
andere Gründe lassen mit grosser Wahrscheinlichkeit, ja mit Sicher- 
heit vermutheu, dass der Krieg (vielleicht immerhin mit kurzem 
Unterbruch während des Winters, wobei jedoch die von Clinton 
angeführte Stelle aus Pluturch irepl toO irpu(iTU)c vjiuxpoO, ed. Paris. 
13*11, II, p. 1162, 13 nicht entscheidend idt) bis weit iu das Jahr 106 
hinein dauerte. Dio Cassius sagt (LXVIII, 14), Trajan habe den Krieg 
mit mehr Bedachtsamkeit als Eile ausgeführt (5i* dcq)aXeiac lidXXov f\ 
biä CTTOUÖflc TÖv iTÖXeiLiov iroioiIi|Li€Voc); mit einer Dauer von nur 9 — 10 
Monaten würde diese Angabe wenig stimmen. Auf der Säule sehen 
wir nach zahlreichen vorbereitenden Operationen und nach der Ein- 
weihung der Donaubrücke eine Anzahl Soldaten dargestellt, welche rei- 
fes Getreide schneiden (Bartoli, Tav. 83; Fröhner, p. 139). Damals 
war es also Sommer, Ende JuU oder Anfangs August; die mächtigen 
Schanzen, die die Dacier gebaut hatten, waren noch nicht erstürmt; 
der Hauptkampf begann also frühestens im August 105 und nach Allem, 
was auf der Säule noch folgt, kann er unmöglich noch im gleichen 
Jahre abgeschlossen worden sein. Femer wissen wir, dass Hadrian im 
Jahre 106 Prätor war (Henzen, p. 154); zu gleicher Zeit befehligte er 
aber in Dacien die Leg. I. Minervia: PRAETORI • EODEMQVE TEM- 
PORE . LEG . LEG . I . MINER VIAE PF. BELLO DACICO • Diese 
Nachricht einer ofßciellen Urkunde stellt die Frage ausser allen 
Zweifel. Andererseits war der Krieg bestimmt vor dem Beginne des 
Jahres 107 abgeschlossen, denn L. Licinius Sura, der sich an beiden 
Expeditionen betheihgt hatte, war in diesem Jahre (mit Q. Sosius Se- 
nccio; über den Namen vgl. Renier, Inscript rom. de TAlgdrie, n. 1816) 
Consul Ordinarius (Henzen, p. 154). Man wird also sagen müssen: der 
zweite dacische Krieg begann im Frühjahre 105 und endigte im Jahre 106. 



II. Die tlacisthcn Expeditionen. 107 

wilde und zahme Thiere wurden getödtet. Die fremden Ge- 
sandten durften den Vorstellungen auf den Sitzen der Seua- 
toren beiwohnen. Die Kosten dieser Spiele müssen erstaunlich 
gross gewesen sein^ aber ohne Zweifel wurden sie grössten- 
theils ans der dacischen Beute bestritten.^) Noch Jahre lang 
Hess Trajan Münzen schlagen, welche in ihren bildlichen 
Darstellungen . an seine siegreichen Feldzüge erinnerten'^), 
und bleibend sollte der Name einer von ihm gegründeten ' 



1) Ueber den Triumph und die Spiele vgl. Dio Cass. EXYIII, 15. 
Ohne Zweifel mossten auch dacische Kriegsgefangene in der Arena 
kämpfen. Irrthümlich bezieht FrÖbner, p. 26, die Inschrift bei Orelli, 
n. 2581 aof den dacischen Triumph; der tiiumphus divi Traiaui wurde 
im Anfang der Aegierung Hadrians gefeiert (Spart. Hadr. c. C). — 
Eine Münze aus dem 5. Consulat zeigt Trajan auf dem Triumphwagen : 
IM? • CAES . NEEVA TRAIAN • AVG • GERM [| DACIC VS COS • V • P ■ P • 
I.Cohen, II, Trojan, n. 80, vgl. 162. 285). Ich wage die Vermuthung 
iU)ssaq[>rechen, dass diejenigen Münzen aus dem 5. Consulat (a. 103—111), 
velche den Namen Dacicus ausgeschrieben und nicht wie gewöhnlich 
in der abgekürzten Form DAC. enthalten, in das Jahr 106 gehören. 
Auf Münzen, die im Jahre 102 nach dem ersten dacischeu Triumphe, 
oder im Jahre 103 geprägt wurden , erscheint ebenfalls die volle Form 
(Cohen, n. 78, 79, 354, 355, 539—645); hier ohne Zweifel deswegen, 
weil der Titel neu war, im Jahre 106 aber, weil man auch den zwei- 
ten Sieg hervorheben wollte. 

f) Cohen, II, Trajan, n. 75—77 (auf dem Revers ist zu lesen DAC • 
GAP), 155, 160, 163, 268, 269, 284. Hier sind dacische Gefangene dar- 
gestellt. — Die gefesselte Dada auf n. 74 (la Dacio, les main^ liees 
deni^re le dos, assise ä droite sur trois ou quatre boucliers; dcrriöro 
eile deox fancilies, devant deux hastes ou javelots), 81, 332 — 334. — 
Ein Dader in flehentlicher Stellung zu den Fflssen der Friedensgöttin, 
n. 235. — Ein vor Trajan knieender Dacier, n. 267, 414—418. — Trajan 
setzt den Fuss auf den Kopf eines Daciers, n. 264; ebenso die Roma, 
n. 419-421, die Pax, 422—426. — Dacische Trophäen, n. 51-53, 270. — 
Auf dem Revers einer Münze aus dem 5. Consulate sehen wir eine 
Victoria, die die Worte DACI • CA auf einen Schild schreibt. Wol mag 
iwischen dieser Münze und einem ReUef der Trajansailulo eine gewisse 
Beziehimg bestehen, hier werden nämlich die Abbildungen aus dem 
ersten dacischen Kriege durch eine zwischen Trophäen stehende Victoria 
geschlossen, welche die dacischen Siege auf einem lorbeerumkränzten 
Schilde einzeichnet; die kleine Erhöhung, aufweiche sie nach der Münze 
den Fun setzt, erscheint hier deutlich als ein Helm (Bartoli, Tav. 58, 
Fr5hner, p. 120). — Auf seinem Brustpanzer trug Trajan ebenfalls da- 
dsche Siegeszeichen, wie man an zwei Statuen im liouvre ersieht. 



108 Johannes Dierauer: Geschieh t43 Traijans. 

Stadt an der Donau, Nikopolis, das Andenken an die Er- 
oberung der benachbarten Provinz sichern.^) 

Man kann nicht zweifeln , dass sich an die dacischeu 
Kriege eine umfangreiche Literatur knüpfte. Trajan selbst 
verfasste Commentarien: bis auf ein dürftiges Bruchstück, 
dessen wir oben gedacht haben , sind sie verloren. Ueber- 
haupt hat uns ein eigenthümliches Geschick beinahe aller zeit- 
genössischen Nachrichten beraubt.^) Apollodorus' technische 
Beschreibung der Donaubrücke ^) und Appians ^dacische 
Geschichten'*) besitzen wir nicht mehr, eben so wenig die 



1) Ammiau. Marcellin. XXVU, 4, 12: Nicapolis quam ifidicium 
victoriae contra Daco8 Traianns condidit imperator. Vgl. Böcking. 
Annotationes ad Not. Dignit. p. 462. Eckhcl, Doetr. Num. II, p. 16. 

2) Fröhner, naehdem er von den grossen Verdiensten Trojans 
gesprochen hat, urtheilt (p. 11) über die Literatur semer Zeit: 
Aussi les historiens seraient-üs unanimes ä le placer au premier 
rang dans cette longue aerie de souverains, si son epoqiie, veritable dge 
de fer, acait äe iUustree par Veclat d'une grande litterature. Le gou- 
vei'nement qui oublie de s^ennoblir par le prestige des lettres, ne laissc 
ä Vhistoire que de faihles Souvenirs. Etwas günstiger, obwol immerhin 
sehr reservirt, spricht sich J. G. Hullemann aus (Oratio de literarum 
praesertim latinarum apud Romanos studiis Nerva Traiano Imperatore, 

Lugd. Batay. 1868, p. 16): Prohant utique haec exempJa nonadeo 

tum refrixisse literarum studia ut Ofnni vita et calore destituta atU paene 
intermortua esse viderentur. Eine Untersuchung über die Literatur unter 
Trajan wäre sehr einladend, liegt aber ausser dem Zwecke dieser Ar- 
beit. Im Allgemeinen ist zu bemerken, dass man aus der jetzigen 
Quellenarmuth keineswegs auf die Dürftigkeit der zeitgenössischen Lite- 
ratur schliessen darf. Unmöglich kann das Zeitalter, in welchem ein 
Tadtus und ein Plinius schrieben, ein 'eisernes' genannt werden. Man 
war damals ausserordentlich schreibselig, auch auf Seite der Griecheu, 
und das literarische Leben zeigt sich so bewegt, wie unter Augustus: Pli- 
nius' Briefe würden in dieser Beziehung eine reiche Ausbeute gewähren. 
Vollends steht ausser Zweifel, dass über die Thaten Trajans authen- 
tische Aufzeichnungen in Menge bestanden, die von späteren Historikern 
benutzt wurden. Kein Geringerer als Marius Maximus hat sein Leben 
beschrieben, und noch zu Aelius Lampridius' Zeit waren drei andere 
lateinische Biographien von ihm vorhanden (Ael. Lamprid. Alex. Sever. 
c. 48, ed. Peter, I, p. 163). 

3) Procop., de aedific. IV, 6, ed. Bonn. p. 288. 

4) Die Dacica bildeten das 23stc Buch seiner römischen Geschichten. 
Phot. Bibl. Cod. 57, ed. Colon. 1611, p. 49. 



II. Die (lacischen Expeditionen. 109 

poetische Beschreibung der Kriegsbegebenheiten durch Cani- 
uius Rufus^ von dem wir wenigstens wissen^ dass ein solches 
Werk in seiner Absicht lag. PliniuS; das Erstaunen theilend^ 
das Trajans Ejriegsthaten in der Hauptstadt hervorriefen und 
selbst noch begeistert von dem eben geschauten zweiten 
Triumphe, lobte Cauinius wegen seines Vorhabens, *denn', 
schrieb er ihm'), *wo ist ein StoflF so neu, so reich, so um- 
fassend, wo endlich so poetisch und bei der strengsten Wahr- 
heit so abenteuerlich! Du wirst erzählen von neuen über 
das Land geführten Flüssen^), von neuen, über die Flüsse 
geschlagenen Brücken, von Lagern, auf steilen Höhen errich- 
tet, von einem Könige, der Herrschersitz und Leben, nicht 
aber den Muth verloren hat; dazu von zwei Triumphen, von 
denen der eine über ein bisher unbesiegtes Volk der erste, 
der andere aber auch der letzte war.' — Dio Cassius scheint 
den Krieg ausführlich beschrieben zu haben. Die authen- 
tischen Quellen, die ihm noch zu Gebote stehen mussten, 
sowie seine als Statthalter von Pannonien gewonnenen Lokal- 
kenntnisse beföhigtcn ihn in vorzüglicher Weise zum Ge- 
sehichtschreiber des Krieges. Bei ihm würden wir sicher 
die werthvollsten Aufschlüsse über einen bisher noch so wenig 
gelichteten Abschnitt römischer Geschichte finden; allein der 
uns erhaltene Auszug seiner Arbeit ist ohne Verständnis» 
für das Wesentliche der Ereignisse angefertigt.^) 

1) Epist. VIII, 4. 

2) Die Bedentang dieser Stelle ist nicht klar; vielleicht meint 
PHnios die Ableitung der Donau beim Bau der Brücke. 

3) Dio Cassius scheint die Geschichte Trajans zuerst als ein für 
sich bestehendes Werk geschrieben und dann, sei es in gleicher oder 
veränderter Form in seine grosse römische Geschichte aufgenommen 
za haben (Reimar, ad Dion. Cass. II, p. 1538). Wie gut er über 
die dacischen Kriege unterrichtet war, zeigt sich an verschiedenen 
Stellen der uns vorliegenden Bruchstücke. Er kennt genau die Friedens- 
bedingungen des Jahres 102, die Form, in der die dacischen Gesandten 
vor Trajan und vor den Senat traten, den Aufruf, den Decebalus vor 
dem Beginne des zweiten Krieges an die Nachbarvölker ergehen Hess, 
die Gescluchte des Longinus, die im Anschluss an den zweiten Triumph 
Teranstalteten Spiele, die Dimensionen der Donaubrücke. Letztere hat 
er ohne Zweifel diroct dem Werke des Apollodorus entlehnt. Die 



110 Johannes Dieraiier: Geschichte Traj ans. 

Die Trajanssäule veranschaulicht die Vorgänge im All- 
gemeinen in trefflicher Weise. Sehr wahrscheinlich wm-den 
die Reliefs auf Grund schriftlicher Aufzeichnungen ausgeführt^ 
vielleicht in vorzugsweiser Benutzung der Memoiren Tra- 
jans^): die Opferhandlungen, die der Kaiser personlich 
vornahm, ebenso seine Ansprachen an das Heer, sind niit 
liusserster Gewissenhaftigkeit verzeichnet.^) Aber trotz ihrer 
Ausführlichkeit und Genauigkeit ist die Darstellung einseitige 
insofern alle für die Römer peinlichen Momente darin unter- 
drückt sind. Wir können hier nicht finden, dass die Schlacht 
bei Tapae auch den Siegern grosse Verluste brachte-, von der 
odeln Selbstaufopferung des Longinus fehlt jede Andeutung*), 
vielleicht auch deswegen, weil diese Geschichte ausser dem 
Zusammenhang der eigentlichen Kriegsbegebenheiten steht. 
Was immer dagegen zur Verherrlichung des Siegers dient, 
ist aufgenommen. Die Römer unterliegen nie, sie behalten 
stets die Oberhand, und es mag als charakteristisch für die 
parteiische Behandlung des Stoffes hervorgehoben werden, 
dass man auf ihrer Seite nicht einen einzigen Soldaten fallen 
sieht. Die historische Erklärung der Reliefs *ist in Erman- 
gelung eines authentischen Commentars äusserst schwierig 
und wird wol nie in befriedigender Weise gelingen; in ihnen 
liegt eine in sich scharf begrenzte Geschichte von wesentlich 

übrigen Nachrichten sind auf eine andere zeitgenössische Quelle, wahr- 
Bcheinlich auf Appian zurückzuführen. 

1) Dieser Ansicht ist auch Fröhner, p. ö3: Ces scülptures rappel- 

Jent les commentaires de Trojan, dont elles n'^taient pour aiasi 

dire que Vidition illustrie. 

2) Acht Opfer und neun oder zehn Adlocutionen sind dargestellt. 
Sie beruhen durchaus nicht auf willkürlicher Erfindung des Künstlers; 
in diesem Falle wären sie wol mit einer gewissen Kegelmässigkeit ver- 
theilt. An zwei Stellen sehen wir eine Reihe von Opfern fast unmittel- 
bar aufeinander folgen (Bartoli, Tav. 63, 64, 67 und Tav. 74, 77, 78). 
Gewiss hat Niemand diese Dinge der Aufzeichnung werth gefunden, als 
Trajan selbst oder seine nächste Umgebung. So erklärt sich, warum 
auf der Säule Alles fehlt, was ihm zum Nachtheil gereichen wurde. 
Die Beschreibung, die Dio Cassius vorlag, trug einen historisch wahr- 
hafteren Charakter. 

X) Vgl. S. 100, Anm. 1. 



II. Die (lacischen Expoditionen. 111 

officiellem Gehalt; sie tritt, so viel scheint sicher, local nicht 
über den Kriegsschauplatz und seine nächste Umgebung hin- 
aus und ignorirt die Ereignisse zwischen der ersten und 
zweiten Expedition. 

Während Trajan die Grenzen des romischen Reiches 
über die Donau hinaus erweiterte, vrurden auch im Oriente 
Eroberungen gemacht. Eben damals, vom Jahre 105 an unter- 
warf der Statthalter von Syrien, Au. Cornelius Palma, das 
idumäische Arabien, d. h. den Landstrich, der sich vom rothen 
Meere ostlich von Palästina bis gegen Damascus hinaufzieht 
imd zwei reiche Städte, Bostra und Petra enthielt. Seitdem 
gab es eine Provinz Arabia^), die wenigstens anfangs unter 



1) Dio Cii88. LXVIII, 14: KQTä W t6v qötöv toOtov xP<ivov (er hat 

unmittelbar vorher die Ereignisse des zweiten dacischen Krieges be- 

>chrieben, aber diese chronologische Bestimmung hat wenig Werth) 

Kai TTd[A^ac rnc Cup(ac öpxuiv Tf)v *Apaß{av Tf)v irpöc xfl TT^rpcji ix^x- 

fHlKOTo Kai 'PuifiaCtJv ÖTrf)Koov iiroii^caTO. Ammian. Marceil. XIV, 8: 

i/aec quogue (Arabia) civitates Iwhet tnter oppida quaedam ingentes, 

Bostram et Gerasam atque Phüadelphiam , murorum finnitate cautissi- 

»o*. Uanc pr&vinciae imposito twmine rectoreque attribtUo dUemperare 

legibus nostris Traiani*8 compulit imperator. Den vollständigen Namen 

des damaligen syrischen Statthalters überliefert uns eine Inschrift, 

^initer, p. .^5, 2; er war im Jahre 109 zum zweiten Male Consul 

■Uorghesi, I, p. 459). Mehrere Münzen erinnern an die Eroberung 

Arabiens; auf dem Kevers ist gewöhnlich die Arabia dargestellt, 

ihr zu Füssen ein Strauss oder ein Kameel, dabei die Legende: 

AHAB . ADQ. oder ARAB • ADQVIS. (Eckhel, Doctr. Num. VI, p. 420; 

Cohen, II, Trajan, n. 15, 309). — Ueber die Zeit der Eroberung 

•iibt das Chronicon Paschale, ed. Bonn. I, p. 472 die sicher8t<» 

Notiz. Dort heiast es zum Jahre 105 (Candido et Quadrato coss.): 

HcTpaloi Kai BocTpr]vol ^vtcOGcv toOc ^auTuiv xP<^vouc dple^oOclv. 

i'hne Zweifel begann der Krieg in diesem Jahre und endigte etwa 

im folgenden; wir sehen nämlich, dass Trajan im Jahre 107 (bereits 

zum sechsten Mal Imperator war (Renier, Inscript. rom. de TAlgerie, 

u. 2157 = Uenzen, n. 5441). Von der 5. und 6. Salntation muss sich 

^^e eine anf den dacischen Krieg, die andere auf die Erfolge Palma's 

beziehen; da uns die fünfte auf keinem Monumente unzweifelhaft sicher 

überliefert ist, so scheinen beide, gleich der dritten und vierten, sehr 

l^ald aufeinander gefolgt zu sein und also dem Jahre 106 anzugehören. — 

We Stadt Bostra nahm den Namen N€A TPAIANH BOCTPA an 

Eckhel, D. Num. III, p. 500 sq.; Mionnet, Description des niedaillce 

fintiqnos, tora. V, p. 579 fl.). 



112 Johannes Dierauer: Geschichto Tn^ans. 

einem prätorischen Legaten stand. ^) Die Stadt Damascus, 
schon seit Pompejus den Römern factisch unterthänig; wurde 
bei dieser Gelegenheit der Provinz Syrien einverleibt.^) Die 
Unterwerfung Arabiens war von grosser Bedeutung ^ sowol 
für den syrischen Verkehr als auch für die Handelsverbin- 
dungen mit Indien über das rothe Meer. Trajan unterliess 
auch nicht, seinen Legaten gebührend zu belohnen : Au. Cor- 
nelius Palma erhielt vom Senate auf den Antrag des Kaisers 
die Triumphinsignien und war somit einer der Letzten, dem 
diese Ehre überhaupt zu Theil wurde. ^) 

Die erste Kriegsepoche in der Regierung Trajans ist 
hiermit abgeschlossen. Es folgen eine Reihe von Friedens- 
jahren, in denen er seine ganze Kraft der Administration 
des Reiches und grossartigen Bauten in Rom und in den 
Provinzen zuwandte, üeber diese Glanzzeit seiner Regierung 
soll im folgenden Abschnitte gehandelt werden. 



1) Becker -Marquardt, Handbuch d. röm. Alterth. III, 1, S. 202. 

2) Eckhel, Doctr. Num. III, p. 330, vgl. Marquardt, S. 184. 

3) OreUi, 3187 (Muratori, p. 232, 2): SENATVS SVPPLICA- 

TIONES DIS IMMORT ALIBVS . . . auctore || IMPCAESNERVA TRA- 
lANO AVG . GERM ■ DACIC • SENATVS ORNAMENT • || TRIVMPHAL 
DECR . STATVAMQ • IN FORO ■ AVG • PONENDAM • CENSVIT. Das8 
sich dieses Fragment nur auf Palma beziehen kann, hat Borghesi dar- 
gethan (Annal*. delV Inst. 1846, p. 342 fl.). Die Ehrenstatue erwähnt auch 
Dio Cassius, LXVIII, 16. Borghesi glaubte, nach Trajan sei die Erthei- 
lung der ornamenta triumphalia nicht mehr üblich gewesen; diese An- 
sicht muss nach der neuentdeckten Inschrift des Sex. lulius Severus 
modificirt werden. 



Dritter Abschnitt. 



Proyinzialyerwaltnng und Bauten. 

Im Jahre 111 wurde der jüngere Plinius als ausser- 
ordeutlicher Legat des Kaisers in die bisher senatorische 
Provinz Bithynien und Pontus gesandt*), um die dortigen 



1) Clinton (Fasti Romani] setzt die Statthalterschaft des Plinius in 
<lie Jahre 103 und 104, zwischen den ersten und zweiten dacischen 
Krieg, nach einer fragmentarisch erhaltenen Inschrift (v. ad ann. 103, 
col 4), die seine testamentarischen Verfügungen enthält und auf welcher 
wir den Namen Dacicus unter den Titeln Trajans nicht finden. Diese 
Inschrift gehört offenbar in spätere Zeit, jedesfalls wurde sie nach der 
iiithynischen Legation angefertigt und der Name Dacicus kann ursprüng- 
lich nicht gefehlt haben. In diesem Sinne hat Mommsen die Urkimde 
restituirt (Annali deir Inst. 1854, p. 42; vgl Henzen, Supplem. III, 
P- 124; Elenier zu Borghesi, Oeuvres, IV, p. 119, n. 1; Hermes, III, 
S 112). Würde mm seine Sendung dennoch in die Jahre 103 — 104 
gehören, so müssten wir in seinen Privatbriefen, von denen eine An- 
^hl nach dem Jahre 104 geschrieben sind, irgend eine Andeutung 
^OD derselben finden. Aber wir entdecken nicht die leiseste Spur, 
wahrend er doch seine früheren Magistraturen geflissentlich hervor- 
hebt. Wir erfahren zu wiederholten Malen, dass er praefectus aerarii 
'Satarai (Epist. V, 14; VIII. 11; ad Traian. 3), ferner dass er Consul 
'^Jl, 18; IV, 9), Augur (IV, 9, ad Traian. 13), curator alvei Tiberis 
^Vni, 17) gewesen sei — wie sollte er seine Freunde nicht auch gern 
^ die Statthalterschaft erinnert haben, die er gewiss als das Ziel 
»einer Wünsche betrachtete? Nun befand er sich im Jahre 105, 
alä der Consul Cn. Alranius Dexter starb, in Rom (VIII, 14, 12 ed. 
^^h vgl Henzen, n. 6867, wo auf p. 376 A. 106 statt A. 106 zu 
lesen igt); ebenso im Jahre 106, als Trajan vom dacischen Kriege zurück- 
^e^irtc (VI, 31 vgl. VIII, 4) und im Jahre 107, d. h. 10 Jahre nach dem 
Tode des Verginius Rufns (VI, 10). 8o woit liisst «ich seine Privntcorre- 

^nlersacli. z. Rüni. Kaisertresch. I. W 



114 .lohannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

durch die Schuld früherer Statthalter in Verwirrung gerathe- 
nen Verhältnisse neu zu ordnen.^) Seine Correspondenz mit 
Trajan aus der Zeit dieser Legation ist noch erhalten unJ 
hat einen um so grössern Werth, als in den Rescripten die 
eigenen Worte Trajans vorliegen. Sie liefert uns sehr schätz- 
bare Documente über die damalige Verwaltung der Provinzen ; 
sie zeigt uns aber auch den im eminenten Sinne administra- 
tiven Geist des Kaisers. Nach beiden Richtungen verdient 
sie eingehende Würdigung. 

Sein Hauptaugenmerk richtete Trajan auf die Finanzen 
der Provinz und wie es scheint^ hatte er Plinius zu beson- 
derer Sorgfalt in Bezug auf deren Ueberwachung verpflichtet. 
Dieser schreibt ihm schon in dem ersten Briefe, den er nach 
seiner Ankunft in Bithynien absendet, dass er die Rechnun- 



8pondenz chronologißch bestimmt verfolgen. Da bis zum Jahre 107 
jener Statthalterschaft keine Erwähnung geschieht, so muss sie in die 
nächstfolgenden Jahre gehören, jedoch vor den parthischen Krieg, 
ßorghesi, der sie früher mit Clinton zwischen den ersten und zweiten 
dticisehen Krieg setzte, ist neuerdings, veranlasst durch die unterdessen 
bekannt gewordene Thatsache, dass Cn. Afranius Dexter erst im Jahre 
105 Consul war, von dieser Ansicht zurückgekommen. Er sagt: // 
ritardo del consoluto di Afranio Destro, ch*e uno dei cardini della cra- 
nologia Pliniana, vietando che la legazione Bitinica piü s'interponga 
fra le due guerre Daciche, secondo Vopinione ch'io pure aveva seguita 
fiel mio Burhuleio, esige che qiiesta si procrastini o sino all* 860 col 
Miizoechi, o meglio sino cdV 863 (110) col Noris (vgl. dessen säm ratliche 
Werke, Verona 1729, II, p. 930: circa Septembrein anni 109 aut sequen- 
tis), essendo poi certo, che infin che Plinio fu in Borna o nella provincia, 
Traiano no ando nelV Oriente (Oeuvres, IV, p. 121, n. l; vgl. die An- 
merkung Mommsen's an dieser Stelle). Neuerdings lässt Mommsen die 
Legation des Plinius mit Rücksicht auf eine dem Jahre 112 angehörende 
Inschrift des niedermösischen Statthalters P. Calpurnius Macer Caulius 
Rufus, der gleichzeitig mit Plinius fungirte (ad Traian. 42. 61. 62) im 
Jahre 111 beginnen (Hermes, III, S. 65, vgl. Anm. 4). 

1) Trajan schreibt an Plinius (32 ed. Keil): Metninerimus id- 
Circo te in iMam provinciam missum, qxwniam multa in ea emendandu 
apparuerint Aehnlich 117: Sed ego' ideo prudentiam tuam elegi ut 
formandis istius prorinciae morilms ipse moderareris et ea consti- 
tueres quae ad perpetiutm eitis provinciam quietem essent profutura. 
lieber die frühern Wirren in dieser Provinz vgl. Epist. IV, 9; V, 20; 

Vir, G. 



ni. Provinzialverwraltung und Bauten.. 115 

gen der Stadt Pnisa geprüft und in bedauerlicher Unordnung 
gefunden habe. Er verlangt einen Ingenieur zur Verifieirung 
von Defraudationen der Bauunternehmer.^) — Nach den Vor- 
schlägen^ die Plinius Trajan unterbreitet, billigt dieser den 
Bau eines neuen Bades in Prusa, sofern keine neue Steuer 
erforderlich ist und das Nothwendige nicht darunter leidet.^) — 
Wenn die Stadt Sinope die Kosten einer Wasserleitung be- 
zahlen kann, so darf man den Bau gestatten.^) — Die gleiche 
Erlaubniss wird auch Nicomedia ertheilt, aber Trajan will 
genau wissen, durch wessen Schuld zwei frühere Unterneh- 
mungen, die der Stadt sehr bedeutende Sunmien gekostet 
haben, nicht zur Ausführung gekommen sind.*) — Er ge- 
stattet den Ausbau eines Theaters in Nicäa ; man soll aber 
die Arbeiten überwachen und ja nicht vergessen , die Privat- 
personen, welche Beiträge für die Decoration zugesagt haben, 
znr Erfüllung ihres Versprechens anzuhalten.^) — In Bezug 
auf die Bäder, die Claudiopolis erstellen will, wird Plinius 
genau untersuchen, ob die verfügbaren Gelder für diesen 
Zweck mit Rücksicht auf die gewählte Localität gut ange- 
wendet seien.®) — Wie in Prusa, so nimmt Plinius auch in 
zahlreichen andern Städten eine Revision der •finanziellen Ver- 
waltung vor^); sie werden überall zu weiser Sparsamkeit ver- 
pflichtet; dafür ist Trajan auch bemüht, sie so wenig als 
möglich für den Staat ökonomisch in Anspruch zu nehmen. 
Er ist sehr damit einverstanden, dass die Stadt Byzanz nicht 
mehr wegen eines einfachen Huldigungsdecretes alljährlich 
einen Boten nach Rom sende, dessen Mission mit bedeuten- 
den Auslagen verbunden war. Es genügt in Zukunft, wenn 
ihm Plinius das Decret der Byzantiner übermittelt, und auch 



1) Ad Traian. 17. 

2) 23 und 24. 

3) 90 and 91. 

4) 37 und 38. 

5) 39 und 40. 

6) id. ibid. 

7) 43 (in Byzanz); 47 (Apamoa); 92 (Amisiis). 

8 



116 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

der Gouverneur von Mösien dürfte sich mit einer wohlfeileren 
Form der Aufwartung von Seite dieser Stadt zufrieden gebend) 
Plinius ertheilt deswegen auch nur mit ausserordentlicher 
Zurückhaltung die Erlaubniss für die Benutzung der Staats- 
post, deren Beförderung den Provinzen oblag und immer -als 
eine grosse Last betrachtet wurde. Er entschuldigt sich bei 
Trajan, dass er dem Courier eines sarmatischen Königs sei- 
ner dringenden Botschaft wegen einen Postschein gegeben 
habe, sowie seiner Frau, die durch den Tod ihres Grossvaters 
nach Rom gerufen wurde. ^) 

Selbstverständlich beschäftigen den Kaiser auch die Trup- 
pen, die über die Provinz zerstreut die Polizei derselben bil- 
den: Plinius beeilt sich jedesmal beim Beginne eines neuen 
Jahres zu berichten, dass die Soldaten und das Volk ihre 
Huldigungen erneuert haben. ^) Der Soldat war damals in 
den Provinzen, in denen kein eigentliches Besatzungsheer 
lag, gesucht. Byzanz war eine wichtige Handelsstadt: Trajau 
hatte ihr, dem Beispiele seiner Vorgänger folgend, einen 
Oenturio gegeben ; aber Juliopolis braucht kein Militär, andere 
Städte könnten ebenfalls solches verlangen und in dem Masse 
ihre Forderungen erhöhen, je schwächer sie sind.^) — Der 
Präfect der pontischen Küste muss sich mit 13 Soldaten be- 
gnügen. Trajan bemerkt, dass es Leute gäbe, die ihr CAmx- 



1) 43 und 44: Ignoscet Ulis et Moesiae praeses, si minus ilhtm 
sumpttwse coluerint. • 

2) 64. 120. Bis auf Ncrva warcfi Italien sowol als die Provinzen 
zur Beförderung der Stoatspost verpflichtet; dieser Kaiser sah sich 
j^onöthigt, die Bewohner Italiens von diesem Servitut zu befreien (vgl. 
die Münzen bei Eckhel, VI, p. 408, Cohen, Mdd. Imperiales, I, Ncrva, 
n. 122, aus dorn Jahre 97). Ich finde nicht, wie Hudemann, nach unrich- 
tiger Interpretation einer Stelle bei Aurel. Victor, Caes. 13 (vgl. dessen 
Abhandhing : das l'ostwesen der röm. Kaiserzeit, Programm der Ploener 
Gelehrtenschule, ISßC), dass Trajan auf den frühem Modus zurückkam. 
Wol ist sicher, dass er das Postwesen verbesserte (Aurel. Vict. 1. c.) 
und genaue Bestimmungen über die Benutzung von Reisepässen (diplo- 
mata) erliess. 

3) 100; vgl. 35, 52, 102. 

4) 77 und 78. 



ni. Provinzialvcrwaltung und Bauten. 117 

mando gerne ausdehnen mochten und sehreibt in dieser Be- 
ziehung Zurückhaltung vorJ) — Er findet es in der Ordnung, 
dass einem seiner Procuratoren für die ausserordentliche Mis- 
sion des Getreideankaufs in Paphlagonien einige Fusssoldaten 
und zwei Reiter beigegeben wurden^); nach seiner Rückkehr 
aber darf er nur 4 Soldaten behalten.'*) — Er gibt nicht zu, 
dass die Truppen den Dienst mit öiFentlichen Sclaven thei- 
len, die wie Plinius glaubt; zur Bewachung der Gefangnisse 
nicht genügen. Aus dieser Berührung könnte gegenseitige 
Nachlässigkeit entstehen; aber besonders muss man den Sol- 
daten so wenig als möglich von seiner Fahne entfernen. Diese 
Maxime legt er Plinius später noch einmal nahe. Man sieht, 
wie sehr er darauf bedacht ist, die Würde des Soldaten zu 
wahren. *) 

lieber die geheimen Gesellschaften ist Trajan besorgt. 
Es war in Bithynien gebräuchlich, bei Familienfesten, bei 
der Uebernahme eines Amtes oder bei der Einweihung eines 
Monumentes zahlreiche Gäste einzuladen und sogar Geld 
unter sie zu vertheilen. Trajan sieht Gefahr in solchen Fest- 
versammlungen, an denen sich bisweilen gegen tausend Per- 
sonen betheiligten; sie könnten sehr leicht einen aufrühreri- 
schen Charakter annehmen. *Ich habe', schreibt er seinem 
Legaten sehr bedeutsam, ^dich ausersehen, damit du gemäss 
deiner Einsicht die Missbräuche in der Provinz hebest, und 
bestimmest, was zu ihrem dauernden Frieden dient. '^) — 
Eine Feuersbrunst hatte arge Verheerungen in Nicomedia an- 
gerichtet. Plinius möchte eine Handwerkergesellschaft grün- 
den, die den Zweck hätte, bei künftigen Unglücksfällen durch 
vereinte Thätigkeit ein weiteres Umsichgreifen des Feuers zu 
verhindern; leicht wäre eine solche, nicht über 150 Mann 



1) 21 und 22. 

2) 28: rede militibua instruxisti. Ftmgebatiir enim et ipse extra- 
»rdinario munere. 

3) ibid. 

4) 20: Sed et iUud haereat nobis, quam paucissimos milües a signia 
(tvocandos esse; vgl. 22. 

5) 116 und 117. 



118 Johannes Dierauer : Geacliichte Trajans. 

starke Association zu überwachen.^) Aber nach Trajan haben 
gerade * solche Factionen' Unruhe und Verwirrung in den 
Städten erzeugt; unter welchem Namen und in welcher Ab- 
sicht man auch eine Corporation bilden möge, so entstehe 
alsbald; wenn auch nur vorübergehend, eine Hetärie*, es sei 
besser für die nothigen Loschapparate zu sorgen und den 
Hausbesitzer zur Vorsicht zu mahnen.^) — In der That ver- 
nehmen wir später, dass Plinius jede corporative Versamm- 
lung verbot.^) 

Religiöse Schwierigkeiten entscheidet Trajan sehr rasch. 
Man kann einen Tempel der Cybele in Nicomedia versetzen, 
ohne bei der Dedication des Bodens die besondern Formalitä- 
ten zu beobachten, die in Rom gebräuchlich sind.*) — Man 
kann auch die Ruinen eines Hauses, das seiner Zeit dem 
Kaiser Claudius geschenkt wurde, zum Bau von Bädern be- 
nutzen; wenn aber das im Peristyl dieses Hauses projectirte 
Heiligthum wirklich eingeweiht worden ist, so bleibt der 
Boden geheiligt.^) — Wegen einfacher Translation eines 
Grabes braucht man sich nicht an die römischen Pontifices 
zu wenden-, solche Umständlichkeit wäre unbillig. Plinius 
mag also mit Rücksicht auf die von frühern Proconsuln in 
solchen Angelegenheiten erlassenen Bestimmungen das Ge- 
ziemende verfügen.*^) — Etwas länger verweilt er doch bei 
einer Anfrage über das Verfahren, das man gegen die Chri- 
sten einzuhalten habe. In Bithynien waren die Anhänger 
des Christenthums im Anfange des zweiten Jahrhunderts 
schon zahlreich. Plinius fand bei seiner Ankunft die Tempel 



1) 33. 

2) 34: Quodcunique nomen ex quacumque causa dederimus iis (lui 
in tsdem contracti fuerint . . . hetaeriaeque hrevi fient. Im Text ist 
eine Lücke. 

8) 96, 7: — quod ipsum facere desisse post edictum mewn, quo 
sectmdum mandata tua hetaerias esse vetueram. 

4) 49 und 50. 

5) 70 und 71. 

6) 68 und 69: Durum est iniungere necessitatem provincialüm 
pontifkum adeundarum. 



in. Provinzial Verwaltung und Bauten. 111) 

?erl&sseu, die heidnischen Feste wurden nicht mehr in ge- 
wohnter Weise begangen^ die Opferthiere fanden keine Käu- 
fer mehr. Es leuchtet ein^ dass von ihm^ der den Kreisen 
der Senatorier angehörte und sich von Amtswegen zur Hebimg 
der Staatsreligion verpflichtet glaubte^ die heidnische Reaction 
ausgehen musste. Er verfuhr nun so^ dass er die als Christen 
angeklagten Personen inquirirte^ und wenn sie nach drei- 
maliger Warnung bei ihrem Glauben beharrten ^ hinrichten 
liess. Wie er überhaupt ein Mensch von kleinlichem Sinne 
war, 80 hielt er sich überzeugt , dass ihr Ungehorsam und 
ihre Hartnäckigkeit ganz abgesehen vom Inhalte ihrer Ge- 
standnisse die schwerste Strafe verdienten. Nun wurde er 
von Leuten, die vom Chnstenthume abgekommen waren, über 
die Zwecke der Gemeinde unterrichtet; um die Wahrheit 
genau zu erforschen, brachte er zwei Sciavinnen auf die 
Folter; zu seinem Erstaunen fand er aber nichts als eine 
falsche und dazu enthusiastische Anschauung von göttlichen 
Dingen.') Er erfuhr, dass in den Christenversammluugen 
nichts Strafbares vorgehe, dass sogar jeder Theilnehmer die 
eidliche Verpflichtung übernehme, kein gemeines Verbrechen 
zu begehen. Diesen Erscheinungen gegenüber war Plinius 
rathlos; er schob die weitere Untersuchung auf, um Trajans 
Befehle zu vernehmen. 

Bisher war zur Fixirung des Verhältnisses zwischen 
Christenthum und Heidenthum durchaus keine Verordnung 
erlassen worden, die einen legalen Charakter gehabt hätte; 
denn das Einschreiten Nero's war ein Gewaltact ohne gesetz- 
liche Form^), und die angebliche Christenverfolgung unter 
Domitian löst sich bei näherem Zusehen in eine Verfolgung 
der Juden und Philosophen auf, die in spätem christlichen 
Kreisen zu irrthümlichen Combinationen Veranlassung gab.^) 



1) 96: Nihil (Uiud invetii quam superstitionefii pravam inmodicam. 

2) Aubd, de la legalite du Christianisme dans Venipire ramain pen- 
dant U Premier siäele (Comptes rendus de VAcad. des Inscr. et BeUes- 
LeUres 1866), p. 185 fl. ; vgl. Rossi, Bull, archeol. crist. Dec. 1865, p. 93. 

3) Aub^, p. 194 fl. Diese YerhältnisBe sind hier scharfsinnig erörtert. 



120 Johannes Dierauer: Geschichte Tnyans. 

Trajans Antwort war daher von entscheidender Bedeutung. 
Er billigte das Verfahren seines Statthalters^ sagte aber, 
eine allgemeine Regel lasse sich nicht aufstellen. Er will 
nicht ^ dass man die Christen aufsuche, anonyme Anklagen 
sollen unberücksichtigt bleiben, weil dies das übelste Beispiel 
gebe und dem Geiste des Jahrhunderts entgegen sei. Wenu 
aber Schuldige öffentlich angeklagt und überwiesen werden, 
so müsse man sie natürlich bestrafen, so zwar, dass diejeni- 
gen, welche sich thatsächlich durch Opferung vor den Staats- 
göttern als Nichtchristen erweisen, Verzeihung erhalten, so 
verdächtig sie auch in Hinsicht ihrer Vergangenheit sein 
mögen. *) 

Nach dem Massstabe der Zeit gemessen, ist Trajans Ent- 
scheidung eine äusserst humane und dennoch der Anfang 
der principiellen Christen Verfolgungen ; denn hier zuerst wird 
dem Christenthume die rechtliche Existenz im römischen 
Staate abgesprochen und das christliche Bekenntniss schlecht- 
hin als ein die Staatsgewalt gegen sich hervorrufendes, straf- 
würdiges Verbrechen betrachtet.^) In der That wurde bald 
genug diese legale Handhabe zu masslosen Verfolgungen be- 
nutzt, und es lässt sich begreifen, wenn die christlichen Apo- 
logeten vom Standpunkte innerster Selbstberechtigung ihres 
religiösen Dogmas gegenüber den Forderungen des römischen 
Rechtsstaates mit äusserster Erbitterung sich gegen das tra- 
janische Edict aussprachen.^) 

Bemerkenswerth sind die Verfügungen Trajans in einigen 
Fällen von mehr rechtlicher Natur. Plinius schreibt ihm, 
dass Leute, die seit längerer Zeit zu deii Minen und zu 



Aubd kommt zu dem Schlüsse: Dans les deux cos (sous Neron et sous 
Domitien) ce furent des coups d'atäaritc frajjpes en dehors de tmitc 
prdoccupation politique ou religietise, sur des individus plutöt que sur 
une secte, et qui n'etaient pas de nature ä fonder une tradition ei ä 
fixer la jwrisprudtnce de Vempire au sujet du christianisme. 

1) ad Traian. 97. 

2) Vgl. Baur, das Christenthum und die christliche Kirche der drei 
ersten Jahrhunderte, S. 436 — 440. 

3) Tertullian. Apol. c. 2. 



in. Provinzialverwaltung und Bauten. 121 

Kämpfen in der Arena verurtheilt worden, ihre Strafe nicht 
erdulden, sondern unter den öffentlichen Sclaven leben und 
deren Sold gemessen; die meisten seien aber alt und gebrech- 
lich und es treffe sie weiter kein Vorwurf.^) Hier waren 
Humanität und Gesetz im Spiele. Trajan ist streng in seiner 
Antwort, aber nicht ohne auch der Milde Baum zu geben. 
Eben deswegen habe er Plinius in die Provinz gesandt, weil 
Vieles darin zu verbessern war, und gerade mit Bezug auf 
die Ausführung der Strafurtheile scheinen die meisten Miss- 
brauche vorgekommen zu sein. Die Urtheile, die in den letz- 
ten zehn Jahren gefallt worden sind, müssen also exequirt 
werden; finden sich aber Leute, deren Verurtheilung auf 
mehr als zehn Jahre zurückgeht, so sind sie bei Arbeiten zu 
verwenden, die annähernd ihrer Strafe entsprechen.'^) — Der 
Senat hatte die Acte des Julius Bassus, der unter Nerva Pro- 
consul von Bithynien gewesen war, cassirt und allen durch 
ihn verurtheilten Personen zwei Jahre Zeit zur Appellation 
gegeben. Ein Verbannter des Bassus war in. der Provinz 
geblieben ohne zu appelliren. Was soll mit ihm geschehen? 
Man soll ihn fesseln und dem Präfecten des Prätoriums über- 
senden, erwiedert Trajan, denn die einfache Ausführung der 
Strafe genügt nicht für den, der ein Spiel damit getrieben 
hat.') — Unter den Kecruten haben sich Sclaven gefunden; 
sie sind schon eidlich verpflichtet aber noch nicht incorporirt. 
Wie hat man bei diesem Disciplinarvergehen zu verfahren? 
Sind sie geworbeA, worden, lautet die Antwort, so liegt der 
Fehler auf Seite des Werbeoffiziers; sind sie als Vicarii ein- 
getreten, so muss man sich an ihre Mandatoren halte]) ; 
haben sie sich fi'eiwillig und im vollen Bewusstsein ihres un- 
freien Standes eingestellt, so sind sie selbst zu bestrafen. 
Nicht die wirkliche Incorporation ist in dieser Hinsicht ent- 
scheidend, sondern die Eidesleistung, vor welcher sich jeder 



1) ad Traian. 31. 

2) 32: distribuamus illos in ea ministeria quae non lange apoena sint. 

3) 56 und 67: fieqiie enim suf fielt cum poenae ftuae restitui, quam 
contumacia dttsü. 



122 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

der Wahrheit gemäss über seine Herkunft erklären muss.*) 

— Bisweilen finden wir aber doch, dass Trajan den allzu 
grossen Eifer seines Legaten zu dämpfen sucht. Plinius 
möchte im Nothfalle die Decurionen zwingen, offentliche Gel- 
der, für die man keine Verwendung findet, gegen 12 Pro- 
cent zu übernehmen; aber Trajan weist dieses Auskunftsmittel 
zurück und empfiehlt eine Herabsetzung des Zinsfusses; es 
entspreche nicht den Rechts begrifien der Zeit, Jemanden zur 
Annahme von Capitalien zu zwingen, die ihm nichts nützen.^) 

— Ebenso vdll er nicht, dass man in strenger Ausübung 
eines jüngst erlassenen Edictes auf Schenkungen zurück- 
komme, die von den Städten vor mehr als zwanzig Jahren 
an einzelne Privaten gemacht worden sind. Gute Finanzen 
sind ihm zwar lieb, aber eben so sehr liegt ihm die Euhe 
der Bürger am Herzen.*) — Die gleiche versöhnliche Stimmung 
dringt durch, wenn es sich darum handelt, über den Senat 
der bithynischen Städte zu entscheiden, dessen Zusammen- 
setzung durch Pompejus regulirt, aber im Laufe der Zeit durch 
das Eindringen illegaler Gewohnheiten verändert worden war. 
Wollte man rücksichtslos einschreiten, so würde man allzu 
viele Interessen verletzen^); rühren wir also das Vergangene 
nicht an, belassen wir die Männer, die gesetzwidrig in den 
Senat aufgenommen worden sind, in ihren Stellen, aber be- 
obachten wir in Zukunft gewissenhaft die pompejischen Ver- 
ordnungen. — Den Philosophen Flavius Archippus soll 
Plinius wegen eines Verdachtes, der aus früherer Zeit auf 
ihm lastet, nicht verfolgen*, hat es ja nach den vorliegenden 
Documenten doch allen Anschein, dass er von Domitian 
rehabilitirt worden ist. Dies hindert jedoch nicht, eine Unter- 
suchung einzuleiten, sofern neue Klagen über ihn erhoben 

1) ad. Traian. 29 und 30. 

2) 64 und 65: Invitos ad accipiendum conpdlere, quod fartassui 
ipsis otiomm ftUurum sit, non est ex iustitia nostroruni teniporum. 

3) 110 und 1,11: Non minm enim hominilms cuitisque loci qt^am 
pecuniae publicae consiUtum volo, 

4) 115: cuius vim si retro qmque velimus custodire, multa necem 
est pertw'bari. 



j 



in. Provinzial Verwaltung und Bauten. 123 

werden.') — Nach der Lex Pompeia ist für die Ueberiiahme 
einer städtischen Magistratur oder den Eintritt in den Senat 
das dreissigste Altersjahr erforderlich^ uiid gewesene Magistrate 
haben senatorisches Recht. Aber Augustus hat die niedrigeren 
Magistraturen schon mit dem 22. Jahre erlaubt. Können 
nun gewesene Magistrate noch vor dem dreissigsten Jahre 
in den Senat gewählt werden? Und wenn ja: ist dann der 
Eintritt in den Senat auch ohne vorausgegangene Magistratur 
gestattet? Die erste Frage hat Plinius vor den stadtischen 
Gensoren bereits in bejahendem Sinne entschieden; seine Inter- 
pretation des augusteischen Gesetzes wird von Trajan gebil- 
ligt, der jedoch keinen Augenblick schwankt; die andere Frage 
zu verneinen.^) 

Einen ganz eigenthümlichen Zug in Trajans Gorrespon- 
denz bildet die Abneigung gegen den Erlass allgemein gül- 
tiger Bestimmungen. Der Schematismus in Bechtsangelegen- 
heiten widerspricht seinem innersten Wesen. Er will jedem 
Volke seine Eigenart, jeder Stadt ihre überkommenen Rechte 
und Privilegien lassen, und so oft Plinius auf allgemeine 
Regeln dringt, lehnt sich sein romischer Geist gegen 
diese Tendenzen auf. Plinius findet über die ausgesetzten 
Kinder weder besondere noch allgemeine Verordnungen, die 
sich auf Bithynien beziehen. Trajan antwortet, diese Ange- 
legenheit sei schon oft behandelt worden, aber es bestehe 
kein für alle Provinzen gültiges Gesetz. Er gibt seine Ent- 
scheidung im Anschluss an einige Briefe Domitians und er- 
ledigt damit die vorgelegte Frage, jedoch nur mit Rücksicht 
auf Bithynien. ') — In dem Decret über die Christen erklärt 
er zum Voraus, dass man eine allgemeine und sichere Form 
in solchen Processen nicht aufstellen könne.'*) — Plinius 
wünscht eine für alle Städte Bithyniens verbindliche Verfügung 



1) 58. 59. 60. 

2) 79 und 80. 

3) 66 und 66. 

4) 97: Neque enim in tmiverBum dliqiUd quod qua9i certam for- 
mam habeat cangtitui potest. Vgl. S. 120. 



124 Johannes Dieraucr: Geschichte Trajans. 

in Bezug auf die Investiturgebühren der Decuriouen. Der 
Kaiser antwortet, man könne keine allgemeine BestimmuDg 
erlassen, das Sicherste sei nach seiner Ansicht, sich an die 
Gebräuche jeder einzelnen Stadt zu halten. ') — Die Rechte 
der Städte auf das Besitzthum ihrer Schuldner sind nicht g'e- 
nau festgestellt. Nach Trajan müssen die Gesetze jeder Stadt 
beobachtet werden ; hat sie ein Privilegium, das ihr den Vor- 
rang vor den Privatcreditoren zusichert, so soll man es 
wahren, wenn nicht, so darf ihr kein solches zum Naeh- 
theil von Privaten ausgestellt werden.^) — Die Nicäer 
beanspruchen nach einem von Augustus ihnen ertheilten 
Privilegium das Recht, über die Hinterlassenschaft ihrer 
ohne Testament verstorbenen Bürger verfügen zu dürfen. 
Man muss untersuchen, sagt Trajan, ob ihre Ansprüche be- 
gründet sind und dann entscheiden was Rechtens ist.*) — 
Die Stadt Apamea willigt ein, dass Plinius ihre Rechnungen 
prüfe, obwol sie das alte Vorrecht besitzt, keiner Controle von 
Seite des jeweiligen Legaten unterworfen zu sein. — Mau 
benutzt ihre Einwilligung und lässt ihre Privilegien bestehen. *) 
— Die freie Stadt Amisus wünscht eine CoUecte zu veran- 
stalten. — Wenn sie sich für das Recht ausserordentlicher 
Geldsammlungen auf Gesetze berufen kann, die wir nach 
unserm Allianzvertrage ehren müssen, so steht keinHinder- 
niss im Wege, besonders, fügt Trajan hinzu, wenn der Er- 
trag nicht für Cabalen und illegale Zusammenkünfte sondern 
für die Unterstützung der Armen verwendet wird.*) 

Dies ist der Hauptinhalt der öffentlichen (Korrespondenz 
zwischen Plinius und Trajan. Die Mittheilungen und An- 
fragen des Plinius sind im Allgemeinen unbedeutend und ent- 
halten sprechende Beweise von theils persönlicher, theils mit 

1) 112 und 113: Id ergo quod semper ttUissimum cM, seqitendam 
cuiiisque civitatis legem puto, 

2) 108 und 109. 

3) 84 und 85. 

4) 47 und 48: sciant hoc quod inspecturus es ex mea voluntate so/- 
vis qtMe Jiabent privilegiis esse facturum. 

6) 92 und 93. 



III. Provinzialverwaltimg und Bauten. 125 

seiner amtiiichen Stellung schlechterdings verbundener Un- 
selbständigkeit. Er muss sich zuweilen eine ironische oder 
sogar eine zurechtweisende Antwort gefallen, lassen. Wenn 
er z. B. wegen jeder Kleinigkeit einen Architecten von Rom 
verlangt, 80 schreibt ihm Trajan: ^Architecten können dir 
gewiss nicht fehlen; es gibt keine Provinz, in der sich nicht 
kundige nnd geschickte Leute finden; du müsstest denn 
glauben, es sei einfacher sie von Rom nach Bithynien zu 
senden , ^ während sie doch gewöhnlich aus Griechenland zu 
uns kommen.' ^) Oder er erhält auf eine müssige Anfrage in 
einem Rechtsfalle die Antwort: *Mein lieber Plinius, du hät- 
test in der Angelegenheit, die du meiner Entscheidung unter- 
breiten zu müssen glaubtest, nicht zweifeln sollen; du weisst 
ja sehr wol, dass es nicht meine Absicht ist, durch Furcht 
und Schrecken oder durch Klagen auf Majestätsverbrechen 
meinem Namen Achtung zu verschaifen.'^) Trajans Rescripte 
sind nach Form und Inhalt von wahrhaft antiker Concision. 
Sie sind immer der Sache entsprechend imd zeugen von einer 
merkwürdigen Fähigkeit, sich aus jedem gegebenen Momente 
heraus in die Lage des Anfragenden zu versetzen. Er gibt 
seine Entscheidung jeweilen nur nach sorgfältigen Erwägun- 
gen und nachdem er, sei es in den vorgelegten Actenstücken, 
sei es in den Commentarien früherer Kaiser sich auf das 
genaueste nach dem Recht erkundigt hat. 3) Daher diese 
Ueberlegenheit, diese Klarheit und Sicherheit des Blickes. 
Man ist erstaunt über seine bis ins Einzelne gehende Sorge 

1)40. 

2)82. 

3) PHnius übersendet ihm in vielen Fällen die Rechtstitel (vgl. 47. 
56. 58. 59. 70. 79. 83. 92. 96, 114). Oder er verweist Trajan auf die 
römischen Archive: quae ideo titn non misi, quia et parum e^nendata 
^ qmedam fion certae fidei videbantur et quia vera et emefidata in 
<cTiww tuis esse credebam (66). Wo Plinius d&s Actenstück beizulegen 
veigiast, da verlangt es Trajan ausdrücklich: Si mihi senatus canstil- 
tum miseris, quod haesitationem tibi fecit, aestimdbo an debeas cogtio- 
^^cere (73). Wie gewissenhaft er sich über einzelne Fälle erkundigt, 
ersieht man besonders aus Epist. 66: nee quicquam invenitur in com- 
taentariifi eorutn princijmm qui ante me fiierrmt. 



126 JohanneB Dierauor: Geschichte Trajans« 

für eine so entfernte Provinz,*) und doch scheut er jede Ver- 
einfachung der Arbeit durch Einführung allgemeiner Normen. 
Man kann sich hieraus einen annähernden Begriff von der 
Geschäftslast bilden, der er sich persönlich unierzog; denn 
wenn auch entfernt nicht anzunehmen ist, dass alle Legaten 
sich mit der Geschäftigkeit des Plinius in jedem zweifelhaften 
Falle an die kaiserliche Instanz wendeten, so waren doch bei 
der ungeheuren Ausdehnung des Reiches fortwährend zahl- 
lose Anfragen zu erledigen. Eben aus der uns vorliegenden 
Correspondenz ersehen wir am deutlichsten, dass er befähigt 
und geneigt war, die Staatsgewalt nach gerechten und hu- 
manen Grundsätzen zu führen. Er war von seiner hohen 
Aufgabe tief durchdrungen: er betrachtete sich als den Ver- 
treter einer gebildeten Zeit, mit deren Würde sich ein ge- 
setzwidriger oder unbiUiger Act nicht vertragen hätte.^ 

Es kann nach Plinius' Correspondenz doch nicht bezwei- 
felt werden, dass damals in den Provinzen ein auffallender 
Mangel an technisch gebildeten Leuten war. Die grossartigen 
Bauten, die zu gleicher Zeit in Italien und besonders in Rom 



1) Wie sehr er sich z. B. um das physische Wohl der Provinzialeii 
bekümmert, beweisen die Briefe 38: curandum est ut aqua in Nico- 
medensem civitatem perducatur; 91: neque enim dtibitanduvi puto quin 
aqua perducenda sit in cöloniam Sinopensem — — cum plurimum eit 
res et saiuhritati et voluptati eius conJatura sit; vgl. auch 99. 

2) 56: Invitos ad accipiendum conpellere — non est ex iustitia 
nostrorum temporum. 97: nam et pessimi exempli nee nostri saeculi 
est. Auch Plinius schreibt bisweüen in diesem Sinne, 37: Ego illud 
unum adfirmo et utilitatem operis et pulchritudinem saeculo tuo esse 
dignissimam , vgl. Epist. 1, ein Gratulationsschreiben aus dem Anfang 
des Jahres 98. 

Die chronologische Folge der Correspondenz hat neuerdings H. Keil 
gesichtet. Halten wir fest, dass Plinius* Legation im Jahre 111 begann, 
so kam er am 17. September 111 in Bithynien an (17). Wir haben 
nun Briefe vom 1. Jan. il2 (35); vom 27. Jan. 112 (52); vom 18. Sept. 

112 (88, Tr^'ans Geburtstag); vom 1. Jfli. 113 (100) und vom 27. Jan. 

113 (102). Die Briefe 102—121 sind nach dem 27. Jan. 113, etwa bis 
Ende Juni, der gewöhnlichen Zeit des Amtswechsels geschrieben; die 
officielle Correspondenz umfasst also einen Zeitraum von ungefiUir 
22 Monaten. 



in. Provinzialverwaltung und Bauten. 127 

vorgenommen wurden, absorbirten wie es scheint alle her- 
vorragenden Ingenieare und Arehitecten.^) Zwischen dem 
(heischen und parihischen Kriege liegt die eigentliche Bau- 
periode der trajanischen Regierung; es entstanden innerhalb 
weniger Jahre eine Reihe von Werken, die schon im Alter- 
thome Bewunderung erregten und in ihren Trümmern noch 
jetzt den Glanz jener Epoche ahnen lassen. Strassen, See- 
hafen, Wasserleitungen wurden angelegt, endlich ein neues 
Forum, das an Pracht und Ausdehnung alle früheren über- 
traf. Wir können es uns nicht versagen, auf diesem zum 
Theil der Kunstgeschichte angehörenden Oebiete einige Zeit 
zu verweilen. 

Vor Allem bemerken wir Trajans steigende Sorge für die 
Erleichterung des Verkehrs in Italien, lieber seine Strassen- 
anlagen berichtet ein Schriftsteller aus der zweiten Hälfte 
des zweiten Jahrhunderts: ^Trajan versah die morastigen 
und versumpften Stellen mit einem Steinpflaster, nachdem 
sie vorher durch aufgeworfene Erddämme erhöht worden; 
er reinigte die domigten und rauhen Wege, überbrückte die 
Flüsse, die sonst nicht zu passiren waren, kürzte allzu weite 
Krümmungen durch Einschnitte ab, umgieng schroffe Hügel 
Jurch Ausbiegung auf sanfter ansteigendem Terrain, füllte 
Vertiefungen des Bodens aus, vermied unsichere und öde 
Strecken und leitete die Strassen durch bewohnte Gegenden.'^) 
In jedem Punkte entsprechen diese Anlagen den Forderungen 
modemer Technik. Im Einzelnen lassen sich Trajans Strassen- 
baoten nicht mehr verfolgen. Bestimmt ist uns überliefert, 
(lass er die appische Strasse durch die pontinischen Sümpfe 
in der erwähnten Weise verbesserte; einzelne Stellen erhiel- 
ten wie es scheiiit ein gemauertes Fundament; Stationsge- 
bäude wurden längs des Weges zur Bequemlichkeit der 



1) üebrigens beklagt sich Trtgan einmal, daas er selbst für die 
Arbeiten in Born und Umgebung zu wenig Techniker habe (ad Traiun. 18) ; 
gelegentlich wendet sich Pliuius auch an den Statthalter von Mösien, 
um von üun einen Nivelenr zu erhalten (61). 

2) Galen, de method. medendi, IX, 8, Basil. 1661, Tom. IV, p. 116. 



128 Johannes Dierauer: Geschichte Trajane. 

Keisenden errichtet J) Hieran reihte sich der Bau einer neuen 
Strasse von Benevent nach Brundisium; sie war im Jahre 
109 vollendet und erhielt den Namen Via Traiana.') Schon 
während des zweiten dacischen Krieges hatte er die zerfallene 
Brücke bei Fregellae über den Liris wieder herstellen lassen.') 
An die Spitze der von Trajan neu erbauten oder restau- 
rirten Provinzialstrassen ist jener Heerweg längs des rechten 
Donauufers in Mösien zu stellen, den er bei Gelegenheit der 
dacischen Kriege ausführen liess. Noch durch ihn wurde, 
im engsten Zusammenhange mit seiner Absicht nach einer 
wahrhaften Grenzregulirung im Norden und Nordosten des 
Reiches, der Strassenzug längs der Donau derart erweitert, 
dass man ohne Unterbrechung vom schwarzen Meere bis nach 



1) Dio Cass. LXVIIT, 16: Kai kotä touc aÖToOc xp<^vouc (d. h. nach 
dem dacischen Kriege) xd xe ^X^ xd TTovxtva d»öoiTo()iC€ X(9ui, xal rdc 
ö6oöc irapoiKo^o^fifiaci Kai Y^^P^pct^c jueTaXoirpcTrecxdxaic £EeiToi?)cev. 
Nach einer zu Terracina aufgefundenen Inschrift gehört diese Restau- 
ration in das Jahr 1 10 (TRIB • POT ■ XIIII • IMP - VI • COS • V). Eckhel, 
Doctr. num. VI, p. 421. 

2) Mommsen, Inscript. regni Neapel, n. 6290, vgl. Henzen, n. 5169: 

TRIß.POTXIIMMP.VICOSVP.P.VIAM ET PONTES 

BENEVENTO BRVNDISIVM PECVNIA SVA. Der Name Via Traiana 
kommt auf Münzen theils aus dem fünften, theils aus dem sechsten 
Konsulate vor: IMP • CAES • NERVAE TRAIANO AVG GERDAC .P• 
M • TR . P • COS . V [VI] . P . P . II VIA TRAIANA • S • P • Q • R • OPTIMO 
PRINCIPI . S . C . (Eckhel, Doctr. numor. IV, p. 121. Cavedoni, Bullet, 
archeol. Neapolit. 1855, p. 59. Cohen, Medaüles impi^riales, II, Trajan, 
n. 289, 290. 546—548). Das Bild auf der Rückseite zeigt eine ätzende 
Frau, die sich an ein Felsstück lehnt. Sie hält mit der Linken 
einen Zweig, mit der Rechten ein auf ihren Knieen stehendes Rad. 

3) Mommsen, Inscript. regni Neapolit. n. 6253 (TRIB • POT Villi • 
IMP • IUI • COS • V •). — Es lässt sich annehmen, dass Trajan in 
Italien noch andere Strassen neu bauen oder värbessern liess, aber 
ein specieller Nachweis ist nicht möglich. Die Orelli'schen Inschriften 
n. 822 und n. 3306, die Francke, S. 578 und 579 anfuhrt, besagen nur, 
dass die hier genannten Beamten seiner Zeit auch curatores vianim 
Traianarum gewesen seien, nicht aber, dass Auximum in Picenum und 
Aquileia Ausgangspunkte trajanischcr Ilcerstrassen bildeten. Zwei 
andere Inschriften, auf denen Strassen Trajans genannt werden (Prelli, 
n. 150. 143, vgl. Francke, S. 580, 581) sind verdächtig (Henzen, Supplero. 
Vol. 111, p. 6, 7). 



in. Provinzialverwaltung und Bauton. 129 

«Pallien fahren konnte J) Ausgezeichnete Werke für die Er- 
Ifr'ichterung des Verkehrs entstanden damals auch in Spanien. 
IHe prachtvolle Brücke über den Tagus bei dem heutigen 
Ak-antara wurde im Jahre 1()4 oder 105 erstellt.^) Sie ist 
noch vorhanden, sowie eine ähnliche Baute von kleinerem 
Imfang über den Tomago bei Chaves, dem früheren Aquae 
Haviae in üalhiecia.^) 

Damals hat Trajan an der Westküste Italiens auch zwei 
neue Seehäfen bauen lassen. Der eine wurde in Ostia hinter 
dem claudischen Hafen angelegt.. Die vorhandenen Ueber- 
reste und die Abbildungen auf iMünzen lassen erkennen, dass 
or von hexagonaler Form und ringsum mit Gebäuden um- 
j(pben war, die als Magazine, wol hauptsächlich zur Auf- 
nahme des Getreides dienten. Es scheint, dass sich an diese 
Anlage ein neuer Verbindungscanal mit der l'iber schloss.^) — 



1} Aurel. Victor Caos. 1.'): et inter ca Her coiulitum per feras gen- 
l*v. f/MO facile ab uJique Pontico mari in Oalliam permeatur. Diese 
Vnj?abe bezieht sich wol hauptsächlich auf die Vcrlänfjjerung der 
StrdÄse im untern Douaugebiete. Es ist niclit unwahrscli(;inlich , dass 
die Strasse f[uer durch die Dobrudscha führte, aber mit Unrecht 
schreibt die Tradition die Aufführung der römischen Schanzwerke zwi- 
•^chen Tschemawada an der Donau und Kustendje am schwarzen Meere 
Trajan zu. Vgl. Jules Michel, les travaux de defense des Romains dans 
la Dobroudcha (Memoires de la societe des antiquaires de France, 
:i^'*- s*irie, Tome V, Paria 1862), p. 215 ff. 

2) Die hischrift auf der Attika des Votivbogens (auf beiden Seiten) 
wt zu lesen : IMP • CAESARI • DIVl • NERVAE F • NERVAE || TRAI ANO 
AVG - GERM . DACICO • PONTIF • MAX || TRTB • POTES • VIII • IMP • V • 
COS • V ■ P - P. Eine andere Inschrift in Versen findet sich an einem 
kleinen Tempel, der vor dem Zugange etwas zur Seite steht; sie nennt 
'l«.'n Baumeister der ßriicke, Lacer (die Vornamen C. Julius, die Francke, 
S. 5S4 nach Gruter p. 161, 1 aufgenommen hat, sind spätere Interpo- 
lation). Au den Seitenpfeilern des Bogens werden auch die Municipion 
i?enannt, die sich durch ihre Beiträge an dem Baue betheiligten (Orelli, 
n. 162). Vgl. E. Hühner, 11 pontc d'Alcfintara, Annali dell' Inst. 1803, 
p. 173 ff.; dazu die Zeichnungen in den Momimenti deir Institute, Vol. 
VI und VIl, Tav. LXXIII-LXXV. 

3) Orelli, n. 1G3. 

4) Canina, Architettara romana, Roma 183*2, III, p. 182, vgl. 
Tav. CLVII. Hierher gehören die Münzen bei Cohen , II , Trajan, 
»• 3G5. 366 aus dem 5. und 0. Consulat, auf der Rückseite mit einer 

l'nt^Tsurh. I. Rriin. Kaiscry-pirh. 1. \) 



130 Johannes Dierauer: Geschichte Tnyans. 

Während die claudischeii und trajanischen Bauten in Ostia 
schon längst versandet und weit von der jetzigen Meeresküste? 
entfernt sind, hat hingegen der Hafen von Centum Cellae 
(Civitavecchia) bis auf heute seine Bedeutung bewahrt. Wir 
besitzen über seine Entstehung den Bericht eines Augen- 
zeugen. Das Meer bildete dort eine natürliche Bucht von 
hinreichender Tiefe. Auf beiden Seiten wurden nun feste 
Dämme gebaut, die den Eingang bogenförmig schlössen 
und nur in der Mitte eine schmale Durchfahrt oflFen liesseu. 
Vor derselben führte man in einiger Entfernung, ähnlich 
wie beim claudischen Hafen, einen starken Querdamm auf, 
der die Brandung abhielt.*) ' Die ganze Anlage muss nach 
ihrer Vollendung einen stattlichen Eindruck gemacht haben: 
Leuchtthürme erhoben sich zu beiden Seiten der Einfahrt; 
die Landschaft im Hintergrunde stieg amphitheatralisch auf 



Darstellung des Hafens (die nicht den Hafen von Centum Cellae be- 
zeichnen kann, vgl. Cavedoni, Bullet, archeol. Napolit. 1855, |>. C»'2] 
und der Inschrift PORTVM TRAIANISC. Canina a. a. O. bezieht 
auf den trajanischen Hafen in Ostia eine Stelle Juvenals (Sat. XII, 75 s«jfj); 

Tandem intrat positas in^liisa per aequora moles 
Tyrrhenamque Pliaron, 2>orrectaque hraehia rursum 
Quae pelago occurrmvt medio longeque reUnqmmt 
Italiam , 

wie mir scheint mit Unrecht, da diese Anlage keineswegs ins Meer hin- 
aus gebaut wurde; Juvenals Worte lassen vielmehr an den claudischeu 
Hafen und an Centum Cellae denken, und wahrscheinlich hat sich auch 
der Scholiast in der Bedeutimg der Stelle geirrt, als er zu ^rumum^ 
die übrigens werthvolle Notiz fügte: 'quin Traianiis jwrtum August i 
(d. h. Claudii) reparwvit in melius et interius tut vor em sui nominis fecii.^ 
— Der neue Verbindungscanal mit der Tiber, den Canina in dem canale 
di Fiumicino wieder erkannt hat (p. 183), ist vielleicht die fossa quam 
providentissimus imperator fedt, von der Plinius spricht (Epist. VHI, 17;. 

1) Plin. Epist. VI, 31, 15—17, vgl. Suet. Claud. c. 20. Auch der 
Hafen von Centum Cellae wurde nach Trajan benannt: hahebit hicpor- 
tuH, sagt Plinius, et iam Jmbet tiomen auctoris. Der Bau wurde wahr- 
scheinlich unmittelbar nach dem zweiten dacischen Kriege begonnen, 
denn Trajan hielt die Gerichtssitzung in Centum Cellae, von der Plinius 
a. a. O. spricht, kurze Zeit nach seiner Rückkehr ausDacien (VI, 31, 8', 
d. h. nach seiner Rückkehr im Jahre 106 (Mommsen, im Hermes, III, 
S. 49). 



III. PVovinzialvei'waltung und Bauten. 131 

and war mit einer herrlichen Villa Trajans gekrönt J) — In 
etwas spatere Zeit gehört der Neubau des Hafens von Ancona. 
Der Senat und das römische Volk widmeten dort Trajan, 
■dem für Alles sorgenden Kaiser/ einen Votivbogen, Ma er 
durch die Erstellung dieses Hafens aus eigenen Mitteln den 
Zugang zu Italien für die Seefahrer sicherer gemacht hatte. '^) 
Auch im fernen Aegypten knüpft sich der Name Trajans an 
die Erhaltung und Verbesserung der Verkehrswege. Er er- 
Ivannte die eminente Bedeutung des ^ptolemäischen Flusses', 
der das rothe Meer mit dem mittelländischen verband. So 
viel wir sehen, war dieser Kanal während des ganzen ersten 
Jahrhunderts schiflFbar, aber vielleicht hatten ihm die letzten 
Kaiser nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die seine leicht 
der Versandung ausgesetzte Lage erforderte. Immerhin bleibt 
es sicher, dass Trajan schon vor dem Jahre 109 den östlichen 
Theil des Kanals von Bubastis nach Arsinoe umfassend re- 
stauriren und zugleich eine Verzweigung nach Babylon bei 
dem heutigen Cairo hinauf bauen liess, die den Zweck hatte, 
dem Hauptkanal eine grössere Wassermenge zuzuführen. 
Diese Arbeiten waren für den damaligen Weltverkehr unge- 
mein wichtig; sie standen aber auch in directem Zusammen- 



1) Plin. Epist. VI, 31,15: villa pulcherrima cingitur viridissimia agris, 
mminet litori. Vgl. Canina, Architettura roiuana, I, p. 115, lU, p. 185, 
Tav. CLX, mit dessen ADfuhnmg aus Butilius, Itiner. I, 240 sqq. 

2) OreJii, n. 792: QVOD • ACCESS VM || ITALIAEHOCETIAM. 

AÜDITÜEXPECVNIA SVA || POETVTVTIÜREMNAVIGANTIBVS- 

UEDDIDEKIT. In ^hoc etiam addito portu^ liegt eine deutliche 

Heziehtmg auf die beiden trajaniaclien Häfen an der Westküste Italiens. 
Der Bogen stammt aus dem Jahre 115 und ist im Wesentlichen fast 
onversehrt erbalten. Die ausserordentlich girassen Steinmassen, aus 
ilenen er zusammengefügt ist, charakterisiren Trajans Zeit. Er entbehrt 
jedes besonderen Schmuckes, aber, wie Rossini sich ausdrückt, er 
erhebt sich in eleganten und stolzen Formen. Auf der Höhe stan- 
<ien die Keitcrstatue Trajans (unter Innocenz XI. ist beim Bau einer 
neuen Treppe zum Durchgang ein bronzener Pferdefuss gefunden wor- 
den) und zur Seite die Staudbilder der Plotina und der damals schon 
Terstorbenen Schwester Tr^ans Marciana. Diese Anordnung beweisen 
«lie Inschriften (Orelli, a. a. O. Rossini, gli archi trionfali onorarii e 
fnnebri degli antichi Romani, Rom. 1836, p. 8, Tav. XLIV— XLVI). 

9*^ 



132 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

hange mit der Entdeckung von Granitlagern in dem soge- 
nannten 'claudischen Berge', d. h. einem Höhenzug zwischen 
dem Nilthale und dem rothen Meere in der Nähe der beiden 
Hafenplätze Myoshormos und Philotera. Die Säulenschäfte, 
die man in den dortigen Steinbrüchen ausmeisselte, konnten 
auf diese Weise von jenen Uferstationen nach Italien geschafft 
werden, ohne dass unterwegs eine Umladung uöthig Tvar. ') 
Es lässt sich erwarten, dass Trajan auch für die Wasser- 
leitungen Sorge trug. In Bezug auf die Aqua Marcia wanl 
das von Nerva begonnene Werk einer getrennten Leitung 
trüber und klarer Zuflüsse durch ihn vollendet-, ihm wahr- 
scheinlich blieb die Ausführung eines schon von Nerva in 
Aussicht genommenen Bassins vorbehalten , welches • das 
Wasser eines Anio-Arms zur Abklärung aufnehmen sollte. '•) 
Dazu kam ein neues grosses Werk, die Aqua Traiaua, die 
das Wasser des Sabatinersees bis zum Janiculus führte inul 
die noch heute zu den bestversehenen Leitungen gehört, 
welche Rom alimentiren.^) Wie Trajan zur Anlage von 



1) Ueber diese Verhältnisse hat Letronno zuerst Licht verbreitert in 
seinem Recueil des inscriptions grecqucs et romaines de TEgypte, tome 1, 
p. 195 ii., p. 240 fl. Er knüpft seine Untersuchung an eine Stelle d« j^ 
(Jcographen Ptolemäus IV, 6, nach welcher der Kanal, der noch z" 
Plinius des Aelteren Zeit 'Ptolemaeus amnis' hiess, unter Antoninus Pi".^ 
seineu Namen bereits in Tpaiavöc iroTaiJiöc verändert hatte. Gewiss wiir 
den erst nach der Vollendung der Canalarbeiten die Granitsteinbrüche im 
östlichen Aegypten ausgebeutet. Diese Ausbeutung begann aber im 
Jahre 109, wie wir einer Inschrift entnehmen können, die uns zuglei<'li 
den Namen der neuen Niederlassung auf dem jiions Claudianus (DjflM'i 
Fateereh): YAP€YMA €YTYX€CTATON TPAIANON AAKIKON, FONS 
PELICISSIMVS TRAIANVS DACICVS überhefert (Letronne, I, p. 4'M 
iJoeckh, Corp. inscript. graec. III, n. 4713 c). 

2) Frontin. de aquaeduct. p. 191 (ed. Bipot. 1788). 

3) Jetzt Acqua Paola. Vgl. Fea, Bullet. delF Inst. 1830, p. 219, 
welcher folgende bei der Leitung aufgefundene Inschrift verötFent lichte: 
IMP ■ CAESAßDIVI II NERVAE FNERVA || TRAIANVS AVG B GFAiM 
DACICVS II PONT • MAX • TR • POT • XIII || IMP • VI • COS • VI • F 
P • II AQVAM TRAIANAM || PECVNIA SVA || IN VRBEM PERDVXH^ 
EMPTJS LOCIS||PER LATITVD • P XXX (a. 109). Sie ist auch auf 
Münzen erwiihnt (Cavodoni, Bullet, archeol. Napolit. 1855, p. 59; Cohen. H. 
Trajan, n. ;}05— 308). 



III. Provinzialverwaltung und Bauten. 133 

Wasserleitungen in Bithynien ermunterte, entnehmen wir 
aus seiner Correspondenz mit Plinius. ^Untersuche sorgfaltig', 
sehreibt er einmal seinem Legaten, der ihm von dem Wasser- 
mangel in Sinope und von dem Plane einer neuen Leitung 
Wrichtet hat, *ob der Boden die Last eines Aquaeducts 
tragen kann, denn darüber habe ich keinen Zweifel, dass 
Wasser in die Colonie Sinope, besonders wenn sie es mit 
Hgnen Mitteln erreichen kann, geführt werden muss, da 
dieses zu ihrer Gesundheit und zu ihrem Vergnügen sehr viel 
Witragen wird.' Gewiss beförderte er ähnliche Bestrebungen 
iiuch in anderen Provinzen. 

Die Hrajanischen Thermen* waren auf dem Esquilin ii| 
unmittelbarer Nähe der Titusthermen, wol weniger bedeutend 
als diese und für Frauenbäder bestimmt-, wahrscheinlich er- 
fulu-en die durch Titus in Eile aufgeführten Anlagen unter 
Trajan eine Restauration.^) 

Alle Bauten Trajans in Rom und in den Provinzen 
werden durch das neue Forum übertroflfen, das er während 
seiner Regierung, den Haupttheilen nach wol in der Zeit 
zwischen dem dacischen und parthischeri Kriege (107 — 113), 
ausführen liess. Sein Streben nach grossartiger Pracht gi- 
pfelte sich in dieser. Anlage, und man darf hinzufügen, dass 
in derselben römische Kunst und Architectur überhaupt ihren 
Höhepunkt erreichten. Als der Kaiser Constantius im Jahre 
%7 Rom besuchte, hielt er voll Erstaunen vor dem trajani- 
sehen Forum an und liess seine Augen mit Ehrfurcht durch 
den Verein so riesenhafter Werke schweifen. Daraals hielt 
man sich überzeugt, dass die Nachahmung eines solchen 
Werkes durch die Hand sterblicher Menschen unmöglich sei.-^) 



1) Plin. ad Traian. 90, 91, vgl. 70, 71, ed. Keü. 

2) Ich folge über die 'thermae Traianae' den Untersuchungen Nie- 
l"ibr'8 (Beschreibung der Stadt Rom, III, 2, S. 221 fF.) und ßecker's 
Haüdbuch d. röm. Alterthiimer, I, S. 687—689). 

3) Ammian. Marceil. XVI, 16: Veruvi cum ad Traiani forum 

ren««*, siinffuJarem sttb omni caelo strticturam. , ut opinamur, etiavt 
K«wmuOT adsensiotie mirabilem, haerelmt attonitus, per gigantcos con- 
i^^us circumferens mentem, nee relatu effahiles, nee rursus mor- 



134 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Zeit und Barbarei haben beinahe die ganze Anlage zerstört 
und nur mit Mühe lässt sich aus den wenigen Ueberrest^u 
in Verbindung mit den quellenmässigen Nachrichten der ur- 
sprüngliche Plan wieder erkennen. 

Trajan wich in der Anlage seines Forums wesentlich von den 
bisherigen Kaiserforen ab. Er wollte einen geräumigen Platz 
für den öffentlichen Verkehr, für richterliche, wissenschaft- 
liche und religiöse Zwecke schaffen. Ihm genügte nicht ein 
Tempel mit grösserem oder kleinerem Temenos, das mit einer 
einfachen Mauer umfriedet war: die Durchführung seiner 
Absicht erforderte die Erstellung einer ganzen Gruppe von 
Gebäuden. Der Idee nach finden wir im trajanischen Forunj 
eine Annäherung an das Fojrum Romanum, aber auch von 
diesem unterscheidet es sich durch die strenge Regelmassig- 
keit des Grundplanes, der in seiner Längenrichtung zu beiden 
Seiten einer Mittellinie die vollkommenste Symmetrie auf- 
weist. Oertlich schloss es sich unmittelbar an das juHsche 
und augusteische Forum an und zog sich nordwestlich in der 
Richtung des weiter zurückstehenden Friedenstempels zwischen 
dem Capitolinus und Quirinalis hindurch. Es bestand aus 
sieben Haupttheilen: dem Triumphbogen, der Area oder dem 
Forum im engern Sinne des Wortes, der ulpischen Basilica, 
der Trajanssäule , den beiden ulpischen Bibliotheken und 
einem Tempel, durch welchen die Anlage im Hintergrunde, 
jedoch erst unter Hadrian, ihren Abschluss fand. 

Der Triumphbogen bildete den Eingang von der Seite 
des augusteischen Forums. Wir haben von ihm keine schrift- 
liche Kunde, aber die Abbildung auf einer Münze gibt uns 
von seiner ursprünglichen Existenz und Gestalt hinreichen- 
den Aufschluss. ^) Die Frontseite des Monumentes, der die 

talihus adpetendos. Omni itaque spe huiuswodi quidquiam conandi 
deptdsa, Traiani equum solwn locatum in atrii medio, qui i2)fttim |>n«- 
cipem vchit, imiiari sc velle dicebat, et posse. Die folgende ErzUhlunp 
klingt anekdotenhaft. 

1) Cohen, II, Trajan, n. 95; unter der Abbildung auf der Rück- 
seite steht die Inschrift: FORVM TRAIAN. Sie gehört in das sechste 
Consulat Trojans (112—113; der Name Optimus fehlt noch). 



III. Pro vinzial Verwaltung und Hauten. 135 

Ijineiiseüie gegea das Forum offeubar entsprach^ war durch 
sechs Säulen gegliedert und zeigte in der Mitte einen breiten 
Durchgang. Zwischen den Säulen befanden sich Nischen, 
welche Statuen enthielten, darüber vier Rundreliefs , ähnlich 
wie wir solche am Constantinsbogen über den beiden Seiten- 
gangen sehen. Die Fünftheilung in diesem Unterbau setzte 
sich auf der Attika fort;') wahrscheinlich enthielt das gros- 
sere Feld in der Mitte die Inschrift, während die anderen 
mit Reliefs besetzt waren. Auf der Plate-forme stand zwischen 
Victorien und Trophäen ein von zwei Soldaten geführtes 
Sechsgespann mit dem Triumphwagen, in welchem Trajan 
aufTohr, von einer Siegesgöttin gekrönt. Ueberreste diesem 
Bogens sind schon zu wiederholten Malen seit dem Ende des 
sechszehnten Jahrhunderts bis in die neueste Zeit aufgefunden 
worden^); sie sind derart, dass man an eine Zerstörung des- 
selben durch Const^ntin nicht denken kann, obschon anderer- 
seits sicher genug ist, dass dieser Kaiser zahlreiche Sculp- 
turen aus der Zeit Trajans, sei es unter Plünderung eines 
gleichartigen Denkmals oder eines anderen Prachtgebäudas, zur 
Verzierung seines Triumphbogens verwendete.^) 

1) Reber, die Ruinen Roms, Leipzig 1863, S. 188 hält die Attika 
für siebeugliedrig, irre geleitet durch die Darstellung auf den Münzen; 
die beiden äossersten Säolen rechts und links gehören nicht zur Front, 
sondern zn den Schmalseiten. 

2) Flaminio Yacca, Memorie die varie antichita, Roma 1594^ n. 0. 
Pellegrini, Arco di Trajano, Bullet, dell* Instit. 1863, p. 78--80. Die 
Nachforschungen im Jahre 1863 wurden durch den Abbruch der Kirche 
S. jiaria in Campo Carleo (der Spolia Christi, von welcher Flaminio 
Vacca spricht) und durch den Bau eines Hauses an derselben Stelle er- 
möglicht Beim Graben des Fundamentes stiess man auf die Substruc- 
tiooen des Triumphbogens und fand 33 architectonische Fragmente, 
die alle der gleichen Epoche angehören und von vorzüglicher Schönheit 
sind. Zwei grössere Stücke stammen vom Friese unter der Attika. Zu- 
gleich wurden Ornamente, Basreliefs und endlich ein Torso eines daci- 
schen Gefangenen entdeckt. Auch Flaminio Vacca berichtet von der 
Auffindung dadscher Statuen. 

3) Die trojanischen Relief^ am Bogen des Constantin lassen sich 
durch ihren vollendeten Stil sehr leicht von den rohen Arbeiten aus 
dem Anfange des vierton Jahrhunderts unterscheiden. Der trajanischen 
Zdt g^ören an: 1) die Reliefs im Innern des Hauptdurchganges rechts 



136 Johannes Dieraiier: Geschichte Trs^ans. 

Das eigentliche Forum war ein freier, von einer öüulen- 
halle umgebener Raum, rechts und links mit halbkreisfomii 



und links, mit welchen nach Rossini (Gli archi trionfiili, Tav. 73) dif 
Reliefs auf den beiden Schmalseiten der Attika zu verbinden sind. Diew^ 
vier Stücke bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes, erst unt4T 
Constantin nach den Bedürfnissen der Dimensionen getheiltes Kelit-f 
von ungefähr 1-2 "»Länge. Es enthält Scenen aus dem dacischen Krieg^e, 
deren Ausführung vielleicht zu dem Vollendetsten gehört, was in jener Zeit 
geschaffen worden ist. La mischia e si grande e si viva (urtheilt Rossini, 
p. 11), die nuHa puo vedersi di piü esjyressivo per una smiguhiosa k 
dccisiva battaglia (vgl. Kugler, Kunstgeschichte, Stuttgart 1856, I, S. Sin i 
2) Acht Rimdreliefs, nämlich je zwei über den beiden Seitenbogen 
(Rossini, Tav. 72), mit Darstellungen aus dem Privatleben Trajans: 
Eber-, Bären- und Löwenjagd, Opfer zu Ehren des Hercules Victor, 
des Apollo und der Diana, Jagdzug. Die beiden Medaillons aiif den 
Schmalseiten des Bogens sind constantinische Arbeit. 3) Die Reliefe an 
der Attika (Rossini, Tav. 71): Suovetaurilia; Adlocutio; ein dacischer 
Gefangener wird vor Trajan geschleppt; der Kaiser auf einem Sug 
gestum; ein vornehmer Dacier, von einem Jüngling geführt, erscheint 
vor Trajan; Vertheilung eines Congiars; Symbolisirung der Via Traiana 
durch eine am Boden liegende Frau, die sich mit der Linken auf ein 
Rad stützt; der Kaiser wird von einer schwebenden Victoria gekrönt. 
— Aus der Zeit Tr^'ans sind endlich auch die Statuen von gefangenen 
Daciem zwischen den Feldern der Attika auf den Gebälkvorsprüngen 
der acht Säulen; sie gleichen denjenigen, welche bei den Ausgra- 
bungen am Forum Traianum gefunden wurden, zeigen aber etwas 
grössere Dimensionen (vgl. Reber, die Rainen Roms, S. 428; Pollü- 
grini, a. a. 0.). Die Köpfe dieser Statuen sind modern und nach dem 
Muster eines im Jahre 1733 im Schutte neben dem Monument aufge- 
fundenen Originales ausgeführt. Ein antiker Dacierkopf, früher im 
Museum Campana, jetzt in Petersburg, rührt wahrscheinlich ebenfalls 
von einer solchen Statue her; man erkennt darin den dacischen Typus. 
Fröhner, der in der Einleitung zur Beschreibung der Trajanssäule nach 
H. d'Escamps, Description des marbres autiques du mu3(3e Campana 
a Rome, Paris 1856 eine Zeichnung davon gibt, erklärt ihn willkür- 
lich für den Kopf des Decebalus. — Dass Constantin den Triumph- 
bogen Trajans am Eingange des Foriuns zur Ausschmückung des scini- 
gen plündern oder abtragen liess, ist sehr unwahrscheinlich. Das tra- 
janische Forum war im Anfange des vierten Jahrhunderts in seiner Gc- 
sammtheit noch wol erhalten: wie sollte er nun gerade den Hauptein- 
gang zerstört haben? Wären die Statuen dieses Bogens absichthch 
weggenommen worden, so hätte man unmöglich an seiner urspning- 
lichen Stelle die Reste gleicher Statuen finden können. Man muss also 
an einen andern Ursprung jener klassischen Sculpturen denken. Immer- 
hin dürften sie wirklich einem Triumphbogen entnommen sein und zwar 



III. Pro vinzial Verwaltung imd Bauten. 137 

gen Seitenbauten, von denen sich wenigstens gegen den 
^iuirinalis hin nocli bedeutende Reste erhalten haben. In 
der Mitte stand die Reiterstatue Trajans. *) 

Drei Treppen von Giallo antico führten aus diesem Forum 
zu der querlaufenden fünfschiffigen Basilica*'), welche auf 
MoDzen und auf einem Fragmente des capitolinischen Stadt- 
planes ülpia genannt wird.') Auch bei diesem Gebäude 

finem solchen, der ähnliche Verhältnisse aufwies, wie sie am Constau- 
tinsbogen nachgeahmt wurden, denn nach Rohault de Fleury (Revue 
areheologique 1863, II, p. 2-46) sind auch die korinthischen Säulencapi- 
läle ans Trajans Zeit. Pellegrini a. a. 0. vermuthet, der vom Senate 
zum Andenken an die parthischen Siege Trajans beschlossene Triumph - 
\««>gen (Dio Gass. LXVIII, 29) sei wegen des Kaisers bald darauf er- 
folgten Todes nicht vollendet worden, so dans Constantin eigentlich 
nur die damals bei Seite gelegten Basreliefs, Statuen, Säulen etc. ver- 
wendete. Diese Ansicht hat wenig für sich; die Reliefdarstellungcn 
würden sich dann vielmehr auf den arraenisch-parthischen , als auf den 
dacibcben Krieg beziehen. 

1) Ammiau. Marceil. XVI, IG: Traiani eqxmm soltim locatuin in 
nirii nudio, qtH ipsum prindpem rehit, imitnri sc vvllc dicelxtt, et 
ffMse. Das Reiterbild sehen wir auch auf der Rückseite einer Münze 
aus den Jahren 112 — 113 (Cohen, II, Trajan, n. 259). Der halbzirkel- 
formige An)>au auf der rechten Seite ist zweistöckig. Unten sind Kam- 
mern aas Backsteinen mit Tonnengewölben, oben ein Corridor, auf 
welchen sich eine Reihe von Gemächern öffnen (Becker, Haudb. d. 
röm, Alterth- I, S. 382; Reber, die Ruinen Roms, S. 172). Auf einigen 
l^ksteinen dieser Ruine fand P. Morey Stempel mit der Inschrift 
PLAVTINAE AVG. (Ich hatt« Gelegenheit, seinen grossen Resüiu- 
ratioQsplan des trojanischen Forums aus dem Jahre 1835 in der Biblio- 
thek der Ecole Impi5riale et speciale des Beaux-i^rts in Paris einzusehen ; 
<]ie angeführte Notiz entnehme ich seinem Memoire [Manuscript], p. 18.) 
Auf der entgegengesetzten Seite wurden diesem Systeme symmetrisch 
entsprechend unter den Häusern der Via delle Chiavi d'oro von Canina 
die Spuren eines ähnlichen Anbaues entdeckt (Annali delFInst. 1851, 
{). 131—135), so dass man also über den Grundriss des Forums kaum 
iweifeln kann. 

2) Platner, Beschreibung der Stadt Rom, III, S. 282 fl.; Becker, I, 
8^382. 

3) Cohen II, Trajan, n. 18, vgl. n. 319: IMPTRAIANVS (oder 
TRAIANO) AVG • GER • DAG • P • M • TR • P • COS • VIPP || BASILICA 
HiPlÄ, mit Abbildung. Canina, Indicazione topogr. Rom. 1831, p. 172 
h;it zuerst die Verbindung zweier Fragmente des capitolinischen Planes, 
von denen* das eine die Buchstaben BASIL, das audere, genau damit 
iibereinstimmende das Wort VLPIA zeigt, vorgesclüagen. Auf letzterem 



138 Johannen Dierauer: Geschichte Trajans. 

waren ^ dem Forum entsprechend, die beiden Schmalseiten 
durch Hemicyclen abgeschlossen. Die Anlage wich im All- 
gemeinen nicht sehr von den durch Vitruvius für den Bau 
einer Basilica gegebenen Vorschriften ab^); natürlich erfor- 
derte ihrfe sehr bedeutende Ausdehnung verbunden mit der 
ungewöhnlichen Gliederung des Grundrisses mancherlei Mo- 
dificationen, aber es lässt sich nicht bezweifeln, dass die ul- 
pische Basilicaj gleich der von jenem Architecten beschriebenen 
zwei Stockwerke hatte. ^) 

Die Bedachung war von Bronze und ohne Zweifel durch- 
brochen. ^) Ina Innern wechselten Marmor- imd Granitsäuleii^ 



sieht man deutlich den halbkreisförmigen Schlnss einer Schmalseite. 
Den Namen LIBERTATIS, der hier neben Ulpia erscheint, erklärt 
Canina mit Berufung auf eine Stelle bei Sidonius Apoliinaris (Paneg. 
in Anthem. v. 544 sqq.), nach welcher in der Basiliea üli»ia die Manu 
missionen Statt fanden (vgl. Becker, a. a. 0., Anmerkung 733). 

1) Vitruv. Architect. V. 1 §. 11 sqq., ed. Poleni et Stratico II, pars 2, 
p. 12 sqq. 

2) So restaurirt sie auch P. Morey, Fol. 12, vgl. Pol. 13 und 14. 
Die Darstellungen auf den Münzea lassen über diesen Punkt keinen 
Zweifel: Edifke eleve sur trois marches et ä dmihh rang de coJonncs 
sur Ja hautetir, dont fdx grnndes de fa^e et deux de cöte en hos et hutt 
petites en haut (Cohen, a. a. 0.). Reber, die Ruinen Roms, S. 192 er- 
klärt sich ohne genügenden Grund gegen eine den vitruvischen Vor- 
schriften entsprechende Restauration; nach seiner Ansicht hatten die 
Seitenschiffe nur ^in Stockwerk und wurden von dem Mittelschiffe nicht 
überragt, so dass man über das Gebäude hin vom Forum aus die nord- 
westliche Hälfte der ganzen Anlage überblicken konnte. Aber an eine 
so untergeordnete architectonische Wirkung der Basiliea, die gewiss 
den Glanzpunkt des trajanischen Forums bildete, Ulsst sich nicht denken, 
ganz abgesehen davon, dass die Abbildungen auf Münzen, so unvoll- 
kommen sie auch sind, mit jener Annahme in offenbarem Widerspruche 
stehen. 

3) Auf das Forum Traianum bezieht Platner a. a. 0. wol mit Recht 
Pausan. V, 12 §. 4: kqI i^i *Pu)|ia(u)v dyopa KÖC|iou tc €tv€Ka xoO Xoi- 
troO O^ac dE(a, xal ^dXlCTa ^c xöv 6po(pov xo^'^oö ircTroiym^vov , und 
X, 5 §. 5: *Pu)|üiaioic bi fj dyopA |i€T^6ouc cVvcKa Kai xaracKcuf^c Tf)c 
äXXT]c eaCfia oöca rrap^xcTai töv öpocpov xciXkoOv. H. Hübsch, die alt- 
christlichen Kirchen nach den Baudenkmalen und älteren Beschreibungen, 
Carlsruhe, 1862, p. XXI— XXII behauptet, dass der Mittelraum der 
Basiliea ungedeckt blieb. 'Die Archäologen (ich führe seine Worte an) 
nehmen freilich nicht den geringsten Anstand, bei ihren Restaurationen 



IIL Provinzial Verwaltung und Bauten. 139 

wie man aus den aufgefiindeneu Bruchstücken erkennt'); 
verschiedenfarbige Marmorplatteu setzten das Paviment zu- 
sammen.^) Die südöstliciie Langseite gegen das Forum muss 
?on ausserordentlicher Pracht gewesen sein. Nach den Ab- 



diesee Banes auf dem geduldigen Papiere über den ausserordentlich 
breiten Mittelranm eine 23 Meter gespannte Decke auf doppelt ü))er- 
einander gestellte Bchwankende Säulenreiheu zu legen. Der praktische 
Architect aber erkennt sogleich, dass eine solche Construction unmög- 
lich hätte Stand halten können, da die Umfassungsmauern zu beiden 
Seiten nicht dicker als die Säulen selbst waren, und da sie stellenweise so- 
gar noch unterbrochen wurden. Es konnte also bei der Basilica Ulpia 

nur der Raum fTir die Richter, der übrigens ganz von den Portiken 
getrennt war, bedeckt sein. Der grosse, durch letztere umgebene Mittcl- 
raiun aber musste unbedeckt — wie die Basilica zu Pompeji — bleiben.' 
We Frage ist allerdings bei den verhältnissmässig geringen Ueberresten 
der Basilica schwer zu entscheiden, aber mit Bezug auf die pompeja- 
nische, deren Bau übrigens auf das erste Jahrhundert v. Chr. zurück- 
geht, ist es nach 0. Mothes (die Basilikenform bei den Christen der 
ersten Jahrhunderte, Leipzig 1865, S. 80) doch wahrscheinlich genug, 
dass der Mittelraum überdeckt war. Jedesfalls wurden die Basiliken 
nrsprünglich in der Absicht gebaut, den richterlichen Verhandlungen 
einen gegen die Unbill der Witterung und das Getümmel des Forums 
geschützten Raum zu bieten. Vitruvius a a. 0. spricht von der An- 
lage solcher Gebäude zuerst im Allgemeinen, allerdings ohne die Be- 
deckung des Mittelschiffes (und hierauf beruft sich Hübsch) ausdrück- 
lich zu erwähnen, aber gleich darauf (V, 1 §. 15. 16) beschreibt er 
genau die von ihm erbaute Basilika, bei der ein 60 Fuss breiter 
ffittelraum zu bedecken war. Es lässt sich nicht einsehen, warum man 
zu Trajans Zeit bei einer ausserordeutbch vorgeschrittenen Technik 
nicht um etwa 20 Fuss weiter gehen konnte. Wie mir scheint, hat der 
Architect P. Morey in seinem sehr gewissenhaft durchgeführten Restau- 
nitionsplane das Problem in befriedigender Weise gelöst; ebenso Lesueur 
in der Restauration der Basilica Ulpia (Plan aus dem Jahre 1823, eben- 
falls auf der Ecole des Beaux-Arts). 

1) Platner, a. a. 0. — Becker, I, S. 382 und Reber, S. 172 finden es 
unwahrscheinlich , dass man im Innern der Basilika neben den Säulen 
von Giallo antico und Pavonazetto auch Granitsäulen verwendet habe. 
Wenn aber, was nach den Untersuchungen Letronne's (Recueil des in- 
soiptions grecques et latines de TEgypte I, p. 195 fl.) sehr wahrschein- 
üch ist, die grauen Granitschäfte aus Aegypten geholt wurden, so er- 
hielt dieses Material einen Werth, der den kostbaren Marmorarten nicht 

nachstand. 

2) Platner a. a. 0. Nach Morey, Mtooire, p. 21, war auch der 
Boden des Forums (Atrium) mit weissen Marmorplatten belegt. 



140 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

bildungen, die uns die Münzen zeigen, standen auf den Gie- 
beln der Treppenvorsprünge Quadrigen mit dem Triumphator^); 
die Pferde und die zur Seite aufgestellten Feldzeichen waren 
aus der dacischen Beute vergoldet. 2) Wie es scheint, wurde 
die Basilica noch im Jahre 112 vollendet.^) 

Vermuthlich standen'' die beiden Bibliothekgebäude für 
griechische und lateinische Werke getrennt unmittelbar hin- 
ter der Basilika, so dass in der Mitte ein freier Platz von 
etwa 17 Meter Breite und 20 Meter Länge übrig blieb:*) in 



1) Cohen, a. a. 0: X(J5 six colonnes de face sotUiennent trois fron- 
tofis swntiantes diacun d'un quadrige dans lequel on voit wn triomph/t- 
teur; Ic quadrige du milicu est condult pnr deiix Vicfoires dtbout , qni 
Ucnncnt une pahne; sur chacune des dcux colonnes de cötc on voit deu^r 
enseignes rndJitaires (vgl. Cavedoni, Bullet, archeol. Napolit. 1855, p. 62^ 
Auf dem Fragment eines Kratizgesimses, das vielleicht zur Fa9ade der 
Basilica gehörte, wurden die Namen zweier Legionen gefunden: LEG 
XX • VALERia VICTrix LEG • XV • APüLlinaris (Canina, Anuali dclPInst. 
1851, p. 135). Wir können hieraus nicht mit Cavedoni a. a. 0. schliesscn, 
dass diese Legionen am dacischen Kriege Theil nahmen. 

2) Gell. XIII, 24: In fastigiis fori Traiani simulacra sunJt siUt cir- 
cumundique inaurata equorum atque signarum militanum. Man darf diesr» 
St-elle ohne Bedenken auf die Basilica beziehen, um so mehr, als auf 
den Münzen neben den Triumphwagen auch signa militaria abgcbildot 
sind. 

3) A"uf den Postamenten, die bei den Ausgrabungen zw^ischen der 
Basilica imd dem Forum gefunden wurden (Platner, a. a. 0.; Henzen, 
n. 5445), finden sich Inschriften aus dem 16. tribunicischen Jährt« 
Trajans. 

4) Auf dem capifcolinischen Plan ist hinter der Basilica rechts ein 
tempelartiges Gebäude mit Porticus angezeigt, aber dieses Stück bietet 
als spätere Ergänzung nicht völlige Sicherheit. Doch scheint Canina 
in seiner Descrizione storica del Foro Romano, Roma 1834 (vgl. den 
beigefügten Plan) das Richtige getreuen zu haben, wenn er die beiden 
Bibliotheken symmetrisch im Anschluss an die Basilika anordnet. Si>urcn 
dieser Gebäude sind geftmden worden (Reber, S. 190). Für die Doppel- 
zahl haben wir bestimmte Zeugnisse (Dio Cass. LXVIII, 16: KaTecKCu- 
ac€ hä Kai ßißXfujv dTroe/iKac. Sidoniua Apoll. Lib. IX, epist. XVI: 
Cum meis poni sttituam perenncin Nerva Traianus tiUdis videret hücr 
audores utriusque fUam Bihliothecae). Die ulpische Bibliothek wird von 
den Scriptares historiae Augustae oft erwähnt, sie war eine wahre 
Fimdjcrube von griechischen und lateinischen Werken, sowie von Acten- 
etücken (Fl. Vopiscus, Aurelian. c. 1. 8. 24; Tacit. 8). Zeitweise war 
sie in den Thermen Diocletians untergebracht (Fl. Vopisc. Prob. c. 2). 



III. Provinzialverwaltung und Bauten. 141 

diesem yerhältnissmässig engen Räume stand die Trajanssäule^ 
auf die wir sogleich zurückkommen werden. 

Der Tempel des Divus Traianus^ welchen Hadrian seinem 
Vorgänger weilite, stand wol in derselben Gegend, da er in 
uüinittelbarer Verbindung mit den Bibliotheken oder auch 
mit der Säule genannt wird. ^) Man hat in der That bei 
der Fuudamentirung einer Auffahrt zum Palazzo Imperiale 
mächtige Grauitschäfte und Architraven von weissem Mar- 
mur entdeckt,^) wonach man nicht zweifeln kann, dass jener 
Tempel in der durch den Triumphbogen am Eingange des 
Forums und durch die Säule bestimmte Mittelrichtung den 
nordwestlichen Abschluss der ganzen Anlage bildete.-') 

Der besterhaltene und merkwürdigste Theil des trajani- 
sehen Forums ist die Säule. Wir haben sie nach ihrer histo- 
rischen Bedeutung in der Darstellung der dacisohen Kriege 
Wreits gewürdigt und betrachten sie nunmelir vom kunstge- 
scliichtiichen Standpunkte und in ihrem Verhältnisse zu den 
übrigen Theilen der Anlage. 

Seiner äussern Gestalt nach repräscntirt dieses Monument 
Hne dorische Säule von riesenhaftem Dimensionen. ^) Sie 



1) Gell. XI, 17: sedevüilma forte nolns in hihliotheca tempU Traiani. 
Ouriosum urbis Romae, ed. Becker, Handb. d. röm. Alterth. I, p. 713, 
^<??ioVIII: — Templum Traiani et Cohimnam cochlidein. 

*2) Winckelmann, Geschichte der Kunst des Alterthnnis, Wien, 1776, 
^. 829. Die Entdeckung datirt vom AuguBt des Jahres 17G5. Caniua, 
Descmione etc. p. 145. 

3) Er ist von Uadnan gebaut worden, wie Becker, S. 380 fl. über- 

WQgend dargethan hat. Bocker bezweifelt aber mit unrecht die Echt 

lieit einer Münze aus dem fünften Consulate Trajans, welclie auf der 

ßöckseito einen Tempel korinthischer Ordnung und Oktastylos von einem 

Temftnos umgeben und die Inschrift S • P • Q • Q • üFflMO PRINCIPI • 

^ C- zeigt (Cohen, II, Trajan, n. 476, vgl. die etwas verschiedenen 

tonnen auf n. 497, 498, 499). Diese Darstellung hat mit dem Tempel 

"<^^Divag Traianus nichts zu thnu, sondern bezieht sich auf einen uns 

nicht )Ä?eiter bekannten Tempel, den Trajan in den Jahren 103 — 110 

•^^erlu, also vor der Vollendung der Hauptthoile des Forums bauen 

liesB. Wir wissen, dass er schon früher seinem Adoptivvater zu Ehren 

Tempel errichtet hatte (Plin. Paneg. 11). 

*) Die Bibliothek der Ecole Imperiale et speciale d<'s Beaux-Artn 



142 Johanne» Dierauer: Geschichte Trajans. 

steht auf einem etwas über 5 Meter hohen Piedestal, das auf 
drei Seiten ganz mit Trophäen in Bas-Relief bedeckt ist. 
und hat, das Capital und die Basis eingerechnet, eine theii- 
retisehe Höhe von 100 römischen Fuss, welche von der 
wirklichen nur um ein sehr geringes Mass übertroften 
wirdJ) Ihr Schaft ist aus 23 Marmorblöcken aufgebaut und" 
im Innern hohl, so dass man auf einer im Material selbst 
ausgesparten Wendeltreppe zur Spitze steigen kann.^) Hier 
stand ursprünglich erhöht auf einem Akroterion die ColossaJ- 
statue Trajans 5 ^) sie wurde in unbekannter Zeit zerstört und 

in Paris besitzt die ßestaurationepläne der Trajanssäiüe von Architect 
Ch. Perder aus dem Jahre 1788 in 9 Blättern. Das erste enthält zwei 
Horizontalschnitte , das zweite Vertical- Ansicht und Schnitt, das dritt« 
bis sechste (in sehr getreuer Ausführung) die Restauration der vier 
Seiten des Piedestals, das siebente und neunte die Ornamente der 
Säulenbasis, das achte das Capital. Leider ist das zugehörige Memoire 
nicht von ihm selbst, sondern erst nach seinem Tode von unkundig^er 
Hand (1838) geschrieben worden. 

1) 100 röra. Fuss sind 29,626m-; die wirkliche Höhe der Säule 
beträgt 29, 9092 "»-, (Fröhner, la Colonne Trajane p. 56 nach Aurt^, 
Etüde des dimensions de la Colonne Trajane au seul point de vue de 
la raetrologie, Nimes 1863). Auch die Säule des Marcus Aurelins zeigt 
gleiche Verhältnisse, daher ihr Name COLVMNA CENTENARIA (Orelli, 
n 39). Es ist daher nicht unwahrscheinlich, obwol sonderbar genug, 
dass der Architect in der Trajanssäiüe eine Art Normalmass .darstellen 
wollte ; doch liegt hierin mehr eine zufällige und keineswegs ihre Haupt- 
bestimmung. Die Höhe des ganzen Monumentes wird verschieden an- 
gegeben. Eutropius, ed. Dietsch, VII 1, 5: cuitis altitudo (JXLIV pedeti 
Jtabet. Curiosum urbis liomae (Becker I, p. 713); Columnam coMidem 
altam pedes CXXVII (wobei vielleicht die Statue nicht mitgerechnet 
ist). Fröhner a. a. 0. bestimmt unter Vergleichung der Ma^se bei Pira- 
nesi (Trofeo o sia magnifica colonna coclide etc.) mid L^veil (Encyclo- 
2)edie de VArchüecture, 6' annee, i)h 66, 67 , 68) die Entfernung vom 
Paviment bis zur Spitze des Akroterions auf 38,2215 "»-, während Morey 
(Restaurationsplan, Fol. VI) 38, 372»«. gefunden hat. 

2) Diese Construction, wol eher als die Reliefs auf der Aussenseite, 
hat zu der Benennung Cohunna cochlis geführt. 

3) Dies erweisen die Münzen aus dem sechsten Consulat, auf der 
Rückseite mit der Inschrift COS • VI ■ P • P • S • P • Q - R und einer Dar- . 
Stellung der Säule (Cohen, II, Trajan, n. 62, ISO, 276 — 79, 396—398). 
Ciaconius behaux^tet (Historia utriusque belli Daciei 1576), dass zu seiner 
Zeit die Füsse der Statue auf dem Akroterion noch gesehen wurden: 
Pedes autem faatigio colmnnae adJuierentes adhuc vistmtur. Fuit autm 



in. ProvinzlalverwaUiing imtl Bauten. ]4l\ 

unter Sixtas Y. im Jahre 1587 durch das Standbild des 
Apostels Petrns ersetzt. Um den Schaft winden sich in 
einem spiriilformig fortlaufenden Bande die bekannten Reliefs 
mit Darstellungen aus den dacischen Kriegen Trajans. Auf 
der vierten^ der Basilika zugewendeten Seite des Piedestals 
befindet sich über dem Eingang eine von zwei Genien ge- 
haltene Inschrift, welche bezeugt, dass die Säule im Jahre 
1 13 durch Senat und Volk von Rom dem Kaiser Trajan ge- 
weiht worden ist, und dass ihr Mass der Höhe des Berges 
entspricht, welcher zur Gewinnung des Raumes für die 
grossen Bauwerke (des Forums) abgetragen werden mussteJ) 
Jedesfalls war die Säule von Anfang an auch als Grabmal 
Trajans bestimmt : seinem Willen gemäss sollte dereinst seine 
Asche in einer Kammer des Basamentes beigesetzt werden.^) 



iidosms hie (fugt er n. 14 hinzu) longus pedes 21 Bomanos: fuiin cainU 
a certice ad metüum duanim pedtim qtiatuorque undarum ewistit. Kö 
^cheiLt, dass letztere Nachricht auf einem Irrtbume beruht. 

1) SENAT VS. POP VLVSQVEROMANVS 
IMPCAESARIDIVI NERVAEF • NE R VAE 
TRAIANOAVOGERMDACICOPONTIF 
MAXIMO . TRIB - PUT • XVll • IMP • VI • COS • VI • P • P • 
AD DECLARANDVM • gVANTAE • ALTITVDINIS 
MONS • ET • LOCVS • TANtis • operlBVS • SIT • EGESTVS. 

Die Lücke in der letzten Zeile ist durch den Wegbruch des Marmors 
entstanden. Das T nach TAN ist sicher, da man die Unke Hillfte des 
ol)eren Querstriches noch leicht erkennt; von dem R in operibus siebt 
man noch einen Theil des obem Rogens. Die Ergänzung Hteht übrigens 
ausser Zweifel, da wir eine Copie des Anonymus von Einsiedehi aus dem 
'i. Jahrhundert haben, der die Inschrift noch unbeschädigt sah (Moutfau- 
con, Diarium Italicum, Paris 1702, p 260, vgl. De Rossi, lu j^rime raccolte 
ü'autiche iscriz. p. 66). Die Thatsache der Abgrabung des Hülienzuges 
zwischen Qnirinalis und Capitoliuus zum Z^vecke der Rauuigewinuung 
ßr das Forum wird durch Dio Cassius LXVIII, 16 beBÜltigt: kqI ?ct*i- 
«V h T^ dTop^ Kai Kiova ih^kictov, ^^a ^^v ^c racpi^v ^auTiü, ä^a bi 
tic iiribeiEiv toO Korä xfjv dYOpdv 2pT0ü. iravröc T^p toö xu^piou dKci- 
vou 6p€ivoö övToc, KaTdcKon|/c tocoötov öcov ö Kiujv dv(cx€i, Kai ti^v 
^opäy Ik toötoü Tr€Öivf|v KarccKCuace. 

2) Dio Cass. a. a. O. und LXIX, 2. Eutrop. VIII, 6: Ossa eins 
fjflooflto t« %tma aurea in foro, quod edificavit, sub columna sita sunt. 
Aurel Victor. Epit: Huius exusti corporis cinercs relati Romam huina- 
Utme Traiani foro sub eins columna et imago SH})er)X}sita, sicuti triiifH' 



144 Johannes Dierauer: Geschichte TraJAns. 

Die . Bas - Reliefs auf der Trajanssniile bezeichnen tlie 
höchste Vollendung der historischen Sculptur der Römer. * • 
Eine gewisse Einförmigkeit in der Compositiou war zufol«r<- 
der Natur des Gegenstandes und der gewissenhaften Anleh- 
nungen an schriftliche Aufzeichnunj^en des Kaisers oder sehwr 
Umgebung kaum zu vermeiden. Im Ganzen aber ist di** 
Schilderung grossartig und erhebt sich bisweilen zu ergrei- 
fender Lebendigkeit; man kann nicht zweifeln, dass die Zeiih- 
nung das Werk eines und desselben Kvmsilers ist. Nithi 
die gleiche Einheit zeigt sich mit Kezug auf die Ausfühiniii^f; 
bei näherem Zusehen erkenjiit man, dass mehrere Hände sich 
in die Arbeit theilt<?n. Der erste Künstler, dessen Hand -i^ir 
von der Basis bis auf den dritteln Theil der Höhe verfol<^<'n 
können, hat es verstanden, seinem Relief bei möglichst i^e 
ringer Abhebung von der Grundfläche die grössfe plastisdie 
Wirkung zu verleihen. Ohne irgendwie in den Felder der 
Ueberladung zu verfallen, behandelt er mit liebevoller Sorg- 
falt das Detail und hält sich so streng an die Naturwahr- 
heit, dass einzelne seiner Figuren den W^erth von Porträts 
haben. Dem zweiten Kfhistler fiel die Ausführung beinalK* 

phantcs sole7it, in urhnn hivccfa, smafu praccnnfe et cvercitn. Da^s die 
Statue erat nach dem Tode Trajaiis auf die Säule «gesetzt wurde, ist 
nicht richtig. Der Verfasser der Ej)itome verwechselt diese Statue mit 
einer anderen, die beim triumj^hus Divi Traiani auf dem Triumph- 
wa<?en herumgeführt wurde (Spart. Hadr. c. ß). 

1) Die auf Hefehl Napoleons III. im Jahre 1863 von dem Etablisse- 
ment in Anteuil ausgeführte und nun im Pavillon Denen des Louvr« 
aufgestellte galvanoplastische Nachbildung der Trajanssaule erleichtert 
das Studium der Reliefs ungemein. Die Art der Aufstellung in 6 gc 
trcnnt<»n Tron90ns gestattet ihre Besichtigung zum Theil in unmittel 
barer Nähe, und auf dem dunkeln, leicht bronzirtcn Kupfertou heben 
sich die Figuren aufs schärfste ab. So ist es möglich, die feinen Unter 
scliiede in der Ausführung zu erkennen, Unterschiede, die durch die 
Zeichnung schwer zu reproduciren sind und die man daher auch auf 
den Tafeln Muziauo's und Bartoli's vergebens suchen wird. Uebrigcns 
ist die Darstellung Bartoli's bis jetzt noch nicht üb» rtroti'en, sie i.^t 
stilgetnmer als die Zeichnungen, die Fröhner seiner Arbeit beigegel^cn 
hat. Der Charakter des Originals wird durch die IVojection der l^'ignrou 
auf eine llorizontallinie in der That nur wenig alterirt, da da'? Helicf 
band an vielen Stellen beinahe wagrecht liluft. 




lil. Provinzialverwaltiinör und Bauten. 145 



•r 



des ganzen übrigen Theiles zu. Er kümmert sich weniger 
am die Einzelheiten; sein Relief tritt etwas siürker vor, wo 
er runde Formen erzielen will. Im Uebrigen aber steht er 
dem erwähnten Mitarbeiter gleich. Seine Darstellung ist ein 
Muster eines edlen, schlichten und zugleich energischen Stils. 
Der dritte Künstler hat nur eine kleine Zahl von Gruppen 
unmittelbar nach der ersten Hand und vielleicht auf deu 
obersten Windungen dargestellt. Er war offenbar ein An- 
fänger, der nicht zu charakterisiren verstand und in seiner 
Uukenntniss der plastischen Mittel zu tief geschnittenen 
Conturen Zuflucht nehmen musste. ') Sieht man von diesen 

1) Pröhner, la Colonne Trajane, p. 54 hat zuerst auf diese Unter- 
schiede in der Ausführung aufmerksam gemacht:. L'execution du mo- 
nument, — le dessin atissi bien que la sctdpture, malgri Vesprit uni- 
UuTe qWoti y reamnait, — doit etre rapportee ä des ariistes differentn 

ti tVnn inegal merite, I/nn neglige outre memire les details; un 

«tt<r€ se donne beaucaup de peitie pmir ne produire que des figures roi- 
(ien, monotones, sans mourement; un troisihne atme le relief plus sail- 
/««/, les ombres plus pro fondes; ses groupes resjnrent Väude serieuse 
'(t la statfMtre grecque et sont des chefs-d'oeuvre d^harmonie et d'entetUe 
»rtifttique. Einer genaueren Scheidung der von jedem einzelnen Künstler 
ausgeführten Arbeit enthält sich Fröhner. Zugleich ist seine Definition 
unklar, denn gerade der Künstler, der weniger auf das Detail eingeht, 
UeU ein weiter ausladendes Profil in den Reliefs. Das Resultat meiner 
Stadien üher diesen Punkt ist folgendes: 

Die erste Hand hat ohne Unterbruch die Darstellungen auf den 

Wen ersten Tron90ns (Bartoli, Tav. 1 — 40) ausgeführt. Die Arbeit 

ist ausserordentlich sauber und zum Theil vortrefflich erhalten, in den 

iJetails überraschend genau. Da wo die Soldaten über die Donau 

ziehen, können wir jedes einzelne Stück ihres Gepäckes, das sie an 

Stöcken über der Schulter trugen, unterscheiden; bei den verschiedenen 

Truppengattungen ist auf die Bekleidung sorgfältig Rücksicht ge- 

uommeu; über die Form der Brustschnallen und Rückenscharniere am 

l^auzer lägst vpis die Darstellimg keinen Zweifel; an der Fussbeklei- 

dong fehlt kaum ein Riemen; in Bezug auf die dacidche National- 

^ht erkennen wir, dass die Beinkleider unten, nicht mit einem 

'einfachen Wulste endigten, wie man nach dem zweiten Kunstler glau- 

l>en könnte, sondern über dem Knöchel zugebunden waren. Auch auf 

*^ie Staffage, z. B. das Zeltwerk, erstreckt sich diese Ausführlichkeit. 

^^e Figur TrajanB ist da, wo das Relief nicht beschädigt ist, auf den 

'Tsteu fiUck erkennbar und gewiss sind die Personen seiner Umgebung 

•'♦enfalls Porträts. Aber diese Details siiul so anziehend und zwanglos 



140 Johannes Dierauer: Geschiebte Tra5JanH. 

wenigen Theilen ab, die in der That nur in der Nähe^ nicht 
aber von einiger Entfernung störend wirken, so muss inan 
wahrhaft staunen über den Reichthum und die Formen- 
Schönheit des mehr als 200 Meter langen Reliefbandes. Man 
wird nicht zu weit gehen, wenn man behauptet, dass in 
diesen Sculpturen die national-römische Kunstrichtung der 
trajanischen Zeit ausgeprägt ist; sie vereinigen Feinheit und 
Würde, imposante Pracht und ruhigen Ernst und sind mit 
jener Freudigkeit entworfen, zu der das Bewusstsein der na- 
tionalen Ueberlegenheit und der unter einer geordneten 
Regierung geschützten individuellen Existenz ermuntern. 
Wie oben bemerkt worden ist, hat die römische Kunst solche 
Vollendung nicht wieder erreicht. Unter Hadrian beobachten 
wir bereits ein Zurücktreten der geistigen Tiefe hinter der 
materiellen Eleganz; noch fühlbarer ist der Unterschied zur 
Zeit des Commodus: die Säule des Marcus Aurelius ist der 
Trajaussäule bis ins Einzelne nachgebildet, aber Gomposition 

behandelt, dass sie nirgends störend wirken. Die Behandlung des Reliefs 
bekundet den wahren Meister im Vollbesitze des plastischen Formen- 
sinnes. 

Die dritte Hand setzte zunächst unmittelbar nach der ersten ein 
(Bartoli, Tav. 41, 42, 43, 44, 47, 48 a). Ihre Arbeit ist von geringem 
Kunstwerthe; die mauretanischen Reiter sind durchaus nach derselben 
Schablone ausgeführt (Tay. 43); man entdeckt sogar grobe Form- 
fehler (s. das zweite Pferd jener Reiterei; bei Bartoli verbeasertX 
Besonders unangenehm fallen aber die tiefen Rinnen um die Contureu 
auf. Auch auf den obersten Windungen scheint diese Hand gearbeitet 
zu haben, aber eine genauere Sichtung hält dert wegen der starken 
Beschädigung der Bildwerke schwer. 

Der zweite Künstler, den man schon zwischen der dritten Hand 
erkennt (so in dem Gefechte auf Tav. 45 und 46) hat von Tav. 48 b an 
(dritter Tron^on, zweiter Umlauf) die Ausführung der übrigen Arbeit 
jedesfalls zum grössten T heile übernommen. Ihn meint vielleicht Fröh- 
ner, wenn er sagt, 'der eine Künstler habe die Details über Gebühr ver- 
nachlässigt.' Dieser Ausdruck ist aber nicht zutreffend; denn er verachtet 
die Details keineswegs, nur stellt er sie nicht mit so unermüdh'cfaem 
Fleisse dar wie sein Vorgänger oder Mitarbeiter. Zu seiner überhaupt 
etwas strengeren Auffassung reimt sich die geringere Auaftlhrlichkei* 
vortrefflich, und man könnte zweifeln, ob dem ersten oder dritten 
Künstler der Preis zuzuerkenueu wäre, wenn nicht das manchmal ct^'as 
herb vorspringende Relief zu Ungunsten des letztem spräche. 



III. Pro vinzial Verwaltung und Bauten. 147 

und Ausführung stehen weit hinter dem Originale zurück. 
Den traurigen Kunstverfall im Anfang des vierten Jahrhun- 
derts hat Constantin selbst an seinem Triumphbogen unwill- 
kürKch constatirt. 

Trotz des ungetheilten Lobes, das die Reliefs verdienen, 
wird man nicht umhin können, die Verwendung einer so 
riesenhaften , einzeln stehenden Säule als architectonischen 
Gegenstandes geschmacklos zu nennen. Es ist die Bestimmung 
der Saale, in den Organismus des Gebäudes einzutreten und 
eine ihren Dimensionen genau entsprechende Last zu tragen. 
Hier ist, abgesehen von der völlig isolirten Aufstellung, die 
Last, nämlich das Akroterion mit der Statue auf ein Minimum 
reducirt und doch nimmt der Durchmesser des Schaftes nach 
unten in regelmässiger Weise zu, als ob sich dieser gegen einen 
mächtigen Druck zu stemmen hätte. Zwar kannten auch 
die Griechen isoUrte Säulen, welche Götterbilder oder Weih- 
geschenke aufzunehmen bestimmt waren, aber diese Denk- 
mäler hatten immer nur bescheidene Grösse und nirgends 
sehen wir, dass der Schaft mit Reliefs bedeckt gewesen 
wäre.^) In der Errichtung grosser Ehrensäulen auf öflFent- 
lichen Plätzen scheinen die Römer keine Vorgänger gehabt 
2u haben; es ist sogar wahrscheinlich, dass das Monument 
auf dem trajanischen Forum das erste Werk dieser Art war.^) 

1) K. 0. Milller, Handbuch der Archäologie der Kuußt, Breslau, 
1*48, S. 3S5, 386. Eine ziemlich bedeutende Höhe (ö'/j— 6™) hatte die 
eherne SchlaDgensäule , welche das goldene Drcifuss -Weihgeschenk in 
Delphi trog (vgl, Dethier und Mordtmann, Epigraphik von Byzantion 
qikI CoDstantinopolis, p. 6 der Separatausgabc). 

2) Qnatrem^re de Quincy, Dictionnaire historique d'Architecture, 
Art. Trojane (Colonne). Auf einige griecliische Vorbilder macht in- 
dessen K. 0. Müller a. a. 0. aufmerksam (Säule mit der Statue des 
Äemilius Paullus in Delphi; das Bild des Polybius auf einer Säule im 
Afiklepieion zu Mantineia). Ueber den Umfang dieser Monumente fehlen 
ans bestimmte Nachrichten. In Bezug auf die sogenannte Pompejns- 
ääule in Alexandrien spricht sich Müller, S. 220, dahin aus, dass der 
Schaft von einer Säule herrühren könne, welche zu Alexanders oder 
der Ptolemäer Zeit an derselben Stelle errichtet worden war. In die- 
wm Falle würde die Trajanssäule hier ein Vorbild finden. Letronne 
Tindicirt das ganze Monument der römischen Zeit (Recherches pour 

10* 



TT 



148 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Wir dürfen nicht annehmen^ dass dem Architecten des 
Forums die erwähnten Inconvenienzen in der Anwendung 
der Säule entgangen seien : in der That suchte er ihre archi- 
tectonische Wirkung auf alle Weise zu schwächen. Man muss 
sich erinnern, dass sie ursprünglich nicht, wie gegenwartig 
nach dem Zerfall der ganzen Umgebung, auf einem weiten 
Platze, sondern auf einem engen Räume stand und auf drei, 
vielleicht sogar auf vier Seiten in einer Entfernung von 
7 — 8 Meter von Gebäuden eingeschlossen war.^) Man 
konnte sie also nirgends in ihrer kolossalen Totalität über- 
blicken und sie trat uur so weit in die verticale Ansieht des 
Forums ein, als ihr oberster Theil, zumal die Statue Trajans 
sich über die ganze Anlage erhob. 2) Geflissentlich suchte 
der Baumeister den bemühenden Eindruck des Missverhält- 
nisses auch durch die Bedeckung der Säule mit Bildwerk zu 
mildern: indem der Beschauer die zahlreichen spiralförmig 
ansteigenden Windungen verfolgt, sieht er von der Form 
und ursprünglichen Bestimmung des Schaftes ab und erkennt 
in ihm einfach den Träger einer historischen Darstellung. 
Ofienbar sind aber die Reliefs darauf angelegt, nicht von 
unten, sondern von der Seite, nämlich den verschiedenen Stock- 
werken der angrenzenden Gebäude gesehen zu werden. So 
erklärt es sich, warum der optischen Verringerung mit der 
Höhenzunahme keine Rechnung getragen ist.^) 



servir a Thistoire de TEgypte, Parii 1823, p. 366 fl., vgl. Inscriptions 
grecques et latines d'Egypte, I, p. 460). Die Inschrift ist Diocletiau 
gewidmet und gehört in das Jahr 302 (Boeckh, Corp. Inscript. Graec. 
n. 4681). 

1) Spuren einer Porticus sind auch auf der hintern Seite des Hofes 
gegen den Tempel zu entdeckt worden (Reber, die Ruinen Roms, S. 179). 
Ein höheres Gebäude scheint jedoch dort nicht gestanden zu haben. 

2) Doch konnten diese Theile vom eigentlichen Forum aus wegen 
der bedeutenden Höhe der Basilica vielleicht nicht gesehen werden. 
Nach F. Morey war die letztere beinahe eben so hoch als die Säule 
sammt der Statue. In ähnlicher Weise (mit 36'". hohem Mitt^lschiti*) 
construirt Lesueur (Basilique Ulpienne, Restauration de 1823, auf dor 
Bibliothek der Ecole Imperiale des Beaux-Arts in Paris). 

3) R(»bor, S. 178 und noch Fröhner, S. 55 l)ohauptcii, dass die 



'1 



111. Provinzialvcrwaltung und Bauten. 149 

Der gleiche Architect, der jene berühmte Brücke über 
die Donau baute, hat auch das trajanische Forum angelegt. ^) 
Ks liegt etwas Grossartiges und zugleich Originelles in seiner 
Schöpfung. Apollodor ist einer der bedeutendsten Baumeister 
des Alterthums. Neuerdings ist die Vermuthung ausgesprochen 
worden, dass er sich bei seiner Anlage durch die ägyptische 
Kunst inspiriren liess und in diesem Forum thebaische Bau- 
werke, vorzüglich das Ramesseion nachzuahmen suchte. 2) 
Man kann nicht leugnen, dass zwischen der Kunst der tra- 
janischen Zeit und derjenigen des grossen Ramses gewisse 
Analogien bestehen; wir finden hier und dort das Streben 
Dach dem Massenhaften und Imponirenden, nach reicher und 
mannigfaltiger Pracht,^) nach Verherrlichung des Namens, 

Figuren nach oben im Verhältnisse ihrer^ Entfernung grösser werden. 
IHeaer Irrthum ist schon oft genng widerlegt worden (vgl. Quatremere 
tle Quincy a. a. 0.) und sollte, seitdem eine Nachbildung im Louvro 
aufgestellt ist, an welcher sich genaue Messungen bequem vornehmen 
läesen, nicht wieder auftauchen. Das Belief band hat von unten bis 
oben die gleiche mittlere Höhe von 1 , 1 — 1 , 2«n- ; da die Spirale nicht 
regelmässig steigt, so sind einzelne Partien an den verschiedensten 
Stellen etwas breiter (bis 1, 4'"), andere wieder auffallend schmal 
(weniger als l™-)* ^^^ erkennt, dass diese Unregelmässigkeiten nur 
zufällig sind. Die stehende Figur Trajaus schwankt in der Höhe zwi- 
fccben 61 und 75 Centimeter, wie aus folgender Zusammenstellung von 
H Vermessongen erhellt: 

1. Tron90n. 65, 67, 62«»»- 4. Tron^on. 71, 64, 67^'n>- 

2. „ 61, 66, 65 „ 5. „ 65, 69, 66 „ 

3. „ 67, 64, 71 „ 6. „ 68, 75, 67 „ 

Auf dem ersten Umlauf fand ich die Figur eines stehenden Solda- 
ttn 70au-, auf dem viertobersten 66 '^'"- hoch. — Die von Semper (Sco- 
primento d'antichi colori sulla colonna di Trajano, Bullet, dell' Inst. 
^833, p. 92, 93) kundgegebene Ansicht, dass die Reliefs, um deutlicher 
gesehen zu werden, bemalt waren, muss nach P. Morey (Sui colori 
«iltre volte veduti nelle sculture della colonna Traiana, Bullet, dell' 
lufel 1836, p. 39 — 41) berichtigt werden. Die gelben, grünen und rothen 
Färbentöne, die man an verschiedenen Stellen beobachtet, sind durch 
'kni Staabniederschlag, durch das an der Bronzestatue herabfliesseudo 
Walser und durch die Oxydation der eisernen Klammern erzeugt. 

1) Dio Cass, LXIX, 4. 

2) Fröhner, la Golonne Traiane, p. 49. 

3) Schnaase, Geschichte der bildenden Künste, II. Bd. (FriedcricLs) 
IS66, S. 383. 



150 .TohanncH Dierauer: Geschichte Tngaiis. 

dessen Träger die WaflFen siegreich über die bisherigen Lau- 
desgrenzen hinaus geführt hatte. Jener gewaltige Grabtem- 
pel zu Medinet Habu *) mit seinem Pylon an der Front, seinen 
beiden Höfen mit Doppelcolonnaden, seinem bedeckten Räume, 
der vielleicht richterlichen Zwecken diente und den Hingang 
zu den innern Gemächern gewährte, seinem Sculpturen- 
und Wandbilderschmuck, wozu das Mausoleum des Königs 
im Hintergrunde tritt, hat in der That einige Aehnlichkeit^ 
mit dem Forum Trajans. Aber diese Analogie ist doch nur 
eine zufällige und allgemeine; sobald man das Einzelne in 
Erwägung zieht, so findet man, dass von einem directeu 
Einfiuss der ägyptischen Kunst auf die römische in jeuer 
Zeit keine Rede sein kann. Nicht ein einziges Glied der 
apollodorischen Architectur geht auf ägyptisches Muster zu- 
rück. Der Triumphbogen als Zugang zum Forum entspricht 
entfernt nicht dem Pylonenbau der ägyptischen Tempel, der 
nach seiner Breite und Höhe stets alle dahinter liegenden 
Bauten übertriflFt. Die Anlage der Area oder des eigentlichen 
Forums, sowie der Basilica gehört durchaus in das Gebiet 
der römisch-griechischen Baukunst: die ägyptische hat die 
Bogenlinie im Grundrisse des Gebäudes vermieden. Die 
Säule allerdings könnte mit ihrem Bilderschmuck an die 
Obelisken^) und nach ihrer Bestimmung als Grabmonumeut 
Trajans an die Pyramiden erinnern. Aber wenn irgendwo, 
so hätte hier die wirkliche Nachahmung der ägyptischen 
Form bestimmten Ausdruck erhalten müssen, denn die Obe- 
lisken waren seit Augustus' Zeit bekannt genug. Die Bei- 
setzung der Asche in einer Kammer des Piedestals bietet nichts 
Auffallendes, da die Römer überhaupt hohe, säulenartige 
Mausoleen liebten. 

1) Eine Beschreibung gibt Diodor, I, 45 sqq. nach Hekatäos; v^/. 
K. 0. Müller, Osymandyas und sein Grabpalast, in Ersch und Gruber's 
Encyklopädie ; Lepsius, Denkmäler aus Aegypten, Abtheilung T, fol. 89. 

2) Pröhner erblickt in der Säule eine Nachbildung dea bei Strabon 
(XVII, 1, § 10) beschriebenen Paniums von Alexandria; die Aehnlichkeit 
beider Bauten beschränkt sich aber lediglich auf die Wendeltreppe im 
Innern. 



in. Provinzialverwaltung und Bauten. 151 

Wir können also sagen, dass sich ApoUodor bei der 
Anlage des trajanischen Forums innert den Grenzen der 
griechisch-römischen Tradition hielt, aber zugleich durch sein 
originales Schaffen die Kunst zu nationaler Selbstständigkeit 
erhob. 

Gern wählten die nachfolgenden Kaiser das Forum Tra- 
jans zu Acten öffentlicher Gerechtigkeit und Huld. Uadriau 
verbrannte dort, um die Volksgunst zu gewinnen, alle Obli- 
gationen der dem Fiscus Verschuldeten;^) Marcus Aurelius 
hielt ebenda eine grosse Auction kaiserlicher Schätze zum 
Besten der Staatskasse, um die Provinzen wegen des Marco- 
mannenkrieges nicht mit neuen Auflagen' beschweren zu 
müssen.^) Alexander Seyerus liess Statuen ausgezeichneter 
Mamier auf diesem Forum aufstellen : ^) man hat im Umkreise 
desselben Piedestale gefunden mit Namen von Trajan bis in 
die letzte Zeit der romischen Herrschaft. *) Es ward zur Ge- 
wohnheit, dass die neuen Consuln am ersten Januar hier die 
Freilassung von Sclaven aussprachen.*) Durch Jahrhunderte 
hindurch behielt das trajanische Forum seinen Glanz, und 
nachdem Zeit und Barbarei die Basilica und die anstossenden 
Gebäude zerstört hatten"), blieb noch die Säule übrig als 
einsamer aber ehrfurchtgebietender Zeuge der einst so herr- 
lichen Anlage. 

Trajan hat die Vollendung seines Forums noch erlebt. 
Aber gegen Ende des gleichen Jahres, in welchem die Säule 
anfgeatellt wurde, verliess er Rom, um noch einmal eine 
kriegerische Unternehmung zu leiten. Es sollte ihm nicht ver- 
gönnt sein, aus dem Orient, gegen welchen er sich wendete, 
wieder zurückzukehren. 

1} Spart. Hadr. c. 7. 

^) lul, Capitolin. M. Ant. Phiioa. c. 17. 21. 

3) Ael. Lamprid. Alex. Severas, c. 26. 

4) Reber, die Ruinen Roms, S. 182 ff. 

5) Francke, S. 622. Becker, Handb. d. röm. A. I, S. 382. 

6) Sie waren im 10. Jahrhundert zerfallen, vgl. Gregoroviua, Ge- 
schichte der Stadt Rom im Mittelalter, 111, S. 572. 



Vierter Abschnitt. 

Die Kriege im Oriente. 

t 

Die Kriege Trajaiis im Oriente bilden den ruhmvollen 
und zugleich tragischen Abschluss seiner Regierung. Die 
Beweggründe, die ihn veranlassten, im hohen Alter noch ein- 
mal das Glück der Waffen zu versuchen, sind in den vor- 
handenen Quellen nirgends klar ausgesprochen. Nach Dio 
Cassius zog er gegen die Armenier und Parther, vorgeblich, 
weil letztere in Usurpirung eines Rechts, das seit Nero von 
den römischen Kaisern in Anspruch genommen wurde, den 
armenischen Thron nach ihrem Sinne besetzt hatten, in Wahr- 
heit aber aus Ruhmsucht.^) Der neueste Geschichtschreiber 
der römischen Kaiserzeit findet, dass die allgemeine Lage der 
Dinge im Osten Trajans persönliches Eingreifen forderte. 
Der enge Zusammenschluss und der Enthusiasmus der Chri- 
sten, nach beiden Richtungen einer centralisirten Verwaltung 
gefahrlich, die hartnäckige und eben damals neu sich orga- 
nisirende Opposition der Juden, die drohende Macht der 
Parther im Hintergrunde, die immer bereit waren, die un- 
zufriedenen Elemente in den römischen Nachbarländern zu 
unterstützen, hätten damals eine Krisis befürchten lassen, die 
nur durch die Anwesenheit des Kaisers abgewehrt werden 
konnte.^) Es scheint aber nicht, dass Trajan durch die 



1) Dio CasB. LXVIII, 17: — Trp6(paciv |ui^v öti |ii?| t6 btdbv)|üia un' 
aÖToO €lXr|<p€i, dXXd itapd toö TTdpeiuv ßaciX^uc, ö tOjv 'Ap^ieviuiv 
ßaciXeöc- xq b' dXn6ei<jt, bö2r]C dmeu|Li((ji. 

2) Merivale, a history of the Romans under the empire, Vol. VII, 
p. 371 fl. 



IV. Die Kriege im Oriente. 153 

wachsende Verbreitung des Christenthums die religiösen und 
administrativen Grundlagen seines Staates ernstlich gefährdet 
sah, und so viel sich- erkennen lässt, überraschte ihn der 
Judenaufstand, der während des parthischen Krieges ausbrach, 
unyorbereitet. Wir können also diese beiden Gesichtspunkte 
nicht in den Vordergrund stellen; Trajan verfolgte in seinen 
parthischen Feldzügen vielmehr die gleichen Zwecke, die ihn 
seiner Zeit zu einem längeren Aufenthalte in Germanien nach 
der Adoption, sowie zum dacischen Kriege geführt hatten. 
Dort wie hier 'war sein Ziel eine definitive Sicherung der 
Grenze: mit dem gefassten Entschlüsse ging er nach dem 
Osten, Armenien, das schon so oft der Gegenstand des Strei- 
tes zwischen Römern und Parthern gewesen war, wenn 
möglich auch die untern Euphrat- und Tigrisländer zu pro- 
viuziaUsiren. Dabei bildete allerdings, wie Dio Cassius be- 
richtet, die Einmischung des Partherkönigs in die armenischen 
Verhältnisse die äussere Veranlassung des Krieges. 

Trajan verliess Italien im October des Jahres 113. ^) 
Frühzeitig muss Chosroes, der im Jahre 112 seinem Bruder 
Pacorus IL auf dem Throne der Arsaciden gefolgt war, 2) 

1) S. folgende Seite, Anmerkung 4. 

3) A. de Longp^rier, M^iüoires sur la Chronologie et Ticonographio 
(les rois parihes Arsacides, Paris 1853, p. 184 beschreibt eine kleine 
Bronzemünze des Pacorus mit dem Datum FKY, 423 = 112 p. Chr. 
Dieses Jahr findet man ebenfalls auf Bronzemünzen des Chosroes, vgl. 
p. 143, 80 dass also im Jahre 112 ein Regierungswechsel Statt gefunden 
^aX. Pacoras regierte nach Longpärier vom Jahre 78 an. Er unter- 
Uelt, wie wir wissen, freundschafbliche Beziehungen mit Decebalus 
(Plin, ad Traian. 74, ed. Keil). Schon unter ihm scheint das Verhältniss 
zwischen Born und Parthien zeitweise ein gespanntes gewesen zu sein. 
Nach einem Fragmente bei Suidas, s. v. diriKXrniia richtete er verschie- 
dene Klagen an Trajan: d bi TTdKopoc, 6 TTapGuaiuiv ßaoXeüc, Kai 
<iXXa Tivo dniKXnMOcra itr^cpepc Tpaiavt]ü Tip ßaciXel. Wenn das folgende 
Citat: kqI t«4> 6oK€lv ^TriKXr||ia iiroictTO Korä 'PwjiaCuiv, Öti 66Hav iwöc 
^ »ijicpi&v \xr\hiT€pa ttapä xd SutK€{)i€va ^ttitcX^v, ol bi oö xaxd t6 
ötCTciO^v iTTiTCixiZouciv wirklich, wie Longperier annimmt, noch in den 
gleichen Zusammenhang gehört, so war es sogar zu einem eigentlichen 
Kriege gekommen. Doch ist diese Erklärung mit Rücksicht auf lulian. 
Caesar, ed. Heusing. p. 23 (s. oben S. 83, Anmerkung 2) keineswegs sicher. 
Jed^falb setzt Plinius in seiner Mittheilung a. a. 0. voraus, dass Trajan 



154 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^^ans. 

von seinen Absichten unterrichtet worden sein, denn par- 
thische Gesandte brachten Geschenke und Friedensautrage 
dem Kaiser schon in Athen entgegen J) Chosroes hatte den 
wie es scheint unter Zustimmung der Römer zur Herrschaft 
von Armenien gelangten König Exedares vertrieben und an 
seine Stelle Parthamasiris, einen Sohn des Pacorus gesetzt, 
für welchen er nun die Bestätigung von Trajan erbitten 
liess.^) Die Gesandtschaft wurde ungnädig aufgenonunen ; 
Trajan erklärte, dass.sich die Freundschaft nicht durch Worte, 
sondern durch die That bewähre, er werde nach Syrien 
kommen und thun, was ihm angemessen scheine.^) Im De- 
cember landete er in Seleucia und zog am 7. Januar 114 in 
Antiochia ein^); er wählte diese Stadt zum Ausgangspunkte 
seiner künftigen Unternehmungen. 



grosees Interesse habe, von einem entwichenen Kriegsgefangenen, der 
mehrere Jahre im Dienste des Pacorus gestanden hatte, Näheres über 
die parthischen Verhältnisse zu erfahren. — Seit dem Jahre 78 war 
übrigens das parthische Reich getheilt zwischen Pacorus (II) und einem 
Vologäsus, dem dritten dieses Namens (in der griechischen Form auf 
Münzen Olagases), der, wie Longperier p. 121 aus der Aehnlichkeit der 
Gesichtszüge schliesst, Pacorus' Bruder war. Er ist auf Münzen nach- 
weisbar in den Jahren 78, 79, 112, 113, 119, 120, zuletzt im Jahre 149 
(Longperier, p. 118, 119, 147). Er regierte also noch zugleich mit 
Chosroes imd hatte seine Residenz vielleicht in Vologesocerta (eine 
Frage, deren genauere Prüfung Longpdrier in Aussicht gestellt hat, 
p. 241, n. 1). 

1) Dio Cass. LXVIII, 17. 

2) id. ibid.: Triv T€ *Ap|Lieviav TTapOa|Liac(piöi TTaKÖpou Kai aöTii» 
ulel fjTci, Kttl ^bclTO TÖ 6idbri|uia aöxCp irejKpöf^vai. töv yäp '&Y\bdpr\v, 
dic ouK ^TTirriftciov oöt€ toIc *Pui|Lia(oic oöt€ toIc TTdpGoic övxa, ircTrau- 
Kdvai l\€T€. Die Sache verhielt sich wol anders als Chosroes sie dar- 
stellt Er hatte einen Thron usurpirt, der nach dem Rechte der Succes- 
sion dem Parthamasiris gehörte und diesen eben deswegen mit der 
armenischen Krone zu entschädigen gesucht. Die Behauptung, Exedares 
sei auch den Römern nicht genehm, ist offenbar ein Vorwand, der aber 
um so weniger verfangen kann, als dieser seine Herrschaft ohne allen 
Zweifel von Rom zu Lehen trug und in derselben zu irgend einer Zeit 
bestätigt worden war. Von Exedares vernehmen wir später nichts mehr. 

3) ibid. 

4) loann. Malalas, ed. Bonn. p. 272 : xal KaTf^XÖcv 6 aÖTÖc ßaciXcuc 
Tpdiavöc dirö Aa<pvf\c Kai eicn^Oev iv 'Avrioxeiqi rrjc CupCac, qpopwv 



IV. Die Kriege im Oriente. 155 

Der Orient war damals sehr stark mit Truppen besetzt. 



^v T^ auToO K€<paX4 CT^<pavov dnö iXaxoKX&biwv, lULr)^^ au6r)vaiiu tCu Kai 
lavouapiifj 4ß6öjLii} i\\iifi(f t. lüpq. /^cpivfl b\ - - Die Benutzung dieses 
Schrifüiellers ffir die Geschichte Tr^ans unterliegt grossen Schwierig- 
keiten. Er hat Fabeln und authentische Nachrichten ohne Wahl auf- 
«jenommen und in seiner Ignoranz die wunderlichsten Combinationen 
^bildet. Um die nöthigen Aufschlüsse zu erhalten, habe ich mich an 
den bewährten Kenner byzantinischer Literatur, Herrn Prof. Alfred 
V. Gatschmid in Kiel gewendet, der mir mit ausserordentlicher Freund- 
lichkeit die Resultate seiner Untersuchungen über diese Partie des loannes 
Malalas in einem Briefe, datirend vom 1. August 1B67, mittheilte und 
ZQ veröfTentlichen gestattete. Indem ich Herrn v. Gutschmid für sein 
gutiges Entgegenkommen an dieser Stelle meinen wärmsten Dank aus- 
»preche, wage ich von seiner Erlaubniss den Gebrauch zu machen, der 
sich mit dem Zweck und Umfang der vorliegenden Arbeit verträgt. 

Es sind in der Geschichte Trajans bei Malalas drei Hauptquellen 
zu scheiden. 

1. Eine Kaisergeschichte, p. 269: Meid bä tV|v -- ßaOclc ^x^v öcpGaX- 

>ioOc. p. 274: ö bi aÖTÖc — p. 275: ^KoXecc AaxCav irapairo- 
Ta^lav. p. 277: 'Eirod^cc bi 6 — (bv dviauTuiv E^'. Ihr 
historischer Gehalt ist gering. 

2. Die kirchengeschichtliche Quelle, p. 269: "Euic bk toO — xal 

noXXol injxuiprieiicav. p. 273: "Ev töi bi — juixpä toIc xpx- 
CTtavotc. p. 276: ö bä aÖTÖc — ÖTi iXoiööpei auTÖv. p. 277: 
*€Tro(T|C€ bi Kai — dXXat irapO^voi troXXaC. p. 276: Cuv^cxc 
bi Töxe — p. 277: tcTavr'ai ^wc dpri. (Die Umstellung der 
beiden letzten Stücke erscheint zur Herstellung eines richtigen 
Zusammenhangs durchaus nöthig.) Diese Kirchengeschichte 
von spätem und unkritischem Charakter ist fast nur eine 
Sammlung von Legenden und Märtyrergeschichten und trägt 
' specifisch syrische locale Färbung. 

3. Die Chronographie des Donminos, ^eine Universalgeschichte mit 

antiochenischem Horizont und einseitiger Berücksichtigung 

der antiochenischen Stadtchronik', p. 269: '€v Cb xpö^iu — 

p. 273: ö xpevoTpdcpoc cuveTpdMiaro. p. 273: Kai ^Hf|Xe€V 

änö — p, 274: xal cufTpaiiidiiievoc Ttdvra dxpißwc. p. 275: 

*6irl bi Tfjc ßaciX€{ac — p. 276: xal 'Avxiöxou ßaciX^wv. p. 277: 

'€ktic€ bi iy — nioj^ toö dXcouc. 

Ke Stücke aus Domninos (der, wie v. Gutschmid vermuthet, im Jahre 

528 sdirieb} sind für uns am wichtigsten, bedürfen aber selbst wieder 

qaeUenmässiger Sichtung. Domninos hat für den Anlass und Ausgang 

<le8 Partherkrieges, p. 270, 273, 274 Axrians Parthika benutzt. 'Die 

Grundlage des Berichtes über Trajans Anwesenheit in Antiochien bilden 

ännalistische Aufzeichnungen ganz authentischer Natur, in welche 

^e historisch unmögliche Volkstradition über die damals vorgefallene 



156 Johannes Dieraucr: Geschichte Trajau^. 

In Syrien und der nächsten Umgebung (Judäa, Phonicien, 



persische Vesper hineingearbeitet ist.* Diese drei ßestandtheilc schei- 
det V. Giitschmid in dem Stücke p. 270 — 274 (mit Ausschluss von 'Gv 
Ti[j bä — jULiKpd Tolc xpiCTiavolc) auf folgende Weise: 

p. 269: iv dl y(ß6y{\i — p. 270: ßactXeuc cOO^wc ^CTpdT€uc€, aus 

ArrianuB. 
p. 270: T(4i iß' It€i — CeXeuKciac Tf|c Cup(ac, aus antiochenischeik 

Annalen. 
p. 271: ol bä TT^pcai — p. 272: Toiv *AvTiox^iüv ttoXituiv, aus 

Localsage. 
p. 272: Kttl Ttöv b^ — l€p6v ToO 'AiröXXwvoc , aus antiochenischeu 

Annalen. 
p. 272: KcXeOcac dirapef^vai dn6 — xai dtävcTo oötuk, aus Local- 
sage. (Die vorhergehenden Worte Kai ^örjXujce toIc 'Avtiox€ö- 
civ dtrö Ad(pvric sind als des Zusammenhangs vregen einge- 
schaltet zu beseitigen.) 
p. 272: Kai KaTf\X6€V ö — i)öp<jt i^|iepivfl b\ aus antiocheniscben 

Annalen. 
p. 272: Toc bi Tttup^ac — p. 273: ö xpovoxpd<poc cuvetpd^ittTo, aus 

Localsage. 
p. 273: Kai ^EfiXecv dtrö — ö auTÖc TpatavöCj wahrscheinlich nicht 
aus Arrianus, sondern noch aus den antiochenischen Annalen. 
p. 273: Kai iv(KiiC€v aÖTOuc — p. 274: cuTTPaH»d|Li€voc irdvTa dKpi- 
ßu)c, aus Arrianus. 
'Auch in den übrigen Partien derselben Quelle liegen antiochenische 
Annalen zu Grunde. — In die authentischen Angaben über Trajans 
Bauten ist eine Localsage eingemischt über das Jungfrauenopfer, dcis 
der Volksglaube dabei gebracht werden liess.» 

Welcher Werth ist nmi den drei Quellen: Arrian, den antiocheni- 
schen Annalen, den Localtraditionen beizumessen? 'Was die Tradition 
über das Jungirauenopfer betrifft, antwortet v. Gutschmid, so ist es 
eine solche, wie sie sich leicht im Munde des Volkes an öffentliche 
Denkmäler haftet und braucht nicht ernstlich discutirt zu werden. 
Nicht so schnell kann man sich mit der über die Vesper abfinden. 
Dass die Perser wirklich unter Trajan Antiochia überrumpelt haben 
sollten, ist eine historische Unmöglichkeit. Die Thatsache, an welche 
die Tradition anknüpfte, war das alljä^hrliche Paukenschlagen während 
30 Nächte, eingeführt zur Vertreibung feindseliger Geister: denn der 
Schall des Erzes reinigt die Luft und verscheucht die Dämonen. Das 
Volk erklärte die Gespenster für die erschlagenen Feinde und verband 
damit eine zeitlose Erinnerung an eine Befreiung Antiochiens aus der 
Hand der Perser. Dass nun dieser Erinnerung etwas wirklich Gesche- 
henes zu Grunde liege, beweisen die Namen, welche sich zum guten 
Theil als echt persisch nachweisen lassen. — Die Neuperser haben 
Autiochien vor den Zeiten Justiniaus zweimal eingenommen: einmal 



rV. Die Kriege im Oriente. 157 

Cappadocieu) standen 7 Legionen, von denen man einige 



anter Yalerianus and Sapores L, ein anderes Mal unter Constantius 
nnd Sapores II. üeber die letztere Katastrophe haben wir ausführliche 
gleichzeitige Berichte Ammians und Anderer, durch die jede Verglei- 
ehnng mit der Erzählung des Malalas ausgeschlossen wird. Anders 
stellt sich die Sache in Bezug auf die sehr dunkle Geschichte ' der 
Eroberung des Jahres 256. Damals sind die Perser allerdings durch 
Veitrag (mit der Partei des Antiocheners Cyriades) in den Besitz der 
Stadt gekommen, damals hat sich der Kaiser Yalerianus allerdings wie 
der Dieb in der Nacht der Hauptstadt des Ostens genähert, und es 
pa£st wenigstens zu der uns bekannten Situation, dass die Wieder- 
gewinnung der Stadt von Scenen wie den von Malalas beschriebenen 
b^leitet gewesen ist. Ich möchte also glauben, dass der Kern dieser 
Tradition, deren localer Charakter auch aus der Erinnerung an das 
Abbrennen der CkcttiviPi Y€iTOv(a beim Rückzuge der Perser hervorgeht, 
historisch ist, dass aber diese Tradition nur ganz allgemein vom römi- 
schen Kalcap sprach und der Name des Traianus erst durch falsche 
Hj7)othe8e des Domninos hineingekommen ist.' 

lieber die antiochenischen Annalen erhalte ich von Herrn v. Gut- 

ächmid folgende Aufschlüsse. 'Sie gehen nach meinem Dafürhalten auf 

gleichzeitige Aufzeichnungen zurück, die vorliegende Iledaction rührt 

aber, wie die Wochentage beweisen, von christlicher Hand her. Es ist 

mehr als wahrscheinlich, dass diese erst nachträglich durch Rechnung 

gefunden worden sind. Immerhin bieten sie uns, wie man hoffen darf, 

eine dankenswerthe Garantie gegen Schreibfehler. Auszugehen hat 

man von dem Datum des Erdbebens, Sonntag, 13. ApeUäos des J. 164 

<l«r Äntiochener = 13. December 116 n. C. Leider fallt während der 

ganzen R^eruug Trajans der 13. December nur in den Jahren 100 

inid 106 auf einen Sonntag. Das Erdbeben erfolgte fierdi ß' Irr] der 

Ankunft Trajans im Orient, diese also gehört in den October 113 oder 

viebaehr (da die Chronographen in solchen Füllen meistens laufende 

Jahre meinen) 114 n. C, in das 16te oder vielmehr 17te Jahr Trajans, 

obgleich Malalas das 12te nennt. Der darauf folgende 7. Audynäos 

^er Januar, an welchem Trajan in Antiochien einzog, war nach ihm 

ein Donnerstag. Mit Bedauern haben wir abermals zu constatiren, dass 

•ler 7. Januar während der Regierung Trajans nur in den Jahren 101 

und 107 auf einen Donnerstag gefallen ist. Die Probe ist also scheinbar 

gänzlich misslungen. Aber nur scheinbar. Der 13. December 115 war 

ein Donnerstag, der 7. Januar 115 ein Sonntag; beides sind die Daten, 

«eiche wir nach dem, was vorliegt, für die richtigen halten müssen. 

Malalas oder vielleicht schon Domninos hat also die Tagescharaktere 

beider Daten, welche in der Quelle näher bei einander gestanden haben 

*<?rden, als dies im Texte des Malalas der Fall ist, einfach mit einan- 

^•r vertauscht.» Das historisch unhaltbare 12. Regierungsjahr Trajans 

^^s, wie schon A. de Longi>mor , Memoire» etc. p. 140, n. 1 vorge- 



158 Johannes Dierauer: GcRchicbte Trajans. 

verwenden konnte, ohne deswegen die Grenzgebiete eiüer 

Bchlageu hat, in das 17te verbessert werden, v. Gutechmid erklärt das 
Zahlenverderbniss aus dem altern griechischen Zahlsystem, in welchem 
der Uebergang von Afll in All ein sehr leichter ist. 'Wir haben also 
nicht nöthig, wegen des vom Benutzer hinsichtlich der Tagdaten be- 
gangenen Versehens und wegen dieses alten Schreibfehlers die sonstige 
Glaubhaftigkeit der von Malalas benutzten antiochenischen Annalen in 
Zweifel zu ziehen. In ihren anderweitigen Angaben bewähren sie sich : 
dass Hadrian zu jener Zeit in Syrien war, wissen wir aus Cass. Die 
LXVIII, 33.' 

(Auf Herrn von Gutschmid*s Untersuchungen über die dritte Quelle, 
Arrianus, komme ich in einem spätem Zusammenhange zurück). 

Die Localsageu bei Malalas sind also für die Geschichte Tr^aus 
ganz ausser Acht zu lassen^ während die antiochenischen Annalen un- 
verkennbaren Werth haben. Gegen die überraschende Lösung der 
Schwierigkeiten, die mit Rücksicht auf den Kalender in den beiden 
Hauptdaten über den Einzug Trajans und über das Erdbeben liegen, 
erhebt sich nun aber ein Bedenken, das die Frage aufs neue ver- 
wickelt. Trajan ist nämhch nicht, wie Herr von Gutschmid annimmt^ 
erst zu Anfang des Jahres 115 in Antiochia eingezogen: das MiUtär- 
diplom vom 1. September 114, also aus dem 18ten Tribunate (bei Hen- 
zen, n. 6867 a) beweist durch die Imperatorenzahl VII unwiderleglich, 
dass der armenische Krieg schon vor dem Herbste 114, nach aller 
Wahrscheinlichkeit im Frühling dieses Jahres begann. Trajan wird 
also zu Anfang 114 in den Orient gekommen sein und Born gegen 
Ende 113 verlassen haben. Die antiodienischen Annalen bestätigen 
nach meiner Ansicht diese von einer römischen Urkunde abgeleitete 
Chronologie in jedem Pimkte. Gehen wir wieder von dem Datum des 
Erdbebens aus, so erfahren wir, dass Trajan 2 Jahre vorher in den 
Orient kam (diri Tf|v dvaToXir]v); hier sind gewiss zwei volle Jahre ge- 
meint, denn im December landete er in Seleucia (p. 270) und in den 
gleichen Monat gehört das Erdbeben. Die Landung erfolgte demnach 
im December 113, der Einzug in Antiochia im Januar 114, während die 

Abreise von ItaUen im October 113 (iTrecTpdreuce iutivI ÖKTuißpiiu 

Tip Kul OTr€p߀p€Taiqj dirö Vdjyir\c) Statt gefunden hatte. Sehr will- 
kommen ist für diese Ansetzung die Gonjectur, dass Tip iß' ?t€i ty^q 
ßaciXeiac qOtoO in tiI) üT ^t€i k. t. X. zu verbessern sei, denn das 17te 
Regierungsjahr, in welchem Trajan, "wie die Annalen berichten, Rom 
verliess, entspricht in der That dem Jahre 113. Die Antiochener 
haben sich in ihrer Rechnung vdrklich an die Jahre der tribunici- 
schen Gewalt gehalten, auf ihren Münzen aus dem Jahre 114 ist 
richtig das ISte und nicht etwa das 17te Tribunat verzei,^hnet (Eckhel, 
Doctr. numor. vet. III, p. 239. Mionnet, T. V, p. 176, n. 235. 23G. 
237, vgl. Borghesi, Annali dell' Inst. 1846, p. 328). Wir finden also, 
dass die urkundlichen und annalistischen Nachrichten sich gegenseitig 



IV. Die Kriege im Oriente. 1 59 

gefährlichen Entblössimg preisgeben zu müssen. ^) Wir haben 
inschriftliche Kunde , dass die Leg. VI. Ferrata^) und die 
L^. XVI. Mavia Firma') an den parthischen Kriegen Tra- 
jans Theil nahmen. Aus dem Oceident wurden ausser einigen 
prätorischen und stadtischen Cohorten^) die Leg. XXX. ül- 
pia Victarix herbeigeführt.*) Ohne Zweifel waren aber diese 
Legionen nicht die einzigen^ die in den verschiedenen Feld- 
zögen der folgenden Jahre zur Verwendung kamen. Im Ge- 
neralstab des Kaisers war Hadrian, und zwar in der gleichen 
Stellung, die L. Licinius Sura während der dacischen Kriege 
eingenommen hatte.*») Der Mauretanier Lusius Quietus, von 

in der bestiinintesten Weise ergänzen. Von den bei Malalas genannten 
Wochentagen müssen wir schlechterdings absehen, oder mit Beibehal- 
long der sehr anziehenden Hypothese einer ümtauschung der Tages- 
daten annehmen, der christliche Bearbeiter habe seine Berechnung 
irrtiiümlich auf den 7. Januar 115 statt 114 zurückgeführt. 

1) S. oben S. 76 die Uebersicht über die Vertheüung der Legionen 
vor dem dacichen Kriege. 

2) Henzen, n. 5456: T • PONTIVS • T • F • PAL • SABINVS || PRAEF • 
COHi.PANN.ETDALMAT IIEQ-CRTRIBMILLEGVIFER- 
ßAT I DONIS . DONATVS - EXPEDITIONE PAR || THICA A DIVO TRA- 
lANO. 

3) Mommsen, L R. N. n. 1947 = Henzen, n. 6^749: NMARCIO 
^ • FIL . GAL II PLAETORIO • CELERI || QVAEST • II VIR • ^'LEG • VII 
GEMm . >LEG . XVI . FL . FIRM || DONIS • DONATO • A • DIVO || TRA- 
lAN . HELLO . PARTHIC. 

4) Orelii, n. 832 = Monmisen, n. 3542. Ein C. Nummius Constans 
feriiielt, sei es als Soldat der Coh. IIl praet. oder der Coh. X urb. mili- 
tariache Decorationen in Folge seiner Auszeichnung im parthischen 
Kriege. Vgl. femer OreUi, n. 3488. 

5) Nach L^on Renier, Archives des missions Bcieutifiques et litt^raires, 
Paria 1851, t. II, p. 183 war die Colonie Ulpia Thamugas in Numidien 
cf. Gruter, p. 1090, n. 16) Ton Veteranen der 30. Legion nach den par- 
thischen Siegen gebildet worden. Deswegen war auch die Victoria 
Paitiiica in Thamugas der Gegenstand eines besonderen Cults, von 
velchem sich ein sehr schönes, nach den teatamentarischen Bestim- 
o^ongen eines Genturio jener Legion errichtetes Monument erhalten hat 
(Äenier, Inscript. rom. de PAlg^rie, n. 1480 und 1481). — Die autio- 
(heoiachen Annalen bei Malalas, p. 270 berichten, dass Trajan mit 
«i&em bedeutenden Heere in den Orient gekommen sei: öp]ur)cac |li€TG( 
&vv<i^€ujc iroXXf^c CTpaxoO xai cuykXiitikiüv. 

6) loann Malalas a. a. : ^v olc ff v kqi *A6piav6c ö Y<^Mßpö<= uOtoO 
k\ ö5cXq>^. Aus Spart. Hadr. c. 4 erfahren wir, dass er die Stellung 



160 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Trajan zu prätorischem Rang erhoben, konnte nunmehr ein 
Legionscommando übernehmen. ') 

Im Frühling 114 wandte sieh Trajan von Äntiochia aus 
gegen Armenien. Wie es scheint, ging der Marsch durch 
Commagene, dann quer über den Taurus nach Cappadocien 
und Kleinarmenien. ^) Die gegen den Pontus hin wohnenden 
unabhängigen Fürsten behandelte er freundlich : wir erfahren 
nicht, dass sein Vordringen irgendwo besondem Widerstand her- 
vorgerufen hätte. ^) Parthamasiris, der schon während Trajans 

eines Generaladjutanten der Verwendung Plotina's zu verdanken hatte: 
cuius studio etiam legatus e.rpedüionis Partkicae tempore destinaius est. 

1) Dio Ca88. LXVIII, 32. 

2) Das bei Dio Cassius (LXVIII, 18) erwähnte Satala entspricht dem 
heutigen Sadagh (Petermann's geogr. Mitth. , Ergänzungsheft Nr. 20, 
S. 63, Anm. 2). 

3) id. c. 18. Was hier von liz^X hk ^v^ßaXcv — töv 'Ap^cviuiv ^ti- 
|Lxujp/)caTo erzahlt ist, wird in dem Fragmente von c. 19 bis 20 aus- 
führlicher zum Theil wiederholt. 

c. 18. Tpaiavöc hi^ djiaxcl irdvxa c. 19. ö 'oOv Tpaiavöc — — hi 
X€ipoö|i€voc, kc CdxaXac i^X0€, Kai ^c M^XP^ Cafiocdrwv Trpoxujpf)cac , Kai 
'EX^T^iav, Tf^c 'Ap|i€v(ac x^wpla. Kai djixaxel aörd irapaXaßutiv, ^c xd Cd- 
t6v *Hviöxwv ßaciXea ^TijuiTice, TTap- xaXa fjXGc, Kai 'ATX^aXov xöv *Hviö- 
öaiidcipiv h^ xöv 'ApMcviujv ^xi)nuj- x^v x€ Kai MaxeXövujv ßaciX^a ödi- 
pncaxo. poic f||ui€ii|/axo ' dv hk 'CXcrcC? t?jc 

'Ap|i€v(ac xöv TTapOa^dcipiv rrpoc- 
eb^Saxo. Der Schluss von c. 19 imU 
das ganze folgende Capitel beziehen 
sich ausschlieslich auf Parthamasiris. 
AnchiaUis als König der Machclonen und Heniocher wird auch im 
Periplus Ponti Euxini des Arrianus erwähnt (ed. MüUer, Paris 184C, 
p. 258, c. 11, cf. p. 256, c. 7). Er war ohne Zweifel unter der Zahl der 
Fürsten, die Trajan bei seiner Ankunft Geschenke brachten (nach Dio 
Cass. c. 18.) Zu diesen gehörte auch Ardasches, ein den Römern tribu- 
tärcr arsacidischer Fürst am Araxes, der seine Residenz in Armavira 
oder in Erovandaschat hatte. Von ihm wird in der armenischen üeber- 
lieferung erzählt, dass er schon mit Domitian wegen Verweigerung des 
Tributes in Streit gekommen war und dass ihn nun Trajan wegen 
späterer Eiufillle in römisches Gebiet zu strafen gedachte; er wnsste 
Trajan zu versöhnen. Ich entnehme diese Thatsachen der armenischen 
(ieschichte des Moses von Khoren, der um die Mitte des öten Jahrhun- 
derts schrieb. In der französichen üebersetzung von P. E. Le Vaillant 
de Florival (MoTse de Khorene, Histoire d'Armenie, Venise 1841, 8**) 
hcissi OB Vol. I, p. 279 fl.: Vera ce temps-lä, Trojan deverm empereur 



IV. Die Kriege im Orient«. IGl 

Aufenthalt in Antiochia erfolglose Unterhandlungen ange- 
knüpft hatte^), wurde von seinem Oheim Chosroes im Stiche ge- 
lassen and war gezwungen^ sich Trajan auf Gnade und Ungnade 

<ie« Romains, ayant pacifie tout Voccident, vient fondre sur hs Egyp- 
Uens et les habitants de la Palest ine, soumet ces peuphs, marche en 
Orient eowtre les Perses, (Der Autor irrt sich in der chronologischen 
Folge der Begebenheiten.) Cependant, Ardaelih se häte d'accourir au 
tUrant de Trajan avec de riches jyresents (cf Dio Cass. c. 18 dirnvTUJv 
airrip ol tQöc carpdtrai xal ßactX€lc M€Td ötbpwv), et assumant sur lui 
toyie la responsabHiti de la faule commise, il se presente ä Veinpereur 
romain avec Ums les iribiUs des annies prMdentes. Ardachts ohtient 
«öfi pardon de Trajan, et retoume en Ärminie; puis Veinpereur romain 
passe en Perse , fait tout ce qu'ü veut, et retourne jx^r la Syrie. — Wir 
haben keinen Grund, die Glaubwürdigkeit dieser Ueberlieferung zu be- 
zweifeln, aber nach meinem Dafürhalten darf man den König Ardasches 
nicht, wie Saint-Martin, M^moires sur TArrndnie, I, p. 412 und neuer- 
dings y. Langiois, Numismatique de TArm^nie daus Tantiquite (Paris 
1S59, 4"), p. 45 gethan haben, mit dem von den Tarthern vertriebenen 
Exedares (nach Arrianns: Axidares, y. Suidas, s. y. d^qpiAoxov und yvu)- 
cic) identificiren. In der ausführlichen Geschichte des Ardasches, der 
42 Jahre, von 78—1-20 regierte (vgl. Saint-Martin a. a. 0.), finden wir 
nicht einen eiuadgen Zug, der an Exedares' Schicksal erinnern könnte. 
Er w&r der Sohn des Sauadrug, der im östlichen Mesopotamien und 
unteren Armenien herrschte (Mos. Khor. II, c. 36, Le Yallaint, I, 
p. 237 fl.) und der Grossneffe von Schwesterseite des armenisch-osrhoe- 
nischen Königs Abgar Uchama (id. ibid., cf. Bayer, Historia Osrhoena 
et Edessena ex numis iUustrata, Petrop. 1743, p. 51 sqq.). Sein Vor^ 
ganger Erovand oder Erovant (im Georgischen Jarwand, vgl. Brosset, 
Htftoire de la G^orgie, traduite du Georgien, I^ro patrie, St. Pdtersbourg 
1849, p. 65), Sohn einer arsacidischon Prinzessin, hatte Sanadrugs Söhne 
bu auf einen (Ardasches) umbringen lassen und nach der Besitznahme 
des Reiches seine Herrschaft bis jenseit des Araxes ausgedehnt, wie 
denn die Gründung der Residenz Erovandaschat auf ihn zurückgeführt 
wird (Mos. Khor. p. 239 ff.). Endlich erhielt Ardasches mit Hülfe der 
Pener den Thron. Er war den Römern tributpflichtig (Mos. Khor. 
p. 277), im üebrig^n aber selbständig: in einem Vertrage, den er mit 
den iberischen Fürsten Azorc und Armazel abschloss, Hess er sich das 
Versprechen geben, ^dass sie in ihrer Stadt Münzen mit dem Bude des 
Königs Artaschau schlagen wollten» (Brosset, p. 71). — Einem anderen 
Zweige der Arsaciden gehörte der von Nero über Armenien gesetzte 
König Tiridates an, von ihm, wenn nicht von Pacorus, stammte vielleicht 
Kxedares. Es ist nach dem Gesagten mehr als wahrscheinlich, dass 
lieh sein und Parthamasiris' Reich nicht über ganz Armenien erstreckte, 
sondern nur über die westlichen Provinzen am oberen Euphrat und Tigris. 
1) Dio Cass. LXVIII, 19. 

IWr&arh. z. Rom. Kftisorgesch. I. II 



162 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

ZU ergeben. Es erfolgte in Elegia eine Scene, über deren 
Verlauf wir ausführliche Nachrichten haben. Parthamasiris 
erschien mit seinem Gefolge im Lager- Trajans, legte sein 
Diadem zum Zeichen unbedingter Unterwerfung ihm zu 
Füssen und erwartete schweigend dessen Rückgabe. Als die 
Soldaten beim Anblick dieses ungewohnten Schauspiels der 
Demüthigung eines Arsaciden in lauten Jubel ausbrachen 
und Trajan als Imperator begrüssten, glaubte sich der arme- 
nische König in Lebensgefahr und wandte sich zur Flucht. 
Er wurde zurückgedrängt und erhielt Privataudienz im kaiser- 
lichen Zelte. Da Trajan auf seine hier ausgesprochenen Be- 
gehren nicht eingehen wollte, entsprang er zornig ins Lager; 
noch einmal musste er zurückgeführt werden und nun trog 
er nach dem Willen Trajans sein Anliegen öffentlich vor: 
^ Weder als Besiegter, noch als Kriegsgefangener, sondern 
freiwillig sei er hier erschienen, in der vertrauensvollen Er- 
wartung, dass er in seinem Rechte nicht beeinträchtigt werde 
und seine Herrschaft wieder erhalte, wie einst Tiridates von 
Nero.' Parthamasiris täuschte sich aber, wenn er glaubte, 
Trajan habe sich nur deswegen zum Kriege entschlossen, um 
sein überkommenes Recht der Verfügung über die armenische 
Krone geltend zu machen. Er erhielt zur Antwort, seine 
Herrschaft habe aufgehört, indem Armenien als römische 
Provinz organisirt werde. Hierauf wurde er entlassen und 
mit den ihn begleitenden Parthern aus dem Lager escortirt.^) 
Als er aber bei seinem Abzüge durch irgend eine gewalt- 



1) Dio Gase. LXVIII, 19. 20: Kai töv m^v TTapOaiLidcipiv jucxä tüöv TTdp- 
Guiv cuvövTUJv ol dTT^ireiunijev, dT-uJTouc ccpiciv tirir^ac, öiruic imriTC Ttvi cuy- 
T^vuiVTai, \ir\re t\ v€0XMwciuci, &oOc. Mit dieser Nachricht bricht die Ge- 
schichte des Parthamasiris bei Dio Cassius ab. Jene Salutation zum Impe- 
rator ist zum ersten Male auf dem Militärdiplom vom 1. September 114 
als die siebeute verzeichnet; da man von ihr an diesem Tage in Rom 
schon Keuntniss hatte, so gehört das Ereiguiss etwa mitten in den 
Sommer. Man hat das Erscheinen des armenischen (oder seiner Abstam- 
mung nach parthischen) 'Königs vor Trajan auf Münzen dargestellt; 
die Legende auf der Rückseite heisst lakonisch REX PARTHVS (Cohen, 
M^dailles imperiales, II, Trajan n. 209. 376). Auf dem Avers finden wir 
bereits den 'ntel Optimus. 



IV. Die Krit^ge im Oriente. 1G3 

thätige Handlang einen Tumult erregte, war Trajan hart 
genug, ihn hinrichten zu lassen. ^) 

Es entspricht nur dem Principe seines Eroberungsplanes, 
wenn Trajan nach Unterwerfung Armeniens und Provinziali- 
sirang des Landes sich der Ergebenheit der benachbarten 
Dynasten zwischen dem caspischen Meere und dem Pontus 
bis zum cimmerischen Bosporus versicherte, ja selbst in dor- 
tige Verhältnisse eingriff. ^) 

Schon vor dem 1. September 114 war der armenische 



1) Dio Cassius, bez. sein Epitomator lässt uns über Partbamasim' 
Ausgang im Unklaren. Er sagt nur (LXY III, 18) : TTapOajLAdcipiv bk töv 
'Ap^cv(ulv ^TijiuipricaTo. Etwas Bestimmteres erfahren wir durch Eutro- 
pioa, VIU, 3: Artnefiiam, quam occupaverant Parthi, recepit Farthama- 
fire occiso, qui eam tenebat Am ausfuhrlichsten ist eine Stelle bei M. 
Cornelius Fronto, principia historiae, ed. Niebuhr, Herol. 1816, p..247 fl.: 
TTaiano caedes Parthafnasiri regis supplicis haud satts excusata. Nam 
rtjii vitro nie vim coeptans tumultu orto, merito itUerfectus e«f, meliore 
tarnen Bamanorum fama impune supplex abisset, quam iure supplicium 
hiüiset, Namque tdlium facinorum causa facti latet, factum spectatur: 
longegue praestat secundo gentium rumore iniuriam neglegere, quam 
adrer» vindicare. Demnach steht es ausser Zweifel, dass er hinge- 
richtet worden ist und zwar, wie ich denke, unmittelbar nach den bei 
Dio Cassius erwähnten Vorgängen; während derselben kann es nicht 
geschehen sein, denn sonst müssten wir annehmen, Dio Cassius, ode» 
Beine muthmassliche Quelle Arnanus habe die einen humanen Sinn ver- 
letzende Geschichte absichtlich zu Gunsten Trajans zu entstellen gesucht. 
Irgendwelche Vertuschung mag immerhin Statt gefunden haben; es ist 
atrf&llend, dass sich der Epitomator eines so vagen Ausdruckes be- 
dient 

2) Eutrop. VIII, 3: Albanis regem dedü. Iberorum regem et Sau- 
Tfmaiarum et Bosporanorum — — et Colclioi'um in fidem accepit. 
Arriani peripl. Ponti Eux. c 11 (ed, Müller, p. 258): AaZoiv bk *A^^iXai 
^Xovrar ßaciXeOc bi aOrwv 'louXiavöc oötoc ^k toO iraxpöc toö coO 
TT)v ßaciXciav ^x^^- ^^ Iberien regierten damals Fharsmau II (vielleicht 
der bei Spart. Hadr. c. 13 erwähnte Farasmanes, ed. Peter, p. 14, 21) 
undMirdät I. (Brosset, Histoire de la Gdorgie, I, p. 71). Es ist schon 
erwähnt, dass die iberischen Fürsten mit dem benachbarten osrhoenisch- 
annenischen Dynasten verbündet waren. Die Münzen mit der Legende 
ßEGNA ADSIGNATA und der Darstellung dreier Fürsten, die vor 
Trajan erscheinen, gehören gewiss in diesen Zusammenhang. Cohen (II, 
Trajan, n. 206, 207, 372) weist sie dem Jahre 116 zu; aber auf den zuerst 
geprägten, n. 206 und 372 fehlt noch der Name Parthicus. 

11* 



164 Johannes Dierauer : Geschichte Tn\j ans. 

Feldzug beendigt. ^) Armenien wurde in den nächsten drei 
oder vier Jahren von einem kaiserlichen Legaten verwaltet.^) 
Wahrscheinlich noch im Spätherbste wandte sichTrajau 
gegen die mesopotamischen Fürsten, zunächst gegen Abgarus 
Mannus von Osrhoene, der in seiner abhängigen und pein- 
lichen Stellung zwischen dem Parther- und Bomerreiche noch 
nicht gewagt hatte , dem Kaiser ohne Rückhalt zu huldigen 
und die nach seiner arsacidischen Abkunft erklärlichen poli- 
tischen Beziehungen zu den parthischen Konigen aufzugeben.^) 

1) Vgl. das schon mehrfach erwähnte Militärdiplom bei Henzeu. 
n. 6857 a. Aus dem ISten Tribunat ebenfalls in Verbindmig mit IMP 
YII • datirt auch der Trajansbogen in Benevent, der vom Senat und 
römischen Volke 'fortisaimo prindpi' errichtet wurde. Die Aufstellung 
dieses Monumentes, das seiner äusseren Form nach eine Nachbildung 
des Tituabogens in Rom ist, mag mit den armenischen Siegen Tr^ans 
in einer gewissen Beziohimg stehen. Doch scheinen diejenigen Reliefs, 
welche nicht die Friedenshandlungen Trajans darstellen (z. B. seine 
Alimentationen), Begebenheiten aus dem dacischen Kriege zu illu- 
striren. Rossini, gli archi trionfali degli antichi Romani, p. 6; Tav. 
XXXVllI-XLin. 

2) Hadrian gab den Armeniern wieder einen König (Spart Uadr. 
c. 21: Armeniis regem luibere permimt, cum sitb Traiatw legatum ha- 
buiasent). Doch scheint er erst nach seiner Ankunft in Rom auf die 
Provinzialverwaltung Armeniens verachtet zu haben, indem es c. 9 

iieisst: int er haec tarnen et multas prorincias a Traiano adquisitaii 
reliquit. Das Land war daher etwa 4 Jahre römische Provinz. Es ist 
begreiflich, dass sehr wenige Spuren der Administration aus dieser Zeit 
geblieben sind (vgl. Borghesi, Annali dell' Inst. 1846, p. 328 ff.). Grie- 
chische Mflnzeu Trajans mit der Inschrift APM6NIA auf dem Revers 
und der Darstellung armenischer Trophäen erinnern an die Unterwer- 
fung des Landes. V. Langlois, Numismatique de TArm^nie dans Tanti- 
quite, p. 45 fl. 

3) Dio Cass. LXVIII, 18. 21. Er hatte nach Antiochia bei der An- 
kunft Tr%jaii3 nur 'Geschenke und freund schafUiche Worte' gesandt. 
iK€lvöv T€ yäp 6|Lioiwc, heisst es c. 18, toüc TTdpOouc <poßo6|uievoc iwt\ix- 
(poT^ptZIc , Kai b\ä toOt * oök /|6^\r)c^v ol cufi^lHai. Später , als Tr^an 
sich, seiner Residenz Edessa näherte, bot er ihm Pferde und Kriege- 
material an (Suidas, s. v. "€b€cca). Der Name lautet bei Dio Cassius 
AÖTOpoc, in den Excerpt. Peiresc. ad Dion. c. 21 offenbar mit Vertau- 
schung der Laute y and ß: "ATßapoc, so auch bei Suidas, s. v. i>(pr]fi]- 
covToi. Die syrische Form ist Abgar (V. Langloi^, p. 68), und diese 
wurde mit der Endung us von den Römern aufgenommen (vgl. Capitolin. 
Ant. Pius, c. 9). Die Fürstenfarailie, zu der dieser Abgarus geborte, 



IV. Die Kriege im Oriente. IGf) 

£r beliess ihn in seiner Herrschaft und uöthigte ihn nur zur 
Anerkennung romischer Oberhoheit. Es steht ausser Zweifel, 
(kss er zu dieser Milde, die seinem strengen Verfahren gegen 
Parthamasiris auffallend widerspricht, durch die Fürbitten 
eines schonen osrhoenischen Prinzen bewogen wurde.') 

Die Versuche anderer mesopotamisch-arabischer Fürsten, 
dem Vordringen Trajans durch Vereinigung ihrer Macht zu 
wehren, waren umsonst.^) Mebarsapes, der, so viel sich 



war in der Herrschaft über Osrhoene einer semitischen gefolgt und 

leitete ihre Herkunft von einem Brader Tigranea I. von Armenien, also 

einem Arsaciden ab (Saint -Martin, Mdmoiree sur rArm^nie, I, p. 411). 

Es möchte scheinen, dass der Name Abgarus allmälig zum Appellativ 

der osrhoeiiischen Fürsten wurde. V. Langlois, p. 67 bemerkt über 

diesen Punkt: N'est-ü pas permis de supposer que ce nom d'Ahgar, 

que nom toywis parte presque constammetit par les Arsacides de la 

deuxieme branche, et qui etait assez fre'quent chez les premiers monar- 

ques de VOsrhoene, devint le nofn generique des successeurs de VAbgar 

armenien (Abgar üchamu, Zeitgenosse Christi), puisque dans les auteurs 

oecidetUaux et sur les medailles, ce nom, presque ä Vexclusion de taut 

ff Hire, est donne ä tous les rois d'Edesse? Nach der Chronik des Dionys 

Ton Thelmar (bei Bayer, Historia Osrhoena et Edessena, p. 149) war 

der eigentliche Name des damals regierenden Abgarus: Maanu bar 

Ajazeth (August 99 — April tl6), ihm folgte Maanu bar Maanu (116 

—139). Die griechische Form dafür ist Mdvvoc odfer Mdvoc, cf. Bo'eckh, 

G. I. Gr. n. 4670; V. Longlois, p. 60. 

1) Dieser Prinz wird bei Dio Cassius (LXVIII, 21) Arbandos ge- 
nannt Es haben sich Anecdoten in Menge über das Verhältniss Tra- 
jans zu demselben gebildet. Wahrscheinlich hat Arrian in seiner Ge- 
schichte des parthischen Krieges viel davon zu erzählen gewusst. Vgl. 
Soidas, s. vv. ^XXößia. dKpa. Exerpt. Peiresc. ad Dion. LXVIII, 21, bei 
Beimar. 

2) Dio Cass. LXVIII, 21, 22. Ausser einigen dunkeln Nachrichten 
änd uns über diese Dinge fast nur Namen überliefert: Manisares, den 
Beimar ad Dion. c. 22 für einen Arsaciden hält; Sporakes, Phjlarch 
TOD Anthemusia, gegen welchen Trajan, wie es scheint, auf Abgarus' 
Veranlassung zog (v. Suidas, s. v. 0<piiTn<^ovTai) ; Mannos, Phylarch eines 
arabischen Stammes: tf\c 'Apaßiac Tf\c irXri^^ioxiiipou. Bayer, p. 149 
glaubte annehmen zu müssen, Dio Cassius habe irrthümlich diesem 
Fanten den eigentlichen Namen des damaligen Abgarus von Osrhoene 
beigelegt. Zu dieser Annahme liegt kein hinreichender Grund vor, 
am BO weniger, als das Wort Maanu syrischen Ursprungs ist (vgl. 
V. Langlois p. 60). Von diesem Mannos wird ausdrücklich erwähnt, 
(lass er mit Mebarsapes von Adiabene verbündet war (Dio Cass. a. a. 0.). 



166 Johannes Dieraner: Goschichtt* TrajanR. 

erkennen lässt, über den östlichen Theil des Laudes, um 
Nisibis, und in Adiabene jenseit des Tigris gebot*), zeigte 
sich zudem treulos, indem er die Gesandten Trajaus ergrei- 
fen und in einer Festung gefangen halten liess.^) üeber 
das Einzelne sind wir nicht unterrichtet. Jene Pürstenthümer 
wurden aufgehoben, die Städte Nisibis und Singara, in denen 
die jüdische Bevölkerung sehr zahlreich vertreten war^), ein- 
genommen und Mesopotamien in eine Provinz verwandelt.^) 

Trotz seiner 61 Jahre war Trajan noch immer der gleiche 
rüstige, gegen sich harte Kriegsmann, wie zwanzig Jahre 
früher. Zu Fuss zog er mit seinem Heere über die sandigen 
Ebenen und durch die Flüsse Mesopotamiens, hielt immer 
strenge Marschordnung, so dass seine Truppen jeden Augen- 
blick kampfbereit waren. •^) 

Nach der Eroberung Mesopotamiens, die einen grossen 
Theil des Jahres 115 in Anspruch nahm, erhielt Trajan den 
Ehrennamen Parthicus. ^) üeber den Tigris hinaus ge- 

1) Der Name Adiabene umfasste damals ausser der oberassjrischon 
Landschaft am Lyons auch das ostmesopotamische Gebiet diesseit des 
Tigris mit den Städteu Nisibis und Singara. So heisst es bei Dio Cass. 
c. 22 : ^c tV|v *Aftiaßnvf|v irpöc ^kcCvouc (d. h. gegen Mannos und Mebar- 
sapes) ^S€xotip»iC€. xäl oötu) rd re C(TTapoi, Kai ÄXXa Tivd dfiiaxcl öid 
ToO Aouciou KOTCCX^On. 

2) Dio Cass. c. 22 s. f. 

3) Wie überhaupt in Mesopotamien. Euseb. Hist. eccieaiast. IV, 
c. 2, vgl. Salvador, Geschichte der Römerherrschaffc in Jndäa (L. Eicb- 
ler) I, p. 379 ff. 

4) Dio Cass. c. 23. Von der Provinzialisirung gibt uns eine Mönze 
Nachricht; sie zeigt auf der Vorderseite die Büste Trajans mit der 
Umschrift: IMP . CAES • NER • TßATANO OPTDIO AVG • GER • DAG • 
PARTHICO P. M . TR . P. COS VI ■ P • P-, auf der Rückseite die Legende 
ARMENU ET MESOPOTAMIA IN POTESTATEM P • R • REDACTAE • 
S • C • Trajan setzt den Fuss auf die Armenia; zu beiden Seiten Per- 
sonificationen des Euphrat und Tigris. Cohen, II, Trajan, n. 318. 
Cavedoni, Bullet. Napolit. 1855, p. 63, n. 41. 

5) Dio Cass. a. a. 0. Suidas s. v. irpocKÖTruiv. 

6) Dio Cass. LXVIII, 23: xal Oivojuidcen |li^v, iTTCibVi Kai ti?iv 
Nicißiv tUe xal xdc Bdxvac, TTapeiKÖc. Tnschrifllich finden vir 
den Namen Parthicus zuerst in Verbindung mit dem ^Osten Tri- 
bunat und dem 12ten Imperium (Mommsen, I. R. N. n. 2488. Orelli, 
n. 1246. Borghesi, Bullet dell* Inst. 1859, p. 120). Er fehlt noch 



IV. Die Kriege im Oriente. lf)7 

langte er in diesem Feldzuge nicht. Seine augenblicklich 
zur Verfugung stehende Macht war vielleicht für einen An- 
griff gegen die Parther zu schwach. Sicher ist; dass er sich 
im Winter 115/116 nach Antiochia zurückzog. 

Am 13. December 115, während seines Aufenthaltes in 
dieser Stadt ^ ereignete sich das furchtbare Erdbeben, von 
welchem uns Dio Cassius einen ausführlichen Bericht hinter- 
lassen hat. M Antiochia war mit Fremden überfüllt: aus 



auf Inschriften aus dem 19tcn Tribunat: Orelli, n. 732 (auf dem 
Bogen TOn Ancona); Borghesi a. a. 0. nach Fabretti, Inscript. dorn, 
p. 398, n. 289; Letronne, Recueil des inscriptions grecques et romaines 
de l'Egypte, I, p. 120; Boeckh, C. I. Gr. n. 4948. Letztere Inschrift 
tiatirt ans dem 19. Jahre Trajans, vom SOsten des Monats Pachon oder 
ToiQ 24. Mai; da sie einen durchaus amtlichen Charakter trägt, so kön- 
nen hier nur Jahre der tribunicischen Gewalt geraeint sein. Sie gehört 
daher nicht, wie Letronne und Franz und nach ihnen Borghesi, p. 121 
angenommen haben, in das Jahr 116, sondern in das vorhergehende. 
Diese Fixirung ist wichtig, denn sonst müssten wir Dio Cassius, der 
uns berichtet, dass Trajan noch vor seiner Rückkehr nach Antiochia, 
also vor dem Schlüsse des Jahre« 1 15 sich den Namen Parthicus ver- 
diente, der Ungenauigkeit beschuldigen. Dies ist aber um so weniger 
gestattet, als auch nach der oben erwähnten Münze (bei Cohen, n. 318) 
die Ertheünng des Titels Parthicus sich unmittelbar an die Eroberung 
Armeniens knüpfte. Berücksichtigen wir, dass Trajan am 13. Decem- 
ber 115 wieder in Antiochia war, so können wir also sagen: Mesopo- 
tamien mu68 vor dem Schlüsse des Jahres 115 unterworfen worden sein; 
der Senatsbeschluss , nach welchem Trajan der Titel Parthicus ertheilt 
warde, gehört, da dessen Ausführung im Jahre 115 nicht nachweisbar 
ist, in den Anfang des folgenden. — Zwischen dem 1. September 
und 31. December 114 war Trajan, wie es scheint auf seinem meso- 
potamischen Feldzuge, zweimal zum Imperator ausgerufen worden: 
Imp. VIII, Imp. Villi (vgl. Cohen, II, Trajan, n. 356, 357. Borghesi, 
Annali dell* Inst. 1846, p. 332); zwischen dem 1. Januar und 13. De- 
cember 115 dreimal: Imp. X, XI, XII. Die lOte und Ute Salutation 
meiden sich schnell gefolgt sein, da die erste auf keinem Monumente 
verzeichnet ist; die dritte bezeichnet nach Borghesi, Bullet, deir Inst. 
18o9, p. 121 die Annahme des Titels Parthicus, ^non essendavi dato ü 
co^nome di wti populo vinto senza che fosse accompagfmto per parte 
dn sddati da nuova acclamazione imperatoria.'' 

l; Dio Cass. LXVIII, 24. 25. Die genaue Festsetzung dieses Ereig- 
nißsea ist für die Chronologie der parthischen Kriege entscheidend. 
Ftancke, S. 261 ff., Clinton, Fasti Romani, Borghesi, Annali dell' Inst. 
18 i6, p. 33 ij und neuerdings Noel des Vergers, Memoire sur la chrono- 



1G8 Johanues Dierauer: Geschichte Trojane. 

allen Weltgegenden waren Handelsleute, Gesandtschaften und 
neugierige Touristen gekommen, denn der Kaiser hatte ver- 
schwenderisch für einen angenehmen Aufenthalt gesor^. So 
ist die Zahl der Umgekommenen gewiss sehr gross gewesen 
und wol durfte jener Autpr mit einiger Uebertreibung sageu^ 
dass das Unglück den Erdkreis traf, so weit er den Hörnern 
gehorchte.^) Trajan selbst kam in Lebensgefahr und man 



logie du r^gne de Trajan (comptes rendus de TAcad. des Inscript. et 
Belles-Lettres 1866) p. 85 verlegen es in das Frühjahr 115, hauptsachlich 
veranlasst durch Dio Cassius^ Nachricht, dass ein Consnl des Jahres 115, 
M. YergiUanuB Pedo bei dieser Katastrophe das Leben verlor. In der 
That war Pedo Gonsul ordin^ius des erwähnten Jahres: vom 13. und 
25. Januar datiren Inschriften, die ihn nennen (Orelli 1596 = 2518, 
Grater, p. 74, 1). Aber aus diesem Zusammentreffen schliesst man 
gewiss mit Unrecht, dass das Erdbeben in den Anfang des Jahres 
gehören müsse; es kann höchstens gesagt werden, dass es in diesem 
Jahre überhaupt, also im Consulatsjahre Pedo's, Statt gefunden habe. — 
Die bisherige Verwirrung in der Chronologie hat aber noch einen 
andern Grund. Francke und Clinton halten dafür, es sei unmög'lich, 
dass Trajan von Nisibis aus wieder liach Antiochia zurückgekehrt sei 
und kehren dabei die Darstellung des Dio Cassius voUständig um. Der 
Epitomator hat aber nur vergessen, die Rückkehr ausdrücklich anzu- 
deuten. Diese versteht sich wol von selbst, wenn er uns von Mesopo- 
tamien (c. 23) sogleich nach Antiochia versetzt und uns erzählt: ^Wäh- 
rend seines Aufenthaltes daselbst ereignete sich ein ungewöhnlich hef- 
tiges Erdbeben.' Dass dieser Aufenthalt wirklich ein Winteranfent- 
halt war, erfahren wir hier ebenfalls, denn nach der Beschreibung 
des Erdbebens heisst es c. 26: 'Trajan zog gegen den Frühling in 
das Gebiet der Feinde.' Dieses Verhältniss in dem Berichte des Dio 
Cassius ist von Yolkmar, Handbuch der Einleitung in die Apokry- 
phen, I. Theil, L Abtheilung, Judith, p. 53 scharf bezeichnet worden. — 
Wenn es nun feststeht, dass Trajan nach der Eroberung Mesopo- 
tamiens nach Antiochia zurückkehrte, um hier zu überwintern, weuu 
femer diese Eroberung unmöglich schon im Jahre 1 14 erfolgt sein kann, 
sondern vielmehr noch einen grossen Theil des Jahres 115 in Anspruch 
nahm, so können wir über die Zeit des Ereignisses nicht mehr zweifeln. 
Wir dürfen mit Zuversicht den anüochenischen Annalen bei Joannes 
Malalas, p. 275 folgen, die uns das Datum des 13. Decembers 115 geben. 
Dass die durch die Angabe eines unrichtigen Wochentages entstandene 
Collision uns nicht beirren' darf, ist schon hervorgehoben. 

1) Kttl oÜTUic dv ifji 'AvTioxticjt iräca f\ oIkoum^vt) Vj önö tote Tw- 
jLiaioic oCca ^c(pdXii (c. 24). Die Kachrichten über den umfang der 
Verheenmgen lauten verschieden. Eusebius (Chronic, ed. Alfred Schoene, 



IV. Die Kriege im Oriente. lfi{) 

glaabte spater gern, dass er auf übernatürliche Weise gerettet 
worden sei.') Noch einmal fand er Gelegenheit, seine ange- 
bonie Baalast zu befriedigen. Die Antiochener haben dankbar 
in ihren Annalen verzeichnet, wie er sich bemühte, die Fol- 
gen des Erdbebens durch Errichtung zahlreicher Gebäude, 
die dem öffentlichen Wohle und dem Vergnügen dienten, ver- 
gessen zu machen.^) 

Es ist wahrscheinlich, dass Trajau während seiner An- 
wesenheit in Antiochia den Bischof Ignatius, der ihn per- 
sonlich beleidigt hatte, hinrichten liess.^) 

p. 164) sagt einfach: *AvTt6x€ia KaT€iTTUi6Ti irapövTOC Tpa'iavoO. Hiero- 
nymos, p. 165: Terr<i€ motus in Äntiodiia paene totam subruit civi- 
totem. Am genaaesten ist wol die armenische Fassung, p. 164: Terrae 
malus ÄfUiochiae fuit, et patUlo tniniM III urbis (parte) subruit. Es 
ist auffallend, dass der antiochenische Annalist hierüber schweigt. Er 
begnügt sich mit der Aufzählung der Bauten, die Tr^an nach der 
Katastrophe vornehmen liess und berichtet daneben von einem Tempel, 
der TOn Greretteten dem Zeus Soter in Daphne geweiht wurde, mit der 
Itttcbiift: Ol cuiO^vTcc dv^cxTicav All cuiTf^pt. Etwas Aehnliches lesen 
wir bei Eustathios, ad Dionys. Perieg. edit. Oxon. 1697, p. 314 (v. Kei- 
mar, ad Dion. Cass. LXVIII, 25): xaiVriiv c€lc^öc ^xdKuiccv ^irl Tpia(vr)c, 
üicT€ Toöc *AvTiöxouc (scr. *AvTiox^cic) ^TfpdMiai (t«|> Tf\c Adq>VTic vcui) 
ol 2:r|cavT€C dv&Tiicav iy (sc. dv€CTi?|COfi€v) 0€Ö» Cuirfipi. 

1) Dio Cass. c. 25: TpaTav6c bt bi^q>UT€ fi^v b\ä eupiboc Ik toO 
oUfipaToc iy dp fjv, irpoccXeövtoc aöxtji m€{Zov6c tivoc fj kot* dvepui- 
irov, Kai iHcrroTÖvTOC aöröv, iöct€ \i\Kpä ärra irAi^Y^vTa ircpiTCv^cöai.. 
Zonaras hatte diese Fabel doch nicht der Aufnahme würdig gefunden. 

2) Joannes Malalas, p. 275. 276. Er baute ein Stadtthor, die soge- 
nannte Porta media, über welchem er Sculpturen anbringen liess, die 
die Wölfin mit Bomulus und Bemus darstellten: ^die Nachwelt sollte 
▼inen, dass dies ein Römerwerk sei'; — ferner zwei Portiken, ein 
Tbeater (wenigstens der Ausbau wird auf ihn zurückgeführt), ein Bad, 
eine Wasserleitung , ^iri6ncac, sagt der Annalist, xal Tt|) ÖTiiiociqj xal 
Tip druiTil» clc t6 (6iov övomo. Eben aus dieser Bemerkung können 
wir entnehmen, wie unverdächtig die antiochenischen Annalen sind. 
Trajan war notorisch ^tel auf seinen Namen und suchte ihn wo immer 
ihnnlich anzubringen, bisweilen vielleicht mit Ignorirung der Rechte 
eines Vorgängers. Ammianus Marcellinus, XVIII, 3 sagt von Lampa- 
.fim: Per omnia enim civitatis membra, quae diversorum principum 

ttonwrtttU impensae, nornen proprium vnscribebai, non ut veterum in- 
staurator, sed conditor. Quo vitio laborasse Traianus dicitur 
princeps, unde eum herbam parietinam iocando cognominarunt. 
3) Das Martyrium des Ignatius fällt den Acten zufolge auf den 



170 Johannes Dierauer: Geschichte Tnyans. 

Im Frühling 116 zog Trajan durch Mesopotamien gegen 

20. December. Ruinart, Acta primorum martyrum, Paris 1689, p. 707: 
"€yiv€.TO ht TttöTo Tfj lipo öeKttTpiuöv KttXavöuiv 'lavvouapiuiv, tout^ctiv 
AcKEMßpiip €lKd6i, ÖTraxeuövTuiv uapä *Puijxaioic COpa xal Ccvckiou t6 
bcOTCpov. Vgl. Coteler. Patr. Apost. (ed. Clericus), Amstelod. 1724. II, 
p. 161, c. 7, und die ausführlichere Fassung auf p. 169, c 24. Dressel. 
Patr. Apostolic. opera, Lips. 1857, p. 214, 364. 576. üeber das Jahr 
sind die verschiedensten Nachrichten im Umlauf. Das Consulat des 
L. Licinius Sura (III) und Q. Sosius Senecio (II) gehört in das Jahr 
107 (Mo'mmsen, im Hermes, III, S. 138). Die Acten bringen damit 
das 9te Regieningsjahr Trajans (Ruinart, p. 696) in Verbindung; 
aber das Jahr 107 war das zehnte laufende Jahr seiner Selbstherrschaft, 
und das Ute seiner tribunicischen Gewalt. Das zehnte findet sieh 
in der That bei Hieronymus, de vir. illustrib. c. 16 erwähnt: ^naöc 
bcKdriü €t€1 TpaiavoO, vgl. Cureton, Corpus Ignatianum (London 1849i. 
p. 166. Dagegen heisst es in einem von üsser veröffentlichten Maou- 
script der Oxforder Bibüothek (bei Coteler. II, p. 171): *€v Irei ^vvdTUJ 
Tfic ßaciXciac TpaiavoO Kaicapoc, ^v iy-nariq, 'Attikoö Kai CoupßavoO, 
Kai MapK^XXou, 'iTvdxioc ^iricKoiroc rfjc ^v *AvTiox€(qi &TiöC toO 0€oi) 

^KKXiiciac dTTÖ Cupiac dirl ti^v 'Püdjxiiv irapeu^fjupOTi , imd in dem 

von Dressel, p. 368 sqq. cf. Proleg. p. XXIV edirten Martyrologium 
aus Cod. Vat. 866: 'Cv ^t€i irdjmrTqi Tfjc ßaciXeiac TpaiavoO Kaicapoc 
Kai Ö€UT^pui ^T€i ^vuirariac 'ATTrjKou Kai Coupßivou Kai MapK^XXou 
'iTvdrioc ^tiicKOTToc Tfjc *Avtiox€ujv toO OeoO dKKXrjciac — — dirö Cu- 
piac iitX ri\y 'Pu))uia(u)v iröXiv 'aap£'n^}xq>Qr\. Es ist sonderbar, dass bei 
der sonst sehr ähnlichen Fassung dieser beiden Manuscripte die ßegie- 
rungszahlen so bedeutend differiren; denn die darin erwähnten Con- 
suln lassen sich als Sex. Attius Suburanus und M. Asinius Marcellus er- 
kennen, welche im Jahre 104 die Fasces (ersterer zum zweiten Male) 
führten. (Die vollständigen Namen dieser Consalu sind auf einer 
griechischen Inschrift in Ephesus gefunden worden, die Waddington 
demnächst veröffentlichen wird. Herr Prof. Renier in Paris hatte die 
Güte, mir die Namen mitzutheilen ; vgl. übrigens Mommsen a. a. 0.)- 
In einer lateinischen Fassung endlich ist das vierte Jahr Trajans 
genannt (bei Ruinart, p. 11). Fast möchte es also scheinen, dass 
die Autoren der ignatianischen Martyrologien , in der Absicht, die 
Glaubwürdigkeit ihrer Nachrichten zu erhöhen, nach Willkür sowol 
ein Regierungsjahr Trajans, als auch ein Consulat auswählten, mit 
welchem sie den Tod des Iguatius in Verbindung brachten. Siebt 
man von den consularischen und Jahresdaten ab, so findet man, dass 
die Acten, mit Ausnahme der von Dressel publicirten, die Verurthei- 
luug des Bischofs durch Trajan nach seiner Ankunft in Antiochia, also 
zur Zeit der parthischen Kriege erfolgen lassen. Ruinart, p. B96: 
^Kouciujc fJycTo iTp6c Tpaiavöv, öidYOvra n^v kut' iKctvov töv Kaipöv 
Karo Ti\v 'Avridxeiav, ciroubd^^ovra bi itzl *Apfi€v(av kuI TTdpeouc 
Coteler. II, p. 164: Oirf^pEe bi rdre Tpaiavq) rfji *Avtiox^wv diribTinclv, 



IV. Die Kriege im Oriente. 171 

Adiabene.') Die Fahrzeuge für einen Tigrisübergang wurden 
in den Waldungen der Umgegend von Nisibis gezimmert und 
auf Wagen an den Fluss geführt. Die Landung am jensei- 

oia hi\ ^^XXovn Kaxd TTcpcuiv iTTicTpaT€0€iv. In eiuem syrischen Frag- 
ment bei Careton, Corp. Ignat. p. 252, XIX beisst es: In the year 419 
{.= 108 n. Chr.), Trojan made Armenia n pravince, and in the mme 
year Iffnatius, vho had been the dinciple of John the Kvangelist, suffered 
Jfartyrdom in Äntioch. Offenbar bleibt diese Nachricht die einzige, 
an die man sich mit einiger Sicherheit halten kann. Zwar hat Tille- 
mont, Histoire des empereurs, Paris 1691, II , p. 563 zu beweisen ge- 
sacht, daas Trojan den Feldzug gegen Armenien schon im Jahre 107 
cröffiiete, und Bossi, Inscriptiones Christiauae urbis Romac (Rom. 1861) 
p. 7 ist sehr geneigt, dieser Ansicht, trotz allen unabweisbaren Grün- 
den, die Eckhel, D. N. VI, p. 450 sqq. eingewendet hat, beizutreten. 
Der parthische Krieg wurde aber, so viel ist nach unserer Darstellung 
sicher, nicht yor dem Frühjahr 114 begonnen, und da Trajan erst am 
7. Januar in Antiochia einzog, so wird Ignatius wol während seines 
zweiten Aufenthaltes daselbst gestorben sein, also, die Richtigkeit des 
Tagesdatums vorausgesetzt, am 20. December 115. Das nahe Zusammen- 
treffen dieses Datums mit denjenigen des grossen Erdbebens ist auf- 
fallend und hat Volkmar, Einleitung in d. Apokr. Judith , S. 51 zu der 
Vermnthung geführt, dass Ignatius eben in Folge des Erdbebens von 
dem Kaiser selbst preisgegeben worden sei. Die Märtyrerreise nach 
Rom, deren nnhüitorischer Charakter sich auch sonst erkennen lässt 
fin den Acten selbst wird die I^ achahm ung der Reise des Apostels 
Paulus angedeutet, vgl. Ruinart, p. 13), wäre demnach auch eine chro- 
nologische Unmöglichkeit. — Ich kann nun nicht umhiiv, einer kirchen- 
geschichtlichen Nachricht bei Joannes Malalas, die Herr von Gutschmid 
fin dem erwähnten Briefe) für falsch hält, vollen Glauben beizumessen. Es 
heisst nämlich p. 276 : 6 bi aOröc ßaciXcOc Tpaiavöc ^v tj} oötQ it6X€i bir\- 
T€v ÖT€ r| 6eo^r|v(a t^iweio. ^imapTupiicc bi lirl aÖToö tötc ö ötioc *lTvd- 
Tioc 6 McKOiToc Tf^c ir6X€U)c 'AvTioxcCac. i^TavdKTiicc ydp kot' qötoö, öti 
4Xoiböp€i aöTÖv. Diese Nachricht ist ihrer Selbständigkeit wegen doch 
sehr beachtenswerth, so legendenhaft auch die andern Ueberlieferungen 
jener kirchengeschichtlichen Quelle sind. Sie besagt, wie jenes syrische 
Fragment bei Cureton a. a. 0., und ganz im Widerspruche mit den 
geläufigen aber höchst unwahrscheinlichen Erzählungen von einer Reise 
nach Rom, dass Ignatius in Antiochien hingerichtet wurde, während 
Trajans Anwesenheit, zur Zeit des Erdbebens, und zwar deswegen, 
weil er durch Schmähungen den Kaiser persönlich beleidigt hatte. 

1) Dio Caas. LXVIII, 26: Tpoiavöc bk ic Tf|v tOöv iroXeimiuiv öirö 
Tö ^ap öirfixÖTi. Wenn« die Erklärung Volkmars zu Judith, L, v. 16 
'>gl. Handb. S. 167) richtig ist, so blieb Trajan etwa 4 Monate in An- 
tiochia. Sonderbarer Weise gibt der Verfasser des Buches Judith keine 
Andeutungen über das Erdbeben, 



172 Johannes Dierauer: Geschichte Trojans. 

• 

tigen Ufer war mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Doch 
vermochten die Feinde der Uebermacht auf die Dauer nicht 
zu widerstehen: Adiabene wurde unterworfen.^) 

Hierauf eilte er^ so muss man wenigstens annehmen, 
nach Mesopotamien zurück und ohne Widerstand zu finden 
nach Babylon^) 9 um von dort aus in das Parthergebiet ein- 
zufallen. Er fasste den Gedanken , den Euphrat mit dem 
Tigris durch einen Kanal zu verbinden, der die Hinüber- 
führung seiner Schiffe erleichtert hätte. Indessen blieb das 
Project auf sich beruhen, da er in Erfahrung brachte, dass 
wegen der höhern Lage des Euphrats in jener Gegend ein 
zu starker Abfluss zu befürchten wäre. Er liess also die 
Fahrzeuge zu Laude an den Tigris schleppen, überschritt den 
JBluss auf einer Schiffbrücke zum zweiten Male und nahm 
noch im Sommer 116 die parthische Residenz Etesiphon ein. 
In dieser Stadt wurde er von seinem Heere zum ISten und 
letzten Male als Imperator begrüsst.'^) Eine Tochter des 



1) Dio Cass. a. a. 0.: Kai rr\v t€ *A6iaßfi>n?|v äiracav irapecTiPicavTo. 

2) id. ibid.: Kai ^€Td raOra Kai ju^XP^ '^^^ BaßuXüivoc aÜTf)c ^xu^- 
pTlcav KaxÄ iToXXi^v rOtiv kujXuövtwv aOroOc ^pi^lav. Aue dem folgen- 
den Capitel ersieht man recht deutlich, wie unverstikndig der Epito- 
mator bei seü^r Arbeit verfuhr. Ihm erschien über den Aufenthalt 
Trajans in Babylon nur die Thateache der Erwähnung würdig, dass 
der Kaiser die dortigen Asphaltgruben besuchte. 

3) Dio Cass. LXVIII, 28: irapaXaßuiv re aÖT/|v, aOroKpdxwp ^irw- 
vojadcOr), kcI Tf|v ^iriKXTiciv toö TTapeiKoO ^ßeßaitlicaro. Die Impera- 
torenzahl XIII ist wirklich die höchste, die Trajan erreicht hat, denn 
sie findet sich auf einer unmittelbar nach seinem Tode ausgeführten 
Inschrift (Orelli, n. 795, cf. Eckhel, D. N. VI, 457; die Inschrift auf 
dem Forum von Thamugas [bei Renier, Inscript. romaines de TAlgerie, 
n. 1482], auf welcher die XVIII. Salutation in Verbindung mit dem 
XXIII. (!) Tribunat erscheint, ist unrichtig redigirt.) Aber schon am 
8. September 116 war Trajan Imp. XIII, wie uns das in Wiesbadeo 
aufgefundene Militäfdiplom zeigt (Rössel, ein Militärdiplom Kaiser 
Trajans aus dem BömerkasteU in Wiesbaden, 1858, vgl. Brambach, 
Corp. Inscript. Bhenan. n. 1512; Henzen, Bullet, dell* Inst. 1859, p. 117 ff.). 
Es steht daher ausser Zweifel, dass Trajan eboH in Etesiphon zum 13ten 
Male zum Imperator ausgerufen wurde; es war dies auch sein letzter 
eclatanter Sieg (vgl. Borghesi bei Henzen a. a. O.). Wenn aber die 
Einnahme Ktesiphous in Rom am 8. September schon bekannt war, so 



rV. Die Kriege im Oriente. 173 

Königs Ghosroes wurde gefangen genommen und der aus 
Gold geschmiedete Thron der Arsaciden erbeutet.') Assyrien 
ward für kurze Zeit romische Provinz. 2) 

Erstaunlich sind diese raschen Erfolge Trajans. Aber 
man m«« sagen, dass sie nicht mit der gleichen GründUch- 
keit behauptet wurden^ die er 10 Jahre früher auf die dacische 
Eroberung verwendet hatte. Mit eiliger Niederwerfung eines 
durch innere Parteiungen der Parther gelähmten Widerstan- 
des') waren dauernde Eroberungen und gesicherte Friedens- 
zustände an der Ostgrenze des Reiches keineswegs gewonnen. 
In der Siegestrunkenheit vergass er sein eigentliches Ziel. 
Und nun vollends liess es ihm in den kaum erst unterwor- 
fenen Gebieten keine Ruhe. Auf einer glänzend ausgerüste- 
te Flotte fuhr er auf dem Tigris zum persischen Meerbusen 
Unab.^) Der König Attambilus von Messene liess sich gern 



muss sie wenigstens einen Monat früher erfolgt sein, also etwa mitten 
im Sommer. Da Trajan im FriU^jahr von Antiochia aufgebrochen war, 
io müssen seine Bewegaugen ausserordentlich rasqh gewesen sein. 

1) Spart. Hadr! c. 13: toparchas et reges ad amicitiam invitavit, 
imUtto Hiam Osdroe rege Parthorum remissaque Uli ßia, quam Tra- 
mm ceperat, ac promissa sella, quae itidem capta fuerat. Hadrian 
Meli das Versprechen mit Bezug auf die Bückgabe des Thrones nicht. 
Chosroes wandte sich später an Antoninas Pias, aber ohne £rfolg 
Capitolin. Ant. Hos, c. 9). Der Thron scheint in den Händen der 
Römer geblieben zu sein. 

2) Eutrop. VIII, 3: tres provincias fecit, Ärnieniam, Assyriam, 
^mpotamiam. Die Eroberung Parthieus ist auf einer Münze auge- 
deutet: DfP • CAES • NER • TRAIAN • OPTIM • AVO ■ GER • DAC • PAR- 
THICO (Büste Trajans) || PARTHIA CAPTA P • M • TR • P • COS • VI • P • 
P S- P • Q • R- (Parthische Trophäen). Wir wissen nicht, wie weit 
Trajan vom parthisch- assyrischen Lande wirklich Besitz nahm. Nach 
SuBa kam er offenbar nicht, denn gleich nach der Eroberung Ktesiphons 
fuhr er zum persischen Meere hinunter. 

3) Dio CasB. LXVIII, 26 s. f. 

4) id. c. 28: ^Xibv hi Ti\y KTi^CKpuivra, ^trceOfii^Ccv ^c Tf|v ipvBpäv 
^occav KaTairXcOcai. Ein Bruchstück aas den Parthica des Arrian, 
^ Soidas 8. ▼. vaOc gibt ans die Beschreibung der Flotte. Man be- 
obachtet eine echt orientalische Ostentation, and noch einmal müssen 
^ die Eitelkeit Trojans in Bezug auf seine Namen constatiren. Es 



174 Johannes Dieraiier: Geschichte Tr^ans. 

herbei, die Oberlehnsherrlichkeit der Parther über seiu Reich 
zu ignoriren und statt dessen den Römern tributär zu wer- 
den^): in einer Stadt Charax-Spasinu fand Trajan während 
einer Sturmfluth freundliche Aufnahme.^) Es ist bezeichnend 
für seine damalige imgemessene Eroberungslust, dass er beim 
Anblick des Meeres sich mit Neid an die weiten Züge Alexan- 
ders des Grossen erinnerte und ausrief: 'Auch nach Indien 
wollte ich, wenn ich noch jünger wäre!'^) 

Aber während er auf dieser Expedition mit seinen Ge- 



heisat z. B.: xal ^ir' ÖKpuj r({i icxiqj tö ßaciXiK^v övo|ia, Kai öcotc 
dXXoic ßaciXeuc yepaipc.'rax (also alle Attribute der Gewalt und alle 
Ehrennamen), XP^^^^' ^T^^exapoTM^va. Üebrigena wird man bei der Be- 
schreibung dieser Flotte unwillkürlich an die auf der Trajanssäule 
dargestellten Donaufahrten Tngans während der dacischen Kriege 
erinnert. 

1) id. ibid.: Kai outoc ['A9d|LißiXoc] iricröc bi^jueivc xib Tpaioviö, 
KaiiT€p OiTOTeXetv npocTaxöcCc. Messene stand etwa seit dem Jahre 
129 V. Chr. unter parthischer Oberhoheit (Keinaud, Memoire sur le 
royaume de la M^sene et de la Kharacene [M^m. de PAcad. des In- 
Script, et Belles-Lettres , T. 24, 2^-n»e partie] p. 189). Von dem Zuge 
Trajans gegen die Messener weiss auch Eutropius, VIII, 3. Die alten 
Geographen bezeichnen durch Messene (oder Mesene) das Land zwischen 
dem Euphrat und Tigris von der Grenze Babyloniens bis zum Meere 
(vgl. Reinaud, p. 156). Es gab mehr als einen messenischen König 
Attambilus; der Name erscheint z. B. auf Münzen aus den Jahren 298, 
303 und 313 der arsacidischen Aera (Lindsaj, a view of the histoir 
and coinage of the Parthians [Cork, 1852, 4^] p. 228). Die Münzen 
zeigen auch die richtige Form des Namens. 

2) Dio Cass. a. a. 0. Die Stadt lag in der Nähe des persischen Golfs 
und war durch Dämme gegen die regelmässig weit vorrückende Fiutb 
geschützt. Plin. Nat. Eist. IV, 31. Reinaud, p. 159. 

3) Dio Cass. c. 29; Kai irXolöv ti ic *lv6lav wX^ov Ibiüv, elirev öti, 
^iravTüüc dv Kttl ^Til Touc 'Ivöouc, ei vdoc ^ti fjv, lirepaiwöiiv.' — töv tc 
'AX^Savöpov ^jLiaKdpi2Ie, Kai ^Xe^e koI ^kcCvou ircpaiT^pw TrpoKexujpr)K^vai. 
Reinaud, Relations politiques et commerciales de Tempire Romain avec 
TAsie Orientale (Paris 1863) p. 230 ff. täuscht sich aber doch, wenn er 
behauptet, dass Trajan mit der bestimmten Absicht in den Oiient 
gieng, bis nach Indien vorzudringen. Die quellenmässigen Nachrichteo 
berechtigen uns nicht zu dieser Annahme. Man hat später irrthümlich 
geglaubt, er habe mit seiner Tigrisflotte nach Indieu fahren wollen. 
So erkläre ich mir die Stelle bei Eutropius VIII, 3: In niari rubro 
(d. i. kv Tfji ^pu8p^ OaXXdcci], vgl. vor. S. Anm. 4.) clcissem instüuü, ut 
per eam Indiae fines vastaret. 



IV. Die Kriege im Orient«. 175 

danken ins Unendliche schweifte und jdas Naheliegende zu 
thun versäumte, brach in Armenien^ in den östlichen Theilen 
Mesopotamiens und in Osrhoene der Aufstand aus, wahrschein- 
lich noch im Jahre 116.') Die Nachricht davon erhielt er 
auf seiner R&ckreise in Babylon.^) Rasch entschlossen sandte 
er seine Legaten in die rebellischen Gebiete. Lusius Quietus 
nahm Nisibis wieder ein und eroberte Edessa, das er mit 
Feuer und Schwert verwüstete'*), während durch andere Heer- 
führer Seleucia am Euphrat zur Ergebung gezwungen und 
gleichfalls niedergebrannt wurde.*) Dieses strenge Einschrei- 
ten musste die mesopotamische Bevölkerung aufs äusserste 
erbittern ; es kam ohne Zweifel zu heftigen Kämpfen, wenig- 
stens vernehmen wir, dass ein Legat in einer Schlacht Sieg 
und Leben verlor.^) In Armenien wurde der Aufstand von 



1) Da Ki«6iphon im Sommer 116 eingenommen wurde, so mag man 
die Falirt an den persischen Golf und die Rückkehr recht wol in die 
zweite Hälfte dieses Jahres setzen. Sichere Daten fehlen uns. 

2) Dio Cass. LXVIII, 30: ^aOÜJv H Taura ö Tpa'iav6c iv -nXom. 
Für iy irXoiui ist hier gewiss zu lesen ^v BaßuXuivi, denn sonst ist die 
folgende Parenthese xal ydp iKtlce — 4v ijj ircTcXciiTriKci unverständ- 
lich. Schon vorher (c. 29) ist die Buckkehr erwähnt: iv ydp Ttji xP^vw 
^v f!r lirl TÖv "QKcavöv KaT^irXei, Kai ^KctOev aöOic dv€KO^(2€To. 

3i id. ibid. Im April 116 hatte in Osrhoene ein Regierungswechsel 
Statt gefunden ; dem Abgar Maanu war ein Sohn gleiches Namens ge- 
folgt Bayer, Hist. Osrhoena et Edessena, p. 163. V. Langlois, Niunis- 
matique de rArm^nie, p. 53. Vgl. oben S. 164, Anm. 3. 

4) id. ibid. : ^dXuj bk kuI y\ CeXeOKCia irpöc T€ '6puKiou KXdpou xal 
npöc MouXlou 'AXcEdvbpou ÖTrocTpaxriTU'v, xal ^KaüOii. Merivale, a history, 
of the Ramans under the Empire, Vol. VII, p. 384 macht darauf auf- 
merksam, dass diese Nachricht wol sehr übertrieben sei. Der Zusammen- 
hang lässt aber kaum an Seleucia am Tigris gegenüber Etesiphon 
denken. Dieser Theil des eroberten Gebieij^s verhielt sich ruhig; Tra- 
jan hat in der ehemals parthischeu Residenz gewiss eine starke Be- 
satzung zurückgelassen, die allfällige aufrührerische Tendenzen auch in 
Seleucia zu unterdrücken vermochte. Da nach Dio Cassius der Heerd 
<ie8 Aufstandes im obem Mesopotamien ist, da ferner die Zerstörung 
von Seleucia unmittelbar im Anschlüsse an die Einnahme von Nisibis 
nnd Edessa erwähnt wird, so scheint es sich hier vielmehr um das com- 
magenische Seleucia am Euphrat zu handeln (Strabon, XVI, 2 §. 3). 

5) Dio Cass. a. a. 0. : xal oötoc (MdEiMOC) ^^v dir^eavcv, i^tttiOcIc 
vAir\. Wer dieser Maximus war, wissen wir nicht. Aber auf dieses 



176 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

den parthischen ArsAciden angefacht. Es war Meherdates^ 
einem Brader des vertriebenen Königs Chosroes^ gelungen, 
sich dort festzusetzen und sich zahlreicher wichtiger Plätze 
zu bemächtigen. Nach dem plötzlichen Tode dieses Insur- 
genten verbündete sich Chosraes mit dessen Sohne Sana- 
trukios zu gemeinschaftlichem Angriffe gegen die Römer and 
schickte diesem seinen eigenen Sohn Parthamaspates zu Hülfe. 
Ihre Unternehmungen wären bei der herrschenden Missstim- 
mung in Mesopotamien voraussichtlich erfolgreich gewesen, 
aber im entscheidenden Augenblicke liess sich Parthamaspa- 
tes durch Trajan, der ihm den parthischen Thron versprach, 
gewinnen: Sanatrukios fiel nach einem Gefechte auf der 
Flucht in römische Gefangenschaft und vmrde umgebracht.') 

Ereigniss bezieht sich eine Stelle bei Fronto , Principia historiae, ed. Mai 11, 
p. 338 (ed. Niebuhr, p. 241, Fr. 2): Soli hominum Parthi adversu9 popu- 
lum Bomanum hosHle nonien haud umquam coniemnendum gessenmt. 
Id sati^ demonstrat non Crassi modo clades, et Äntoni foeda fuga, sed 
etiam fortissimi imperatoriß Traiani ductu legatus cum exercüu cae»us. 
Vielleicht in den gleichen Zusammenhang gehört die Nachricht, dass 
ein vir consularis in Mesopocamien von den Parthem erschlagen wor- 
den sei (Fronto, de hello Parthico, Mai II, p. 321, Nieb. p. 106), nur 
kann dieser Consular mit jenem Legaten nicht identisch sein. 

1) Von diesen Details finden wir bei Dio Oassius kaum eine Andeu- 
tung; wir entnehmen sie den bei Malalas erhaltenen Fragmenten aus den 
Parthica des Arrian (s. oben S. 156 und 156 in der Anm.), deren Benutzung 
aber eben wegen ihrer sonst unbezeugten oder in der vorliegenden Form 
den übrigen Nachrichten geradezu widersprechenden Angaben äusserst 
schwer hält. Ich benutze hier wieder die Untersuchungen des Herrn 
von Gutschmid. Er schreibt mir: 'Dass Arrian mit Dio Cassius durch- 
aus übereingestimmt haben wird, ist mir nicht bloss wahrscheinHche, 
sondern geradezu nothwendige Annahme: Dio war ein Landsmann des 
Arrian (wie dieser aus Bithynien), gehörte derselben kritisch historischen 
Schule an und schrieb nach Suidas einen Bioc *AppiavoO toO (piXoc6<pou, 
hat also gewiss das Hauptwerk über Trajan, die TTapOtKd des Zeitgenossen 
Arrian gründlich gekannt und benutzt, und in der That stimmen die 
Fragmeute daraus bei Suidas sachUch und zum Theil selbst im Aus- 
druck so genau mit XiphiUnos überein , dass Arrian unbedenklich als 
Dio's Quelle angesehen werden darf. Die Stücke aus Arrian bei Malalas 
sind also so lange nicht zu brauchen, als nicht die Möglichkeit einer 
Ausgleichung mit Dio gezeigt ist. Dass eine directe Einfügung unmög- 
lich ist, erklärt sich daraus, dass Malalas nicht unmittelbar, sondern 
erst durch zweite oder dritte Hand aus Arrian geschöpi% hat. Den 



IV. Die Kriege ira Oriente. 177 

So ward der armen isch-mesopotamisclie Aufstand bezwun- 
gen; aber mit gutem Grunde fürchtete Trajan, die Parther 



Canal zeigt uns Euagrios, der sich so vielfach mit Malalas be- 
rührt. Er gibt nämlich V, 24 eine interessante Aufzählung von Ge- 
'"cliichtä werken, aus deren Gesanimtheit sich ein KOkXoc IcTopiKÖc her- 
stellen lässt, und führt unter anderem auch unter den Quellen der Kaiser- 
seschichte von Octavianus bis auf CaruB an: T^Ypttirrai bi ir€pl tOuv 
Xpövtüv toOtu^v Ivia 'Appiavip t€ koI 'AcivCqi KouaöpdTui. Nach Beendi- 
gung der Aufzählung heisst es: "Atrcp äiravTa 6ucta6iuj tui '€TTi<pav€T 
^niT^T^TiTai TravdpicTa ^v 6ijo t€ux€civ, ^vl fi^v 'iwc 6Xiiic€U)c 'IXiou, tCu 
^ irifHu Imic hwb£KäTo\) Jtouc Tf^c 'AvacTOciou ßaciXtiac. Da Malalas 
oder Domninos) dieses Werk gekannt hat und p. 399 (II, p. 115 ed. 
'»lou.) den Schluss desselben mit dem Ausbruche des Perserkriegs ira 
■lahre 502 anmerkt, so wird er seine Kenutniss des Arrian dieser Quelle 
zu verdanken haben. Das Fragment bei Malahis gibt folgenden Stamm 
bäum der dem Trajan gegenüberstehenden Arsakiden: 



*OcbpÖllC, M€€p6ÖTllC, 

König von Armenien. König von Peraieu, 

t durch einen Hturs vom Pferde. 

I 

TTopecfiacirdTTic, CavaxpouKioc, 

König von Peraien durch Trigan. König von Peraien, 

fillt gegen Trajan. 

Die dagegen hat folgende Arsakiden, die auch in den Fragmenten 
Arriaua bei Suidas unter yvuicic und yvujcijxaxncai vorkommen: 



TTdKopoc, 'Ocpöi^c, 

König von Persien, König von Porsien, 

t vor Beginn de« Kriegs. Gegner Trajans. 



'AEibdpric, TTapeou|Liac(piic, TTapeanacirdTiic, 

Köoig von Armenien, König von Armenien, dessen Abstammung nicht ange- 

al>1iee«tEt durch Osroes. von Trajan hingerichtet. geben wird, von Trojan als König 

von PQrsien aufgestellt. 

Von Dio werden Meherdotes und Sanatrukios gar nicht erwähnt, 
ja scheinen sogar durch ihn ausgeschlossen werden zu sollen; doch sind 
die Namen anderweitig als von arsacidischen Königen getragen ge- 
aehert. Ein direkter Widerspruch liegt darin, dass der Arrian des 
Malalas den Osroes als König von Armenien bezeichnet, während er 
J>ei Dio als Grosskönig von Persien auftritt; im Schlüsse der Erzählung 
(uid dem, was über Parthamaspates gesagt wird, stimmen Beide auf 
das Befriedigendste überein, und auch in der Angabe über die Ab- 
btammong des Parthamaspates, die, weim richtig , ihn zum Gegenkönige 
seines Vaters stempeln würde, liegt für den, der mit orientalischen Zu- 
ständen vertraut ist, nichts Befremdliches. Ein weniger offener, darum 
aWr nicht minder ernsthafter Widerspruch beider Quellen liegt darin, 

rnter^urh. 2. Rom. Kaisergresch. l. ] 2 



178 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

möchten dem Beispiele ihrer unterworfenen Nachbarn folgen. 
Er besehloss daher ^ ihnen einen König aus ihrer eigenen 



das8 wir gerade über die Eröffnung des Kriegs durch Dio zientüich ge- 
nau unterrichtet sind und dass da 'OcpÖT^c und TTap6ou^ac{pT)C auftreten, 
während der Persönlichkeiten Arrians in dieser Zeit mit keiner Silbe 
gedacht wird: Meherdotes und Sanatrukios scheinen geradezu Ver- 
stecken zu spielen, weder in Armenien noch in Persien ist in diesem 
Znsammenhange Platz für sie.' — — Herr v. G. macht nun auf die 
Münzen aufmerksam, die nicht verfehlen, über diese dunkeln Verhält- 
nisse einiges Licht zu verbreiten. Sie ergeben nach Longp^rier, der 
besten Autorität im Fache parthischer Münzen, für den Schlues des 
ersten und die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts folgende Daten 
(Memoires sur la Chronologie et Ticonographie des rois parthes arsaci- 
des, p. 118—146): 

Anakes OUgaaes III Arsakes Pakores 

in den Jahren 389 Sol. = 78 n. Chr. in den Jahren 389 = 78 
nnd 390 = 79 390 = 79 und 391 == 80 

Arabandos IV im J. 39i = 81 
Arsakes Pakores, alleiniger Herrscher der Parther 

in den J. 393 = 82 bis 423 = 112 
Arsakes (d. 1. Osroes) in d. J. Mithredat im J. Arsakes Olagases III 

423 = 112, 424 = 113, 426= 115, 427= IIG, 424 = 113 cum 2. Mal in den J. 

428=117, 429=118, 426=125, 437 = 126, 423 = 112, 424= 113, 

439 = 128 430 = 119, 431 = 120. 

Artakos Olagases III, alleiniger Herrscher der Parther 
bis in das Jahr 460 = 149. 

Longpdrier bemerkt p. 140: L'cxistence du roi Melier dote o« Mi- 
thridate, et la verncitd de Mdldla »ont attestees par des monnaies par- 
thes hien certainement cont empor aines de Trajan, ä en juger d* apres 
Jeur style, sur lesquelles fai lu le noni du rot ecrit en caracteres ara- 
meens, ainsi qu'on le verra plus loin, lorsque je doyxnerai la descripthn 
des dractmies.*) Au<c itwmmies d^argent, qui nous fo^it connaUre le nom 
de Mithridate dans sa forme nationale, il faut joindre un trh-precieux 
petit hronze que fai trouve en lt^41 dans la collection formte par le co- 
lonel Mackenzie et acquise par la coinpagnie des Indes Orientales, Ceite 
monnaie n*a i^as de legende; mais eile porte d*un cote une tete royaU 
semhlable ä celle des drachmes et au revers un huste d'llercule accmn- 
2yagn4 de la date AKT (424= 112 d. J. C.).*») Gelte piece, frappee deux 
ans avant le depart de Trajan pour VAsie, n'est peut-etre pas la denxitre 
qu^ Mithridate ait emise, mais, dafis tous les cas, eile prouve surahoti- 
dammcnt que Vempereur, qui n\ivait quitte Borne qu'apres Varh^emeiü 
de Sanatrucius, n'etait pas entrd en Syrie au mois de decemhre W- 
Man sieht, dass die Münzen eine Nachricht dos Dio Cassius über die 
Uneinigkeit der Parther: ötc xal Tf|c tuiv TTdpeuiv öuvd)üi€UJC ix tu/v 



a) Diese Abhandlung ist noch nicht erschienen. 

b) (Longpörier lässt nämlich ohne hinreichenden Grund die Beleukidenjahrc Mi 
den parthischon MQuzen vom März statt vom October 312 v. Chr. laufen.» H. v. G. 



IV. Die Kriege im Oriente. 179 

Herrscherfamilie zu geben^ und eben in dieser Absieht hatte 
er Unterhandlungen mit dem Sohne des ühosroes angeknüpft. 

liupuXiuiv iToX^^uiv ^q>eap^^vv)C, xal tötc &rt CTacia2Io«!>ciic (LXVIII, 26] 
in aller Form bestätigen. 'Sollte sich nun nicht auch hinsichtlich der 
Stelle des Malalas (ich führe wieder die Worte des üerrn t. Gutechmid 
an) einiger Äufschluss gewinnen lassen? Da scheint mir nun 1) fest- 
zustehen, dass Malalas zwar den Osroes fälschlich König von Armenien 
Dennt, aus seiner eigenen Erzählung aber hervorgeht, dass Meherdotes 
imd Sanatrokios Vertreter der parthischen Macht in der Nähe von Com- 
magene dnd, also in Armenien und dem nördlichen Mesopotamien, 
2} dass diese sich Arsakes nannten, also auf das Oberkönigthum An- 
spruch machten; denn die Stelle ^uoiiice röv utöv aöxoO töv CavarpoO^ 
Kiov 'Apcdicnv, ö icTi ßaciX^a, dvx' aCnroO. ircpcicxl bi TopKlin ßaciXcOc 
^p^r|V£U€Tai ist, wie Lagarde^] mit Recht bemerkt, unlogisch und sieht 
ganz wie verdorben aus : vermuthhch ist TopKiji in tö 'ApcdKTic zu ver- 
bessern. Letzterer Umstand, die Anwesenheit des Grosskönigs Osroes 
in Armenien (dir* aOT^c Tf)c 'Ap)üi€v(ac p. 270) und die Thatsache, dass 
Trajanos nach dem Tode des Sanatrukios und zum Lohne für die gegen 
diesen geleisteten Dienste dem Parthamaspates die parthische Krone ver- 
leiht, brachten dem Malalas den Gedanken bei, Osroes sei König von 
Armenien, Meherdotes und Sanatrukios Könige von Persien gewesen, 
während bei Arrian umgekehrt Osroes König von Persien, Meherdotes 
und Sanatrukios Könige von Armenien hiessen. Aber, wird man ein- 
wenden, heisst nicht Osroes 2 mal, d. h. allemal wo er erwähnt wird, 
König von Armenien, Sanatrukios sogar 6 mal, d. h. in sämmtlichen 
Fällen, wo er vorkommt, König vonPersien? Gerade diese ungewöhn- 
lichen, pedantischen Wiederholungen machen mir den Eindruck, dass 
hier etwas nicht in der Ordnung ist und dass es sich hier um eine Hypo- 
th^e handelt, die ihr Urheber den Lesern möglichst eintrichtern will. 
Dafür spricht ein sehr starker innerer, sprachlicher Grund: Arrian 
konnte den Sanatrukios nicht als ßaciXeuc TTcpciiiv bezeichnen, er 
miisste ihn ßaciXeuc TTap6ua(uJV nennen, wenn er das ausdrücken wollte, 
waa Malalas meint. Ich meine also , man hat weiter nichts zu thun, 
als p. 270 umstellend zu schreiben ßactXcuc *Ap^€viujv, ö dbeXcpöc 
'Ocbp6ou, ßaciX^u)c TTepcCbv, dann sammtliche Zusätze ßactXeOc TTEpcdiv, 
ßaciX€uc *Ap)üi€v(uiv zu streichen und zum Schluss noch die aus demelben 
Misaverständnisse hervorgegangenen Worte dvx* aÖToO p. 274. Nun 
Weibt nur noch die Schwierigkeit zu erledigen übrig, in welche Zeit 
diese Vorfälle gehören. Nachdem durch die von uns geübte Quellen- 
kritik der Zusammenhang der arrianischen Stücke mit den antiochenischen 
Aufzeichnungen gelöst ist, steht nicht das Geringste im Wege, diese 
Vorfalle in einen anderen pragmatischen Zusammenhang zu bringen, 
äla es Malalas gethau hat. Wir wissen aus Dio, dass vor und bei Be- 
Süm des Kriegs andere Könige in Armenien regierten, als die bei Ma- 

c) S«ine gesammeUen Abhandlungen waren mir leider nicht zug&nglich. 

12* 



180 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Er gieng, so heisst es, nach Ktesiphon, und rief alle Romer 
und alle Parther, die damals jene Gegend bewohnten, auf 
einer weiten Ebene zusammen. Dann bestieg er eine erhöhte 
Bühne, erwähnte rühmend seine Thaten und bestimmte hier- 
auf den Parthamaspates durch Ertheilung des Diadems zum 
parthischen König. ^) 



lalas auftretenden Axidares undParthumasires; nach dessen Hinrichtung 
ist dagegen Platz für sie. Aber wird man einwenden, nach dessen 
Hinrichtung war ja Armenien bis zu Trajans Tode römische Provinz? 
Darauf lasse ich den Dio antworten , bei Xiphilin. LXVIH, 29 : ^v T^p 
tu) xP^^MJ» ^^ ^ ^TTi t6v 'QK€av6v KaT^irXei, xai ^KCiBev aOOic dvcKO- 
}xileTo , irctvTa to ^aXujKÖTa ^TapdxOrj Kai ärticTr]. koI touc irapä c<p{civ 
^KacToi qppoupouc ol \iäv ^E^ßaXov, ol ö* dtrcKTCwucav. Und zwar er- 
zählt dies Dio einige Zeilen vor der Erwähnung der Einsetzung des 
Parthamaspates, also in demselben Zusammenhange wie Arriau bei 
Malalas. Der Heerd dieses Aufstandes war, wie man aus Dio sieht, 
Edessa und andere Theile von Mesopotamien. Es passt also in diesen 
Zusammenhang vortrefflich, dass damals die Parther unter Meherdotes 
sich Armeniens wieder bemächtigten, sogar in Commagene streiften und 
erst unter des Meherdotes Sohn und Nachfolger Sanatrukios von Tra- 
jan wieder zu Paaren getrieben wurden.' 

1) Dio Cass. LXVIII, 30. Malalas, p. 274. Eine Münze, die zur Er- 
innerung an diesen Vorgang geprägt wurde, zeigt auf der Rückseite 
Trajan, wie er von erhöhter Bühne der knieenden Parthia einen König 
vorstellt, darunter die stolze Inschrift: REX PARTHIS DATVS. Cohen, 
Trajan, n. 375 weist sie dem Jahre 116 zu. Wir können nur so viel 
sagen, dass sie, wde die Thatsache selbst, auf die sie sich bezieht, ent- 
weder dem Schlüsse dieses Jahres oder dem Anfang des folgenden an- 
gehören wird. Lindsay (a view of the history and coinage of the Par- 
thians) glaubt das Bild des Parthamaspates auf einigen parthischen 
Münzen entdeckt zu haben. Er sagt p. 160: No cohi has hitherfo atiri- 
huted to this young prince, whose reign tcas sh&i't and prohahly confined 
to tliose provinces only which lutd suhmitted to the Bomans: In noti- 
cing the coins of Chosroes (p. 169) / aliud ed to u sniall dass of 
drachms tvhich as appearing to he Struck in his reign, but not by himself 
I suggested might he the coinage of Parthamaspates, and ivhen ice con- 
sider the youthfidness of the portrait, so unlike that of Chosroes, and 
that the letters of the legend and the ornamented tiara appear exactly 
to correspmid with that jiosition in the Parthian series, I think tre may 
fairly conclude that they wei'e Struck hy this yoitng prince (vgl. S. 172, 
n. 114 und Taf. IV, n. 84). Man wird also eine kurze ünterbrechujig 
der Regierung des Chosroes annehmen dürfen. Nach dem Tode Tra- 
jans erscheint er aufs neue als Vertreter der parthischen Macht (Spart. 
Hadr. c. 13). 



■ ■ II ■««■ 



IV. Die Kriege im Oriente. 181 

Wie sehr sich Trajan auch bemühte, den Schein äusserer 
Ueberlegenheit festzuhalten, so lag in diesem Ereignisse, 
nach Allem, was wir über das Ziel seiner Kriege wissen, doch 
eine ungewöhnliche Concession an ein unterworfenes Volk, 
ja eine eigentliche Verzichtleistung auf seine bisherige Er- 
oberungspolitik. Er versäumte auch nicht, dem Senate von 
diesem Verzicht officielle Kunde zu geben, indem er ihm 
schrieb, das eroberte partbische Land könne von Rom aus 
wegen allzu grosser Entfernung nicht beibehalten werden; 
er habe sich daher entschlosseu, dem Volke einen unter römi- 
scher Oberhoheit stehenden, einheimischen König zu geben. ^) 

Von diesem Augenblicke an verliess ihn das frühere 
Waffengluck. Er hatte bei seiner athemlosen Eroberungseile 
hinter sich eine Gährung zurückgelassen, der er zu wenig 
Rechnung trug. Er sollte nun erfahren, dass nach blutiger 
Unterdrückung eines ersten Aufstandes in Mesopotamien der 
nationale Widerstand noch nicht gebrochen war, und dass, 
sobald sich dieser mit zäher Festigkeit bildete, alle seine Er- 
folge im Orient in Frage kamen. Nach der ßegulirung der 
parthischen Verhältnisse gedachte er nach Italien zurückzu- 
kehren, um triumphirend in Rom einzuziehen.^) Er wandte 
sich unterwegs gegen die Atrener, einen im untern Meso- 
potamien wohnenden arabischen Nomadenstamm, der wahr- 
scheinlich im Frühjahr 1 16 auf dem Zuge von Adiabene nach 



1) loann. Malalas, p. 274. Die gleiche Nachricht finden wir bei 
Dio Cass. LXVIII, 29: Kai toOto Kai Tr| ßouXf| ^irdcTeiXe, ^i^ buviieelc 
MTjö^ S K€X€ipujTai cuicat; der Epitomator fügte sie aber offenbar nicht 
in den richtigen ZusammenhaDg. 

2) Der Senat hatte beschlossen, er möge Triumphe feiern, so viele 
er wolle. Dio Cass. LXVIll, 28:^ ^\|iifi<p(cGTi b^ a<JT(i> irapA xf^c ßouXf|c rd 
T£ dXXa, Kai viKTiT^pia öca ^eeXncci bieoptdcai. Derselbe Beschluss 
wird im folgenden Capitel mit etwas anderen Worten noch einmal er- 
mahnt. Dass Trajan damals wirklich nach Rom zunickkehren wollte, 
ist einer Stelle bei Fronto, Principia historiae a. a. 0. zu entnehmen, 
wo es nach Erwähnung der Niederlage des Legaten Maximus heisst: 
ft principis ad triumphum decedevdis haudquaquam secuta nee incru- 
fnta regressio, Sie bezieht sich ohne Zweifel auf das Missgeschick gegen 
die Atrener. 



182 Johannes Dierauer: Geschichte Trojans. 

Babylon unterworfen worden war und sich jetzt unbotmässig 
zeigte.^) Da brach das Missgeschick in vollem Masse über 
ihn herein. Die wasserlose Gegend machte eine längere Be- 
lagerung ihrer Hauptstadt Atra für ein zahlreiches Heer im- 
moglich. Seine vorausgeschickte Reiterei wurde zurückge- 
schlagen. Er selbst kam in Lebensgefahr^ da ihn die Feinde 
an seinem grauen Haupte und würdevollen Aussehen erkann- 
ten. Erschreckende Gewitter verfolgten die Römer und ekel- 
haftes Ungeziefer verderbte ihre Speisen. Es gelang Trajan 
nicht, die Stadt wieder einzunehmen: er musste sich zurück- 
ziehen. Wahrscheinlich begab er sich zunächst nach Antiochia, 
aber seine Kraft war gebrochen, schon trug er den Todes- 
keim in sich.^) 

Diese Ereignisse mögen etwa in das Frühjahr 117 fallen. 
Eben damals, wie es scheint unmittelbar nach Trajans Rück- 
kehr aus den Euphratländern, brach im Oriente ein äusserst 
gefährlicher Judenaufstand aus. Man muss annehmen, dass 
sich eine weitverzweigte Conspiration gebildet hatte, denn 
wie auf ein gegebenes Zeichen erhob sich zu gleicher Zeit 
die jüdische Bevölkerung in Mesopotamien, Judäa, Cypern, 
Aegypten und Cyrene. Die Juden, *wie von einem aufregen- 
den Dämon gereizt', verübten entsetzliche Gräuel gegen Römer 
und Griechen. 220,000 Menschen verloren in Cyrene das 
Leben, eine noch viel grössere Zahl in Aegypten und auf 
Cypern: hier wehrte man seitdem selbst schiffbrüchigen Juden 
den Zutritt zu der Insel. In Aegypten konnten sich die 
Römer nach einer Niederlage in Alexandrien festsetzen; sie 
brachten ihrerseits die jüdische Bevölkerung um, worauf die 
Cyrenäer raubend und verheerend in die Provinz einfielen. 
Die Ursachen dieser Insurrection liegen nicht klar vor, aber 
die erschreckenden Vorgänge weisen darauf hin, dass die 



1) Dio Gase. LXVIII, 31: MexA 6^ TaOxa de Tf|v •ApaßCav i^Xec 
(d. b. nachdem er den Parthem einen König gegeben hatte), koI to!c 
*ATpr]volc, diT€i&iP| Kai aÖTol d(p€icTf|K€cav, direxcipiicc. 

2) id. ibid. : Kai Tpaiavöc näv dK€ie€v oütiüc dirfJXee, Kai oö iroXXiö 
ikrepov dppu)CT€lv VJpxcTo. 



IV. Die Kriege im Oriente. 183 

Jaden Ton einem lange zurückgehaltenen nationalen Hasse 
sich erfüllt hatten; der vielleicht durch die Unterwerfung 
Mesopotamiens; wo eine zahlreiche jüdische Bevölkerung 
wolmtC; geschürt wurde und sich nun plötzlich nach den 
neuesten Misserfolgen Trajans Luft machte. In Mesopo- 
tamien wurde der Aufstand; wie ein Jahr zuvor; durch 
Lusins Quietus unterdrückt; den Trajan hierauf zum kaiser- 
lichen Legaten von Judäa ernannte. Gegen Cypem und 
Aegypten zog Marcius Turbo; diesem gelang es aber erst 
nach langen Kämpfen und nach Niedermetzelung von Tau- 
senden der Insurgenten; die sich unterdessen um^ einen cyre- 
naischen Führer Lucuas gesammelt hatten; der Bewegung 
Meister zu werden.^) 

1) Bei Dio Cassius folgen die Nachrichten von dem Judenaufstande 
LXVUI, 32 unmittelbar auf die P^rwähnung des Rückzuges von Atra, 
imd ich denke, hierdurch sei auch ihre chronologische Einrcihung be- 
etinmit. Wenn nach aller Wahrscheinlichkeit (eine genauere Beetim- 
mang ist nach den vorliegenden Ueberlieferungen nicht möglich) die 
Belagerung von Atra in das Frühjahr 117 fällt, so brach also der Auf- 
stand in demselben Jahre aus. Zwar sagt Eusebius, Hist. Eccles. IV, 2: 
fjfir] Toöv Toö auTOKpÄTopoc elc dviauTöv ÖKTUJKai&^Karov ^Xauvovroc 
aöBic 'loubaiujv Kivr^cic iiravacTÖca, und 'weiter unten: Tt|i ^ttiövti ^vi- 
am^ (d. i. im 19. Jahre Trajans) itöXeimov oö (üiiKpöv cuvf^\|iav. Hier- 
nach hätte der Aufstand im Jahre 116 (denn dies ist nach den Chroni- 
sten das 18. Jahr Trajans) begonnen und erst im folgenden Jahre seinen 
Höhepunkt erreicht. Aber man sieht deutlich, dass die Nachrichten bei 
Eusebius nur durch falsche Classificdrung auf zwei Jahre vertheilt sind, 
nach der häufig geübten Praxis der Chronisten, die ihre Jahreslistcn 
ohne Bücksicht auf die historische Wahrheit möglichst gleichmässig 
mit wichtigen Ereignissen auszufüllen suchen. Den gleichen Nachrichten 
hat Hieronymus (Euseb. Chronic, ed. Alfr. Schoeue, II, p. 165) drei Jahre 
eingeräumt: im 17. Jahre Trajans (also 115 n. Chr.) entstand in Libyen, 
Aegjpten, Alezandrien, Cyrene und Theben ein Aufruhr der Juden; im 
18. Jahre erhoben sich dio Juden in Mesopotamien, gegen welche Lusius 
Qoietas gesandt wurde; im 19. Jahre war Insurrection auf Cypcrn. Die 
Darstellung des Dio Cassius schliesst eine solche Theilnng aus : der meso- 
potamische Au&tand des Jahres 116, an welchem sich die jüdische ße- 
Tölkenmg betheiligt haben mag, darf nicht mit dem specifisch jüdischen 
Anfttande des folgenden Jahres verwechselt werden. Endlich ist nicht 
ZQ vergessen, dass Orosius Yll, 12 seinen gedrängten, sachgemässen 
Bericht über dieses Ereigniss mit den Worten beginnt: incredibili deinde 
■Witt 8uh uno tempore ludaei, quasi rahie efferati, per diversas terra- 



184 Johannes Dierauor: Geschichte Trajans. 

Man wendet sich mit schmerzlichem Gefühl von diesen 
Ereignissen ab; die einen Schatten auf die letzten Monate 
einer glänzenden und ruhmvollen Regierung werfen. Trajan 
empfand am tiefsten die vor Atra erlittene Demüthigang. 
Noch einmal wollte er personlich an der Spitze eines Heeres 
nach Mesopotamien ziehen ^); um den Ruf eines unüberwind- 
lichen Kaisers^ den er sich schon in den ersten Jahren seiner 
Herrschaft erworben hatte, vor seinem Einzüge in Rom zu 
rechtfertigen. Da jedoch seine Krankheit zunahm, fand er es 
gerathen, sich nach Italien einzuschiifen und die Oberleitung 
des orientalischen Heeres seinem Vetter P. Aelius Hadrianos 
zu übertragen. Er musste an der cilicischen KiSste landen 
und starb in Selinus in Folge einer mit mehreren andern Lei- 
den zusammentreffenden Unterleibsentzündung.^) Es scheint, 
dass ihn der Tod plötzlich überraschte, denn er hatte keine 
Verfügungen über seinen Nachfolger getroffen. Es war seine 
Absicht gewesen, dem Senate eine Anzahl von Senatoren zu 
nennen, aus welchen dieser nach freier Wahl den würdigsten 
als Staatsoberhaupt bezeichnen sollte.^) Seinem Vetter Ha- 



rum partes exarserunt. Dass der Aufstand sich auch über Jadäa ver- 
breitete, erfahren wir aus Spartian. Hadr. c. 6. 

1) Dio Cass. LXVIII, 33: Tpaiavoc bä iTapecK€ud2[6To ^^v a06tc k 
Ti\v M€CoiroTa^(av cTpaTcOcau 

2) Es waren verschiedene Gerüchte über seinen Tod' im Umlauf. 
Nach Dio Cassius a. ^.0. soll Trajan selbst au eine Vergiftung gedacht 
haben. /Aber der gleiche Autor gibt einen ohne Zweifel aus authenti- 
scher Quelle geschöpften Bericht seiner Leiden: die 6^ Tivec A^ouciv, 
^TTicxee^vToc aÖTtJi toO aYiiaxoc, ö kut* €toc k&tw bi€xdip€i. ^t^vcto ^i^v 
Täp kqI dir6irXT]KToc , üjctc kuI toO cdi|iaTÖc ti iropcef^vai, xö ö' öXov 
0&pu)ii(ace. Eutrop. VIII, 5 sagt: apud Seleuciam Isauriae profluvio 
centris exstinctus est. 'Seleuda' ist wahrscheinlich durch ungenaue Ab- 
schrift aus ^Selinus' entstanden und hierauf ^Isauriae' durch Coi^jectur 
hinzugefugt worden, denn nach Dio Cassius herrscht über den Ort, an 
welchem Trajan starb, kein Zweifel: koI ic CcXivoövra xfjc KiXiKiac 
dXecdv, l^v 6f| Kol TpaiavouTToXiv KaXoOjuiev, £Eai(pvf]c dir^ifiuEc. 

3) Spartian. Hadr. c. 4 erwähnt, dass die Meinung verbreitet war, 
Trajan habe einen Mann aus der hochangesehenen Familie der Neratier 
zum Nachfolger ausersehen; dann fügt er hinzu: et muüi quidem diairU, 
Traianum in aninw id habuisse, ut exe^nplo Alexandri Macedonis sine 
certo successore morei'etur, multi ad senatum cum orationem voluisse 



-r r 



IV. Die Kriege im Oriente. 185 

drian hatte er iiie besondere Zuneigung geschenkt; aber, wol 
mehr zufallig als absichtlich, einige Hoffnungen auf die 
Sueeession in ihm erweckt, die von Plotina geflissentlich ge- 
nährt wurden.*) Da Hadrian überhaupt der besondem Gunst 
dieser Frau genoss, so ist es ganz glaublich, das's der Tod 
Trajans auf ihren Betrieb mehrere Tage verheimlicht wurde, 
damit sich das Gerücht verbreiten könne, Hadrian sei von 
dem verstorbenen Kaiser adoptirt worden, was in der That 
nie geschehen ist.^) 

Am 9. August 117 erhielt Hadrian das unterschobene 
Document seiner Adoption, am 11. die Nachricht von Trajans 
Tode*), worauf er von Plotina und Caelius Attianus, seinem 
Landsmanne und früheren Vormund, zum Kaiser ausgerufen 
wurde.^) Er betrachtete es doch als seine Pflicht, sich vor 



vüütere peiiturum, ut, 91 qtiid ei evenisset, principem Bomanae rei puhli- 
cat »enatus daret, additis dumt(ixat nofninihus ex quibus aptimum (dem 
»enatus digeret. Ich halte letztere Nachricht für ganz zuverlässig. Sie 
bezeagt uns am Schlüsse der Regierung Trajans noch einmal, wie sehr 
er die Interessen des Senates achtete. Aber da seine Ehe kinderlos 
war, 80 hatte man sich schon frnh mit dem Gedanken vertraut gemacht, 
er werde seiner Zeit zu einer Adoption schreiten. Sehr merkwürdig 
ist in dieser Beziehung eine Stelle des Plinius (Paueg. c. 94) : oro et ob- 

testor ut quandoque successorem ei tribucns quem genuerit, que^n 

formaverit, similemque feceiit adoptato, mtt »i hoc fato negatur, in con- 
iilio sis digenti, monstres aliquem quem adoptari in Capitolio 
deeeat. • 

1) Spart. Hadr. 3, 7, 10. 4, 4, ed. Peter. 

2) Dio Cassius benutzte über diese Dinge die Mittheilungen seines 
Vaters Apronianus, der als Statthalter von Cilicien um die Mitte des 
zweiten Jahrhundert« genaue Erkundigungen einziehen konnte: ILke-je 
^ Td T€ äXXa lOc ^Kccxa, Kai öri ö OdvaToc toO Tpoiavoö riindpac xivAc 
bid ToöTo cuveKpOqper), tv' i^ Tro(T]Cic 7rpo€K90iTr|COi (LXIX, 1). Die Ge- 
schichte Hadrians beginnt er mit den Worten: 'Abpiavöc hi Otto ^dv 
TpaiavoO oOk dc€iToif)Or). Bei Spart. Hadr. c. 4 heisst es: nee desunt 
3»» fadione Plotinae tnartuo tarn Traiano Hadrianum in adoptimiem 
fidscitum esse prodiderunt supposito qui pro Traiano fessa voce loque- 
h(AuT. Der erste Theil dieser Nachricht lässt sich mit Dio Cassius in 
Einklang bringen; der Zusatz qui — loquehatur ist unhistorisch. 

3) Spart, a. a. 0. Man kann also annehmen, dass der Tod Trajans 
etwa zwei Tage lang verheimlicht wurde, 

4) Dio Cass. a. a. 0. 



186 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

dem Senate über die irreguläre Uebernahme der Herrschaft 
zu entschuldigen.*) 

So sicher diese Thatsachen beglaubigt sind; so wenig be- 
stimmt ist der Todestag Trajans; man kann nur Termuthen, 
dass es der 7. oder 8. August war.^) Seine Asche wurde 
durch AttianuS; Plotina und die ältere Matidia nach Rom 
gebracht 3) und in einer goldenen Urne im Piedestal seiner 
Säule beigesetzt.^) 

Hadrian ordnete zunächst die Verhältnisse im Orient, 
indem er die von Trajan eroberten Provinzen als solche auf- 
gab; ohne deswegen den überkommenen Hoheitsrechten der 
römischen Kaiser über einzelne jener Länder zu entsagen. 
Den von den Parthern wieder abgesetzten Parthamaspates 
stattete er anderswo aus.^) Bei der damals allgemeinen Auf- 
regung, die auch verschiedene Punkte des Occidenta erfas»st 
hatte®), war diese befriedende Politik gerechtfertigt und ver- 
ständig. Nach seiner Ankunft in Rom bot ihm der Senat 
den parthischen Triumph an, der eigentlich Trajan beschie- 
den war. Er lehnte diese Ehre für sich ab und führte statt 
dessen das Bild Trajans im Triumphwagen auf das Capitol, 
^damit der beste Kaiser auch nach seinem Tode der Ehre eines 
gebührenden Triumphes nicht entbehre!'^) 

1) Spart. Hadr. c. 6. 

2) Dio CassiuB rechnet die Regierang Trajans bis zum 11. August 
117. S. oben S. 27, Anm. 3, und vorige S. Anm. 3. 

3) Spart. Hadr. c. 5. 

4) Eutrop. VIII, 5. 

5) Spart, a. a. 0. cf. Dio Cass. LXVIII, 33. 

0) Spart, a. a. 0.: Mauri lacessebant, Sarniatae bellum infer^nt, 
Brittanni teneri sab Bomana ditione non poterant, 
7) Spart. Hadr. c. 8. 



£ X c n r s. 



lieber den Panegyricus des jfingeru Plinius. 

Die Zeit, in der Plinius die unter dem Namen Panegy- 
ricus bekannte Rede hielt , lässt sich nach einer Stelle in 
c. 92, 4') näher bestimmen: Nam quod ei nos potissimum 
maisi attrihuisti (Plinius spricht von dem Consulate, das 
ihm und seinem CoUegen C. Julius Comutus TertuUus von 
Trajan übertragen wurde), queni tuxis natalis exornat, quam 
imkhrum nohis! quibtis edicto, quibus spcctaculo cekbrare con- 
fing et diem illum triplm gaudio laetum, qui lyrincipem dbs- 
Mit Pessimum, dedit Optimum, miliarem optima gmiuit Nos 
>*fA oculis tuis augustior solito currus accipiet, nos inter secumla 
onvina et vota certantia quae praese^üi tibi conferenttir vehe- 
mur alacres et ineerti ex xitra parte maior auribus nostris 
accidat clamor (ed. H. Keil). Trajan hatte Plinius und Ter- 
tuUus während seines dritten Consulates, also im Anfange 
des Jahres 100 als Consuln designirt (Paneg. 92, 3, vgl. 
Epist. n, 11)5 *^ ^®^ angeführten Stelle (c. 92, 4) entnehmen 
wir, dass dies für den September geschah, den Monat, in 
welchen Trajans Geburtstag (der 18. Sept.) fällt. Da Plinius 
von der Feier desselben als noch bevorstehend spricht, indem 
die Anordnung der Festlichkeiten ihm und seinem Amtsge- 
nossen zufallen werde, so muss die Rede zwischen dem 
1. und 18. September des Jahres 100 gehalten worden sein. 
Die Bede war officiell, wie Plinius mehrmals hervorhebt. 



1) Ich folge der gebräuchlichen Satzabtheilung, vgl. die Ausgabe 
von G. H. Schafer, Leipzig 1805. 



188 Johannes Dieraiier: Geschichte Trajans. 

Nachdem er in der Einleitung (c. 1) die schone Sitte der 
Alten gerühmt, nicht nur ihre Handlungen, sondern auch 
ihre Reden mit einem Gebete zu beginnen, fährt er fort: 
Qiii 7)108 cui potius quam cofisuli, aiit quando magis vistirpau- 
dus cölendusque est, quam cum imperio senafus, auctori- 
tate rei puhlicae ad agendas optimo principi gratias excita- 
mar? (vgl. Epist. III, 18, 1). Und in c. 4: Sed parenduw 
est senatus consulto, quo ex utüitate publica plorcuit nt 
consulis voce sub titulo gratiarum agendarum boni jyriu- 
cipes quae facerovt recognoscey^ent , mali qiiae facere debereut. 
Dass er zugleich im Namen seines Collegen spricht, bemerkt 
er in c. 90: Quia tarnen in consuetudhiem vertit ut eonsuies, 
publica gratiarum actione perlata, suo quoque nomine quatittnii 
debeant principi proßcantur, concedit^i me ywn pro nie fmigi^ 
munere isto quam pro collega yneo Cornuto Tertuilo, clarris- 
simo viro, fungi. Es bestand also ein Senatusconsult , das 
die Consuln bei der Uebernahme ihres Amtes zu einer Rede 
verpflichtete, in welcher sie Gelegenheit hatten, die lobens- 
werthen Thaten des Kaisers hervorzuheben und allföllige 
Wünsche auszusprechen. Man nannte dies ^gratias agere^ 
und kannte eine solche Rede damals auch nur unter dem 
Namen ^gratiarum actio,^ In der officielleu Sprache Jener 
Zeit bedeutete dieser Ausdruck nicht ^Dankrede*, sondern 
Miobrede', ^laudatio,* *) Obschon nämlich jenes Senatuscon- 

1) Paneg. c. 1: tantumque a specie adulationis abfiit gratiarum 
actio mea quantum abest a necessitate. Die üebertreibung in der 
gratiarum actio würde den Redner also zur adulatio führen, was für 
jene den Begriff von laudatio voraussetzt. Aehnlicli werden in c. 2, 3 
gratias agere und hlandiri gegenüber gestellt. Zu vergleichen ist 
ferner c. 3, 1: Sciamusque nulluni esse neque sinceriits neque accepttw* 
genus gratiarum quam quod illas adclamationes aemtUetur (die 
Acclamationen waren öffentliche Beifallsbezeugungen des Senates), c. 3y 2' 
Magna et inusitata prindpis gloria^ cui gratias acturus non /aw 
vereor ne me in laudibus suis parcum qunm ne nimium putet. c. 70, 9; 
Efßcacissimum pro candidato genus est rogandi gratias agere, das heisst 
nach dem Zusammenhange: Ein Candidat (Quästor) wird am sichersten 
zu einer hohem Magistratur gelangen, wenn er über seine Provinzial- 
verwaltung rühmliche Zeugnisse (decreta coloniarum, deoreta civitatum/ 
vorweisen kann. 



Excurs. 189 

mit aaeb den Tadel vorgesehen hatte ^ so konnte es nicht 
fehlen, dass der Vortrag unter allen Umständen ausschliess- 
lich pan^3rristische Färbung annahm. Und eben, weil Pli- 
uios' Rede ihrem Inhalte nach ein Panegyricus ist, so hat 
man ihr schon früh diesen Namen gegeben (Sidon. Apolli- 
uaris VII, 10); er selbst nannte sie nie anders als ^gratiarum 
>trtio^ (Paneg. c. 1 sub f.; c. 90). Sonderbarer Weise hat 
«lieser allein richtige Titel bisher noch in keiner Ausgabe 
Aufnahme gefunden. 

Eine spätere Ueberarbeitung der im Senate gehalteneu 
K^de ist sicher. Plinius schreibt Epist. III, 18: Offizium 
f'mstdattis initmxit mihi ut rei pttblicae namin^ prineipi gra- 
tins ageretn. Qtiod ego in setiatn cum ad rationem et loci et 
innporis es more fecisscmy bofio ciri convenientissimum credidi 
* adein illa s])atiosius et uberins volumine amplecti; primum, 
'(t imiuratori jiostro rirttdes snae ceris laudihus eommemUiren- 
tm-, deinde, ut futuri prineipes nmi quasi a magistro, sed tarnen 
^nh ejcetnplo praemmieretdur qua potissimum via possent ad 
*mdem gloriam niti (entsprechend einer Stelle im Panegyricus 
c. 53: munerihus tuis omnibus conparo, multis antej)onOy quod 
Ikrl nobis et in praeteritum de malis impeiatoribus cotidie vin- 
dirari et futuros sub exemplo praeuyionere cet.). Plinius erzählt 
hierauf, er habe das Werk seinen Freunden vorgelesen, die 
' f'jedissimis insuper tempestatilms* zwei Tage lang ihm zu- 
hörten und noch einmal zu kommen wünschten, als diese 
Zeit zur vollständigen Recitation der Rede nicht hinreichte. 
^ freut ihn, dass seine Arbeit so aufrichtiges Interesse findet, 
während man sich früher im Senate (d. h. unter Domitian) 
^fei solchen Vorträgen trotz ihrer Kürze gelangweilt hatte; 
^r erklart sich dies daraus, non quia eloquentius quain prius, 
^d quin liberius, ideoque etiam libetdius (freimüthiger und da- 
her auch freudiger) scribitur. Dann fährt er fort: Aeeedet 
^rgo hoc quoque laudihus princqm nostri, quod res antea tarn 
mtm quam falsa (nämlich zur Zeit Domitians) ft\mc et rera 
da amabilis facta est. Und gegen den Schluss hin heisst es : 
Ar mihi quidem confido in hoc gene^'e matei'iae laetioris stili 



190 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

constare rationem, ctmi ea potius quae pressius et adstridhts 
quam illa quae hüarius et quasi exuUantius scrips^i possint 
videri accermta et inducta. — Nach diesen Stellen miiss zwi- 
schen dem uns vorliegenden Panegyricus und der ursprüng- 
lichen Rede in Bezug auf Form und Inhalt ein wesentlicher 
Unterschied bestehen. Plinius hat vorTrajan und dem Senat« 
in ernster, gedrängter Weise gesprochen; bei der üeber- 
arbeitung verlässt er diesen Ton, der ihm nicht angemessen 
und natürlich scheint; er gibt seinen Gedanken freien Lauf 
und freudigen Schwung; er fügt neue historische Züge zu 
den schon verwendeten. Seiner Absicht und Ueberzeugung 
nach war diese Erweiterung eine organische; sehr ausdrücl:- 
lich wünschte er gegenüber seinem Freunde Voconius Roma- 
nus, dem er die Arl>eit zur Kritik vorlegte, dass er deren 
wohldurchdachte Anordnung beachte, Epist. III, 13: Atqi(f 
utinam ordo saUcm, et transitus^ et ßgurae simul spectarentur ! 
In der That erscheint die Rede einer ersten Betrachtung als 
eiQ kunstvoll angelegtes Ganzes; man ist ohne Rückhalt zu 
der Annahme versucht, dass eine genauere Scheidung der 
wirklich vorgetragenen und der später hinzugefügten Theile 
nicht mehr möglich sei, dass man also auf eine Analjs^ 
schlechterdings verzichten müsse. Und doch ermuntern ver- 
schiedene Erwägungen zur Aufnahme einer solchen Unter- 
suchung. Mit Sicherheit lässt sich annehmen, dass Plinius 
die Rede, wie er sie im Senate hielt, geschrieben hatte; bei 
der Ausarbeitung konnte er von dieser Form ganz absehen 
und ein wesentlich neues Werk produciren, welcher Vorgang 
sehr unwahrscheinlich ist — oder, er konnte mit Beibehal- 
tung dieser (ursprünglichen) Form, wobei innnerhin partielle 
Veränderungen nicht ausgeschlossen bleiben, den neuen Stoff 
in Form von Glossen einschieben. Dann aber dürfte sich hier 
und da, auch unter der Voraussetzung, dass Plinius bei einer 
solchen Arbeit sorgfältig verfuhr, die Spuren der Einschie- 
bung erkennen lassen. Ferner wird vielleicht die vom Autor 
selbst angedeutete Stilverschiedenheit in der eigentlichen Rede 
und in den spätem Zusätzen so deutlich hervortreten, dass 



Excurs. 191 

man mit mehr oder weniger Sicherheit den Charakter eines 
jeweilen vorliegenden Abschnittes bestimmen kann. Ich nehme 
mir Yor, die analytische Untersuchung des Panegyricus nach 
•liesen beiden Gesichtspunkten zu führen; wo immer möglieh, 
werde ich mich aber ausschliesslich auf äussere Anhaltspunkte 
stützen und die feineren Unterschiede des Stils, über die eine 
Täuschung sehr leicht möglich ist, nur als secundäres Be- 
weismittel herbeiziehen. Dieser formalen Kritik soll dann 
eine kurze historische folgen. 

Die ersten sechs Capitel liegen uns wahrscheinlich in 
ihrer ursprünglichen Form vor. Sie enthalten die Enleitung 
(c. 1 — 4) und den Anfang einer Geschichte Trajans von sei- 
nem Al^ang zur Armee nach Obergermanien bis zu seinem 
Einzüge in Rom. In c. 6 spricht Plinius von dem Aufstande 
der Pratorianer im Jahre 97, der Nerva zu dem Entschluss 
brachte , Trajan zu adoptiren ; man erwartet, dass er unmitt<;l- 
bar zur Beschreibung des auf dem (^^apitol vollzogenen Adop- 
tionsactes übergehe; diese folgt aber erst in c. 8, während 
beinahe das ganze vorhergehende Capitel Reflexionen über 
die (nach dem Fortgang der Erzählung) noch nicht ausge- 
sprochene Adoption enthält, eingeleitet durch den Ausruf: 
notmm atque inauditum ad imncipattmi iterf Es fällt zu- 
nächst auf, wie Plinius in diesem Excurs den Singularis der 
zweiten Person bald mit Rücksicht auf Trajan, bald allge- 
mein rhetorisch verwendet. Für den Leser ist die Unter- 
scheidung leicht, in dem wirklichen Vortrage musste Plinius 
jeden Schein von Zweideutigkeit vermeiden. Der Excurs 
sehliesst ab mit dem Satze: Superbum istud et regium, nisi 
f^doptes mm quem constet imperaturum fuisse, etinmsi nmi 
fidoptaßses; die Wahl Trajans wird also als eine Nothwendig- 
keit dargestellt, der sich Nerva schlechterdings nicht ent- 
ziehen konnte. Im Anschlüsse hieran verstehen wir das fol- 
gende Fecit hoc Nerva, nihil arbitratus intcressc genueris an 
degeris nicht; in dem angeführten und den vorhergehenden 
Sätzen (c. 7, 5. 6) ist nicht die Rede von dem, was Nerva 
gethan hat, sondern von dem, was er oder überhaupt ein 



192 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Kaiser in älmlicher Lage nach Plinius' Ansicht thuii soll.M 
Die Schwierigkeit heht sich, sobald wir diesen Schluss von 
c. 7 mit c. 6 in Verbindung bringen, wo Plinius, ^wie schon 
erwähnt, von der Entschliessung Nerva's spricht. Diese 
Gründe dürften hinreichen, um c. 6, 1 — 6 als spätere Ein- 
schiebung zu erklären; sie finden aber durch den Anfang 
von c. 8 noch wesentliche Unterstützung. Hier heisst es: 
Sedulo ergo vitavit htinc casum, nee iudleia hominufity sed 
deorum etiam in consilium adsumpsit Diese Worte hatten 
hier gewiss ursprünglich ihre Stelle; jetzt, nachdem PJinius 
in seinem Excurse die fatalistische Nothwendigkeit der Wahl 
Trajans betont hat, begreift man nicht mehr, wanmi Nerva 
mit so ängstlicher Sorgfalt nicht nur die Menschen, sondern 
auch die Götter zu Rathe zog. 

In c. 8 bis c. 12 führt Plinius seine historische Ueber- 
sicht chronologisch und ohne Unterbrechung weiter; wir ver- 
nehmen von der Adoption und ihren unmittelbaren Folgen 
(c. 8), dem Verhalten Trajans bei der Nachricht seiner Er- 
hebung zum Mitregenten (c. 9), dem Tode und der (Jonse- 
cration Nerva's (c. 10 — 11). In c. 12 (zum Theil schon 
am Schlüsse von c. 11) wird Trajans Thätigkeit in Grermaiiieu 
und in den Donauländern (a. 98 und 99) berührt: Trajan 
verschaffte dem römischen Reiche in diesen Grenzgebieten 
Achtung; mitten im Winter zeigte er sich an der Donau; 
die Versuchung lag nahe, den Muss zu überschreiten und 
jenseit desselben nach dem Wunsche seiner Truppen Er- 
oberungen zu machen: nostra aymina peretirsare inpas et 
(diena oecasione^ si permitteres, uti ultroque hiemem Sfiam bar- 
haris inferre gnndehnnt. Er hielt sie mit weiser Mässigung 
zurück. Mit c. 13 verlässt Plinius diesen Gegenstand, um 



1) J. L. Burnoiif, Panegyrique de Trajan, Paris 1845 übersetzt: 
Cest cette rigle que suivit Nerva: il ne voyait aucun£ differefice de la 
naissance ä Vadoptum. Allein ^ fecit Jtoc Nerva ^ hat hier nicht diese 
absolute Bedeutung; man ist wol gezwungen, diese Bedeutung hinein 
zu legen, wenn man den äussern Zusammenhang mit dem unmittelbar 
vorhergehenden Satze herst-ellen und festhalten will. 



texcurs. 193 

in sehr wenig rhetorischer Form (vgl. die Parenthese 13, 2: 
kudabas quippe ferienteSy hortaharisque ut auderent, et aude- 
hani iam) zu erzählen, wie Trajan sich die Achtung und 
Liebe seiner Soldaten zu erwerben wusste. In c. 14 und 15 
geht er auf Trajans Jugendgeschichte ein, er schliesst (15, 5) 
mit der Bemerkung, dass Trajan noch als Kaiser viele seiner 
ehemaligen Waffengenossen bei ihren Namen nennen und 
ihre Heldenthaten anführen könne. Sed tanto magis praedi- 
rama tnoderatio tun (so heisst es unmittelbar darauf c. 16), 

qfwd innutritiis bellicis laiidibus j>ncnn amas, Non times 

Mla nee pravocas, Magnuni est, imperator Aufftiste, magntim 
fst Stare in Dannhii ripa, si transeas, eertum trinynphiy nee 
decertare cupere cum recusantiJms, Man erkennt sogleich, 
dass diese Stelle nichts mit der am Schlüsse von c. 15 aus- 
gt»sprochenen Thatsache zu thun hat; dass Trajan für seine 
früheren Commilitonen ein treues Gedächtniss hatte, ist kein 
Beweis für seine Mässigung. Um so enger schliesst sie sich 
an den zweiten Theil von c. 12; eben dort wird die massige 
Zurückhaltung Trajans hervorgehoben und dort wie hier ist 
von seinem Aufenthalte an der Donau die Rede. Plinius hat 
diesen Zusammenhang, wie er ursprünglich bestanden haben 
muss, durch die Einschiebung von c. 13 bis 15 in auffallen- 
der Weise unterbrochen und dadurch zugleich die bisher fest- 
gehaltene chronologische Reihenfolge in den Thatsachen ge- 
stört. Was Plinius in c. 13 über die kriegerischen Spiele 
im Lager Trajans und über seine Sorge für die kranken Sol- 
daten berichtet, verdankt er offenbar mündlichen Mittheilungen 
von Augenzeugen ; er fand sie anziehend genug, um sie nach- 
traglich aufzunehmen. Ebenso glaubte er in Kürze auf die 
frühere Geschichte des Kaisers eingehen zu müssen (c. 14 — 15), 
obschon ein solcher Rückblick ausserhalb des Zweckes einer 
gratiarum actio liegt. ^) 



1) C. 14 und 16 bieten nach Form und Inhalt einige Schwierig- 
keiten. In c. 14, zwischen 1 und 2, ist siclier eine Lücke, welche durch 
die Conjeetur ^Germaniam Jltspaniamque^ (statt der seit Schwarz ge- 
bnuichUcheu Lesart ' Germaniam quidern^) nicht ausgefüllt wird. Pli- 

tntersttch. z. Rom. Kaiscrg'<>sch. I. 13 



194 Johannes Dierauer: GeBchichte Tn^ans. 

Kaum ist in c. IG der Zusammenhang hergestellt ^ so 
imden wir ihn aufs neue unterbrochen. Pliniua spricht zu- 
nächst noch immer von der erwähnten, massigen Zurück- 
haltung Trajans: nam ut ipse nolis pugnare, moderatio, 
fortitudo tua praestat ut neque hostes tui velint (c. 16, 3). 
Dann folgt plötzlich eine begeisterte Prophetie auf Trajana 
künftige Triumphe: Aceipiet ergo aliquando Capüolium non 
mimicos currus nee falsae simulacra indoriae, sed imperato- 
rem veram ac solidam gloriam reportantefJt, Sie schliesst in 
c. 17,. 3: Nee tibi opima defuerint, si quis regum venire in 
7nanus atideat, nee non modo telorum tuorum sed oculofywi 
etiam minarumque eoniectum toto campo tof^qtw exercitu oppo- 
sito perhorreseat Erst mit c. 17, 4 wird der verlassene Faden 
wieder aufgenommen: MennsU proxima moderatione td, 
quandocumque te vel inferre vel propidsare hcllnm coegerit im- 
perii dignitas, non ideo vix^isse videaris ut bnumpharcs , sed 
triumphare quia vii^eris. Die Einschiebung ist hier so deut- 
lich und die dadurch nothwendig erfolgte Aufhebung des 
ursprünglichen Zusammenhanges so wenig berücksichtigt, dass 
man schon nach dieser Beobachtung zu der oben vermuthungs- 
weise ausgesprochenen Annahme gezwungen ist, Plinius habe 
bei der Ueberarbeitung die Rede vor sich gehabt und ein- 



nius mu88 in dem ausgefallenen Theile erwähnt haben, dass Tr^an von 
Domitian als Legat nach Spanien gesandt Mnnrde. Sodann bemerken 
wir in c. 16, 1 eine auffalleude Wiederholung des schon in c. 14, 1 
Erwähnten. Hier (c. 14) wird berichtet, dass Tr^an schon im Anfange 
seiner militärischen Laufbahn an den Euphrat mid an den Rhein kam, 
dass er 'mit seinen Schritten gleich wie mit seinem Ruhme den Erd- 
kreis durcheilte.' Offenbar beziehen sich die^e Aeusserungen auf sein 
Militärtribnnat, denn junge Leute senatorisclien Standes traten gewöhn- 
lich als Tribunen in das Heer ein. Wenn es nun in c. 15 (zu Anfang) 
heisst: TribtmtiS vero disiunctissimas terras teneris adhuc annis riri 
finnitate Itistrasti, so vernehmen wir hiermit zum zweiten Male, was 
uns bereits aus dem vorhergehenden Capitel in anderer Form und 
bestimmterer Fassung bekannt ist. Sollte dem Autor diese Wieder- 
holung entgangen sein? Wir werden im Verlaufe unserer Untersuchung 
immer mehr erkennen, dass er die Ueberarbeitung seiner Rede nicht 
mit der Sorgfalt vorgenommen hat, von der er seinen Recensenten 
(Epist III, 13; überzeugt wissen möchte. 



^T^ 



Excurs. 195 

fach mit Randglossen versehen. Sonst dürften sich so auf- 
fallende Unebenheiten nicht entdecken lassen. 

Betrachtet man den eben hervorgehobenen Zusatz (in 

c. 16 und c. 17) genauer, so erkennt man darin bestimmte 

Beziehungen auf den dacischen Krieg. Zunächst in c. 16,4: 

(^(od si quis barbarus rex eo insoUmtiae fnrorisqur proccs- 

iierit nt iram tuam inxlignafimifmqve mercatnr, ne ille, »ive 

interfuso mari seil flnminibns inmensis sm pracci- 

piti monte defnidihir, omnin hacc tarn prmin tamqne cedmiia 

viriutihus tnis seyüiet nt subsidisse montrSj flumina exa- 

misse, hüerceptum mare, inl/itasque sibi non classes nostras 

ü^il terras ipms arbifretnr. Jener ^barbarus rex' ist kein 

anderer als Decebalus; ihn schützen gegen Rom hin das 

Meer, dann mächtige Ströme, wie die Donau, endlich steile 

Gebirge; gegen ihn kämpft Trajan mit Aufbietung aller 

Kräfte. Der dacische Krieg begann im Frühjahr 101. Da im 

Anschlüsse an c. 78 nachgewiesen werden kann, dass Plinius 

sein« Rede zwischen dem September 100 und den 1 . Januar 101 

überarbeitete (s. unten, S. 205), so ist nach der angeführten 

Stelle die Expedition gegen die Dacier sehr wahrscheinlich 

gegen Ende des Jahres 100 beschlossen worden. Man könnte 

zwar annehmen, diese Stelle sei erst nach dem Beginne des 

Krieges hinzugekommen, wodurch die Prophetie zu einer 

scheinbaren würde, aber dazu nöthigt kein zwingender Grund. 

Schwieriger scheint die Entscheidung mit Bezug auf c. 17, 

1—3: Videor iam cernere cet. Burnouf, der p. 180 die Ver- 

muthung ausspricht, dass der dacische Krieg zur Zeit der 

Publication des Panegyricus schon l)egonnen hatte, bemerkt 

an der gleichen Stelle: Qui sait mvme s'il n'y a pas ajmite', 

ftpres Vevenenie^it, 1a magniffque jrtrdifiimi dri triompilie de 

Trajan, qni remplit le eh. 17 (nur zum Theil!), et qui res- 

Sf-mble $i bien ä In description d'une pompc qu'aurait vue Van- 

t^fr! Dagegen ist einzuwenden, dass diese Schilderung doch 

nor eine allgemeine ist, obwol sie im Anschluss an c. 16 

bestimmt auf einen künftigen dacischen Triumph hinweist. 

Wenn es z. B. heisst: Videtn- ingentia dnnnn nomina nee 

13* 



196 Johannes Dierauer: Gescilichte tVojans. 

indecora nominibus corpora noscitare: videor iniueri inmani- 
bttö ausis barbarorum owusta fercula et sua quemque facta 

9 

vincHs manibus seqtientem: mox ipsum te sublimem instantmi- 
que curru domüarum gentium tergo, so beschreibt Plinius 
voraussagend die Vorgänge, wie sie sich bei jedem Triumph- 
zuge wiederholten und wie sie ihm noch aus der Zeit Domi- 
tians erinnerlich waren. Ohne Bedenken dürfen wir also 
die Entstehung des Zusatzes von c. 16, 3 bis c. 17, 3 noch 
in das Jahr 100, also in die Zeit der allgemeinen üeber- 
arbeitung verlegen. 

In c. 18, c. 19 und c. 20, 1 — 4 finden wir uns vrieder 
in dem schon mehrfach bezeichneten Zusammenhange. Tra- 
jans Verdienste um die Herstellung der Disciplin im Heere, 
sein Verhältniss zu den Offizieren während seines Oberconi- 
mandos in Germanien, endlich seine Rückreise nach Itaheu 
bilden den Inhalt dieser Abschnitte. Wir sind hiermit vor- 
bereitet auf die Beschreibung des Einzuges in Rom, die aber 
erst in c. 22 folgt. In der zweiten Hälfte ven c. 20 (4 — G) 
stellt Plinius einen Vergleich an zwischen der Reise Trajans 
und Domitians; in c. 21 erwähnt er den Senatsbeschluss, 
nach welchem Trajan den Ehrenamen Pater Patriae erhielt. 
Mehrere Gründe beweisen, dass diese beiden Ausführungen 
nicht zu der ursprünglichen Rede gehorten. Einmal schliesst 
sich c. 22 sehr passend an c. 20, 4. Hier (c. 20) rühmt 
Plinius das bescheidene Auftreten Trajans auf der Rückreise: 
Ad hoc comitaius adcinctus et parens: diceres ma^gwum ali- 
quem ducem, ac te potissimum, ad eocerdtus ire: adeo nihil 
aut certe parum intererat inter imperatorem factum et futurum. 
Mit der gleichen Bescheidenheit zog er in Rom ein: Ac pri- 
mum (c. 22), qui dies iUe quo expectatus desideratusque urhcin 
tuam ingressus es! lam hoc ipsum, quod ingressus eSj 
quam mirum laetumque! Femer: Was uns Plinius in c.20, 5 
berichtet: edi-cto svhiecisti quid in, utrumque vestrum esset 
inpensum, gehört in eine spätere Zeit, denn Trajan konnte 
die Kosten seiner Reise (mit Gegenüberstellung der Summen, 
die Domitian in ähnlichen Fällen beansprucht hatte) nicht 



Excure. 197 

vor seinem Einzüge verofiFentlichen. Diese Abweichung von 
der richtigen Chronologie der ursprünglichen Rede erklärt 
sich durch die üeberarbeitung, bei welcher Plinius einigen 
Thatsachen zu Liebe ^ die ihm jeweilen einfielen^ den natür- 
lichen Fortgang der Darstellung zu unterbrechen sich nicht 
scheute. Und eben hier bot sich ihm zum ersten Male die 
erwünschte Gelegenheit zu Auslassungen gegen Domitian: 
Quam dissimilis nuper aUeritis principis transitus! ^ tarnen 
transitiis iUe,non poptdntio fuit, cum abadus hospitum exer- 
cereiy omniaque deoctra laevaque perusta et aUrita, ut si uis 
aliqua uel ipsi iUi barbari quos fugiebat incidererU. Gewiss 
ist diese Schilderung übertrieben und schon dadurch charak- 
terisirt sie sich als spätere Glosse , denn es lässt sich^ wie 
weiter unten zu zeigen ist; nachweisen , dass die Stellen ^ in 
denen sich Plinius in besonders harter Weise gegen Domi- 
tian äussert, fast ohne Ausnahme erst bei der Üeberarbeitung 
aufgenommen worden sind. — Ganz in ähnlicher Weise hat 
Plinius den Zusammenhang bei der Einschiebung von c. 21 
übersehen. Wahrscheinlich nahm Trajan den Titel Pater 
Patriae schon vor seiner Rückkehr nach Italien an (vgl. 
oben S. 41); dies rechtfertigt aber nicht, den betreifenden 
Senatsbeschluss zwischen der Schilderung seiner Reise und 
seines Einzuges in Rom zu erwähnen. So weit vergisst der 
Autor seinen frühem Plan, dass er (21, 4) ausruft: Quod qui- 
dem nomen qua benignitate, qua indulgentia exerces! ut cum 
nvibus tuis quasi cum liberis parens vivis! ut reversus im- 
perator qui privatus exieras, agnosdSy agnosceris! 

Nachdem Plinius in c. 22 und 23 Trajans Einzug be- 
schrieben und in c. 24 noch einige anschliessende Bemerkun- 
gen aasgesprochen hat, geht er über zu dem Abschnitte von 
Trajans Gesetzgebung und Verwaltung bis zum Herbste des 
Jahres 100 (c. 25 — 55). Hier hält eine Scheidung des ur- 
sprünglich vorhandenen und des neu hinzugekommenen Stoffes 
um 80 schwieriger, als nach der Natur des Gegenstandes 
eine chronologische Anordnung der einzelnen Züge nicht ge- 
boten und für den Zweck des Redners auch nicht passend 



198 Johannes Dieraiier : Geschichte Tr^'ans. 

war. Doch lassen sich auch hier mit Sicherheit einige Zu* 
Sätze erkennen. 

In c. 29 spricht Plinius von der Sorge TrajaDS für die 
Getreidezufuhr, von den massenhaften Vorräthen, die auf 
seine Veranstaltung in Italien aufgespeichert wurden; wie er 
weiter berichtet (c. 30), waren diese so bedeutend, dass 
Aegypten nach einer Missernte (im Jahre 99 oder 100) von 
Rom aus mit Korn versehen werden konnte. Diese That- 
sachen sind in dem erwähnten Umfange genügend hervoi^e- 
hoben; allem Anscheine nach hat der Redner abgesclilosseu 
mit dem Satze: Tarn veloXy Caesar, poUmtia Um est, 4am- 
que in omnia pariter intenta honitas et accinda ut tristius alt- 
quid sarado tuo jmssis ad remedium sahdctnque sufftdai ut 
scias. Später begnügt er sich mit dieser Einfachheit nicht 
mehr*, er kann nicht umhin, seiner Verachtung des ägypti- 
sehen Volkes Ausdruck zu geben {superblchat Vimtosa et in- 
solens iiatio, c. 31, 2); er behauptet, die Nilüberschwemmun- 
gen seien in Zukunft weder für Rom noch selbst für Aegypteu 
nothwendig, obschon er wusste, dass man jene Vorräthe zum 
grossen Theil Aegypten zu verdanken hatte; noch folgen 
zahlreiche Reflexionen über die Abhängigkeit dieser und an- 
derer Provinzen von Rom; er fühlt aber, dass er sich in 
seiner Geringschätzuug Aegyptens zu weit führen lässt und 
schliesst daher^ (c. 32) mit einer Bitte an das Nilland: et so- 
lum illud et flumen ipsutn precor ut Jiac prificipis henigniiatc 
contertüum, molli gremio semina rccomlat, vinUiplicata restituat. 
Während die Sprache in c. 30 würdig und dem Gegenstande 
angemessen ist, finden wir in c. 31 und 32 einen kleinlichen 
Ton, gesuchte Wendungen und Antithesen (vgl. c. 32, 2); 
während Plinius dort durchaus sachgemäss berichtet, folgt er 
hier der Laune seiner Phantasie (vgl. c. 31, 6: stupebant agri- 
coUie plefia Jiorrea cet,). IJinzelne Gedanken von c. 29 und 
30 kehren in den beiden folgenden in erweiterter Form wie- 
der; 30, 5 und 31, 3 sagen uns in gleicher Weise, dass Ge- 
treide nach Aegypten gesandt wurde. Zu dem Satze : diier- 
sasque gentes ita commercio miacuit ut, quod gcnitum esset u^- 



EXCIITB. 199 

ditanty id apud omties esse videretur findet sich eine Parallel- 
bielle in c. 32^ 3 : Quippe discretis quUletn bonis omnium sua 
Ciäusque ad sUvgulos mala; sodatis autem atque permix- 
fis singtdorum mala ad neminem, ad omnes omnium bona per- 
tineni. Endlich ist der Anfang von c. 33 zu beachten: Satis 
fadufn qua dvium qua sociorum utilitatibus , offenbar ein ge- 
suchter Uebergang zu der nun folgenden Erwähnung der 
Gladiatorenspiele unter Trajan , ein Uebergang der sich 
äi^serst wenig fügt^ dem Autor aber als Resume von c. 29 
und 30 nach der langem Abschweifung nothwendig schien; 
ursprünglich bedurfte es einer solchen Vermittlung nicht. 
Diese Beobachtungen dürften den Charakter von c. 31 und 32 
hinreichend bezeichnen. 

In c. 34 und 35 ist von den Delatoren die Rede. Pli- 
nius lobt Trajan (c. 34) wegen seines strengen Einschreitens 
gegen dieselben; er berichtet^ dass sie deportirt wurden: 
cofigesii sunt in ^mvigia rapHm conquisita a>c tempestatibus 
dedUi. Dann wendet er sich mit Abscheu von ihnen weg^ 
da er- sich an ihrem Anblicke im Amphitheater sattsam ge- 
weidet hat: abirenty fugerent vastatas dclationibus terras; ac 
si quem fluctus ac proceUae scopulis reservassent, hie nuda 
saxa d inhospiUde litus incohret, ageret dtiram et anxiam vi- 
tarn, relictaque post tergum totius gener is humani sceuritate 
maererä. Gewiss gieng Plinius nach diesem förmlichen Ab- 
schlüsse ursprünglich nicht weiter; erst die Ueberarbeitung 
führte ihn dazu^ die verhassten Sykophanten auf den ge- 
brechlichen Fahrzeugen mit seiner Phantasie zu verfolgen. 
Menwrafida facieSy ruft er aus (ähnlich wie in c. 7 : o novum 
atque inaudüum ad principatum iter! und in c. 20: Quam 
dissimäis nuper aUerius principis trwnsihis!), delutorum classis 
jiermissa omnibus ventis coa^taque vela tempestatibus pan- 
dere iratosque fltictus sequi, quoscumque in seopulos detu- 
lisseni; er erinnert sich, dass auf jenen öden ägäischen In- 
sebi früher die verbannten Senatoren schmachteten, dass 
Titos und Nerva schon ähnliche Massregeln getroifen hatten 
wie nunmehr Trajan: unverkennbar ist c. 35 aus dem Be- 



200 Johannes Dierauer: Geschichte Trs^ans. 

streben hervorgegangen, sich über den Gegenstand aosführ- 
licher, ^spatiosius et uherius*^ zu verbreiten. Sonderbarer Weise 
gab ihm die Wiederholung unmittelbar vorher verwendeter 
Ausdrücke keinen Anstoss. 

In'c. 37 — 40 finden wir eine längere, in sich geschlos- 
sene Abhandlung über das Erbschaftsrecht unter Trajan and 
seinen Vorgängern. Hier fehlen uns sichere Anhaltspunkte 
zur Vornahme einer Scheidung, aber es ist an und für sich 
sehr unwahrscheinlich, dass dieser Abschnitt seinem g'anzen 
uns jetzt vorliegenden Inhalte nach im -Senate vorgelarag'ejj 
worden sei. Man könnte zwar annehmen, Plinius habe bei 
dieser Gelegenheit Trajan gegenüber seine Kunde in den 
Rechtsverhältnissen zeigen wollen ; dazu hatte er aber keinen 
Grund, da er als gewandter Advocat hinreichend bekannt 
war. Ueberdies erscheint eine so eingehende historische 
Untersuchung für das Verständniss und die Würdigung der 
Verdienste Trajans unnöthig: Plinius belehrt hier seine Leser. 

In c. 48 und 49 lassen sich einige Zusätze erkennen, 
in denen Plinius seinen ganzen unversöhnlichen Hass geg'en 
Domitian niedergelegt hat. Der erste Zusatz reicht von 
c. 48, 3: quam nuper illa inmanissimu belua cet bis c. 49, 3: 
armis enim arma irritantur. Die hier folgende Frage: num 
aiitein serias tantuni partes dicrum in oculis nostris eoetuque con- 
mmis? erklärt sich in Verbindung mit dem ersten Theile von 
c. 48, wo von den Audienzen bei Hofe, also ernsten Geschäften 
die Rede ist; eingeschoben ist ein Rückblick auf die ünzu- 
gänglichkeit Domitians. C. 49, 6 ist eine zweite Glosse; sie 
soll wie die eben hervorgehobene dazu dienen, die Tugenden 
Trajans durch den Contrast mit den Lastern seines Vorgän- 
gers in helleres Licht zu stellen. Der Vergleich ist hier so 
undelicat und widrig^ dass er unmöglich im Senate ausge- 
sprochen worden sein kann. Seine spätere Einschiebung ist 
um so sicherer, als die folgende Stelle: Ergo non aumm 
9iec argentum nee cxqnisitu ingenia eenarum sed suavitatein 
tuam iuciinditatemqwi miramur eet, mit Rücksicht auf den- 
selben keinen Sinn hat; sie schliesst sich richtig an die voraus- 



Excars. 201 

gehenden Fragen (c. 49; 4. 5) an^ während die Conjunction 
^n<m enim* als Einleitung der Glosse unlogisch ist. 

In c. 52 erweist sich ungefähr die Hälfte als spätere 
Beifügung; nämlich die Stelle : Itaque tuam statuam in vestir 
Mo I(mis — — ac voluptates ignibus miäarentur (3 — 5). 
Sie bezieht sich wieder auf Doniitian. Plinius erzählt mit 
innigem Behagen^ wie nach dessen Ermordung die goldenen 
and silbernen Statuen , die er sich hatte errichten lassen, 
eingeschmolzen wurden , iU ex iUo terrore et minis in usum 
hminum ac voluptates ignibtis mtäarenttir. Um das folgende 
SmUi recerentia cd. zu begreifen; muss man auf die ersten 
beiden Sätze des üapitels zurückgehen; man sieht auch hier 
sehr deutlich; dass sich der Autor um eine erträgliche Her- 
stellung des durch die eingeschobenen Bemerkungen zerris- 
senen früheren Zusammenhanges nicht kümmerte. Er scheint 
auch vergessen zu haben ; dass die Bescheidenheit TrajauS; 
nach welcher er sich nur Statuen aus Bronze gestattete ; an 
einer andern Stelle (der wirklich vorgetragenen Rede) genü- 
gend heryorgehoben ist (c. 55, 6). — Auch c, 52; 7 dürfte 
wegen der gehässigen Sprache (saevissimi domini atrocissima 
ifigies!) als Zusatz zu bezeichnen sein; ein äusseres Kenn- 
zeicheu liegt, wie mir scheint, in der Verwendung des Ad- 
verbiums ^ante'y das den vorhergehenden üebergang auf 
Üomitiau (c» 52, 3: at pauUo ante aditus omnes) ebenfalls 
anzeigte. 

Plinius sieht sich nach den Schmähungen; die er in 
(^•48 bis 52 über Domitian ergossen hat, zu einer Recht- 
fertigung vor dem Senate, oder vielmehr vor dem Leser ver- 
aidasst. Er sagt c. 53: Omnia, patres conscripti, quae de 
flliw principibus a nie aut dicimtur aut dida sunt eo pertir 
^ trf ostendam quam longa consuetndine corruptos deprava- 
^tte mores principatiis parcns noster rcformd et corrigat 
&qMi n\hü non parum grate sine conparatione laudutur. 
Keser Entschuldigung bedurfte es offenbar früher nicht, da 
^^ Grund dazu fehlte. Wir dürfen daher mit einiger Sicher- 
annehmen, dass die folgenden Reflexionen erst bei der 



202 Johannes Dierauer: Geschichte Tr^ans. 

Ueberarbeituug eutstauden seien. Es fehlt aber nicht au 
äussern Beweisgründen zur Festsetzung dieses VerhHliiiisses. 
Plinius will eigentlich von der Bescheidenheit Trajans spre- 
chen ; er beginnt in c. 52 damit^ dass er die Ehrfurclit preist, 
die der Kaiser den Göttern schenkt; Trajan wünsche^ dass 
man die Dankgebete nicht an seinen Genius, sondern au 
Juppiter richte. Man erwartet noch andere Züge von sei- 
ner Bescheidenheit, aber erst in c. 54, oder, wie gleich zu 
zeigen ist, in c. 55 folgt die Fortsetzung; c. 53 dageg'en ist 
dem Ausdruck der kleinlichen Freude gewidmet, die Plinius; 
über der ungestörten Verfolgung der Tyrannen empfindet; 
er hält die scharfe Censur sogar für eine Pflicht, nafn (so 
schliesst er) cum de malo jjritwipc posteri tacentj manifestum 
est eadem facere praesetUem, — Um das Verhältniss zwisciieu 
c. 54 und 55 richtig zu erkennen, müssen wir auf den Inhalt 
näher eingehen. Den frühern Kaisem (sagt Plinius in c. 54, 
wobei natürlich vorzugsweise Domitian gemeint ist) wurde 
bei jeder Gelegenheit, sogar auf der Bühne geschmeichelt: 
Trajan hat diese niedrigen Huldigungen zurückgewiesen. 
Bewunderungswürdig ist aber besonders seine Zurückhaltung 
gegenüber den vom Senate ihm angebotenen Ehrenbezeu- 
gungen. Unter Domitian liess sich der Senat herbei, die 
Errichtung mächtiger Triumphbogen, die Ausführung lauger 
Inschriften ; sogar die Veränderung einiger Monatsnamen zu 
Ehren des Kaisers zu beschliessen ; jeder Redner glaubte 
damals mit seinem besondern Antrage irgend eine Schmei- 
chelei verbinden zu müssen. Trajan gibt ähnlichen Beschlüs- 
sen des Senates keine Folge. Diese Bescheidenheit ist schö- 
ner als alle Inschriften, denn wenn sein Name auch nicht 
iu Marmor eingegraben ist; so steht er auf den unvergäng- 
lichen Denkmälern der Geschichte. — Ganz ähnlich ist der 
Inhalt von c. 55. Mit grösserer Ausführlichkeit verbreitet 
sich Plinius über die Auszeichnungen, die Trajan zurückwies 
oder bescheiden auswählte; zum ersten Male (ursprünglich) 
wird erwähnt; dass er sich nur Statuen aus Bronze errichten 
liess. Auf vergängliche Inschriften legte er keinen Werth, 



Excurs. 203 

dean er wusste^ 'wo der walire und ewige Ruhm eines Für- 
sten liegt; wo die Ehren zu suchen sind; die nicht durch 
FlammeU; nicht durch das Alter, nicht durch die Nachfolger 
ausgelöscht werden können.' Dieser Gedanke ist mit anderer 
Wendung auch im vorhergehenden Capitel ausgesprochen 
worden. Berücksichtigen wir zugleich, dass hier directe Be- 
ziehungen auf Domitian fehlen, während in c. 54 zu wieder- 
holten Malen mit beissendem Spott auf dessen Regierung 
hingewiesen wird (1, 3), so dürfen wir letztern Abschnitt 
(c. 54) mit grosser Wahrscheinlichkeit als ein Produkt der 
Ueberarbeitung erklären.*) 

Nach diesen Untersuchungen über c. 48 — 55 darf mau 
wol behaupten, dass die Ueberarbeitung hier ohne Sorgfalt 
ausgeführt ist, ein Vorwurf, der schon mehrmals ausgespro- 
chen werden musste da, wo sich die Spuren der zweiten 
Hand entdecken Hessen. Plinius hat das Missliche seiner 
Darstellung selbst gefühlt. Er leitet den folgenden Abschnitt 
mit den Worten ein: Ädnotasse vos crcdo, patres conscripti, 
iam dudum non eligere quae referam. Frapositum est 
mm mihi principem laudare, nmi pmicipis facta (c. 56). Er 
bernöht sich von c. 56 an, in den Thatsachen, auf die er 
eingeht, wieder eine feste chronologische Ordnung einzuhal- 
ten; er fasst hier (bis c. 80) zusammen, was sich auf Trajans 



1) In c. 54 selbst finden sich auffallende Unebenheiten, bo dass man 
geneigt ist, hier eine zweite, in die erste aufgcnummene Einschieb uug 
anzunehmen. 54, 3 heisBt es: Sed quid ego istud admiror (nämlich 
daas Trajan die Schmeicheleien der Bühne nicht duldete), cum eos quo- 
qw honores qui tibi a nobis o/feruntur aut delibare parcissitne aut 
onmno mleas recusare? Die folgende Stelle: Nikil ante (vgl. c. 62, 

3 und 7) tafH vulgare in quo desini sub dlio principe non 

pos$ä handelt von der unwürdigen Lage des Senates unter Domitian 
(nebenbei allerdings auch von den Triumphbogen und Inschriften, die 
önn decernirt wurden), und von seiner unabhängigen Stellung unter 
Ti^an. Dann kommt Plinius auf einmal wieder auf jene für Trtgan 
bachloasenen Ehrenbezeugungen zurück, indem er, nur verständlich in 
iramittelbarem Anschluss an c. 64, 3, die dort gestellte Frage begrün- 
det: Kam plerosque ex decretis Iiononbus et alli non recepcrunt; nemo 
ön/e Uintus fuit ut credendur noluisse decerni. 



204 Johannes Dierauer: Geschichte Trojans. 

zweites und drittes Consulat bezieht. lu diesem Abschnitt« 
scheint die ursprüngliche Form sehr wenig alterirt zu sein. 
Mit Bestimmtheit lassen sich nur zwei Stellen als spätere 
Zusätze ausscheiden. 

Zu Anfang von c. 69 heisst es: Cepisti tarnen et oA- 
fectus nostri et iudicii experimentum, quantum moodmufn prae- 
sens capere potuisti, iUo die quo sollicUudini ptidorique can- 
didaiorum ita consuluisti ne uUius gaudmm alteritis trisUtia 
turbaret. Alii cum laetitia, alii cum spe recesserunt: niuUis 
grattdandum, nemo consölandus fuit, Plinius berührt hier ein- 
leitend eine Thatsache^ die wir ohne genauere Erklärung 
nicht verstehen. Wir erfahren Näheres erst in c. 70. Trajan 
hatte den Quästor einer Provinz seiner Verdienste wegen zum 
Candidaten einer hohem Magistratur empfohlen. Plinius hebt 
nun besonders hervor^ dass der Kaiser diese Verdienste kannte^ 
dass ihm überhaupt nichts entgieng, was in den Provinzen 
geschah^ dass demnach jeder gewissenhafte Beamte auf Be- 
lohnung hoffen konnte: At nunc, si hcne aliquis provinciam 
rexerit, huic quaesita virtute dignitas offertur. Patet enim 
Omnibus honoris et gloriae campus (70, 8). Wenn also ein 
Candidat, der berechtigte Ansprüche auf Beförderung hatte, 
auf Grund eiuer ersten Empfehlung nicht gewählt wurde^ so 
war er seiner Wahl bei einer spätem Gelegenheit gleichwol 
sicher, daher jene Worte: alii cum laetitia (d. h. die Gewähl- 
ten), alii cum spe (d. h. die bei der Wahl Uebergangeneu) 
recesserunt. Was Plinius im zweiten Theile von c. 69 über 
die Rücksichten Trajans gegen junge Männer aus altadeligem 
Geschlechte mittheilt, ist in diesem Zusammenhange durchaus 
heterogen. Im Senate wäre es wenig schicklich gewesen, 
auf diese Bevorzugung der alten Aristokratie aufmerksam 
zu machen; als Publicist konnte es sich Plinius nicht ver- 
sagen, Trajan wegen eines Zuges zu rühmen, den er mdt so 
vieler Genugthuung beobachtete. In c. 69 ist daher die 
Stelle : Nee ideo segnius cet. bis zum Schlüsse (2 — 6) ab ein- 
geschoben zu betrachten. 

Das ganze Capit-el 78 und der grössere Theil von c, 79 



Kxcufs. 205 

(1 — 4)^ d. h. Alles was Plinius über das vierte Consulat 
Trajans bemerkt , ist sicher spatere Hinzufügung. In c. 77 
wird nämlich Trajan als unermüdlicher Arbeiter gerühmt: 
die Arbeit schien für ihn eine Erholung zu sein; die Pflich- 
ten, die das Consulat ihm auferlegte, erfüllte er mit muster- 
hafter Gewissenhaftigkeit (nun folgt der bezeichnete Zusatz). 
Ein Anderer (so heisst es nachher weiter) hätte nach solcher 
Anstrengung wenigstens Müsse und Ruhe gesucht; Trajan 
nahm sogleich nach Niederlegung des Consulates die Arbei- 
ten als Kaiser wieder auf (es folgen Beispiele seiner Thätig- 
keit). Der Satz: Alhis labores (c. 79, 5), 5/ non contimw se 
dfsidiae ac voluptati dedisset, otio tarnen et quiete recreasset cet. 
schliesst sich so bestimmt an c. 77 an und fügt sich so wenig 
mit der eingeschobenen Stelle, dass man sich wieder über 
die nachlässige Arbeit des Autors wundern muss. 

Aus dem Zusätze selbst ergeben sich einige werthvolle 
Winke für die Zeit der Ueberarbeitung. Trajan übernahm 
das vierte Consulat am 1. Januar des Jahres 101. Alles 
deatet nun darauf hin, dass er zur Zeit als Plinius diese 
SteDe schrieb noch nicht Consul war. Wir vernehmen aber, 
dass der Senat sich bemühte, ihn zur Annahme des Amtes 
za bewegen : Quo ifistüis senatus ut susciperes quarttim eon- 
suhtum et rogavU et iuss^it (c. 78, 1). Plinius wünscht mit 
Sehnsucht ihn wieder als Consul zu sehen (79, 3) : Dahiturne 
rursus videre cansulem iUum? Audiet, redetet quas proxhne 
roces, praestabitque gaudium quardum ipse pereipiet? Praesi- 
ddit laetitiae ptMicae, auctor eius et causa, temptabitqtie ad- 

feäus nostroSy ut solet, cohibere, nee poterit? Equideni 

tncoffnüam quandam proximaque maiorem praesumo hetitiani. 
So Imtte Plinius nach schon erfolgtem Antritte des Consu- 
lates nicht geschrieben; ohne Zweifel würde er dann seine 
im Anschlüsse an jene ungeduldigen Fragen nur schüchtern 
ausgesprochene Prophetie bestimmter gefasst haben. Diese 
Stelle ist gewiss vor dem 1. Januar 101 eingeschoben worden. 
Plinius hat daher die Ueberarbeitung seiner gratinrum a^Mo 
in dem letzten Trimester des Jahres 100 vorgenommen. 



206 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

Gegen den Schhiss hin führt uns Plinins noch verschie- 
dene Züge aus Trajans Privatleben vor. In c. 81 schildert 
er ihn als Jäger und Ruderer; in c. 82 stellt er wieder einen 
jener gehässigen Vergleiche an, die den Leser mit Abscheu 
gegen Domitian erfüllen sollen ; in galanten Wendungen lobt 
er in c. 83 und 84 Plotina und Marciana; in c. 85 wird 
Trajan als Freund gepriesen^ die beiden folgenden CSapitel 
zeigen uns in unnützer Breite ein Beispiel seiner Treue; in 
c. 88 endlich vernehmen wir noch; wie Trajan sich gegen 
seine l^Veigelassenen verhielt. lustisne de causis (sagt Plinins 
hierauf noch im gleichen Capiiel, 4) scnaUis poptdnsque Bo- 
manns optimi tibi cognom^m acliedt? Gewiss wurde dieser 
Beschluss nicht wegen der angeführten Züge aus Trajans 
Privatleben, sondern um seiner oflFentlichen Verdienste willen 
gefasst. Diese sind aber in c. 80, dem zweiten Theile von 
c. 79 und von c. 77 an rückwärts erwähnt worden, d. h. 
c. 88, 4 war ursprünglich von c. 80 nicht getrennt und die 
dazwischen liegenden Abschnitte sind spätere Zusätze. Fol- 
gende Beobachtungen unterstützen diese Behauptung. 1) e. 81 
beginnt mit ^quod ^/', einer Doppel-Conjunction, wie wir sie 
im ganzen Panegyricus nicht wieder finden, ausgenommen 
in dem Zusätze von c. 16 (qiwd ifi quis harhams rex), 2) Der 
Anfang von c. 82 lautet fast genau wie der Anfang des später 
eingef&gten Theiles von c. 20; hier heisst es: Quantum dissi- 
miUs illiy qui cd. — dort: Quam dissimüis nuper aUerius 
prineipis transitus. An beiden Stellen ist von Domitian die 
Rede. 3) In c. 84, 3 bemerkt Plinius : Quo quidem admira- 
bilius cxhtimandum est quod mulfh%us dnahus in una domo 
parique fortuna nullum certatnen, nulla contentio est. Sollte 
Plinius den Senat wirklich mit der Thatsache behelligt haben, 
dass sich die beiden Frauen (Plotina und Marciana) trotz 
ihres täglichen Umganges nicht zankten? Solche Dinge an- 
zuführen, wäre der Versammlung wenig würdig gewesen; 
wenn irgendwo, so dringt hier das Bestreben durch, die 
Schrift bei einem nach pikanten Zügen haschenden Publicum 
zu empfehlen. 4) In c. 80, 2 ruft Plinius aus: rem memo- 



Excurs. 207 

riae Utierisqtie mandandnm f Er schreibt also hier mit der 
bestimmt ausgesprochenen Absicht der Veröifentlichung sei- 
nes Werkes; diese Stelle kann daher nicht in der ursprüng- 
lichen Bede gestanden haben. 

Fassen wir die Resultate der vorstehenden Untersuchun- 
gen über die* Form des Panegyricus zusammen, so lässt sich 
Folgendes sagen: Die im Senate gehaltene Rede war plan- 
mässig angelegt; der Vortragende vermied Abschweifungen 
und Anspielungen, die dem Zwecke der gratiarum actio ferne 
lagen, oder deren Anführung sich mit der Würde des Sena- 
tes und des Kaisers nicht vertrug. Bei der Ueberarbeitung 
hat Plinius diesen Plan oft willkürlich zerrissen und, seiner 
persönlichen Neigung folgend, glossenartige, bisweilen ziem- 
lich ausgedehnte Bemerkungen aufgenommen, ohne sich jedes- 
mal um den innern und äussern Zusammenhang des einge- 
schobenen Stückes mit dem vorhergehenden und nachfolgen - 
tlen Theile der Rede zu bekümmern. Eben dieser Umstand 
ermöglicht an vielen Stellet! eine genaue Scheidung. Das 
Lob kunstvoller Anordnung gebührt nur der ursprünglichen, 
nicht aber der jetzigen Form des Panegyricus. 

Die folgende Inhaltsübersicht ist mit Berücksichtigung 
der gewonnenen Resultate zusammengestellt; sie mag das 
Verhaltniss der von mir als Zusätze bezeichneten Theile zu 
dem früheren Umfang, der Rede veranschaulichen.^) 

A- c. 1 — 4. Einleitung. 

B. c. 5 — 24. Trajan bis zum Einzüge in Rom. 

c. 5. Sein Abgang zur Armee nach Obergermanien. 
c. 6. Aufstand der Prätorianer unter Nerva. 

c. 7, 1 — 6. Reflexionen über die Adoption im Allgemeinen, 
c. 7, 7 — c. 8. Adoption. 

c. 9 — 10, 1 — 3. Trajan fügt sich der Entscheidung Nerva's. 
c. 10, 4— 6. Nerva's Tod. 

c. 11. Trajans Pietät gegen seinen verstorbenen Adoptivvater, 
c. 12. Seine Thätigkeit in Deutsphland und an der Donau 
vom Frühjahr 98 an. 

c. 13. Züge aus seinem Lagerleben. 



1) Die eingeschobenen Abschnitte sind zurückgestellt. 



308 Johannes Dierauet: Geschichte Trojans. 

c. 14—15. Seine Laufbahn vor der Erhebung zam Kaiser, 
c. 16, 1—2. Seine Politik gegenüber den Völkerschaiten jen- 
seit der Donau. 

c. 16 (Schluss). Anspielung auf den Krieg gegen die Dacier. 

c 17, 1 — 3. Prophetie auf einen dacLschen Triumph. 
c. 17 (Schluss). Fortsetzung zu c. 16, 1—2. 
c. 18. Trojan stellt die Disciplin im Heere wieder her. 
c. 19. Sein Verhältniss zu den Offizieren, 
c. 20, 1 — 3. Reise aus Deutschland nach Italien. 

c. 20, 4 — 6. Vergleich mit einer Reise Domitiajis. 

c. 21. Der Senat ertheilt ihm den Ehrennamen Pater 
Patriae, 
c 22 — 24. Sein Einzug in Rom. 

C. c. 25 — 55. Trajans administrative und legislatorische 
Thätigkeit nach seinem Einzüge in Rom. 

c. 25. Austhcilung des ersten Congiarium und Donativum. 

c. 26 — 28. Alimentation armer Kinder in Rom. 

c. 29 — 30. Versorgung der städtischen Bevölkerung. 

c. 31 — 32. Ausführungen des Autors über den gleichen 
Gegenstand. 

c. 33. Befriedigimg der Schaulust des Volkes (Gladiatoren- 
spiele). 

c. 34. Einschreiten gegen die Delatoren, 
c. 35. Plinius* spätere Reflexionen. 

e. 36. Die Ansprüche des Aerariums und des Fiscus werden 
regulirt. 

c. 37 — 40. Legislation in Bezug auf die Erbschaftsteuer. 

c. 41. Erlass des Krongeldes. 

c. 42. Anklagen auf M^yest&ts verbrechen werden nicht ge- 
duldet. 

c. 43. Sicherung der Testamente. 

c. 44—45, 4. Trajan berücksichtigt wahres Verdienst. 

c. 45, 5 — 6. Durch sein Beispiel befördert er gute Sitte. 

c. 46. Abschaffung der Pantomimen. 

c. 47, 1 — 2. Begünstigung der Gelehrten. 

c. 47, 3 — 48, 2. Trtgans ZugängUchkeit und Leutseligkeit, 
c. 48, 3 — c. 49, 3. Glosse über Domitian. 

c. 49, 4 — 5. Fortsetzung zu 48, 2. 
c. 49, 6. üeber Domitian. 

c. 49, 7. Fortsetzung. 

c. 50. Er verkauft die unter frühereu Kaisern confiscirten 
Güter. 

c. 51. Tr^ans Bauten vor dem Jahre 101. 

c. 52, 1 — 2 und 6. Trajans Bescheidenheit in Angelegenheiten 
des Cultus. 
c. 52, 3-5 und 7. Domitian wird Trajan gegenübergestellt. 



Excurs. 209 

c 53. Bemerkungen, hervorgerufen durch die eingescho- 
benen Urtheile über Domitian. 

c. 54. Tr^'an duldet Ton Seite des Senates keine Schmei- 
cheleien. 
c. 55. Seine Bescheidenheit gegenüber den Ehrenbezeugungen 
des Senates. 

D. c. 56—89. Trajan als Consul. 

c. 56. Trajans zinreites Consulat im Jahre 98. 

c. 57 — 59. Er verzichtet im Jahre 99 auf das Consulat. 

c. 60—77. Geschichte seines dritten Consulates im Jahre 100. 

(c. 69, 2 — 6. Rücksichten gegen den alten Adel.) 

c. 78—79, 4. Aussicht auf sein viertes Consulat im Jahre 101. 
c- 79, 4—6. Seine Sorge für die Provinzen nach Niederlegung 

des Consulates. 
c. 80. Seine Thätigkeit als Richter. 

c. 81. Trojans Vergnügungen in seiner Erholungszeit. 

c. 82. Domitians Verhalten. 

c. 83. Trigaus Gemahlin Plotina. 

c. 84. Seine Schwester Marciana. 

c. 85—87. Trajan als Freund. 

c. 88^1 — 3. VerhaJtniss zu den Freigelassenen. 
c. 88, 4 — 10. Der Senat ertheilt ihm den Beinamen 'Optimus'. 
c. 89. Nerva und der ältere Trajan werden ihres Sohnes 
wegen glücklich gepriesen. 

E. c. 90 — 93. Plinius dankt in seinem und seines Colle- 
gen Namen für das erlangte Consulat. 

F. c. 94—95. Schluss. 

Gehen wir nun über zur hiätOriscben Kritik des Panegy- 
ricuSy 80 ist vorerst zu bemerken, dass er für die meisten 
auf Trajan sich beziehenden Thatsachen bis zum Jahre 100 
oder 101 geradezu die einzige Quelle bildet. Plinius schrieb, 
so viel lässt sich leicht erkennen, mit genauer Sachkennt- 
niss; seine factischen Mittheilungen über Trajan sind grossten- 
theils aus eigener Anschauung geschöpft und tragen durchaus 
den Stempel der Wahrheit. Wir können uns daher einer 
Prüfung der einzelnen Angaben enthalten; um so mehr wird 
es in unserer Aufgabe liegen, zu untersuchen, welche Ten- 
denzen der Autor bei der Abfassung seiner Schrift verfolgte 
und wie sie auf seine Darstellung einwirkten. 

Ihrer offiziellen Bedeutung nach war Plinius' gratinrum 
actio eine Lobrede. Die Gefahr lag nahe, im Lobe das weise 

Untersuch, z. Rom. Kaiserg-psch. I. X4 



210 Johannes Dierauer: Greschichte Tnyans. 

Mass zu überschreiten und in Schmeichelei zu verfallen. Wie 
verhält sich Plinius in dieser Beziehung? 

In c. 1, 6 spricht er seine Absicht deuthch aus: Qho 

magis aptum piumque est, te, luppiter opfime maxitne 

prccari ut mihi digna conside, digna senatu, digna prin/^lpt 
contingat oratio, utque omnihus qiiae dicentur a nie lihertaa 
fidrs veritas constet, tantumque a specie adulationis absit 
gratiarum actio mea quantum äbest a tiecessiiaie. c. 2, 3: 
Nusquam uU deo, nusquam ut ntmiini hlandiamur. Er will 
sich massiger Zurückhaltung befleissen, c. 3, 1. 2: Igiinr 
quod teniperamentum omnes in illo suhito pidatia calore sora- 
vimus, hoc singidi quoque nieditatiquc tencamus. Quan- 
tum ad me pertinet, laborabo ut orationem meam ad 7nodestiam 
principis modcrationenique snmmittam. Allein es zeigt sich, 
dass er trotz dieses rühmlichen Vorsatzes sich wiederholt 
bewusste Schmeichelei zu Schulden kommen lässt. 

In c. 9 z. B. wird Trajan gelobt, wo er es offenbar niclit 
verdient. Nie habe er, sagt Plinius, die Gesinnungen eines 
treuen Unterthanen lebhafter gezeigt, als unmittelbar nac/i 
der Adoption, denn: lam Caesar, iam imperator, iam Grr- 
manicus, ahsens et ignartis, et post tanta nomina, qu/intum od 
te pertinet, privatns. Magnum videretnr, si dicarm Nescistf 
te impcratorem futurum: i^as iy}}peraU)r, et esse te nescieha^. 
Trajan war zur Zeit der in Rom verkündeten Adoption am 
Rhein, konnte also seine Erhebung nicht im gleichen Mo- 
mente erfahren. Selbstverständlich blieb er factisch so l&ngo 
ein einfacher Unterthan, bis die Botschaft von der Adoption 
in Germanien anlangte, deswegen kommt ihm aber nicht das 
geringste Verdienst zu. Mit Recht bemerkt Burnouf (p. 172) 
zu dieser Stelle: PI ine! donne ä ton heros des vertus q»^ 
Varrivee d'un courrier ne fasse pas evanouir. 

£inen überaus peinlichen Eindruck macht die Stelle über 
die Abschaffung der Pantomimenspiele, c. 46: Obtinuit nli- 
quis {Domitianns) ut spectactdum pnntomiinornm popidni^ 
liomanus tolli pateretur. Rngatus es tu quod eogebat alini^* 
coepitque esse bntefteium quod vnessitas fuerat, Neque (*fu^» 



Excurs. 211 

a te minore concentti ut tolleres pantomimos quam a patre tuo 
nt restitticret e^actum est. Utmmque recte: nam et restitui 
oportehat quos sustulcrat malus princeps et tolli 
restitutos. In Jus enim, qua/i a malis benc fiunt, hie teneyi- 
(Ins est modus, ut aäpareat auctorem displieuisse, non 
factum. Indem PHnius seinem Helden gegenüber den ent- 
gegengesetzten Verordnungen Domitians und Nerva's auf alle 
J?^lle noch einiges Lob vindiciren will, lässt er sich zur Auf- 
stellung einer geradezu absurden Theorie verleiten. Zugleich 
lobt er Trajan gegen seine eigene Ueberzeugung; er kann 
kanm verschweigen, wie ungern er die Pantomimen auf der 
Bühne vermisst, obschon er sich offenbar zu denjenigen 
gezahlt wissen will, die Trajan zu jenem Verbote bewogen. 
Er würde die Massregel als eine strenge bezeichnen, wenn 
sie nicht unter allgemeiner (sei es scheinbarer oder wirk- 
licher) Zustimmung erfolgt wäre : ex quo manifestum est prin- 
eipitm disciplirmm eapfre etiam vulgus, eum rem, si ab uno 
fiat, severissimam fe^erint ovimis (46, 5); er scheut sich nicht 
zu sagen: Itaque nemo de severitate tua querifur, et libe- 
rttm est qtieri. Plinius sucht also eine ihm selbst unbequeme, 
überhaupt eine gewiss unpopuläre Verordnung zu Gunsten 
Trajans zu wenden. Dass sie unpopulär war, lässt sich nicht 
bezweifeln. Denn wenn Nerva nach Plinius' eigener Andeu- 
tung das Edict Domitians auf dringende Bitten des Volkes 
widerrief, und andererseits sicher ist, dass Trajan nach einigen 
Jahren sein Verbot wieder aufhob (Dio Cass, LXVIII, 10), 
so kann unmöglich eine plötzliche Sinnesänderung des römi- 
schen Publikums der Grund für jenes Verbot gewesen sein, 
wie Plinius weiterhin (46, 4) behauptet; die vorübergehende 
Bestimmung lässt vielmehr etwa auf vorgekommene Excesse 
der Schauspieler schliessen. 

Zu wiederholten Malen wird Trajan mit den Göttern 
verglichen. *Ich fürchte nicht, sagt Plinius c. 3, seine Gunst 
oder sein Missfallen zu erregen, je nachdem ich seine Thaten 
genügend oder zu wenig hervorheben werde : animadverto 
enim deos ipsos non tarn aeeurafis adorantium preeibuSj 

14* 



212 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

quam innocentia et sanctitate laetarV In c. 80 rühmt er seine 
unermüdliche Thätigkeit nach Niederlegung des Consulates 
im Jahre 100. Wie die Sonne, sehe und höre er Alles, und 
wohin er gerufen werde, da sei er schnell wie ein Gott 
ge*genwärtig und zur Unterstützung bereit. Nun folgt eine 
Vergleichung mit Juppiter: Talia esse crediderim qiiae ipse 
mundi parens temperat nutu, si quando octdos deniisit in ter- 
ras et fata mortalium inter divina opera numerare dignatm 
est : qua nunc parte Über solutusque, tantum caelo vacat, post- 
quam te dedit, qui erga omne hominum genus vice stta fun- 
gereris. Hier besonders ist die Schmeichelei offenbar; Pliuiiis 
kann im Ernste nicht geglaubt haben, dass Juppiter seiner 
Sorge für die irdischen Angelegenheiten durch die Herrschaft 
Trajans entledigt sei. In c. 74 wird Trajan geradezu den 
Göttern als Beispiel hingestellt: Quid enim. feliüius nobis, 
quibus non tarn iUud optandum est ut nos diligat princeps, sed 
dii quemadmodum princeps? Civitas religionibus deditn 
semperque deorum indulgentiam pietate mcrita nihil feliciiaii 
suae putat adstrui posse nisi ut dii Caesarem imitentur. 
Noch weiter geht Plinius in c. 50, 4, wo er im Anschluss 
an die Bemerkung, dass Trajan einer Bestimmung über das 
Erbschaftsgesetz rückwirkende Kraft verlieh, ausruft: At in 
praeteritum subvenire ne dii quidem possunt: tu t^imen sub- 
venisti. Diese Stellen reimen sich sehr wenig mit der aus- 
gesprochenen Absicht, Trajan niemals wie einem Gotte oder 
einem gottlichen Wesen schmeicheln zu wollen. Zu einiger 
Entschuldigung des Autors lässt sich anführen, dass zu jener 
Zeit der Glaube an die göttliche Natur des Kaisers wirklich 
Wurzel geschlagen hatte. Der Name Augustus, den der 
Kaiser trug, bezeichnete ja den von den Gröttern Auserwähl- 
ten; nach seinem Tode und nach erfolgter Apotheose wurde 
ihm in officiellem Cultus göttliche Verehrung zu Theil; diese 
knüpfte sich ganz natürlich schon an den Lebenden. Auch 
Plinius mochte von der Göttlichkeit Trajans überzeugt sein, 
wenigstens legt er ausserordentliches Gewicht auf dessen 
besondere, durch höhern Willen erfolgte Auswahl, c. 5: An 



Excurs. 213 

fas erat nihil differre itUer imperatorem (piem liomiiies et quem 
(Ui fecissetü? quorum quidetn in te^ Caesar Auguste, iudicium 
ei favor turw statim, cum ad exercitum profieiscereris et quideni 
inusüato ifidicio enotuit (es wird dann erzählt ^ wie das Volk 
ihn, d. h. vielmehr Juppiter, vor seinem Abgange zur Armee 
als Imperator begrüsste). Mehrmals kommt er auf diesen 
Gegenstand zurück, vgl. c. 23, 4; c. 94, 4: Tu (Plinius wendet 
sich an Juppiter) clara iudicii tut Signa misisti cum profi- 
ciscenti ad exercitum tuo nomine, tuo honorc cessisti. Immer- 
hin aber lässt sich nicht verkennen, dass Plinius in den 
erwähnten Stellen dem allgemeinen Gefühl von der höhern 
Natur des Kaisers übertriebenen Ausdruck gegeben hat. 

Der oben ausgesprochene Vorwurf bewusster Schmeichelei 
ist also begründet; aber er beschränkt sich doch nur auf 
vereinzelte Theile der Bede. Es wäre ungerecht, auf Grund 
der angeführten Beispiele den Autor der völlig tendenz- 
massigen Schmeichelei beschuldigen zu wollen. Uebertrei- 
bong und officielles Lob sind wol auseinander zu halten; 
wie im Anfang dieses Excurses bemerkt worden ist, lag es 
im Wesen der gratiarum actio, dass sie einem guten Kaiser 
gegenüber ausschliesslich zur laudatio werden musste. Eine 
eigentliche Tendenz liegt ganz anderswo: sie ist in denjeni- 
gen Theilen des Panegyricus ausgesprochen, die gegen Do- 
mitian gerichtet sind. Wir gehen auf dieses Verhältniss, 
das für das Verständniss der Rede von entscheidender Bedeu- 
tung ist, näher ein. 

Plinius hasste Domitian aus mehreren Gründen. Er 
hatte die unwürdige Lage getheilt, in der sich die Senatoren 
in den letzten Jahren seiner Regierung befanden. Sein 
Staudesgefühl war tief verletzt, imd seine Entrüstung nährte 
sieh au der allgemeinen Reaction, die mit der Erhebung 
Nenra's eintrat und bis in die ersten Jahre Trajans fort- 
dauerte. Mehrere seiner Freunde waren dem unsinnigen 
Begiment zum Opfer gefallen (Paneg. c. 90); ihn selbst 
bätte, wie er wenigstens mit Sicherheit annimmt, bei län- 
gerem Leben Domitians das gleiche Schicksal getroffen 



1 



214 Johannes Dierauor: Geschichte Trajans. 

(Epist. VII, 27; 14). Dazu kaiu, dass ihn Domitiau nicht 
seinen Wünschen oder vielmehr seinen Verdiensten gemäss 
befördert hatte. Zwar gibt er vor, er habe (nach der Pratiir 
im Jahre 93) freiwillig den hohem Magistraturen entsagt: 
si cursu quodam provcdns ab iüo insidiosissimo princfj^c aiitv 
quam profiteretHr odium hmwrum, iwstqiiam profcssus est, sub- 
sistiy et cum ciderem quac ad hmiorcs conpendia paterent, lofi- 
(jlus iter malui (Paneg. c. 95). Aber andere Stellen lassen 
über seine eigentliche Gesinnung keinen Zweifel: Hahucj-af 
hunc honorem xyericulis nosfris diviis Ncrva ut nos, ctsi niinn.^ 
nt honoSy pro movere v eilet, quia mufatl saecidl Signum 
et hoc esset, quod florefcnt quorum praceipmim votum anir 
fiierat ut memoriae pi^incipis elaherentur (c. 90). Er weiss also 
Nerva grossen Dank für die Berücksichtigung der Ansprüche, 
die er, sei es mit Recht oder Unrecht, zu haben glaubte. 
Noch deutlicher tritt das gekränkte Gefühl der Zurücksetzung 
unter Domitian und die Freude über die nunmehrige Beför- 
derung in c. 44 durch: Arnos const<intiam civkim rcctos- 

m 

que ac vividos animos non, ut alii, contundis ac 
deprimis, sed foves et attollis. Prodest bonos esse, cum 
Sit satis abundeque, si non nocet: Ins honores. Ins sacerdoiia, 
his procincias öfters: lii amicltia tua, hi iudicio florenf. Au 
einen freiwilligen Rücktritt nach dem Jahre 93 ist also nicht 
zu denken. Genug, jene dem allgemeinen Standesbewusst- 
sein und diese seinen persönlichen Interessen widerfahreneu 
Verletzungen führen ihn unter dem Einflüsse einer überhaupt 
kleinlichen Gesinnung zu bittern Schmähungen gegen Domi- 
tian. Er ergreift jede Gelegenheit, sein Andenken zu brand- 
marken; er zeichnet ihn fast immer mit den schwärzesten 
Farben, wobei es natürlich nicht fehlen kann, dass er wie 
jeder leidenschaftliche Autor höchst ungerecht wird. So ver- 
dächtigt er in c. 46 eine an und für sich lobenswerthe Ver- 
ordnung Domitians über die Pantomimenspiele. Domitiau 
freute sich, behauptet Plinius, mehr über die Laster als über 
die Tugenden der Bürger (c. 45) ; im Bewusstsein aller Laster 
hat er die Wissenschaften weniger aus Abneigung als aus 



Kxcars. 215 

Schamgefühl yerbanut (c. 47), eine Behauptung, die sowol 
thatäächlich als dem Principe nach falsch ist, die wir aber 
in ähnlicher Weise auch bei Tacitus finden (Agricol. c. 2). 
Domitian war *eiu wildes Ungeheuer, das seijie Wohnung 
mit einer Schreckenswehr befestigte, das sich . bald einschloss, 
wie in eine Hohle, um das Blut von Verwandten einzu- 
richlurfen, bald hervorstürzte zum Morde der angesehensten 
Bürger.' Ad haec, heisst es weiter (c. 48), ijjse occursu quo- 
'lue visuque teririhilis, ira in oadis, femineiis j)all<)r in corpore, 
in ore inpudentia mtdto rubore sufpiisa. Wie viel würdiger 
ist doch Tacitus' Sprache, da wo er seinem gerechten Ab- 
scheu gegen die Herrschaft Domitians in den letzten Regie- 
niugsjahren Ausdruck gibt (Agric. c. 45)! Und doch ist 
Plinius' Rhetorik mit diesen widerlichen Schilderungen noch 
nicht erschöpft. In c. 49 stellt er die Mahlzeiten Domitians 
denjenigen Trajans gegenüber und entwirft dabei die gehäs- 
äigsten Züge, die je über ihn geschrieben worden sind, durch- 
aus unwahr, wie aus einer Vergleichung mit Sueton (Dom. 
c. 21) klar genug hervorgeht. Aehnliche Auslassungen wieder- 
holen sich in c. 63, 3: Nam alii mar cid i somno hcster- 
naquc cena redundantes comitiorum snorum mmtios 
f>iq)cri€bantHr, und 63, (5, 7: Pleriqiie tarnen non tarn supcrhia 
([uammctu qiwdam summovebantitr (nämlich von den Comitien). 
-in, stuprorum sibi incestariimquc noctium conscii 
(.vgl. c. 49, 7: rursus te ad clandestinam gaticam occuUiim- 
que hixtwi refers), auspicia polluerc saeratumqm campum 
nefario auderent contaminare vestiffio? — In c. 81 erfahren 
wir, dass Trajan ein gewandter Ruderer war. Wenn Domi- 
tian den Muth nicht hatte, sich in gleicher Weise auf das 
unruhige Meer hinaus zu wagen, wenn er sich vielleicht nur 
mit Widerstreben dem schwankenden Schiffe anvertraute, so 
wird ihm deswegen Niemand im Ernste einen Vorwurf machen 
wollen. Aber Plinius beutet diesen Umstand in c. 82 nach 
seiner Weise aus. 'Wie wenig gleicht Trajan jenem andern 
Kaiser, der nicht die Ruhe des Albanersee's, nicht die träge 
Stille der Gewässer von Bajae, ja nicht einmal den Stoss 



216 Johannes Dierauer: Geschichte Trajans. 

uud das Kuarren der Ruder ertragen konute, ohne bei jedem 
Schlage in thörichter Furcht zu erzittern! Daher wurde er 
fem von jedem Geräusch und jeder Erschütterung unbeYreg- 
lich auf einem Schleppschiffe gleich einem Sühnopfer dahin- 
gezogen. Welch hässlicher Anblick! Der Kaiser des römi- 
schen Volkes folgte wie ein erbeutetes Fahrzeug einer Rich- 
tung^ die er nicht bestimmte und einem fremden Steuermann. 
Und die Flüsse und Ströme sogar waren Zeugen dieser Un- 
würdigkeit. Die Donau und der Rhein hatten das Vergnügen, 
jenes Abbild unserer Schmach zu tragen^ was uns zu um so 
grösserer Schande gereichte, als nicht nur die röniischeu 
Adler, die römischen Feldzeichen, überhaupt das romische 
Ufer, sondern auch das feindliche solche Dinge sahen. ' 
Dergleichen Declamationen erscheinen geradezu lächerlich. 
Man erkennt, dass Plinius über seinen Rachezügen gegen 
Domitian eine sichtliche Freude empfindet. Er wühlt sich 
mit Behagen in anstössige Gebiete hinein und lässt seiner 
Phantasie freien Lauf, unbekümmert um die Verzerrung der 
Wahrheit. Ist doch nach seiner Ansicht das eines der gröss- 
ten Verdienste Trajans, dass man unter seiner Regierung 
die schlechten Kaiser ohne Gefahr verfolgen kann (c. 53, 3), 
dass es erlaubt ist, täglich an ihnen Rache zu nehmen und 
durch dieses Beispiel den zukünftigen Tyrannen zu zeigen, 
Mass es keinen Ort, keine Zeit gibt, in welcher ihre Manen 
vor den Verwünschungen der Nachwelt Ruhe finden' (c. 53, 5), 
Auf den ersten Blick scheint es, als ob die geflissent- 
liche Gegenüberstellung Domitians, wie sie sich ausser den 
angeführten Beispielen an zahlreichen andern Stellen wieder- 
holt, nur dazu diene, die Tugenden und Verdienste Trajans 
in helleres Licht zu stellen. In der That will Plinius den 
Leser von einer solchen Absicht überzeugen ; er sagt zu An- 
fang von c. 53 : Omniaj patres conscriptiy quae de cHiis prin- 
cipiJms a nie dieuntur aut dieta simt eo pertinent ut ostendam 
qiuitn lofiga consuetudine corruptos depravatosqm mores prin- 
dpatus parcm noster reformet et corrigat: all o quin nihil 
non purum grate sine eonparatione laudatur. Aber 



r 



Excurs. 217 

wenn sich auch manche Parallelen gleichsam von selbst 
boten und die Darstellung unbeschadet der historischen Treue 
lebendiger und anschaulicher machten (vgl. c. 20, 4, wo sich 
(illerdings einige Uebertreibung eingeschlichen haben mag; 
e. 34, 1, 2; c. 54; c. 58, 1), so sind andere Vergleiche ge- 
sucht und lassen neben dem Abscheu, der gegen Domitian 
erregt wird, die Bewunderung für Trajan nicht aufkommen. 
Aus der Schilderung, die Plinius z. B. von den Tafelgenüssen 
lH>mitians entwirft (c. 49), resultirt für Trajan einfach das 
zweifelhafte Lob: * Tu non es porcus^ um mich der Worte 
eines Conmientators zu bedienen. In der That werden wir 
(liirch den Contrast nur selten in höherem Masse zu Gunsten 
Trajans gestimmt, als durch die einfache Hervorhebung sei- 
ner Verdienste. Zugleich haben wir in unserer formalen 
Intersuchung beobachtet, dass die meisten Ausfalle gegen 
lH)mitian spätere Zusätze sind; ohne Zweifel würde sie Pli- 
uius schon in seinen Vortrag aufgenommen haben, wenn er 
darin ein passendes Mittel erkannt hätte, den Ruhm seines 
Helden zu erhöhen. Die Rücksicht auf Trajan tritt also 
zurück und es bleibt die schroffe Tendenz gegen Domitian, 
darin bestehend, dass mit Bezug auf diesen Kaiser aus Grün- 
den persönlichen Hasses und allgemeiner Parteileidenschaft 
die Wahrheit absichtlich zu dessen Nachtheil entstellt wird, 
iür eine Geschichte Domitians ist daher Plinius' Panegyricus 
niit grosser Vorsicht zu benutzen. 



Inhaltsübersicht. 



Seil- 

Erster Abßclmitfc. Trajans Aufkommen und erste Regie- 
rungsjahre , 3 — 62. 

Abstammung und Familienverhältnisse 3. 

Geschichte Trajans vor seiner Erhebung 9. 

Er wird Consul im Jahre 91, Legat von Obergermauien unter 

Nerva, von diesem adoptirt im October 97 19. 

Trajan Mitregent ■ . . . . t!5. 

Nervals Tod 27. 

Trajans Verdienste um die Grenzsicherung des Reiches gegen 

die Germanen :>9. 

Einzug in Rom 35. 

Seine äussere Erscheinung 36. 

Verhältniss zum Senate, zu den Soldaten, zum Volke . . . 37. 

Privatleben 45. 

Bildung 49. 

Administrative und legislatorische Thätigkeit in Rom in 

den Jahren 99 — 101. Sorge für die persönliche Sicherheit 

der Staatsangehörigen. Getreidezufuhr. Alimentationen. 

Bauten 52. 

Zweiter Abschnitt.- Die dacischon Expeditionen . . . 63—112. 

Dacische Geschichten vor Trajan 63. 

Vorbereitungen srum Kriege. Strassenanlagcn. Auswahl der 

Truppen. Offiziere 72. 

Erster Krieg gegen Decebalus, 101 — 102 81. 

Dacien wird unter römische Oberhoheit gebracht. Triumph 

im J. 102 91. 

Die Donaubrücke 95. 

Der zweite dacische Krieg, 105 -—106 98. 

Decebalus' Tod 102. 

Dacien eine römische Provinz 102. 

Triumph des Jahres 106 10.5. 

Literatur 108. 

Die Trajanssäule nach ihrer historischen Bedeutung . . . 110. 

Eroberung Arabiens durch Au. Cornelius Tiilma 111. 



Inhaltsübersicht. 219 

Sfilo 

Thitter Abschnitt. Provinzialverwaltung und Bauten 113—151. 

Sorge £\ir die Finanzen der Provinzen 114. 

Truppen 116. 

Geheime Gesellschaften 117. 

Entscheidungen über religiöse Angelegenheiten. Dccret mit 

Bezug auf die Christen HB. 

Bechtliche Verfügungen 1<20. 

Sorge für die Erleichterung des Verkehrs in Italien und in 

den Provinzen 1*27. 

Seehäfen 129. 

KanaJbauten 131. 

Wasserleitungen 132. 

Das trajanischc Forum: der Triumphbogen, das eigentliche 

Forum, die Basilica, die Bibliotheken, der Tempel des Divus 

Traianus, die Säule 133. 

Der Architect ApoUodor Vertreter der griechisch - römischen 

Kunstrichtung 149. 

Vierter Abschnitt. Die Kriege im Oriente 152-— 186. 

Der armenische Krieg im J. 114. Armeuicu eine römische 

Provinz 152. 

Der mesopotamische Feldzug im J. 115. Die Provinz Meso- 
potamien 164. 

Trajan Parthicus, gegen Ende 115 166. 

Erdbeben in Antiocliia. Hinrichtung des Bischofs Ignatius . 167. 

Feldzug gegen Adiabene im J. 116 170. 

Einnahme von Ktesiphon. Die Provinz Assyrien 172. 

Expedition an den persischen Golf 173. 

Aufstand in Mesopotamien und Armenien 174. 

Trajan gibt den Parthern einen König 177. 

Sein Missgeschick vor Atra 181. 

Der Judenaufstand d. J. 117 182. 

Trajans Tod in Selinus im August 117 184. 

Hadrian zum Kaiser ausgerufen 185. 

Der Triumph des Divus Traianus in Rom 180. 

Ezcurs zu Plinius' Panegyricus 187. 



COMMODUS 



EIN BEITRAG ZUR KRITIK DER HISTORIEN 



HERODIANS 



VON 



JOHANNES ZÜRCHER 



I. ttuellenkritik.') 

x\. Allgemeines über die drei Hauptschriftsteller. 

1. Bio Cassins. 

Dio Cassius hatte zuerst ein Werk über die Träume und 
Wiuider gescbrieben, auf welche gestützt der Kaiser Septi- 
mius Severus die Herrschaft erwartete. Er sandte die- 
sem sein Werk zu und empfieng (72. 23) einen schmeichel- 
haften Dankesbrief. Auf dieses hin fasste Dio Cassius neuen 
Math, er glaubte einen göttlichen Befehl zum Niederschreiben 
<ler Geschichte seiner Zeit (icTopta) zu erhalten und publicierte 
zunächst, wahrscheinlich im Jahre 195, keinesfalls erheblich 
später — wie Reimarus II, 1536 seiner Ausgabe darthut — 
die von Commodus' Regierung. Die Schrift fand Beifall, und 
nach vielen Jahren nahm sie der Verfasser als Buch LXXII in 
sein grosses Geschichtswerk auf. Dio Cassius hatte an den 
Ereignissen unter Conunodus selbst als Senator Antheil, wie er 
uns 72. 4 versichert: X^yu) bi. laÖTct xe kqi xd Xomd ouk iE 



1) Nachfolgende Schriften sind nur nach dem Namen doB Verfassers 
oder Herausgebers citiert: 

Orelli u. Henzen: Inscriptionum Latinarum selectarum amplisshna 
nAleäio 3 voll. 

Jo. Eckhel: Doctrina numorum veterum t. VII. 1797. 

n. Cohen: Montiaies frappee» sons Veinpire Umnain t. III. 1860. 

TiUemont: Histoire des Empereurs roinains. t. II. 1691. 

Gibbon: The histary of tke declin^ and fall of the JRoman tnupirc 
ni Müman t I. 1840. 

Edwin Volkmann: De Herodiani viia scriptis fideque. Königsberg 
lft59. 

R, Sievers: Der Historiker Horodianus (Philologub XXVI) 1867, 



224 Johannes Zürcher: Commodus. 

dXXoTpiac fri Trapaboceuüc dXX' ll okeiac ffir] TnprjceuK:, ebenso 
72. 16, wo er von seiner Stellung als Senator spricht, -wie 
er uns besonders 72. 21 wohl das lebhafteste Bild von der 
Lage unter Commodus gibt. Seine Darstellung trägt den 
Stempel der Wahrheit an sich; keine authentische Nachricht 
liegt gegen irgend eine seiner Angaben aus Commodus' Re- 
gierung vor; man wird ihm daher auch in dieser Periode 
folgen, wo er allen jüngeren Quellen gegenüber allein steht, 
und nur bedauern, dass seine Geschichte in dem Aus- 
zuge des Xiphilinus nicht ausführlicher auf uns gekonuneu 
ist oder ursprünglich in einzelnen Theilen überhaupt ange- 
legt war, wie er denn durch seine Kürze z. B. über den 
Frieden des Commodus mit den Marcomannen und Buren 
etwas dunkel wird. 

2. Aelius Latnpridius (scriptt. bist. Aug. ed. Peter 1865). 

Seine Nachrichten besonders über das Privatleben des Com- 
modus sind sehr zahlreich; man wird daraus besonders für 
Sittengeschichte schöpfen können, darf aber nie die Nach- 
lässigkeit vergessen, mit der dieser Geschichtschreiber der 
Diocletianischen Zeit verfährt. -Vieles beruht nur auf Gerüch- 
ten, persönlichen Meinungen (5 lU didtur, 8 quanlum intelli- 
giiur, 11 diciiur), vieles wird wiederholt und zwar fast ohne 
Abweichungen, so z. B. wird K. 2 gesagt: 

cum patre imperator est appellaius V kaL Dec. die Po/- 
Hone et Apro consulibus; imd K. 12: 

cum patre appellaius imperator V kaL Exsuperatarias 
Pollione et Apro Herum consulibus — das Letztere nach offi- 
cieller Aufzeichnung aus Commodus' Zeit. 

In Kap. 11 widersprechen sich die Nachrichten über die 
neuen Monatsnamen, der October wird bald Invictus bald 
Herculeus genannt. Ordnung herrscht besonders in den 
ersten Kapiteln wenig, wo durcheinander geworfen wird, was 
sich auf das öffentliche und das private Leben, auf Commo- 
dus vor und nach seiner Thronbesteigung bezieht. 



I. Quellenkritik. ^25 

Doch ungeachtet solcher Schattenseiten muss diese Arbeit 
werth gehalten werden: sie ergänzt sehr oft Dio, gibt uns 
i\ie Namen der handelnden Personen und zieht Vieles aus 
Quellen, die den geschilderten Ereignissen zeitgenössish waren. 

1. Marius Maiimus scheint die Hauptquelle zu bilden, 
wie er denn mehrere Male (c. 13. 15. 18) erwähnt 
wird ; wir können nicht sagen, ob dieser bereits hatte 
was Lampridius 

2. aus officiellen Schriften und aus Inschriften für seine 
Darstellung ziehen konnte. 

3. Dio Cassius ist wahrscheinlich an folgender Stelle 
benutzt : 

Dio 72. 20. Lampridius 9. 

KQi ^iiict€uGt] T€ outoc 6 XÖTOC, ^irei- 
bTJ 7roT€ Trdvrac toüc t&v Troboiv iv Debiles pedibus et eos qui 

m 

T^ iröXet viro vöcou f| ^r^pac tivöc ambtdare non posseni in 
cu^q>opdc dcrepriM^vouc dOpoicac, bpa- gigantum modum formavit, 
KÖVTUJV li Tiva auToic eTbi] ircpi tci Ha ut a genibtis de pan- 
TÖvora Ttepi^TrXeEe , xai ciröffouc nis et linteis quasi dracones 
dvTi XiOuiv ßdXXeiv bouc dTr^KTeiv^ degererentur eosdemque sa- 
cqKxc ^OTrdXui Ttaiujv tbc T^TCiVTac. gittis confecit — clava 

— homines multos afßixit. 

4. Herodian wird nie genannt, es lassen sich aber doch 
auf ihn sofort folgende Notizen zurückführen : 
Herodian I. 8: 8c TTpoeme tö ßeßouXeuim^vov iLiäXXov 

\ fbpacc, 
Lampridius 4: detexit facinus fatuus nee implevit, 
Herodian I. 11: CTiaviiuc toTc brjjuoic ^irecpaivexo. 
Lampr. 5: (post haec!) nunquam facile in publicum 

processit. 
Herodian I. 8: ifj toö {lieipaKiou dTTOXpibliicvoc f)XiKia 

iK€ivoc €iac£V auTÖv xpufpaic cxoXd2[ovTa Kai Kpai- 

TfdXaic — irScav Tf)v bioiKriciv rflc dpxflc aÖTÖc 

dveb^Earo. 
Lampr. 5: Commodi persciens irivenit, quemadmodum 

ipse potens esset; nnm persuasit Commodo, ut ipse 

InUrsach. z. lUmi. Kaiseraoscli. T. 15 



226 Johannes Zürcher: Commodus. 

delictis vacaret, idem vero .Perennis curis incum- 

beret. 
Herodian I. 7 : ?iv d^ioO^atoc cuijuaTÖc tc cu^^e- 

Tpiqt . . . 
Lampr. 17 : fuit forma quidem corporis iusia. 

3. Uerodianus. 

Wir besitzen unter dem Namen des Herodian eine ro- 
mische Kaisergeschichte ^ die mit dem Tode des Mark Aurel 
beginnt und mit der Thronbesteigung von Gordian III. 
schliesst; sie umfasst so den Zeitraum von 180 — 238, d. h. 
58 Jahre. Herodian beabsichtigt nach I. 1 die Geschichte 
von 60 Jahren zu schreiben, nach ü. 15 dagegen von 70 
Jahren. Dies beweist zum wenigsten, dass unser Autor alles 
in einem Zuge schrieb und die Abfassung seines Werkes nach 
138 zu setzen ist; er ist demnach von den für uns in Frage 
kommenden Ereignissen zeitlich weit entfernt; hat er wirklich 
einen Antheil daran genommen, wie er I. 2 versichert: S 
bk iLiexä Tf|v MdpKou xeXeuT^v Trapd ndvTa xöv djuauroO ßiov 
elbov T€ Kai fJKOuca, ?cti b' iLv Kai Treipa ili€t^cxov iv ßaciXi- 
KaTc f\ biiiLiociaic uTrrjpeciaic TevöjLievoc, raOra cvvifpa\\>a, so 
war er damals sehr jung und hatte bei Niederschreibung sei- 
nes Werkes ein hohes Alter erreicht. 

Man kann immerhin annehmen, dass er Materialien im 
Laufe seines Lebens gesammelt und sie dann geordnet habe; 
aber er sagt das nirgends ausdrücklich. Andere Quellen 
werden in dem ersten Buche in Bezug auf das Leben des 
Commodus nicht erwähnt, er scheint auch nach der Ein- 
leitung in sein Geschichtswerk kein grosses Gewicht auf 
solche Hülfsmittel zu legen. Dieses erste Kapitel zeigt uns 
einen Autor, der die grösste Zuversicht in seine Angaben 
setzt : bis jetzt haben viele in ihren Aufzeichnungen die Walir- 
heit vernachlässigt, indem sie ihre Werke ausschmückten 
oder nicht frei von persönlichen Neigungen geblieben seien; 
die sie in die Geschichte eintreten Hessen, er aber wolle nicht 
in diese Fehler fallen. Allein im nämlichen Augenblicke 



I. Quellenkritik. 227 

gesteht er zu, dass er dem Leser vor allem angenehm sein 
mochte: ouk dTepirfi Tf|v tvuiciv Kai toTc öciepov ?c€c6ai trpoc- 
boKncac €pTiMV fietdXuiV te Kai ttoXXuiv dv öXiTUJ XP<ivij) T€- 
vo^€vu^v und föUt dadurch zu denen zurück, die die Form 
über den Inhalt setzen. Hier liegt der Kern der ganzen 
Darstellung des Herodian, man lese das ganze erste Buch 
durch und man wird finden, dass er alle Ereignisse mit 
Blumen umwindet. Er sucht das Bunte, so findet er, dass 
die sechzig tumultvollen Jahre ein ausgezeichneter StofF sind; 
in diesen Jahren regierten viele Fürsten , wurde manche Stadt 
erobert, kamen grosse Naturereignisse vor. 

Seine Selbstanpreisungen haben viele verführt, im Alter- 
thome haben die Scriptores Historiae Augustae, Ammianus 
Marcellinus, Zosimus, später hat Zonaras seine Berichte als 
richtig hingenommen; Männer ersten Ranges der Neuzeit 
wieTillemont und Gibbon legten Herodian ihrer Darstellung 
hauptsächlich zu Grunde. Man hat die Widersprüche nicht 
verkannt, allein man war gegenüber Herodian sehr gutmüthig ; 
Reimarus zuerst hat Dio Cassius vielfach gegenüber Herodian 
geschützt, und in Einzelarbeiten haben Wolf, Volkmann und 
Sievers mehrere Fragen über die historische Treue des Hero- 
dian untersucht. 

Ich bin in Bezug auf das erste Buch zu dem Resultate 
gekommen, dass man das Zeugniss Herodians nur dann an- 
nehmen kann, wenn es mit dem der übrigen Quellen im 
Einklänge ist; wo er abweicht oder weiter ausführt, da kann 
man ihm in der Darstellung des Lebens des Kaisers Commo- 
dus nicht folgen. Man wird in dem Folgenden die Kritik 
der einzelnen Angaben des Herodian finden,, es sei hier in- 
dessen erlaubt, einige allgemeine Bemerkimgen zu machen. 

Die Darstellung des Herodian ist allgemein gehalten, er 
kennt nur die Namen der hauptsächlichsten Persönlichkeiten, 
^bt nirgends Ort und Zeit genau an (Tod Mark Aureis, 
Aller des Commodus); Specialnachrichten, von denen man 
^>ei den übrigen Autoren keine Kunde ßnde, kommen gar 
nicht vor; über die Hauptereignisse sind seine Angaben bei- 



228 . .lohannea Zürcher: Commodus. 

nahe immer unrichtig (Charakter des Commodus, Perennis, 
Cleander, Ermordung des Kaisers), es handelt sich hier nicht 
nur um seine weiten Ausführungen, sondern um den Kern 
der Begebenheiten. Herodian hat schöne Scenen aus der 
römischen Kaisergeschichte liefern wollen und mit solcher 
Absicht alles zubereitet. Nach dieser Seite hin wird sein 
erstes Buch immer einen gewissen Reiz bewahren: ein braver 
Charakter gibt sich in seinen allgemeinen Urtheilen kund-, 
allein ein gewissenhafter Geschichtschreiber war Herodian 
nicht, und seine Autorität muss der des Dio Cassius unter- 
liegen. 



B. Einzelprüfungen. 
1. Knabenalter und Thronbesteigung. 

Herodian I. 2 spricht von mehreren Töchtern, aber nur 
von zwei Söhnen Mark Aureis; allein dieser Kaiser hatte 
wenigstens sechs Söhne (wie von Sievers dargethan), von 
denen keiner Verissimus hiess. Man weiss nicht, woher 
Herodian dieser Name gekommen ist; doch möchte er viel- 
leicht denselben vom Vater auf den Sohn übertragen haben; 
Mark Aurel erhielt den Beinamen Verissimus von Hadrian 
(Capit. M. Anton. 1). 

Dio Cassius 72. l muss in seinem Berichte auch über die 
Jugend den andern Quellen vorgezogen werden. Die Scri- 
ptores Historiae Augustae schildern uns (Capit. M. Ant. IP 
Lamp. Comm. 1) den Commodus seit seiner Geburt grund- 
verdorben; allein man hat ein solches Urtheil über die ersten 
Jahre des Commodus erst dann geföllt, als man bereits die 
Geschichte seines ganzen Lebens kannte und die Laster seines 
vorgerückten Alters bis in die frühe Jugend versetzte. Lampri- 
dius V. Comm. 1 gibt die Namen der hauptsächlichsten Lehrer 
des Commodus — einen Griechen, zwei Lateiner — ; ich finde 
gestützt darauf die Nachricht des Herodian I. 2: irdvioöev 
Touc ^v ToTc ?9veciv im Xötoic boKijuiüTÄTOuc dirl cuvtäHeciv 
OUK euKttTaqppovrjTOic KaXiIiv höchst übertrieben. Der niini- 



I. Quellenkritik. 229 

liehe Historiker fügt bei, dass Mark Aurel die besten Sena- 
toren zu Schwiegersöhnen auserwählte; diese sind uns kaum 
dem Namen nach bekannt, so dass es schwierig wäre zu 
erklären , ob diese Nachricht ganz unrichtig sei. Wir wissen 
immerhin von dem Kaiser Lucius Verus, dem Gemahle der 
Tochter des Marcus, Lucilla, dass dieser nicht zu tugend- 
haft war und können in so weit Herodian berichtigen. 

lieber das Verhältniss des Mark Aurei zu Commodus in 
der letzten Zeit seines Daseins hat Dio keine eingehenden 
Nachrichten; er allein meldet uns, dass Commodus die Aerzte 
gewonnen habe und hebt die Richtigkeit dieser Nachricht 
besonders hervor 71. 33: vöv b€ Tq dTriaKaibeKdrij toö Map- 
Tiou |i€TTiXXa£€v , oux und rnc vöcou f\\ xai töt€ dvöcricev, dXX* 
UTTÖ Tuiv laipOüv, ibc etih caq)wc fJKOuca, xijj Kojuiju<^b(4> xotpi- 
Zofievujv. Herodian widmet zwei Kapitel (3 u. 4) der Er- 
zählung der letzten Tage des sterbenden Kaisers, man hat 
derselben viel Vertrauen geschenkt; aliein diese Hinnahme 
seheint mir wenig begründet. Herodian gibt nicht genau 
an, wo sich Mark Aurel in der letzten Zeit seines Lebens 
befanden, {)iaTpißovTd te dv TTaioci, er kennt auch keineswegs 
seine Lage den Deutschen gegenüber. Mark Aurel suchte 
die hereinbrechenden Völker seiner Herrschaft zu unter- 
werfen; dabei machte er vor allem von den Waffen Gebrauch 
und wandte nicht Ueberredungen an, wie Herodian meldet: 
dXXd Touc jLifev ireiGoi ec cujuiiiaxiav irpocTiTdTCxo. Auf der- 
selben Linie steht die Behauptung, dass einige Völker bei 
der Nachricht von seiner Gegenwart davongelaufen seien: 
fjcav be Tivec ol biabpdvxec irpöc tö irapöv dvaK€XUjpr|K€cav 
Ui\ if[C irapouciac toioutou ßaciX^uic. Ueber die wirklichen 
Verhältnisse hat unser Historiker demnach schlechte Kunde; 
was er weiter über die Gedanken des Kaisers beifügt, 
H nichts als seine eigene Erfindung. Herodian sagt sich, 
Mark Aurel war von grosser Gelehrsamkeit, vielerlei Kennt- 
lÜBs — er weiss von öca Ypacpevra desselben, die noch erhal- 
ten seien und nennt ihn övbpa iroXmcTopa — , so rausste 
er nothwendig an Alle denken, welche, jung zur Herr- 



230 Johannes Zürcher: Commodus. 

Schaft gelangt; verleitet wurden. Allein selbst dann^ wenn 
Mark Aurel keine gute Meinung von seinem Sohne hatte^ 
kann man sich doch kaum einbilden ^ dass er daran gedacht 
habe, Commodus werde einst in seinen Thaten einem Nero, 
einem Domitian gleichen. Das sind Erfindungen eines Ge- 
schichtschreibers, der zuerst das ganze Leben des Conunodus 
betrachtet und nachher Alles den Vater voraussehen lässig wie 
ihm wirklich die (blosse zu Dio 72, 1 ausdrücklich zuschreibt. 
Herodian lässt nun Mark Aurel in Gegenwart seiner 
Freunde und Verwandten sowie seines Sohnes eine Rede 
halten, welche sich theils in Gemeinplätzen bewegt, theils 
bereits Gesagtes wiederholt. In dieser Hinsicht gibt sich 
Herodian wenig Mühe, so haben wir 
I. 3 diipa Tc TÖv TiaTba xfic jiieipaKiujv fjXiKiac dpxöjuevov ^tti- 

ßaiveiv und 
I. 4 6päT€ bi\ jLioi TÖV ulöv, öpTi Tfic jLieipaKiwv f|XiK{ac im- 

ßaivovTtt. 
Wir finden in der Rede nichts, das nicht ebensowohl 
von irgend einem anderen Fürsten auf dem Todtenbette 
ausgesprochen werden konnte. Herodian hat diese Rede 
vielleicht mit Zugrundlegung von Aussprüchen eingefügt, 
die er in Mark AureFs Werken fand. Man bemerke noch, 
wie der Autor absichtlich Alles ausschmückt; so erhebt sich 
der Leidende langsam von seinem Ruhebette: f^cux^ä "^^^ 
CKijUTToboc KOuq)icac, sinkt nach der Rede erschöpft zurück: 
TocaOra eiTTovxa töv MäpKov ^TTiTrecoOca XeiTuoOujaia KaxeciTtt- 
cev. UTTÖ bk dcGeveiac t€ Kai dGujaiac auGic UTrriaCev, lebt 
gerade noch eine Nacht und einen Tag: 6 jatv ouv vukt6c 
T€ Ktti fm^pac eirißiOücac juiiäc dvcTraucaio. 

Ungeachtet der Weitläufigkeit, mit welcher er sich über 
die letzte Scene im Leben des Kaisers ausbreitet, wäre 
es schwierig aus ihm zu schliessen, welche Meinung Mark 
Aurel von seinem Sohne gehabt habe; denn daran lässt sich 
nicht zweifeln, dass derselbe eine bestimmte Idee von Com- 
modus' Charakter sich gebildet hat. 

Die Einzelheiten aber, welche Capitolinus im Leben des 



I. Quellenkritik. 231 ' 

Mark Aurel 28 gibt, stimmen nicht im geringsten mit den 
Xachrichten Herodians überein. In Bezug auf die letzte Zeit 
^\gt jener : Septitno die gravaius est et solum ßium -admisit .... 
dlmisso fiiio Caput operuit quasi voiens dormire; sed nocte ani- 
mam efßavit. Derselbe zeigt vielleicht auch Spuren jener 
Gerüchte, auf welehe Herodian seine ganze Geschichte auf- 
baut: feriur ßium mari voluisse cum eum talem videret fu- 
turum qxialis extitit post eius mortem ^ ne, ut ipse dicebai, similis 
yeroni^ Caligulae et Domitiano esset \ vielleicht hat aber 
Capitolinus an dieser Stelle selbst nur den Bericht des Hero- 
dian vor Augen. So viel bleibt sicher^ dass aus Herodian 
nichts geschichtlich Wahres über die letzten Stunden des Mark 
Äurel gezogen werden kann. 

2. Erste Begieruugshandlungen. 

T)io 72. 1 meldet kurz, dass sich Commodus nicht um 

die Rathschläge der Senatoren bekümmerte, welche ihm sein 

Vater beigegeben hatte. Lampridius 3 sagt Patris ministeria 

senior a submovit, amicos senes ahiecit. Herodian allein ist 

auch hier weit einlässlicher. Einige Tage (I. 5) vergehen, 

während welcher man sich mit der Todtenfeier beschäftigt, 

nachher rathen die Freunde dem jungen Kaiser an^ sich dem 

Heere zu zeigen, er befolgt ihren Rath imd hält vor der 

Armee eine Rede. Alle diese Nachrichten konnten gegeben 

werden, wenn man auch keine Kunde von Deutschland 

hatte, es waren dieses die Gebräuche der Thronbesteigung. 

Die Rede aber, welche folgt, kann keine historische Treue 

beanspruchen. Herodian lässt den Sohn ganz wie den Vater 

beginnen, beide äussern sich über die Trauer, welche alle 

bei der Krankheit oder dem Tode des Kaisers ergriflfen. Im 

Verlaufe seiner Rede zeigt Conunodus Ideen würdig eines 

Sohnes des Mark Aurel, so z. B. 6v dTiciKOÜeiv T€ tuiv Xcto- 

nevujv Kttl Ttt TTpaTTÖfieva dtpopfiv fjTeicGe eubai^ovoirijuiev b' 

av Ttt b^ovra npÄTTOViec uttö lOioÖTip jadpxupi; er will auch 

den Krieg eifrig fortsetzen mit dem Beistande seiner Freunde. 

Doch alles diess fällt zusammen, wenn wir mit Dio und den 



} 



232 Johannes Zürcher: Commodus. 

redacierten Berichten der scriptt. hist. Aug. uns Commodus 
keineswegs noch so tugendhaft vorstellen, wie Herodian sich 
denselben in diesem Augenblicke denkt. Auch in dieser 
Rede wiederholt Herodian die nämlichen Gedanken mit glei- 
chen Worten, so finden wir: 

dKcTvoc T«P TüdvTac fjiuäc die ?va iiTÖiTra; 

TTÖtviac Tttp ^Möc u)C ?va ö Traxfip iq>i\€\ 

]a€T0tXÖ9povi ^TTiböcei olK€iaicTiTai tö CTpaTeujuia | 

)Lt€TCiX6rppoci bujpeaic xP^M^tojv olK€iujcd|Li€VOC tö CTpaTiu)-> 
TiKÖv; I 

Eine solche Nachlässigkeit flösst wenig Vertrauen ein und 
man kann sich dieselbe nicht anders als durch ein Sichgehen- 
lassen des Geschichtschreibers erklären, das bei geschicht- 
lichen Erzählungen am unrechten Platze ist. Dessenungeachtet 
sind Tillemont und Gibbon in ihren Römischen Kaiserge- 
schichten Herodian gefolgt und haben nach ihm erzählt^ dass 
Commodus einige Zeit die Rathschläge der Rathgeber befolgte, 
welche Mark Aurel bestellt hatte. Herodian sagt dies I. 6: 
öXiYOu jufev oöv Tivoc xpovou iravTa ^7TpdTT€T0 xq Tvuijuij tu;v 
iraTptuuiV q)iXiJüv; er fügt bei, dass hierauf Schmeichler Ein- 
fluss auf sein Gemüth übten, das süsse Leben Roms mit dem 
rauhen Klima der Donau verglichen und endlich das Herz 
des Herrschers gewannen. Ich mache dabei darauf aufmerk- 
sam, dass die Nachrichten des Herodian sehr verführerisch 
sind: alles schmiegt sich bei ihm in einander ein. 

Dio versichert uns zwar (c. l), dass Commodus durch 
seine Umgebung verleitet worden sei-, allein er erzählt das vor 
der Thronbesteigung desselben. Lampridius führt Beispiele 
an, um die nämliche Thatsache zu beweisen. Solchen Zeug- 
nissen gegenüber, die dem Herodian geradezu widersprechen, 
kann man dessen Bericht nicht annehmen. Dieser hat seine 
poetische und moralische Absicht, hat zeigen wollen, wie 
sich Schmeichler am Hofe an einen jungen Fürsten anheften 
und ihn zu Lastern verführen; er wollte zugleich die Rich- 
tigkeit der Ahnungen des sterbenden Mark Aurel erweisen. 
Nach ihm soll Commodus nun plötzlich den Freunden erklart 



I. Quellenkritik. 233 

haben, er sehne sich nach Rom, ohne zu wagen, die wahren 
Grunde zu nennen. Das ist wunderlich genug, wenn man 
den Charakter dieses Fürsten in jenem Momente kennt; allein 
Herodian hat sich darum nicht bekümmert, sondern sich ein 
eigenes Bild von demselben mit seiner Einbildungskraft ver- 
schaül. Die Anwesenden vernehmen den Vorschlag des Kai- 
sers mit Widerwillen; ol jatv fiXXoi cuvecTdXricdv t€ Tf|V vpuxrjv, 
KQi CKuGpumaic taic öipeciv €ic t^v f veucav , nur Pompeianus, 
mit der ältesten Schwester des Kaisers verheirathet, spricht 
seine Ansicht in einer Rede aus. Er erklärt, dass Rom da 
sei, wo der" Kaiser, dass die ausgezeichnetsten Senatoren 
sich um den Kaiser befinden und dass Heer und kaiserliche 
Kasse hinlänglichen Schutz gegen jede Usurpation gewähren. 
Es ist nicht möglich festzustellen, ob am Ufer der Donau 
Pompeianus damals überhaupt verweilt habe. 

Herodian variirt nicht sehr mit dem Tone seiner Reden ; 
so haben wir in den drei bisherigen einen ähnlichen Eiu- 
leitungsgedanken : 
Mark Aurel sagt I. 4: äxÖ€c9ai jiitv ujuäc icp' oTc öpfix^ jue 

biaKe{]a€vov , Oau^acxöv ovbiv. 
(Jommodus erklärt I. 5: KOivf|v elvai jiioi irpöc ujuäc Tf]V ^tti 

ToTc KaraXaßoOciv dXTtiböva, djuau- 
TÖv dKpißüJC TT^ireiKa. 
Pompeianus beginnt 1. 6 : 7To6eiv jui^v ce tckvov koi b^CTTOia 

Tf|V TTttTpiba eiKÖc. 

„Für einen Augenblick" sollen die Vorstellungen des Pom- 
peianus einen Eindruck auf Commodus gemacht haben; denn 
auch in seinen Zeitangaben ist Herodian sehr allgemein, er 
sagt I. 5: öXiTiuv bi bi€X9oucujv f^juepÄv, I. 6: öXiyou jutv 
ouv Tivoc xpövou , weiter unten bicrpei^ie irpöc öXiyov und kqi 
ou TToXXop xpövtü. 

Jemand, der genaue Einzeluachrichten besitzt, würde 
^1118 emige bestimmte Daten geben , alleiu Herodian ist davon 
weit entfernt. Eö geht das klar aus dem hervor, was er über 
den Friedensschlüsse mit den Völkern an der Donau berichtet. 
Er lässt vorher den Commodus un die Befehlshaber der ein- 



234 Johannes Zürcher: Commodus. 

zelnen Corps schreiben, die nun schnell siegreich sind; 
er sagt 

I. 6: ol irXeicrouc tiüv ßapßdpiuv öttXoic ^x^^P^J^cavTO, touc 
bfe Im jacTÄXaic cuvräEeciv ic qpiXiav dTTTitaTOvio, ßqicra irei- 
cavTCc und wiederholt damit nur, was er I. 3 so ausge- 
sprochen: oBc oubeTTUJ TiävTac ^KexeipuJTO, dXXd touc m^v irei- 
001 ^c cujajLiaxiav irpocTitaT^TO. 

Er fügt kurz bei; die Barbaren sind von Natur geld- 
gierig, Commodus besass Geld, er gab jenen dasselbe reich- 
lich und erkaufte so den Frieden. Viel zu allgemein gehalten 
stimmt das überall nicht mit Dio Cassius, der uns 72. 2. 3 
die Bedingungen des Abkommens angibt. 

Wo uns andere Berichte vorliegen, können wir die 
Unrichtigkeit der Darstellung des Herodian darthun, es 
wird desshalb nicht zu gewagt sein, zuweilen auch da zu 
zweifeln, wo uns eine eingehende Kritik wegen Mangels an- 
derer Quellen unmöglich geworden ist. So gibt er ganz allein 
I. 7 eine Beschreibung des Heimzuges des Commodus, die 
wenig Glauben verdient. Vergessen wir nicht, dass Herodian 
den Commodus noch für einen tugendhaften Jüngling hält, der 
aber bereits einmal den Ruthen seiner Schmeichler gefolgt 
ist. So kann das römische Volk ihn freudig empfangen-, 
denn es denkt mit Herodian, vielleicht wird Commodus sei- 
nem Vater ähnlich sein: TraxpiüZeiv tö ^eipdKiov fiTOUjuicvoi. 
Wir wissen durchaus nichts von dem, was sich in den Pro- 
vinzialstädten bei der Ankunft des Kaisers zugetragen hat 
und müssen daher die Nachricht des Herodian auf sich be- 
ruhen lassen, nach welcher die Blicke Aller mit freudiger 
Sehnsucht auf dem jungen Kaiser weilten. 

3. Einzug. 

Herodian sagt ausdrücklich, dass der Senat dem heran- 
kommenden Kaiser entgegengegangen sei : iräcd t€ f| cutkXti- 
Toc ßouXf) Ktti TravÖTijuei ocoi Tfjv *Pu)|lhiv xardiKOuv dvGpujTTOi, 
baq)vn<pöpoi T€ Kai irdvTa dmqpepöiiievoi fivGr] t6t€ dKjuidCovTa, 



L Quellenkritik. 235 

iiöppuj Tnc iröXciuc ÜTirivTiüV, ^Oeacöjaevoi töv v^ov Kai euYevf] 
ßaciXea Dio, selbst Senator, sagt nichts von dem Allen, was 
auffallt, selbst wenn wir nur die Auszüge des Xiphilin haben. 
Lampridius fuhrt eine Einzelheit des Triumphzuges des Kai- 
sers an : Romam ut redUl sübactore suo Saotero post se in curru 
loca(o Ua triumphavit, ut eum saepius cervice reflexa publice 
oscuiareiur. Hätte Herodian wirklich, wenn auch als Kind, 
dem Einzüge des Kaisers Commodus in Rom beigewohnt, so 
würde er diesen charakteristischen Zug aus dem Leben des 
Commodus wohl nicht vergessen haben; derartiges drückt sich 
eben so tief in's Herz ein, als alle diese Blumen und Kränze, 
die man auch bei anderen festlichen Anlässen erblicken 
mochte. Dass Herodian nur ein ideales Bild des ganzen ' 
Auftrittes entworfen, scheint sich mir durch eine Verglei- 
ehung des Porträts des Kaisers Commodus mit dem des Bas- 
sianus (Heliogabal) sicher zu ergeben: 

Commodus I. 7. Bassianus V. 3. 

TTpöc bfe Tq Tnc fiXiKiac dKjLifl fjv bk Tf|v fiXiKiav dKjLiaioc Kai 
KQi Tf|v 6i|;iv fjv dEioOearoc cw- ifiv övpiv tujv Kaid auxöv 
jiCToc re cujLijui€Tpia kqI KaXXei dipaiÖTaroc jaeipaKiwv TrdvTwv. 
irpocunrou jh€t* dvbpeiac. eic tö auxö bf| cuviövtujv KdX- 

Xouc ciijaaToc, f|XiKiac dKjnfjc . . . 
Herodian hat sich ein Bild eines jungen Fürsten aus- 
gedacht oder verschafft und wendet dies nun bei Gelegenheit 
an verschiedenen Personen an. — Ueber das, was sich im 
Senate in Gegenwart des Commodus zugetragen, sagt er nichts 
weiter, als dass er demselben für seine Treue dankte, 
wovon wiederum Dio nichts berichtet. Es ist ebenfalls 
auffallend, wie sehr Herodian auf der hohen Abkunft des 
Kaisers besteht und wie er dieselbe doch nicht genau kennt. 
Er nimmt an, wie schon Sievers S. 36 bemerkt, dass Fau- 
stina, Gemahlin des Kaisers Antoninus Pius, eine Tochter des 
Kaisers Hadrian gewesen sei; sie war aber Tochter des Annius 
Veras und der Rupilia Faustina (Capitol. v. Mar. Ant. 1). 
Trotz der Begeisterung also, mit welcher unser Autor von 
dem Einzüge des Commodus in Rom spricht, kann mau ihm 



N 



236 Johannes Zürcher: Commodus. 

doch nicht Vertrauen schenken. Er mag wohl einst ein sol- 
ches Schauspiel gesehen haben-, allein wir können uns nicht 
vergewissem, ob es wirklich in dem uns angehenden Falle 
geschehen sei. 

4. Verschworung der Lucilla. 

Auffallender Weise lässt Herodian seinen Commodus 
einige Jahre die Rathschlägq seiner väterlichen Freunde be- 
folgen, trotzdem dass er dieselben verwerfen Hess, als es 
sich um das Bleiben an der Donau handelte. Tillfemont folgt 
auch hier aufs neue dem Herodian, indem auch er ver- 
sichert (IL 479), dass Commodus während einiger Zeit viel 
auf die Rathschläge horchte, welche ihm die weisen Män- 
ner gaben, die ihm sein Vater hinterlassen; Gibbon L &) 
drückt sich ähnlich aus. Dio 72. 4 aber spricht mit keiner 
Sylbe von einer anfänglich guten Regierung des Commodus, 
er erklärt vielmehr, dass Commodus viele Menschen umge- 
bracht habe, und zwar bevor er von der Verschwörung der Lu- 
cilla spricht. Lampridius c. 3 erwähnt ebenfalls sogleich die 
schlechten Thaten des Commodus imd gibt ausdrücklich an, 
dass eben diese den Quadratus und die Lucilla zum Morde 
des Kaisers bewogen. Solchen Zeugnissen gegenüber rauss 
die an sich schon unwahrscheinliche Erzählung des Herodian 
dahinfallen. 

Dieser geht nun auf die Verschwörung der Lucilla ein. 
die nach ihm den Anstoss zu den Gräuelthaten des Commodus 
gegeben haben soll. Nach ilim ist Lucilla mit dem zweiten 
Range nicht zufrieden, sie tritt gegenüber der Crispina in 
den Hintergrund. Herodian muss glauben, dass sich Com- 
modus erst nach seiner Thronbesteigung vermählt habe, denn 
sonst könnte er nicht sagen, dass Lucilla den zweiten Platz nach 
der Heirath ihres Bruders eingenommen. Crispina hat aber 
den Titel Augusta gleich nach der Verheirathung im Jahre 177 
(Eckhel Vn. 106) erhalten, Lucilla konnte somit nicht im 
geringsten sich wegen Zurücksetzung beklagen. Wir finden 
aber auch in den übrigen Quellen keine genügende Erklärung 



I. QueUenkritik. 237 

der Motive, welche Lucilla bewogen, ihrem Bruder nach- 
zustellen. Lampridius c. 4 sagt wohl, dass die Grausamkeiten 
des Kaisers daran Schuld gewesen seien, allein Dio 72. 4 
gibt der Schwester des Eaisefs ein so schlechtes Zengniss, 
dass man* jenen Grund wohl nicht in erste Linie stellen kann. 
Diese Frage bleibt daher noch unentschieden; am wenigsten 
mochte ich dieselbe durch Herodian gelöst sehen. 

Als ersten Verschworenen neben Lucilla gibt Dio einen 
Claudius Pompeianus an, über dessen Abstammung in ent- 
scheidender Weise Borghesi (bull. arch. Napolitano 1855 n. ()G. 
67) geschrieben hat; er war hiemach der Enkel des Claudius 
Pompeianus, dem in späterer Ehe Lucilla vermählt war; sein 
Vater wurde nach Lampridius 5. 12 wie von Räubern umge- 
bracht. Man hat nun, um Herodian in Einklang mit den 
übrigen Quellen zu setzen, nach Reimarus (zu Dio Cassius 
'i2. 4) angenommen, dass dieser Pompeianus wohl noch den 
Beinamen Quintianus gehabt habe, wie denn ein Claudius 
Aurelius Quintianus wirklich (Mommsen, inscr. r. Neapol. 
3597) vorkommt. 

Allein man bemerke doch, dass Herodian nichts von seines 
Quintianus Verwandtschaft mit Lucilla weiss, dass er denselben 
durch Quadratus mit der Verschwörung bekannt werden lässt, 
während nach Dio es gerade Lucilla ist, die ihn zum Morde 
anstachelt. Was Dio von Claudius Pompeianus meldet, das 
sagt Herodian von Quadratus. Dieser soll mit Lucilla in einem 
geheimen Verhältnisse stehen, Dio dagegen versichert, dass 
derselbe sehr enge mit Marcia verknüpft war, und man muss 
nach allem bisher Erörterten das Zeugniss dieses genau unter- 
richteten Zeitgenossen dem Herodians vorziehen. Letzterer 
hat auch bei dieser Gelegenheit nicht versäumt, das Ganze 
auszuschmücken, so sagt er von der Verleitung des Quadratus 
m kqt' ÄXiYOV dv^TT€iC€ TÖv veavicKOV, von dem Ausrufe des 
Qaintianus xal M^T^i^Q q)u)v4 TTpoemuüv. Es zeigt sich (s. o. 
8. 225), dass Lampridius den Herodian hier vor Augen ge- 
habt hat; bei beiden spielt Quadratus eine weit wichtigere 
Rolle als Pompeianus, die- Worte des Lampridius detexU 



238 Johannes Zürcher: Coinmodus. 

facinus fatuus nee implevH sind, wie gesagt, üebertragung der 
Worte des Herodian: 8c irpoeiire tö ßeßouXeujievov ^äXXov 
fj fbpace. Nach meiner Meinung ist es weit vorzuziehen, die 
trockenen Nachrichten des Dio'Cassius und die des Lampridius, 
soweit er unabhängig von Herodian ist, wiederzugeben, als 
ihnen die Erzählung des letzteren an die Seite zu setzen, die 
uns nicht wahrheitsgetreu erscheinen kann. Wir finden 
übrigens auch in diesem Kap. 8 eine Wiederholung; Herodian 
sagt: AouKiXXa fjv iq) Ko|ui)Liöbuj TrpecßuTdTTi TT(ivTU)v abeXcpn, 
das Nämliche findet sich Kap. 6: cuviÜKei t«P Tfl 'TpecßuTdrri 
Tujv äbeXcpwv ToO Ko^^iöbou. 

5. Sturz des Perennis. 

Die Nachrichten und Beurtheilungen über Perennis sind 
sehr verschieden. Dio verschweigt seine Schwächen nicht; 
er hatte zum Sturze seines Mitbefehlshabers der pratoria- 
nischen Cohorten Tarrutenus Paternus eingewirkt, sonst hat 
er seinen Posten ehrenvoll verwaltet. Lampridius, neben 
Herodian (s. o. S. 3 f.), hier wohl meist auf Marius Maximus 
gestützt, hat eine schlechte Meinung von ihm, wird aber 
durch die Verbindung beider Quellen selbst inconsequent; er 
lässt nach Herodian Commodus durch Perennis zu den Ver- 
gnügungen verführt werden — nam ,persuasit Commodo, vi 
ipse delictis vacaret — obwohl er Commodus schon längst dAs 
solchen Freuden ergeben darstellte. Man muss das Urtheil 
des Dio durchaus aufrecht halten und dann Lampridius' un- 
abhängige Nachrichten, welche genaue Kunde zeigen, ver- 
wenden, z. B. neben den Scandalnotizen: et hanc quideni 
pacnileniiam scelerum ultra iriginta dies teuere non potuU. 

Herodian erklärt, dass Perennis den Kaiser zu den 
Lastern verleitet, dass er dessen väterliche IVeunde ent- 
fernt und ihre Habe an sich gerissen habe. Allein Com- 
modus handelte hierbei aus eigenem Antriebe. Er hätt^^ 
auch nicht seinen ersten Angestellten sich so bereichern 
lassen , dass er der reichste Mann seiner Zeit wurde: 



I. Quellenkritik. 239 

pocTtt nXoucidiTaToc ^t^v€TO tujv xaO* auiöv dv8pu)Truüv, denn 
der Kaiser wollte vor allem sich selbst bereichem. Herodian 
wyft dem Perennis ferner Trachten nach dem Throne vor-, 
wir finden nirgends sonst die geringste Andeutung dieser 
Anklage^ und allein sich auf Herodian verlassend dieselbe als 
wahr hinzunehmen scheint zu gewagt , wie denn auch Lam- 
pridios sie aufzunehmen sich hütete. 

Perennis soll für seine Söhne den Oberbefehl über die 
illjrischen Truppen gesucht haben, alle Quellen sprechen nur 
Ton zwei Söhnen desselben, von denen wir nur diese Nach- 
richt bei Lampridius haben, c. 6 eo tempore in Sarmatia res 
bene gesias per alios duces, in ßium stium Perennis referebat. 
Herodian freilich weiss mehr: nach ihm suchte der Sohn, 
welcher sich in Ulyrien befand, das Heer durch reichliche 
Geschenke zu gewinnen; er ging selbst so weit, sein eigenes 
Bild auf Münzen schlagen zu lassen. Dieses wurde dem 
Commodus heimlich mitgetheilt, er brachte den Vater um, 
lockte den Sohn nach Italien und liess ihn ebenfalls todten. 
Von dem andern Sohne spricht Herodian nicht weiter, allein 
auch das, was er über den ersteren berichtet, trägt einen 
romanhaften Charakter an sich. Es lässt sich kaum denken, 
dass man eine Erhebung damit beginnt, dass man Münzen 
mit dem Bilde des künftigen Herrschers schlägt. Herodian 
fügi nur Unbestimmtes über den Aufenthalt des Sohnes in 
Ulyrien bei, lässt ihn ganz unschuldig herankommen und an 
einem ganz unbestimmten Orte sterben : Y^vöjuevov bt aÖTÖv 
KQTd Tf|v MtaXiav, olc toOto Ivr^raXio, biexpncavTo. Diese 
Imstande allein schon vermindern sehr die Glaubwürdigkeit 
der Darstellung unseres Autors, und wir werden über die 
^hiie nichts weiter aussagen können, als was Dio uns be- 
richtet: die beiden Söhne des Perennis kamen um. 

Auch über den Tod des Perennis selbst müssen wir Dio 
t'assius folgen, wie denn schon ßeimarus (D. C. II. 1211) 
hier dem Berichte des Herodian kein Zutrauen geschenkt hat. 
I^ioser wirft allgemein hin, dass Perennis geldsüchtig und 



240 Johannes Zürcher: Commodus. 

lierrschbegierig^) gewesen sei^ allein solche Dinge kann mau 
sagen ^ wenn man auch keine bestimmten Thatsachen kennt. 
Wir vermissen diese auch hier, die übrigen Quellen führen 
doch einen bestimmten Vorfall an , der glaubwürdig ist, 
Herodian aber lässt durch einen Narren dem Kaiser in ge- 
fülltem Theater ankünden: ,,das Schwert des Perennis hängt 
über deinem Nacken", und er datirt von diesem Augenblicke 
an die Angriffe gegen die Herrschaft des Perennis, den er 
dann bei Nacht umbringen lässt, während derselbe nach 
Dio 72. 9 den Soldaten überliefert ward. Halten wir auch 
hier den Bericht des Dio aufrecht, vergessen wir nie, wie 
leicht in der Erinnerung die Charaktere in einander ver- 
fliessen; so ist es mit Perennis geschehen, der in jüngerer 
Vorstellung eben Commodus' eigenen schlimmen Charakter 
angenommen hat. 

Es ist schwer zu bestimmen, in welches Jahr der Sturz 
des Perennis fallt. Lampridius sagt, dass man dem Kaiser 
wegen des Perennis Tode den Beinamen Felix ertheilt habe, 
c. 8 quum occidisset Perennem appellatus est Felix, wir finden 
diesen Titel nach Cohen auf Münzen des Jahres 185, allein 
auffallender Weise gibt eine Inschrift vom Jahre 183 bereits 
auch diesen Beinamen: 
Orelli 1918: IMP. COMM 

ODO AVG. PIO. FELICE HH. ET VICTORINO H COS 
so findet man ihn wieder: 186. Orelli 5485. 5486. 

Wenn jene Inschrift das Datum richtig angibt, so würde 
der Fall des Perennis bereits in's Jahr 183 oder 182 zu setzec 
sein; das ist aber nicht wohl möglich, weil wir erst 184 den 
Namen Britanniens und zugleich noch den der Crispina auf 
Münzen finden; der Tod der Kaiserin scheint aber in jedem 
Falle dem Tade des Perennis voranzugehen. Setzt man die 
Verschwörung der Lucilla und den britannischen Krieg ins 

1) Seine Rathschläge sind nach dem Tyrannentypus: ^KKÖirreiv t^P 
Kai KoXoOeiv aöxCfi cuv€ßoOX€U€ xouc öircpdxovTac (Herodian I. 8. 9) cf. 
Aristot. Polit. V. 11 (p. 155 ßekker) touc Orrep^x^vTac koXoOciv koI 
ToOc (ppovr)naTiac dvaipeiv [R.]. 



I. Quellenkritik. 241 

Jahr 184, so können wir dann für 185 den Untergang des 
Perennis annehmen. Der Zwiespalt mit der erwähnten In- 
schrift bleibt aber noch zu losen. 

6. Haternus. 

Ueber diesen Räuberhauptmann haben wir nur bei He- 
rodian eingehende Nachricht. Es fragt sich daher ein- 
fach, ob man diesem vollen Glauben schenken will oder 
nicht, denn anderweitige Nachrichten fehlen fast gänzlich. 
Lampridius 16. 2 nennt das bellum desertorum nur einmal 
nach einem der Prodigien dieser Regierung (caelum arsit), 
und im Leben des Niger c. 3 finden wir eine kurze Notiz, 
dass jener Gegenkaiser bei diesem Anlasse in Gallien thätig 
gewesen sei. Tillemont und Gibbon haben aber den Bericht 
des Herodian in ihre Werke aufgenommen, der letzte Kritiker 
desHerodian, Sievers, findet, dass „recht dankenswerth sei, 
was Herodian über Maternus und seine Schaar mittheile.'' 

• 

Bis dahin haben wir unsrerseits dem Werke des Herodian 
nichts entnehmen können, wir haben bei verschiedenen An- 
lässen seinen ^Bericht gänzlich ungenau gefunden, dürften 
wir nun nicht auch diese Schilderung des Treibens des Mater- 
nus mit einem gewissen Misstrauen aufnehmen? Unser 
Historiker erzählt, wie ein Matemus, Deserteur, eine Schaar 
gleichgesinnter Burschen um sich gesammelt, mit ihnen 
iXirferund Städte überfallen, gebrannt und geplündert habe. 
Seine Bande sei so angewachsen, dass Commodus ein heftiges 
Schreiben an die Befehlshaber Galliens und Iberiens gerich- 
tet, in welchem er ihnen Saumseligkeit vorgeworfen habe. 
Da hätte man ein Heer zusammengebracht, jene hätten Furcht 
bekommen, Maternus sich nach Italien begeben, in der Ab- 
sicht, den Kaiser beim Feste der Cybele umzubringen. Dieser 
Anschlag sei wegen Verrätherei missglückt, Maternus darauf 
enthauptet worden. Mit sehr wenigen Daten konnte Herodian 
diese ganze Erzählung aufbauen , wir haben schon öfter seine 
Neigung zum Schildern hervorgehoben. Wir finden auch die 
schon oft gerügte Nachlässigkeit sich zu wiederholen, so 

l'otcrsueh. i. Rum. Kaiserg-esch. I. \(j 



242 Johannes Zürcher: CopimoduB. 

folgen sich ganz nahe die beiden Sätze: nöXeci rotp f\hr\ \i€- 

Ticraic direTteevro iröXeci xe laTc fieTicraic imövj^c 

Merkwürdiger Weise leiht Herodian unserm Helden dieselben 
Gedanken 9 wie kurz zuvor jenem Manne , welcher dem Com- 
modus seinen baldigen Untergang ankündet; dieser wollte 
nicht unbekannt und unbemerkt bleiben, jener will nicht 
unbemerkt und ruhmlos sterben. Ob Matemus nun wirklich 
nach Rom gelangt sei und hier seinen Tod gefunden habe^ 
mochte ich nicht behaupten; das absolute Stillschweigen nicht 
nur des Dio, sondern auch des Lampridius, der so viele 
Einzelheiten aufzählt, fällt schwer in's Gewicht. Denn wäre 
die Sache so bedeutend gewesen — und Herodian stellt sie 
so hin, da der Kaiser von nun an die Stadt und die öffent- 
lichen Versammlungen flieht, — so würde man sie doch hier 
erwähnt finden. Herodian wollte eben eine Schilderung eines 
Hauptmanns von Räubern und Deserteuren liefern; in dieser 
Hinsicht hat er seine Aufgabe gelöst: das Dunkle mangelt 
nicht; er hat zugleich diesen Anlass benutzt, um seinen 
Landsleuten, den Griechen, eine genaue Kunde von dem 
Dienste der Cybele zu verschaffen und ihnen seine Belesen- 
heit in solchen Fragen an den Tag zu legen ; er widmet das 
ganze 11. Kapitel diesem Zwecke. Uns aber hat seine Er- 
zählung nicht die Ueberzeugung eingeflösst, dass sich diese 
Dinge so zugetragen; man braucht nur daran zu denken^ 
wie heute noch berühmte Verbrecher in der Sage des Volkes 
fortleben und sich nach Jahrzehnten vergrössern, um unseni 
Zweifel an der historischen Treue des Herodian auch hier 
nicht migerechtfertigt zu finden. 

7. Oleander. 

Herodian allein berichtet, dass Oleander ein Phrygier 
gewesen sei ; er mochte eine bestimmte Notiz darüber haben, 
oder auch nur aus dem Charakter dieser Nation geschlossen 
haben, dass Cleander ihr angehören könnte, wie ihn denn 
seine Schilderungen des syrischen Charakters (H. 7 und 10; 
HI. 11) hierfür befähigt erscheinen lassen. Er wirft demselben 



--m ■ V ■ ■ 



/ 



L Quellenkritik. 243 

nngemeine Habsucht und Streben nach dem Throne vor. Das 
Er^re ist richtige Herodian gebraucht dabei die nämlichen 
Ausdrücke wie bei Perennis; allein von dessen Absichten 
auf den Thron weiss man eben so wenige als von jenen des 
Perennis^ welchen beiden Herodian die nämlichen Bestrebungen 
leiht. Was die Aehnlichkeit bei Herodian noch vermehrt; 
das ist ihr Trachten ^ die Soldaten für ihre Anschläge zu 
gewinnen. Bei Herodian verschiebt sich nun die ganze Sach- 
\s^y nach ihm strebt Oleander nach dem Throne , er will 
Volk und Armee von sich abhängig sehen y ruft desshalb eine 
Hnngersnoth hervor, um sich durch reiche Gaben beliebt zu 
machen. Allein nach Dio 72. 13 war nicht Oleander der 
Urheber dieses Getreidemangels , er wünschte wohl das Wohl- 
befinden des Volkes, wenn man nur ihn ruhig seinen Genüs- 
sen nachgehen liess, wohl aber war es Dionysius Papirius, 
der aus Hass gegen den Günstling des Kaisers die Noth noch 
vergrosserte. Auffallender Weise findet sich bei Herodian 
keine Erwähnung von dem Auftritte im Theater, den Dio 
Cassius im einzelnen schildert, er lässt das Volk sich in den 
Theatern zusammenrotten und sich ohne bestimmte Veranlas- 
sung nach der Wohnung des Kaisers begeben. Hier befand 
sich nach Herodian Commodus in sehr entfernter Gegend 
iv TOic dvaKexiupTiKÖct töttoic ^ ; Oleander schickt alle kaiser- 
lichen Reiter gegen die Menge ab und zwar, was Herodian 
nicht vergisst, bewaffnet, plötzlich und zum Erstaunen des 
Volkes, das verwundet wird. Nach Dio hat Oleander zuerst 
nur wenige Soldaten abgeschickt: Kai öc CTpariiliTac Tivac 
h* auTOuc fire/itpe; die Rebellen waren auch nicht so weit 
▼oi^erückt, wie Herodian sich vorstellt. Nach Dio lässt sich 
femer die durch Soldaten verstärkte Menge nicht abschrecken, 
sie geht vielmehr bis in die Nähe des Oommodus vor. Nach 



1) Es mag darin eine dunkle Erinnerung an den Wegzug ad Caelium 
9ont€m in Vectiliancis aedes liegen, von welchem Lampridius 16, 3 
spricht mid der durch die Annalennachrichlen bei Commodua' Tode 
^EuMbiuB II, 174 ed. Schone. Stadtchronik S. 047 od. Mommsen) bestä- 
tigt wird [BJ. 

16* 



244 Johannes Zürcher: Commodus. 

Herodian wagt das Volk nicht zu widerstehen, denn es war 
fivoTrXoi irpöc dj7TXic|Li^vouc Kai neloX irpöc liriTeTc; die Reiter 
verfolgen die Menge bis in die Stadt, allein hier werfen die 
Einwohner Steine und Ziegeln auf sie hinunter, worauf die 
Truppen sich zur Flucht wenden. Man bemerke auch hier, 
wie Herodian das Nämliche oft wiederholt, er spricht in 
jedem Augenblicke von den Gefallenen und Verwundeten: 
o\ ßactXeioi iTtTreTc roiic t€ dvTUTXavoviac fßaXXov — 
^q)9€(p€T0 bk 6 bfi^oc ou pövov ßaXXöjuievoc uttö tuiv 

CTpaTlUJTlIlV — 

XiOoic Ktti Kepdfioic fßaXXov toüc lirTreTc — 

ToO bi ttXtjOouc iE, dc9aXoOc fjbri ßdXXovTOC auTouc — 

TToXXol b^ aÖTÜJV bi€(p6eipoVTO — 

TToXXOüv bk dKaT^pu)0ev TnirröviiJüv. 

Von den Soldaten, die in der Stadt den Tod erleiden, 
sagt Herodian: o\ bk firacxov äirep b€bpdK€cav; ebenso spriclit 
Laetus II. 1 zu Pertinax: xai Sirep auTÖc fmdc bpdcai bi€- 
V0€iT0, rauTtt irpöc fijLiOöv firaGev. Herodian erklärt, dass dem 
Volke die Fusstruppen der Stadt zu Hülfe geeilt seien : ^it€- 
ßoViGouv Ti^ br\ixw xai ol xfic tt6X€u)c nelox CTpaTiÄrai; 
allein nach Dio waren es die bopu(pöpoi, die ihre Reihen 
verstärkten, und unter welchen man Prätorianer zu ver- 
stehen hat. 

Commodus wusste sowohl nach Dio als nach Herodian 
nichts von dem was vorfiel, der erstere Geschichtschreiber 
meldet, dass die Concubine des Kaisers Marcia zu ihm go- 
drungen sei und ihm das Vorgefallene erzählt habe. Hero- 
dian liefert eine andere Erzählung, welche von Tillemont 
und Gibbon mit allem Zutrauen aufgenommen wurde. Man 
kann nicht die Anmutli des Kap. 13 läugnen; allein wir 
dürfen dasselbe nicht als historisch hinnehmen. Dem Hero- 
dian kommt es vor allem auf eine glänzende Schilderung an. 
Er führt eine neue Person ein; es ist Fadilla, di^ durch 
einige Inschriften bekannt ist und von Borghesi als Gemahlin 
de^ Consuls Claudius Severus betrachtet wird ; allein wir 
wissen nicht im geringsten, ol) sich dieselbe damals wirklich 



1. Quellenkritik. 245 

ia der Umgebung des Kaisers befunden hat; dabei fallt doch 
auf^ wie Herodian auch Fadilla die älteste Schwester des 
Tommodus nennt ^ ganz gleich wie er es schon bei Lucilla 
gethan. Diese Fadilla muss sich nun im Trauergewande^ mit 
aufgelösten Haaren in das Zimmer des Bruders stürzen ^ ihm 
eine Rede halten ^ in welcher sie denselben zum Morde des 
Cleander auffordert^ nachher ihr Kleid zerreisseu. Dieses 
kliugt wie ein Roman ^ es lässt sich kaum denken^ dass He- 
rodian selbst dieser Scene beigewohnt oder davon einen Bericht 
Tun einem Anwesenden erhalten habe, er, der über die Re- 
gierung des Commodus so wenig bietet. Die Darstellung des 
Dio muss ihr Recht behaupten und man darf nicht, wie es 
Gibbon gethan, seine Darlegung mit der des Herodian in 
ein Ganzes vermengen. 

Herodian meldet, dass Commodus das Haupt des ge- 
todteten Cleander auf eine Stange stecken liess und so dem 
Volke zeigte; Dio sagt nichts davon, nach ihm sind es die 
Komer, die so den Kopf in der Stadt umhertrugen. Hero- 
dian spricht weiter von zwei Söhnen des Cleander, Dio 
erwähnt nur einen und fügt nicht bei, dass das Volk mit 
dem Korper desselben den nämlichen Unfug wie mit dem des 
(leander getrieben, was Herodian behauptet, der auch alle 
Anhänger des Gestürzten umkommen lässt: TrdvTac t6 öcouc 
^becav £K€ivou 91X000 biexpncavTO, Dio ist bei weitem nicht 
so absolut: Kai Tivac icai fiXXooc tuiv \xi^a dir* auroO buva- 
fifcviuv d<p6v€ucav. Diese Abweichungen von der Darstellung 
des Dio, sowie der geschmückte Ton der ganzen Erzählung 
des Herodian sind wohl stark genug, um uns zu erlau- 
ben, die Geschichte von Oleanders Sturze, wie sie sich bei 
Herodian findet, zu verwerfen. Lampridius, der Kap. 6. 7 
viele Einzelheiten über Cleander gibt, erwähnt nichts von 
der Theuerung, welche Herodian als Ausgangspunkt genom- 
men; dieser Umstand mag deshalb wohl nicht so bedeutend 
gewesen sein. Es sei endlich auch hier wieder darauf auf- 
merksam gemacht, wie Herodian nur eine That angibt, welche 
man dem Cleander zum Vorwurf macht und von den übrigen 



246 Johannes Zürcher: Commodus. 

Umständen, die wir bei Dio Gassius und Marius Maximas 
(Lampridius) finden, durchaus schweigt. 

Nach dem Untergange des Oleander soll nach Herodian 
Commodus in alle Lüste verfallen sein. Das wird aber -wol H.'s 
Zuthat sein; denn er schildert mit Absicht den Commoduä 
zuerst ganz gut, dann durch den Einfluss des Perennis vom 
rechten Wege abgeleitet, nach der Erhebung des Matemus 
als sehr furchtsam und von den Staatsgeschäften zurück- 
gezogen, nach dem Untergange des Oleander endlich als 
misstrauisch , grausam und allen Lastern ergeben. 

8. Brand in Born. 

Eusebius' Ohronik (II, 175 ed. Schoeue) meldet von zwei 
Bränden in Rom unter Oommodus' Regierung: der von 189 
entstand durch Blitzschlag im Oapitol und vernichtete dortige 
Bibliotheken und Nachbarhäuser, der von 192 zerstörte Pala- 
tium, Vestatempel imd einen grossen Theil der Stadt (piu- 
rima urbis pars, multa alia, aXXa TiXeicra). 

Lampridius gibt keine Nachricht darüber, wohl aber Dio 
Oassius 72. 24 und Herodian I. 14, welche beide eine grosse 
Feuersbrunst unter die Vorzeichen von Oommodus' Tode ein- 
ordnen. Nach Dio brach das Feuer in einem Privathause aus, 
iiach Herodian wusste man nicht, wie dasselbe den Anfang 
genommen; nach Dio verbreitet es sich zu dem Friedenstempel 
Ktti ^c TÖ €ipTivaiov dfiirecöv, nach Herodian beginnt es bei 
diesem selbst; hier sollen sich nach dem Letzteren auch die 
Vorräthe von Privatpersonen befunden haben, nach Dio ver- 
brannten die egyptischen und arabischen Niederlagshäuser. 
Endlich wurde nach Dio nur ein Theil des Palatium verzehrt, 
nicht das ganze, wie die Ohronik sagt; Herodian spricht aber 
überhaupt nicht von dem Palatium, wohl aber wie die Chronik 
von dem Tempel der Vesta, im Uebrigen ist er auch hier 
ganz allgemein in seinen Angaben. 

Ueber das Ende des Brandes gehen Dio und Herodian 
ebenfalls auseinander; nach jenem hörte derselbe nicht eher 
auf, als bis er keine Nahrung mehr fand, nach diesem soll 



L QueUenkritik. 247 

eiu gewaltiger Regeiiguss deniselbeu £infaalt gethau haben. 
Dieses ist die spatere Wendung, indem man, wie Herodian 
selbst beifugt, darin ein unmittelbares Eingreifen der Götter 
sehen trollte. Die gibt uns hier auch noch eine nicht un- 
wichtige Notiz, Commodus kam von der Vorstadt her, um selbst 
den Arbeiten bei Erstickung des Brandes beizuwohnen, kqI 
auTOÖ Toö Komiöbou direXOövTOC ^k toö irpoacTeiou; er befand 
sich also auch damals noch in der Vorstadt, während uns 
Herodian versichert, dass derselbe nach dem Tode des Oleander 
in die Stadt zurückgekehrt sei, I. 13: 8\x{jjc bk Ttapopiuiricdv- 
Tujv aurov tuiv oiKeiwv KareXOdiV ^c tö äcTu. Zur Vervoll- 
ständigung dieser Notiz sei hier beigefügt, dass Lampridius 
v8 und 16) von einem Aufenthalte des Kaisers in Lanuvium, 
wo er ja auch geboren war, berichtet, und dass derselbe im 
dortigen Amphitheater Thiere erlegte und man eine Eule 
über dem kaiserlichen Gemache bemerkte. Herodian spricht 
von einer angeblichen Uebersiedelung nach Laurentum aus 
Gesundheitsrücksichten (12). 

9. Die Yergnfigangen des Kaisers Gommodas. 

Dio 72. 16 — 20 unterscheidet, was Commodus vor dem 
Volke und zu Hause gethan, während Lampridius und Hero- 
dian zu vermengen scheinen. Lampridius 9 meldet, dass 
lk)miüodu9 sich die Löwenhaut umgelegt und in dieser Klei- 
dang nicht nur Thiere, sondern auch Menschen umgebracht 
habe: ciava non solum leones in vcste muliebri et pelle leonina 
sed eiiam homines mullos adflixit, Herodian 14 sagt ebenfalls, 
dass er sich mit Keule und Löwenhaut dem Volke gezeigt, 
KeovTiiv dTrecTpwvvuTO Kai ^öiraXov jueTCi X^^poc cpepiwv. Dio 
Cassius erklärt, dass man ihm Keule und Löwenhaut vor- 
getragen und dass der Kaiser sich als Hermes vor dem Volke 
im Theater gezeigt habe. 

Dio 72. 15 und Lampridius 11 und 12 lassen uns, nicht 
ohne Widersprüche der Aufeinanderfolge , die von Commodus 
erfundenen neuen Monatsnamen herstellen. Herodian L 14 
glaubt nun, dass die neuen Monatsnamen meist (ai irXeiCTat) 



248 ' Johannes Zürcher: Commodus. 

auf den Herculescult Bezug gehabt hätten ; es hies» aber nur 
der September oder Oetober Hercules , denn weder der Apollo- 
name Invictus noch auch wahrscheinlich selbst der allgemeine 
Titel Exsuperatorius — ganz abgesehen von den übrigen 
Namen Amazonius^ Felix ^ PiuS; Lucius, Aelius, Aurelias, 
Commodus , Augustus , Romanus — können in Betracht 
kommen. 

Nach Herodian I. 15 sollen aus Italien und den benach- 
barten Ländern Menschen herbeigeeilt sein, um den Thier- 
kämpfen, in welchen Commodus auftrat, beizuwohnen. Dio 
Cassius' 72. 20 eingehendem Berichte zufolge hat das Volk 
sehr wenig Antheil an diesen Kämpfen im Theater genommen, 
und Dio kann sich doch berühmen: irapüüv auTÖc Ifib xai 
elöov €KacTa Km fJKOUca! Herodian stellt den Kaiser als 
Kämpfer weit höher als Dio, der die Umstände aufzahlt, 
welche das Erlegen der Thiere so sehr erleichterten; Hero- 
dian meldet nichts von der Theilung des Amphitheaters in 
mehrere Behälter, er erweist dem Commodus zu viel Ehre, 
wenn er ihn Hirsche und Gazellen mit blosser Hand erlegen 
lässt; denn man möchte diese Thiere doch nicht zu den ßord 
rechnen, von welchen Dio versichert, dass er sie auf jene 
Weise tödtete. Herodian allein gibt dem Kaiser Parther und 
Maurctanier als Lehrer in Thierkämpfen ; er will eben be- 
weisen, dass der Kaiser auch die berühmtesten Kämpfer ^ocli 
an Gewandtheit übertroflFen, dies ergibt sich aus den Bei- 
sätzen: cuvficav bk 7Taib€uovT€c auTÖv TTapGuaiuJV oi toHuoiv 
dKpißoövT€C Kai Maupouciujv oi dK0VTi2^€iv apiCTOi, oöc ndvrac 
eux€ipia UTrep^ßaXXev. Es lässt sich doch zweifeln, dass 
Commodus eine solche Fertigkeit im Speerwerfen erlaugt, 
dass er niemals gefehlt habe, wie Herodian behauptet, der 
auch versichert, dass Copimodus je mit einer Lanze hundert 
Löwen umgebracht habe; sollten dieses vielleicht die hun- 
dert Bären sein, von denen Dio 72. 18 spricht? 

In Bezug auf die Gladiatorenkämpfe ist Herodian im 
Einklänge mit den anderen Quellen; wenn er berichtet, dass 
Commodus den Namen eines berühmten Fechters angenommen, 



^^ 



I. Quellenkritik. 249 

80 wird woh] Marius Maximas bei Lauipridius 15 dieses 
ergänzen 9 wenn er meldet: Appellatus est sane inttr cetera 
irntmphaiia nomina etiam sescenties vicies Palus primus secu- 
iontm. Herodian behält seine alte Gewohnheit, die nämlichen 
tiedanken mit denselben Ausdrücken wiederzugeben. Wir 
finden 

14, £ic TocouTÖv T€ /lavioc Ktti TTapoivtac TTpouxuipricev . . . . 

15. €ic TocoÖTOv hk Trpo€Xu>pric€ fiaviac .... 

10. Tod. 

Wir haben auch hier verschiedene Abweichungen der 
Darstellung des Herodian von der des Dio 72. 22, welche 
wir, als den Ereignissen weit näher stehend, bisher als rich- 
tig angenommen haben, lieber den Zeitpunkt der Ermordung 
scheint Herodian im Unklaren zu sein, nach ihm Cap. 16 soll 
Commodus am 1. Januar get(>dtet worden sein, denn am 
2. Januar fand das Fest statt: veou fifev Top frouc ttic ^ttiou- 
cifc IpeXXev fm^pac; nach allen anderen Quellen (Clinton ad h. 1.) 
ist dieses Ereigniss auf den 31. December zu setzen: iv yoOv 
Ti} TeXeuraia toO Itouc i\\xipq. sagt Dio. Herodian nimmt an, 
dass alles Nachmittags oder gegen den Abend vorgefallen, 
denn nach ihm zog sich Commodus Mittags in sein Zimmer 
zurück: Kai fäp fi€cimßptac eiuiOei toOto iroieiv und er theilt 
nicht mit, dass irgend eine Unterbrechung während des 
ganzen Dramas vorgefallen. Nach Dio sind es der Präto- 
rianerpräfect Laetus und der Kämmerer Eclectus, die zuerst 
an die Ermordung denken; sie setzen sich mit Marcia in 
Verbindung. Nach Lampridius 17 und 15 waren es Laetus 
vmd Marcia, die begonnen, denen sich dann auch Eclectus 
beigesellte. Bei Herodian endlich ist es Marcia, die zum 
ganzen Unternehmen den Anstoss gibt. Sie soll nach dem- 
selben Autor in der Nacht auf Befehl des Kaisers ermordet 
werden, das gleiche Schicksal soll auch Laetus und Eclectus 
nebst einer grossen Anzahl Senatoren treifen. So bedroht 
stellen sie sich ziur Gegenwehr und tödten den Kaiser. 

Dio sagt nicht, dass Commodus jene drei Personen gerade 



250 Johannes Zürcher: Commodus. 

am bezeichneten Tage habe todten wollen; er sagt nur^ 
dass er ihnen oft gedroht: ö Tctp AaiTOC xai 6 *€kX€ictoc 
dxOöfievoi aÖTqj bi' 8 ^iroiei, xai irpoc^Ti Kai q>oßiiO^VT€C, ^ireßcO- 
Xeucav auTifi — ähnlich Lampridius 15: Eclecius cubictdarim 
cum videret, eum tarn facile cubicularios accidere, praevenit 
cum — und fügt bei, dass Commodus beabsichtigt habe, die 
Consuln des folgenden Jahres aus dem Wege zu schafifen. 
Lampridius spricht sich vollends nicht so aus, als ob der 
Kaiser am letzten Tage des Jahres Laetus , Marcia und Ecleetus 
des Lebens habe berauben wollen. Ich halte desshalb die Dar- 
stellung des Herodian in Bezug auch auf diesen Punkt für 
grundlos und denke, dass auch das, was unser Geschicht- 
schreiber vorher erwähnt, nicht wahrheitsgetreu sei. 

Nach ihm will der Kaiser am kommenden Feste von der 

« 

Behausung der Gladiatoren aus den Festzug antreten, dies 
wird auch von Dio erwähnt, allein er brauchte desshalb nicht 
erst den Laetus und den Ecleetus hinzuschicken, um dort 
eine Wohnung zu bereiten, die er nach Dio Cassius 72. 22 
hatte: xai Tap.TÖv oTkov töv ttpujtov irap' auroic, ibc xai elc 
dH auTifiv ujv, €Tx€. Herodian legt auf diesen Umstand viel 
Gewicht, denn das gibt ihm Stoff für eine malerische Sc^ne 
— Marcia will den Commodus von einem solchen Vorhaben 
zurückhalten, bittet, weint, wirft sich ihm zu Füssen, geht 
weinend weg — . Er kennt die Gedanken des Kaisers: dieser 
egt die Schreibtafel auf das Ruhebett, oiriOeic )üir)&€va ^KeTce 
eiceXeucecGai, schläft später ein : \mb KajuäTOu irdcxeiv oliiOek 
dv€7raucaTo; Herodian weiss auch, was mit dem Gifte des 
Kaisers im Innern des Körpers vorgegangen, was allein be- 
weist, wie dieser Autor alles in die Länge ziehen und aus- 
schmücken will. Man sehe zu, wie Herodian den Philo- 
commodus und sein Zusammentreffen mit der Marcia schildert, 
man erwäge die Rede der Letztern, die selbst zugesteht, dass 
sie sich während vieler Jahre habe missbrauchen lassen, man 
betrachte die Bestürzung des Laetus und des Ecleetus, ihre 
Zusammenkunft mit Marcia, ihren festen Entschluss, lieber 
$twas zu wagen als unterzugehen, und man wird finden, 



1. QueUenkritik. 251 

dass man es hier nicht mit einer historiischen Erzählung zu 
thun hai 

Auch über die Art des Mordes finden wir noch verschie- 
dene Darstellungen^ nach Dio bringt Marcia dem Kaiser das 
Gift im Fleische bei; nach Herodiau reicht sie es ihm mit 
lieblich duftendem Weine: olvtn t€ xepäcaca cuidbei; nach 
Dio wird Commodus im Bade erstickt: Kai b\* dKeivou Xou- 
u€vov auTÖv äiTCTTViEav; nach Herodian in seinem Zimmer 
erwürgt: diroccpiT^cic töv rpdxn^ov q>ov€u€t. Herodian schliesst 
die Geschichte des Commodus mit der Bemerkung ^ dass er 
dreizehn Jahre regiert habe : ßactXeucac £tii rpiCKatöeKa jueia 
TTjv Tou TraTpQC TeXeuTrjv; nach Dio dauerte richtig seine 
Regierung nur 12 Jahre 9 Monate 14 Tage. Konnte man 
nicht in dieser Angabe den unterscheidenden Charakter der 
beiden Werke des Dio Cassius und des Herodian wieder- 
finden? Dio Cassius genau , kurz^ kalt^ sofern nicht der 
Gegenstand mehr Feuer verlangt , Herodian allgemein , weit- 
schweifig, immer geschmüekt; in jenem zuverlässige Zeit- 
berichte, hier verworrene Erinnerungen, jener ist Geschicht- 
schreiber, dieser will nur ein aumuthiger Erzähler sein. 
Doch selbst als solcher wird Herodian keine hohe Stelle ein- 
nehmen; man sieht überall den alten Rhetor, der ausspinnt, 
wiederholt, und selbst bei lebhaften Schilderungen nicht wahre 
Begeisterung und Kraft besitzt. 



IL' Zusammenfassung glaubwürdiger (luellen- 

nachrichten. 

Marcus Lucius Aelius Aurelius Commodus Autoniuus') 
wurde den 31. August 161 zu LaDuvium als Sohn des römischen 
Kaisers Marcus Aurelius geboren. Dieser Hess nichts an sei- 
ner Erziehung fehlen, ausgezeichnete Männer wurden be- 
rufen, der Vater wandte seinen persönlichen Einfluss- an, imi 
den Sohn würdig heranzubilden. Doch diese Bestrebungen 
waren verloren; Commodus war von der Natur wenig be- 
günstigt*): einfältig, furchtsam, unselbständig. Ein solcher 
Charakter musste einer schlechten Umgebung unterliegeu ; 
der Vater besass nicht die nöthige Festigkeit und machte 
Zugeständnisse. Die gefahrlichen Neigungen zeigten sich 
bald: in seinem zwölften Jahre wollte er einen Aufseher in 
den Ofen werfen lassen, weil das Bad zu heiss war.^) 

Der Kaisersohn stieg rasch in den herkömmlichen Wür- 
den. Er empfing den Titel Caesar den 12. October 166, beim 
Triumphe des Kaisers Lucius Verus über die Parther, erhielt 
einige Jahre später (15. October 172) mit seinem Vater den 
Beinamen „Germanicus", und trat den 20. Januar 175 in 
alle Priestercollegien ein.'*) Wir wissen nicht, ob er bis 
dahin sich wirklich längere Zeit beim Heere aufgelialten; 



1) vgl. Cohen III. 51 und 52, Lampridius v. Comm. 1. Clinton FaM 
Bonuim I. 148. 

2) Dio Cassius 72. 1; 71. 22. 

3) Lampr. Comm. 1, 2. 

4) Capitol. M. Ant. 16. Lampr. Comm. 1. 1., Eckhel D. N. V. VII. 
J03. Cohen III. 52. Clinton I. 166—170. 



n. ZusammenfasBimg glaubwürdiger Quellennachrichten. 253 

wie spatere Quellen berichtet haben J) Er wurde aber in 
diese Verhältnisse hineingezogen ^ als seinem Vater ein ge- 
fahrhcher Gegner in dem Statthalter Syriens, Avidius Cas- 
^ius, erstanden war. Commodus wurde damals an die Grenze 
des Reiches berufen, verliess desshalb den 19. Mai 175 Rom 
und empfing den 7. Juli*) die männliche Toga. Vater und 
Sohn besuchtep Aegypten und Syrien, kehrten darauf an die 
Tiber zurück, wo neue Ehren des Sohnes harrten. Commodus 
wurde, obwohl erst sechzehn Jahre alt, zum Consul des 
Jahres 177 ernannt, erhielt den 27. November 176 zum ersten 
Male den Titel Imperator imd nahm gegen das Ende des 
Jahres (23. December) am Triumphe seines Vaters Antheil. 
Bald sehen wir ihn auch mit de? tribunicischen Gewalt beklei- 
det, ohne dass wir den Tag angeben können, an welchem 
er sie erhalten hat.^) Der Aufenthalt in Rom war nicht 
von langer Daner. Die äussern Feinde bedrohten wiederum 
die Reichsgrenzen, der Kaiser zog mit seinem Sohne gegen die 
pingebrochenen Germanen und Sarmaten. Vor dem Weggange 
vennählte er den Conmiodus mit Crispina, Tochter des Bruttius 
Praesens. Diese Feierlichkeit wurde ohne Pomp begangen, 
dem Volke wurde nur eine Spende ertheilt.'') Nach derselben 
verliessen sie im August 178 Rom. Mark Aurel war glück- 
lich bei Bekämpfung der Barbaren und dachte bereits an eine 
Allgemeine Unterwerfung derselben, als er den 17. März 180 
zu Vindobona von einer Krankheit hingerafft wurde — wie 
ßös ausdrücklich versichert wird, nicht ohne Zuthun seines 
Sohnes. 

Commodus bestieg ohne alle Schwierigkeit, noch nicht 
neunzehn Jahre alt, den kaiserlichen Thron. Er hatte zu- 
nächst den Krieg zu beendigen, wie das Mark Aurel ange- 



1) Herodiari I. 8. 

*) Capit M. Anton. 22. Lampr. Comm. 12.2. 

3) Eckhel D. N. V. VII. 195. Capit. M. Anton. l7. 27. Cohen 
Ul 121. 

4)Dio Cassini! 71. 3.3. Capit. Marc. Ant. 27. Eckhel: D. N. V. 
^"' Km. Lampr. Comm. 12. 



254 Johannes Zürcher: Commodus. 

« 

rathen; allein Commodus zeigte dafür wenig Neig^g,^) 
er sehnte sich nach der römischen Kaiserstadt and ihren 
Vergnügungen. Man verweilte jedoch noch einige Zeit an 
der Grenze und empfing die Gesandtschaften der Rom be- 
kriegenden Völker. Diese befanden sich nicht in gleicher 
Lage; die Marcomannen und die Quaden schienen erschöpft^ 
und man gestand ihnen den Frieden sogleich zu; allein die 
Buren erschienen so Airchtbar^ dass man ihr Friedens- 
begehren nur für einen Vorwand hielt; sich auf den Krieg 
vorzubereiten. Die Römer hatten ihnen gegenüber noch 
keinen bestimmten Plan gefasst, wie das deutlich aus den 
Friedensbedingungen hervorgeht. Man wollte zunächst die 
Barbaren möglichst von den, römischen Provinzen fem hal- 
ten: die Bureh mussten schwören ^ mit ihren Wohn- und 
Weideplätzen vierzig Stadien weit von dem römischen Da- 
cien entfernt zu bleiben. Durch andere Massregeln suchte 
man aber doch diese Völker in den römischen Verband 
hineinzuziehen; die Quaden stellten 13^000 Mann Truppen, 
die Marcomannen eine geringere Zahl; ebenso legte man 
ihnen einen Getreidetribut auf. Politische Selbständigkeit 
suchte man ihnen zu nehmen ^ ihre Versammlungen sollten 
von nun an nur einmal des Monats an einem bestimmten 
Orte unter der Aufsicht eines römischen Officiers stattfinden. 
Die Verhältnisse zwischen den den Frieden schliessenden Vol- 
kern scheinen auch gespannt gewesen zu sein; denn man 
untersagte den Marcomannen und Quaden den Krieg gegen 
die Jazygen, Buren und Vandalen. Die Römer waren in der 
Einforderung der Tribute nicht genau ^ liessen sie sogar fal- 
len; sie zogen ihre Truppen ^ welche bis dahin in den Be- 
sitzungen dieser Völker stationirt hatten ^ zurück.^) 

Man feierte diesen Friedensschluss gleich einem Siege'), 
allein man kann doch nicht verkennen; dass dessen Be- 
dingungen weit günstiger für die Barbaren als für die Römer 



1) Dio 6a88iu8 72. 2. Lampr. Comm. 3. 

2) Dio Cassius 72. 2 u. 3. 

3) Eckhel Vll. 108. 



II. Zusammenfassung glaubwürdiger Quellennachrichten. 255 

waren. Jene waren dem romischen Joche entgangen ^ unter 
welches sie die Siege Mark AureFs beinahe gebracht hatten, 
nur kräftige Regenten konnten sie noch in Abhängigkeit 
bewahren. Gommodus hatte seine Regierung mit diesem Acte 
begonnen; der ein Beweis seiner Schwäche war; seitdem nahm 
er nie mehr persönlich an Kriegen Theil, allein ausgezeich- 
nete Feldherren, wie Niger, Severus hielten noch eine grosse 
Vergangenheit aufrecht und bewahrten das Reich vor einer 
allgemeinen Ueberiluthung durch die Barbaren. 

Der junge Kaiser verliess den Ort, wo sein Vater ge- 
endet hatte und zog nach seinem' theuren Rom*, das Volk 
mochte ihm bei seinem Triumphzuge am 22. October 180 zu- 
jubeln*), denn was erwartet man nicht von einem jugend- 
lichen Fürsten? Doch die Täuschung konnte nicht lange 
währen; Gommodus hatte auf den Triumphwagen einen Ge- 
fährten seiner Laster genommen, den er öffentlich zu wieder- 
bolten Malen küsste; vor dem Senate hielt er eine Rede^), 
in welcher er sich selbst mit Lobsprüchen überhäufte, unter 
Anderem wegen einstiger angeblicher Lebensrettung seines 
Vaters. Die Rathgeber, welche ihm sein Vater hinterlassen 
liatte, wurden ohne Zaudern entfernt, er bildete sich einen 
neuen Hof. Um ihn befand sich seine Gemahlin Bruttia 
Crispina, die wenig Antheil an den Staatsgeschäften nahm, 
ihr zur Seite war die Schwester des Kaisers, Lucilla, eben 
so verschlagen wie ihr Bruder. Einen bedeutenden Einfluss 
übte Saoter oder Sauter aus^), jener Mann, den Üommodus 
schon bei seinem Einzüge in Rom so sehr vor dem Volke 
geehrt hatte; bei den Truppen befanden sich Tarrutenus Pa- 
temus und Salvius Julianus, die dem Kaiser treu blieben. 
Doch die eigentliche Leitung der Geschäfte lag Perennis ob; 
der Kaiser befasste sich nicht damit, sondern begann vielmehr 
jene blutige Laufbahn , die seinen Namen für immer gebrand- 



1) Lampr. Comm. 12. 3. Eckh. VII. 109. 

2) Dio Caflsiiis 72. 4. 

3) Lampr. Comm. 3; dazu die Bemerkung in der Vorrede zu Peter^i 
EJition p. XIX n. 



256 Johannes Zürcher: Commodus. 

markt hat. Wir können nicht in sein Inneres dringen, um 
die Beweggründe seiner Handlungen zu finden; doch war es 
gewiss nicht Perennis, der in ihm die bösen Instincte wach- 
rief, noch gab die Verschwörung der Lucilla das Signal zur 
Entfesselung der Leidenschaften. Man sah später in der 
Schwester des Kaisers einen nicht unedlen Charakter, wäh- 
rend eine zeitgenössische Quelle sie Commodus gleichstellt^) 5 
sie besass einen ehrenwerthen Gemahl in der Person des 
Senators Claudius Pompeianus; allein sie lebte mit demseben 
in Zerwürfniss. 

Die Motive, wesshalb sie eine Verschwörung gegen ihren 
Bruder einleitete, sind uns nicht bekannt; sie verband sich 
zu diesem Behuf e mit dem Gemahle ihrer Tochter, der eben- 
falls Claudius Pompeianus hiess; dieser liess sich als Werk- 
zeug gebrauchen , obwohl er mit dem Kaiser auf gutem Fusse 
stand. Dieser Claudius Pompeianus stellte sich in dem dunklen 
Eingange des Amphitheaters auf, zückte mit den Worte«: 
„Dieses sendet Dir der Senat" den Dolch auf den vorüber- 
gehenden Kaiser, wurde aber vor der Ausführung seines 
Vorhabens ergriffen. Die Untersuchung stellte die Schuld 
der Lucilla heraus, sie wurde zuerst auf die Insel Capri ver- 
bannt, dann getödtet. Der Schwiegersohn wurde ebenfalls 
mngebracht, ebenso dessen Vater, doch wohl nicht in ge- 
nau derselben Zeit. Die Kaiserin Bruttia Crispina, die des 
Ehebruches angeklagt wurde, theilte das Schicksal Lu- 
cilla's; auch sie wurde nach Capri gebracht und später des 
Lebens beraubt. Diese Verschwörung forderte auch noch 
andere Opfer, von welchen besonders Quadratus zu erwähnen 
ist, der regen Antheil au dem Unternehmen genommen 
hatte. Seine bisherige Concubine, Marcia, wurde an den Hof 
gezogen, wo sie an der Seite des Kaisers einflussreich ward'); 
ihr sollen die Christen die Ruhe zu danken gehabt haben, deren 
sie sich während der Regierung dieses Kaisers im Ganzen 

1) Lampr. Comm. 4. Dio Cassius 72. ß. 

2) Dio Cassius 72. 4. 5. Lampr. 4 und 6. Kckhel VII. 98. 139. 
Cohen III. 193. 



II. Zusamuicnfassim^ j^laubwürdij^er Quellennachrichteu. 257 

tffreuten ^) ; sonst kann man nichts anführen, worin ihre 
Simme entscheidend gewesen wäre (um 183). Der Prätorianer- 
pmfect Tarrutenus Patemus wurde ebenfalls in Untersuchung 
ij^ezogen. Man konnte ihn nicht überführen, an der Ver- 
sehw5rung Theil gehabt zu haben ; allein das Misstrauen war 
iregen ihn erregt und sein Untergang Hess nicht auf sich 
warten. Pereunis wollte seinen Sturz, weil er seine Gewalt 
mit ihm tfaeilen musste; der Kaiser wurde tödtlich beleidigt, 
als Paternus den dem Volke verhassten Günstling desselben 
Saoter, durch Kaufleute aus dem Wege hatte räumen lassen. 
Seine Tochter würde dem Sohne des Salvius Julianus ver- 
sprochen, und dies wurde ihm zum Verbrechen angerechnet; 
Jenn man sah darin einen Versuch, dem Julianus die Kaiser- 
krone zu verschaffen. Tarnitenus Paternus und Salvius Julianus 
fanden den Tod.^) 

Es wäre vergebens, überall die Gründe zu erforschen, 
warum dieser oder jener eines gewaltsamen Todes starb; in 
Zeiten, in welchen die Laune eines Kaisers den höchsten 
Richter bildet, werden nicht lange Untersuchungen gepflogen; 
^jegenwehr war unmöglich. Das Alterthum hat besonders^) 
den tragischen Untergang der quintilischen Brüder, Maximus 
ond Condianus, verzeichnet, die durch ihre wissenschaftlichen 
Kenntnisse wie durch ihre Eintracht sich das Lob der edeldon- 
kenden Zeitgenossen erworben hatten. Der Sohn des Maxi- 
nius war nach Syrien gegangen; dies wurde als Abfall aus- 
gelegt, die beiden Brüder nebst dem Sohne des Condianus 
•ergriffen und getödtet. So lebten die höheren Stände des 
rumischen Volkes in beständiger Angst dahin , wenige äussere 
Ereignisse lenkten dessen Aufmerksamkeit ab. 

Als der bedeutendste Krieg unter der Regierung des Com- 
modua wird der in Britannien angesehen, der in die ersten Jahre 



I 



1) Eine Dio Cassius 72. 4 bestätigende Stelle der Philosophumena 
Jes Pseudo-OrigeneH (9. 12 p. 287 ed. Miller) von der <piXö0eoc iraXXaKi^ 
Koh(Mk)u bringt Baur, Kirchengesch. I. 445. — [B.] 

i) Dio Cassiuß 72. 10 u. ö. Lampr. Comni.,4 u. 'A 

3) Dio Cassius 72. 5 u. 6. Lampr. Cofnm. 4. 

Uili^ttch. z. Rom. Kaisprjfpsch. I. 17 



258 Johannea Zürcher: Commodus. 

der Regierung des Commodus vor 184 ßUt.^) Hier wurde der 
Qrenzwall von den Barbaren überschritten^ das Land ver- 
wüstet; allein sie fanden einen kraftigen Feldherrn als Gegner, 
den die Verderbniss nicht ergriffen hatte. Es war Ulpins 
MarcelluS; barsch in seinem Auftreten^ äusserst strenge dem 
Soldaten gegenüber , unermüdlich in seineu Arbeiten ; er 
hielt seine Truppen auch während der Nacht wach , liess für 
sie Brot von Rom her konunen. damit sie nicht versucht 
würden ; mehr als das absolut Nothige zu gemessen. Der 
Feind wurde zurückgeworfen, allein im Heere selbst scheint 
nicht mehr vollständige Eintracht geherrscht zu haben; man 
versuchte freilich vergeblich einen Kaiser zu erheben; allein 
die Ruhe wurde erst durch Pertinax wieder hergestellt.^) 

Von Britannien her kam auch der entscheidende Schlag 
gegen den Prätorianerpräfecten Perennis. Die Zeitgenossen 
haben diesen weit milder als die Nachwelt beurtheilt. ') Pe- 
remiis war nicht fehlerlos, der Ehrgeiz hatte Gewalt über 
ihn; allein er war nicht ein Mann, der alles niedermachte, 
um Reichthümer zu erwerben und der selbst nach dem Throne 
trachtete^), er war vielmehr uneigennützig, suchte die Zucht 
im Heere zu bewahren. Während des britannischen Krieges 
hatte er Senatoren durch Männer aus dem Ritterstande in 
den Stellen ersetzt, die Armee wollte dies nicht hinnehmen 
und schickte 1500 Mann nach Italien, um dem Kaiser Vor- 
stellungen darüber zu machen. Diese gelangten bis in die 
Nähe Roms, Commodus eilte ihnen entgegen und erkun- 
digte sich über ihr Verlangen. Die Gesandten erhöbe« 
Klagen gegen Perennis, erklärten, dass dieser für seinen 
Sohn die Kaiserwürde zu erwerben trachte. Commodus 
untersuchte nicht, widerstand nicht, sondern liess einfach 
den Perennis den Prätorianern ausliefern, die ihn, seine 



1) Die Casaiufl 72. 8. Eckhel VII. 112. 

2) Lampr. Comin. 8. Die CasBlus' 72. 9. Capitol. Pertinax 3. 
8) Dio Cossins 72. 9 u. 10. Gibbon I. 82. Herodian I. 8. 

4) Herodian I. 9. 



II. Zngammenfafti^iing glaubwürdiger QuellennfOchrichten. 259 

Gemahlin, seine Schwester und seine zwei Söhne tödteten 
(aml84)J) 

Der Kaiser hatte sich in dieser Angelegenheit bereits 
ron Oleander leiten lassen , der nach dem Falle des Perennis 
die einflussreicliste Person wurde. Cleander war ein Frei- 
i^elassener, der zum Amte eines Kämmerers des Kaisers 
•gelangt war. Seine Verwaltung wird einstimmig von den 
Geschichtschreibem verurtheilt, sein Hauptfehler war uner- 
sättliche ä^eldgier, die Aemter wurden verkauft, die Urtheile 
erkauft. Wer reich war, konnte in den Senat gelangen, 
in welchen man sogar Freigelassene eintreten liess. Unter 
Cleauder sollen in einem Jahre fünfundzwanzig Consuln 
miannt worden sein. Commodus war ihm ganz willföhrig; 
*m Schwager Bymis, Senator, machte auf das Verderbliche 
einer solchen Staatswirthschaft aufmerksam; doch seine Stimme 
wurde von dem Kaiser nicht beachtet. Cleander aber klagte 
Byrrus des Strebens nach der Herrschaft an, worauf jener 
mit seinen Vertheidigem getödtet ward. '^ 

Solche Verwaltung musste die Grundlage des Staates 
♦^Rchüttern ; das Volk schien aber den moralischen Verfall 
nicht zu bemerken und erhob sich erst dann, als die leib- 
liche Noth anklopfte. Eine Theuerung währte seit einigen 
Jahren, obwohl das Getreide nicht mangelte. Commodus hatte 
schon im Jahre 186 eine afrikanische Flotte errichtet, welche 
Lebensmittel herbeibringen sollte, insofern das Getreide von 
Alexandrien ausbliebe; er war weniger klug, als er zu einer 
jener Gewaltmassregeln Zuflucht nahm, die auch moderne 
Regierungen zuweilen noch anwenden wollen : er wollte einen 
üiedeien Preis der Lebensmittel erzwingen, was sich unmöglich 
zeigte: die Noth nahm zu. Wie einst Cleander den Sturz des 
Perennig beschleunigte, so wandte jetzt der Getreideaufseher 
Wonysius Papirius alles auf, um den . Hass des Volkes gegen 
Cleander zu steigern. In glücklichen Zeiten hätte sich dieser 
auch bei der allgemeinen Unzufriedenheit des Volkes noch 

1) Lampr. Comm. 5. C u. 8. Dio Casaius 72. 9. 10 u. 12. Eckhel VII. 1 13. 

2) Dio Cassius 72. 12. Lampr. Comm. C. 

17* 



260 Johannes Zürcher: Commodu». 

lange halten können; allein selbst die Natur schien in d^^ii 
Bund gegen ihn zu treten. Eine Seuche raffte damals bis aiif 
2000 Menschen täglich in Rom dahin ^ Feuersbrüuste suchten 
die Städte heim; da nahte einer jener Momente, in weleheu 
die Bevölkerung in ihren Oberen die alleinigen Urheber alles 
Unglückes sieht. Oleander hatte schon lange die Geduld iles 
Volkes missbraucht, er sollte ihm zum Opfer fallen J) 

Dieser unerwartete Sturz des Oleander hat die Zeitgenos- 
sen weit mehr als derjenige des Perennis ergriffen, mai: 
glaubte an eine directe Dazwischenkunft der unsterbhchen 
Götter. In der That, die Umstände seines Unterganges waren 
eigenthiimlich.*) Man feierte die circensischen Spiele, <la 
stürzte plötzlich eine Menge Knaben in die Rennbahn, an 
ihrer Spitze befand sich eine einer Göttin ähnliche Jungfrau, 
sie stiess Verwünschungen gegen Oleander aus. Das Volk 
stimmte in diese angenehmen Rufe ein, wälzte sich zur Woh- 
nung des Kaisers hin, der bereits von den quirrtilische/i 
Gütern Besitz genommen hatte. Oleander hoffte die Menge 
durch einige Soldaten zu zerstreuen, die abfr Stand hielt uml 
in die Nähe des Oommodus vordrang. Dieser wurde durch 
Marcia von der Lage der Dinge unterrichtet. Es galt ent 
weder dem Volke gegenüber Oleander zu vertheidigen oder 
ihn hinzugeben. Oleander wurde auf Cloramodus Befehl mit 
seinem Sohne umgebracht. Die Römer schleiften den Körjn^r 
des Gefallenen in der Stadt umher, steckten dessen Hiiuj>l 
auf eine Stange und verkündeten so ihren Sieg (nach Tille- 
mont 189 n. Ohr.). 

Dieser Act musste die Ächtung des Volkes seinem Kaiser 
gegenüber bedeutend vermindern, dessen Schwäche sich ofien 
gezeigt hatte. Oommodus lebte in die Gegenwart hinein, 
ohne Blick in die Zukunft, ohne Gedanken an seine PflieJi- 
ten als Fürst. Eine einzige schöne That wird uns von ihm 
gemeldet.') Manilius, Geheimschreiber des Avidius Oassius, 

1) Lampr. Comm. 14 ii. 17. DioCaasius 72. 13 u. 14. CHiitori P.E. J. ISi 

2) Dio Cassiiis 72. 13. 

3) Dio Cassius 72. 7. 



H. Zuäaminc'iifasisuDg glaubwürdiger Cjuullonnachrichk'n. 261 

k't dem Kaiser wichtige Doeumente dar; dieser nahm sie nur 
liiü, um sie zu verbrennen. Doch die übrigen Momente sei- 
ües Lebens wareu dem Verbrechen und dem Vergnügen ge- 
weiht. Gommodus besass die grausame Neigung alles zu 
vernichten, was den Charakter der Ehrenhaftigkeit trug. 
Man hat sich über seine wahre Natur nicht getäuscht, die 
Annalen seiner Regierung sind mit dem Untergange un- 
schuldiger Männer und Frauen gefüllt. ^) 

Sein Körper war durch Ausschweifungen aller Art ent- 
nervt , dennoch wollte er stark erscheinen und legte wirklich 
in Erlegung der wilden Thiere eine gewisse Gewandtheit an 
den Tag. Allein man muss nicht vergessen, dass man dem 
Kaiser seine Arbeit sehr erleichterte. Das Amphitheater 
wurde in vier Abtheilungen getheilt, über jeden dieser Behälter 
Oalerien angebracht, so dass der Kaiser leicht nach allen 
>eiteü hin die luiten befindlichen Thiere mit seinen Pfeilen 
erreichen konnte. In wahrem Nahekampfe hat Commodus 
wenig vrilde Thiere erlegt, von oben todtete er besonders Bären, 
uüten schien der Kampf mehr ein Spiel zu sein, da man es mit 
öicht gefährlichen Thieren zu thun hatte, und nur solchen, die 
nicht absolute Freiheit ihrer Bewegung besassen. Für den 
Kaiser war jedes Auftreten im Kampfe ein Ereigniss, das 
in den Annalen des Reiches verewigt werden sollte. Er be- 
?ab sich zu diesen Vergnügungen in golddurchwirktem sei- 
«lenem Kleide, mit einer goldenen mit Edelsteinen besetzten 
Krone auf dem Haupte; vor ihm her trug man Keule und 
Löwenhaut eines Hercules. Das Volk nahm wenig Antheil an 
fesen Belustigungen des Kaisers ; die Anwesenheit war zudem 
üicht ohne Gefahr; denn Commodus hielt oft Beifallsklatschen 
für Verspottung und drohte mit einem allgemeinen Nieder- 
n^^tzehi. Der Senat wohnte gezwungen diesen Festen des 
Kaisern bei, nur wenige wagten ihre Abwesenheit zu ent- 
schuldigen und nicht in den Ruf einzustimmen: „Heil Dir 
l^aiser, Erster, Glücklichster der Menschen, Du siegst. Du 

2) Lampr. Comm. 7. 



262 Johannes Zürcher: CoramoduK. 

wirst siegen ; Du, o Aiuazonius, siegst in alle Ewigkeit/* 
Solche Worte bezogen sieh jedoch vor allem auf den Gladiator, 
als welchen sich Commodus vor dem römischen Volke zeigte. 
Er liebte hier besonders die Rolle des Secutor und gieng 
immer als Sieger hervor, was ihm unendlich viel Freude 
machte; eigentliche Tödtungen fanden aber vor dem Volke 
nicht Statt, wohl aber in seinem Hause, wo et zudem eine 
besondere Vorliebe für Verstümmlungen des Gegners an den 
Tag legte. Eine Art Scheu vor dem Volke scheint dem Kai- 
ser dennoch während seines Lebens geblieben zu sein, 0) 
dass er z. B. am Wagenrennen nicht personlich Theil nahm. ' 

Ihn sollte man dem Hercules gleichstellen, ihn demselben 
überordnen; denn er hielt sich allen sterblichen Wesen über- 
legen, den Göttern gleich: man brachte ihm wie einem 
Gott« Opfer dar. D^r Senat bot zu allem willig die Hand, 
er benannte sich selbst nach Commodus, erhob Rom zum Titel 
einer commodianischen Kolonie; die Monatsnamen wurden 
geändert, nach den Namen und Ehrentiteln des Kaisers neu 
benannt. Unter den letzteren liebte der Kaiser besonders 
Amazonius und Gladiator, jener rief ihm sein liebstes Wesen, 
die Concubine Marcia, dieser seine liebste Beschäftigung, von 
der er nie liess, in 's Gedächtniss. ^) 

Er zeigte Vorliebe für ausländische Culte und ihre blutigen 
Gebräuche^), vermehrte auch die Feiertage, um sich mehr 
seinen Leidenschaften hingeben zu können. Um diese zu 
befriedigen, musste immer Geld hergeschafft werden: er war 
um Mittel nicht verlegen, gab vor, nach Afrika eine ReLje 
zu unternehmen und liess sich zu diesem Zwecke Geschenke 
geben, welche er für seine Freuden verbrauchte. Auch am? 
der Gladiatorenkasse ^) liess er sich bei seinem jedesmaUfifen 
Auftreten in den Kämpfen bedeutende Summen darreichen. 



1) Alles nach Dio Caesius 72. 17 — 20, dazu Lampr. Commodus 10. 
11 u. 15. 

L>) Dio Cassiuß 72. 15. Lampr. Comm. 8. 9 u. 11. Eckhel VII. iV2. 
8) Lampr. Comm. 16. 
4) Diö 72. 19. 



II. Zutsammenfassung glaubwürdiger Quell ennachrichteii. 263 

Der Senat wurde in Bezug auf die Abgabeu nicht verschont 
und war schon desshalb mit dem Sturze des Kaisers ganz 
zofrieden. 

Ck>nunodus fiel den 31. December 192 als Opfer einer 
Verschwörung. In seinem Morden hatte er auch die nächste 
Umgebung nicht verschont, die jeden Tag dem Untergänge 
ausgesetzt war; man wollte mit einem solchen Zustande be- 
ständiger Angst enden. Laetus und Eclectus stellten sich an 
die Spitze der Verschworung; der erstere war Prätorianer- 
präfect und hatte einen wohlthätigen Einfluss auf den Kaiser 
ausgeübt, der letztere war sein Kämmerer seit der Verschwö- 
rung der Lucilla und sah mit Schrecken , wie seine Gefährten 
den Launen des üommodus unterlagen. Sie verbanden sich 
mit Marcia^ und diese gab ihren Anschlägen Gehör, ohne 
rlass man den Beweggrund angeben könnte. Man vernahm, 
flass der Kaiser den 1. Januar 193 von dem Hause der Gla- 
diatoren aus den Festzug beginnen wolle, dass er beabsich- 
tige, die beiden ernannten Consuln zu tödten. Man wollte 
diesem zuvorkommen und da die Verschworenen des Volkes 
acher schienen, war ihr Werk nicht schwierig.*) Marcia 
reichte ganz einfach den 31. December 192 dem Kaiser 
Nachts im Fleische Gift, und als dieses nicht zu wirken 
schien, so liess mau den üonmiodus durch den Athleten 
Narcissus im Bade ersticken. 

Keine Hand erhob sich um den Kaiser zu rächen, man 
hielt seinen Mord für natürlich und erlaubt, so sehr war er 
der Nation verhasst geworden. Der Senat konnte seine Freude 
nicht massigen, er brach in lauten Jubel aus und verlangte 
die Schleifung des Leichnams des verstorbenen Kaisers. Die 
Festigkeit des Pertinax verhinderte ein solches Schauspiel. 
Septimius Severus aber hat später selbst diesen Kaiser unter 
die Götter aufgenommen.^) 



1) Lampr. Comm. 17. 15 u. 16. Dio Cassius 72. 22. 

2) Lampr. Comm. 18. 19 u. 17. 



InhaltsTerzcichniss. 



I. Quellenkritik 223 

A. Allgemeinee über die drei Hauptschrift- 
steller 22s 

1. Dio CtissiuB 223--2*24 

2. AeliuB Lampridius 224 — 2-2« 

3. HerodianuB 226— 22«^ 

K Einzelprüfungen 228 

1. Knabenalter und Thronbesteigung 228 — 2J1 

2. Erste Rogierungshandlungen 231—234 

3. Einzug in Rom 234-236 

4. Verschwörung der Lucilla 236—23? 

5. Sturz des Perennis 238-241 

6. Maternus 241—242 

7. Oleander 242—246 

, 8. Brand in Rom 246 — 247 

9. Vergnügungen 247- 241> 

10. Tod 240-251 

II. Zusammenfassung glaubwürdiger Quellen- 

nadiriehten 252— 2ft4 



fej:.dzüge in Armenien 



T 



VON 41-63 N. CHR. 



EIN BEITRAG 



ZUR KRITIK DES TACITUS 



VON 



EMIL EGLI 



Erstes Capitel. 

Chronologie. 

Zur. Orientirung in den hier zu erörternden Fragen i«t 
es am geeignetsten ^ von den Regierungsverhältnissen der 
ö^'tlichen Gränzländer zur Zeit des Beginns unserer Periode, 
im Jahr 41 n. Chr., auszugehen. 

Hiefür ist in zwei Ländern unseres Gebietes die Regent- 
schaftsordnung des Caligula*) massgebend. Es wurden von 
Caligula als Regenten eingesetzt: 

1) In Pontus Polemo. 

2) In Klein -Armenien Cotys aus Thracien. 

In zwei andern Ländern stammte die zu Anfang unserer 
Periode herrschende Regierung aus dem ersten Jahr des Clau- 
dius. Er ernannte*): 

1) Antiochus zum König von Commagene und 

2) vergrösserte er die Herrschaft des Agrippa in Syrien. 
Da der Tod des Caligula nach den besten Quellen in 

den Januar 41 fällt ^), so verlegen wir diese Ernennungen 
durch Claudius auf Frühling 41. 

Die Provinz Syrien verwaltete von 39 — 42 der leg. pro 
praetore P. Petronius. *) 

1) Dio Caasius 59, 12. 

2) Dio 60, 8. 

3) Sueton Calig. 5Ö. Dio 59, 30. Vergl. Clinton fasti Romani 
^a. 41. 

4) Speciell für unsere Zeit, 40 und 41, weisen ihn nach Syrien 
Philo c. Apion. c. 34. Jos. Ant. 18, 8, 8. bell. lud, II, 10, 5, 



I. 

Die Zeit des Mitliridates. 

A. 

y 

Eroberung Armeniens durch Mithridates. 

Der iberische Prinz Mithridates wurde im Jahr 41 u. Chr. 
Herr vou Armenien. 

Es stehen dieser Annahme des Jahres 41 zwei andere 
Zeitbestimmungen gegenüber, die mit ihr nicht stimmen. 

1. Clinton fksti Bomani n, 247. 

Die Rückkehr des Mithridates in sein Reich wird von 
Tacitus *) mit den Worten ^^suh idem temims'^ eingeleitet. Es 
stände demnach zu erwarten, dass diese Rückkehr des Mithri- 
dates in ungefähr ebendieselbe Zeit fiele, in welche die un- 
mittelbar vorher erzählten Ereignisse gehören, d. h. in das 
Jahr 47 n. Chr. 

So nimmt Clinton an, wenn er das „suh idem i^^fnpHS^' 
mit dem „discordare Farthos" in das Jahr 47 setzt. Das 
yjdiscordare Parthos ^" ist aber die Bedingung der Rückkehr 
des Mithridates, zeitlich also vorhergehend; folglich kann auch 
nach Clinton diese Rückkehr nicht vor 47 fallen. 

Nun gehört die Eroberung dpr Stadt Seleucia 
durch Vardanes nach Tacitus (11, 9) in das 7. Jahr nach dem 
Abfalle der Stadt von Artabanus. Dieser Abfall seinerseits 



1) 11, 8. In der Folge soll eine einfache Verweisung aut* Tacitus 
dessen Bücher „ab e.rcessu d. August i'* bezeichnen. 



Chronologie. I. Die Zeit de« Mithridatos. 209 

fand im J. 30 d. ChrJ), wie Clinton selbst'^) sagt, statt. 
Nach Clinton müsste man demtiach die Eroberung der Stadt 
in das Jahr 43 n. Chr. setzen. 

Da er aber die Rückkehr des Mithridates, die während 
des „discordare P. ** stattfand, ins Jahr 47 setzt, so muss 
er die Eroberung Seleucia's, die erst nach dem „discor- 
ilare P.** stattfand, dem J. 47/48-zutheilen^ Wie bemerkt 
fallt aber der Abfall der Stadt nach Tacitus sieben Jahre vor 
deren Eroberung. Setzt Clinton die Eroberung auf 47/48, so 
muss er den Abfall auf 40/41 setzen. Factisch aber setzt er 
den Abfall von Artabanus auf 30. Er muss also einen zwei- 
ten Abfall der Stadt annehmen und ihn auf 41 ansetzen.^) 
Wir wollen sehen, ob diese Annahme eines neuen zwei- 
ten Abfalles gerechtfertigt sei. 

Nach Tacitus selb.st^) eroberte Vardanes die Stadt vor 
seiner Rüstung gegen Armenien, also auch bevor ihn der 
romische Statthalter in Syrien, Vibius Marsus, wegen dieser 
Rüstung mit Krieg bedrohte. Nun trcflPen wir aber Vibius 
Marsus schon 45 nicht mehr in Syrien ^), von wo er demnach 
spätestens 44/45 gedroht haben kann» Dieser Drohung von 
44/45 geht die Eroberung Seleucia's voraus, welche ihrerseits 
daher nicht erst ins Jahr 47 fallen kann, sondern spätestens 
in das Jahr 44, oder, wie wir oben, von dem Abfalle der 
Stadt unter Artabanus ausgehend, gezeigt haben, ins Jahr 43 
gehört. Demnach ist di^ Annahme eines zweiten Abfalls 
der Stadt im Jahr 41 ungerechtfertigt. 

Muss man mithin nur den Einen Abfall der Stadt vom 
Jahre 30 annehmen und die Eroberung ins Jahr 43 setzen, 
so kann man auch die dieser Eroberung von 43 vorausgehende 
Uückkehr des Mithridates nicht erst auf 47 setzen. Clinton 's 
Annahme des Jahres 47 ist somit eine irrthümliche. 



1) Tac. 6, 42. 

2; Clinton f. R. II, 248, Note z. 

3) Clinton f. R. II, 248 (GotarzoHi. 

4) Tac. 11, 10. 

5) Vergl. p. 275, Noio 1. 



270 Kgli: Peldzöge in Armeuieu von 41 — 63 n. Chr. 

Dieser Irrthum tritt noch um so mehr an's Licht, weuii 
wir finden, dass Clinton selbst an einer andern Stelle, wo 
er auf andere Quellen sich stützt \), die Rückkehr des Mithri- 
dates ins Jahr 41 setzt. Clinton hat sichtlich die zwei An- 
gaben nicht coutrolirt. 

Aus dem Bisherigen ergibt sich, zu Folge taciteischer 
Angaben 2): 

1) Entgegen der Annahme Clinton's von einem zweiten 
Abfalle Seleucia's im Jahre 41 ist vielmehr bei dem geschicht- 
lich allein bekannten Abfalle vom Jahre 36 zu verbleiben. 

2) äonach fallt die Eroberung Seleucia's ins Jahr 43. 

3) Hieraus ergibt sich, dass die Rückkehr des Mithri- 
dates nicht erst auf 47 (Clinton), sondern spätestens noch 
auf 43 fallen kann. 

2. Nipperdey, Commentar zu Tao. XI 8. 

Diesen Endtermin für die Rückkehr des Mithridates, das 
Jahr 43, nimmt nun Nipperdey wirklich als die Zeit der- 
selben an. Er begründet die Annahme damit, dass im 
Folgenden die Eroberung Seleucia's vom Jahr 43 und die 
Verwaltung des Vibius Marsus von 42 bis Anfang 45^) er- 
wähnt seien. Wir haben oben gesehen, dass die Rückkehr 
des Mithridates zeitlich vor die Eroberung Seleucia's fällt. 
Es ist aber damit nicht gesagt, dass die Rückkehr des M. 
noch ins gleiche Jahr mit der Eroberung Seleucia's gehöre. 
Vielmehr schiebt Tacitus zwischen beide Ereignisse eine ganze 
Reihe Begebenheiten ein, die, wenn andere Daten hinzutre- 
ten, uns zu der Annahme berechtigen, die Rückkehr des 
Mithridates sei nicht erst im Jahr 43 erfolgt. Diese Reihe 
von Zwischenereignissen ist folgende: 

Nach dem Einrücken des Mithridates in Gross-Armeuieu 
wird der parthische Satrap Demonax geschlagen, dann durch 



1) F. li. ad a. 41 Htützt sich auf Dio und Josephus. 

2) Dio andern Quollen lassen wir einstweilen bei Seite, um wu 
möf^lich aus Tac. allein noch weitere Resultate zu erlangen. 

3) Vergl. Tac. 3, 9 und p. 276, Note 1. 



Clironologrie. I. Die Zeit doB Mithridat4?8. 271 

• 

Cotys eine kleine Verzögerung ,,paululum cuncUdionis^^ ver- 
anlasst; die aber immerhin über die ganze Zeit sieh erstreckte^ 
welche die Reise aus Armenien nach Rom und zurück in 
Anspruch nahmJ) Hierauf rüsten sich die parthischen Feld- 
herren zum Kampfe, rufen den Yax*danes aus den entfernten 
baktrianischen Ebenen zurück; dieser legt den weiten Marsch 
?on da bis an den Tigris zurück , und erst jetzt erhielt er 
Seleacia und vielleicht auch nicht sofort^ sondern erst nach 
weiterer Belagerung.^) 

Es schiebt sich also eine möglicherweise lange Zeit zwi- 
schen die Rückkehr des Mithridates und die Eroberung Seleu- 
cia's ein. Was demnach aus Tacitus hervorgeht, ist die Wahr- 
scheinlichkeit, dass die Rückkehr des Mithridates nicht erst 
im Jahre 43, sondern vor 43 erfolgt sei. 

Um diesen Zeitpunkt zu bestimmen,. vergleichen wir Dioa 
Angaben. ^) 

Die Verleihungen von Ländern und dabei auch die Ar- 
meniens an Mithridates fallen ein Jahr vor das zweite Con- 
sokt des Claudius mit C. Largus ; denn es kommen die weiteren 
Begebenheiten^), mit „Ttu bk ipxoM^vin'' (im folgenden Jahre) 
eingeleitet, und hierauf^) wird das zweite Consulat des Clau- 
dius mit C. Largus genannt („ÖTTdieue bfe KXaübioc ^eid falou 
Adpfov'^). Zudem findet sich unter den Schenkungen auch 
Agrippa's weitere Ausstattung vor, und zwar wird dieselbe 
damit motivirt, dass Agrippa bei seiner Anwesenheit zu Rom 
dem Claudius zur Herrschaft mitverholfen habe.^) Wir 
dürfen also annehmen, dass Claudius, wie solche Beför- 
derungen schon an sich gut in den Anfang der Regierungs- 
zeit eines Fürsten passen, besonders mit der Belohnung des 

1) Denn erst ein kaiserliches Schreiben ordnete die Angelegenheit. 

2) Tacitus' Angabe (XI 9): „regrenao Vardano deditur Seleucia'* 
steht dieser Annahme nicht im Wege. 

3) 60, 8—10. 

*) 60, 9. ' 

5).60, 10. 

6) 60, 8: „cuMiTpdSavTi ol xfjv r'iYe^övciav (^tux€ ycip iv TfJ 'PkIj^xyji 

tfiv)« 



272 Egli: Feldzlige in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

um ihn verdienten Agrippa nicht erst bis 43 gewartet liabe. 
Gehört aber Agrippa's Beschenkung in's Jahr 41, so fällt 
dahin auch die der andern Fürsten und somit auch die Be- 
lehnung des Mithridates mit Armenien. ^) ^ 

Da aber die Rückkehr des Mithridates auf die Meldung 
von den Streitigkeiten der Parther Anfang 41 erfolgte^), so 
werden wir die Belehnung des Mithridates mit Armenien auf 
Frühling 41 und den Einfall in dieses Land auf Sommer 41 
setzen. 

B. 
Parthische Wirren 40—60. 

a) Vom Tod Artabanus n. bis zur Uebergabe , 

Seleucia's 40 — 43. 

Der Thronstreit in Parthien, welchen Pharasmanes zu 
Anfang des Jahres 41 nach Rom meldete, setzt den Tod des 
Königs Artabanus IL voraus. Wir bestimmen diesen auf Ende 
40 3) oder Anfang 41 und lassen zu Anfang des Jahres 41 
die parthischen Thronstreitigkeiten mit der Verjagung des 
Gotarzes und der ersten Belagerung Seleucia's durch Var- 
danefs beginnen; der neue Aufstand des Gotarzes mit Hülfe 
der Daher und Hyrkaner, das hienach erfolgte Aufgeben der 
Belagerung Seleucia's von Seiten des Vardanes und dessen 
Verdrängung in den Osten würden sich über den Sommer 41 
erstrecken und der Eroberung Armeniens durch Mithridates 
parallel gehen. Tacitus setzt*) die letzteren Ereignisse selbst 
gleichzeitig, wenn er sagt y,tunc distractis Orientis viribus et 
quomwi inclinarent incertis ..." Diese Worte sind am besten 
auf den Kampf zwischen Gotarzes und Vardanes zu beziehen. 
Es würde sich so ergeben, dass gleichzeitig, da Mithridates 



1) Zu diesem Ergebnisse kommt auch Clinton f. H. ad a. 41, indem 
(»v sich auf Dio stützt. 

2) Tac. U, 8. 

3) Clinton f. Rom. JI 247. 24S. 

4) XI, 9. 



Chronologie. I. Die Zeit des Mithridates. 273 

durch Besiegung des parthischen Statthalters Demonax in 
Armenien, auch Gotarzes, durch Verdrängung seines Bruders 
Vardanes, in Parthien die Oberhand gewann, bis Herbst 4L 

Hierauf folgt im Winter 41/42 Stillstand des Krieges. 
Im folgenden Frühling 42 rüstete sich Gotarzes, nun in un- 
gestörtem Besitze der parthischen Ktone, zur Wiedergewin- 
nimg des im letzten Jahre yerlorenen Armeniens. Wie es aber 
zur Schlacht kommen soll, entscheiden sich die parthischen 
Feldherren gegen Gotarzes und für Vardanes. "Dieser kommt 
noch im Jahre 42 aus den baktrianischen Ebenen an den 
Tigris und erlangt Seleucia im Jahre 43. 

So gewinnen wir eine zeitliche Vertheilung des Stoffes, 
welche, wenn auch nicht eine ins Einzelne nachgewiesene, 
so doch wahrscheinliche und den Momenten der taciteischen 
Schilderung entsprechende ist. Dieselbe empfiehlt sich beson- 
ders auch dadurch, dass wir mit der Eroberung Seleucia's 
ungezwungen in das gleiche Jahr 43 kommen, welches wir 
für dieselbe oben auf anderm Wege gefunden haben. ^) 

b) Von der Eroberung Seleuoia's bis Vologäses 43 — 60. 

Noch im gleichen Jahre der üebergabe Seleucia's 43 
rüstet sich der nunmehrige parthische König Vardanes zur 
Einnahme Armeniens. Eine sofortige Rüstung macht die 
Wichtigkeit des Landes für Parthien und die Erzählungs- 
weise des Tacitus^) wahrscheinlich. Auch bei Gotarzes haben 
wir vorhin gesehen, wie er sich so bald als möglich gerüstet; 
dieselbe Eile werden wir auch bei Vologäses im Jahre 51 
wahrscheinlich finden. — Den abermaligen Aufstand des 
Gotarzes, die Kämpfe im Osten und die Rückkehr des Var- 
danes vermag ich im Einzelnen nicht zeitlich zu bestimmen ; 
sie vertheilen sich aber zwischen die Jahre 43 und 48, welch 
letzteres Jahr nach Philostratos^) am besten als Todesjahr 
des Vardanes angenommen Avird. Auch im Hinblicke auf die 



u 



1) Vergl. S. 268 ff. 

2) 11, 10 „exin . . . 

3) V. Clinton f. R. II 248 und ad a. 45. 

Untersach. z. Rom. Kaisergosch. I. lg 



274 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

folgenden parthischen Könige ist für Vardanes' Tod etwa 
das Jahr 48 anzusetzen; denn Meherdates ward von Rom 
im Jahre 49 erbeten. *) Der Regierungsantritt des Gotarzes 
wird nicht gar lange vorher stattgefunden haben; denn seine 
Grausamkeit begann er jetzt wieder wohl gleich mit seinem 
Regierungsantritt^ wie bei seiner ersten Regierung im Jahre 41. 
Wie damals Vardanes bald berufen wurde ^), so wohl auch 
hier Meherdates. Wenn also die zweite Regierung des Go- 
tarzes nur kurze Zeit dauerte, so kommen wir, um dieselbe 
vom Jahr 49 aus zurückgehend, auch so mit dem Tod des 
Yardaiies etwa in das Jahr 48. 

Die Berufung des Meherdates von Rom fällt in die zweite 
Regierung des Gotarzes, ins Jahr 49; denn die Nachricht 
davon XII 10 bezieht sich zurück auf die Consuln XII 5. 
Noch XII 22 fallt in dieses Jahr 49 und erst XII 25 ins 
Jahr 50.^) Ziemlich lauge vor Winter aber muss die Berufung 
fallen, weil Tacitus erst für Meherdates' Uebergang über den 
Taurus Schnee erwähnt.*) Nicht lange darauf ward Meher- 
dates geschlagen und bald nach diesem starb Gotarzes. Beide 
Ereignisse lassen sich am besten in den Winter 49/50 setzen. 

Für den Anfang des Jahres 51 nennt Tacitus*) den 
Vologäses als parthischen König. Er scheint der kurzen 
Regierung seines Vaters Vonones, die somit ins Jahr 50 
fallt, schon in diesem Jahre 50 gefolgt zu sein. D6nn Taci- 
tus®) geht so schell an Vonones' Regierung vorüber, dass 
diese Annahme wahrscheinlich ist. Wir nehmen denn auch 
das Jahr 50 als das Jahr des Regierungsantritts des Volo- 
gäses als Ende der parthischen Wirren an. 

Aus dieser Zeit der parthischen Wirren ist die Ersetzung 
des Legaten Vibius Marsus von Syrien durch G. Cassius im 



1) 8. unten. 

2) Tac. 11, 8. 

3) Ebenso Clinton ad a. 49. 

4) 12, 18. 

5) 12, 44 sc. Claudio V ot Orphito coss. - Clinton f. R. II 248. 

6) 12, 14. 



Chronologie. I. Die Zeit des Mithridates. 



275 



Jahre 45*) zu melden. Noch 49 nennt ihn Tacitus. '^) Erst 
im Sommer 51 treffen wir den Ummidius Quadratus an sei- 
ner Stelle.*^) 

Wir erhalten folgende 

Clironolog« Tabelle für die Zelt des Mlthrldates, Sommer 41—51* 



Jahr. ) Jahreszeit r 



Ereignisse. 



41 ! Jahresanfang 



Sommer 



Herbst 





Winter 


42 


Frfihling 




Sommer 




Herbst 


43 




44 




45 




46 




47 




48 






Ende 


49 


Sommer 




i Spätherbst 




Winter 


50 


Anfang 




Ende 

1 



Beginn der parthischen Thronstreitigkeiten. — 
Ernennung des Mithridates zum Könige von 
Armenien durch Claudius. 

Eroberung Armeniens durch Römer und Iberer ; 
Besiegung des Demonax. Aufstand des Go- 
tarzes in Parthien. Vardanes gibt die Be- 
lagerung von Seleucia auf und wird in den 
Osten verdrängt. 

Mithridates Herr von Armenien, Gotarzes von 
Parthien. 

Waffenruhe. 

Rüstung des Gotarzes zur Wieder erober ung Ar- 
meniens. 

Berufung des Vardanes als König der Parther. 

Ankunft desselben. 

Einnahme Seleucia's. Rüstung des Vardanes 
gegen Armenien. 



Krieg zwischen Gotarzes und Vardanes im 
Osten. 



Vardanes f. Gotarzes zweite Regierung. 
Berufung des Meherdates von Rom. 
Uebergang des Meherdates über den Taurus. 
Verrath durch Abgar. Gotarzes f- 
Vononos HI, König der Parther. 
Völogäses, König der Parther. Ende der par- 
thischen Wirren. 



1) Münze V. Antiochia aus diesem Jahre (Eckhel d. n. III 280). 

2) 12, 11 und 12. Das Jahr s. vor. S. 

3) 12, 45. Das Jahr v. p. 274 Npte 6. 



18 



276 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

II. 

Schwankende Zustände in Armenien, 

A. 

Iberisch -armenischer Krieg. 

Der iberisch - armenische Krieg begann im Prühb'ng 51. 
Dass es nicht mehr Winter 50/51 ist, wird durch die Un- 
möglichkeit der Bj-iegföhrung in Hocharmenien zu dieser 
Jahreszeit klar.^) Dass aber der Krieg nicht erst in den 
Spätsommer fallen wird, dafür spricht der parthische Einfall 
noch vor dem Winter. 2) Das Jahr 51 ergibt sich aus 
Tacitus. 3) 

B. 
Parthisch *• iberischer Krieg. 

Den iberisch-armenischen Krieg haben wir auf Vorsom- 
mer 51 gesetzt. Da der parthisch-iberische Krieg unmittelbar 
aus jenem entsprang, so fällt er auch noch auf den Som- 
mer 51. Wir nehmen daher für ihn den Nachsommer 51 an. 

Das Ende dieses parthisch-iberischen Krieges setzt auch 
Nipperdey auf Ende 54, das erste Jahr der Regierung Nero's.^) 

Er nimmt aber im Ferneren an«*^), dass die von 12, 44—51 
Ende erzählten Begebenheiten ihrer Natur nach schon nicht 
in ein Jahr gehören können und will, da die weiteren Nach- 
richten 13, 6 mit Ende des Jahres 54 anheben, das Ende des 
Cap. 51 des 12. Buches ebenfalls ins Jahr 54 reichen lassen, 



1) Dies wird im Abschnitte „Geographie" näher erhellen. Das Winter- 
mittel für Erzerum = — 5,6» B., für Eriwan = — 5,7« R., für Zürich 
nur = — 0,6 R. Der starke Schneefall schon bei Strabo 527. — 
(Schmidt, Meteorologie, p. 356 mid 348, in der allg. Encyclop. der 
Physik V. Karsten Bd. XXI.) 

2) V. unten B. 

3) 12, 41. Clinton f. R. ad a. 51. 

4) Tac. 12, 6 fine anni. , Clinton ad a. 54. 

5) 12, 51 Anm. 



Chronologie. II. Schwankende Zustände in Armenien. 277 

um so einen Zusammenhang zu erzielen. Er vertbeilt also 
die Ereignisse 12, 44 — 51 auf die drei Jahre 51—54 n. Chr. 

Wenn wir nun einstweilen von der Fortsetzung in 13, 6 
absehen, so gewinnen wir folgenden chronologischen Verlauf 
der Ereignisse in 12, 44 — 51: 

Anfang Cap. 44 geht auf die Zeitbestimmung Gap. 41 
zurück, also in das Jahr 51 n. Chr. In diesem Jahre erhebt 
sich der iberisch-armeniscbe Krieg, im Frühling. Er beginnt 
mit einem plötzlichen Ueberfalle, durch den Mithridates er- 
schrickt imd unvermögend, das Feld zu behaupten^), sich 
in die Burg Gorneae wirft, wo er belagert wird. Vom An- 
fange des Krieges bis zur Belagerung in Gorneae konnte also 
nicht viel Zeit verstrichen sein. Die Erstürmung der Burg 
gelang dem Rhadamistus nicht; er schloss sie also ein und 
setzte die Bestechung des Prafecten ins Werk, worauf die 
Burg übergeben wird. Die Meldung von diesem Verrath 
konnte in kurzer Zeit zu Quadratas in Syrien gelangen, auch 
wenn Gorneae weit im Norden von Armenien lag. Während 
dieser Zeit schon konnte Pelignus, der in Cappadocien der 
Sache näher stand, seine Rüstung begonnen haben und jeden- 
falls bald hernach in Armenien eingefallen sein, so dass sein 
Verrath nicht gar lange nach dem Verrath zu Gorneae vor- 
fiel. Es können demnach sämmtliche Ereignisse vom Einfall 
der Iberer im Frühling bis zum Verrath des Pelignus im 
Nachsommer in etwa 5 Monaten vom März bis September 
vorgefallen sein. Die Absenduug des Helvidius mit einer 
Legion über 'den Taurus und seine Zurückberufung weisen 
ebenfalls noch nicht auf den^ Winter. Während der Thätig- 
keit des Helvidius hatten sich die Parther gerüstet. Da 
Meherdates noch Ende 49 n. Chr. geschlagen wurde ^), Go- 
tarzes bald darauf (50) starb und sein Nachfolger Vonones 
ebenfalls, so konnte Vologäses, wohl noch 50 zur Regierung 
gelangt, ganz wohl auf den Sommer 51 in Armenien ein- 



1) ib. campis exutus, also wie es scheint ohne Treffen. 

2) V. p. 48. 



278 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

fallen^); ja es ist sogar wahrscheinlich^ dass er nicht bis 
Sommer 52 gewartet hätte 2), und Tacitus sagt selbst, dass 
der iber.-armen. Krieg (Sommer 51) dem Vologäses eine pas- 
sende Gelegenheit zum Einfalle in Armenien zu sein schien.'') 
Daraus geht hervor, dass Vologäses während dieses Krieges 
Nachsommer 51 in Armenien eingefallen ist, als Helvidius 
nach dem Verrath des Pelignus die Verhältnisse in Armenien 
ordnete. Um einen Zusammenstoss mit den Parthem zu ver- 
meiden ward nun Helvidius zurückberufen.. 

Nun berichtet Tacitus, dass die Iberer bei dem Einfalle 
der Parther ohne Schwertstreich gewichen seien; der Einfall 
der Parther und das Zurückweichen der Iberer fallen also 
als sich bedingend in dieselbe Zeit, Nachsommer 51. 

Hierauf wird bei Tacitus ein Winter erwähnt.^) Dies 
ist der Winter 51/52 imd nicht derjenige von 53/54 (Nipper- 
dey). Durch diesen Winter wurde Vologäses zum Abzug ge- 
nöthigt (Anfang des Jahres 52), worauf Rhadamistus das 
Land wieder besetzte, Frühling 52. Seine grausame Rache 
für den Abfall veranlasste die Armenier, ihn zu verjagen. 
Die bei der Mucht aufgefangene Gemahlin des Rhadamistus 
wird zu Tiridates nach Artaxata geführt. Tiridates war also 
sofort bei Vertreibung des Rhadamistus zurückgekehrt. Wir 
stehen damit im Frühjahr od^r Sommer 52, gewiss nicht mehr 
im Winter, da der Krieg nicht im Winter geführt werden 
konnte. Gegen den Winter spricht auch die Erwähnung des 
stehenden (also nicht gefrorenen) Nebenwassers des Flusses 
und die Anführung von Hirten. 

Es ergibt sich also, dass. man mit 12, 51 nicht wie 
Nipperdey ins Jahr 54, sondern nur ins Jahr 52 gelangt. 
Nach dieser Flucht des Rhadamistus, Frühling oder Som- 



1) Dazu stimmt Clinton II, 248. 

2) Wie Vardanes und Qotarzes wird er sogleich gegen Armenien 
gezogen sein. Die Gründe v. p. 273. 

3) Tac. 12, 50 „n/iw Volog. casum iuvadendac Armeniae obvcnisse 
rattts.^ 

4) Tac. 12, 50. 



Chronologie. II. Schwankende ZuBtände in Armenien. 279 

mer 52, kommeu bei Tacitus die Cousuln dieses Jahres er- 
wähnt*), dann die von 53^), so dass nach Nipperdey (Hucht 
des Khadamistus im Jahr 54) das Vorgreifen in der annali- 
stischen Darstelluiigs weise fast 2^/^ Jahre betrüge; nach un- 
serer ^Rechnung (Flucht des Khadamistus 52) ergäbe sich 
nur ein Vorgreifen um kaum V2 Jahr. 

Dies das Resultat, wenn wir von der Fortsetzung in 13, 6 
absehen. 

Im Folgenden wollen wir nun die Fortsetzung der 
Erzählung in 13, 6 beiziehen. Diese Fortsetzung weist 
schon auf das Jahr 54 hin. Es scheint also zwischen den 
zwei zusammengehörigen Stücken in 12, 51 (im Jalir 52) 
und der Fortsetzung in 13, 6 (im Jahr 54) kein Zusam- 
menhang zu existiren.. Nipperdey sucht diesen Zusammen- 
hang eben so zu gewinnen, dass «er das pulso BJiddasmisto 
(XIII, 6) mit Rhadamistus zweiter Flucht (XII, 51) identisch 
erklin-t, das Ende von 12, 51 also auch ins Jahr 54 setzt 
und den Abschnitt 12, 44—51 auf drei Jahre statt ein Jahr 
ausdehnt (51 — 54 statt bloss 51 — 52). 

Nun sagt aber Tacitus 13, 6, dass die Parther Armenien 
besetzten, nachdem sie den Rhadamistus geschlagen, welcher 
auch damals aus dem Krieg sich fortgemacht hatte — und 
nun zur Motivirung des „auch damals'^ sagt Tacitus in einem 
Nebensatz: „welcher Rhadamistus (überhaupt) oft das Reich 
eroberte und wieder aufgab." Also: das oft eingetretene Ge- 
schick des Rhadamistus, die Flucht, war „auch gerade da- 
mals" eingetreten. .Mit dem saepe will nun aber Tacitus 
ungefähr sagen: 

Während meine früheren Erzählungen (12, 44—51), die 
nur bis ins Jahr 52 reichten, erst eine zweimalige Flucht 
des Rhadamistus merdeu konnten, so müssen dagegen meine 
neuen Erzählungen (13, 6), die mit dem Jahr 54 anheben, 
eine weitere Anzahl solcher Fluchten berichten, die in den 



1) 12, 52. 

2) 12, 68. 



280 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Jahren 52 — 54 stattgefunden. Dies geschieht nun mit saepc . . . 
profuffus. Würde mein Abschnitt 12, 44—51, der zwei Fluch- 
ten enthält, bis zum Jahr 54 reichen (Nipperdey), würde er 

« 

also unmittelbar an 13, 6 anschliessen, so würde sich das 
saepe (in 13, 6) nur auf zwei Fluchten (12, 44 — 51) bezie- 
hen können; das geht aber nicht an. Weil sich nun zwi- 
schen 12, 51 und 13, 6 noch zwei nicht berührte Jahre mit 
weiteren Fluchten einschieben, so kann ich, auf diese wei- 
teren Fluchten bezogen, „saepe^^ sagen. 

Wenn wir demnftch um dieses saepe, also um 2 Jahre, 
vom Jahr 54 aus zurückgehen, so kommen wir zum Jahre 52 
und damit zum Ende des vorigen Abschnittes 12, 51; somit 
ist mit dem Nebensatz „saepe profugus" der Zu- 
sammenhang genügend hergestellt. 

Es konnten so zugleich Ereignisse, die einzeln genommen 
keinen Fortschritt in der Handlung, sondern nur ein Vor- 
und Rückwärtsschwanken ergeben, zusammengefasst und durch 
Nebensatzform auch im Styl als weniger wesentlich zurück- 
gedrängt werden. Der Schriftsteller war so auch nicht ge- 
nothigt, seinen verwöhnten Lesern solche unerquickliche Er- 
eignisse weitläufig zu schildern. Damit war derKunst wie 
dem Publicum Rechnung getragen. 

Fasst man übrigens die Dinge so auf, so wird man nicht 
wie Nipperdey genöthigt, das Handschriftliche tum quoquc 
beUum in eine Cionjectur tum beUum quoque abändern zu 
müssen. 

C. 

Römisch -parthische Spannung. 

Wir haben bis jetzt Anfang und Ende des parthisch- 
iberischen Krieges festgesetzt. Es bleibt nur noch übrig, die 
Ankunft der armenischen Gesandten zu Rom zu be- 
stimmen. Diese Ankunft fiillt einerseits schon unter Nero*), 
aber anderseits noch vor die Gerüchte am Ende des Jahres 54.') 

1) Tac. 12, 5. 
U) ib. 12, 6. 



Chronologie. IL Schwankende Zustünde in Armenien. 281 



Wir setzen die Ankunft der armenischen Gesandten zu Rom 
somit in den Sommer 54. 

Die Befehle des Nero betreffend die Rüstungen im Orient 
und die Ernennung des Domitius Corbulo wurden durch die 
Gerüchte am Ende des Jahres 54 veranlasst. Aus diesen 
Anordnungen geht hervor, dass für den Sommer 55 ein Krieg 
in Aussicht genommen war /so dass die Rüstungen zu dem- 
selben und die Ankunft Corbulo's in Cappadocien in den 
Anfang dieses Jahres 55 fallen müsseu. 

Bald begann nun der Streit zwischen Vologäses und Var- 
daneS; welcher die Parther zum Abzug aus Armenien^) und 
zur Stellung von Geissein ^) veranlasste. — Die weitern Ver- 
hältnisse in Armenien sind bis zur Wiedereröffnung des Krie- 
ges im Jahr 58 nicht genau bekannt ^ namentlich nicht mit 
chronologischen Einzelheiten. 

Wir erhalten folgende 

Cbronolog« Tabelle für die Zeit der ^^schwankenden Znst&nde in 

Armenien** 51—68. 



Ereignisse. 



Jahr.* 


Jahreszeit. 


_ _ 
51 


Sommer 




Nachsommer 




Winter 


62 


Frühling 




Sommer i' 


53 


1 

1 


54 


\ 




Sommer 


55 

• 


Anfang 

1 




1 
Frühling . 

1 


56 


1 
1 


67 


! 


1) 


Tac. 13, 7. 


2) 


ib. 13,9.. 



Iberisch -armenischer Krieg. 

Yologäses' Einfall in Armenien. Abzug der 

Iberer. 
Abzug des Vologäses. 
Wiedereinzug der Iberer. 
Wiedereinzug der Parther. 

Neue Rivalität zwischen Bhadamistus und Tiri- 
dates. 

Armenische Gesandte zu Rom. 
Römische Rüstungen im Orient. Ankunft des 

Corbulo in Cappadocien. 
Lässig begonnener Krieg des Corbulo. Abzug 

des Vologäses gegen seinen Sohn Yardanes. 

Unklare Besitzesverhältnisse in Armenien. We- 
der Römer noch Parther sind Herren des 
ganzen Landes. 



} 



} 



282 Kgli : FeldzAlge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

III. 

Eroberung Armeniens. 

Tacitus gibt uns aus der Geschichte der Eroberung Ar- 
meniens nur 3 Zeitangaben: 

1) den Anfang, 

2) das Ende derselben und 

3) einen Sommer ohne Bezeichnung des Jahres, aus dem 
Verlauf der Ereignisse. 

Zuerst . bestimme ich die Jahre von Anfang und Ende, 
dann das Jahr, in welches der genannte Sommer fallen niuss 
und schliesslich die Zeit der weiteren von Tacitus erzählten 
Ereignisse. 

1) Jahr des Anfangs. 

Die Eröffnung des Krieges zwischen Parthern und Rö- 
luern fällt auf den Frühling des Jahres 58. ^) ^ 

Mit diesem Jahre wird auch der Krieg des Yologäses mit 
Vardanes sein Ende erreicht haben. Wir kennen zwar die. x 
nähern Umstände dieses Krieges nicht; doch ist so viel klar, 
dass derselbe, wenn Vologäses seinetwegen Armenien aufgab 
und vor den Römern abzog '^), ziemlich gedämpft sein musste, 
ehe Vologäses wieder eine Unternehmung gegen die Römer 
einleitete. 

2) Jahr des Endes. 

Der Abzug Corbulo's nach Syrien fällt in die Zeit nach 
dem Tode des Quadratus. 

Da nun Tacitus die nach diesem Tode erzählten Be- 
gebenheiten in „dasselbe Jahr^'^), eine weitere Begebenheit 
in das „Ende des Jahres ^^^) setzt und hierauf die Consuln 
des Jahres 61 erwähnt, so fällt der Tod des Quadratus ins 
Jahr 60.^) 

1) Tac. 13, 34. Clinton f. R. ad a. 58. 

2) Tac. 13, 7 und 9. 

3) 14, 27 eodein anno, 

4) 14, 28 fine anni. 

5) Ebenso Clinton f. E. ad a. 60/ Nipperdey Comm. zu Tac. 12, 45. 



Chronologie, lll. Eroberung Armeniens. 283 

Der Abreise des Corbulo unmittelbar voran geht die 
Ordnung der armenischen Verhältnisse und die Einsetzung 
des Tigranes. Diese aber fand sofort nach Besiegung des 
Tiridates statt; denn Tacitus sagt: „possessionem Armcniac 
vsnrpabat (sc. Corhuh), cum adve^iit^) Tigranes a Nerom* 
ad capess, hnpcr, delecttis/^ 

Wir haben somit eine zusammenhängende Thatenreihe 
vor uns^ beginnend mit dem Kriege mit Tiridates^ endigend 
mit dem Abzüge des Corbulo nach Syrien. . Von dem letzten 
Ereignisse dieser Reihe (dem Abzüge des Corbulo nach Syrien) 
wissen wir, dass es ins Jahr 60 gehört.*^) Das erste Ereig- 
niss der Reihe (der Krieg mit Tiridates) kann seiner Natur 
nach nur in einen Sommer fallen. 

Würde nun der Abzug des Corbulo in den Anfang des 
Jahres 60 fallen, der demselben vorangehende Krieg mit 
Tiridates also in den Sommer 50, so wäre der Zusammen- 
hang der Ereignissreihe durch die Zeit von Ende Sommer 59 
bis Anfang 60 — also den Winter 59 — durchbrochen, also 
keine zusammenhängende Reihe mehr da, die noch noth- 
wendig gefordert ist. 

Somit kann der Abzug des Corbulo nur gegen Ende 60 
fallen und der Krieg mit Tiridates in den vorangehenden 
Sommer 60.^) 

Mit dem Jahr 60 geht demnach der Zeitraum der Erobe- 
rung Armeniens zu Ende. 

8) Jahr des Sommers in 14, 24. 

Geht man von der Annahme einer streng annalistischen 
Darstellungsweise bei Tacitus aus*), so muss man die Zer- 

1) cum mit dem Indicativ in dem nachdrücklichen Sinne von „ge- 
rade damals, als'' . . . 

2) V. S. 2S2 über den Tod des Quadratus. 

3) Unten (S. 290) wird die Unmöglichkeit der Annahme, dass dieser 
Krieg noch in den Sommer 59 falle, auch mittelst Beiziehung der Tha- 
ten des Sommers 59 nachgewiessn. Damit ist der Krieg mit Tiridates 
nach vom and nach rückwärts auf den Sommer 60 eingeschränkt. 

4) Zoch, Untersuchungen über die wichtigeren Finsternisse, welche 
yon den Schriftstellern des klassischen Alterthums erwähnt werden. 



284 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Störung von Ärtaxata in das Jahr 58^ den Marsch von da 
nach Tigranocerta in das Jahr 60 verlegen. Es wird auf 
diese Weise: 

1) Der Marsch von Ärtaxata nach Tigranocerta, der 
sofort nach der Zerstörung Artaxata's anhebt*), von dieser 
durch eine Zeitspanne von zwei Jahren getrennt. 

2) Wir erhalten durch Tacitus vom ganzen Jahre 59 keine 
Kunde.^) Tacitus 13, 34 und 14, 23 wären durch eine un- 
ausfüUbare Elutt getrennt, während sonst die einzelnen Ab- 
schnitte des ganzen Partherkrieges vom Jahr 41 — 63 genau 
aneinander anknüpfen. 

3) Corbulo befand sich im tiefen Sommer 58 noch in 
Nordwest-Armenien.^) Würde nun die Zerstörung von Ärta- 
xata und der Marsch von da nach Tigranocerta auch in den 
Sommer 58 fallen, so wären diese Begebenheiten in eine vor- 
gerücktere Zeit dieses Sommers zu verlegen. Nun erntete 
Corbulo im August westlich vom Vansee.*) Er müsste dem- 

. nach, von Nordwest -Armenien im Hochsommer aufbrechend 
und über Ärtaxata im fernen Osten ziehend, schon im Monat 
August im Westen des Vansee's angelangt sein — eine 
Marschleistung, deren Unthunlichkeit einleuchtet. 

Wenn demnach die Zerstörung von Ärtaxata und der 
Marsch nach Tigranocerta nicht mehr in den Sommer 58 
fallen können, so verlegen wir diese beiden Ereignisse in 
den Sommer 59 — und zwar in den Frühling den Aufent- 
halt bei Ärtaxata, in den Herbst die Ankunft zu Tigranocerta. 



Leipzig 1853. Nr. 15. „In jenem Jahre (59) erzählt er (Tacitus) gar 
nichts von den Ereignissen in Armenien; im Jahr zuvor (68) erobert 
und zerstört Corbulo Ärtaxata XIII, 41. Im Jahr nachher (60) heisst 
es XIV, 23: Corbulo post deleta Ali,, utendum recetiti terrore rattis ad 
occup. Tigr illuc pergit." 

1) u tau! um recenti terrore rnttts . . . Tac. 14, 23. 

2) Vergl. vor. S. Note 4. 

ö) Tac. 13, 37 Qtuicsüo diu proelio frustra Jiabitus. 

4) ib. 14, 24 loci cuUi vor der Tauraunitis. Aus meinen geographi- 
schen Erörterungen (Cap. II) ergibt sich die Gegend von Melazgerd 
und Liz als diese loci cuUi. 



Chronologie. III. Eroberimg ArmenienR. 285 

Das Jahr 59 ist demuach das Jakr des Sommers von 
Tacitus 14, 24. Auf 58 fällt der Krieg im Nordwesten, auf 
60. die Erneuerung des Krieges mit Tiridates. 

Diese Annahme des Jahres 59 kann noch weiter geprüft 
werden. Plinius sagt, dass am 30. April des Jahres 59*) 
eine Sonnenfinsterniss stattgefunden habe: „Campania 
hora diei inter septumam et odavam sensit, Corbulo dux in 
Ärmenia inter hör am diei decumam et undecimam prodidit 
Visum. Es ist dies dieselbe Finstemiss, welche Tacitus und 
Dio2) nach Ermordung der Agrippina erwähnen. 

Wenn Corbulo, wie wir vorhin gesehen, Frühling 59 in 
der Gegend von Artaxata stand, so musste er etwa hier die 
von Plinius erwähnte Sonnenfinsterniss beobachtet haben. ^) 
Die t^nsterniss betrug für Artaxata 9,56'', war somit stark 
partial.^) 

Vergleichen wir nun die Schildenmg einer Lichterschei- 
uung, die uns Tacitus bei der Zerstörung von Artaxata gibt^): 
„adicitur miraculum velut numine oblatum: nam ctineta hacte- 
nus sde ülustria fuere; quod moenibus eingehatur, ita repente 
aira nube coopertum fulguribtisqtie discretum est, tU quasi in- 
fensantibus deis ecbitio tradi crederetur," 

Wir werden kaum mehr anstehen, die Finsterniss, welche 
Corbulo laut Plinius und die Lichterscheinung, die er laut 
Tacitus in Armenien sah, für identisch zu erklären, zumal 
da die wirkliche Zeit der Sonnenfinsterniss für Campanien 



1) h. n. II, 180. Vipstano et Fontejo coss. Clinton ad. a. 59. 

2) Tac. 14, 12 „sol repente obscurattis." Dio 61, 16 „ö ^^vtoi f^Xioc 
aifiirac (unrichtig) . . . ^E^Xiircv . . . iK<pf|vai." Dass diese drei Finster- 
nisse identisch sind, ergibt sich daraus, dass sie nicht gar lange nach 
den Quinquatren, die Mitte März gefeiert wurden, stattfanden. Vergl. 
Zech ib. 

3) Zech berechnet sie für Tigranocerta, da er den Corbulo schon 
im J. 68 Artaxata zerstören lässt. 

4) Herr A. Weilenmann, Assistent auf der Sternwarte Zörich, hatte 
die Güte, mir nach Zech's ' Berechnung für Tigranocerta den Betrag 
für Artaxata zu bestimmen. 

6) 13, 41. 



286 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

einerseits und für Armenien andrerseits gut mit der Angabe 
des Plinius stimmt. 

Daxaus geht nun hervor 

1) Dass die Zerstörung von Artaxata auf den Abend 
des 30. April 59 faUt. 

2) Dass Tacitus die gleiche Lichterscheinung für Italien 
als eine Sonnenfinsternisse für Armenien dagegen als mira- 
culum bezeichnet. 

3) Dass Tacitus den Plinius über Armenien nicht be- 
nutzt hat. 

4) Dass der Sommer in Tacitus 14^ 24 wirklich in das 
Jahr 59 gehört. 

4) Die „Mittleren Ereignisse". 

Aus den drei ersten Erörterungen geht hervor: 

1) Der EinfaU des Corbulo Frühjahr 58. 

2) Zerstörung Artaxata's 30. April 59 Abends. 

3) Marsch des Corbulo von Artaxata nach Tigranoeerta 
Sommer 59^ 

4) Abzug des Corbulo nach Syrien Spätjahr 60. 

Ich suche nun die übrigen von Tacitus berichteten Er- 
eignisse in diesen chronologischen Rahmen einzureihen. 

Das Jahr 58 wird eröfl&iet mit einem Guerillakrieg, wel- 
cher längere Zeit währt. ^) 

Im Sommer 58 macht Corbulo, dieser aufreibenden Kriegs- 
weise überdrüssig, einen Generalangriff verschiedener römi- 
scher Colonnen, der Iberer, des Königs Antiochus und der 
Moscher gegen Armenien. 

In dieser Zeit ist aber Vologäses durch einen Abfall der 
Hyrkaner in der Unterstützung seines Bruders gehindert, 
weshalb Tiridates, durch den feindlichen Generalangriff in 
die Enge getrieben, Unterhandlungen mit Corbulo anbahnt. 
Diese Unterhandlungen sind am ehesten in den Winter 
58/59 zu setzen ; denn Corbulo hat wohl den Winter zu Unter- 
handlungen ausgelesen, eine Jahreszeit, in der ein Krieg in 

1) diu quaesito proelio fnistra hahitus Corbulo Tac. 13, 37. 



Chronologie. III. Eroberung Armeniens. 287 

Hocharmenien unmöglich war^ also eine Zeit der Waffenruhe^ 
die von selbst zu Unterhandlungen einladen musste. 

Für die Annahme des Winters für die Unterhandlungen 
spricht Tacitus' weitere Erzählung. Tacitus sagt: „unde (una 
die träms casteUis expugnatis) fiducia caput gentis Artaxata 
aggrediendi,'* Diese fiducia musste sich namentlich auch 
auf den Schrecken stützen, der durch die rasche und gleich- 
zeitige Eroberung der drei Burgen bei den Bewohnern der 
Hauptstadt entstanden sein musste. Wie nachher^) Corbulo 
sofort nach Zerstörung Artaxata's gegen Tigranocerta ab- 
zieht, weil er glaubte „recerUi terrore tUendtim esse,*' so wird 
er auch jetzt nach der Zerstörung der drei Burgen sofort 
gegen Artaxata gezogen sein, weil ihm auch da ein Hand- 
streich am dienlichsten war. Die freiwillige und sofortige 
Uebergabe Artaxata's^) unterstützt diese Annahme. — Wenn 
demnach die Zerstörung der drei Burgen^) dem Angriffe auf 
Artaxata unmittelbar vorhergeht, so gehört sie in den April 59. 

Damit werden die Unterhandlungen ebenfalls in den 
Winter 58/59 zurückgeschoben. 

Wir haben somit zwei Gründe, welche die Annahme, 
dass die Unterhandlungen in den Winter 58/59 fallen, wahr- 
scheinlich machen: 

1) Der Winter ist die für Unterhandlungen gegebene 
Jahreszeit in Armenien. 

2) Die auf die Unterhandlungen folgenden Ereignisse 
gehören sehr wahrscheinlich dem Frühling 59 an. 

Wir lassen demnach die Wiederaufnahme des Krieges 
im Jahre 59 mit der Eroberung der drei Burgen beginnen 
und setzen sie in d^n April 59. 

Weiter berichtet Tacitus*), Tiridates habe sich bei 
einbrechender Nacht zurückgezogen. Corbulo aber hätte 



1) Tac. 14, 23. 

2) ib. 13, 41. 

3) Die Lage der. einzig bei Tacitus genannten, Volandum, ist im 
geographischen Abschnitt (Cap. II) annähernd bestimmt 

4) 13, 41. 



288 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

noch in derselben Nacht bis Artaxata ziehen können. Er 
habe aber erst am nächsten Morgen den Angriff auf die 
Stadt gewagt und sie am gleichen Tage ^ Abends einge- 
nommen. 

Nun fallt nach Plinius die bei der Stadt beobachtete 
Sonnenfinsterniss auf Abend 3—5 UhrJ) Beginnt nun das 
Vorrücken gegen die Stadt am Morgen 2) und ist Corbulo 
spätestens Abend 4 — 5 Uhr bei der Stadt angekommen , so 
beträgt die Zeitdifferenz zwischen Vorrücken und Ankunft 
höchstens 10 — 11 Stunden. Also wäre es, wie Tacitus sagt, 
auch möglich gewesen, dass Corbulo vom Einbrüche der Nacht 
an noch in der Nacht nach Artaxata hätte ziehen' können. 

Es geht demnach wirklich die Flucht des Tiridates dem 
Tage der Zerstörung Artaxata's (30. April) um nur eine 
Nacht voran. Diese Flucht fällt daher auf den Abend des 
29. April 59. 

In den Sommer 59 fällt der Marsch des Corbulo von 
Artaxata nach Tigranocerta mit dem Angriff der Marder.^) 
Noch auf diesem Marsche kamen dem Corbulo Gesandte von 
Tigranocerta entgegen mit der Uebergabe der Stadt. Diese 
Uebergabe ist also ebenfalls noch vor Winter 59 zu setzen. 
Schon vorher war in Hocharmenien das Getreide geemtet 
worden, was frühestens im August geschehen sein konnte; 
denn in der milden Tauraunitis sah Brandt^) am 7. August 
trotz starker Sommerhitze das Getreide noch ungereift. Cor- 
bulo hatte aber schon vor Ankunft in der Tauraunitis, also 
in einer höher liegenden, nicht so milden Gegend geerntet. ^) 
Wenn er somit im August oder noch später im Innern Ar- 
meniens sich befand, so konnte die Ankunft zu Tigranocerta 
nicht früher als in den September. 59 fallen. Auf diese 
Zeit setzen wir sie au. 



1) Plin. II, 180: iifd,er horam diei decumam et tmdecimam. 

2) Aufbruch etwa um 6 Uhr. 

3) Tac. 18, 24. 

4) Bei Ritter, Erdkunde, X, 671. 

ö) Wie sich aus meinen geographischen Erörterungen (Cap. II) ergibt. 



Chronologie. II T. Eroberung Armeniens. ' 289 

Tacitus meldet nun vom Herbei 59 bis Ende 60 (Abzug 
des Corbulo) noch folgende Ereignisse^): 

Kampf um die Burg Legerda^); Absendung hyrkanischer 
Gesandter unter römischer Bedeckung zum erythräischen 
Meere; Einbruch des Tiridates in Armenien aus Medien her; 
Verjagung desselben durch Corbulo und seinen Legaten Veru- 
lanus; vollständige Unterjochung Armeniens; hierauf, bei 
Ankunft des Tigranes, Ordnung der armenischen Verhältnisse 
und dann Abzug des Corbulo nach Syrien — Alles gegen 
Ende 60. 

Es ist uns also die Aufgabe gestellt, diese Ereignisse 
auf die Zeit vom Nachsommer 59 bis gegen Ende 60 zu ver- 
theilen. 

Es fragt sich zunächst, wo wir in diese Ereignissreihe 
den Winter 59/60 einzuschieben haben. — Vor Allem ist klar, 
dass der Krieg mit Tiridates in Hocharmenien , bei wel- 
chem die Legionen nochmals die weiten und beschwerlichen 
Märsche durch dieses Land aufnehmen mussten, nicht mehr 
in den Sommer 59 fallen kann. Oben haben wir gesehen, 
dass Corbulo mit seinen Legionen frühestens im September 59 
nach Tigranocerta kommen konnte; hier wurde er erst noch 
durch den Widerstand der Burg Legerda aufgehalten. Nun 
ist klar, dass er nicht im October 59 noch einen neuen Feld- 
zug in das Innere von Hocharmenien imternahm; denn die 
mildeste Gegend, durch die Corbulo auf seinem Zuge kommen 
konnte, die des Vansee, hat sehr starken und so frühzeiti- 
gen Schneefall, dass in Van oft die Traubenemte dadurch 
zerstört wird. Selbst die Kurden nordöstlich vom Vansee 
ziehen sich Ende October in ihre Winterquartiere zurück.^) 
Es ist also aus klimatischen Gründen sicher, dass die Ver- 
jagung des Tiridates nicht mehr in das Jahr 59 fallen kann. 
Allein auch die Erzählung der auf diese Verjagung folgenden 

1) 13, 26 imd 26. 

2) Eine Vermuthung über die Lage dieses Castells im geofjfraphi- 
schen Theil (Cäp. U). 

3) Brandt bei Ritter, Erdkunde, X, 302. 332. 

Uniersuch, z. Rom. Kaisergosch. I. 19 - 



290 



Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 



Ereignisse bei Tadtus zieht diese Verjagung auf den Som- 
mer 60 hinüber, wie wir oben nachgewiesen haben. ^) Somit 
ist der Krieg mit Tiridates nach vorwärts und rückwärts auf 
den Sommer 60 eingeschränkt. 

Die Eroberung von Leger da und die Absendung hyr- 
kanischer Gesandter in ihre Heimat gehören somit, als 
dem Feldzug vom Sommer 60 voraus- und der Einnahme 
Tigranocerta's im Herbste 59 nachgehend in den Winter 59/60. 
Das Clima der Orte, wo beide Ereignisse hingehören, bildet 
für diese Annahme kein Hindemiss. 

Wir erhalten folgende ^ 

Chronologische Tabelle f&r die Zeit der „Eroberung 

Armeniens << 58—60. 



Jalir. 



58 



Jahreszeit. 



_L 



Ereignisse. 



Frülyahr 



Sommer 



Winter 



59 


April 
r, 29. Abends 
„ 30. Abends 
Mai — September 




September 
Winter 


60 


Sommer 




Herbst 


1) 


Vgl. S. 283. 



Erö£Pnung des armenischefi Krieges. Ende 
des Krieges zwischen Yologäses und Yar- 
danes. 

Generalangriff der Römer, Moscher, Iberer 
und des Königs Antiochns. Abfall der 
Hyrkaner von Y^logäses. 

Unterhandlungen zwischen Corbulo und Ti- 
ridates. 

Zerstörung der drei Burgen (Yolandum). 

Flucht des Tiridates. 

Zerstörung Artaxata's. 

Afarsch des Corbulo von Artaxata nach Ti- 
granocerta. Angriff der Marder. 

Einnahme Tigranocerta's. 

Einnahme von Legerda. Absendung der 
hyrkanischen Gesandten. 

Krieg mit Tiridates und Yerjagung dessel- 
ben. 

Ordnung der armenischen Yerhältnisse und 
Abzug des Corbulo nach Syrien. 



Chronologie. IV. Parihisch- römischer Krieg. 291 

IV. 
Farthiscli-rOmisclier Krieg. 

Nach der Yertreibuug seines Bruders Tiridates aus Ar- 
menien hätte Yologases gern für denselben Rache genommen. 
Allein der Abfall der Hyrkaner^ welcher durch das romische 
Bündniss yon 59/60 wohl noch geschurrt worden war^ hielt 
ihn zurück. Erst als im Frühling 61 der neue armenische 
Konig Tigranes die Adiabener ausplünderte und deren Herr- 
scher Monobazua überlegte^ ob er sich den Bomem unter- 
werfen sollte ; entschloss er sich^ die Streitigkeiten mit den 
Hyrkanem beizulegen und mit gesammter Kriegsmacht die 
romischen Provinzen zu bedrohen. 

Die folgenden Ereignisse können durch eine Angabe bei 
Tadtus zeitlich näher bestimmt werden. Die Heuschrecken- 
schwärme, die im Folgenden erwähnt werden, faUen nämUch 
auf Juni/Juli (61). *) Daher gehört der Angriff auf Tigrano- 
certa und der Bückzug des Vologäses nach Nisibis noch vor 
diese Zeit. Die Gesandten, die nach Rom gesandt wurden, 
werden etwa im Juli abgezogen und im September wieder 
zurückgekehrt sein, so dass der Krieg in diesem Jahre 
61 nochmals aufgenommen werden konnte. Hierauf über- 
winterte Pätus in Cappadocien Winter 61/62, während Cor- 
bulo seine Provinz in Vertheidigungszustand setzte. 

Im nächsten Frühling 62 erheben sich die Parther gegen 
Pätus. Sie erstürmten die Bergübergänge an den Tigris- 
queUen und schlössen den römischen Feldherm bei Arsamo- 
sata ein, Sommer 62. 

Im Herbste 62 musste Pätus abziehen; denn es heisst bei 
Tacitos*) „exin Paetm per Cappad, hibemavit"; auch zogen 
damals Parther und Römer aus Armenien ab. 

Im folgenden Frühling 63^) anerboten parthische 6e- 

,1) Zeitschr. für allg. Erdkunde 1861 p. 383. 

2) 16, 17. 

3) Tac. 15, 20 Memmias Regalos und Verginius Eafus coss. — 
Clinton ad a. 63. 

19* 



292 



Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 



sandte, Tiridates würde sich dazu verstehen, in Syrien das 
Diadem anzunehmen. CorbuloV drohender Zug fällt in deu 
Sommer 63, da er erst auf die Beantwortung einer im Früh- 
ling nach Bom geschickten Anfrage, ob man den parthischen 
Vorschlag annehmen wolle, beginnen konnte. Da dieser Zug 
den Friedensschluss zwischen Parthern und Römern zur Folge 
hatte, so können wir den Abschluss unserer Periode 
auf Nachsommer 63 setzen. 

Wir erhalten daher folgende 



Chronologische Tabelle ffir die Zeit des ^^parthisch-römiselien 

Krieges ^< 61-68. 



Jahr.. 


Jahreszeit. 


Ereignisse. 


61 


1 
Frühling 

1 


Plünderungszug des Tigranes nach Adiabene. 
Eröffnung des Krieges durch Vologäses. 




Mai/Juni 


Missglückter Versuch der Parther gegen Ti- 


, 


1 


granocerta. 




Jnli 


Vologäses in Nisibis. Dessen Gesandte nach 
Bom. 




September 


Rückkehr derselben. 




Herbst 


Zug des Pätus. Dessen Berichterstattung an 
Nero. 




- Winter 


Pätus überwintert in Cappadocien. Corbulo be 
wacht den Euphrat. 


62 


Frühjahr 1 


Angriif der Parther gegen Pätus. Erstürmun«? 
der Tauruspässe. 




Sommer 


Belagerung des Pätus bei Arsamosata. 




Herbst 


Abzug des Patus. Bäumung Armeniens durch 
beide Parteien. 




Winter 


Pätus und Corbulo überwintern in Cappadocien. 


63 


Frühling 


Friedensvorschläge der Parther. 




Sommer 


Zug des Corbulo. 




Nachsommer ' 


Friedensschluss. 



Zweites Capitel. 

Geographie. 

Meine litterarischeu HüIfBinittel für den geographischen 
Theil waren zwar nicht die Originalberichte der Reisenden 
selbst; wohl aber die in Ritters Erdkünde Band X, p. 1 — 1149 
verwertheten Abschnitte aus denselben. Sie mögen für unseren 
Zweck vollständig die Originalquellen ersetzen ^ weil sie nicht 
sowohl in einander verarbeitet^ als mehr nur an einander ge- 
reiht sind. Bei Ritter sind zugleich die Angaben des Strabo^ 
Tacitus, Plinius, Marco Polo, Josef Barbaro, Tournefort u. a. 
früherer Reisenden, sowie des Moses von Khorene, türkischer 
und arabischer Geographen, ferner St. Martin, Indshindshean 
und Tshamtshian u. a. Geographen, und endlich die russi- 
schen Berichte (namentlich über die Peldzüge von 1828/29) 
verwerthet. 

An Karten über die einschlägigen Gebiete lagen mir vor : 

1) Kiepert, 4 Blattkarte über die Kaukasusländer, Ar- 
menien, Kurdistan und Azerbeidshan; Maassstab 1 : 1,500,000, 
Berlin, 1854. Meines Wissens die neueste über diesen um- 
fang sich erstreckende grössere Karte. 

2) Koch, Karte der Kaukasusländer und von Armenien, 
Maassstab 1 : 1,000,000, Berlin 1850. 

3) Kieperts Karte zu P. v. Tschihatscheflfs Reisen in 
Klein -Asien und Armenien 1847 — 1863. In Petermann's 
geographischen Mittheilungen, Ergänzungsheft Nr. 20, Gotha 
1867. Diese neueste Karte reicht jedoch nur über den west- 
lichen Theil Armeniens bis etwas über Erzerum hinaus. 



294 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

4) Journal of the royal geogr. soc. of London.' 
Map of a part of Kurdistan y. Taylor. 1865. 

5) Petermann, geogr. Mitth. 1863. Blau's Karte 
zur Beise von Urunyah bis zum Vansee. 1867. 

6) id. 1863. Strecker, Kartenskizze des Zab-Ala Gebietes 
in Kurdistan. 

7) Stieler's Handatlas. Ausgabe 1868, Nr. 38a^ 
Karte von Südrussland und des nördlichen Theils von Ar- 
menien. Für die Hypsometrie bot diese Karte in den wich- 
tigsten Theilen Armeniens das Neueste und Genaueste. — 
Die Lieferung mit der Karte der asiatischen Türkei, welche 
Armenien vollständig bietet, ist bis jetzt leider noch nicht 
erschienen. 



I. 

Zur Geographie Hochanaeniens. 

Auf der nördlichen Gränzkette des Plateau von Erzerum 
im Nordwesten des gesammten armenischen Bollwerks, dem 
10,000' hohen Kop Dagh, sah Kinneir im Juni 1813 drei 
nach Süden hinter einander liegende Bergketten vor sich.') 

Wenn wir, von dieser Beobachtung ausgehend, mittelst 
der neueren Karten des armenischen Hochlandes dieselbe 
erweitem, so erhalten wir in kurzen Zügen das orographische 
Gerüste des Plateau's. 

Drei Gebirgskämme (a, 6, c Fig. 1) liegen als drei Dach- 
firste parallel von Ost nach West streichend hinter einan* 
der. Sie sind aber durch zwei Einsenkungen getrennt, die, 
selbst wieder dachförmig, ihre niedrigem Kämme (Wasser- 
scheiden a ß) senkrecht auf die Gebirgsfirste stellen. So 
zerlegen sich die zwei grossen Längen-Thäler in je zwei Ab- 
dachungen, welche paarweise im Osten und Westen (bei b b) 
sich vereinigen. Dadurch wird der mittlere Gebirgszug (6 b) 
von der Verbindung mit anderweitigen Gebirgsmassen abge- 

1) Kinneir bei Bitter X, 741. 



r 



Geographie. 1. Zur Geographie Uocharmeniens. 295 

sbhlossen. Der nördliche Wall {a a) aber zieht sich so weit 
in den Bogen (x x^) herab, dass bei c c selbst nur enge 
Durchbrüche bleiben. Das Ganze kommt somit einem in sich 

Fiff. 1. 
JIÖX9 




08V 



geschlossenen Bollwerke gleich, welches nur durch diese bei- 
den Durchbrüche und wenige Passlücken der Randgebirge 
zagänglich ist. 

Dies ist die schematisch abstrahirte Struktur des arme- 
nischen Hochlandes. 

In Wirklichkeit stellt sich die Sache so dar: 

a) Die drei Gebirgssysteme. 

1) der mittlere Gebirgszug {h b) hebt an seinem 
Westeude mit dem Binghöl Dagh an (11^550' St.^)), setzt sich 
fort durch Chopus (10,979' St.) — PerU Dagh (9,992' St.) — 
Tschingil (9,987' St.) — Grosser Ararat (15,871' St.) und 
endet mit dem kleinen Ararat (12,056' St) in Osten. 

2) der südliche Gebirgszug (c c) beginnt im Westen 
mit dem Charzan Dagh (10,000' K.), fahrt fort mit dem Nim- 
rud Dagh (10,000' K.) — Sipan Dagh (10— 12,000 K.?) — 
Ala Dagh (10,234' St.) und endet mit dem Chori (10,923' St.) 
im Osten. — Zu ihm östlich heran kommen noch die Aus-> 
läufer des Iranplateau (Eamky 10,349' St.) [y], welche sich den 

1) St, bezeichnet die Höhenangaben in Stieler ^ Handatlas Nr. 38 a 
(1868); K, diejenigen in Kiepert, Karte Yon Armenien etc. (1854). 



296 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — G:J n, Chr. 

Endstöcken der von Norden herabkommenden nördlichen 
Kette (a?,) nähern und so mit derselben bei Ordubad den Thal- 
durchbruch verengern. Zwischen zwei Zügen dieser Kette 
liegt das Vanseeplateau (v. unten, Tafel zu S. 299). 

3) die nördliche Kette (a a) wird durch ihr abschlies- 
sendes bogenförmiges Uebergreifen (x x{) und ihre weit- 
läufige Entwickelung nach Norden hin die ausgedehnteste. 
Am wenigsten ausgebildet und am wenigsten scharf als 
hohes ßandgebirge markirt ist die Biegung im Westen {x) 
und folglich der Uebergang in das hohe anadolische Stufen- 
land ein allmähliger; aber trotzdem lässt die Wildheit der 
Gebirge auch hier wenige Zugänge offen. Die Hauptculmi- 
nationspunkte des nördlichen Gebirgswalles von West nach 
Ost sind: Kop Dagh (10,000' K.) — Gök Dagh (10,000' K.) 

— Kumry (8,971' St.) — Kysiljar (9,424' St.) — Bugatapa 
(8,439' St.) — Kysyr (9,810' St.) — Utschtapaljar (9,182' St.) 

— Legli (10,491' St.) — Alagös (12,606' St.) u. a. — dann 
das von vielen 10 — ^12,000' hohen Gipfeln eingeschlossene 
Erivanseeplateau (c Fig. 2) und dessen Fortsetzung (jCj), 



Fiff. 2. 



N 



^ , IBl » 




endigend mit dem Kapudschich (12,061 ' St.) bei Ordubad, 
vorüber den Ausläufern des Iranplateau's (Kamky 10,349' St.). 
Vom Norden dieser Kette strömt der Fluss Kura herab, 
und sein Oberlauf wird durch zwei Flügel der Nordkette 
beiderseits eingefasst: 



Geogi*aphic. l. Zur Geographie HocharmenieuB. 



297 



a) im Westen der oberii Kura von Kumry aus bis zum 
Rion.(« Fig. 3) — Endstücke Mepiszkaro (8,765' 8t.) und 
Nageva (8,061' St.) mit Seitenzweigen (Derendara f), 185 'St. 



Fig-, 3. 



K 



W 




41 



8 

im Osten und Kartsch Chal 10,561 ' St. im Westend — Die 
Fortsetzung bildet die Wassersclieide (z) zwischen Pontus und 
Caspi und leitet hinüber zum Kaukasus. 

ß) im Osten der obern Kura vom Legli Dagh aus zur 
untern Kuraebene (r): EmlekU (9,400' St.) — Abid (10,158' 
St.) — Samöar (10,112' St.) — Marknewi (7,216' St.) — 
Adschevan (8,497' St.). 

b) Die vier Abdachungen. 

Die sämmtlichen vier Abdachungen sind hydrographisch 
durch 4 Ströme gekennzeichnet (Fig. 4): 



West - Abdachung. 



Ost -Abdachung. 



a) nördl. LängBthal 

b) südl. „ 



Jephrat 
Murad 



Erasch 
ßalyk 



Die zwei Ströme der Westabdachung, Jephrat und Murad^ 
vereinigen sich zum Euphrat^ Erasch und Balyk zum Araxes, 



298 



Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 



So wollen wir die vereinigten Unterläufe durch die antiken 
Bezeichnungen von den je zwei Oberläufen (mit den armeni- 
schen Bezeichnungen) unterscheiden. 



Figr. 4. 



\y 




Für die Gliederung Armeniens hat dagegen der Tigris 
keine Bedeutung, da er nur am Fusse des Südrandes des ge- 
sammten armenischen Bollwerks entspringt. Es ist hier nicht 
die Wassermasse 9 welche den Strom bedeutend erscheinen 
lässt, sondern nur das Maass seiner Theilnahme an der Hoch- 
landsgliederung. Desshalb ist hier der kleine Balyk den drei 
grossem Strömen Jephrat, Erasch und Murad ein ebenbür- 
tiger Bruder. 

o) Die Vorstufen. 

a) Der nördlichen Kette ist noch ein Gebirgszug vorge- 
lagert; die pontischen Gebirge (p Fig. 5). Das Thal, wel- 
ches sie von dem nördlichen Gebirgszuge trennt, fallt eben- 
falls dachartig von seiner Mitte nach Ost und West ab. Die 
Mitte aber, die Wasserscheide, setzt sich in der Nordwestecke 
des Bollwerks senkrecht auf (w). In der östlichen Abdachung 
fliesst der Tschoruk, in der westlichen der Ghalkawila u. a. 
Flüsse. 

b) Neben der pontischen Vorstufe hat Hocharmenien 
auch auf allen andern Seiten vorliegende Stufenlands chaf- 




— 1 ^ - T 



Geogr^hie. 1. Zur Geographie Hocharmeniens. 299 

ten: die kaukasische^ anadolische , iranische, syrische und 
mesopotamische. *) 

Drei yon ihnen führen unmittelbar zu drei verschiedenen 



IVSST 




•NT 



9yow,v 



Meeren (Pontus, Easpisches und Mittekneer) hinab; eines erst 
mittelbar durch zwei grosse Strome zum persischen Meer- 
busen. 

Durch die Zusammenstellung der bis jetzt behandelten 
Gestaltungen bekommen wir ein durch die beigefügte Tafel 
veranschaulichtes Gesammtbild des armenischen Hochlandes 
und seiner Vorstufen. 

d) Innerer Ausbau. 

Vor Allem muss uns nun die vielseitige Modificirung 
unseres Schema's des armenischen Hochlandes durch kleinere 
und grossere Gliederung innerhalb desselben klar werden. 

1) Hypsometrie. Die 3 Gebirgsmauern zunächst sind 
keineswegs ak ungefähr gleich hoch fortlaufende Dämme zu 
betrachten. Vielmehr steigen ihre Kämme mannigfaltig zu 
den höchsten Gipfeln von 10,000 und mehr i\iss hinauf und 
zu weit niedrigem Passlücken hinunter (Grosser Ararat 15 • 871' 
St., Pass bei Bitlis kaum 5,000' K.). Im Grossen und Ganzen 
aber sind es fortlaufende und zusammengehörige Ketten. — 
Was namentlich die Hochlandsnatur Armeniens bedingt, das 

1) mtter, Erdkunde, X, 907. 



300 Egli : Feldzügb in Annenien von 41 — 63 n. Chr. 

ist nicht nur die Höhe seiner höchsten Gipfel ^ sondern die 
Erhabenheit seiner Thalsohlen. Im nördlichen Längen- 
thale erhebt sicli die Thalsohle im Westen der Wasserscheide 
zu, 5,735' (St.), die im Osten derselben zu 5,846' (St,).*) Nur 
das Engandin und das Avers mit ihren hochgelegenen Dör- 
fern bieten in unsem Alpen eine Analogie zu den Hoch- 
thälern des armenischen Plateau dar.^) Selbst die zwei Ver- 
einigimgspunkte der zwei westlichen und der zwei östlichen 
Flüsse sind noch um 2,200' hoch (K.) über dem Meere ge- 
legen; somit reichen im armenischen Hochland die tiefstge- 
legeiien Punkte nur soweit hinab, als in unserer schweizeri- 
schen Hochebene (z. B. im Kanton Zürich) die höhereu 
Hügelzüge hinaufreichen.^) Während der Rhein unser schwei- 
zerisches Hochland zu Basel 763' ü. M. verlässt, so der 
Euphrat Armenien oberhalb Kjeban Maaden 2,200' ü. M. (K.). 
— Dies von der Hochlandsnatur Armeniens. 

2) Stofenebenen. Alle 3 Gebirgssysteme schicken mannig- 
faltige Zweigliuien ab, welche als lange Rücken, öfter noch 
als breite Gebirgsmassen, an die 4 Ströme hinantreten und 
die 4 grossen Flussthäler (Abdachungen) vielfach, auf kurze 
oder lange Strecken verengern. So wird jedes der 4 Thäler 
in eine grössere Zahl von einzelnen Stufenebenen gegliedert, 
deren Verbindung oft nur gebildet wird von dem allen Stu- 
fen gemeinsamen Flussthal, das, meist von hohen Felswänden 
eingeengt, leicht zu vertheidigen ist. Jede der Stufenebenen 
ist so scharf von der andern getrennt, hat daher ihr eigenes 
Leben, ihr eigenes Klima und ist doch wiederum durch eine 
bequeme, aber von der Natur einzig gegebene Pforte mit 
der andern verbunden. So hat Armenien mit dem Iran- 
Plateau und dem anliegenden kleinasiatischen Hochland „das 



1) Während der fÜgikulm nur 5,641' erreicht (Ziegler, Hypsom. d. 
Schweiz S. 225). 

2) St. Moriz im Engadin 5,710'. Das Avers ist das am höchsten 
hinauf in Dörfern bewohnte Hochthal Europa's (s. B. P&rrdorf Cresta 
5,997') ib. 

3) Irchel 2143' ib. 



Geographie. I. Zur Geographie Hocharmeniens. 



301 



charakteristische Vorherrschen der Plateau- und Stufenland- 
schaften ^^ gemein. Dagegen unterscheidet es sich von. den- 
selben^ wie Ritter treffend schildert ^), „durch die grossen 
Stromdurchbrüche in Tiefenthälern und Engspalten aus der 
Mitte dahinterliegender Tafelländer durch alle Hauptketten^ 
Neben - und Vorketten, nach allen entgegengesetzten Directio- 
nen und Weltgegenden. Dadurch entsteht ein System der 
reichen plastischen Gliederung, die Durchgehungsfahigkeit 
und die grosse Mannigfaltigkeit der Zugänge durch die um- 
mauerten Bollwerke zu der grossen Naturveste und Völker- 
burg des armenischen Hochlandes, mit ihren kaukasischen, 
pon tischen, anadolischen , iranischen, syrischen und mesopo- 
tamischen Stufenlandschaften.^' « 

Es ergeben sich, jeweilen mit der Wasserscheide ange- 
fangen, folgende grössere Stufenlandschaften 2) : 



West- Abdachung 



Ost-Abdachung. 



Jephrat. 

Garin (Erzerum) 

6,735' 
Terdjasn 
Erzingan 
Egin 



Murad. 



Erasch. 



Dijadin Pasih 6,846' 

Alaschgerd 6,800' Kars 6,689' 
Melazgerd - Liz | Erivan 3,000' 

Mush (Taron) 4,400' 
Palu und Kharput 
2,600' 



Balyk. 

Bajazod 5,735' 
Maku 



Kjeban Muaden 2,200'. 



Nachdjevan 2,300'. 



Mit diesen Erläuterungen haben wir das armenische 
Hochland in seinen Hauptzügen nach Orographie und Hydro- 
graphie gezeichnet. Diese Orientirung war nothwendig; denn 
die in derselben geschilderten Eigenthümlichkeiten sind für 
den Bau des gesammten Hochlandes von durchgreifender 
Beileutung. 



1) Erdkunde X, 907. 

2) Hierzu die Karte am Ende des Ganzen. 



302 Egli: Peldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Bei allen andern geographischen Verhältnissen aber be- 
dürfen wir für unsem Zweck keiner systematischen Zusam- 
menstellung. Es genügt; wenn diese auf die Urographie und 
Hydrographie aufgebauten ^ sich nach Ort oder Zeit mannig- 
faltig modificirendeU; also mehr lokalen EigenthümUchkeiten 
da besprochen werden ; wo sie für die Marschrichtung des 
Corbulo massgebend sein können. Wir gehen also sofort 
dazu über, die Routen des Corbulo. auf den oben gezeichneten 
Boden einzutragen. 



n. 

Die Bonten des Corbulo. 

A. 

Positionen bei Tacitus. 

\ Tacitus gibt uns in seiner Schilderung folgende bekannte 
Positionen, welche mit der Marschroute des Corbulo in Ver- 
bindung zu bringen sind: 

1) Artaxata» 

eine der zwei Hauptstädte Armeniens, in der Erivanstufe, 
jetzt Ruinen westlich vom Dorf Ardaschar, Yj Meile ostlich 
Yom Erasch.^} Früher muss der Flusslauf weiter östlich an 
der Stadt selbst vorbeigegangen sein; denn Strabo berichtet 
uns'), dass sie von Hannibal auf einer vom Araxes gebil- 
deten Halbinsel gegründet worden und gegen den Isthmus 
zu ausser durch Mauern noch durch einen Graben geschützt 
gewesen sei.^) Tacitus selbst setzt sie ebenfalls an den Fluss 



1) Nadi der Karte von Kiepert. — Bei diesem Dorfe hat de auch 
Koch, aber etwas südlicher. 

2) p. 629. 

3) Die Lage von Artaxata ist demnach deijenigen von Vesontio 
nicht unähnlich, von der Cäsar b. G. (I, 38) sagt: natura loci sie mu- 
nidxxtur, ut magnam ad ducendum hellum daret faeultatem. — Auch 



Geographie. IL Die Roaten des Oorbulo. 303 

(Araxes qui moenia aJJ/uit) und erwähnt eine Brücke zur 
Verbindung mit dem jenseitigen Ufer. Ruinen von Stadt 
und Brücke sah Morier. ^) — Artazata lag am östlichen 
Ufer des Erasch; denn Corbulo musste^ von Westen kom- 
mend^ den Fluss überschreiten. 

2) Tigranooerta.^) 

Für die römische Geographie im Ganzen genommen ist 
es bezeichnend; dass keiner der römischen Schriftsteller eiue 
einigermassen ordentliche Beschreibung von der grossen^ ge- 
scbichüich so wichtigen Tigranocerta macht, so dass mau 
die Lage dieser Stadt feststellen könnte. Die ersten in dieser 
Hinsicht competenten Geographen und Reisenden der Neu- 
zeit schwanken besonders zwischen drei Positionen: 

a) Ruinen von Sert am Bitlis Su.') 

b) Majafarkin zwischen Sert und Diarbekr.^) 

c) Gegend von Budaschi zwischen Sert und Majafarkin.^) 
Ich wage nicht , mich für die eine oder andere Ansicht 

im bedingt zu entscheiden , da nur eine genaue Erforschung 
der Antiquitäten an Ort und Stelle auf Vertrauen Anspruch 
machen kann. Doch möchte ich mir über diese streitigen 
Positionen -eine Vermuthung erlauben, die nicht auf antiqua- 
rische Gründe, wohl aber auf die allgemeine geographische 
Lage basirt. 

Das südliche Bollwerk des armenischen Hochlandes kann 
für ein Heer, das von Tigranocerta — gleichviel, welche der 
drei Positionen als dasselbe angenommen wird — nach der 
Tauraunitis vordringt, nur an einer einzigen Stelle über- 



dorch die Wahl dieser günstigen Oertüchkeit für die armenische Haupt- 
stadt beweist somit Hannibal seinen militärischen Scharfblick. 

1) Zweite Beise nach Persien 346. — Ausland 1835. 

2) Tac 14, 23. 

3) Z. B. D'Anville bot TEuphrate 84. Mannert, Oeogr. der Griechen 
nnd Römer 234. Forbiger bemerkt im Jahre 1858, dass dies die gewöhn- 
lichste Ansicht sei (üebers. z. Strabo 532}. 

4) Koch, Karte 1850. 

5) Kiepert^s Karte 1854. 



304 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

schritten werden. Diese ist der Pass vonBitlis, den schon 
Xenophon und LucuUus benutzten.*) Das Gebirge westlich 
desselben ist ,,schwer zugänglich und wild" 2), der Pass von 
Bitlis aber so mild, dass die weiten Pflanzungen von Apriko- 
sen, Trauben, Quitten, Feigen, Granaten der romantisch in 
ihm gelegenen Stadt ein paradiesisches Ansehen verleihen. 
Nicht einmal 5,000' ü. M. gelegen'^) bildet dieser Pass die 
Pforte von Armenien und Georgien nach Bagdad, Diarbekr, 
Syrien und dem Euphraüande. ^) Bitlis selbst konnte seiner 
„ganz vortheilhaft dazu geeigneten Lage" halber einen 
„grossartigen Handelsverkehr" vermitteln.*) Vorzüglich um 
des Handelsinteresses willen hat es der britische Consul 
Brandt besucht.^) Es hat daher wohl .die Ansicht etwas für 
sich, welche die grosse Qapitale aus der Glanzzeit des arme- 
nischen Reiches an die durch dieses Länderthor führende 
Strasse verlegt; hier kam der Stadt die natürliche, zum 
Handel so vorzüglich geeignete Lage zu Gute; hier war die 
Verbindung mit den rückwärts liegenden Provinzen des Hoch- 
landes die kürzeste und leichteste; hier befand sich die Stelle 
der Defensive und Offensive zugleich, wo Ein gewaltiges 
„Schloss" den ganzen Südrand des armenischen Bollwerks 
verwahrte und in drohender Höhe') „an einer durch Wenige 
gegen Tausende zu vertheidigenden Strasse"^) die weiten 
vorliegenden Ebenen des Zweistromlandes nach allen Seiten 
beherrschte. Kurz, am Bitlispass lag der Knotenpunkt, in 
dem die Fäden- aus dem nördlichen Hochland und dem süd- 



1) Kiepert, Atlas der „Alten Welt" 1861 und Ritter, Erdkunde X, 99. 

2) Kitter X, 86. Weder Koch's noch Kieperts Karten deuten hier 
praktikable Wege an. 

3) Kiepert's Karte 4,800—6,000'. 

4) Ritter X, 688. 

5) Schon jetzt ist der Handel — für eine türkische Stadt — ziem- , 
lieh bedeutend, ib. 

6) ib. 

7) Plinius, der von Tigranocerta weiter nichts weiss, sagt doch, ee 
liege „in cxcelso". 

8) Taylor trav. in Kurd. .Tourn. R. G. S. of London. 1865 p. 31. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 305 

liehen Tieflande sich verknüpften. Wäre 3tatt der Tigrano- 
certa eine Alexandropolis in dieser Gegend zu suchen, so 
würde die Wahrscheinlichkeit für die Annahme einer Stellung 
im Biüispasse gross sein. Aber auch ein Armenierkönig 
kann die Vortheile einer solchen Lage eingesehen haben. 

Von den drei Positionen für Tigranocerta, die oben als 
streitig aufgeführt wurden , fallt nun eine in diese günstige 
Lage, nämlich Sert am Bitlis Su. Die andern aber liegen 
westlich von dem Bitlispasse und sind durch enge, unter 
sich parallele, eine Verbindung mit dem Passe mehrfach 
durchschneidende und hemmende Flussthäler getrennt.^) Ich 
glaube daher, dass die Wahrscheinlichkeit für die Versetzung 
Tigranocerta's im gleichen Verhältniss abnimmt, als man 
mit ihr vom Bitlispass weg nach Westen vorrückt. 

In neuester Zeit hat sich auch wirklich der Hauptgrund, 
den man^) gegen die Position zu Sert anführt, dass nämlich 
keine Ruinen hier gefunden würden »), als unhaltbar erwiesen. 
Es werden nämlich bei tiefen Fundamentirungen wirklich 
Ruinen in einer Ausdehnung von mindestens drei englischen 
Meilen^) gefunden. Wenn über dem Boden keine Ruinen 
gefunden werden, so hat das seinen Grund darin, dass die 
ganze neue Stadt Sert aus den Ruinen der alten Tigrano- 
certa erbaut wurde. Taylor bemerkt, dass er in keinem an- 
dern Theil des Pasch aliks irgend welche Münzen von Tigra- 
nes gefunden habe, während er zu Sert in einem Tage fünf 
Stück kaufte, wovon eines auf der Rückseite einen lorbeer- 
bekränzten Romerkopf trug. Taylor, meines Wissens der 
neueste Zeuge über diesen Punkt, ist deshalb^) der Ansicht, 
dass Sert wirklich mit dem alten Tigranocerta identisch sei. 

Hingegen ist dann die Entfemimg, welche Tacitus dem- 

1) V. Eiepert's Karte 1854. 

2) So AioBworth bei Taylor p. 30 seiner trav. in Eurd. Journ. 
R. 0. S. of L. J865. 

3) Einneir, der Sert für Tigranocerta hielt, Shiel und Moltke (Briefe 
272) fanden keine Rninen. Ritter X, 88 f. 

4) Also etwa eine Schweizerstunde oder V, geogr. Meilen. 

5) p. 31 der trav. in Kord. Journ. R.' G. S. of L. 1865. 

Untersuch, z. Rüiu. Kaisergesch. 1. 20 



306 Egli: PeldzÜge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

selben von Nisibis anweist*), zu gering. Tacitus setzt diese 
Entfernung auf 37 mil. pass. = 7,4 g. M. an. Alsdann 
würde Tigranocerta ziemlich weit südlich (statt nördlich) 
vom Tigris zu liegen kommen, indem schon die directe Ent- 
fernung von Nisibis bis zum Tigris = circa 11 g. M. beträgt.^) 

Wir nehmen mit Taylor an, dass Sert mit Tigranocerta 
zu identificiren sei. Zu dieser dem Pass näheren Lage stimmt 
dann auch die Angabe des Tacitus besser als bei einer weiter 
entfernten westlichem Stadt, dass bald (nee muUo post) nach 
dem Abmarsch aus der Tauraunitis Gesandte der Stadt Tigra- 
nocerta mit der Uebergabe zu Corbulo gekommen seien. 

Anmerkung. Was das Gastell Legerda angeht, so 
vermag ich dessen Lage nicht zu bestimmen. Allein die 
Frage liegt nahe, ob das Legerda mit den Gordyaeischen 
Gebirgen (Strabo 522), den Kurden, Corduene, der Pro- 
vinz Arzen = Gharzan (türk. und kurd.) und dem oppi- 
dum Arzanenoruvi) am Arzen Su zu thun habe, an welch 
letzterem eine nur 27,000 D' Schw. grosse Ruine etwa 5 Mei- 
len (directer Abstand) westlich von Tigranocerta (als Sert 
angenommen) gefunden wurde, in welche Lage etwa auch 
Nipperdey nach Ptolemäus (V, 13, 19) es verlegt, fJoum. 
of the roy. geogr. soc. of London 1865, Taylor 's trav. in 
Kurd. p. 26 mit Abbildung.] — Doch fehlen mir zu irgend 
welcher Sicherheit im ürtheile die sprachlichen Mittel^ und 
vrill ich mich zum Voraus für eine allfallige ünst^tthaftig- 
keit einer solchen Frage entschuldigen. 

3) Tauxaunitium regio. ^) 
In den Glassikem kommt diese Position (in dieser Form 



1) 37^000 Schritte 15, 5. Ebenso findet Taylor diese Distanz zu 
gering. 

2) Nach Kieperts Karte. Da alle drei vorgeschlagenen Positionen 
Tigranocerta's im Norden des Tigris liegen, so stünde des Tacitus 
Entfernungsangabe mit allen dreien im Widerspruch. Von der tacitei- 
schen Distanzangabe kann somit kein Grund gegen unsere spedellc 
Annahme von Sert ==* Tigranocerta hergeholt werden. 

3) Tac. 14/24.' '" 



Geographie. 11. Die Konten des Corbulo. 307 

wenigstens) sonst nicht weiter vor. ^) Der Name ist aber 
zu identificiren mit dem seit ältester Zeit einheimischen Na- 
men Daron für die Ebene von Mosh^) und zu erklären als 
y,LsLnd des Tauruseinganges nach Armenien'^; eine wörtliche 
Uebersetzung des Duroperan^ der dortigen Provinz^), die aus 
16 Districten bestand, von denen der wichtigste im Engthale 
des Murad eben dieses Daron war. Nach Indshidshan^) sol- 
len die dortigen Ruinen Dachon in verdorbener Aussprache 
die Ueberreste des alten Daron bezeichnen. 

Nun berichtet Strabo*), wie die Könige Artaxias und 
Zariadris ihre Reiche vergrössert hätten, indem sie die ihnen' 
zunächst liegenden Landschaften der Nachbarvölker an sich 
gerissen, dabei auch eine den Syrern gehörige Landschaft 
„Tamonitis". Diese Landschaft muss demnach an der syri- 
sehen Gränze liegen, und was ist natürlicher, als ihn gerade 
da vermuthen, wo der einzige prakticable Taurusübergang 
nach Hocharmenien, derjenige bei Bitlis, einmündet! Es ist 
daher in Strabo wohl zu lesen TapwviTic statt TajLiiüviTic, wie 
die Codd. haben.**) 

Wir setzen diese Position demnach in die heutige Land- 
schaft Mush, westlich vom Vansee, nordwestlich von Bitlis, 
da, wo der Murad seinen reinen Westlauf beginnt. 

4) Mardi. 

Ritter ^) nimmt an, die Marder seien die einstigen Nameus- 
verwandten der jetzigen Kurden, wie auch Jaubert beim An- 
blicke der Kurdenweiber in der Gegend der Tigrisquelleu un- 



1) Nipperdey ad Annales 14, 24. Bitter X, 649. 

2) Neumann in Zeitscbr. filr die Kunde des Morgenlandes I, 396. — 
Revne de TOrient XVIII sur le ^^Paganisme Armenien*' p. 217. — Rit- 
ter X, 649. — Kiepert's Karte 1854. — Koch's Karte 1860. — Taylor 
trav. in Kurd. p. 44. Journ. B. G. S. 1866. 

3) Neumann ib. 

4) Neu -Armenien 192. 

5) p. 628. 

6) So Ritter X, 817 und — wohl nach ihm — die Pariser Ausgabe 
des Strabo von Müller und Dübner. 

7) Erdkunde VIII, 91 und 96. X, 865. 

20* 



308 Egli: Peldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

willkürlich an die Schilderung der Marderfrauen bei Curtios 
erinnert wurde. *) 

Strabo') führt in der Beschreibung Mediens eine Reihe 
kleiner Völker auf, die er als ;, Umherzügler und Rauber'' 
schildert, wie Tacitus die Marder „latrocinüs exercUi^^ be- 
zeichnet.') Zerstreute Wohnsitze dieser Völker finden sich 
nach Strabo aber nicht allein in Medien, sondern auch am 
Zagrus und Niphates ; der Niphates ist die nördlich vom Van- 
see hinstreichende Kette ^), welche, wie Strabo selbst sa^^ 
„immer weiter und weiter fortlaufend^^ (d. h. südöstlich^) das 
Gebirge Zagrus bildet. Wir haben demnach jene Hochländer 
vor uns, welche im N. 0. des Van umbiegend, diesen See 
gegen Osten vom Araxesthale scheiden. In diesen Granz- 
reyieren von Armenien und Medien also haben wir noch Sitze 
der von Strabo angeführten Räubervölker. Strabo setzt noch 
hinzu : „auch die Gyrtier iind die Marder in Persien (denn auch 
so helssen die Amarder), so wie die noch jetzt eben so 
benanten in Armenien sind alle vom gleichen Scblage.^^ 

Daraus erhellt, dass Marder nicht nur ausserhalb der 
armenischen Gränzen, sondern auch in Armenien selbst woh- 
nen, gerade wie noch heute die eine Abtheilung der Haide- 
ranli-Eurden, in jenen gleichen Berg- und Gränzreviereu auf 
türkischem, die andere auf persischem Boden wohnt. ^) Das 
Hinüberkommen der Marder aus Persien nach Armenien 
wird — gleiche Beschaffenheit des Landes mit heute Toraus- 
gesetzt — um so erklärlicher, wenn wir die Aussage des 
Sultans Agha der türkischen Abtheilung der Haideranly- 
Kurden beachten, mit welcher auch die Aussage der Zelanly- 

1) Curtiiis de gest. Alex. M. Y, 21. 17. Jaubert bei Ritter, Erd- 
kunde X, 865. 

2) p. 627. 
8) U, 23. 

4) Bei Ritter X, 77 durch antike Namen gesichert. Ebenso Kiepert. 

6) Ritter X, 77. Strabo 622 Zagras, „welcher Media und Babylonia 
scheidet.^ Noch heute Zaghrosch. 

6X Ritter X, 332 nach der Aussage des Sultans Agha der türkischen 
Abtheilung dieses Stammes zu dem Reisenden J. Brandt. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 309 

Kurden übereinBtiimnt. Er sagte zu dem Reisenden J. Brandt *), 
Weideland und Wasser sei ein grosser Vorzug des türkischen 
(resp. armenischen) Gebietes yor dem persischen^ und be- 
hauptete, zwei Kurdentribus seien nur mit Gewalt und wider 
ihren Willen von dem türkischen auf persischen Boden ge- 
trieben worden. Brandt selbst traf auf seiner Beise wirklich 
Haideranl7-<Kurden, die eben im Begriffe waren^ auf persisches 
Gebiet zu ziehen ; aber dies nur thaten^ weil sie den Druck 
des türkischen Pascha's nicht mehr zu ertragen vermochten. — 
Auf diesem türkisch-persischen (armenisch-medischen) Gränz- 
gebiete finden wir auch die antike Position ^^Mardastan'^') 
Wir dürfen also wohl die armenischen Marder in die Berge 
östlich vom Van versetzen und ihre Sitze bis an die Süd- 
abhänge der Ebene von Bajazed reichen lassen. Mit dieser 
Position lässt sich dann auch die Angabe des Tacitus ver- 
einigen ^ welcher sagt: „Mardi . . . contraqtie irrumpentem 
nwntibus defefisL"^) Im Norden dieser Berge aber, in der 
vorliegenden Ebene von Bajazed , also an den Gränzen der 
Marder ^)y führt heute noch die grosse Earawanenstrasse 
Tauris- Erzerum etc. durch. 

B. 
Bestimmung der Marschroute. 

A\isser diesen vier Positionen für die Marschrichtung des 
Corbulo (Artaxata^ Tigranocerta, Tauraunitium regio und 
die Mardi) finden' wir bei Tacitus nur noch das Castell Vo- 
laudum^ dessen Lage aber nicht genau bekannt ist. Wir 
können also vorläufig nur sagen: 

1) Corbulo kam aus Westen nach Artaxata in der Eri 
vanstufe. 



1) Bei Bitter X, 333 (Haideranly) imd 336 (Zelauly). 

2) Kiepert'a Karte 1854. 

3) 14, 23. 

4) CarbtUo „fines . . . progredientem*' bei Tacitus 14, 23. 



310 Egli: Feldzügo in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

2) Er streifte*) das Gebiet der Marder im Nordosten 
des Vansee. 

3) Er durchzog die Tauraunitis im Westen des Van und 

4) Er nahm etwa im September Tigranocerta ein. 
Wir theilen den ganzen Zug des Corbulo in zwei Theile : 

a) Einen Hinmarsch. Von diesem ist aus Tacitus 
einzig der Endpunkt Artaxata bekannt. Der Anfangspunkt ist 
nur allgemein mit Bezug auf den Endpunkt als von demsel- 
ben westlich gelegen zu bestimmen. 

b) Einen Rückmarsch. Von diesem sind aus Tacitus 
Anfangs- und Endpunkt und zwei Punkte aus dem Marsche 
selbst bekannt. 

Daraus wird klar, dass uns die Bestimmuiig des ,,Rück- 
marsches^' leichter fällt als die des ,, Hinmarsches'' und zwar 
um so mehr, als Tacitus für diesen ,,Rückmarsch'' noch einige 
allgemeine ' geographische Angaben über dazwischenliegende 
imgenannte Gegenden bringt, welche an der Hand heutiger 
geographischer Kenntniss noch einige Anhaltspunkte geben 
können. Wir gehen zunächst über zur Bestimmung des 

I. Büokmarsches. 

a) Artaxata — Marder. 

Von Artaxata aufbrechend überschritt wohl Corbulo zu- 
nächst den Araxes bei dieser Stadt, wo ihm eine Brücke zu 
Gebote stand. Zudem wird er nicht weiter flussabwärts ge- 
gangen sein, wo der Pluss schon wasserreicher und schwerer 
zu überschreiten war. Hierauf wird er westlich vom Araxes 
in der Ebene am Ostfusse des kleinen Ararat vorbei marschirt 
sein, in nordsüdlicher Richtung — wir wollen annehmen, 
dem heutigen Wege nach'); hierauf wird er da, wo die Balyk- 
abdachung östlich in die weitere Eraschabdachung einmündet, 
um das Südost-Ende des Ararat herumbiegend in die jetzige 
grosse Hauptstrasse aus Mittel - nach Vorder-Asien eingelenkt 



1) fines . . . praegrediewtem Tac. 14, 23. 

2) Kiepert'B Karte 1854. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 311 

haben. Damit hatte er das südliche grosse Längenthal des 
armenischen Hochlandes erreicht. In dieses zog er nun ein^ 
und zwar kam er mit der grossen Karawanenstrasse dessen 
südliche Abdachung (Balyk) hinauf und gelangte so in die 
Hochebene von Bajazed und damit an die Gränze der Mar- 
der.*) Da er von Artaxata (wohl im Anfange) Mai 59 abge- 
zogen war, so kam er in diese etwa 16 Meilen^) entfernte 
Gegend noch im Monate Mai (oder spätestens Juni), wenn 
auch die Verfolgung der feindlichen Anwohner ihn auf 
dem Marsche aufgehalten haben muss.^) Langer als es absolut 
nöthig war, hielt Corbulo sich jedesfalls mit ihnen nicht auf, 
da er sich ja für seinen Marsch gegen Tigranocerta den 
Grundsatz aufgestellt hatte, „recenti terrore utendum esse." 
Die Durchführung dieses Grundsatzes ersehen wir daraus, 
dass er sich nicht persönlich Zeit nahm, sich an den Mar- 
dern zu räch.en.*) Wenn also Corbulo's Ankunft in der 
Ebene von Bajazed in den Mai (resp. Juni) föllt, so ersehen 
wir daraus: 

1) Dass sein Heer noch keine Beschwerden wegen 
der Hitze haben konnte, wie sie Tacitus nach dem Weg- 
zuge von den Mardern erwähnt. Das Klima von Bajazed 
wird nämlich, trotzdem diese Localität den heissen Ebenen 
Fersiens so nahe ist, mit Ausnahme der Monate Juli und 
August, als kühl und gesund gerühmt.^) 

2) Dass ein Ueberfall der Marder der Jahreszeit 
halber wirklich stattgefunde-n haben kann, indem 
in der dortigen Gegend der Frühling Mitte März beginnt 
und sogar die Kurden in den Bergen spätestens Ende April 
ihre Winterquartiere verlassen.^) 



1) Vgl. oben S. 309. 

2) Nach dem Stras&enzuge bei Kiepert^B Karte. 

3) Ueber die Höhlen bei Tacitus 14, 23 konnte ich leider keine Aus- 
kunft finden. 

4) Tac. 14, 23. 

5) Ritter X, 351. 

6) Ritter X, 333. 



312 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Was die Rache des märdischen Ueberfalls durch 
die Iberer^) betrifft; so kann man, wie ich glaube^ deren 
Geschichtlichkeit nicht widerlegen. Gorbulo hatte sich bei 
der Eroberung Artaxatä's entschlossen, keine römische Be- 
satzung in dieser Gegend zurückzulassen^); es konnte ihm 
daher passend erschienen sein, überhaupt diese abgelegenen 
Striche Armeniens den iberischen Bundesgenossen in Obhut 
zu geben und so auch ihnen die Bestrafung der Marder zu 
überlassen. Die Benutzung solcher verbündeten Volker kommt 
auch sonst in unsern Abschnitten als Mittel romischer Po- 
litik vor, z. B. bei dem Generalangriffe'). Ferner wird dem 
Antiochus die Bedeckung der durch Corbulo's Zug entblossten 
südlichen Gränzgegenden zugewiesen^), ähnlich Syrien dem 
Agrippa und Antiochus im J. ö^'^); und die Iberer selbst hel- 
fen zur Einsetzung des Mithridates im J. 41.^) 

Den Marsch des C!orbulo nach Tacitus von- Artaxata zur 
Gränze der Marder halte ich nach diesen Erörterungen für 
identisch mit der heutigen Route von den Ruinen von Arta- 
xata nach Bajazed. 

b) Marder — Tanraunitis. 

Corbulo befindet sich, wiie wir gesehen, Mai oder Juni 59 
in der Ebene von Bajazed, also in der Ostabdachung des 
südlichen Längenthaies. Es galt nun, die vierte Stufe der 
Westabdachung, die Tauraunitis, zu erreichen. 

Dahin führte ein erster Weg in südwestlicher Rich- 
tung über den nahen Bergpass bei Bajazed zum Van 
und an diesem vorbei — und dann in nordwestlicher Rieh- 
tung vom Van zur Tauraunitis. 

Gegen diese Vanseeroute entscheiden folgende Gründe: 

1) Wäre Corbulo am Nord- oder Südufer des Van hin- 

1) Tac. 14, 24. 

2) Tac. 13, 41. 

3) ib. 13, 37. 

4) ib. 

6) ib. 13, 7. 
6) ib. 12, 9. 



-^ 



Geographie. IL Die Bouten des Corbulo. 313 

gezogen, so wäre er unmittelbar an den bequemen Pass von 
Bitlis^) gelangt^ von wo er sofort südwärts nach Tigrano- 
certa ziehen konnte; die Tauraunitis aber hätte er weit nord- 
westlich seitwärts liegen lassen^ so dass er sie nur durch 
einen eigenen dreitägigen^) seiner Linie fast diametral ent- 
gegengesetzten Marsch hätte erreichen können^ welchen glei- 
chen Marsch er^ um wieder nach Bitlis zu gelangen ^ noch 
einmal hätte zurück durchmachen müssen. Diesen mindestens 
sechstägigen Abstecher hat Corbulo zum Vergnügen gewiss 
nicht gemacht und konnte ihn nicht machen ^ ohne von sei* 
nem Grundsatze grosstmöglicher Eile abzugehen. 

2) In dem südwestlich von Bajazed zu überschreitenden 
Gebirge hätte Ciorbulo die Marder nochmals gestreift; jedes- 
falls wäre er durch Gebiet räuberischer Kurden gekommen ^)^ 
auf welchem von „nuUis ex proelio dumnis^^ nicht wohl die Rede 
sein kann. Gewiss aber wählte er nicht die unsichere Route, 
wo er wahrscheinlicher Weise durch Gefechte aufgehalten 
worden wäre, wenn ihm eine sichere zu Gebote stand und 
noch andere Gründe fär diese letztere entscheiden, 

3) Der Weg von Bajazed an den Van ist ziemlich be- 
quem, hat überall Brennholz und Viehfutter'*) und führt so- 
gleich jenseits des Bergpasses bei Bajazed dem „dunkelblauen, 
breiten und ziemlich tiefen Wasserlaufe ^^ des Bendi Mahi 
Su*^) nach; die Leichtigkeit und der Wasserreichthum dieser 
Route stimmt aber nicht mit der penuria aquae und den läbo- 
res^), die Corbulo's Heer nach Tacitus zu überwinden hatte. 

4) Wenn die fruchtbaren Gegenden am Van jene loci 
cuUi mit segetes des Tacitus wären, so hätte ein Corbulo mit 
seinem abgehärteten Heere ^) nicht über lang andauernde 



1) Vgl. oben S. 304. 

2) Braudt bei Bitter 680 ff. 

3) Strabo 522. Nach Brandt (bei Bitter X, 365) noch heute von 
Baubhorden dnrchBtreifb. 

4) Bitter X, 355. 

5) Bitter X, 522. 

6) Jac. 14, 24. 

7) ib. 13, 85. 



314 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Marsche (longinqua itniera) in ,den öden Gegenden klagen 
können; denn die Entfernung des Van von Bajazed beträgt 
nur etwa 20 Stunden und zwar von Gegenden, wo heute 
wirklich segetes zu treflfen sind. ^) 

Wenn wir also diese Vanseeroute für Corbulo's Marsch 
nicht annehmen wollen, so bleibt nur der w.estliche Weg 
übrig, welcher über die Wasserscheide des südlichen Längen- 
thals führt: die Fortsetzung der grossen Karawanen- 
Strasse. Wir lassen also den Oorbulo seinen aus dem' 
Araxesthal bis Bajazed eingeschlagenen Weg, die Karawanen- 
strasse, einstweilen fortsetzen und gelangen mit ihm über 
die Wasserscheide des südlichen Längenthaies zur Stadt 
Dijadin. Diese Wegstrecke, zu deren Zurücklegung Brandt 
9 Stunden brauchte, würde nach ihrer heutigen ßeschaflfen- 
heit gut dazu passen, einen Gegensatz zu den von Oorbulo 
später erreichten loci culti zu bilden; denn sie ist „eine so 
völlige Einode ohne Alles, dass es selbst an Pferdefutter 
fehlte."-) Nur an Wasser ist hier kein Mangel.^) 

Corbulo ist bis jetzt mit der Earawanenstrasse nach 
Dijadin gekommen. Hier befand er sich schon in dem ober- 
sten Theil der Westabdachung des südlichen Längenthals. 
Es stan(ren ihm zwei Wege oflFen : a) den bisherige Weg, die 
grosse Karawanenstrasse, fortzusetzen. Damit gieng er ein- 
fach in der Westabdachung, in die er bei Dijadin einge- 
treten, weiter, dem Muradfluss nach. Oder aber b) Cor- 
bulo konnte, zu Dijadin vpn der Karawanenstrasse recht- 
winklich abweichend, die „sehr beschwerlichen"*) Hoch- 
gebirgspässe an den Muradquellen übersteigen und den Lauf 
eines zum> Vansee eilenden Flusses verfolgen: eine zweite 
Vanseeroute. 

Gegen die Annahme der letztern Boute sprechen folgende 
Gründe: 



1) Brandt sah selche bei Ardjisch, Ritter X, 323. 

2) Brandt bei Ritter X, 355. 

3) Siehe die Flüaee auf Kieperts Karte. 

4) Ritter X, 335 (Brandt). 



Geographie. II. Die Routen dce Corbulo. ;)I5 

1) der Weg über den Ala Dagh ist (zumal für ein 
Heer) sehr beschwerlich ^ sogar vou neuern Erforschungs- 
reisenden wenig betreten ^) und nicht kürzer als die leichtere 
Muradroute. Ihn dennoch def letzteren vorzuziehen kann 
nur Demjenigen einfallen , der besondere Zwecke mit dieser 
Route erreichen will. Von Corbulo sind keine solchen be- 
sondern Gründe bekannt. Im üegentheile mussten die in den 
Bergen wohnenden Kurden wie bei Bajazed gegen diese Berg- 
route sprechen. 

2) Hätte Corbulo dennoch den Ala Dagh überstiegen, 
so niusste er auf der Südseite den zum Vansee eilenden Fluss 
eine Strecke weit verfolgen, bis er an den Wendepunkt 
kam, von wo er über die im Westen vorliegenden Berge 
nach Melazgerd und Tauraunitis ziehen konnte. Auf diesem 
Wendepunkte angelangt, hätte er, der dem nächsten Berg- 
passe (bei Bitlis) zustrebte, die Aussah an den nahen leicht 
zu erreichenden Van und an dessen Nordufer hin unmittel- 
bar zum Bitlispass führende Route gewählt und nicht den 
weiten beschwerlichen Abweg über die westlichen Berge zur 
Tauraunitis. So wäre er nicht zur Tauraunitis gekommen, 
wo er doch nach Tacitus hinzuführen ist. 

Das sind Gründe, welche gegen diese südliche Vansee- 
route sprechen. Es bleibt uns somit kein anderer Weg von 
Dijadin zur Tauraunitis übrig als die Muradroute. 

Bis jetzt bin ich auf negativem Wege zur Wahl der 
Muradroute gelangt, indem ich die zwei andern Wege, die 
von Bajazad und Dijadin südlich führen, ausschloss. Ich will 
aber noch positive Gründe zu Gunsten der Muradroute 
anführen : 

1) Wer von Dijadin, der obersten Stufe des Muradthales, 
in die Taurinitis, die vierte Stufe desselben Thaies gelangen 
will, geht am naturgemäsisesten dem Thale selbst nach, durcli- 
ziieht also^ mit dem Müsse auch die zwei zwischenliegenden 
Stufen Alaschgerd und Melazgerd-Liz. 



1) Ritter X, 334. 



316 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

2) Diese Route ist wegen ihrer grössern Leichtigkeit für 
ein Heer^ besonders ein eilendes^ die vortheilhafteste. Sie 
benutzt zum Theile noch die grosse Karawanenstrasse. Bitter 
nennt das obere Muradthal (von Daron an aufwärts) das 

^^einzig von Süden füi' feindliche Heere gen Armenien 

zugängige Thal/^ 

3) Plutarch (Luculi 31) sagt, Tigranes, der Gegner Lu- 
cull's, habe gewusst, dass ^^das Romerheer auf der ihm einzig 
möglichen Route ^^ zwischen Tigranocerta und Artaxata 
schlechterdings den Arsaniasfluss passiren musste^ Dieser 
Fluss aber ist entweder der Murad selbst (nach Mannert) 
oder der von Bitlis herkommende, in der Tauraunitis in den 
Murad mündende wasserreiche Kara Su (nach Ritter).') Nun 
zogen also die Römer unter Luculi us von Tigranocerta zur 
Tauraunitis, um die Muradroute nach Artaxata zu benutzen 
und nicht die nahem, aber für Heere unprakticablen Wege 
über das Yanseeplateau. 

4) Nehmen wir für den Marsch des Corbulo die Murad- 
route an, so haben wir für denselben ein Analogon in der 
neuem Kriegsgeschichte. Die gleiche Strecke Bajazed — Tau- 
raunitis (Mush) legte mit Benutzung der Muradroute der 
russische General Reutt im October 1812 zurück. 

Ich denke, dass wir uns jetzt definitiv für die Murad- 
route entscheiden können. 

Es bleibt uns noch übrig, einige geograpische An- 
gaben des Tacitus über den Marsch mit dieser von 
uns angenommenen Muradroute zu vereinigen. 

Er sagt^) von den Soldaten: ita per inopiam et la- 
bores fatiscehanty carne pecudtimproptdsare famem adacti; 
ad hoc penuria aquae, fervida aestaSy longinqua 
itinera. 

Diese Bemerkung bezieht sich auf den Theil des Mar- 



1) Bitter X, 99 ff. 

2) U, 24. 



r^TT^i 



Geogpmphie. II. Die Routen des Corbulo. 317 

sches zwischen den Mardern und einer mit Getraide be- 
bauten Gegend; welche yor der Tauraunitis erreicht wurde. 

Von allen diesen Bemerkungen betri£E); diejenige über 
fervida aestas eine ebenso wahre als interessante Eigenthüm- 
lichkeit des armenischen Hochlandes ^ nämlich sein zu Ex- 
cessen geneigtes üontinentalklima. Auch an einer andern 
Stelle^) treffen wir dieselbe Eigenthümlichkeit berührt; wenn 
Tacitus die Winterkälte als ausserorderlich schildert. 

Wir haben oben gesehen ^ dass auf dem Marsche von 
Artaxata' bis Bajazed noch keine Klagen über Hitze zu 
treffen sind. Es ist dies natürlich; denn im Vorsommer ^ in 
dem ja dieser Marsch stattfand ^ finden wir in Armenien noch 
eine angenehme Temperatur. Erzerum ; in gleicher Höhe 
mit Bajazed^) weist für May ein Monatsmittel von IP C. 
auf. Im Juli und August steigt es auf 22,3®. Auch zu 
Bajazed steigt Mitte Juli bis August die Hitze aufs Höchste.^) 
Während alsdann selbst auf diesem Hochlande in Folge der 
grossen Dürre viele zollbreite Spalten den Boden durchziehen^ 
deckt sich schon nach zwei Monaten ^ im October^ Alles mit 
Schnee.^) In der oberen Arazesebene würden die Felder ohne 
Bewässerung verbrennen ^) und in der Ebene von Etschmiadzin 
gedeiht nichts ^ wo keine Bewässerung stattfindet. Dagegen 
finden wir in der gleichen Stufe von Etschmiadzin^ zu Eriwan^ 
neben einer Augusttemperatur von 25,4fi eine Januartemperatui* 
von 15® unter Null.*) Wie überhaupt Armenien klimatische Ex- 
treme darbietet^ ergibt sich aus folgender Tabelle der Differen- 
zen zwischen den Mitteln des heissesten und kältesten Monats^) : 



1) hieme meva ad^, tU dbducta glacie nisi effossa humua tentoriis 
locutn nan praeberet. Ambusti multorum artus vi fngoris et quidam 
inter excubiaa exanimati sunt etc. 13» 35. 

2) Für Bajazed eelbst habe ich keine Beobachtungen. Die von 
Erzeram aind ana Schmidt, Meteorologie p. 358. 

3) Ritter, Erdkunde X, 348 (Brandt). 

4) Von Behaghel Reise bei Parrot II, 187. 

5) Ritter X, 404. 

6) Schmidt, Meteorol. 348. 

li AuB Schmidt, Meteorol. 348. 350. 366, 



318 



Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 





Januar 


August 


Differenz 


Erzenim 
AralyBch 
Eriwan 


- 7,8 

- 4,8 
16,0 


22,8 
27,0 
25,4 


30,6 ^ 

31>8 > Armenien 
40,4 J 


Zürich 
Liverpool 


- 1,6 

4,4 


19,6 
16,6 


21,2 Schweiz 
12,2 England. 



Die Erwähnung der Hitze für Corbulo's Marsch gilt, wie 
aus dem Obigen hervorgeht, der Zeit um den Monat Juli 
herum. In dieser Zeit war Corbulo zwischen Bajazed und 
den loci cuUi vor der Tauraunitis. 

Diese loci culti aber wären nach unserer Annahme der 
Muradroute die Ebenen von Melazgerd und Liz; hier konnte 
die Ernte im August eingesammelt werden.^) Auch diese 
Zeitangabe weist somit den Marsch des Corbulo zwischen 
Bajazed und den loci aiUi in die Zeit um den Monat Juli 
herum. 

Da nun der Weg aus Alaschgerd nach Melazgerd meist 
von den Defileen des Murad abweichend über die anliegenden 
Hochflächen geht, so mögen die übrigen Schilderungen von 
den longinqtia itinera, der inopia und den lahores 
der Soldaten namentlich auf diese in der heissesten Zeit 
durchzogenen Berggebiete zu beziehen sein. Die pemiria 
aquae dürfte mit der fervida aestas zusammenhangen, da 
bei den zahlreichen Flüssen des gesammten armenischen Hoch- 
landes kaum zu anderer Zeit als im Hochsommer über Wasser- 
mangel geklagt werden kann, wenn kleinere Flüsse in ihrem 
Wasserstande so stark abnehmen, dass ihr Vorrath nicht 
mehr für die Bedürfnisse ganzer Heere ausreicht. Näher 
aber diese Verhältnisse zu beleuchten, dazu fehlt mir das 
Material. Es dürfte bei den immer noch wenig durchforsch- 
ten Hochländern zwischen Melazgerd und Alaschgerd jetzt 



1) Vgl. S. 288. Es ist wohl die zweite Hälfte August anzuneh- 
men, da Melazgerd doch nicht so mild wie Mush sein kann und hier 
nicht lange vor Mitte August goerntet wird. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 319 

überhaupt noch nicht viel Bestimmteres mit diesen so allge- 
mein gehaltenen Angaben des Tacitus zu erreichen sein. Nur 
so viel kann ich sagen: 

1) die Angabe über petmria aquae ist möglich. 

2) Die Angaben über Hitze (fervida acstas), Getraide- 
mangel (inopia; came pccudum propuls, fametn adadi) und 
Strapazen (Idbores) entsprechen unserer heutigen Kenntniss. 

Wir haben kein Recht, an der Richtigkeit der 
bezüglichen Taciteischen Angaben zu zweifeln. 

e) Taurannitis — Tigranocerta. 

Gemäss unserer früheren Annahme , dass Tigranocerta 
an die Stelle des» heutigen Sert zu setzen sei, führen wir 
den Corbulo aus der Tauraunitis am Kara Su hinauf bis 
Bitlis und die Passtrasse hinunter nach Sert. 

Für den gesammten Rückmarsch des Corbulo 
ergibt sich: 

Er gieng von Artaxata in der Araxesebene aus, durch- 
zog das südliche Längenthal des armenischen Hochlandes — 
die erste Hälfte mitteist der grossen Karawanenstrasse — ver- 
liess dasselbe aber in der Mitte seiner Westabdachuug, um 
südwestlich vom Vansee die Tauruspassstrasse nach Tigrano- 
certa zu benutzen. 

n. Himnarsoh. 

Schwieriger als für den Ruckmarsch wird die Bestim- 
mung für den Hinmarsch, da wir, wie oben*) gezeigt 
wurde, nur die Endposition desselben kennen, Artaxata. 
lieber den ganzen Marsch aber von der Westgrenze Arme- 
niens bis in den Osten desselben lässt uns Tacitus völlig im 
Unklaren. 

a) Volandum. 

Es ist nur eine einzige Position, welche uns Tacitus 
hier bezeichnet, die Burg Volandum, und diese ist gänzlich 

I) p. iJio. 



=^-» 



320 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

anbestimmbar. Nur so viel ergibt sich ans Tadtos^ dass 
sie westlich vom Araxes, nicht sehr fern von der 
Stadt Artaxata gelegen haben muss; denn Clorbalo zieht 
einerseits von ihr weg über den Araxes an dessen Ostufer') 
und anderseits konnte zwischen dieser Belagerung und dem 
Anlaufe auf Artaxata keine lange Zeit verflossen sein.^) Nan 
berichtet Strabo von einer „von Natur festen Bergveste 
Olane')^^; die nicht sehr weit von der Stadt gelegen habe. 
Aehnlich berichtet Tacitus, dass Yolandum „die festeste Burg 
in jener Statthalterschaft^' gewesen sei.**) Strabo aber a. a 0. 
nennt nur 5 Städte aus dem eigentlichen Hoch- Armenien; er 
führt somit nur irgend wie hervorragende Punkte an; Olane 
aber ist für Strabo aus dem gleichen Grunde hervorragend, 
wie Yolandum für Tacitus. Beachten wir noch die Aehnlich- 
keit der beiden Namen Yolandum und Olane^ so können wir 
auf den Gedanken kommen^ dieselben seien zu identifidren. 
Zu behaupten aber wage ich diese Annahme nicht. Zudem 
würde die Identificirunguns weiter nichts helfen, als dass sie 
unsere Abstraction aus Tacitus, die Stadt habe in der Gegend 
von Artaxata gelegen, bestätigen würde. Zu bestimmteren 
Yermuthungen über die Lage hingegen fehlt uns jeder Halt.^) 

b) Erzemm. 

Ueber die Wege, auf welchen Corbulo in Armenien ein- 
gedrungen, gibt Tacitus^) ebenfalls nichts Greifbares. Nur 
das sagt er, dass verschiedene Abtheilungen auf verschie- 
denen Stellen zugleich einzubrechen beordert wurden. Da- 
gegen weist im Ganzen die Herbeischaflung des Proviantes 



1) Tac. 13, 31. Vergl. oben S. 308. 

2) ib. Vergl. oben S. 287. 

3) Strabo 529. 

4) 13, 39. 

ö) Müller, Pariser Ausgabe des Strabo, wagt nicht eiuiual mit 
Fragezeichen diese Burg auf die Karte einzutragen. Ritter und For- 
biger bemerken ebenfialls nichts darüber. Auch Koch's und Kiepert'^ 
Karten geben keine Yermuthungen. 

6) 13, 37 und 39. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 321 

von Trapezunt aus *) auf eine Operation im nordwestlichen 
Armenien. Hiefür haben wir eine Analogie in dem Feldzuge 
des Trajan, der ebenfalls in diesen Gegenden über die klein- 
armenischen Pässe bei Satala (jetzt Sadagh)^) nach Hoch- 
annenien eindrang und bis Elegia (*eX^TE»c[ ttic 'Apjieviac bei 
Oio), jetzt llija, westlich nahe bei Erzerum kam.') 

Die Annahme^ dass Corbulo in dem Plateau von Erzerum 

war, liegt auch nach PI in ins nahe. Er sagt*) : Eiiphrates 

oritur in praefedura Armeniae maioris Caranitidc, nt prodi- 
ikre ex iis qui proxume viderant Dom, Corhulo in 
Monte Aba, Licinms Mucianus sub radicibMS montis quem 
Cfipatetn appeüant etc, fltüt Derxetien primiim etc. Garanitis 
bezeichnet das Plateau von Erzerum, das die Eingebornen 
wie im Alterthum noch heute Garin nennen. Zudem liegt 
bei Plinius Garanitis oberhalb Derxene am Euphrat, wie 
Garin oberhalb Terdjan, mit welchem Derxene identisch ist.*) 
Der Berg Aba nach Plinius mit der Quelle von Euphrat 
und Araxes*^) ist unstreitig derselbe Berg Abos bei Strabo, 
der an ihm ebenfalls Euphrat und Araxes entspringen lässt^); 
denn wenn Plinius nach Gorbulo den Quellberg dieser beiden 
Strome Aba, nach Mucianus aber Gapotes nennt, so sind 
beide Bezeichnungen ganz gut zu vereinigen, da Gaboid = blau 



1) Wohl über Baibort, wo Tournefort und alle seine Nachfolger 
zum armenischen Hochlande emporstiegen (z. B. auch Kinneir 1813). 
Die Karte belehrt unsi dass zu Baibort der nächste Strassenzug zwischen 
Traperont und Erzerum durchführt (Distanz 6 Tage). [Ritter X, 741]. 

2) Diese Identität, welche Ritter noch nicht kannte, von Kiepert 
nach Etymologie und Congruenz der alten Itinerarien vermuthet, ist in 
neuerer Zeit durch Ruinenfunde (von Strecker, Taylor und Courtois) 
geiichert. Kiepert, Petermann, geogr. Mitth. Ergänzungsheft Nr. 20, 
p. 62 Anm. 

3) Dio 68, 9. Ritter X, 116. 

4) h. u. V, 83. 

6) Kieperts Karte 1864. Ritter X, 81 ff; (Moses v. Khorene u. A.). 

6) Plin, VI, 26 Araxes oritur in eodem moyite quo Euphrates VI 
w. p. intervoMo etc. 

7) Strabo 527. Die Identität behaupte} Ritter X, 80. 

l'ölcrtuch. 2. Rum. Kaiserg-esch. I. 2X 



322 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

noch heute Bezeichnung vieler hoher armenischer Berge, be- 
sonders aber der grossen Mittelkette Armeniens ist*), an 
welche die Ebene von Erzerum sich nordlich anlehnt. 

Alles weist uns darauf hin, Gorbulo als Augenzeugen 
für das Plateau von Erzerum zu halten. 

c) Oberer Erasch. 

Nun wäre es freilich möglich, dass Corbulo von der 
obersten Araxesebene mit der grossen Karawanenstrasse nach 
Alaschgerd im Muradthal hinübergezogen wäre und von 
diesem aus den gleichen Marsch nach Artaxata gemacht 
hätte, den er im folgenden Sommer in umgekehrter Rich- 
tung zurücklegte.^) Gegen diesen Weg aber* sprechen mehrere 
Gründe: 

1) und vor Allem: die drei heutzutage von Karawanen, 
die von Erzerum nach Eriwan gehen, gewählten Routen 
führen sämmÜich durch die Eraschabdachung.^) Wenn man 
einmal oben in dieser Abdachung ankam, so war es am 
natürlichsten, dieser zu folgen wie wir für den Rückmarsch 
(Murad) ebenfalls gesehen haben.'*) 

2) Ciorbulo gieng wohl nicht ohne Veranlassung einen 
Weg, auf welchem er an dem Gebiete der Marder, über- 
haupt an den Gränzen der den Parthern zugethanen Volkeni 
vorüberkam. ^) 

3) Die Beiziehung der Moscher und Iberer**) zur Be- 
kämpfung des Tiridates weist auf eine einheitliche Operation 
mit deren Heeren hin. Dazu aber war eine Route des Cor- 
bulo im südlichen Längenthaie wegen der Entfernung und der 
Trennung durch den mittlem Gebirgswall entschieden un- 
günstiger. 



1) St Martin bei Ritt.T X, 81 

2) V. p. 312 ff. 

3) Ritter X, 400 ff. 

4) V. p. 316. 

5) V. oben p. 309 und .'IM. 

6) Tac. 13, 37. 



Geographie. II. Die Routen des Corbulo. 323 

4) Durchzog Corbulo das nördliche Längenthal; so hatte 
er mit Einschluss seines Rückmarsches das ganze armenische 
Hochland im wesentlichen durchzogen. Durchzog er das 
liordhche Längenthal nicht, d, h. gieug er von der oberen 
Araxesebene ins Muradthal hinüber, so hatte er die weite 
obere Araxesabdachung gänzlich unberührt und unbezwungen 
im Rücken gelassen. 

5) der Marsch durch das nördliche Längenthal war der 
kürzere und hinsichtlich der Verproviantirung weit günstiger, 
als derjenige durch das südliche.') 

6) Zog Corbulo durch das nördliche Längsthal, so hatte 
er links von seiner Route befreundete Völker und Bundes- 
genossen (Marder und Iberer); zog er durch das südliche 
Längsthal, so war er links durch die hohe Mittelkette wie 
von der Welt abgeschnitten und rechts hatte er feindliche 
Kurden zu fürchten. Auch konnte ihm Tiridates leichter den 
Rückzug über die Pässe aus Alaschgerd zur obersten Araxes- 
stufe abschneiden, als die Wege aus der Eriwanstufe zur 
obersten Araxesebene, welche dem bundesgenössischen Laude 
(ler^ Moscher näher liegen. 

Wir nehmen aus diesen Gründen an, Corbulo sei auf 
'lern Hinmärsche der Araxesabdachung gefolgt. 

Wenn wir nun die Burg Volandum in die Eriwanstufe 
verlegen, ihre Eroberung aber als erstes Ereigniss des im 
April 59 eröffneten Krieges bezeichnen^), so wird daraus 
wahrscheinlich, dass Corbulo in dieser Eriwanstufe überwintert 
liabt; denn in dieser frühen Jahreszeit kann er mit seinem 
Heere noch nicht gar weit her aus Westen gekorumen sein. 
Uanz sicher aber dürfen wir bei diesen Voraussetzungen be- 
haupten: Corbulo hat östlich des Saghanlu Dagh 
überwintert. Hätte er westlich davon überwintert, so 
musste er spätestens im April über dieses Gebirge nach Vo- 
landum gezogen sein. Dies ist unmöglich; denn erst im Juli 

1) Vgl. Ritter X, 403. 410 für die Nord- und S. 814 (oben) für die 

^udroute. 

•i) Vgl oben S. 287. 

21* 



324 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — C3 n. Chr. 

treffen wir daselbst eine Flora, die derjenigen von Paris im 
April entpsricht.*) Am 19. Mai 1829 waren alle Pässe des 
Saghanlu Dagh mit Schnee bedeckt und bis Ende Mai fiel 
noch Schnee. ,,Das rauhe Klima des Hochlandes gestattete 
erst am 2. Juni 1829 die Wiedererofl&iung des russisch - 
türkischen Feldzugs" ^); im Jahr 1828 gar erst in der Mitte 
Juni. 

Soweit der Hinmarsch: durch die Ebene von Erzeram, 
über die nördliche Wasserscheide, der Araresabdachung nach 
bis in die Stufe von Eriwan. 

Stellen wir Hin- und Rückmarsch zusammen, so 
ergibt sich: 

Corbulo gieng Frühjahr 58 aus Klein- Armenien etc. zum 
Plateau von Erzerum, über die Wasserscheide des nordhchen 
Längsthals, die Eraschabdachung hinunter und überwinterte 
58/59 in der Eriwanstufe. Im April 59 eroberte er die 
3 Burgen westlich vom Araxes, zog über diesen Fluss \md 
nahm Artaxata (30. April 59), gieng über den Erasch zu- 
rück, um den Ararat herum nach Bajazed, dann über die 
Wasserscheide des südlichen Längenthaies der Muradabdachung 
nach über Melazgerd (August) zur Tauraunitis und zog von 
hier dem Eara Su nach zum Bitlis-Pass und mit diesem nach 
Tigranocerta (Sert) hinunter. 

Oder, im Grossen und Ganzen gesagt: Corbulo um- 
zog von Nordwesten aus die grosse Mittelkette Ar- 
meniens. Am Fusse des Ecksteins dieser Kette, des 
Ararat, lag der Wende- und Mittelpunkt von Cor- 
bulo's armenischem Zuge. 



1) Tournefort bei Ritter X, 404. 

2) Rittor X, 420. 



Geographie. III. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 325 

III. 

Würdigung der geographischen Angaben 

bei Tacitns. 

A. 

Nach Seiten des Geschichtsschreibers. 

Es muss aufgefallen seiu^ wie gering für unsere Routen- 
hestimmung die Anhaltspunkte bei Tacitus gewesen sind. Es 
sind nur 5 Positionen aus dem weitläufigen, zwei Jahre in 
Anspruch nehmenden Zuge des Gorbulo in Tacitus aufgezählt^ 
and von diesen erfahren wir so zu sagen nichts als die Namen. 
Lediglich das Verdienst der neuern Geographie ist es, dass 
wir im Stande sind; die Marschlinie für die langen Zwischen- 
ruume zwischen diesen Positionen einigermassen zu bestimmen. 

Aus Tacitus erfahren wir nicht, wo die Winterlager 
Corbulo's 57/58 waren und welche specielleu Thaten Corbulo 
seit seiner Absendung Ende 54 ausgeführt hatte. Statt der- 
artiger genauerer Aufzeichnungen findet man eine weitläufige 
Ausführung von der Strenge des Corbulo.') Eine einzige 
klimatische Angabe^) geht aus der langen Erzählung hervor, 
aber diese ist nicht ihrer selbst wegen aufgeführt. Vielmehr 
dient Alles nur dazu, den Corbulo als eine Heldengestalt zu 
zeichnen , die ihrer Zeit gegenüber in einen Gegensatz {nee 
mm at in äliis exerdtibus . , , .) gestellt wird, der um so 
greller in die Augen sticht, als unmittelbar vorher') die 
>>childerung von dem verwahrlosten Zustande des übernom- 
menen Heeres uns entgegentritt. Daraus ersehen wir, dass 
Tacitus mit der Geschichtsschreibung eine besondere Per- 
sonalrücksicht verbindet. 

Nach diesem wird die Eröifnung des Feldzuges Frühjahr 
58*) erwähnt. Es wurden „an schicklichen Orten" Hülfs- 

1) 13, 35. 

2) Verwerthet S. 317, Note 1. 

3) 13, 35 Anfang. 
*) 13, 36 Anfang. 



326 l*-gli-* Feldziige in Anueiiien von 41 — 63 n. Chr. 

cohorten aufgestellt. Aber zu beschreiben oder auch nur an- 
zudeuten, wo ,;diese schicklichen Orte" und die im Folgen- 
den vorkommenden „nächsten Burgen" lagen, wie sie aus- 
sahen, wie viele ihrer waren und dergl. — damit wird gar 
keine Zeit verloren, um sofort eine Geschichte erzählen zu 
können , welche neben der festen Strenge des Corbulo dessen 
Vorsicht und überlegene Berechnung im Kriegswesen zeichnen 
soll. Ganz in der Luft schwebt der Guerillakrieg, der nun 
ausbrach. Wir befinden uns offenbar in Armenien^)-, aber 
in welcher Gegend — das meldet uns Tacitus ebenso wenig, 
wie die Art und Weise, wo und wie Corbulo überhaupt nach 
Hocharmenien hineinkam; und doch mussten gerade die Zu- 
gänge, seien es die vielen Euphratdefileen^), seien es die 
klein -armenischen Pässe oder andere Bergübergänge, eine 
ziemliche Rolle in diesem Offensivkriege spielen, ganz abge- 
sehen von dem geographischen Interesse, das sie und die 
zwischen ihnen liegenden Tafelländer in reichlichem Maasse 
für einen Schriftsteller haben mussten. Einzelne Scenen, 
überhaupt etwas mehr als einige allgemeine Sätze über diesen 
dem Corbulo zum Mindesten nicht erwünschten, vielleicht gar 
schädlichen, langen^) Guerillakrieg suchen wir vergebens. 
Nicht vergessen aber wird es, zu sagen, dass Corbulo bei 
dem Kriege es auch mit der parthiachen Macht zu thun ge- 
habt habe. Der hierauf erfolgte Generalangriff wird mög- 
lichst kurz abgethan, fast nur die Namen der Theilnehmer 
erwähnt, die Vertheilung des Heeres in mehrere Colonneu 
nur angeführt, aber nicht näher örtlich beschrieben. Das 
Ganze scheint mehr als Beweis für Corbulo's kriegerische 
Berechnung benutzt zu sein; denn wie die Schilderung des 

1) 13, 37 Anfang: sed palam hello infensare Armeniam. 

2) Von Egin (Defiläen, Ritter X, 790) über Erzingan (südlich davon 
ein sehr festes Defil^, das „unzählige gut zu vertheidigende Positionen 
zeigt, die einem Heer den Durchgang sehr erschweren würden;" Brandt 
bei Ritter X, 771; auch X, 77:0 über Terdjan bis Erzerum. 

3) Vgl. unten S. 350, Note 4 wegen der Schädlichkeit und Tac. 13, 37 
wegen der Länge dieses Krieges (Coihulo (ßtaesito diu proelio fmstra 
hühitm etc.). 



Geographie. III. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 327 

Geueralangriffs zu Ende ist, wird, ohne specielle Ausführungen 
aus dem Kampfe, gleich das Gesammtresultat desselben ver- 
kündet: ,,So wendeten sich Tiridates Anschläge wider ihn 
selbst" — oder deutlicher: Corbulo's kräftige Organisation 
brachte seinen Feind zur Deraüthigung; Corbulo konnte den 
Tiridates, der doch auf Arsacidenruhm pochen durfte, an 
die Gnade des Nero weisen.^) 

Es folgen die persönlichen Unterhandlungen zwischen 
beiden Heerführern. Hervorgehoben wird dabei, wie sich 
Corbulo, der „alte umsichtige Heerführer", nicht durch die 
List des Barbaren habe täuschen lassen und derselben ausge- 
wichen sei. Weitläufig kommt nun die Aufstellung des 
römischen Heeres durch Corbulo am Verhandlungstage ge- 
schildert; dagegen wird von Tiridates nur berichtet, dass 
er „ferne" gestanden habe. 

Im Ferneren^) wird erzählt, die Herbeischaffung des 
Proviants sei durch Truppenbedeckung von Corbulo so gut 
gesichert gewesen , dass Tiridates ihr nichts anhaben konnte. 
Hierauf kommt die Zerstörung der drei Burgen. Der Held 
des Tacitus übernimmt die festeste, Volandum. Nicht ein- 
mal von dieser, geschweige von den „kleinern Burgen" wird 
etwas über ihre Lage bemerkt und von Volandum 's specieller 
Beschaffenheit erfahren wir nichts. Wohl aber wird dessen 
Erstürmung und der Kampf dabei genau geschildert und aller 
gewöhnlichen Belagerungsoperationen gedacht, welche auf 
Corbulo's Anordnung vor sich giengen. 

Wir haben oben ^) gesehen , dass die Einnahme der drei 
Burgen auf Frühjahr 59 falle. Nun sehen wir aber, dass 
Tacitus keines Winters vor diesem Frühling gedenkt, obschon 
die Masse des Schnees, welche Winters überall in Armenien 
fällt, und die grosse Kälte su gut wie oben im Winter 57/58 
gewiss den Römern hat auffallen müssen , wie auch das Heer 
LucuUus' zur Zeit der Herbstnachtgleiche eine unerwartet 

1) 13, 37.Emle. 

•2) 13, 39. 
3) S. 287. 



1 



328 Egli: Feldzügc in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

rauhe Witterung mit Eis und Schnee trafj) Allein Tacitus 
zog es vor, diese für seine Personalriicksicht nicht ergiebige 
Zeit ganz zu übergehen. 

Ganz kurz wird nach der Eroberung der drei Burgen 
der Abmarsch gegen Artaxata erwähnt. Aber auch hier wird 
nur gesagt, dass man nicht den nächsten Weg gezogen sei, 
d. h. es wird nur eine für das folgende Ereigniss, das Ge- 
fecht mit Tiridates, nothw endige Andeutung gegeben. AVo 
jedoch der weitere Marsch selbst an und für sich hätte be- 
schrieben werden sollen, da hört alle Bestimmtheit wieder 
auf, und aus Tacitus geht nicht hervor, ob der Araxes ober- 
halb oder unterhalb der Stadt überschritten worden sei. 

Plötzlich befindet sich nun Tiridates im äussersten Osteu 
von Armenien, bei Artaxata; wie er aber seit seiner letzten. 
Erwähnung, beim Angriff auf die Transportzüge von Trape- 
zunt her, in diese fernen Gegenden kommt und was er unter- 
dessen gethan, ist nicht angedeutet. Ausführlich werden 
nun der örtlich wiederum unbestimmte Kampf und die An- 
ordnungen des römischen Feldherrn geschildert. Talent und 
Vorsicht des Corbulo treten ins günstigste Licht. Ebenso 
aber, wie Tiridates plötzlich da ist, verschwindet er auch 
wieder und mit der Bemerkung, man habe am Abend der 
Flucht nicht gevnisst, ob er gegen Medien oder Albanien 
fliehe, tritt er vom Schauplatz ab, ohne dass der Schriftstel- 
ler einen nachherigen bestimmteren Bericht über den König 
hinzufügt. Sofort wird zur Belagerung Artaxata 's überge- 
gangen, aber in merkwürdiger Baschheit und auffallendem 
Gegensatze namentlich zu Cäsar auch bei dieser wichtigen 
Eroberung einzig das angeführt, was die Person des Cor- 
bulo betriflFt, und die Naturerscheinung zu dessen Ver- 
herrlichung verwerthet.*^) Von der interessanten Halbinsel- 
lage der armenischen Hauptstadt^), von ihrer auch für 

1) Ritter X, 09. 

2) Unkritisch, weil Tacitus nicht wie Plinius eine Sonnenfiostemiss 
darin bemerkte oder bemerken woUte. v, oben p. 286 ff. 

3) Wie Strabo p. 529 sie schildert, 



Geographie. III. Wünh«»ung der geograph. Angaben bei TacitiiH. 329 

romische Leser interessanten Gründung durch HauuibaP), 
überhaupt von Nachrichten , welche die Stadt selbst betreifen 
und ihrethalben angeführt würden, treffen wir nichts, ebenso 
wenig von der Natur des Landes überhaupt. Der imposante, die 
Ebene beherrschende Doppelkegeldes Ararat mit seinem Schnee- 
hute — nicht einmal er begegnet uns. Soweit der Hinmarsch. 

Der Bückmarsch beginnt mit einer ausführlichen Dar- 
legung , wie sich Corbulo den ihm begegnenden Völkeni 
gegenüber benommen habe. Diese Völker aber und die 
Gegenden werden nicht beschrieben oder genannt. Der 
Araxes, der doch jedesfalls überschritten werden musste, 
kommt nicht mehr vor. Man weiss nicht, wandert mun in 
einer Ebei^e oder in Bergen. 

Erst die Fehde mit den Mardern gibt wieder Aulass 
zur Nennung einer Position. Wir haben oben^) gesehen, 
dass die Möglichkeit eines Iberereinfalles mit geographischen 
Gründen nicht bestritten werden könne. Allein es ist, als 
wenn die Redensart ^JiostUein audaciam extemo sanyidne 
nltus est'' etwas zu volltönend sei, als dass man sie von 
demjenigen aussagen könnte, den man im gleichen Augen- 
blick unverrichteter Dinge abziehen lassen muss. 

Wir haben betont, dass der Marsch durch die weiten 
Strecken von Bajazed bis zur Tauraunitis nur mit einigen 
allgemein gehaltenen Angaben geschildert sei, deren Mög- 
lichkeit zwar wie der Iberereinfall nicht geographisch zu be- 
streiten sei. Aber gerade die Allgemeinheit dieser Angaben 
spricht dafür, dass Tacitus sie nicht um des geographischen 
Zwecks willen bringt, sondern dass er sie nur zu einem Aus- 
gangspunkte wählt, an dem er einige Worte von dem 
musterhaften Benehmen des Corbulo in dieser schwierigen 
Lage anknüpfen kann, indem er fortfährt: nur des Heer- 
führers Ausdauer habe diese Strapazen erträglich gemacht, 
„der mehr als der gemeine Soldat erduldete."^) 

1) Strabo 528. 

2) p. 312. 

3) 14, 24. 



330 Egli: Foldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Die bebauten Gegenden, welche hierauf erwähnt werden, 
sind ohne geographische Bezeichnung, weder beschrieben 
noch mit Namen genannt. Die zwei Burgen kommen nur 
vor, weil sie Anlasa zur Anführung von zwei glücklichen 
Ereignissen aus der Geschichte Corbulo's gebeu ; auch sie sind 
sonst nicht zu verwerthen. 

Im Folgenden wird nichts als die Rettung des Corbulo 
vor Meuchelmord erwähnt und der Ort (Tauraunitis) nur ge- 
nannt, weil diese Begebenheit nicht mehr an dem vorherigen 
Orte stattfand und so viel Interesse hatte, dass man der 
Nachwelt den Ort dieses Vorfalls namentlich aufbewahrte. 
Eine geographische Schilderung vermissen wir aber auch da, 
wie im Folgenden gänzlich. Tacitus geht vielmehr von dem 
einen Ereignisse aus Corbulo's Leben, der Nachstellung, so- 
fort zum Folgenden über, der für seinen Kriegsruhm so be- 
zeichnenden freiwilligen und demüthigen Uebergabe der zwei- 
ten armenischen Hauptstadt Tigranocerta. Während aber 
die Gesandten dem Corbulo auf dem Marsche entgegenkamen 
und man eine Schilderung von dem Anrücken gegen die Stadt 
erwartet, sagt der folgende Satz sogleich, was Corbulo mit 
der Stadt gemacht habe. Zugleich wird auch der Grund da- 
zu erwähnt. 

Während nun ein Schriftsteller, der um der Sache, nicht 
um einer Person willen schreibt, hier eine kürzere oder längere 
Beschreibung der Stadt eingeschoben hätte, geht Tacitus so- 
fort dazu über, zu melden, wie sein Held auch die schwierige 
Eroberung des Castells^Legerda glücklich vollzogen habe. 
Die Erwähnung der Hyrkaner aber gibt wiederum Gelegen- 
heit zu einem Berichte aus Corbulo's Leben, der Geleitung 
hyrkanischer Gesandter zum erythräischen Meere. 

Gänzlich verschwiegen wird nun der Winter 59/60 und 
nur mit wenigen Sätzen poch die von Corbulo glücklich voll- 
brachte völlige Verdrängung des Tiridates vom Sommer 60 
angedeutet. Dagegen von dem ganzen Verlaufe des neuen 
Krieges, der den Corbulo wiederum nach Armenien führte, 
vernehmen wir gar nichts. Mit der Ordnung der armenischen 



Geographie. III. Würdig^ung der goognipb, Angai)cn bei Tacitus. 331 

Verhältnisse durch Corbulo schliesst die Schilderung von 
dessen armenischem Feldzuge 68 — 61. 

Nicht weniger tendenziös finden wir die Geschichte des 
weiteren Krieges abgefasstJ) Ausführlich wird die Erman- 
uung der Arsaciden gegen Corbulo geschildert, die Wach- 
samkeit des Corbulo in seiner Provinz Syrien und die durch 
Vereitlung des parthischen Angriffs auf l'igranocerta sich 
bewährende Fürsorge desselben für Annenien sorgfältig er- 
zählt, aber auch hier alle topographischen Einzelheiten ver- 
mieden. Mit der Erwähnung, dass Corbulo Mässigung in 
seinem Glücke für heilsam erachtet habe, wird zur Schilde- 
rung der Verhandlung mit Vologäses und dem günstigen Er- 
folge schon von Corbulo's blosser Drohung übergegangen. ^j 
Eine ausführliche Erzählung von den ürtheilen, welche über 
dieses Verhalten desselben gegenüber den Arsaciden gefallen, 
schliesst seine directe Betheiligung vorläufig ab. Tacitus 
schildert nun in ziemlich geringschätzigem Tone die Thaten 
des Nebenbuhlers Corbulo's, überall das Prahlerische und 
Unbesonnene derselben hervorhebend. Dadurch gewinnt er 
Streiflichter für seinen Helden, den er trotz der Kränkun- 
gen durch den Nebenl)uhler doch grossmüthig diesen unter- 
stützen lässt.'*) 

Sofort nach der lebhaften Schilderung des kläglichen 
Ausganges, den Corbulo's Nebenbuhler erfahren, folgt die- 
jenige über die rasche , unerschrockene und vorsichtige ^) 
Hülfeleistung des grossmüthigen Feldherrn. Er erscheint als 
ein Soldat, der zwar über die Misserfolge seines Gegners, 
der ihn hintansetzte, sich freut und diese Hintansetzung den- 
selben fühlen lässt, indem er ihn etwas länger, als es gerade 
nöthig wäre, in der ßedrängniss sitzen lässt:^), der aber doch 
nicht soweit geht, um seiner Privatrache willen das Heil 



1) 15, 1 ff. 

2) 15, 6. 

;n 15, 10. 

4) 15, 12 Anfang. 

5) 15, 10 Ende. 



332 Egli: Fek\zügo in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

des Staates durch Preisgebimg meines Gegners zu vernach- 
lässigen. Im Schhisse der Geschichtserzählung werden die 
weitere Uebertragung des Oberbefehls an Corbulo, seine An- 
ordnungen geschildert; sein Marsch mit dem des Lucullus in 
Beziehung gebracht^), der durch einen blossen drohenden 
Marsch des Corbulo gebrochene Trotz des parthischen Königs 
hervorgehoben und besonders durch die Ironie des Schicksals 
(betreffend die SteUe der Unterhandlungen) die Parallele zwi- 
schen Corbulo und Pätus gezeichnet. Ehrenvoll aber lautet 
für den ersteren ganz besonders die Schilderung von der 
üemüthigung; welche Tiridates sich musste gefallen lassen. 

Auch in diesem ganzen Abschnitte werden nur die un- 
entbehrlichsten Localitäten namhaft gemacht^ und von irgend 
welcher Betonung des geographischen Elementes ist keine 
Rede. 

Aus dieser ganzen Ausführung geht hervor: 

1) Es werden nur die geschichtlich wichtigsten Partien 
gebracht und diese möglichst nach der Seite der Thaten, 
Anordnungen und Erwägungen der Person des C!orbulo aus- 
geführt. 

2) Geschichtlich an sich wenig ergiebige Abschnitte (so 
die Jahre 55 — 58, die zwei Winter 58/59 und 59/60, der 
Guerillakrieg Anfang 58) werden ganz weggelassen oder doch 
möglichst kurz abgethan. 

3) Geographische Bestimmtheit und Ausführung fehlt 
überall, auch in den wichtigsten Partien. 

Hieraus folgt: 

1) Tacitus will nicht eine objective Geschichte der Er- 
eignisse aus den armenischen Felgzügen geben, sondern eine 
möglichst wenig ^durchbrochene Reihe von Schilderungen und 
Erwägungen, w^elche in günstigem Sinne das Leben des Cor- 
bulo zeichnen. 

2) das Interesse der Leser war demnach nicht auf eine 
eingehende Geschichte, sondern auf eine Biographie des Cor- 

1) 15, 27. 



Geographie. IIL Würdigung der goograph. Angaben bei Tacitus. 333 

balo gerichtet. Anderseits aber muss das geographische 
Interesse des römischen Publicums kein grosses gewesen sein. 
Den Maassstab aber für eine derartige Abfassung der 
armenischen Geschichte bildeten: 

1) die Leser — hierin sehen wir einen Anflug von 
romanenartiger Behandlung der Geschichtsschreibung. 

2) einigermassen wohl auch die eigne Subjectivität des 
Schriftstellers, der für Corbulo eine besondere Zuneigung 
hatte. 

Wir werden daher nicht fehlen, wenn wir mit Bezug 
auf die Geschichte der Eroberung Armeniens behaupten: 

Die Geschichte der armenisch - parthischen 
Feldzüge nach Tacitus wird nach ihrer geschicht- 
lichen und geographischen Seite durchaus von dem 
Gesichtspunkte einer verherrlichenden Lebensbe- 
schreibung des Corbulo beherrscht oder: 

Der Zweck des Tacitus war die Lebensbeschrei- 
bung seines Helden Corbulo auf der Folie des welt- 
geschichtlichen Thema's der Eroberung Arme- 
niens. 

Daraus wird nun klar, warum uns die geographische 
Orientirung in dem Marsche des Corbulo so schwer fiel. 
Wir machten zu unserer Hauptabsicht gerade die fortlaufende 
Zusammenstellung desjenigen, von welchem der Schriftsteller 
als von seiner Nebenabsicht nur in beiläufiger Weise handelt. 
Daraus aber erhellt wiederum, warum der gleiche Schrift- 
steller^ der auf dem germanischen Boden so Grosses in der 
Geographie geleistet, auf armenischem Boden so Geringes in 
geographischer Hinsicht zu Tage gefördert. Dort war ihm 
Geographie sein Zweck, hier ist sie gar nicht seine Absicht. 

B. 
Nach Seiten der Quelle (Corbulo). 

Schwieriger fällt uns bei der Vernachlässigung des 
geographischen Materials durch Tacitus die Feststellung 



334 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — G3 n. Chr. 

der Reichhaltigkeit und des \Verthes» seiner Quelle*), des 
Corbulo. 

1) Phänomen von Artaxata. 

Den ersten Anhaltspunkt zur ßeurtheilung des Corbulo 
als geographischen Berichterstatters im weitesten Sinne des 
Wortes gibt uns die Erwähnung des Phänomens von Ar- 
taxata, welches wir in der Chronologie besprochen haben. 

Aus dieser Schilderung bei Tacitus ergibt sich, dass er 
nicht an eine Sonnenfinsterniss dachte, sonst würde er nicht 
ein ,,miraciihim'' daraus gemacht haben. Also kann auch 
ofiFenbar die Erscheinung in dem Berichte des Corbulo nicht 
eine „defedio 50Üi5 ". genannt worden sein. Vielmehr wird 
die Schilderung des Corbulo ziemlich genau mit derjenigen 
des Tacitus übereinstimmen. 

Verweilen wir einen Augenblick bei der geschilderten 
Erscheinung , so muss auffallen , dass ein hervorragender 
Römer jener Zeit, der grösste Feldherr, eine selbst gesehene 
Sonnenfinsterniss wie ein „miraculum'^ schildert, welches der 
grösste römische Historiker bei der Vorliebe für seinen Hel- 
den als diesen verherrlichend in gleicher Form ohne Anstoss 
wiedergibt, er, der an einer andern Stelle^) dieselbe Sonnen- 
finsterniss für Italien meldet. Es brauchte einen Plinius da- 
zu, um aus dem zeitlichen Zusammentreffen des Phänomens 
von Artaxata mit der in Campanien beobachteten Sonnen- 
finsterniss zu schliessen, dass auch das erstere eine Sonnen- 
finsterniss gewesen sei. So wenig Natursinn gibt uns einen 
deutlichen Fingerzeig, wie viel von der geographischen 
Beobachtungsgabe dieses Berichterstatters zu erwarten ist, 
und daraus entnehmen wir, wie hoch wir den Corbulo als 
geographischen Berichterstatter zu stellen haben. Es winl 



1) 15, 16. 

2) 14, 12. Ueber die Identität dieser in 14, 12 genannten Fiuster- 
niss mit derjenigen des Plinius (TI, 70) und Dio G2, 16 vgl. „Zech, Unter- 
suchungen über die wichtigeren Finsternisse, welche von den Schrift- 
stelleru des class. Alterth. erwähnt werden. Leipzig 1853." Nr. 15. 



Geographie. ITT. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 335 

sich im Folgenden zeigen, wie weit dieses Vorurtheil ge- 
rechtfertigt war. 

2) Sueton und Dio Cassius. 

Wenn wir, um weitere Anhaltspunkte für die Geographie 
Armeniens zu erhalten, in Bezug auf den armenischen Feld- 
zug von 58 — 63 andere Schriftsteller vergleichen, so muss 
auffallen, dass vorerst Sueton Nichts von demselben be- 
richtet*) und dass z. B. Corbulo, Artaxata, Tigranocerta in 
Sueton gar nirgends vorkommen. 

Nicht viel besser steht es hinsichtlich des Dio Cassius.^) 
Eine Zusammenstellung von Dio und Tacitus für 58— Gl ist 
folgende : 

Dio 62, 20. Tadt. 13, 41 —14, 25. 

1) dKOViTl Td *ApTdEaTa Xaßi(jv. oppidani, portis spmUe pafefactis 

(13, 41). 

2) T^v iröXiv KaTdcKai|i€. Ärtaxatis ignis immissua. 

3) Tipöc TiTpavÖKepTa flXacc: iUitcCfigranocerta)pergit(H^2S). 

4) irdcrjc |u^v Tf,c töliv dvbiööv- misericordia adversus supplices, 
Tiuv cqpäc x^P^^ q)€ibö)Li€voc, irdvTa celeritate adversus pro fu gas, inmitts 

h^ Td TOIV dveiCTQILldvUJV TtOpGlIlV. is .... 

5) €Xa߀ Kai ^K€lva (TixpavÖK.) legati Tigr. missi patere moenia 
^OeXoücia. adferunt, intentos .... 14, 24. 

6) dXXa T€ firpaSc Xajbnrpd xal a) Die Rache an den Mardern 
^niboHa. (14, 23). b) Die Ausdauer auf dem 

Marsche, c) Eroberung des praeai- 
dium Legerda (14, 25). d) Die 
Verjagung des Tiridates im folgen- 
den Jahre. 

Aus dieser Zusammenstellung geht hervor: 

1) Dio bringt nichts, was er nicht aus Tacitus entlehnt 
haben kann. 

2) Dio bringt nur die vnchtigsten Ereignisse in Tacitus 
ausdrücklich au geführt. Alle übrigen fasst er zusammen mit 
den Worten: öXXa t€ firpaSe XajaTrpd kqI imbola. 

1) Nur Nero 13 berichtet er etwas von der Vorführung des nach 
Rom gekommenen Tiri<lateä. Kino beiläufige Notiz betreflFend den Tiri- 
dates V. Nero 30. 

•2) Dio 62, 20. 



336 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

3) Dio bringt nur gemein -historische Facta; alle Ehren- 
zeichen, welche nur Corbulo als solchen angehen, lässt er 
weg, so die Auslegung des Phänomens von Ari;axata, die 
Erzählung von dem glücklichen Ausweichen des Attentates, 
diejenige von der persönlichen Beehrung durch die Gesandt- 
schaft von Tigranocerta und die Anordnung von Triumphen. 

Der Annahme, dass Dio lediglich den Tacitus aus- 
gezogen habe, steht nichts im Wege. Für die Annahme 
aber spricht noch positiv: 

1) kein Factum wird bei Dio in irgendwie anderer 
Reihenfolge gebracht als bei Tacitus. 

2) Alle Facta werden bei Dio in Ausdrücken erzählt, 
die entweder mit denen des Tacitus gleichwerthig (2 imd 3) 
oder aber auszugartige Abschwächungen derselben sind 
(1, 4, 5 und 6). Keine Abfassung irgend eines Factums 
bei Dio deutet auf Originalität. 

3) der bei Tacitus in sachlicher Beziehung so haltlose 
„Hinmarsch" ist gänzlich übergangen. Ebenso verhält es 
sich mit der bei Tacitus nur im Resultat angeführten Ver- 
jagung des Tiridates, also dem Feldzuge von 61. Wenn also 
von den Hauptpartien des Tacitus bei Dio nur das Wichtigste 
gegeben wird, so ist es begreiflich, wenn die schwachen 
Partien des Tacitus ganz weggelassen wurden. 

(Für die weitere Geschichte von 61 — 63 wollen wir auf 
eine Untersuchung verzichten, da die Jahre 58 — -61 in geo- 
graphischer Hinsicht die interessantesten sind.) 

3) PUniuB. 
Anders dagegen steht es mit Plinius. Er nennt geradezu 
den Corbulo als eine seiner Quellen in der armenischen 
Geographie. Er thut sich auf seine Quellen überhaupt viel 
zu Gute, wenn er sagt^): .... in quo aliter ac veteres pro- 
(liturum me non infiUaSy mwia perquisUa cüra^ rebus nuper 
in eo situ gestis a Domitio Corhulone regibiisqtw inde missis 
supplidbus mit regtim liheris ohmlihuß, 

1) h, n. VI, 23. 



Geographie. III. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 337 

Wenn nun Plinius meint^ dass er aliter ac veteres 
überliefere ; so kann dies nur auf römische ^ keineswegs ab^r 
auf griechische Schriftsteller gehen ^ indem schon Strabo — 
zwar nicht mehr einzelne geographische Angaben über Ar- 
menien^ aber weit mehr systematische Beherrschung dieses 
geographischen Labyrinths aufweist. Während Plinius fast 
nur Namen an Namen reiht und einzig da eine lebendige 
Vorstellung verräth, wo er den Euphratdurchbruch durch den 
Taurus schildert*), so begegnen wir bei Strabo weit zahl- 
reicheren Verflechtungen geschichtlicher und anderer lebens- 
voller Abschnitte, namentlich aber einem eigenen CapiteP) 
zur Orientirung in der armenischen Urographie und den 
Stromläufen von Euphrat und Tigris, den ersten übersicht- 
lichen Nachrichten hierüber.^) 

Wenn wir nun versuchen wollen, dasjenige, \vas 
von Corbulo's Bericht direct herrühren muss, her- 
auszufinden, so müssen wir vorerst zweierlei bedenken. 

1) Es werden neben Corbulo noch die armenischen 
Geissein, femer Licinius Mucianus*), Cornelius Nepos*), 
Claudius Caesar^), Aufidius als Quellen angeführt und ist 
ein^ Ausscheidung dieser Quellen nicht vollzogen. 

2) Plinius hat trotz seiner Behauptung nicht anxia ciira 
die Quelle „Corbulo" benutzt, da er wichtige Positionen, die 
bei Tacitus sich finden, also aus Corbulo's Bericht herstammen 
müssen, nicht nennt (Volandum, Tauraunitis). Zudem fällt 
auf, wie wenig Plinius eigentlich doch über Armenien be-/ 
richtet, obwohl er die armenischen Geisseln zu Rathe ge- 
zogen haben will. Er führt z. B. an^), dass Armenien in 



1) 5, '85. Nach der mehr prosaischen Beschreibung folgt die Re- 
flexion: tta miturae dimicatio (zwischen Tauras und Euphrat) iUa aequa- 
lur, Jtoc (Eaphrate) eunte quo voIt, iUo (Tauro) jyrohihente quo relit. 

2) Das 12. des XI. Buches. 

3) Vgl. Ritter, Erdkunde X, 71 und 74. 

4) 6, 83. 

5) 6, 40. 

6) ib. 

7) 6, 27. 

Unlersuch. z. Ruin. Kaiserg-esch. I. 22 



338 Egli : Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

CXX Strategien getheilt sei; geht aber über die Nennung 
einiger derselben echt römisch hinweg mit den Worten „6ar- 
baris nominibus" 

Darans geht hervor^ dass 

a) die Quelle ,,Corbulo" unter die andern Quellen ver- 
arbeitet ist und 

b) dass sie unvollständig benutzt ist^ somit 

c) dass die Quelle ,,Corbulo'' nach ihrer geographischen 
Seite nicht mehr ihrem ganzen Umfange nach zu fixiren ist. 

Es finden sich in Plinius nur zwei Nachrichten ^ die^ 
ohne sich zugleich bei Tacitus zu finden ^ dem Corbulo aus- 
drücklich zugewiesen werden: der Berg Aba^) an den Eu- 
phratquellen und die Bekanntschaft mit den Caspiae pylae'^) 
(resp. den Caucasiae pylae, wie Plinius berichtigend sagt). 
- Damit stellt sich die Zahl der bekannten geogra- 
phischen Angaben^ welche sicher von Corbulo her- 
rühren, einschliesslich der 29 bei Tacitus auf 31.^) 

Nun finden wir aber noch etwa 13 weitere Angaben*) 
bei Plinius vor, welche sämmtlich auf den Nordwesten Ar- 
meniens, die oberen Euphratländer und die Umgegenden ent- 
fallen. Da nun Plinius den Corbulo für eine Position in 
jenen Gegenden, die Euphratquellen am mons Aba, neben 
Licinius Mucianus als denjenigen bezeichnet, der ,,proxtwie 
videraP% so stehen wir nicht an, alle diese 13 Positionen 
ebenfalls dem Verdienste des Corbulo auf Rechnung zu 
schreiben, obschon dies keineswegs nothig ist. Auch 9 wei- 
tere Positionsangaben ''^), welche Tacitus nicht hat, die aber 



1) 5, 83. 

2) 6, 40. 

3) In der Beilage durch Fettschrift ausgezeichnet. 

4) In der Beilage durch Cursivschrifb ausgezeichnet. 

5) Bei fl. Arsanias noch ein fi. Arsanus. Berge, welche Araxes- 
thal und Kaspi scheiden. Gebirge Niphates (welches vielleicht 
da genannt war, wo Tacitus sagt, die Marder seien „wontihas defensi"* 
gewesen). Otene regio (in Armenien, durch den Araxes von Atro- 
patene getrennt). Zahl der armenischen Präfecturen (CXX). Die 
Bemerkung, dass Tigranocerta „in excelso" liege. Usus, Nebenfluss 



Geographie. III. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 339 

doch von Oorbulo vermöge ihrer Lage etc. herrühren können^ 
wollen wir ihm zuweisen; um lieber etwas zu viel als zu 
wenig zu Corbulo's Gunsten zu thun. Dann wird sich die 
Zahl sämmtlicher Positionen . die von Ck>rbulo herrühren 
können ; auf circa 50 belaufen ^ während Strabo circa 60 
kennt. ^) Wir wollen nun an der Anzahl der Positionen nichts 
aussetzen ; zumal da sich die Anzahl für üorbulo noch gün- 
stiger stellen könnte; weil Plinius, wie wir gesehen; Cor- 
bulo's Bericht nicht anxia'cura benutzt hat. 

Blicken wir aber auf den Gesichtspunkt; welcher die 
sämmtlichen Angaben beherrscht; so ist hier vorerst im Auge 
zu halten; dass Tacitus' bei seiner tendenziösen Abfassungs- 
weise keinen Maassstab für die Beurtheilung ^der Geographie 
abgeben kann; dagegen zeigen die trockenen; mehr register- 
artigen als lebendigen Angaben des Plinius ; welche nur 
schon gegenüber dem früheren Strabo eine geringe Einsicht 
in die physischen Verhältnisse Armeniens verratheu; dass 
dem Plinius auch keine geographisch ausgiebige 
Quelle vorgelegen hat; sonst hätte er sie gewiss besser 
benutzt. 

Stellen wir alle Punkte, welche den Werth der Berichte 
Corbulos zu beleuchten im Stande sind; zusammen; so er- 
gibt sich: 

1) Tacitus drängt das Geographische möglichst in den 
Hintergrund; Sueton bringt von den armenischen Feldzügen 
gar nichts ; Dio begnügt sich für die interessanteste Partie 
(58 — 61) mit einem dürftigen Auszuge aus Tacitus, und 
Plinius, der Fachschriftsteller; verräth eine in geographischer 
Hinsicht mangelhafte Quelle. 



des Erasch. Thospitis- See (Van), den Corbalo oberhalb Bitlis 
streute. Oruros =« Murad. In der Beilage durch gesperrte Schrift 
ausgezeichnet. 

1) In der Beilage ist Alles, was von Corbulo herrühren kann, auf 
eine der drei genannten Arten durch die Schrift ausgezeichnet. 

22* 



340 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — Ö3 n. Chr. 

2) Der geographische Sinn des römischen Publicmns war 
ein sehr geringer ^ wie sich schon aus dem Stoffe schliessen 
lässt; den ihm seine Schriftsteller in dieser Beziehung bieten, 
und wie anderseits aus dem Umstände erhellt ^ dasa ab- 
sichtlich oder unabsichtlich eine Sonnenfinstemiss im Ernste 
so miraculos dargestellt werden darf. Bezeichnend für jene 
Zeit; wie für den geographischen Sinn Borns gegenüber 
den Hellenen überhaupt ist es auch; dass sogar ein Tacitus^) 
noch in der homeris\3hen Anschauung einer grossem Erwär- 
mung von Ost und West; also einer flachen Erdoberfläche; 
befangen war; während Aristoteles schon mehr als 400 Jahre 
früher die Kugelgestalt klar nachgewiesen; Archimedes^) aus 
hydrostatischen Gründen den Meeresspiegel als gewölbt er- 
klärt und um 200 v. Chr. Eratosthenes eine Gradmessung 
vorgenommen hatte. Weitere Beispiele gehören nicht in den 
Rahmen unserer Arbeit; ich möchte aber glauben; dass eine 
Erörterung über den Charakter der römischen Erdkunde über- 
haupt unsere Behauptung einer grossen Interesselosigkeit zur 
Zeit des Corbulo wesentlich verallgemeinern würde. 

3) Von dem geographischen Sinn des Corbulo muss man 
sich ebenfalls keine gar grosse Vorstellung machen; da wir 
gesehen, dass er in einer Sonnenfinstemiss ein miractdum 
erblickt und die Auszüge des Fachmanns Plinius aus seinem 
Berichte ebenfalls in dieser Hinsicht nicht günstig für ihn 
sind. Corbulo war in dieser Beziehung ein Kind seiner Zeit. 

Aus diesen Sätzen ziehen wir den Schluss: 

Corbulo bezweckt so wenig wie Tacitus eine 
geographische Berichterstattung über Armenien. 
Seine geographischen Angaben sind vollständig 
vom Gesichtspunkt der militärischen Berichter- 
stattung beherrscht, daher beiläufig, einseitig, 
eigentlich also gar nicht acht geographisch. 



1) Germania 45. 

*2) de iis, quae in kwnido feruntur I pro}). 2, 



Geographie. III. Würdigung der geogragh. Angaben bei Tacitus. 341 



Geographische Angaben über Armenien bei: 



Strabo 56. 



Plinius 59. 



TacituB 29. 



Abos mons. 

Adiabene. 
Akilisene. 
AiititaurOB. 
Araxes fi. 



Cbaljbes. 



Artazata am Araxes. 



Aba mons. 
Ahsarus fl. 
Adiabene. 
Anaitica. 

Araxes fl. 
Areisa lacus. 
Ärmeniae portae. 
Armeno - Chalyhes. 
Arsamosata. 
Arsanias fl. 
Arsanos fl. 
Artaxata am Araxes. 
„ — Niflibis 

Distanz. 



Adiabene. 



Araxes fl. 



Areamosata. 
Arsaniae fl. 

Arta,zata am Araxes. 



Arxata. 




Artagerae. 


1 


Atropatia. 


1 


Azara. 


t 


Babyrsa. 




Baris. 


\ 


Cambysene. 


* 


Garenitis. 


Caranitis, 


Chalonitis. 


» 


Carcathiocerta. 


Carcathiocerta. i 


CabaOla. 






Gaspiae pylae (p. Gau- • 




casiae pylae VI, 40). 




Ceraimii montes. 


Chorzene. 




Comisene. 






Gyrrhestica. 


Cyrufi. 


Gyrus. 


Cyrtier. 






Dascusa. 


Derxene. 


Derxene. 




Elegia. 


Enpbrates 


Euphrates 


„ als armeniach- 


„ als armenisch- 


kappflidok. Gränze. 


kappadok.GrH.nze. , 


„ Durchbruch. 


„ Durchbruch. i 


Flora von Armenien. 





fiaphrates 

„ als armenisch- 
kappadok.Gränze. 



• 

J42 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 


m 

— 63 n. Chr. 


Strabo 56. 


Plinius 59. 


Tadtus 29. 


Gprdyene. 


Gordyaei montes. 


Höhlen in der Ararat- | 
gegend. ' 








# 






Legerda^ 


LycuB fl. Gränze von 


Lycus dito. 




Gross- nnd Klein- Ar- 






menien. 






Lycos j. Zab. 


Lycus dito. 




Mardi. 


Mardi. 


Mardi 


Masios mons. 






Matiane lacus. 




# 


Melitene. 


Melitene. 
Menobardi. 


Melitene. 


Moschi. 


Moschi. 


Moschi. 


Nibaras. 








Nicephorins fl. „inclutos 


Nicephorins fl. von Ti- 
granocerta. 




amnis.'* 


Niphates. 


Niphates. 


(Montibns defensi 


• 




Mardi?) 


Odomantis. 


OruroB. 


% 


Orchistene. 


Otene. 




Opis. 


Parthemas fl. 




Paryadres montes. 


Paryadres montes. 




(erst nach Strabo). 


Phaenomen von Arta- 


Phänomen von Arta- 




xata. 


xata. 


Phanene. 


praefectoxae. 

CXX. 


praefeotnrae. 


Producte Armeniens. 


Producte Armeniens. 
Pyxurates fl. 
Sartona. 




Scydises. 


Suani. 


Sonunerhitse. 


Syspiritis. 






Tauraonitis. 




Tanrannitis. 


Tanrus mons. 


Taums mons. 


Tanms mons. 

„ Pässe bei den 
Tigrisqnellen. 


Tibarener. 






Tigranocerta. 


Tigranocerta. 


Tigranocerta. 


„ südl. V. Berg 


„ „in excelso." 




Masias. 






Tigris. 


l'igris. 
Th<me regio. 





Geographie, lll. Würdigung der geograph. Angaben bei Tacitus. 343 



Strabo 56. 


Pliniiis 59. 


Tacitus 29. 


Tboispites »» Arsene 


Thospiies lacus. 




laccu. 


• 




Trapezus, Pässe nach 


TrapezuS) Pässe nach 


TrapezuB, Pässe naoh 


Armenien. 


Armenien. 
TrapeMus, Distomz tiach 


Armenien. 


9 

• 


Hoch-Armemen, 
Triare regio. 


unbebaute Gegenden. 


Urumjah See. 


Usus fl. 
VaUi. 




Olane. 


Sal2dge Flüsse. 


Volandnm. * 
Wassermangel. 


Winterkälte. 


Zagrus. 
Zimara. 


Winterk&lte. 



I 

i 



Drittes Capitel. 

Allgemeine Ergebnisse. 

I. 

Die Zeit des Mithridates. 

(Sommer 41 — Sommer 51.) 
§ 1. Die Eroberung Armeniens dnrch Mithridates. 

(Sommer 41J) 

Das Römerreich hatte den Euphrat zu seiner Ostgränze. 
Die Haaptstützpunkte zur Wiedererlangung Gross-Armeniens 
waren dessen West- und dessen Nordgränzlandschaften (die 
iberischen Gebiete). 

Die parthische Herrschaft in^ Grossarmenien ^ das ziem- 
lich zwischen die Länder der verbündeten Römer und Iberer 
eingekeilt war, erlag der Zwietracht im parthischen Reiche^), 
der Belagerungskunst der Römer ^), den Streif zügen der ibe- 
rischen Reiterschaaren *), der Feinde üeberlegenheit im Felde *), 
dem Wankelmuthe des armenischen Volkes.®) 



1) Tac. XI, 8 und 9. 

2) ThrODstreit zwischen Vardanes und Gotarzes Tac 12, 8 — 10. 

3) Tac. 12, 9. Von solchen Castellen werden im Verlauf bei Tacitus 
ausdrücklich genannt: Corneae 12, 45 (vergl. S. 347 Note 3), Volandum 
13, 39 (vergl. S. 319 f.), Legerda^4, 26 (vergl. S. 306), Arsamosata 16, 10. 

4) ib. Das „iberische Heer" bestand grdsstentheils aus Beiterei 
(6, 34). 

6) ib. 

6) ib. Den armenischen Charakter zeichnet auch 2, 4 „incerti 90- 
lutique et mayis sipie domhw quam in libertcUe. Aehnlich 13, 34. 



\ 



V 

<: 



Allgemeine Ergebnisse. L Die Zeit des Mithridates. 345 

§ 2. Die parthischen Wirren 40—51. 

Durch die Eroberung Grossarmeniens und die Vereinigung 
desselben mit Eleinarmenien zu der Einen Herrschaft des 
Mithridates^) war im Osten eine bedeutende Gränzänderung 
zu Gunsten der romischen Herrschaft — denn der armenische 
König war romischer Vasall ^ gestützt durch römische Truppen 
und so TÖllig in der Hand des römischen Befehlshabers^) — 
und zum Nachtheil des parthischen Reiches gegeben. Der 
deckende Rücken war dem Partherreiche genommen; denn 
die Herrschaft eines römischen Vasallen reichte auf beherr- 
schendem Hochlande^) bedrohlich bis an die Ebenen des nörd- 
lichen Mesopotamien heran. Der Schlüssel zu Mesopotamien^ 
damals der gangbarste Euphratübergang^) bei Zeugma; be- 
fand sich in einer nunmehr gegen Norden- entblössten weit 
in Feindesland hineinragenden Ebene. 

Wie den Vologäses*) mag auch den Vardanes das Ehr- 
gefühl zur Wiedereroberung des einst parthischen Gebietes 
angespornt haben. 



1) Tac. 11, 9. 

2) Tac. 12, 45. 

3) Strabo XVI, 26 gibt als Hauptgrund, weshalb die Obermesopo- 
tamier von den Armeniern Beschädigungen erleiden, den an, dass diese 
„über jenen wohnen". Vergiß namentlich auch Tac. 15, 1. 

4) Tac. 12, 12 geht auch der neue Partherkönig Meherdates hier 
über den Fluss, „unde maxime pervius amnis.*' Hier wurde von Seleu- 
cus Nikator eine Schiffbrücke geschlagen (Plin. h. n. Y, 24, 21. Steph. 
Byz. p. 288) und dabei ein Brückenkopf, nach der Brücke Zeugma ge- 
heissen, errichtet. Nach der Unsicherheit der alten Fürth (Thapsacus 
V. nOD =3 transire, Gesen. Hebr. Lex.), durch arabische Horden (Bitter, 
Erdkunde X, 12) wurde dieses Zeugma (bis zu dem die römische Herr« 
Schaft vorgedrungen), der Uebergang für Heere (Ritter meint durch 
die Partherkriege der Römer X, 12) und für Handelszüge. So schon 
zu Strabo's Zeiten (Strabo XYI, 746—748). Zu Biredschick (dem alten 
Zeugma vorüber) münden noch jetzt die meisten Strassenzüge nach 
Obermesopotamien zusammen (Kiepert, Karte von Armenien etc. 1854. 
Stieler, Handatlas Nr. 43a. Ritter, Erdkunde X, 943 f.). Vergl. über- 
haupt über das Land der Zeugma von Samosata bis Thapsacus Ritter X, 
959—1003. 

5) Tac. 12, 50, 



346 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 68 n. Chr. 

Dies müssen; wenn nicht alle; so doch die" hauptsach- 
lichsten Gründe zum Beginne des Krieges von parthischer 
Seite gewesen sein. 

Sobald deshalb der neue parthische Konig Yardanes, 
durch Yerzichtleistung seines Bruders auf die Herrschaft; freie 
Hand hatte; rüstete er sich zur Wiedereinnahme Armeniens. 
Aber die Kriegsdrohung^) des neuen romischen Statthalters 
in Syrien; Yibius MarsuS; und die abermalige feindliche Er- 
hebung seines Bruders GotarzeS; durch die er in den fernen 
Osten abgezogen wnrde, hinderten ihn an der Ausftlhrung. 
Es ist nicht zu bezweifeln; dass der durch seinen Sieges- 
ruhm trotziger gewordene Konig nach seiner Rückkehr sein 
Yorhaben wieder aufgenommen; wenn nicht gewaltsamer Tod 
ihn hinweggerafft hätte. Die abermalige Zerrüttung des 
parthischen Reichs ; die geheime Parteinahme vieler Grossen 
gegen den neuen König Gotarzes zu Gunsten des als Geissei 
zu Rom befindlichen Meherdates Hessen nicht nur nicht an 
die Eroberung Armeniens denken; sondern bewirkten sogar 
ein Eingreifen Roms in den parthischen Haushalt selbst.^). 

Zwar vereitelte ein in ähnlicher \yeise früher') schon den 
Romern widerfahrener Yerrath orientalischer Fürsten weiter- 
greifenden römischen Einfluss auf parthische Regentschafts- 
verhältnisse; indem nach Gotarzes baldigem Tode Yonones H. ^), 

1) Tacitos gibt nur diese als Grand der Verhinderang an. Die 

Wiedererhebong des Gotarzes wird nur mit „atque interim can- 

trahit etc" eingeleitet. Diese innere Erhebung dürfen wir cansal fas- 
sen, zumal, wenn wir bedenken, dass durch innere Kriege für Vardanee 
der Thron, durch eine Fehde mit Rom nur Armenien auf dem Spiele 
stand, innere Unruhen somit für Yardones wohl der Hauptgrund 
gegen eine armenische Expedition waren. Die Hemmung der Parther 
durch innere Unruhen tritt in der Folge wieder hervor (vergl. z. £. 
13, 37 und 14, 25). 

2) Was auch zu Rom gehörig betont wurde. Vergl. die Rede des 
Claudius „über Roms Hoheit und der Parther Abhängigkeit.^ Tac. 12, 11. 

3) Gegenüber Crassns. 

4) Nach Longueru6*s Yermuthung (Annal. Arsac.) war Vononos der 
erste Prinz aus dem Arsaddenhause, der das atropatenische Medien, 
wo die Eönigsfamiüe ausgestorben war, als apanagirter Prinz verwaltete 
(bei Pauly, Realencyklopädie etc.). 



Allgemeine ErgebnisBO. II. Schwankende Zustande in Armenien. 347 

parthischer Statthalter Mediens und nach dessen ebenfalls 
schnellem Absterben sein Sohn Yologäses zur. Regierung kam ^)y 
aDe aus dem angestammten Arsacidenhause.') 



IL 
Sehwankende Znstftnde in Armenien. 

(Sommer 51 — Anfang 58.) 
§ 1. Iberisch -armenischer Krieg. 

(Sommer 51.) 

Der iberische Prinz RhadamistuS; auf Yolksgunst trotzend; 
strebte nach der Konigsherrschaft bei seinen Landsleuten. 
Allein sein königlicher Vater Pharasmanes wandte ihn, um 
seinen eigenen Thron zu halten ^ von sich ab gegen seinen 
Armenien beherrschenden Bruder Mithridates, der von ihm 
selbst zehn Jahre früher erhoben worden war. So entspann 
sich im Sommer 51 ein Krieg zwischen Iberien und Armenien, 
„der auch unter die Parther und Romer Stoff zu gewaltigen 
Reibungen warf." Der römische Burgpräfect zu Gorneae«), 
Caelius Pollio, von den Belagerern erkauft, gab die Burg 
Preis ; yerrieth den Mithridates und lieferte ihn mit seiner 
Familie der Verworfenheit der siegreichen iberischen Bluts- 
verwandten aus. Auch nach Pollio^) liess sich nochmals ein 
römischer Heerführer durch Bestechung von der Vertreibung 
der Iberer abwenden.^) 



1) Tac. 12, 14. 

2) Clinton fiftsti Bomani II, 249, Stammtafel der Arsaciden. 

3) Lage mibekannt, wahrscheinlich eine derjenigen Borgen, welche 
im Jahr 41 Yon römischen Trappen für Mitbfidates erobert und besetzt 
wurde. VergL S. 344 Note 3. 

4) Dessen Habsucht, von Tacitus hinlänglich gezeichnet, kennt auch 
Dio 61, 6 (Tac. 12, 46 und 46). 

5),,Tac. 12, 49. 



348 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

§ 2. Iberisch -parthischer Krieg.') 

(Nachsommer 61 — Ende 54.) 

Das Partherreich war während dieser Vorgänge zur Ruhe 
gelangt und damit wie zu Yardanes Zeiten sofort die Rüstung 
zur Eroberung Armeniens gegeben; denn die Wichtigkeit 
dieses Landes für Parthien^) und das Ehrgefühl der Arsaciden 
Hessen den Feinden nur zu Zeiten innerer Unruhen im par- 
thischen Reiche den unbestrittenen Besitz Armeniens.^) Die 
Hauptstädte des Landes waren vor Winter 51 von den Par- 
them eingenommen. Armenien wurde zwar nochmals auf- 
gegeben^ aber bald wieder, nach einem Abfall der Armenier 
von dem grausamen Rhadamistus, für Yologäses Sohn Tiri* 
dates gewonnen. 

Noch oft^) wechselten die Besitzer des Landes. Ge- 
sandte Armeniens kamen zu Nero, um ihm die Landesange- 
legenheiten vorzutragen.^) Noch aber wollte man zu Rom in 
die orientalischen Verhältnisse nicht eingreifen. 

§ 3. Römisch -parthische Spannung.^) 

(Ende 54 — Anfang 68.) 

Erst weitere Gerüchte am Ende des Jahres 54 vermoch- 
ten Nero zum Eingreifen im Oriente zu bewegen. Stärkung 
und Concentration der Legionen, Aufgebot der verbün- 
deten Eonige, Oefhung der Zugänge durch Brückenbauteu 
am Euphrat, neue Länderzutheilungen ^) und Beförderungen 
deuteten auf ernste Unternehmungen für den Sommer 55. 

1) Tac. 12, 60 und 51. 

2) Diese (vergl, p. 845) "war wohl ebenso sehr die Triebfeder für 
Yologäses als das' Ehrgefühl, wie Tacitus angibt (12, 50). 

3) Vgl. Qotarzes S. 346, Yardanes p. 344 ff. und Yologäses S. 361 ff. 

4) Tacitus sagt „saepe^ (13, 6). Yergl die Chronologie p. 276 ff. 
5} Tac. 13, 6. 

6) Tac. 13, 6—9. 

7) Kleinarmenien war wohl durch den Kampf in Grossarmenien 
(zwischen Parthem und Iberern) wieder den Römern zage£allen, wie 
vor Eroberung Grossarmeniens und vor Yereinigung beider Länder 



Allgemeine Ergebnisse. II. Schwankende Zustände in Armenien. 349 

Domitius Corbuio sollte von Cappadocien aus Armenien 
angreifen ; Ummidins Quadratus von Syrien ans die Parther 
im Schach halten. 

• YologäseS; von seinem Sohne Vardanes befehdet^ 7x>g 
aus Armenien ab und brachte durch Stellung von Geissein 
den, wohl wegen Entartung der DiscipHn ') bei den romi- 
schen Truppen lässig begonnenen Krieg wieder ins Stocken, 
um ihn zu gelegener Zeit wieder aufzunehmen. 

Die Besitzesverhältnisse in Armenien waren für die drei 
weiteren Jahre sehr unklar. Parther ^) und Römer scheinen das 



durch Mithridates in Kleinarmenien der römische Vasall Cotys ge- 
herrscht hatte. — Wohl anders verhält es sich mit Sophene. Dieses 
Land musste erst wieder erobert werden, da anzimehmen ist, der Eu- 
phrat werde wieder wie früher die Ostgränze des römischen Reiches 
geworden sein. Auch scheinen die neuen Brückenbauten am Euphrat 
darauf hinzudeuten, dass dieser Fluss die G ranze beider Reiche bildete. 
Dadurch aber, dass Nero das Land einem Fürsten verlieh, gewann er 
sieh einen Bundesgenossen, dessen eifriges Interesse um Gewinnung des 
Landes er (Nero) mit dem römischen vereinte. 

1) Tac. 13, 36 und 36. Tacitus erwähnt die Anstrengungen des 
Corbuio für bessere Disciplin des von ihm angetretenen Heeres m Syrien 
erst mit Eintritt des neuen Krieges im J. 58. Allein Corbuio, schon 54/66 
nach dem Orient gekommen, wird schon damals diese Bemühungen 
aufgenommen haben. So würde sich dann die Schilderung von der 
Herstellung der Disciplin (XIII, 35, also erst mit Anfang 58 erwähnt) 
auch auf die drei vorangegangenen Jahre beziehen, wodurch dann der 
Zusammenhang mit der vorherigen Erzählung' (XIII, 9) nicht unter- 
brochen wäre. Eine ähnliche Zusammenfassung mehrerer ereigniss- 
leerer Jahre siehe Chronologie S. 276 £F. — In dieser drei Jahre lang 
betriebenen Verbesserung der Heeresdisciplin , glaube ich, dürften wir 
wohl mit einen Fingerzeig auf eine Hauptursache finden, warum der 
aus Germanien kommende Feldherr nicht schon im Jahre 55 den Krieg 
ernstlich begann. 

2) Ausdrücklich meldet deren Abzug Tac. XIII, 7. Aus der Erwä- 
gung des Vologäses (XII(, 34) ist wohl zu schliessen: 

a) ebenfalls auf den Abzug der Parther. 

b) Corbuio würde dem Tiridates das Land Armenien als römischem 
Lehen zugestehen. 

Auch Xni, 37 deutet auf den Abzug der Parther (hello infensare Av 
meniam). 

Aus XIII, 34 scheint auch der Abzug der Römer hervorzugehen 
(parta olim recipere). Wie es scheint, waren die armenischen 



350 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Land verlassen zu haben und die armenischen Stamme hin- 
sichtlich ihrer Zuneigung zwischen Römern und Parthem 
getheilt und schwankend gewesen zu sein. 



IIL 
Eroberung Armeniens/) 

(Frühjahr 58 — Winter 60.) 
§ 1. Fall der armenischen Hauptstädte.^) 

(Frühjalir 68 — Ende 59.) 

Das unter der Asche glimmende Feuer^ seit drei Jahren 
von den Parthern und wohl auch von den Römern') durch 
Intriguen unterhalten ^ begann im Frühling 58 starker auf- 
zulodern^ als Vologäses wieder freie Hand hatte. Zu dem 
Kleinkrieg; den die Parther eroffiieteU; wurden auch die 
Römer gezwungen.*) 

Der gleichzeitige Einfall verschiedener römischer Colonnen^ 

Stämme hiusichtlich ihrer ßondesgenoasenschafib zwischen den zwei 
groBBen Parteien getheilt, da XIII, 37 ausdrücklich Getreue der Römer 
erwähnt Bind (qaosque nobis fidos rehatur); doch scheint es, däss keine 
Partei sich auf ihren Anhang in Armenien verlassen konnte (XIII, 34 
ambigua fide). 

1) Tac. 1&> 34—41. 14, 24—26. 

2) 13, 34—41. 14, 24 und 25. 

3) Von den Parthem führt es Tac. 13, 37 ausdrücklich an. Auch 
die Römer werden sich ihre Getreuen (quosque fidos nobis) mdat ohne 
solche geheime Einwirkungen erhalten haben. 

4) Wir kennen die Abneigung der Römer gegen diese Eriegsweise 
und die Vorliebe für ofPene kunstgerechte Feldschlacht auch aus andern 
Beispielen. SalL lug. 97 und S8 (in eo tarn aspero negotio), femer 
ib. 87 (die Yortheile des Guerillakrieges für Jugurtha, die Nachtheüe 
fOir die Römer). — Schön schildert Cäsar (b. Gall. 6, 34) die Schwie- 
rigkeit dieser aufreibenden Kriegsart für ein reguläres Heer (z. 6.: 
magnamque res diligentiam requirebat non in sumtna exercitus tuendn 

sed in singulis militibus eonservandis). — Auch in unserem arme- 

nischen Feldzuge erfuhr Pactius Orfitus den Lohn für seine Unvorsich- 
tigkeit (13, 36) und Oorbulo greift zur Zerstörung der Bürgen, um den 
Krieg nicht zwecklos hinauszuziehen (13, 39). 



Allgemeine Ergebnisse. IIT. Eroberung Armeniens. 351 

das Aufgebot aller im römischen Interesse wirkenden Kräfte^ 
die Besetzung des Nordens von Armenien durch römerfreuud- 
liche Moscher; das Vordringen CorbxQo's in das Innere des 
Landes^ so dass nur noch der Osten mit der Hauptstadt Ar- 
taxata dem Tiridates verblieb und endlich die Gebundenheit 
des Vologäses durch innere Unruhen — dieses Alles drängte 
den Tiridates zu einem Yermittelungsversuche mit Corbulo. 
Doch kam eine Ausgleichung nicht zu Stande und Corbulo^ 
von Neuem zu einem aufreibenden Kleinkrieg genöthigt, ent- 
schloss sich; um den Ausgang des Krieges zu beschleunigen, 
die Burgen zu zerstören. Das Gelingen machte zur Eroberung 
der Hauptstadt Artaxata Muth. Die Einwohner, von Tiri- 
dates im Stiche gelassen , wohl unter dem frischen Eindruck 
des Erfolgs römischer Waffen übergaben die Stadt 30. April 59 
Nachmittags. Strategische Gründe Hessen es rathsam er- 
scheinen, dieselbe zu vernichten. So war das Bollwerk des 
fernen Nord -Ostens für immer unschädlich gemacht. Zu 
Rom aber feierten sie dieses wichtige Ereigniss mit den üeber- 
treibungen jener Zeit. 

Nachdem Corbulo die eine Hauptstadt zerstört, glaubte 
er durch einen Handstreich den glücklichen römischen Waffen 
auch die andere Hauptstadt, Tigranocerta, unterwerfen zu 
können. Es galt daher mit Benutzung des frischen Schreckens, 
Tigranocerta zu erobern. Dahin zog er ab, an dem Gebiete 
der Marder vorbei, Sommer 59, an den Taurus und über 
diesen gegen jene Stadt. Der Schrecken und das Bewusst- 
sein der Hülflosigkeit ^) wirkte. Die Stadt wurde übergeben, 
noch im Jahre 59. Vereinzelter Widerstand wurde mit Ge- 
walt gebrochen. 

§ 2. Paclflcation Armeniens. 

(Sommer 60.)*) 

Im nächsten Jahre 60 ward ein von Medien aus erneuer- 
ter Versuch des Tiridates abgeschlagen, alle seine Anhänger 



1) Die Parther waren entfernt. 

2) Tac. 14, 26. 



352 EgH: Feldziige in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

vertilgt; Armeniens Unterwerfung vollendet und dem Lande 
ein römischer Yasallenkonig, TigraneS; gesetzt. Alles gieng 
um so ungestörter, weil die Römer durch Verbindung mit 
den abgefallenen Hyrkanern die Parther im Osten zu be- 
schäftigen und fern zu halten wussten. Römische Truppen 
sollten den neuen Thron stützen und die benachbarten römer- 
freundlichen Fürsten durch Uebernahme kleiner Landstriche 
dazu helfen, das Land gekettet zu halten. 

Nach dieser Ordnung der armenischen Verhältnisse zog, 
abgerufen durch den Tod des syrischen Statthalters, Corbulo 
nach Syrien ab, gegen Ende des Jahres 60. 



IV. . 
Parthiseh- römischer Krieg/) 

(61—63.) 

§ 1. Einleitungen^ 61.^) 

Die gänzliche Verdrängung des Tiridates aus Armenien 
durch Vereitlung seines letzten Versuchs im Jahre 60 und 
das offensive Vorgehen des neuen armenischen Königs gegen 
die Adiabener bewogen endlich den Partherkönig Vologäses^), 
direct mit den Römern Streit zu beginnen.^) Eine Schaar par- 
thischer Gardereiter mit den Hülfsschaaren der zunächst be- 
drohten Adiabener sollten vorläufig in plötzlichem Ueberfalle ^) 
den Tigranes aus Armenien vertreiben. Hernach gedachte 
Vologäses, nach Beilegung der hyrkanischen Verwickelungen, 
selbst mit gesammter Kriegsmacht auf Syrien loszugehen. 

Corbulo, von diesem zwiefachen Angriffe hörend, sicherte 
den Tigranes mit zwei Legionen, den Euphrat mit scharfer 

1) Tac. 16, 1 — 18, 24—31. 

2) ib. 15, 1—9. 

3) Vgl. Nachtrag, Schluss. 

4) Eb war dies gegen Beinen alten Qruiidsatz. Tac. 15, 5. 

5) Tac. 15, 4. . 



Allgemeine Ergebnisse. IV. Parthisch - römischer Krieg. 353 

Bewachung; Frühling 61. Die eine Unternehmung der Par- 
ther gegen Armenien prallte vor den Mauern Tigranocerta's 
ab; Vologäses aber selbst, wie er sah, dass in Syrien wie 
in Armenien römische Legionen gegen ihn vorzubrechen be- 
reit wären, seine Reiterei aber durch Proviantmangel in die 
Enge gekommen wäre, zog sich zurück und begnügte sich, 
an Nero Gesandte zu schicken, frühestens Juli 65. 

Wie diese Gesandten unverrichteter Dinge im Herbst 
von Rom zurückkehrten, begannen die Parther von Neuem 
den Krieg. Der neuemannte romische Feldherr für Armenien, 
Paetus , schritt, Corbulo's Thaten gering schätzend, von 
Kappadocien aus sofort zum Angriff und zeigte durch nutz- 
losen Kraftaufwand und eitle Prahlerei seine geringe Feld- 
herrnbegabung. In Kappadocien . überwinterte er 61/62. 

§ 2. Der Krieg am obern Tigris, 62.i) 

Dagegen nöthigte Corbulo, bei weiser Sparsamkeit der 
Kräfte, einzig durch sorgsame Defensive die Parther zum 
Aufgeben der einen Seite ihres Kriegsplanes^ der Bedrohung 
Syriens. So blieb ihnen nur noch der Angriff auf Armenien 
übrig. Dazu wandten sie sich im Frühling 62 mit aller 
Macht. Paetus, dessen Lage Corbulo wohl besser als er selbst 
kannte, wählte statt der Vorsicht die Sorglosigkeit und un- 
gerechtfertigtes Selbstvertrauen. Die Kraft des Heeres, ohne- 
hin geschwächt durch Urlaubsertheilungen und durch Fem- 
haltung einer Legion im Pontus, ward durch Zerstreuung der 
Truppen noch mehr vermindert. Eine zu schwache Vorhut, 
3000 Mann Fussvolk auf dem Bergrücken, die pannonische 
Reiterei im seitwärts vorliegenden Plateau, sollte die wich- 
tigen Bergubergänge an den Tigrisquellen decken. Eine ein- 
zige Cohorte musste das rückwärts in der Ebene liegende 
Castell Arsamosata vertheidigen und der Rest des Heeres, 
zwei Legionen ^) , im Lager verbleiben. Diese kleineren 



1) Tac. 15, 10—18. 

2) ib. 15, 12. 

l'ntersnch. z,. Rom. Kaiscrgesch. I. 23 



354 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

Truppenkörper, ohne gegenseitigen Zusammenhang, einzeln 
dem Angriff der ganzen parthischen Macht preisgegeben, er- 
lagen, zuerst im Bergpasse, der Kriegskunst und dem An- 
prall der Parther, hierauf in der Ebene mehr eigener Feig- 
heit als der Belagerungskunst der Feinde. Ein Vertrag 
nöthigte die Römer zum Abzüge hinter den Euphrat Herbst 
62.^) Nur dem Ansehen des zur Hülfe herbeigeeilten Corbulo 
gelang es, den Vertrag dahin abzuändern, dass auch die 
Parther aus Armenien abziehen, dieses also ohne Oberherrn 
bleiben sollte. 

§ 3. Friedensschlüsse 63. 2) 

Zu Anfang des Frühjahrs -63 kamen Gesandte der Par- 
ther nach Rom, um das Land für l^ridates zu erbitten. Der 
Senat entschloss sich, lieber den Krieg zu wählen, als dem 
Tiridates, der nicht nach Rom kommen, sondern das Diadem 
in Syrien empfangen wollte, auf diese Weise das Lehen zu 
ertheilen. Corbulo, mit verstärktem Heere von Melitene aus 
in Armenien einfallend, zeigte dem wieder den Parthem 
zugewandten La&de die römische Gewalt und vermochte durch 
drohende Haltung imd Unterredung den Vologäses, seinen 
Bruder Tiridates nach Rom zu* schicken. 

So erreichte der römisch-parthische Krieg ein Ende, das 
seinem doppelseitigen Verlaufe entsprach. Statt durch Ver- 
einigung von Ober- und Untergewalt in^ den Händen einer 
einzigen der kriegführenden Parteien allen Begehren dieser 
einen Macht zu entsprechen, der anderen aber gar nichts 
zuzugestehen — suchte man beiden Mächten durch theilweise 
Erfüllung ihrer Ansprüche bestmöglich zu genügen. Die 
römische Oberhoheit war in der Auswahl ihres. Vasallen an 
einen parthischen Prinzen gebunden, und dieser stand in 
seiner Herrschaft unter römischem Einflüsse. 

1) lö, 17 „ex in Paetus per Cappad. hihemavit." 

2) 15, 24 — 31. 



Summe der Untersnchnngen. 

A. Chronologe. 

1) Gegenüber der Annahme Clintons von einem zweiten 
Abfalls Seleucia's im Jahre 41 verbleiben wir bei dem ge- 
schichtlich allein bekannten ersten Abfalle von 36. (Tacit. 
6, 42 und 11, 9.) 

2) Entgegen Clinton's Annahme von einer Eroberung 
Seleucia's im Jahre 47 versetzen wir diese in das Jahr 43. 
Tacit. 11, 9. 

3) Eroberung Armeniens durch Mithridates im J. 41 
gegenüber Nipperdey's Annahme des Jahres 43. Tacit. -11, 9. 

4) Gotarzes wird Herrscher in Parthien gleichzeitig wie 
Mithridates in Armenien Herbst 41. Tacit. 11, 10. 

5) Entgegen Nipperdey's Versetzung der Ereignisse bei 
Tacitus 12, 51 auf das Jahr 54 nehmen wir das Jahr 51 für 
diese Ereignisse an,' lassen dagegen 13, 36 nicht mit Nip- 
perdey erst mit dem Jahr 54 anheben, sondern auf das Jahr 
51 zurückreichen. 

6) Der Sommer in Tacitus 14, 24 ist nach vorwärts und 
rückwärts auf das Jahr 59 eingeschränkt. 

7) Zerstörung Artaxata's am Abend des 30. April 59. 
Tacit. 13, 41. 

8) Jlucht des Tiridates am Abend des 29. April 59. 
Tacit. 13, 40. 

9) Marsch des Gorbulo von Artaxata nach Tigranocerta 
Sommer 59, Tacit* 14, 23. 

10) Die Naturerscheinung bei Tacitus 13, 41 war eine 
Sonnenfinstemiss. 

23* 



356 Egli : Feldzüge iii Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

11) Tacitus hat den Pliiiius über Armenien nicht be- 
nutzt. Tacit. 13, 41. 

12) Die Unterhandlungen zwischen Corbulo und Tiridat^s 
fallen auf Winter 58/59. Tacit. 13, 38. 

13) Des Tacitus Angahe, dass der Ort dos Gefechts zwi- 
schen Corbulo und Tiridates höchstens 12 Stunden von Ar- 
taxata entfernt war, ist richtig. Tacit. 13, 40. 

14) Die Besetzung Tigranocerta's fällt nicht früher als 
in den September 59. Tacit. 14, 24. 

15) Der Angriff desVologäses auf Tigranocerta fällt vor 
Juni/ Juli 61. Tacit. 15, 4. 

B. Gleographie. 

1) Artaxata lag am östlichen Ufer des Erascli. 13, 31. 

2) Tigranocerta ist am besten mit dem heutigen Sert zu 
identificiren. 

3) Die Distanzangabe zwischen Nisibis und Tigranocerta 
bei Tacitus 15, 5 ist unrichtig. 

4) Die Marder (14, 23) sassen in den Bergen südlich 
von Bajazed. 

5) Die Marschroute des Corbulo zwischen Artaxata und 
den Mardern (14, 23) ist identisch mit der heutigen Route 
von den Ruinen von Artaxata nach Bajazed. 

6) Tacitus Bericht von Bes^jhwerden wegen grosser Hitze 
erst nach dem Abmarsch von den Mardern 14, 24 ist richtig. 

7) Tacitus Bericht von einem Marderüberfall 14, 23 ist 
geographisch nicht zu bestreiten. 

8) Tacitus Bericht von einem Iberereinfall 14, 23 ist 
geographisch nicht zu bestreiten. 

9) Corbulo's „Rückmasreh" durch die Balyk- und Murad- 
abdachung und den Pass von Bitlis 14, 24. Er zog nicht 
durch das Yanseeplateau. 

10) Die loci ctiUi 14, 24 sind wahrscheinlich die Gegen- 
den von Melazgerd und Liz. 

11) Die Angaben über den Marsch des Corbulo zwischen 



f 



Sumuic der Untersuchungen. 357 

„Marder" und „Taurauuitis" 14, 24 beziehen sich vorzüglich 
auf die Strecke Alaschgerd — Melazgerd. 

12) Wir haben kein Recht, an der Richtigkeit dieser 
Taciteischen Angaben über den Marsch des Corbulo zu 
zweifeln. 

13) Volandum 13, 31 lag nicht sehr fern von Artaxata 
und westlich vom Flusse. 

14) Vielleicht ist das „Olane" des Strabo (529) mit dem 
„Volandum" des Tacitus zu identificireu. 

15) Corbulo ist als Augenzeuge für das Plateau von Er- 
zerum anzunehmen. 

16) Corbulo's „Hinmarsch" führt über Erzerum und die 
obere Eraschabdachung 13, 37 ff. 

17) Die Geschichte der armenisch-parthischen Feldzüge 
nach Tacitus wird nach ihrer geschichtlichen und geographi- 
schen Seite durchaus vom Gesichtspunkte einer verherrlichen- 
den Lebensbeschreibung des Corbulo beherrscht. 

18) Corbulo schildert die selbstgesehene Sonnenfinster- 
niss vom 30. April 59 als „miracidum.^^ Tacitus nimmt die 
Beschreibung in diesem Sinne auf 13, 41. 

19) Dio Cassius 62, 20 hat für die Jahre 58 — 61 der 
armenischen Feldzüge' den Tacitus ausgezogen. 

20) Der geographische Sinn des römischen Publicums 
zur Zeit des Corbulo und später war ein sehr geringer. 

21) Aehnlich verhält es sich mit dem geographischen 
Sinne des Corbulo. Sein Bericht war in geographischer Hin- 
sicht keine ausgiebige Quelle. 

22) Die Zahl der bekannten Angaben, die sicher aus 
Corbulo's Berichte herrühren, beträgt 31. Hierzu kommen 13 
weitere geographische Angaben bei Plinius, die mit Wahr- 
scheinlichkeit, und circa 9 solche, ebenfalls bei Plinius, 
die möglicher Weise von Corbulo herrühren. Somit stellt 
sich die Zahl der erhaltenen geographischen Daten, die von 
Corbulo stammen können, auf circa 50. 

23) Corbulo bezweckt so wenig wie Tacitus eine geo- 
graphische Berichterstattung über Armenien. Seine geogra- 



358 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Clir. 

phischen Angaben sind vollständig vom Gesichtspunkte der 
militärischen Berichterstattung beherrscht; daher beiläufig, 
einseitig; eigentlich also gar nicht acht geographisch. 

G. Allgemeine Ergebnisse. 

1) Yardanes wurde an der Wiedereinnahme Armeniens 
verhindert nicht nur durch die Kriegsdrohung des Vibius 
MarsuS; wie Tacitus berichtet; sondern namentUch auch 
durch innere Unruhen im parthischen Reiche. Tacit. 11, 10. 

2) Vologäses wird nicht allein durch sein Ehrgefühl zur 
Wiedereroberung Armeniens getrieben worden seiu; wie Ta- 
citus angiebt; sondern auch durch die Wichtigkeit des zu 
erobernden Landes für die parthische Herrschaft. Tacit. 12; 50. 

3) Klein- Armenien wird wohl durch den Kampf in Gross- 
Armenien zwischen Parthern und Iberern den Romern zuge- 
fallen sein; Sophene dagegen musste erst wieder erobert wer- 
den. Tacit. 12; 44. 

4) Als Ursache; warum Corbulo den Krieg im Jahre 55 
nicht gleich ernstlich begann; ist die geringe Mannszucht 
unter den römischen Truppen anzunehmen. Tacit. 13, 35. 

5) Die Besitzesverhältnisse Armeniens waren von 54—58 
der Art; dass weder Römer noch Parther das Land besetzt 
hielten; dass dagegen beide Parteien durch geheime Verbin- 
dungen sich daselbst Anhang zu erhalten und zu erwerben 
suchten. Tacit. 13, 7, 34, 37. 



Nachtrag 



zu der ,, chronologischen Tabelle für die Zelt des Mithridates 

Sommer 41 — 61", p. 275, 



Wegen des gänzlichen Fehlens von Münzen armenischer 
Könige, ungefähr seit dem Jahre 30 n. Chr, über unsere 
ganze Zeit hin^), ist man für chronologische Bestimmungen 
in der armeniscben Geschichte dieses Zeitraumes, soweit die- 
selben nicht aus den Schriftstellern zu gewinnen sind, auf die 
Münzen der zeitgenössischen parthischen Könige beschränkt. 

Es war mir unmöglich, das Werk A, de Longperier's, 
memoires sur la Chronologie et Ticonographie des rois Parthes 
Ärsacides, Paris 1853, zu erhalten, da dasselbe weder in den 
Bibliotheken von Zürich und Winterthur vorhanden noch 
überhaupt im Buchhandel erschienen ist. 

Dagegen wurde mir nachträglich durch die Zuvorkommen- 
heit des Numismatikers Herrn Imhoof-Bluraer in Winterthur 
die Benutzung von Lindsay's Werk „a view of the history 
and coinage of the Parthians'^, Cork 1852, ermöglicht, worin 
zugleich die Ansichten Longperier's etc. mit benutzt sind. 
Da aber der Abschnitt über Chronologie schon gedruckt vor- 
lag, so mussten die wenigen Bestätigungen und Berichtigun- 
gen, welche sich aus Lindsay^s Werke für die erste Periode 
40 — 51 ergaben, an diesem Orte aufgenommen werden. 

1. Zunächst ergibt sich mit Bestimmtheit, dass der Tod 
des Königs ^Artabanus III. (S. 272) nicht auf 40 oder 
Anfang 41, wie ich mit Clinton angenommen hatte, lallt, 

1) Victor LangloiB, numismatique de TArm^nie dans Tautiquitc 
p. 44, PariB 1869. 



360 Egli: Feldzüge in Ariiienien von 41 — 63 n. Chr. 

sondern auf den August 353 Aer. Seleuc. = Juni 42 n. Chr.*). 
Im Uebrigen wird jedoch durch diese Aenderong die Ver- 
theilung der Ereignisse vom Jahre 41 keine andere. — : Audi 
Lindsay nin^mt des Tacitus Angabe von einer ersten Herr- 
schafit des Gotarzes an, setzt aber deren Beginn erst hinter 
den Tod des Artabanus. Da jedoch von Vardanes schon ini 
nächsten Monate nach Artabanus' Tode (Juli 42) eine Münze 
vorhanden ist^), so ist es nicht möglich, die von Tacitus 'i 
erzählten Zwischenereignisse in die Zeit vom Tode des Arta- 
banus (Juni 42) bis zur Thronbesteigimg des Vardanes (Juli 42) 
einzufügen. Es wird daher anzunehmen sein, der parthische 
Thronstreit zwischen Gotarzes und Vardanes sei schon ge- 
raume Zeit vor dem Tode des Artabanus entbrannt und eben- 
falls noch vor Artabanus' Tode Gotarzes über Vardanes Sie- 
ger geworden, immerhin so, dass die Münzen noch mit dem 
Bilde des Artabanus geprägt wurden; endlich sei Gotarzes, 
des alten Artabanus überdrüssig, zu dessen und seiner Familie 
Ermordung geschritten (Juni 42) und die Grossen dadurch 
bewogen worden, den Vardanes an die Stelle des grausamen 
Gotarzes zu rufen (daher schon eine Münze des Vardanes 
vom Juli 42), 

2. Wir haben, lediglich durch Folgerung aus Tacitus, 
für die Zurückberufung des Vardanes den Sommer 42 
angesetzt und seine Rückkunft als jedesfalls noch in das 
Jahr 42 fallend bezeichnet (S. 273; in der chronologischen 
Tabelle S. 275 haben wir dafür den Herbst 42 angesetzt). 
Dieses Ergebniss kann nun nach der Zeit der ersten Münze 
des Vardanes*) auf „Juli 42^' genauer fixirt werden. 

3. Nach Lindsay 5) finden sich für das Jahr 357 Aer. 
Seleuc. = 45/46 n. Chr. Münzen für Vardanes und Gotarzes. 
Er schliesst daraus, dass Vardanes in diesem Jahre 45/46 



1) Lindsay p. 63. 

2) Lindsay ib. 

3) 11, 8 und 9. 
.t) V. Note 2. 
5) p. 70. 



Nachtrag/ 3G1 

gestorben und GotarzeS; von dem auch für die Jahrq 358, 
3«30, 361 und 362 Münzen existieren ^ schon 45/46 zur Herr- 
schaft gelangt sei. Es könnten zwar von den zwei streiten- 
den Fürsten zugleich Münzen geprägt worden sein^ so dass 
Vardanes trotz der Münzen des Gotarzes bis 48 gelebt haben 
konnte. Der Umstand jedoch^ dass von Vardanes keine 
Münzen nach dem Jahre 45^46 mehr vorkommen^ scheint 
diese Annahme; für welche die Erzähluugsweise bei Tacitus') 
spricht^ unhaltbar zu machen. 

4. Die Zeit für Meherdates ist nach Lindsay^) „49 
oder 50." Es stimmt dies mit meiner aus Tacitus gefolger- 
ten Annahme von Ende 49.') • 

5. Vonones' Regierung fällt nach Lindsay*) auf das 

Jahr 363 Aer. Seleuc. = 51/52 n. Chr. Es findet sich jedoch 

eine Münze ^) von 362 Aer. Seleuc, welche unsere Annahme®) 

vom Jahre 50 für den Beginn seiner Herrschaft bestätigt. 

Dagegen ist die Ansetzung in der chronologischen Tabelle 

S. 275 auf den Anfang 50 etwas zu früh, da nur noch die 

letzten Monate des Jahres 50 auf das Jahr 362 Aer. Seleuc. 

fallen. — Daraus ergibt sich zugleich die Unhaltbarkeit der 

auf Seite 275 f. ausgesprochenen Vermuthung, dass der 

Regierungsantritt des Yologäses noch auf das Jahr 50 fallen 

könnte. Er fallt erst auf 52. 

Für die weiteren und interessantesten Perioden von 51 — 63 
sind aus den Münzen keinerlei chronologische Resultate zu 
gewinnen. Lediglich so viel steht nach Lindsay fest, dass 
seit 374 Aer. Seleuc. = 62/63 n. Chr. Artabanus IV. den 
parthischen Thron einnimmt. Die Münzen des Vologäses 
reichen nur bis 369 Aer. Seleuc. =57/58 n. Chr. Lindsay^) 

1) 11, 10. 

2) p. 68. 

3) p. 274 and 275. 

4) p. 70. 

5) Revue namismatique Mai imd Juni 1853. 

6) p. 274. 

7) p. 87. 



362 Egli: Feldzüge in Armenien von 41 — 63 n. Chr. 

findet es wahrscheinlich; dass Yolog^äses bis zum Regierungs- 
'antritte Artabanus IV. 62/63 geherrscht habe^ wahrend ein 
Pariser Münzcatalog ^), welcher die Classificirung der Münzen 
nach Longperier befolgt haben will, den Vologäses bis 60, 
den Artabanus IV. erst seit 64 herrschen lässt und von 60 — 64 
Vardanes 11. einschiebt (Tacitus nennt dagegen bis 63^) den 
Vologäses). 



1) Catalogue d'une collection de m^daiUes des rpis et des viUes de 
Tancienne Gräce Europe, Asie et Afrique; Paris 1864. 

2) Vgl. 15, 24—31. 



InhaltsYerzeichniss. 



Seite bis Seite 

Erstes Capitel. Chronologie 267—292 

Einleitung 267 

I. Zeit des Mithridates, Frühling 41 — Spät- 
jahr 60 268 

II. Schwankende Zustände in Armenien^ Som- 

mer 51—57 276 

III. Eroberung Armeniens, Priilyahr 68 — Win- 

ter 60 282 » 

IV. Parthisch -römischer Krieg, Frilhhng 61 — 

Nachsommer 63 291 

Zweites Capitel. Geographie 293—343 

Einleitung 293 

I. Zur Geographie Hocharmeniens 294 

II. Die Routen des Corbulo 302 

IIL Würdigung der geographischen Angäben 

bei Tacitus 325 

Drittes Capitel. Allgemeine Ergebnisse 344 — 354 

I. Zeit des Mithridates • . . . . 344 

II. Schwankende Zustände in Armenien . . . 347 

III. Eroberung Armeniens 360 

IV. Parthisch-rftmischer Krieg 352 

Schluss. Summe der Unter Buchungen 355- 358 

Kachtrag zu der chronologisclioii Tabelle für die Zeit des 

Mithridates Sommer 41- 51, p. 275 359 — 362 



Berichtigungen. 



Seite 12 Zeile 6 von unten lies: tardum. 



» 


54 „ 16 „ 


n * 


II. 


n 


66 „ 21 „ 


» • 


ante. 


n 


74 „ 12 


n • 


Aquincum. 


r* 


160 Anm. 3 Zeile 5 


n • 


CdTaXa^ 


n 


272 Zeile 14 und 18 


7> • 


Artabanus IIT 


n 


277 Note 2 


» • 


p. 274. 



UNTEESUCHUNGEN 



RÖMMJHEN KAISERGESCHICHTE 



HEKAUSGEQKBGK 



Ds. MAX BÜDINOEB 



ZWEITER BAND 



LEIPZIG 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 

1868 



JULIUS BßUNNER 



VOPISCÜS LEBENSBESCHREIBUNGEN 



OTTO HUNZIKEß 

ZUR REGIERUNG UND CHRISTENVERFOLGüNG 

DES KAISERS DIOCLETIANÜS UND SEINER NACHFOLGER 

303—313 



XAVER BOSSAßT und JACOB MÜLLER 



ZUR GESCHICHTE DES KAISERS ANTONINüS PIÜS 




LEIPZIG 

DRÜCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 

1868 



VOPISCUS 

LEBENSBESCHREIBUNGEN 



KRITISCH GEPRÜFT 



VOH 



JULIUS BRUNNER. 



Untersuch, z. Rom, K&Uorgesch. II. 1 



I. PersSnliclie Verhältnisse des Autors. 



1. Die Familie. 

Flayius Yopiseus*) 

aus Syracus') verfasste die Biographien der Kaiser Aure- 
lianus , Tacitus , tlorianus , Probus , Firmus , Saturuinus^ 
Proculus, Bouosus, Carus^ Cariuus und Numeriauus. Sein 
Grossvater hat^ höchst wahrscheinlich als Soldat; der Heer- 
Versammlung beigewohnt , in der Satuminus von den Sol- 
daten gezwungen wurde , den Purpur anzunehmen^); ebenso 

1) Ueber die Bedeutung des Namens Yopiscus sagt Flinius nat. 
hiat VII 8, 10 ed. Sillig: Yopiacos appellabant e geminis, qui retenti 
utero nascerentur, altero interempto abortu; und darnach Solinus I 69 ed. 
Mommsen : e geminis , si remanente altero alter abortivo fluxu ceciderit, 
alter, qui legitime natus est, Yopiscus nominatur; vergl. ferner: in- 
ceiü auctoris liber de praenominibus de nominibus etc. in epitomen 
redactus a lulio Paride, 4, in Yalerius Maximus ed. Halm, 485. Yo- 
piscus war ein patricischer Yorname, der aber schon zu Yarro's Zeit 
abgekommen war: Mommsen, röm. Forsch. I 21; doch finden sich aus 
späterer Zeit noch: Caesar Yopiscus: Cic. Phil. XI 5, 11; Lucius Pom- 
pejus Yopiscus, consul 821 a. u. c: Baiter, fasti cons. s. a. und Tac. 
bist. I 77 ed. Halm; P. Manilius Yopiscus, consul 866. a. u. c: Baiter 
a. a. 0.; 8. a. 

2) yergl. die Ueberschrift des AureUanus : indpit flaui uopisci syra- 
cnsii diaus aurelianns. Syracnsius ist eine seltenere Form für Syracu- 
sanus, findet sich aber schon in der classischen Latinität; vergl. Cic 

'acad. n 39, 123; de div. I 20, 39; de ofi". I 44, 155; de or. H 13, 57. 
Brut 17, 66. . 

:Vj Ich citire nach der Ausgabe von Peter. Firm 9, 4: auura meum 
saepe diceiitem andiui, se interfuisse, cum ille adoraretur (sc. Satur- 
ninus). 

1* 



4 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

derjenigen, in welcher Diocletianus zum Kaiser ausgerufen 
wurde und den Aper, den Schwiegervater und Morder des 
Numerianus, tödteteJ) Derselbe scheint mit Diocletian nicht 
nur persönlich bekannt^), sondern sogar näher befreundet 
gewesen zu sein; hat ihm dieser doch nicht verhehlt, dass 
er nach der Herrschaft strebe.^) Auch der Vater unsres 
Autors scheint mit Diocletianus verkehrt zu haben, als sich 
dieser bereits in's Privatleben zurückgezogen hatte. ^) 



2. Reihenfolge der Schriften. 

Was die Reihenfolge betriflft, in welcher die Schriften des 
Vopiscus entstanden sind, so ist es die nämliche, in welcher sie 
uns in den Handschriften der sogenannten scriptores historiae 
Augustae erhalten sind.^) Der Anfang seiner schriftstelle- 
rischen Thätigkeit fällt somit zusammen mit der Zeit, in 
welcher der Aurelianus entstanden ist, und diese lässt sich 
ziemlich genau bestimmen. An einer Stelle der eben genann- 
ten Biographie nennt er den Diocletianus bereits „Privat- 



1) Gar. 13, 3: auus meus rettulit interfuisse coutioni, com Diocletiani 
manu esset Aper occissus. 

2) Car. 14, 1 : auus meus mihi rettulit ab ipso Diocletiano compertum. 

3) Gar. 15, 1: semper in animo Diocletianus habuit imperii cnpidi- 
tatem, idque Maximiano conscio atque auo meo. Gar. 15, 6: ipsum 

Diocletianum idem auus meus dixisse dicebat ut . . . et 

Buum firmaret imperium. 

4) Aur. 43, 2: ego a patre meo audiiii, Diocletianum principem iaxn 
priuatum dixisse . . . 

5) Aur. 41, 15: quod in Taciti uita dicemus. Tac. 2, 4: ut superiore 
libro scriptum est (Aur. 86). — Tac. 2, 5: de quibus priore libro iam 
dictum est (Aur. 41). — Tac. 16, 6: nunc nobis adgrediendus est Probus. 

— Tac. 16, 7: Haec ego in aliorum uita de Probo credidi praelibanda. 

— Prob. 18, 6: ac ne requiras plura uel de Satumino uel de Proculo 
uel de Bonoso, suo eosdem inseram libro. — Prob. 24, 7: nunc in 
alio libro ... de Firmo et Satumino et Bonoso et Proculo dicemus. — 
Prob. 24, 8: pofit iude . . . Garum incipiemus propagare cum liberis. — 
Firm. 2,3: ipse ego in Aureliani uita . . . ~ Firm. 16, 10: supersont 
mihi Garus Garinus et Numerianus. 



I. Persönliche Verhältnisse des Autors. 5 

mann"*); die Entstehung der Schrift fallt später als die 
Abdankung des Diocletian^ die am 1. Mai 305 stattfand^ 
aber noch vor den Tod des Kaisers Constantius^ der am 
25. Juli 306 starb'); denn Vopiscus spricht von ihm als einem 
noch Lebenden.^) 

In anmuthiger Weise, die durchaus den Eindruck der 
Wahrhaftigkeit macht; erzählt uns Vopiscus in den zwei 
ersten Capiteln des Aurelianus, wie ihn der Stadtpräfect 
Junius Tiberianus aufgefordert habe, das Leben des Aure- 
lianus zu schreiben, als sie an den Hilarien vom Palatium 
nach den varianischen Gärten fuhren. Die Hilarien waren 
ein Frühlingsfest, das zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, 
am vierten Tage des sechstägigen, der mater Deorum gewid- 
meten Festes^), d. h. am 25. März gefeiert wurde. •'^) Es wur- 
den aber Hilarien auch noch gefeiert am 3. November.®) 
Stadtpräfect war Junius Tiberianus 291 vom 18. Februar an, 
und 303 vom 31. August an.^) Das angeführte Gespräch 
zwischen diesem und unserem Schriftsteller kann also am 
25. März oder 3. November 291, oder am 3. November 303 
stattgefunden haben; wir werden dasselbe aber nicht mit 
Clinton*) und Tillemont®) in das Jahr 291, sondern wie 
schon Dod well'®) und nach ihm Richter**) gethan haben, auf 
den 3. November 303 verlegen, da nicht anzunehmen ist, 
dass Vopiscus so lange gesäumt habe, der Aufforderung des 
Junius Tiberianus nachzukommen, oder so lange Zeit gebraucht 
habe, das noth wendige Material zu sammeln. 



1) Aur. 43, 2 vergl. S. 4 Anm. 4. 

2) Cliuton, fasti Roniani s. a. a. 

3) Anr. 44, 6: et est quidem iam ConstantiiiB Imperator. 

4) Preller, röm. Mythol. 736 u. 737. 

5) vergl.: Calendarium Romanum sub imp. Constantio etc. in Grae- 
vius, thesaur. antiqq. Romm. VIII. 98, 1. 

6) vergl. Calendarium Romanum a. a. 0. 

7) Mommsen, der Chronograph v. 354. 628. 

8) a. a. 0. 8. a. a. 291 u. 306. 

9) hifltoire des empereurs Romains IV. 27. 2. 

10) praelectiones Camdenianae etc. Oxonii 1692. 119 

11) rhein. Museum. Neue Folge VII 18. 



6 Julius Brunner: VopiscuB Lebenebeschreibungen. 

Zwischen der Bearbeitung des Aurelianus und deijenigen 
des Tacitus scheint kein grosser Zeitraum zu liegen^) und 
die letztere Schrift als eine Art Anhang zu der ersteren^) 
gleichzeitig mit oder doch bald nach dieser entstanden zq 
sein; im Aurelianus verspricht er, im Tacitus ein gewisses 
yysenaius consuiium^' bringen zu wollen'^); in diesem verweist 
er auf einen Brief, den er im ersteren eingeschoben hatJ) 
,,Tacitus'' und ^^Florianus'^ gehören offenbar zusammen, da 
sie Yopiscus selbst als ein Buch bezeichnet^), und mit Kecht 
hat der neueste Herausgeber der scriptores historiae Augustae, 
Peter, entgegen der Ueberlieferung der Handschriften dem 
Florianus keinen besonderen Titel gegeben und mit dem- 
selben keine neue Gapitelzählung beginnen lassen. Der Titel 
des Buches war wahrscheinlich, nach der unter N. 2 an- 
geführten Stelle, Firm. 1,4, zu schliessen, nicht: Tacitus, son- 
dern: Tacitus et Florianus. 

Dass die Entstehung des Probus geraume Zeit nach der- 
jenigen des Aurelianus, Tacitus und Florianus fallt, deutet 
Yopiscus selbst an^)-, darauf deutet auch der Umstand hin, 
dass er dieser Biographie eine Einleitung vorausschickt, in 
der er von neuem seine Ansichten über Geschichtschreibung 
überhaupt und den Standpunkt darlegt, den er einzunehmen 
gedenkt. ') Unzweideutige Hinweisungen auf einen sich vor- 



1) Peter, bist. crit. scriptt. bist. Aug. Lipaiae 1860 , 13. 

2) Prob. 1, 5: ego ilie a quo dudam solus Aurelianus est expe- 

ditus Tacito Fiorianoque iam scriptis; das ,,8olus** scheint man 

mir nicht allzu sehr urgiren zu dürfen, da es durch das gleich darauf 
folgende „Tacito Fiorianoque iam scriptis^' doch eine offenbare Ein- 
schränkung erleidet. Aehnlich werden diese 3, oder wie wir gleich 
sehen werden, 2 Arbeiten zusammengestellt. Firm. 1, 4: dictis Aure- 
liano Tacito et Floriano Probo etiam . . . 

3) Aur. 41, 15: ex senatus consulto, quod in Taciti uita dicemus. 

4) Tac. 2, 5: litteras . de quibus priore libro iam dictum est. 

5) Tac. 12, 2: plerasque huius modi epistulas in fine libri posai. 
Tac. 18, 1: et quoniam me promisi aliquas epistulas esse positurum.... 

6) dudum in Prob. 1, 5. vergl. N. 2. Tac. 16, 8: nunc quiescam in- 
terim in meo stadio . . . 

7) Prob. 1 u. 2 



L Persönliche Verhältiiisse des Autors. 7 

bereitenden Bürgerkrieg ^) geben einen weiteren Änhaltepunkt; 
die Zeit zu fairen, in der Vopiscus den Probus schrieb; es 
kann aber nicht der des Jahres 312, wie Peter will^), son- 
dern es musB der des Jahres 307 sein, wie Richter annimmt. ^) 
Wir werden nämlich unten sehen, mit welcher Eilfertigkeit 
Vopiscus offenbar geschrieben hai 

Das Schriftchen über die „quadrigae iyrannorum** :*) Kr- 
mus, Satuminus, Proculus und Bonosus, das er selbst als ein 
kurzes bezeichnet*), fallt jedenfalls nicht viel später als 
Probus •), und steht wohl in einem ähnlichen, wenn auch 
vielleicht nicht ganz gleichen Yerhältniss zu diesem, wie 
Tacitus un4 Florianus zu Aurelianus^). 

Um die Entstehungszeit der letzten von Vopiscus uns 
erhaltenen Schrift, der Lebensbeschreibung des Carus, Cari- 
uus und Numerianus, allerdings auch nur annähernd zu be- 
stimmen, müssen wir die Stelle Car. 18, 5 etwas näher be- 
trachten. Vopiscus sagt dort: „das Leben derselben (des 
Diocletianus, der beiden Maximiani und des üonstantius) 
hat Claudius Eusthenius, welcher Secretär^) des Diocletianus 
war, in einzelnen Schriften bearbeitet, was ich deshalb sage, 
damit nicht jemand so etwas ron mir verlange, zumal da 
man das Leben verewigter®) Fürsten sogar nicht besprechen 

1) Prob. 23, 3: popalus iste militantiam, qui nunc bellis ciiülibus 
rem p. vexat . . . ibid 5: eant nunc, qui ad cioilia bella milites parant. 

2) a. a. Ü. 11. 

3) a. a. 0. 

4) Prob. 24, 8, vergl. Anm. 7. 

5) Prob. 24, 7: nunc in alio libro et quidem hreui de Firmo et Sa- 
turnino et Proculo et BonoBO dicemus. Firm. 2, 4: sed ne uolumioi, 
quod hrevissimwn promisi, multa conectam. Prob. 18, 6: pauca de 
isdem (sc. Saturnino, Proculo, Bonoso) locuturua. 

6) Prob. 18, 6, vergL S. 4 Anm. 6. ^ 

7) Prob. 24, 8: non enim dignum fuit, ut quadrigae tyrannorum 
bono piindpi miscerentur. 

8) Car. 18, 5: qui Diocletiano ab epistulis fuit. — Friedländer, Sitten- 
geschichte Roms I 80 (1. Aufl.) 

9) die HandBchiiften lesen „uel uiuorum principum'^, was al^er nur 
einen durchaus yerkehrten Sinn geben kann. Anton Becker emendirte: 
„divonua"; da ich mir ieine „observationes in scriptores historiae 



8 Julius Brunner: Vopiscuß Lebensbeschreibungen. 

kann; ohne Tadel zu eriSaliren/' Damit ist aber zugleich 
gesagt: um so weniger dasjenige noch lebender Fürsten. 
Vopiscus betont im Verlauf seiner Schriften mehrfach, dass 
er eine schmucklose, aber getreue Darstellung zu geben sich 
bestrebe'); er hat also höchst wahrscheinlich Tadel erwartet 
oder erfahren, und die Furcht) sich solchen von neuem zu- 
zuziehen, hält ihn ab, die Reihe seiner Kaiserbiographien 
fortzusetzen und auf noch lebende Persönlichkeiten auszudeh- 
nen, entgegen einem vielleicht zeitweise gehegten Plan, auch 
Diocletian und seine Mitregenten und Nachfolger in den 
Kreis seiner Darstellungen zu ziehen.^) Da Carus offenbar 
nach Probus ^) d. h. nach dem Jahre 307 entstanden ist, so 
lebten zur Zeit, da Vopiscus die bewusste Stelle schrieb, von 
den vier Principes nur noch drei. Denn Constantius war 
schon gestorben am 25. Juli 306*, Valerius Maximianus aber 
starb erst 310, Galerius Maximianus 311, Diocletianus aber 
starb erst 313^) und zwar am 3. December^); wenn wir damit 
die etwas zurückhaltende Art und Weise zusammenhalten, in 



Augustae criticae" nicht verschaffen konnte, kenne ich seine Gründe 
nicht; die Emendation scheint mir aber durchaus schlagend zu sein, 
weil von der Logik gefordert Ueherdies ist ein Verschreihen oder 
Verlesen von „diuorum*' in „uiuorum" sehr leicht denkbar. 

1) Prob. 1, 6: ueque ego nunc facultatem eloquentiamque polliceor, 
sed res gestas. Prob. 2, 6 u. 7: Illud tantum contestatum uolo, me rem 
scripsisse, quam si quis uoluerit, honestius eloquio celsiore demonstret. 
et mihi quidem id auimi fuit ut nou Sallustios Liuios Tacitos Trogos 
atque onmes disertissimos imitarer uiros in uita principum et tempo- 
ribus disserendis, sed Marium Maximum, Suetonium Trauquillum, Fa- 
bium Marcellinum, Gargilium Martialem ceterosque qui haec et talia 
tum tarn diserte quam uere memoriae prodiderunt. Car. 21, 2 u. 3: 
Habe, mi amice, meum munus, quod ego, ut saepe dixi, non eloguen- 
tioie causa sed curiositatis in lumen edidi, id praecipue agens ut, si 
quis eloquens uellet facta principum reserare , materiam non requireret 
habitur«a meos libellos ministros eloquii. te quaeso, sis contentus 
nosque sie uoluisse scribere melius quam potuisse contendas. 

2) Firm. 16, 10: nam Diocletianus et qui secuntur stilo maiore di- 
cendi sunt. 

3) Prob. 24, 8, vgl. S. 4 Anm. 5. 

4) Clinton, a. a. 0. s. a. a. 

6) Idatius und chronicon paschale bei Clinton s. a. 31G. 



I. Persönliche Verhältnißse des Autors. 9 

iler sich Vopiscus über Diocletianus ausspriclifc *), so scheint 
sich mir als zweifellos zu ergeben , dass Carus vor dem Tode 
des Diocletianus, also vor dem 3. December 313, geschrieben 
sei, nach 307, also etwa 308 und zwar in der zweiten Hälfte 
dieses Jahres^), da Vopiscus zur Zeit, da er den Probus be- 
endigte, noch nicht hinlänglich zur sofortigen Änhandnahme 
des Carus scheint vorbereitet gewesen zu sein.^) 

Den bisherigen Resultaten unserer Bemühungen, die Zeit 
festzusetzen, in der die einzelnen Schriften unseres Autors 
entstanden sind, scheinen aber zwei Stellen zu vndersprechen, 
die eine^), wo Vopiscus unter den Schriftstellern, die er sich 
zum Muster nimmt, den Julius Capitolinus und Aelius Lam- 
pridius nennt, die doch erst unter der Alleinherrschaft des 
Constantin geschrieben haben. ^) Den Momenten gegenüber 
aber, die unsern Ergebnissen zu Grunde liegen, können die 
betreffenden Worte nicht in's Gewicht fallen, sondern erwei- 
sen sich als ein späteres Einschiebsel, aber nicht des Ver- 
fassers, wie Richter annehmen will®), da sich absolut keine 
Spur einer zweiten Recension nachweisen lässt, sondern eines 
Abschreibers.') Die andere dieser beiden Stellen ist die- 
jenige, wo er von der Besiegung der Perser durch Maximia- 



1) Gar. 10: uir rei p. necessarias Augustus Diocletianus. Gar. 13, 

] : Diocletianum uirum insignem, calliduin, amautem 

rei p., amantem suorum et ad omnia quae tempus quaesiuerat statim 
paratum, consilii semper alti, nonnmiquam tarnen effirontis sed pruden- 
iia et nimia peruicacia motus inquieti animi conprunentis. 

2) hier kann ich ebenfaUs nicht mit Peter übereinstimmen, der 
a. a. 0. den Garns in das Jahr 315 oder noch später setzt. 

3) Prob. 24, 8: post inde si uita suppetit, Garum ineipiemus propa- 
gare cmn liberis. 

4) Prob. 2, 7. 

5) vergl. die Anreden an denselben *bei Gapitolinus: Glbdius Albin. 
4. 2 : Gonstantine maxime. Maximini duo 1 , 1 : Gonstantine maxime. 
Gordiaui tres 34, 6: Gonstantine maxime; bei Aelius Lampridius: Anton. 
Heliogab. 2, 4: Gonstantine sacratissime ; ibid. 34, 1: Gonstantine uene- 
rabilis; ibid. 35, 5: Auguste uenerabilis. Alexander Sevems 65, 1: 
Gonstantine maxime. 

6) a. a. 0. 34. 

7) Peter a. a. 0. 



10 Julius Brunner: Yopiscus Lebonsbeschreibungen. 

HUB spricht.^) Die Handschrifteib lesen dort: itcet plane ac 
licebit per sacratissimum Caesarem Maximiantan consHtit Persas 
vincere eic, (der codex Palatinus, der aus der gleichen Quelle 
floss wie der Bambergensis , hat das „comtiiW^ nicht). ') 
Peter emeudirte die Stelle in seiner Ausgabe, indem er vor 
„per sacratissimum^^ „ut'^ einschob, entgegen seiner früheren 
Ansicht^), dass die Worte: „per sacratissimum Caesarem 
Maximianvm*^ ein vom Bande in den Text geraihenes Glos- 
sem seien. Ich mochte ebenfalls die Emendation dej: Stelle 
durch Einschiebung von „i//" für den richtigeren Weg halten 
dieselbe verständlich zu machen, da ich mir eigentlich nicht 
denken kann, wie ein späterer, und wahrscheinlich christ- 
licher Abschreiber dazu kommen sollte, den Maximianus mit 
seinem vollen Titel „sacratissimum Caesarem^* zu nennen. 

Wenn wir die Resultate, die unsere Untersuchungen 
über die Entstehuugszeit der einzelnen Schriften des Yopiscus 
ergeben haben, der Uebersichtlichkeit wegen tabellarisch zu 
fixiren versuchen, so ergibt sich ungefähr folgendes: 

3. November 303 : Gespräch zwischen dem Stadtpräfecten 

Junius Tiberianus und Vopiscus; Auf- 
forderung zur Biographie des Aure- 
lianus. 

1. Mai 305—25. Juli 306: Aurelianus; Tacitus und Flo- 

rianus. 

307: Probus; Firmus, Saturninus, Proculus und Bonosus. 

308, 2. Hälfte: Carus, Carinus und Numerianus. 

Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dass die Schriften des 
Vopiscus nicht blos nach ihrem innern Verhältnisse zu ein- 
ander^), sondern auch ihrer zeitlichen Entstehung nach in 
drei. Gruppen zerfallen. 



1) Gar. 9. 3. 

2) siehe den kritiBchen Apparat Jordans z. d. St. 

3) a. a. 0. 13. 

4) vergl. oben. S. 6 u. 7. 



I. Persönliche Verhältnisse des Autors. 11 

3. Charakter. 

a.. Urtheilsrichtung im Allgemeinen. 

In den Ansichten und Urtheilen, die Yopiscus gelegent- 
licli ausspricht; zeigt er sich uns als ein Mann von gewöhn- 
lichem Verstände. Den Geburtsort grosser Männer zu ken- 
^len, sei nicht von besonderer Wichtigkeit '^j das Mass des 
Ruhmes ; den diese genössen^ hänge oft von dem Willen derer 
ab, die ihre Thaten der Nachwelt überliefern*); Niemand 
habe den höchsten Gipfel des Ruhmes erstiegen ; der nicht 
von unten angefangen^) und in einer Pflanzschule der Tugenden 
bereits Grosses habe hoffen lassen *) ; Furcht vor sich selbst sei 
das beste im Leben ^) ; der Ausschweifende halte sich nur an den- 
jenigen, von dessen Tugenden er Vortheil zu ziehen hoffe •); 
er ist ein Feind des übertriebenen Luxus bei den Schauspie- 
len^), tadelt deshalb den Junius Messala, der sein väterliches 



1) Aar. 3, 3: nee tamen magnorum principum in rebus aumma 
Bciendi est, nbi quisque sit genitus, seil qualis in re p. fuerit. An Pia- 
tonem magis commendäti quod Atheuiensis fuerit quam quod unicum 
sapientiae munus inluxerit? Aut eo minores inuenientur Aristoteles 
Stagirites Eleatesque Zenon aut Anacharsis Scytha quod in miuimis 
nati sunt uiculis, cum ülos ad caelum omnis philosophiae oirtus ex< 
tulerit? 

2) Prob. 1, 1: Certum est omnes omnium uirtutes 

tantas esse quantas uideri eos uoluerint eorum ingenia qui uniuscuiusque 
facta descripserint. Prob 2, 3 u. 4: Cn. Pompeium, tribus fulgentem 
irinmphis belli piratici, belli Sertoriani, belli Mithridatici multarumque 
rerum gestarum maiestate sublimem, quis tandem nosset, nisi eum 
Marcus Tullius et Titus Liuius in litteras rettuüssent? Publium Sci- 
pionem Africanum, immo Scipiones omnes, seu Lucios seu Nasicas, 
nonne tenebrae possidereut ac tegerent, msi commendatores eorum hi- 
storici nobiles atque ignobiles extitissent? 

3) Aur. 11, 10: neque enim quisquam aliquando ad summam rerum 
peruenit qui non a prima aetate gradibus uirtutis asceuderit. 

4) Prob. 3, 7: ex quo apparet*, neminem unquam peruenisse ad 
uirtutum summam iam maturum, nisi qui puer seminario uirtutum ge- 
nerosiore concreius aliquid inclitum designaaset. 

6) Tac. 2, 2: quod est in uita Optimum, se timebaot. 

6) Prob. 6, 4: sed . . . . ne dissolutus quidem quispiam se nisi in 
eius fidem tradit cuius tibi uirtutes aestimat profuturas. 

7) Aur. 16, 4 — 6: uidimus proxime consulatum Furii Pladdi tanto 



12 Julius Brunner: Vopiscus Lebenebeschreibungen. 

Erbtheil an Schauspieler und Schauspielerinnen vergeudet 
hatte*), und glaubt, dass gute Fürsten keinen Werth darauf 
legten.^) Geradezu naiv ist seine Auffassung , wenn er in 
einer einfachen Kriegslist barbarischer Völker nichts Anderes 
sieht als eine Treulosigkeit.^) 

b. Beurtheilung politischer und historischer 

Erscheinungen. 

In seinem Urtheile über Zustände und Persönlichkeiten, 
auf die er im Laufe seiner Darstellung zu sprechen kommt, 
zeigt sich der nämliche, gesunde, wenn auch nicht gerade 
sehr tiefe Blick: er lobt den Frieden^), bewundert die 
Ruhe, die während des zwischen der Ermordung des Aure- 
lian und der Wahl des Tacitus liegenden Interregnums im 



ambitu in circo editum ut non praemia dari aurigis sed patrimonia ui- 
derentur, cum darcntur tunicae subsericae, Hneae paragaudae, daren- 
tur etiam equi, ingemescentibus frugi hominibus. factum est enim, ut 
iam diuitiarum sit, non hominum consulatus, quia utique si uirtutibus 
dcfertur, editorem spoliare non debet. perierunt casta illa tempora et 
magis ambitione populari peritura sunt. Gar. 21, 1: et haec quidem 
idcirco ego in litteras rettnli, quod futuros editores pndore tangeret, 
ne patrimonia sua proscriptie legitimis heredibns mimis et balatronibus 
deputarent. 

1) Gar. 20, 4 IL 5: Legat hunc locum lunius Messala, quem ego 
libere culpare audco. ille enim Patrimonium suum scaenicis dedit, here- 
dibns abncgayit, matris tunicam dedit mimae, lacemam patris mimo 
et rectc si auiae paliio aurato atque purpureo pro syrmate tragoedus 
utereturi inscriptum est adhuc in choraulae paliio tyrianthino, quo ille 
uelut spolio nobilitatis exultat, Messalae nomen oxoris. 

2) Gar. 20, 1: nullius sunt momenti apud principes bonos. 

3) Aur. 21, 2 u. 3: et causa quidem huius periculi perfidia et calli- 
ditas barbarid fuit motus. nam cum congredi aperto Matte non possent, 
in siluas se densissimas contulerunt atque ita nostros uespera incum- 
bente turbarunt. 

4) Prob. 23, 2 u. 3: annonam prouincialis daret nuUus, stipendia 
de largitionibus nulla erogarentur, aetemos thesauros haberet Romana 
res p., nihil expenderctur a principe, nihil a possessore redderetur: 
aureum profecto saeculum promittebat. nulla futura erant castra, nus- 
quam lituus audittndus, arma non erant fabricanda, populns iste mili- 
tantium, qui nunc bellis ciuilibus rem p. uezat, araret, studiis incum- 
beret, erudiretur artibus, nauigaret. adde quod nullus occideretur in 
hello. 



I. Persönliche Verhältnisse des Autors. 13 

römischen Reiche herrschte^); das Schicksal liebt Wechsel- 
falle und erscheint dem Rechten oft feindlich^); die Syrer 
und Franken hält er für treulos^), die Gallier für un- 
ruhige, neuerungssüchtige ^), die Aegypter für windige, prah- 
lerische, händelsüchtige, eitle/ neuerungslustige, mit ihren 
Zuständen unzufriedene Leute, die sich viel mit unnützen 
Gewerben abgeben*); die Soldaten seien leicht allen schlech- 
ten Räthen zugänglich^); Palmyra habe das ihm gewor- 
dene Schicksal verdient^); Throne würden nicht geraubt, 
sondern verdient.®) Im Allgemeinen, glaubt er, sei die 



1) Tac. 2, 1 U.2: ergo, quod raram et difficile fuit, senatus populusqne 
Romanus perpessus est, ut imperatorem per sex menses, dum bonus quae- 
ritur, res p. non haberet. quae üla concordia militum? quanta popuLo 
quies? quam gravis senatus auctoritas fuit? üuUus usqnam tyrannus emer- 
sit, 8ub iudicio senatus et militum populique Romani totus orbis est tem- 
peratus; non iUi principem quemquam, ut rccte facerent, non tribuni- 
ciam potestatem formidabant sed, quod est in uita Optimum, se ti- 
mebant. 

2) Car. 3, 6 u. 7: amans uarietatum semper et prope inimica for- 

tuna iustitiae ut appareat, nihU tam gratum esse for- 

tunae, quam ut ea quae sunt in publicis actibus euentuum uarietate 
mutentur. 

3) Aur. 31, 1 : Rarum est ut Syri fidem servent, immo difficüe. — 
Firm. 13, 4: ipsis prodentibus Francis, quibus familiäre est ridendo 
fidem frangere. 

4) Firm. 7, 1 u. 3: Satuminus oriundo fuit Gallus, ex geute hominqm 
inquietiflsima et auida semper uel faciendi principis uel imperii . . . co- 
gitabat enim, quantum uidemus, uir prudentissimus Gallorum naturam 
et uerebatur, ne, si perturbidam ciuitatem uidisset . . . 

5) Firm. 7, 4 u. 5: sunt enim Aegyptii, ut satis nosti, uiri uentosi 
fiiribundi iactautes iniuriosi atque adeo uani Liberi nouarum rerum 
usque ad cantilenas publicas cupientes uersificatores epigrammatarii 
mathematici haruspices medici. nam sunt Christiani Samaritae et 
quibus praesentia semper tempora cum enormi übertäte displiceant. 

6) Tac. 2, 4: errore militarium, (ut apud quos quaelibet commenta 
plurimum ualent, dum modo irati audiunt, plerumque temulenti, certe 
consiliorum prope semper expertis). 

7) Aur. 31, 3: atque urbem (sc. Palmyram), qui& ita merebatur, 
euextit. 

8) Tac. 2, 3: et discant qui regna cupiuut non raptum ire impe- 
ria sed mereri. 



14 Julius Bnmner : Vopißcns Lebensbeschreibungen. 

Zahl der schlechten Fürsten grösser, als die der guten ^); 
zu den guten rechne^ er Augustus, Vespasian, Titus, Nerva, 
Trajan, Hadrian, die beiden Antonine etc. ^) ; zu den schlech- 
ten Vitellius, Caligula, Nero, die Maximini und PhiKppi'); 
den Grund zu der ünvoUkommenheit der Regenten findet er 
in ihrer Stellung über den menschlichen und sittlichen Ge- 
setzen, in der Fülle der Mittel, die ihnen alles erlanbei), 
und in dem Umstand, dass sie mit der Aussenwelt nur durch 
ihre Umgebung in Verbindung stehen, die, meist aus nichts- 
"würdigen Menschen bestehend, durch den Kaiser den Staat 
nach ihrem Gutdünken lenkt. ^) Dem Aurelianus wirft er 
unzählige Male seine Grausamkeit'^) vor, nennt ihn aber 



1) Aur. 42, 5: uide, quaeso, quam pauci sint principes boni. 

2) Aur. 42, 4: sed in bis öptimi ipse Augustus, Flauius Vespasia- 
nus, Flauius Titus, Cocceius Nerua, diuus Traianus, diuus Hadrianus, 
Pius et Marcus Antonini, Seuerus Afer, Alexander Mammaeae, diuus 
Claudius et diuus Aurelianus. 

3) Aur. 42, 6: at contra quae series malorum? ut enim omittamns 
Vitellios Caligulos et Neroues, quis ferat Maximinos etPhüippos atque 
illam inconditae moltitudinis faecem? 

4) J^xa. 4d, 1 u. 3 u. 4: Et quaeritur quidem, quae res malos prin- 
dpea faciat: iam primum, mi amice, licentia, deinde rerum copia, 
amid .praeterea improbi, satellites detestandi, euuuchi auarissimi, aulid 
uel stulti uel detestabiles et, quod negari uon potest, rerum publica- 
rum ignorantia. colligunt se quattuor uel quinque atque unum consi- 
lium ad decipiendum imperat-orem capiunt, dicunt, quid probandum 
sit. imperator, qui domi clausus est, uera non nouit. cogitur hoc tau- 
tum scire quod illi loquuntur, fadt iudices quos fieri non oportet, 
amouet a re p. quos debebat optinere. 

5) Aur. 6, 1: seueritatis immensae. ibid. 7, 3: cum iugenti seueri- 
täte castrensia peccata correxit; ibid. 8, 5: Haec cpistula indicat, quan- 

tae fuerit seueritatis; ibid. 21, 5; . . . . ut erat natura ferocior 

induilius denique usus imperio , uir alias optimus . . . crueutius ea quae 
moUius fuerant curanda compescuit. ibid. 7: infamiae tristioris icta 
contaminauit Imperium, ibid. 28, 4: cum Persis Armemis Saracenis 
fiuperbiOT atque insolentior agit ea quae ratio temporis postulabat. 
ibid. 31, 4: crudelitas denique Aureliani uel, utquidam dicunt, seneritae 
eatenus extitit ut epistula eins feratur confessionem immanissimi furo- 
ris ostentans. ibid. 10: Haec litterae, ut uidemus, indicant sadatam esse 
immanitatem principis duri. ibid. 32, 3: ut erat ferox animi. ibid. 36, 
2 Q. 3 : Aoreüanus, quod negari non potest, seuerus truculentus sangui- 
nariuB fuit princeps. hie, cum usque eo seueritatem tetendisset, ut et 



I. Persönliche Verhältnisse des Autors. 15 

* 

auch einen klugen und tapfem Mann^); er findet die Antwort, 
welche die Zenobia dem Aurelian gab, als dieser sie zur Er- 
gebung aufforderte, zu stolz für ihre damalige Lage^); den 
ProbuB hält er für einen im Krieg und Frieden bedeutenden 
Mann, der den besten Kaisern gleichzustellen, wo nicht vor- 
zuziehen sei^); den Gallienus nennt er einen schwelgerischen, 
weichlichen Fürsten^); den Carus bezeichnet er als einen 
guten Fürsten ^), der aber lange nicht an Probns hinaufreiche ^) ] 
Tou Carinus spricht er in den härtesten Ausdrücken^), wäh- 
rend er den Numerianus wegen seines Charakters für der 
Herrschaft würdig Jiält. ^) An den vier Regenten seiner Zeit 



filiam sorons occideret nou in magna neque in gatis idonea causa . . ibid. 
39, 3: idem qiiadruplatores ac delatores ingenti seueritate persecutus 
est. ibid. 8: Dicitur praeterea huius fuisse crudelitatis, ut plerisque 
senatoribus simulatam ingereret factiouem coniurationis ac tyrannidis, 
quo facilius eos posset ocddere. ibid. 40, 2! occiso namque seuerissimo 
principe. Car. 1, 2: post Aurelianum uehementem principem. 

1) Firm. 7, 3: uir prudentissimus vergl. S. 13 Anm. 4. Aur. 28, 1: 
uir fortis. 

2) Aur. 27, 1: Zenobia superbius insolentiusque rescripsit quam 
eius fortuna poscebat. 

3) Tac. 16, 6: Probus, uir domi forisque conspicuus, uir Aureliano 
Traiano Hadriano Autoninis Alezandro Claudioque praefereudus. ibid. 
17, 6: Probi gesta insignia. Prob. 1, 4: occidit, pro pudor, tanti uiri 
et talis historia qualem nou habent bella Punica, non terror Gallicus, 
nou motus Pontici, non Hispaniensis astutia. ibid. 2, 9: magnum et 
praeclarum principem et qualem historia nostra non nouit. ibid. 21, 1: 
imperatoris optimi. ibid. 22, 1 — 4: Couferens ego cum aliis imperato- 
ribus principem Probum omnibus prope Eomanis ducibua, qua fortes, 
qua dementes , quaprudentes, qua mirabilcs extiterunt, intellego hunc 
uirum aut parem fuisse aut, si non repugnat inuidia iuriosa, meliorem. 
quinquennio euim imperii sui per totum orbem tot bella gessit etc. 

4) Prob. 6, 4: non magnum fortassis iudicium Gallieui esse uidea- 
tar, principis mollioris. Car. 1, 4: Gallieni luxuriam. 

5) Car. 9, 4: bonum principem Carum fuisse. 

6} Prob. 24, 4, uirum bonum quidem sed longe a moribus Probi, 
Carini causa filii eius, qui semper pessime uixerat, tam senatus quam 
populus inhorruit. metuebant enim unusquiaque tristiorem prindpem, 
sed magis improbum metuebant heredem. 

7) Prob. 24, 4: siehe vorhergehende N. Car. 16, 1: Carinus, homo 
omnium contaminatissimus , adulter, frequeus corruptor iuventutis. 

8) Car. 11, 1: Numerianus . . moratus egregie et uere dignus imperio. 



16 Julius Bruniier: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

rühmt er die Tapferkeit, Weisheit, Güte und Freigebigkeit.') 
Ueber Diocletianus äussert er sich, wie oben bemerkt, ziem- 
lich vorsichtig; er nennt ihn einen ausgezeichneten, klugen, 
dem Staate und den Seinen ergebenen Mann, der die Re- 
gungen eines lebhaften Temperamentes in seiner Seele dar- 
niederzuhalten wusste^); er wundert sich bei dieser Gelegen- 
heit über — wenn ich so sagen darf — litterarische Kennt- 
nisse, die Diodetianus , damals ein einfacher Kriegsmann, 
gezeigt habe.^) In einer kurzen Darstellung der Entwick- 
lungsgeschichte Roms*) hebt er die Hauptmomente gewiss 
ganz richtig hervor: Romulus, den Begründer des nationalen 
Staates, Numa, den Schöpfer der religiösen Formen, nicht 
ohne Bedeutung für die eigenthümliche Entfaltung des römi- 
schen Geistes, die Gründung der Republik, den Embruch 
der Gallier, die Kriege gegen Carthago und Pyrrhus, die 
Ausbreitung römischer Herrschaft über die Küsten des Mittel- 
meeres, den Bundesgenossenkrieg, die Bürgerkriege, den 
Uebergang der Republik in's Kaiserthum, den Verlust der 
Freiheit, dafür aber Machtentfaltung nach aussen — einen 
Tausch^ den er beklagt^) — und die wechselnden Verhältnisse 
unter den verschiedenen Kaisern. 



1) Gar. 18, 4: quattuor sane principes mundi fortes sapientes be- 
nigni et adroodum liberales, unum in rem p. sentientes, semper reue- 
rentes Eomani senatus, moderati, populi amici, persancti graues, re- 
ligiosi et quales principes semper orauimus. 

2) Car. 13, 1: vergl. S. 9 Anm. 1. 

8) Car. 13, 4: quod ego miror de homine militari, quamuis plurimos 
plus quam militares uel Graece uel Latine uel comicorum usurpare dicta 
uel talium poetarum. 

4) Car. 2 u. 3. 

6) Car. 3, 1 u. 2 : per Augustum deinde reparata (sc. ciuitos) , si ro- 
parata dici potest libertate deposita. tamen utcunque, etiamsi domi 
tristis fuit, apud exteras gentes effloruit. 



I. Persönliche Verhältnisse des Antors. 17 

4. Bildung. 

a. historisch-antiquarische Kenntnisse. 

Aus dem Gesagten erhellt, dass die Art und Weise, wie 
unser Autor Dinge von allgemeiner Bedeutung sowohl als 
auch politische und historische Erscheinungen auffasst, eine, 
wenn auch nicht sehr tief eindringende, doch im ganzen 
durchaus nüchterne, verständige, klare und parteilose ist. 
Er zeigt daneben auch eine gewisse Anzahl historisch -anti- 
quarischer Kenntnisse. So weiss er, dass das Recht das 
„pomoerium" der Stadt zu erweitern, nur demjenigen zusteht, 
der die Grenzen des Reiches erweitert hat.*) Er spricht, 
wenn auch in etwas überschwänglichen Worten, seine Ver- 
wunderung aus über die Ruhe, die während des Interregnums 
nach dem Tode des Aurelian im römischen Reiche geherrscht 
hat'), und gewiss mit Recht, denn dies ist in der That eine 
in ihrer Art einzige Erscheinung. Die Vergleichung mit dem 
Interregnum nach dem Tode des Romulus'und mit den „In- 
terregnis" aus den republikanischen Zeiten ist insofern frei- 
lich nicht zutreifend, als nach dem Tode des Aurelian keine 
Behörde vorhanden war, die dem „Interrex" der Königszeit 
oder der republikanischen entspricht und nicht vorhanden 
sein konnte, da in jener Zeit ein solcher Fall gesetzlich nicht 
vorgesehen war und das Interregnum seine Entstehung und 
seine Dauer nur dem Umstände zu verdanken hatte, dass die 
Kaiserwahl so lange zwischen Heer und Senat hin und her- 
geschoben wurde. Bei Anlass des „Interregnums" hat Vopis- 



1) Aur. 21, 10 u. 11: pomoerio autem neminem principum licet 
addere nisi eum qui agri barbarici aliqua parte Komanam rem p. 
locupletauerit. addidit autem Augustus, addidit Traianus, addiditNero, 
sub quo Pontus Polemoniacus et Alpes Cotüae Romano nomini sunt 
tributae. lieber das „ius pomoerii proferendi" sagt Gellius ed. Hertz 
XIII 14,3: Habebat autem ius proferendi pomoerii, qui populum Roma- 
num agro de hostibus «apto auxerat. In der Reihe derjenigen , die das 
pomocrium erweitert haben, vergisat Vopiscus aber Sulla, Caesar und 
Claudias. Becker, Handb. d. röm. Alterthümer I 103. 

2) Tac. 2, 2, vergl. S. 13 Aum. ]. 

Uiilersuch. z. Röm. Kaiserg-esch. II. 2 



18 Julius Brunuer: Yopiscus Lebensbescbreibungen. 

cus auch Gelegenheit zu zeigen ; was er auf dem Gebiete der 
römischen Staatsalterthümer weiss; was er davon sagt; scheint 
sich im wesentlichen auf Livius zu gründen : so die Angabe^ 
dass nach dem Tode des Romulus hundert Senatoren gewesen 
seien ^), gegenüber den Zweihunderten des Dionysius von 
Halicarnass^), den Hundertundfünf zigen des Plutarch'); fer- 
ner diejenige, dass immer nur je einer „Interrex" gewesen 
sei , wobei Vopiscus freilich die äussern Abzeichen des Impe- 
riums und das Imperium selbst zu verwechseln scheint*); 
dass das Interregnum ungefähr ein Jahr gedauert, sagt auch 
Livius^); auch bei ihm sind die tribuni militares mit consu- 
larischem Imperium ausgerüstet. ^) Dass die Einrichtung und 
Bezeichnung „Interregnum und Interrex" noch tief in die 
republikanische Zeit hineindauert, ist bekannt'), und gerade 
Livius bietet dafür manche Beispiele.^) Livius erzählt uns, 
dass in Rom einst eine Zeit lang gar keine cunilischen 
Magistrate waren ^), nur setzt dieser den betreflFenden Zeit- 

1) Liv. I 17: ita rem inter ee centum patres con- 

sociant. Ucber diese Zahl von 100 Senatoren siebe Mommsen, röm. 
Forsch. I 224; über die Bedeutung der livianiscben Erzählung vom 
erftten Interregnum daselbst. 

2) II ö7: tiIjv TrarpiKiuJV ol KaTaYpa(p^vT€c €lc ri\v ßouXf)v öirö 
'Pu)|LiOXou ömKÖcioi TÖv dpi6)üi6v övt€c, i&Cfrcp f9r|v, bi€V€|nf|eiicav clc 
Ö€Kd6ac. 

3) Nuuia 2: ol irctTpixioi, irevTr^Kovra Kai ^kctöv övtuiv aÖTi&v. 
Plutarcb steht mit dieser Angabe bekanntlich mit sich selbst in Wider- 
spruch, indem er nach der Vereinigung der Sabiner und Römer hundert 
Senatoren hinzukommen lässt: Rom. 20: ^kotöv ^^v ^k Caßivuiv irarpl- 
Kioi irpocKareX^xöilcav. Ueber diese Zahl von 150 Senatoren zur Zeit 
des ersten Interregnums siehe Mommseh a. a. 0. 221. 

4) Liv. a. a. 0. decem imperitabant, unus cum insignibua imperii 
et lictoribus erat. 

6) a. a. 0.: anuumque intervallum regni fuit. Die betreffende 
Stolle bei Vopiscus ist, unzweifelhaft richtig, von Salmasius emendirt. 

6) IV 7 : tribunoä militum et imperio et insignibus 

consularibus usos. Der gewöhnlichere Ausdruck ist allerdings: „consn- 
lari pot<ißtate". 

7) Lauge, römische Alterthümer I 610. « 

8) III 8; IV 7, 43, 51; V 17, 31; VI 1; VII 17, 22, 28; VIII S, 
17; IX 7; X 11. 

9) VI 35: Licinius Sextiusque tribuni plebis refecti nullos curules 



I. Persönliche VerhältnisBC des Autors. 19 

räum auf fünf Jahre au, Vopiscus aber blos auf vier: eine 
Ungenauigkeit, wie sie sich wiederfindet in der Angabe, dass 
nach dem Tode des Romulus jeder einzehie Senator fünf oder 
vier oder drei Tage als Interrex fungirt habe*), während 
Ldvius diesen Zeitraimi bestimmt auf fünf Tage ansetzt.^) 
Diese ganze Auslassung über das Interregnum scheint somit 
auf einer nicht mehr ganz deutlichen Erinnerung an Livius 
zu fussen, und dass Vopiscus dieselbe nicht auffrischte, wol- 
len wir ihm, ganz abgesehen von allen übrigen Eigenschaften 
desselben, nicht allzuhoch anrechnen. Wenn Vopiscus bei 
dieser Gelegenheit auch sagt, dass die tribunicische Macht- 
befugniss ein wesentlicher Bestandtheil der königlichen Ge- 
walt gewesen sei^), so ist das, wie Salmasius wol richtig 
bemerkt^), eine Verwechselung mit der kaiserlichen Gewalt, 
die ja vor allem die tribunicische in sich aufnahm. 

Vopiscus unterscheidet gelegentlich die beiden Linien der 
Scipionen, die Lucii und die Nasicae^); er weiss, dass Pom- 
pejus dreimal triumphirt hat"), ist aber wieder ungenau, wenn 
er als Veranlassungen dazu die Kriege gegen die Seeräuber, 
Sertorius und Mithridates nennt; die drei Triumphe des 
Pompejus waren 1) ex Africa de rege Hiarha im Jahre 672, 
2) ex Hüpaniüj 31. December 682; 3) ex A&ia Ponto Cilicia 



magistratus creari passi sunt; eaque solitudo magistratuum 

per quinquennium urbem tenuit. Diese ,,solitudo magistratuum" bean- 
sprucht nur chronologische, nicht historische Wesenheit. Es ist eine 
auf einen längeren Zeitraum berechnete Füllung, die hier zusammen 
eingelegt wurde, da die genaue Unterbringung nicht thnnlich schien. 
Die Zahl von 5 Jahren , wie sie sich in den capitolinischen Fasten 
findet, ist die richtige (Mommsen, röm. Chronologie 1. Aufl. 204, 198 f, 
u. Aum. 393). 

1) Tac. t, 2: per quintos et quaternos dies siue ternos. 

2) I 17: quiniim dienim spatio finiebatur imperium. 

3) Tac. 1, 5. 

4) z. d. St. 

5) Prob. 2, 4: PubUum Scipionem Africanum, immo Scipiones 
omnrs, seu Lucios, seu Nasicas. 

6) Prob. 2, 3: Cn. Pompeium, tribus fulgentem triumphis belli pi- 
ratici, belli Sertoriani, belli Mithridatici. 

2* 



20 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

Paphlagonia Cappaäocia Creta Syria Judaea Armenia Pirateis 
de regihis Miihridate ei Tigrane 30. September 692. *) Vopis- 
cus irrt somit, indem er den Triumph über die Seeräuber 
von denjenigen über Mithridates trennt und den über Hiarbas 
unberücksichtigt lässt. Ein geographischer Irrthum ist es 
femer, wenn er die Vindelici nach Gallien versetzt^), da 
Vindelicia, später Raetia secunda genannt, nicht zur „prae- 
fectura Galliarum", sondern zur „praefectura Italiae" gebort 
(Becker III. 1, 101 und 240). 

b. Literarische Kenntnisse. 

Dass Yopiseus eine gewisse litterarische Bildung besass, 
die in jener Zeit nicht ganz gewöhnlich war, beweist schon 
der Umstand, dass er von Tiberianus den Auftrag erhält, 
eine Biographie Aurelians zu schreiben, ein Auftrag, der 
dem Auftraggeber nicht wenig scheint am Herzen gelegen 
zu haben. ^) Ausser den Dichtern Livius Andronicus , Plautus 
und Cäcilius'*) nennt er seinen Vorgänger Trebellius PoUio'"^), 
Livius®), Sallustius ^), Cornelius Tacitus'^), Trogus^), Cicero ^<^), 



1) Baiter, fasti trimphales. 

2) Aur. 35, 4: Eis gestis ad Gallias profectus Vindelicos obsidione 
barbarica liberauit. 

3) Tiberianus hielt sich für einen Nachkommen^ Aurelians. Aur. 
1, 3: quod ipse nounihilum ex eius origine sanguinem duceret; vergl. 
ferner die Worte des Tiberianus Aur. 1, 6: ergo Thersitem Sinonem 
ceteraque illa prodigia uetustatis et nos bene scimus et posteri fre- 
quentabunt: diuum Aurelianum, clarissimum priucipem, seuerissimum 
imperatorem, per quem totus Romano nomini orbis est resiitutus, po- 
steri nescient? deus auertat hanc amentiam, und Aur. 2, 2: propterea 
scribe, iiiquit, ut libet. securus quod uelis dices, habitnrus mendaciorum 
comites, quos historicae eloquentiae miramur auctores. 

4) Gar. 13, 5: nam et ,,Lepus tute es pulpamentum quaeris*' Liui 
Andronici dictum est, multaque alia Plautus Caedliusque posuerunt. 

5) Aur. 2, 1. Firm. 1, 3. 

6) Aur. 2, 1. Prob. 2, 3 u. 7. Firm. 6, 3. 

7) Aur. 2, 1. Prob. 1, 1; 2, 7. Firm. 6, 3. 

8) Aur. 2, 1. Prob. 2, 7. 

9) Aur. u. Prob. a. d. a. 00. 

10) Aur. 39, 4. Tac. 13, 4. Prob. 2, 3. 



I. Persönliche VerhältniBse des Autors. 21 

Marcus Cato^),' Gellius^), Marius Maximus ^), Suetouius *), 
Fabius Marcellinus ^)y Gargilius Martialis.^) 

c. Literarischer Standpunkt. 
Von diesen sollen ihm aber nicht Sallustius^ Livius^ 
TacituS; Trogus und Andere mit ibrer beredten Darstellung 
als Vorbilder dienen ^ sondern Andere ^ die eine wahrheits- 
getreue Erzählung einer glänzenden vorgezogen hätten^): 
SuetoniuS; dessen „ungekünstelte, tadellose"^), aber kurze®) 
Diction er besonders lobend hervorhebt; der von den scrip- 
tores historiae Augustae oft citirte'^) Marius Maximus , dem 
er nicht gleiches Lob spendet^*); Fabius Marcellinus , der 



1) Prob. 1, 1. 

2) Prob. a. a. 0. Sabnasius z. d. St. will darunter den bekannten 
römischen Annalisten Gn. Gellius verstehen, wie ich glaube mit Unrecht; 
denn aus der Lesart der Hss. „a gellius*' lässt sich wohl ziemlich sicher 
Bchheesen, dass darunter Aulus Gellius zu verstehen sei. 

3) Prob. 2, 7. Firm. 1, 1 u. 2. 

4) a, d, a. 00. 

5) Prob. a. a. 0. 

6) a. a. 0. 

7) a. a. 0.: et mihi quidem id animi foit ut non Sallustios Liuios 
TacitoB Trogos atque omnes disertissimos imitarer uiros in uita prin- 
cipum et temporibus disserendis, sed Marium Maximum, Suetonium 
Tranqnillum, Fabitmx Marcellinum, Gargilium Martialem ceterosque 
qui haec et taha non tarn diserte quam uere memoriae tradiderunt. 
Firm. 6, 3 lobt er auch an Livius und Sallustius, dass sie unwichtiges 
unberührt Hessen. 

8) Firm. 1, 1: emendatissimus et candidissimus scriptor. 

9) Firm. 1, 2: cui familiäre fuit amare breuitatem. 

10) Aehus Spartianus, Hadrianus, 2, 10; 12, 4; 20, 3; 25, 4. 

„ „ Helius 3, 9; 6, 5. 

„ „ Seuerus 15, 6. 

„ „ Antoninus Geta 2, 1. 

Julius CapitolinuB, M. Antoninus Philosophus 1, 6; 25, 10. 
„ „ Pertinax 2, 8; 15, 8. 

„ „ Clodius Albinus 3, 4; 9, 2 u. 5; 12, 14. 

Yulcatius Gallicauus, Auidius Cassius 6, 6 u. 7; 9, 9. 
Aelius Lampridius, Commodus Antoninus 13, 2; 15, 4; 18, 2. 

Alexander Seuerus 5,4; 21,4; 30,6; 48, 6; 65; 4. 
Antoninus Heliogabalus 4, 6. 
11) Firm. a. a. 0.: homo onmium uerbosissimus, qui et mythisto- 
ricis se uoluminibus inplicauit. 






22 Julius Brunner: Yopiscus Lebensbeschreibungen. 

Biagraph Trajans^) und Gargilius MarceUinus, wol iden- 
tisch mit dem Geschichtschreiber der Zeiten des Alexan- 
der Severus. ^) Den Trebellius Pollio ahmte er darin nach, 
dass er die sogenannten Tyrannen nicht in den eigentlichen 
Eaiserbiographien weiter berührte, sondern ihnen eine beson- 
dere Darstellung widmete.^) 

Also gerade diejenigen, welche auf dem Gebiete der 
römischen Geschichtschreibung allein als mustergültig können 
bezeichnet werden, will er als solche nicht gelten lassen und 
nennt in der Reihe seiner Vorbilder einen Marius Maximus, 
dem er in ziemlich harten Ausdrücken Wortschwall und 
Lügenhaftigkeit vorwirft*), wie er denn auch gelegentlich von 
Unrichtigkeiten, wie sie sich in die Darstellung eines sitt- 
lich noch so hoch stehenden Historikers einschleichen kön- 
nen, einen Ausdruck^) braucht, der mindestens zweideutig 
ist, und mit dem eben besprochenen Verhältnisse zu Marius 
Maximus zusammengehalten, unter Umständen ein bedenk- 
liches Präjudiz werden köimte. 

d. Abergläubischer Sinn. 

Ein Seiteustück zu diesem Standpunkt des litterarischen 
Urtheils bildet der abergläubische Sinn, der in Vopiseus wohnt; 
ich meine darunter nicht jenen altrömischen gläubigen Sinn, 
der auch Livius und Tacitus die Erwähnung der Omina u. s. w. 
als wichtiger Dinge nicht vergessen liess, und woran man 



1) Ad. Lamprid. Alex. Sev. 48, 6: ncque in uita eius (seü. Traianil 
. . ita expOBuit ncque Fabius Marcellinus. 

2] ibid. 37, 9: Gargilius eius tcmporis scriptor (seil. Alesand ri 
Scueri). 

3) Firm. 1, 3: atque contra Trebellius Pollio ea fuit diligentia, ea 
cura in edendis bonis malisque prindpibus ut etiam triginta tyranDO«; 
uno breuiter libro concluderet, qui Vaicriani et Gallieni nee multo 8U- 
periorum aut inferiorum prindpum fuere temporibus. 

4) Firm. 1, 2, vergl. S. 21 Anm. 11. 

6) Aurelian. 2, 1: mc contra dicente, neminem scriptorum qna^i- 
tum ad historiam pertinet non aliquid esse mentitum, prodente quin- 
otiam in quoLiuius, in quo Sallustius, in quo CornelioB Tadius, in quo 
dcniquc Trogus manifestis tcstibus conuiucerentur. 



I. Persdnliche YcrhältniBse des Autors. 23 

auch hier erinnert wird , wenn er den Sieg römischer Waffen 
im entscheidenden Momente unmittelbarer gottlicher Einwir- 
kung zuschreibt^) und das Schicksal überhaupt in die Ent- 
wicklung menschlicher Dinge eingreifen lässt^); Vopiscus 
war im Grunde über diesen Standpunkt mehr oder weniger 
hinaus: die Haruspices hatten geweiss^^ dass ein Nach- 
komme des Kaisers Tacitus in tausend Jahren den Thron 
besteigen; die ganze Welt den romischen Gesetzen unterwer- 
fen, dieselbe dann dem romischen Senate zu Füssen legen , 
und; hundertzwauzig Jahre alt; ohne Erben sterben werde ^)', 
da meint denn Vopiscus ; eine solche Prophezeiung sei leicht 
zu geben ; da ihre Richtigkeit doch nicht zu constatiren sei^); 
in ähnlicher Weise spricht er sich bei ähnlicher Gelegenheit 
aus.*) Weg; ruft er einmal; mit der abergläubischen Furcht, 
die da glaubt; dass es ein Yerhängniss des Schicksals sei; dass 
die Römer nicht über den Ctesiphon hinauskommen. ^) Nacli- 



1) Aur. 25, 3: cumque Aureliani cquitea faiigati iuiu paouc diuce- 
derent ac terga darent, subito ui uuminis, quod postea est prodituui, 
hortante quadam diuina forma per peditea etiam equites rcstituti sunt. 

2) Aur. 36, 4: ut 8e res fataliter agunt. 

3) Tac. 15, 2: quo tempore rcsponsum est ab haruspicibus, quando- 
comque ex eorum familia imperatorem Romanum futurum sou per femi- 
nam seu per uirum, qui det iudiccs Parthis ac Persis, qui Francos et 
Älamannos sub Romanis legibus habeat, qui per omnem Africam bar- 
barom non relinquat, qui Taprobanis pracsidcm inponat, qui ad Uo- 
manam iusulam "proconsulem mittat, qui Sarmatis omnibus iudicct, 
quiterram omnem, qua Oceano ambitur, captis omnibus gentibus suain 
faciat, postea tarnen seuatui reddat imperium et antiquis legibus uiuat, 
ipse victurus annis centum uiginti et sine berede morifcurus. futurum 
autem eum dixerunt post annos mille. 

4) ibid. 4: non magna haec urbanitas haruspicum fuit, qui prin- 
cipem talem post mille annos futurum esse dixerunt, quia, si post centum 

aimos praedicerent, forte possent eorum deprebendi mendaci a 

pollicentes cum uix remanere talis possit bistoria. 

5) Prob. 24, 2 u. 3: baruspices responderunt, huius (seil. Probi) 
familiae posteros tantae in senatu claritatis fore ut omncs summis ho- 
noribus fungerentur. scd adhuc neminem uidimus, posteri autcm actcr- 
nitatem uidcntur habere, non modum. 

6) Car. 9, 1: uim fati quandam esse, ut Romanus x>rinceps Ctesiphon- 
tem transire non possit, ideoque Carum fulmine absumptum quod cos 
fines transgredi cuperet qui fataliter constituti sunt, scd sibi habeat 



24 ^ Julius Brunner: Yopiscus Lebensbeschreibungen. 

dem er; aus Callicrates Tyrius schöpfend ^ eine Reihe von 
Wundergeschichten erzählt hat^); die alle auf die spätere 
Grosse Aurelians Bezug hätten, sagt er, er erinnere sich bei 
diesem noch ^^viel überflüssiges'^ gelesen zu haben ^); und doch 
kann er sich nicht enthalten, uns noch einige Proben davon 
zu geben') und zählt uns überhaupt alle diese Geschichten 
mit grosser Gewissenhaftigkeit auf.^) Aus den Worten „JE» 
imperatoris patrem^', mit welchen einst die Mutter Aurelian's 
ihren Gatten scheltend anfuhr, schliesst Yopiscus, dieselbe 
habe die Zukunft vorausgesehen.**) Von ApoUonius von 
Thyana, dem berühmten Philosophen des ersten Jahrhun- 
derts n. Chr., der, schon von seinen Zeitgenossen als Wun* 
dermann angesehen, vielleicht hauptsächlich durch die be- 
kannte Biographie des Flavius Philostratus zu einem zweiten 
Christus umgestempelt wurde, spricht er nur mit der aller- 
grössten Verehrung: er glaubt, derselbe habe Todte auf er- 
weckt und sei einem Gotte gleichzuhalten ^) ; er beabsichtigte 
sogar dem Andenken desselben seine litterarische Thätigkeit 
zu widmen. 7) 



artes suas timiditas , calcanda uirtutibus. licet plane ac Ucobit 

Persaa uincere atque ultra eos progredi. 

1) Aur. 4, 3—7. 

2) Aur. 5, Xi multa superflua in eodem legisse memini. 

3) Aur. 5. 

4) ausser Aur. 4 u. 5 und Prob. 24, 2 noch Tac. .17. 

5) Aur. 4, 3: habuisse quin etiam nonnihilum diuinationis, adeo ut 
aliquando marito suo iurgans ingesserit, cum eins et stultitiam incre- 
parct et uilitatem: ,,En imperatoris patrem'*. ex quo constat, illam mulie- 
rem scisde fatalia. 

6) Aur. 24, 3: uerum Apollonium Tbjanaeiun, celeberrimae famae 
auctoritatisque sapientem, ueterem philosophum, amicum uerum deo- 
rum, ipsum etiam pro numine frequentandum. ibid. 7 u. 8: haec . . . 

pro maiestate Apollonii magis credidi. quid enim i)lo uiro 

sanctius uenerabilius diuiniusque inter homines fuit? ille mortuis reddi- 
dit uitam, ille multa ultra homines et fecit et dixit. 

7) ibid. 9: ipse autem, si uita suppetit, atque ipsius uin fauor nos 
iuuerit, breuiter saltem tanti uiri facta in litteras mittam, non quo 
illius uiri gesta munere mei sermonis indigcant, sed ut ea quae miranda 
sunt omnium uoce praedicentur. 



IL Literarische Prüfung, 



A. Allgemeiner Theil. 

1. Charakteristik der Darstellung. 

Wie sich also Vopiscus nur solche Historiker zum Muster 
genommen hat^ denen nach seiner Meinung die wahrheits- 
gemüsse Darstellung der Ereignisse vor allem am Herzen 
lag; und die dieser jede künstlerische Form opferten^), so 
will auch er sich rein nur an den Stoff halten und jede 
künstlerische Gestaltung desselben lieber Andern überlassen.^) 
Er hasst lange Einleitungen') und mag nicht allzu wortreich 
erscheinen^); bei Unwichtigem will er sich nicht allzu lange 
aufhalten^) und ebenso wenig alles ^ was sich ihm bietet^ 
aufnehmen^); was irgend vielleicht von Belang sein könnte, 



1) Prob. 2, 7, 8. S. 2J Anm 7. 

2) Prob. 1, 6: neqae ego nunc facultatem eloquentiamque polliceor 
sed res gestas. Prob. 2,6: lUud tantiun contestatum uolo, me rem scripsiBBe, 
quam si qms aoluerit, honestiuB eloquio celsiore demonstret. Car. 21, 
2: Habe, mi amice, meom monus, quod ego, ut saepe dixi, non elo- 
quentiae caosa sed cariositatis in lomen edidi, id praeeipue agens ut, 
fii qois eloquens ueUet facta principum reserare, materiam non requi- 
reret habiturus meos libellos ministros eloquii. 

3) Aar. 3, 1 : Ac ne multa et friuola prooemüs odiosus intexam . . . 

4) Aur. 12, 4: ne odiosior uerbosiorue in ea re uidear. 

5) Firm. 6, 3: sed haec scire quid prodest etc., b. S. 21 Anm. 7. Firm. 
11, 4: Longum est friuola quaeque conectere, odioaum dicere, quali 
statura fuerit, quo corpore, quo decore, quid biberit, quid comederit 
ab alüs ista dicantur quae prope ad exemplum nihil prosunt. Car. 3, 
8: sed quorflum talibus quereUis et temporum casibuB detinemur? Car. 
17, 7: longum est, si de eius luxuria plura uelim dicere. 

6) Aur. 6, 1 : Sed ut haec et talia omittamus. Aur. 15, 1 : Longum 



26 Julius Brunner: Vopiscns Lebensbeschrcibangen. 

glaubt er nicht übergehen zu dürfen.^) Manches, was ihm 
selbst als nichtig erscheint^ nimmt er auf, bloss weil er es 



est cuncia pertexere. Aur. 20^ 1 : quas longom est innectere (senaio- 
rum sententias). Aur. 22, 4: sed omnia (seil. Aureliani facta) libro in- 
nectere nee possumuB fastidii euitatione nee uolumus, sed ad inteUigendos 
mores atque uirtutem pauea libandasant. Tac. 11, 7: multa huius ferontur 
sed longum est ea in litteras mittere. Tac. 19, 6: longum est onmes epi- 
stulas conectere. Prob. 6, 1: Longum est, si per res gestas tanti 
percurram uiri, quae ille sub Valeriano, quae sub GaUieno, qnae sab 
Aureliano et Claudio priuatus fecerit etc. Prob, 7, 1: lam Claudii, iam 
Tadti iudicia de Probo longum est innectere. Prob. 24, 6: Haec sunt, 
quae de Probo cognouimus nel quae digna memoratui aestunauirnui. 
Firm. 3, 5: quia ... et scui apud posteros nihil proderit, taoeo. 

1) Aur. 10, 1: Friuola haec fortassis cuipiam et nimis leuia esse 
uideantur, sed curiositas nifaü recusat. Aur. 15, 2 u. 3: Memini, zne 
in quodam libro Graeco legisse, quod tacendum esse non credidi, maa- 
datum esse Crinito a Valeriano, ut Aurelianus adoptaretur, idcirco 
praccipue quod paupcr esset; sed hoc in medio rclinqucndom puto. 
Et quoniam superius epistolam posui, qua sumptus Aureliano ad con- 
sulatum delatus est, quare posucrim, rem quasi friuolam, eloquendom 
putaui. Aur. 22, 4 s. vor. Anm. Aur. 24, 2: Taceri non debet res qaae 
ad famam uenerabilis uiri pertinet (Erscheinung des Apollonius t. 
Thyana). Aur. 33, 1: Non absque re est cognoscere, qui fuerit Aure- 
liani triumphus. Aur. 36, 1: Non praetereundum uidetur (Brodver- 
theilung). Aur. 36, 1: et quemadmodum sit occisns (sc. Aurelianus), ne 
res tanta lateat, breui edisseram. Aur. 37, 5: Quia pertinet ad Auie- 

lianum, taccrc non debui (Tod des Quintillus). Aar. 38, 1: 

hoc quoquc ad rem pertinere arbitror, Yabalathi filii nomine Zcnobiam, 
non Timolai et Uercnniani, imperium tennisse quod teuuit. Aur. 48, 
6: Scieudum tamen, congiaria illum ter dedisse. Tac. 2, 3: Diccnda est 
tameu causa tam felicium morarom. Tac. 12, 1: Nee tacendum est et 
frequenter imitandnm, tan tam scnatus laetitiam iiusse etc. Tac. 13, S: 
ne quid denique deesset cognitioni, plerasque huius modi cpistolas iu 
finc libri posui. Tac. 16, 6: ego tameu haec idcirco inserenda uola* 
mini credidi ne quis me legens legisse non crederet (die oben Seite 23 
berührte Antwort der Haruspices). Prob. 10, 2: non inepta neqoe in- 
elegans labiila est scire quemadmodum imperium Probus sumpserit. 

Prob. 18, 7: unum sane sciendum est, quod Germani omnes 

Probo seruire maluerunt. Prob. 24, 2; sane quod praeterire non potai 
(wieder eine Antwort der Haruspices, vergl. S. 23 Anm. 5). Firm. 12, 
6: Et quoniam minima quoque iucunda sunt atque habent aliquid gra- 
tiae cum leguntur, tacendum non est etc. (vergl. den folgenden Brief). 
Firm. 15, 9: Haec me legisse teneo de Bonoso. et potui qnidem horum 
uitam praeterire quos nemo quaerebat, attamen, ne quid fidei deeesei 
etiam de bis quae didiceram intimanda curaui. 



II. Literarische Prüfung. 27 

in seiner Quelle fand^) und er den Vorwurf yermeiden will, 
nicht Alles benutzt zu haben , was sich ihm bot^), oder weil 
er bei dem Leser Interesse für dies und jenes voraussetzt'); 
nach solchen Abschweifungen pflegt er rasch abzubrechen und 
wieder in den Zusammenhang einzulenken.^) Bei allbekann- 
ten Dingen beruft er sich auf das Wissen des Lesers selbst^); 
er verweist denselben ; wenn er sich über einen einzelnen 
Ponkt eingehend belehren wolle, auf die Quellen^); oft führt er 
diese wörtlich an, theils, weil sich das nach seiner Meinung 
passt^), theils der Zuverlässigkeit halber^), theils nach dem 
Beispiele Anderer^), besonders aber, wenn er etwas beweisen 
will.*®) Wenn er in seinen Quellen Widersprüche gefunden 



1} Aur. 6,6: Haec video esse perfriuola, sed quia supra scriptuB 
aoctor ita eadem ut aunt Latina suia scriptis inseruit , tacenda esse non 
credidi. 

2) Tac. 15, 5, vergl. S. 26 Anm. 1. Car. 7, 1: Ac ne minima 
qüaeque conectam. 

3) Firm. 12, 6: vergl. S. 26 Anm. 1, in diesem Falle muthet er dem 
Leser allerdings einen sonderbaren Geschmack zu; man lese den an- 
gezogenen Brief. 

4) Aur. 4,1: Atque nt ad ordinem redeam. Aur. 30, 1 : Sed ut ad 
incepta redeamns. Firm. 11, 1: Et ne longius progrediar. Firm. 11, 4: 
nos ad ea quae sunt dicenda redoamus. Car. 7 , 4 : nunc ad ordinum 
reucrtemur. 

5) Firm. 7, 4: ut satis nosti, vergl. S. 13 Anm. 5. 

6) Aur. 16, 8: sed haec quoque media relinquemus, ab ipais pe- 
tenda, per qnos in litteras missa sunt. Tac. 11, 7: quod si quis om- 
oia de hoc uiro cupit sdre, legat Suetonium Optatianum . . . Firm. 6, 
2: namea quao de illo Aurelius, libertus Aurcliani, singillatim rettulit 
si ins cognoscere, eundem oportet legas. Car. 17, 7: quicunque osü- 
atun cupit noscerc, legat etiam Fulnium Asprianum. 

7) Aur. 8, 1: quam (epistulam) ad uerbum, ut decebat, inserui. 
Aur. 41 , 1 : Non iniucundum est ipsas inscrere litteras. 

8) Aur. 12, 4: quam (rem) fidei causa inserondam credidi. Aur. 
^,4: nam ipsam (epistulam) quoque indidi ad fidem rerum. 

9) Aur. 17, 1: quam (epistulam) ego, ut soleo, fidei causa, immo 
ut alios annalium scriptores fecisse uideo, inserendam putaui. 

10) Aur. 31, 10, vergl. S. 14 Anm. 5. Aur, 38, 2: ut epistola docet 

omsa ad Ulpiimi Crinitum. Aur. 47, 1 : ut quadam epistnla ipsc 

gloriatur. Tac. 8, 1 : Ac nc quis me temerc Graecorum alicui Latinonunue 
aestimetcredidiflse, habet in bibliotheca Vlpia in armario sexto libnim 
elephantinnm , in quo hoc senatnsconsultum perscriptum est, cui Ta- 



28 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

hat; so yerhehlt er das nicht ^); in diesem Falle entscheidet 
er sich entweder für die eine oder andere Ansicht^), oder 
setzt den Angaben Anderer seine eigene bestimmte Meinung 
entgegen^); begründet sie oft ganz geschickt^) und sucht sie 
mit anderen Darstellungen in Einklang zu bringen^); oder 
er wagt sich nicht zu entscheiden und lässt die Sache auf 
sich beruhen.®) Ansichten ; die sich ihm als irrig erwiesen. 



cituB ipse manu saa subscripait. Firm. 7, 6, Ac ne quis mihi Aegjptio- 
rum irascatur et memn esse credat quod in litteras rettoli, Hadiiani 

epistolam ponam ex qua penitus Aegyptiorum uita detegitur. 

Car. 4, 5: ut epistula eins indicat. Car. 5, 1: indicat et oratio eius 
ad senatum data. Car. 6, 2: Quid autem de eo Probus senserit, indi- 
cant litterae. Car. 9, 1: Hanc ego epistulam iddrco indidi quod ple- 
rique dicunt etc., vergl. S. 23 Anm. 6. 

1) Car. 4,1: Cari patria sie ambigue a plerisque proditur, ut prae 
summa uarietate dicere nequeam. 

2) Car. 8, 2 XL. 3: ut alii dicunt morbo, ut plures fubnine interem- 
ptus est (seil. Carus). negari non potest, eo tempore quo periit ton- 
tum fnisse subito tonitruum ut mulü terrore ipso exanimati esse dican- 
tur. cum igitur aegrotaret atque in tentono iaceret, ingenti exorta 
tempestate immani coruscatione inmaniore, ut diximus, tonitru exa- 
nimatus est. 

3) Aur. 3, 2: ego autem legisse me memini auctorem qui eum Moeda 
genitum praedicaret (seil. Aurelianum). Firm. 3, 1: Firmo patria So- 
leucia fuit, tametsi plerique Graecorum alteram tradunt, ignari, eo 
tempore ipso tres fuisse Firmos etc. 

4) Car. 4, 6 u. 8; 6, 1: ipse (sciL Carus) . . . . ut epistula eius in- 
dicat Eomanus unlt uideri. Yides, tota epistula maio- 

res 8U0S Romanos illum uelle intellegi indicat et oratio eius ad sena- 
tum data istam generis praerogatiuam. Car. 6, 1: Non me praeterüt, 
suspicatOB esse plerosque et eos in fastos rettulisse, Cari factione in- 
teremptum Probum, sed neque meritum Probi erga Carum neque Cari 
mores id credi patiuntur, simul quia Probi mortem et acerrime et con- 
stantissime uindicauit. 

5) Tac. 7, 5 — 7: hoc loco tacendum non est, plerosque in litterais 
rettulisse , Tacitum absentem et in Campania positum principem nuncu- 
patum: uerum est nee dissimulare possum. nam cum rumor emersisset, 
illum imperatorem esse faciendum, discessit atque in Baiano duobus 
mensibus fuit. sed inde deductus huic senatus consulto iuterfuit, quasi 
uere priuatus et qui uere recusaret imperium. 

6) Aur. 15, 2: sed hoc in medio reHnquendum pnto, vergl. S. 26 
Anm. 1. Aur. 15. 6: sed nos, ut solemus, hanc quoque rem in medio 
relinquimus. Aur. 16, 3: sed haec quoque media reliuquemus. Prob. 



II. Literarische Prüfang. 29 

corrigirt er später J) Oft verweist er auf früher Gesagtes^), 
oder später noch zu Sagendes.') Wenn er etwas bringt^ 
was streng genommen nicht zur Sache gehört; so gibt er 
den Grund der Aufnahme an*); doch liebt er es Anekdoten 
einzuschieben ; die zur Charakteristik der Personen dienen*), 



3, 3: quod, qnia per unum tanium Graecorum relatum est, nos in 
medio relinquemus. 

1) Firm. 2', 3: ipse ego in Aureliani nita, priusquam de Firmo euncta 
cognoBcerem, Firmmn non inter purpuratos habui sed quasi qaendam 
latronem; quod idcirco dixi, ne quis me oblitum aestimaret mei. 

2) Aur. 7, 3: Hie autem, ut supra diximus, militibus ita timori 
fuit = Aur. 6, 1: seueritatis inmensae, disciplinae singularis. Aur. 12, 
3: Et quoniam etiam de adrogatione aliqua me dixeram positurum = 
Aur. 11, 1: Inierest epistolas nosse Aureliano scriptae et ipsam adro- 
gationem. Aur. 17, 4: atque ipse statim, ut supra diximus, . . . factus 

est imperator = Aur. 16, 1: ut solus teneret imperium. 

Tac. 2,4: interfecto fraude AureKano, ut superiore libro scriptum est 

= Aur. 36, 4 — 6. Tac. 2, 5: exercitus ad senatum litteras misit, 

quibiis priore libro iam dictum est = Aur. 40, 2 u, 41, 1 — 3. Car. 8, 
3 = ibid. vergl. S. 28 Anm. 2. 

3) Aur. 25, 6: et Roraae Soli templum posuit . . . ut suo dicemus 
loco SB Aur. 39, 2: Templum Solis magnificentissimum constituit. Aur. 
41, 15: ex senatus consulto, quod in Taciti uita dicemus, Tadtus factus 
est imperator = Tac. 3—6. Tac. 12, 2, vergl. S. 26 Anm. 1 = Tac. 18 
u. 19. Car. 7, 4: habuisse in animo Carum, ut Carino Caesareanum 
abrogaret imperium. eed haec, ut diximus, alias in ipsius Cariui uita 

dicenda simt == Car. 17, 6: statuerat denique Constantium, 

in locum eins (sdL Carini) subrogare (seil. Carus). 

4) Aur. 44, 5: quod (Weissagung über die Nachkommen des Clau- 
dius) idcirco ego in Aureliani uita constitui quia haec ipsi Aureliano 
consulenii responsa sunt. Tac. 16, 7: Haec ego in aliorum uita de 
Probo credidi praelibanda, ne dies hora momentum aliquid sibi uindi- 
caret in me necessitate fatali ac Probo indicto deperirem. 

5) Aur. 23, 2: cum milites iuxta illud dictum, quo canem se reli- 
cturum apud Thyanos negarat (vergl. Aur. 22, 5), euersionem urbis ex- 
poscerent, respondit his: „Canem, inquit, negaui in hac urbe me relictu- 
rum: caues omnes occidite." g^ande principis dictum, grandius militum 
factum etc. Aur. 30, 4: Pacato igitur Oriente in Europam Aureliauus 
redit uictor atque ülic Carporum copias adflixit et, cum ilhun Carpicum 
senatus absentem uocasset, mandasse e loco fertur: „Superest, p.c., ut me 
etiam Carpisculum uocetis.^* carpiiculum enim genus calciamenti esse, 
satis notum est. Aur. 45, 5: et cum ah eo uxor sua peteret, ut unico 
paUio blatteo serico uteretur, iUe respondit: „Absit ut auro fila pensentur.*^ 
libra enim auri tunc libra serici fiiit. Tac. 9,6: dicitur autem multum 



30 Jalius Brunner : Yopiscus Lebensbeschreibungen. 

oder sonst in irgend einer Beziehung zu dem gerade vorlie- 
genden Stoffe stehen^); es findet sich auch wol eine Auslas- 
sung; die an ihrem Orte ungehörig und in ihrer Breite um 
so störender ist für den Fortgang der Erzählung.') Ein ge- 
wisses Gefühl für Anstand hält ihn ab näher auf das aus- 
schweifende Leben des Kaisers Carinus einzutreten') womit 
freilich eine andere Stelle in grellem Widerspruche steht.*) 

2. Quellen. 

Unter den Quellen, die Vopiscus zur Benutzung vor- 
lagen , sind sehr viele, die wir als solche ersten Ranges be- 
zeichnen müssen, d. h. unverarbeitetes Quellenmaterial, theils 
officiellen, theils officiösen Charakters. Es sind dies: 

1. Briefe, 35 an der Zahl: Amtliche Erlasse der Kaiser*) 
und solche von Beamten an andere Beamten®), Briefe des 
Senates an auswärtige amtliche Corporationen^), fremder 
Fürsten an romische Kaiser^), der Heere an den Senat ,*•*) 

laeiatus senatus libertate, quod ei negatus est consulatus, quem fratri 
petierat. fertur denique dixisse : ,,Scit senatus quem principem fecerit'*. 
Prob. 20, 5: ,^reui, inquit, milites necessarios non habebimns". Car. 
14 u. 15. Car. 20, 2: Diocleiiani denique dictum fertur, cum ei quidam 
largitionalis suus editionem Cari laudaret dicens , multum placuisse prin- 
cipes iUos causa ludorum theatralium ludorumque circensium: „Ergo, 
inquit, bene risus est in imperio suo Carus/* 

1) Aur. 42, 5: uide, quaeso, quam pauci sint prindpes boni, ut 
bene dictum sit a quodam mimico scurra Claudii huius temporibus, in 
uno anulo bonos principes posse perscribi atque depingi. Tac. 16, 3: 
de qua (seil, imagiiie Taciti) quidem epigrammatarius ita allusit ut di- 
ceret: „Non agnosco senem armatum, non chlamjdatum*^ et cetera, „sed 
agnosco togatum*^ 

2) Aur. 29; Car. 14 u. 16; Firm. 8. 

3) Car. 16, 1: Carinus, homo omnium contaminatissimus, adulter, irc- 
quens corruptor iuuentutis (pudet dicere quod in litteras Onesimus re- 
tuUt). 

4) Firm. 12, 6 u. 7. 

ö) Aur, 9; 11; 12; 17; 20; 26, 7 — 9; 31; 47. Prob. 4, 3—7; 6; 6, 
2 u. 3; 6, 6; 7; 10; 15; 17. Firm. 6; 15. Car. 6. 
6^ Aur. 7, Car. 4 u. 8. • 

7) Tac. 18. 

8) Aur. 27. 

9) Aur. 41. 



II. Literarische Prüfung. 31 

Privatbriefe der Kaiser^); und solche von Privatpersonen an 
^andere. ^) Zu finden waren solche Actenstücke unter Anderm 
in den Archiven der Magistraturen^) und in der ulpischen 
Bibliothek'*); die von Trajan gegründet worden war*) und 
dessbalb seinen Namen trug; sie befand sich zuerst in dem 
Tempel des Trajan ®); zur Zeit des Vopiscus aber in den 
Bädern des Diocletian^) und barg; wie wir sogleich sehen 
werden; noch andere officielle Actenstücke; ob dies bei der 
ebenfalls von Vopiscus benutzten^) Bibliothek im sogenann- 
ten Palaste des Tiberius®) auch der Fall war; ist nicht zu 
bestimmen. Der Brief des Kaisers Hadrian (Firm. 9) stammt 
aus dem; wahrscheinlich officielleu; von seinem Freigelassenen 
Phlegon geführten Tagebuch desselben. ^*^) 

2) Senats Verhandlungen. 

;;Senatusconsultum^^ bezeichnet eigentlich einen Senats- 



1) Aur. 8; 23; 26, 2—6; 38. Prob. 4, 1 u. 2. Firm. 8; 12. 

2) Tac. 19. 

3) Aiir. 9, 1: quam ego ex scriniis praefecturae urbanae protuli. 
Dass hier nicht an die vier Bcriuia: „memoriae, epistolarmn, libel- 
loram and dispositionis*' zu denken iut, versteht sich von selbt; „scri- 
nium** bedeutet hier gewiss so ziemlich dasjenige, was wir heutzutage 
unter dem Archiv ^er Behörde verstehen. Suidas s. v. : cpKlviov Y<^p 
öpucppaicTÖv Adpvaxa xaXoOci ol 'Pw^atot. cxpividpioc ö ti^v KaTaypa- 
qpfjv Tiiiv ^Hcrdcewv Iv Totc CKpivioic 5iaq>uXdTTWv. 

4) Aur. 8, 1: Inueni nuper in Ylpia bibliotheca inter linteos libros 
epistolam diui Valeriapi . . . 

5) Cass. Dio LXVIII 16, 2: KaTecK€uac€ hk xal ßißXCuiv dnoSi^Kac. 

6) Gellius XI 17, 1: sedentibus forte nobis in bibliotheca templi 
Traiani. 

7) Prob. 2, 1: Vsus autem sum praecipue libris ex biblio- 
theca Vlpia, aetate mea thermis Diocletianis, et item ex domo Tibe- 
riaiia. 

8) Prob. 2, 1, 8. vorige Anm. 

9) Als „domus Tiberiana" wurde noch nach dem Neronischen 
Brande ein Theil des Complexes von Kaiserpalästen auf dem Palatin 
bezeichnet. Becker I 430. Die von Vopiscus erwähnte Bibliothek 
nennt auch Gellius XIII 20, 1: cum in domus Tiberianae bibliotheca 
sederemus .... Vielleicht war sie an die Stelle der Palatina getreten, 
die in dieser Zeit nicht mehr erwähnt wird. Becker a. a. 0. N. 875. 

10) Firm. 7, 6: Hadriani epistolam ponam ex libris Phlegontis liberti 
eins proditam. 



32 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

beschlusS; dem zu seiner vollen Gültigkeit nichts fehlte^) nnd 
dann die schriftliche Fiximng dieses Beschlusses. Diese» 
Actenstück enthielt die Namen der Consuln^); das Datum 
(Tag und Ort) der Verhandlung '), dann die Bezeichnung der 
Urkunde als senatusconsultum ^ eventuell als auctoritas^), 
dann den Namen dessen, der den Senat befragt*) und die 
Namen der Mitglieder des Bedactionsausschusses (qui scribendo 
aff'uertmtj^)] nun erst folgte die Angabe des Gegenstandes 
der Verhandlung, wer ihn zur Sprache gebracht, und wer 
darüber referirt habe'), und endlich der eigentliche Beschluss.^) 
Bei Vopiscus hat aber der Ausdruck „senatusconsultum" entwe- 
der eine weitere Bedeutung, indem er darunter offenbar die 
eigentlichen Senatsverhandlungen versteht"), oder er ver- 
wechselt in flüchtiger, oberflächlicher Weise „senatusconsul- 
tum" und „acta senatus." Aufbewahrt wurden die senatuscon- 
sulta seit dem Jahre 304 d. St. im Tempel der Ceres*®), später 
im Aerarium*'), zur Zeit des Vopiscus aber in der ulpischen 
Bibliothek, wo derselbe das officielle, vom Kaiser eigenhän- 



1) Lange II 361. Becker II 2, 441. 

2) Hübner de senatus populique Romani actis (im dritten Supple- 
mentband der Jahrbücher für Philologie und Paedagogik, neue Folge) 573. 

3) a. a. 0. 674 f. 

4) a. a. 0. 575. 

5) a. a. 0. 576. 

6) a. a. 0. 5S1. 

7) a. a. 0. 677. 

8) Lange a. a 0. 363. 

9) Aur. 19, 1; 41, 3. Tac. 7, 7: sed inde deduetus (seil. Tacitus) 
huic. s. c. interfuit. Tac. 8, 1, s. S. 33 Anm. 1. Prob. 7, 1: . . in senatu 
Tacitus dixisse, cum eidem offerretur imperium, debere Probum prin- 
cipem fieri. sed ego senatus consultum ipsum non inueni. Prob. 
11, 5 ff. 

10) Liv. III 55: Institntum etiam ab iisdem consulibus (L. Valerio 
et M. Horatio), ut senatus consulta in aedem Cereris ad aediles plebis 
deferrentur, qnae antea arbitrio consulum supprimebantur vitiaban- 
turque. 

11) Sneton. Aug. 94: ne senatus consultum ad aerarium deferretur. 
Cass. Dio LIV 36, 1: xal Tolc Ta|Li(aic rä bÖYnaxa rd ^Kdcrore T^Tvöfieva 
b\ä q>uXaKfic iroietcBai ^KcXcOcBri. Lange I C37, II 364. 



II. Literarische Prüfung. 33 

dig unterschriebene Exeni})lar eines ,,senatusconsultum" ge- 
funden hat. ^) 

Als von ihm benutzte Quellen nennt Vopiscus auch 
y,acia senatus ac popuW'.'^) Die ,,acta senatus" enthielten 
aber ausser den auch bei Abfassung eines senatusconsultum 
beobachteten und soeben genannten Formalien die Meinungs- 
äusserungen der verschiedenen Senatoren'^), die vom Kaiser 
an den Senat gerichteten Erlasse und Briefe (oraiiones et 
litteraej, die zwischen dem Senat einerseits und römischen 
Behörden oder auswärtigen Fürsten andrerseits geführte Cor- 
respondenz, und dann natürlich die gefassten Beschlüsse.^) 
Während also das senatus consultum wesentlich nur der Aus- 
druck des aus den Verhandlungen hervorgehenden Resultates 
war, waren die acta senatus ein wirkliches Protocoll der 
Verhandlungen selbst und enthielten sogar die diesen zu 
Grunde liegenden Actenstücke, die heutzutage im Protokoll 
nur kurz vermerkt und in ihrem ganzen Umfange demselben 
als „Beilagen" oder „Akten" angefügt werden. 

Die VeröflPentlichung der acta senatus, die von Caesar 
angeordnet worden war^), wurde von Augustus untersagt®); 
das Protocoll, das natürlich doch geführt wurde, wurde wol, 
wie die senatusconsulta, im Aerarium aufbewahrt. 

3. Acta populi ein wie die acta senatus ebenfalls von 
Caesar definitiv in's Leben gerufenes Institut^), dieselben ent- 



1) Tac. 8, 1: habet in bibliotheca Vlpia in armario sexto librum 
elephantinum , in quo hoc senatus consultum perscriptum est, cui Ta- 
citus ipse manu sua subscripsit. nam diu haec senatusconsulta quae 
ad principes pertinebant in libris elephantinis scribebantur. 

2) Prob. 2, 1. Es kann hier natürlich nicht der Ort sein, mich 
näher darüber auszulassen, ob erst die betreffende Verordnung Caesars 
(8. Anm. 5) die acta senatus schuf, oder nur die Veröffentlichung der- 
selben festsetzte. 

3) Hübner a. a. 0. 676 ff. 

4) a. a. 0. 571. 

ö) Suet. lul. 20: . . . instituit, ut tarn senatus quam populi diuma 
acta confierent et publicarentur. 

6) Suet. Aug. 36 : auctor . . . fuit . . ne acta senatus publicarentur. 

7) Suet. lul. 20, 8. Anm. 5. 

Unlersuch. z. Rom. Kaisergrsch. IL 3 



34 Julius Brunner : Vopiscua Lebensbeschreibungen. 

hielten ausser städtischen Nachrichten solche über Vorgänge 
in der kaiserlichen Famüie und über Staatsangelegenheiten, 
namentlich aus dem Senate*), soweit es natürlich für geeig- 
net gehalten wurde, solche Dinge in's Publicum zu bringen; 
doch' scheinen sich die Mittheilungen wesentlich nur auf 
städtische Angelegenheiten beschränkt zu haben. ^) Diese 
Nachrichten wurden wol von Zeit zu Zeit nach Tagen ge- 
ordnet, auf weisse Tafeln geschrieben und öffentlich ausge- 
stellt.^). Ob vielleicht ein officielles Exemplar angefertigt 
und aufbewahrt wurde oder nicht, ist ebenso wenig zu sagen, 
als die Beamten zu bezeichnen sind, deren Händen die 
Redaction derselben anvertraut war."*) Vielleicht hat man, 
wie es heutzutage noch mit Zeitungen zu geschehen pflegt, 
Copien dieser acta ganz oder theilweise gesammelt, und waren 
solche Sammlungen in Bibliotheken, wie der ulpischen und 
der im Palaste des Tiberius aufbewahrt.. 

4. Regesia scribarum porticus porphyreiicae y Zusammen- 
stellungen von offenbar amtlichem Charakter, über die es mir 
aber unmöglich war weiteren Aufschluss zu erlangen. Nach 
Forcellini kommt der Ausdruck „regesta^' nur noch einmal vor') 
und bedeutet: res muUae in unum coUeciae et in tabulas et com- 
mentarios reiatae/' Die „porticus porphyretica" hält Hübner') 
für identisch mit der „Purpuretica in foro Traiani", die auf 
Inschriften erwähnt wird.^) 

5. Die Ephemerides^)y d. h. Tagebücher über die Ereig- 
nisse des kaiserlichen Hauses, auch commentarii^^) oder com- 



1) Hübner a. a. 0. 619. 

2) a. a. 0. 620. 
8) a. a. 0. 621. 

4) a. a. 0. 622. 

5) Prob. 2, 1: usus etiam regestia scribarum porticus Porphyretiae. 

6) Prud. iT€pl CT€(pdv. X 1131: in regestis est über caelestibus. 

7) a. a. 0. 669. 

8) Orelli 3832. 

9) Aur. 1, 6; Prob. 3, 4; 5, 1; Car. 4, 4. 

10) Suet. Aug. 64, Domit. 20. C. Plini Caecili Secundi ad Traia- 
num imp. Traiani imp. ad Pönium epistularum über. 106 ed. Keü, 



IT. Literarische Prüfung. 3;") 

mentarii principales^) geimiiiit. Diejenigen aus der Zeit 
Aureliau's waren nebst andern auf ihn bezüglichen Acten- 
stücken^) auf Leinwand geschrieben^); daher die von Vopiscus 
oft angezogenen ,,libri lintei"^); sie wurden ebenfalls in der 
ulpischen Bibliothek aufbewahrt*), die, wie wir gesehen 
haben, eine Reihe mannigfacher amtlicher Schriftstücke ent- 
hielt, weshalb die Benutzung derselben vielleicht nur auf 
ausdrückliche Erlaubniss des Stadtpräfecten hin gestattet war. ®) 

Für die Biographie des Probus benutzte Vopiscus die 
Ephemeris des Turdulus Gallicanvs, eines schon bejahrten, 
ihm befreundeten Mannes, dessen Ehrenhaftigkeit und Auf- 
richtigkeit er lobend anerkennt"); derselbe war wahrschein- 
lich Redactor der Ephemeris — procurator ab ephemeride^) 
— unter Probus gewesen.^) 

6. Die hella characiere historico digesta^^) scheinen — 
nach der Art und Weise zu schliessen, wie sie der Stadt- 



1) Tacit. bist. IV 40. 

2) Aur. 1, 6 u. 7: ephemeridas illius uiri scriptas habemus, etiam 

beUa charactere historico digeeta additis qiiae ad uitam per- 

tinent. quae omnia ex libris linteis, in quibus ipse cotidiana sua ecribi 
praeceperat, pro tua sedulitate condisces. 

3) Aur. 1, 6, B. Anm. 2. 

4) Aur. 1, 7 u. 10; 8, 1 und wohl auch 24, 7: in Vlpiae biblio- 
thecae libriB relegi. 

5) 8. Anm. 4. 

6) Schlosser in seinem und Bercht Archiv für Geschichte und Li- 
teratur I 88; vergl. Aur. 1,7: curabo autem, ut tibi ex Vlpia biblio- 
tbeca et libri lintei proferantur. 

7) Prob. 2, 2: et quoniam me ad colligenda talis uiri gesta ephe- 
meris Turduli Gallicani plurimum iuuit, uiri honestissimi ac sincerissimi, 
beneficium amici^Benis tacere non debui. 

8) vergl. die Inschrift bei Friedländer, Darstellungen aus der Sitten- 
geschichte Korns u. 8. w., I 158 1. Aufl. 

9) Friedländer a. a. 0. 159 glaubt, derselbe habe „auf Grund dieser 
Tagebücher" eine Biographie des Probus in Tagebuchform geschrieben, 
wie PalfiiriuB von Gallien (Gallieni duo 18, 6: legat Palfi^ium Suram, 
qui ephemeridas eins uitae comj^osuit). Diese Ansicht mag, was Pal- 
furius Sura betrifft, gewiss richtig sein; in Betreff des Turdulus Galli- 
canus nur möglicherweise, da die betreffende Stelle (Prob. 2, 2) eine 
solche Deutung wenigstens nicht fordert. 

10) Aur. 1, 6, 8. Anm. 2. 

3* 



36 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbescbreibungen. 

präfect Junius Tiberianus in dem betrefiFenden Gespräch mit 
Vopiscus mit den Ephemeriden in Verbindung setzt') — 
eine, yielleicht von Aurelianus selbst veranlasste, wenn auch 
nicht in ihrem ganzen Umfange, so doch in ihren einzelnen 
Theilen zusammenhängende^) Darstellung der von diesem 
Kaiser geführten Kriege zu sein. 

Die bis jetzt aufgezahlten und besprochenen Quellen bil- 
den gewissermassen eine geschlossene Gruppe, indem sie 
einerseits bloss Material boten, andererseits durchgängig einen 
streng amtlichen Charakter tragen. Schon etwas mehr, wenn 
auch wohl nicht zu viel verarbeitet, und nicht von so streng 
officiellem, zum Theil aber (N. 9) von jedenfalls officiosem 
Charakter sind die folgenden, von denen wir leider aber 
nicht mehr wissen, als was sich aus den scriptores historiae 
Augustae, zumal Flavius Vopiscus selbst, zusammensuchen lässt. 

7. CalUcrates von Tyrus, „weitaus der gelehrteste unter 
den griechischen Schriftstellern"^); aus ihm scheint Vopiscus 
hauptsächlich Wundergeschichten, besonders für den Aure- 
lian *) geschöpft zu haben ; wenn ihm Vopiscus deswegen das 
Lob der Gelehrsamkeit zuerkennen sollte, so wäre dies wie- 
derum recht bezeichnend für den Mann und ein weiterer Bei- 
trag zu den oben (S. 34) für die Charakteristik unsers Autors 
zusammengestellten Daten. 

8. TheocUuSy ein Geschichtschreiber der Kaiserzeit.*) 

9. Acholius , Hof beamter — magister admissionum — des 
Valeriana), von dessen „Acta" Vopiscus das neunte Buch citirt, 
aus welchem er die Beschreibung der Feierlichkeiten schöpft, 

1) a. a. 0. 

2) a. a. O. : quae velim accipias et per ordinem scribaa. 

3) Aur. 4, 2: Callicrates Tyrius, Graecorum longe doctissimus 
Bcriptor; citirt a. a. 0.: 4 idem. 6: addit. 7: idem auctor est. 5, 1: in 
eodem. 

4) Aur. 4 u. 5. 

5) Aur. 6, 4: Theoclius, Caesareanorum temporum scriptor; citirt 
a. a. 0. 6: Bupra scriptus auctor. 

6) Aur. 12, 4: quam fidei causa inserendara credidi ex Übris 
Acboli, qui magister admissionum Valeriani principis fuit, libro acto- 
rum eius nono. 



II. Literarische Prüfung. 37 

die bei der Adoption des Äorelian durch Ulpius Grinitos statt- 
fanden. ') Er ist wol, wie auch Salmasius^) vermuthet, iden- 
tisch mit dem von Aelius Lampridius citirten AcholiuS; der 
das Leben und die Reisen des Kaisers Alexander Severus be- 
schrieben hat.^) Was nun die von Vopiscus angeführten 
„Acta*' des Achohus gewesen sein mögen ^ wird sich schwer 
genau sagen l^sen. Ich glaube ; es waren eine Art Memoi- 
ren , die sich auf Aufzeichnungen stützten, welche mit den Er- 
eignissen gleichzeitig waren , und die der Verfasser entweder 
aus Priyatinteresse machte , oder weil dies ein Theil seiner 
amtlichen Thätigkeit war. Damit ist aber auch Alles gesagt^ 
was sich etwa aus dem yon Vopiscus erhaltenen Fragmente 
dieser ^^Acta^' über dieselben errathen lässt. 

10. Nicomachus, Dollmetscher der Zenobia, der seiner 
eigenen Aussage gemäss einen yon dieser dictirten Brief an 
Aurelianus aus dem Syrischen in's Griechische übersetzt hat. ^) 
Sonst ist nichts über ihn bekannt. 

11. Suetonius Opiatianus, Verfasser einer sehr einläss- 
liehen Biographie des Kaisers Tacitus. ^) 

12. Aurelius Fesitvus, ein Freigelassener des AureliaU; 
schrieb, sehr in's Detail gehend, über Firmus.^) 

13. Marcus Salvidienus , dessen Autorität Vopiscus für 
eine von ihm aufgenommene Rede des Satuminus anführt.^) 



1) Aur. 13 u. 14. 

2) zQ d. Stelle. 

3) Ael. Lampr. Alex. Seuer. 48, 7: contra autem et Septimius et 
Acholius et Encolpios uitae scriptores; a. a. 0. 64, 5: Acholioin, qui 
et itinera huios prineipis scripsit. Citirt a. a. 0. 14, 4. 

4) Aur. 27, 6: Eanc epistulam Nicomachus se transtulisse in Grae- 
cum ex lingua Syroram dicit ab ipsa Zenobia dictatam. MüUer, 
fragmm. histt. Graecc. III 664 glaubt, er habe eine „uita Aureliani^^ 
gescbieben, Oberdick, Ztschr. f. öst. Gymn. XTV 747, wohl mit mehr 
Recht eine „Tita Zenobiae". 

5) Tac. 11, 7: Suetonium Optatianum, qui eins uitam adfatim 
Bcripsit. 

6) Firm. 6, 2: quae de ülo Aurelius FestiuuB, libertus Aureliani, 
smgülatim rettulit. 

7) a. a. 0. 10, 4: Marcus Saluidienus hanc ipsiue orationem uere 
foisee didt. 



38 Julius Brunner: Vopiscus LebensbeBchreibungen. 

14. Onesimus , der eine sehr fleissige Biographie des 
Kaisers Probus lieferte^); merk'würdiger Weise nennt Vopiscus 
diese aber weder unter den von ihm für den Probus benutz- 
ten Quellen'), noch überhaupt im Verlaufe desselben, sondern 
erst in der Biographie des Bonosus, eines von Probus über- 
wundenen Usurpatoren, und in der des Carus. ^) Ob Vopiscus 
ihn für den Probus noch nicht benutzen konnte, oder nament- 
lich anzuführen vergass, ist nicht zu sagen. Eine andere 
Schrift dieses Autors ist es wahrscheinlich, die Vopiscus im 
Garus citirt. Vopiscus macht ihm den Vorwurf, dass er über 
das ausschweifende Leben des Carinus Einzelheiten bringe, 
welche das sittliche Gefühl verletzten.^) 

15. Fabius CerylUanm, der über die Zeiten des Carus, 
Carinus und Numerian schrieb^), und 

16. Fulvfus Asprianus, der in „ekelhafter" Breite die 
Thaten des Carus besprochen hatte. ^) 

Neben diesen schriftlichen Aufzeichnungen floss ihm aber 
auch noch die Quelle mündlicher Ueberlieferung: sein Gross- 
vater lieferte ihm^ aus dem Schatze seiner persönlichen Er- 
innerungen einige Beiträge^); vor allem verdanken wir diesem 
die Schilderung der Erhebung des Diocletian und einige Züge 
aus dem Privatleben dieses Kaisers^); einen Ausspruch des 
Diocletian hat Vopiscus aus dem Munde seines Vaters erfah- 
ren.^) In Betreff des ApoUonius von Thyana, der dem Aure- 



1) a. a. 0. 14, 4: ut Onesimua dicit, ^scriptor uitae Probi. Car. 
4,2: Onesimus enim, qui diligeutiBsime uitam Probi scripsit. 

2) Prob. 2, 1 u. 2. 

3) Firm. 13, 1; 14, 4; Car. 4, 2; 7, 3; 16, 1; 17, 1. 

4) Car. 16, 1: pudet dicere quod in litteras OnerimuB rettulit. 

5) Car. 4, 3: Fabiuß Ceryllianus, qui tempora Cari Carini et Nu- 
meriani solertiasime pcrsecutus est. 

6) a. a. 0. 17, 7: legat etiam Fuluium Asprianum usque ad tac- 
(Uum gestorum eius uuiuersa dicentis. 

7) Firm. 9, 4 (s. S. 1 Anm. 3); 16, 4; Car. 13, 3 (s. S. 2 Anm. 1); 
15, 1 u. 5 (s, S. 2 Anm. 3). 

8) Car. 13—15. 

9) Aur. 43, 2 (s. S. 2 Anm. 4). 



II. Literarische Prüfung. 39 

lian während der Belagerung dieser Stadt erschienen sein und 
ihn zur Milde ermahnt haben soll, beruft er sich auf „gewich- 
tige Männer."*) In Bezug auf eine von Äurelian angeord- 
nete tägliche Brodvertheilung^) stützt er sich ausser auf 
geschichtliche üeberlieferung auch auf die im Volke noch 
fortlebende Tradition.^) 

Ausser diesen die Quellen genau bezeichnenden Gitaten 
finden sich aber auch manche bald mehr, bald weniger un- 
genaue: libri Graeci^), Graeci^), plures^), nonnulli'), histo- 
rici®), alii®), fertur*®), perhibetur ' *), dicitur*^), multi*^), fere- 
batur*^), plerique^^), quidam'^), unus Graecorum*'), plerique 
Graecorum **), alius^®), praedicatur-®); er citirt auch gelegent- 
lich aus dem Gedächtniss.'^*) 

Das Quellenmaterial , auf dem die Darstellung des Yopis- 



1) a. a. 0. 24, 7: haec ego et a grauibus uiris conperi. 

2) Aar. 35, 1. 

3) a. a. 0.: quod et memoria tenet, et fides historica frequentauit. 

4) Aur. 1, 9; 15, 2. 
6) Aur. 1, 10; 16, 2. 

6) Aur. 3, 1; Car. 8, 2. 

7) Aur. 3, 1; 39, 9. 

8) Aur. 16, 2. 

9) Aur. 16, 2; 48, 3; 49, 3; Tac. 13, 5; Firm. 14, 1; Car. 7, 1; 
8, 2. 

10) Aur. 22, 6; 24, 3; 30, 4; 48, 3; Tac. 9, 6; Prob. 17, 5; Firm. 
4, 2; 11, 2; 12, 2; Car. 11, 3. 

11) Aur. 30, 3; Firm. 30, 2. 

12) Aur. 30, 3; 33, 3; 39, 8; Tac. 9, 8; Firm. 9, 4; 15, 4; Car. 

7 2. 

' 13) Aur. 33, 3; 37, 5; 48, 3; Prob. 3, 3; Firm. 5, 2. 

14) Aur. 33, 3. 

16) Aiu*. 39, 9; 49, 3; Tac. 7, 5; Car. 4, 1; 6, 1; 9, 1. 

16) Prob. 3, 2; 7, 5; Firm. 11, 1. 

17) Prob. 3, 3. 

18) Firm. 3, 1. 

19) Firm. 13, 1. 

20) Car. 11, 2. 

21) Aur. 5, 1, 8. S. 24 Anm. 2; 3, 2: legisse me memini auctorem. 
Aur. 15, 2: memini, me in quodam libro Graeco legisse. Prob. 3, 4: 
quod in ephemeride legisse me memini. Car. 4 , 4 : in ephemeride qua- 
dam legisse memini. 



40 Julius ßrunner: Vopiscus Lebcusbeschreibungen. 

cus fusst, ist, wie aus dem bisher Gesagten zu ersehen ist, 
im Grunde ein vortreffliches. Es besteht aus Berichten von 
Augen- und Ohrenzeugen (S. 38 und N. 9. 10), Aufzeich- 
nungen von mehr oder weniger streng amtlichem Charakter 
(N. 1 — 6); bereits vorhandenen Bearbeitungen des Stoffes, 
deren Entstehungszeit derjenigen der Ereignisse selbst noch 
viel näher liegt, da schon Vopiscus denselben zeitlich so nahe 
steht, und die dieser als fleissige und eingehende zu bezeich- 
nen nicht umhin kann (N. 7, 8, 11 — 15). 

3. Quellenbenutzung« 

Der Grad, in welchem die von Vopiscus benutzten Quel- 
len für uns noch erkenntlich sind, ist ein sehr verschiedener : 
er bringt, wie wir soeben gesehen haben, eine ganze Menge 
von Citaten, die bald mehr, bald weniger allgemein gehalten 
sind. Dagegen führt er oft seine Quelle namentlich an^), 
citirt das „Buch" der „Acta" des Acholius^); die Briefe haben 
mit wenigen Ausnahmen^) die volle Aufschrift; bei Senate- 
Verhandlungen ist immer das Datum und beinahe ausnahms- 
los der Ort verzeichnet.^) Mehrere Male führt er den Ort 
an, wo er gewisse Documente gefunden hat: das Archiv der 

1) Aur. 4, 2: Callicrates Tyriua dicit. Aur. 4, 4: 

idem dicit. Aur. 4, 6: addit (scü. Callicrates Tyrius). Aur. 4, 7:. idem 
auctor est. Aur. 5, 1; multa superflua in eodem legisse memini; quippe 
qui etc. Aur. 6, 4: refert Theoclius . . . Aur. 27, 6 s. S. 37 Anzn. 4. 
Aur. 43, 2 s. S. 2 Anm. 4. Tac. 9, 2, 3, 4 u. 6: in eadem oratione. 
Tac. 11, 7 8 S. 27 Anm. 6. Prob. 3, 4 s. S. 39 Anm, 21. Prob. 6, 1: 
Nunc quantum ex ephemeride colligi potuit. Firm. 9, 4 s. S. 1 Anm. 3. 
Firm. 10, 4 s. S. 37 Anm. 7. Firm. 13, 1: ut Onesimus dicit. Firm. 
14, 4: 8. S. 38 Anm. 1. Firm. 15, 4: ut et avus mens dicebat. Car. 

4, 1: Onesimus contendit. Car. 4, 3: sed Fabius 

Ceryllianus adserit. Car. 4, 4: s. S. 39 Anm. 21. Car. 

7, 3: quod Onesimus dicit. Car. 13, 3 s. S. 2 Anm. 1. Car. 16, 1 u. 6 

8. S. 2 Anm. 1. Car. 16, 1 s. S. 38 Anm. 4. Car. 17, 6: ut Onesimus 
dicit. Car. 17, 7 s. S. 38 Anm. 6. 

2) Aur. 12, 4 s. S. 36 Anm. 6. 

3) Aur. 7, 5 u. 11. Prob. 6, 5. 10, 6. 15, 1. 17, 5. 

4) Aur, 19, 1: Die tertio iduum lauuariarum. Aur. 41, 3. cum die 
III nonarum Fcbruariarum senatus amjjlissimus in curiam Pompiliauam 



n. Literarische Prüfung. 41 

Stadtpräfectur *), die ulpische Bibliothek^ ja sogar den Schrank 
in derselben^); im Anfang des Aurelian und Probus gibt er 
ein Verzeichniss der von ihm dazu benutzten Quellen^); es 
ist daher gewiss nur ein Zufall, wenn er an einer Stelle^) 
die Quelle, die ihr zu Grunde liegt, nicht geradezu nennt. 

Das Schema, nach welchem Vopiscus seinen Stoflf ein- 
getheilt hat, ist, wie schon Heyne bemerkt^), das nämliche, 
nach welchem der als Muster angeführte^) Suetonius gearbei- 
tet hat. Nach einer Einleitung, worin er entweder die Ver- 
anlassung zur Abfassung der Schrift erzählt"), oder die sonst 
litterarisches ^) oder historisches^) Raisonnement oder beides 
zusammen ^^) enthält, bespricht er zunächst das Leben der 
betreffenden Kaiser vor ihrer Thronbesteigung^^), dann die 
Art und Weise, wie sie ihr Regiment geführt haben, zunächst 
nach aussen ^2), dann innen ^^), und schliesslich ihr Privat- 
leben. ^») 

Am umfangreichsten ist der Aurelianus ausgefallen, we- 
niger Probus, trotz der längern Regierungszeit dieses Kaisers 
und der Vorliebe, mit der unser Autor an die Biographie 



conuenisset. Tac. 3, 2: Die VII kal. Octob. cum in curiam Pompi- 
lianam ordo amplisBinius consedisset ... Prob. 11, 5: Die III non. 
Feb. in aede Concordiae . . . 

1) Aur. 9, 1 8. S. 31 Anm. 8. 

2) Aur. 8, 1: Inueni nuper in Vlpia bibliotheca inter linteos libros 
epistolam divi Valeriani . . . Tac. 8, 1 u. 2 s. S. 33 Anm. 1. 

3) Aur. 1, 6 u. 7, 9 u. 10; Prob. 2, 1 u. 2. 

4) Tac. 3 — 8. Quelle sind entweder die acta senatus oder die acta 
popuü, oder beide zusammen; für 7 u. 8 (Kedcn des Stadtpräfecten 
Aelios Cesettianus , des Gardepräfecten Moesius Gallicanus und des 
Kaisers Tacitus selbst) jedoch nur die acta populi. 

5) „censura sex scriptorum historiae augustae'' in opp. acc. VI 60. 

6) Prob. 2, 7 8. S. 21 Anm. 7. Firm. 1, 1 s. S. 21 Anm. 8. 

7) Aur. 1 u. 2. 

8) Firm. 1. 

9) Tac. 1. Car. 1—3. 

10) Prob. 1 u. 2. 

11) Aur. 3—17; Prob. 3—9; Car. 4—6. 

12) Aur. 18—36; Tac. 13; Prob. 10—18; Car. 7, 8, 12, 13. 

13) Aur. 38, 39, 46—48; Tac. 9, 10; Prob. 19; Car. 19, 20. 

14) Aur. 49, 50; Tac. 11. 



42 Julius Brunner: Vopißcus Lebensbeschreibungen. 

desselben gieng^), wofür der Hauptgrund wol in dem auch von 
ihm beklagten Mangel an Qüelleu liegt.*) Innerhalb des 
eben im Ganzen und Grossen angedeuteten Rahmens nun be- 
wegt sich die Darstellung des Yopiscus. Einen verhältniss- 
massig grossen Baum nimmt die wortliche ^ theils vollstän- 
dige^), theils auszugsweise*) Wiedergabe der Quellen ein. 
Oft sind dieselben nur so leicht überarbeitet, dass man 
mit einiger Sicherheit vielleicht ihren Wortlaut wieder 
herstellen könnte.^) Wenn er die Quelle vollständig mit- 
theilt, so liebt er es entweder vor*), seltener aber 

1) Tac. 16, 7 : Haec ego in aliorum uita de Probo credidi praelibanda, 
ne dies hora momentum aliquid dbi uindicaret in me necessitate fatali 
ac Probo indicto deperirem. Prob. 21, 1: Long^us amore imperatoris 
optimi progredior quam pedeetris sermo doBiderat. 

2) Prob. 1,3; Probum principem Bcriptorum in- 

opia iam paene nescimus. 

3) Aur. 7, 8, 9, 11, 12, 17, 20, 23, 26, 3 u. 7; 27, 31, 38, 41, 
1 u. 3; 47. Tac. 3—8, 18, 19; Prob. 4, 1 u: 3; 6, 6; 6, 2 u. 6; 7, 3; 
10, 6; 11,2 u. 5; 12, 16, 17, 6. Firm. 8, 10, 12, 7; 16, 6 u. 8. Car. 4. 

4) Aur. 16, 1; 20, 1. Tac. 19, 6. Prob. 6,* 1, 8, S. 26 Anm. 6. 
Tac. 11, 7, 8. S. 27 Anm. 6. Tac. 7, 4: et reliqua quae solent dici. 
Firm. 6, 6: et reliqua. Car. 6, 1: inter cetera. Gar. 6, 3: et reliqua. 
Car. 8, 6: inter cetera. 

5) Aur. 4. Tac. 9, 2 ff. 

6) Aur. 9, 1: Yaleriani . . epistola, quae laudes illius continet. 

Aur. 26 , 2 : Epistula in qua de buius belli difBcultate ultra pu- 

dorem imperialem fatetur. Aur. 26, 6: Litt6ra8 ad Zenobiam misit 
deditionem illius petens. Aur. 27, 1 s. S. 13 Anm. 2. Aur. 31, 4: cru- 

delitas denique Aureliani eatenus extitit ut epistula eiu8 feratur 

confessionem immamssimi furoris ostentans . . . Aur. 38, 3: Fuit sub 
Aureliano etiam monetariorum bellum Felicisaimo rationali anctore. 
quod acerrime seuerissimeque conpescuit septem tamen milibus Buonun 
militum interemtis , ut epistola docet .... Aur. 47 , 1 : Panes urbis 

Romae uncia de Aegyptio uectigali auxit, ut quadam epistula 

ipse gloriatur. Tac. 12, 1: singuli denique senatores ad suos scriberent^ 
nee ad suos tantum sed etiam ad extemos, mitterentur praeterea litterae 
ad proviucias : scirent omnes socii omuesque nationes, in antiquum sta- 
tum redisse rem p. ac senatum prineipes legere, immo ipsum senatum 
principem factum, leges a senatu petendas, reges barbaros senatui 

supplicaturos , pacem ac bella senatu auctore tractanda. nequid 

vergl. S. 26 Anm. 1. Prob. 3, 6: extat epistola Yaleriani . . qua Pro- 
bum laudat adhuc adolescentem et imitatloni omnium ])roponit. Prob. 
6, 6: qui Probo decimanos tradidit sub buius modi teslimo- 



II. Literarische Prüfung. 43 

nach*) der wörtlichen Einfügung der Quelle in ein paar 
Worten gewissermassen die Quintessenz derselben zu ge- 
ben. Diese Manier^ stellenweise die Darstellung durch 
Eiinführung des rohen Quellenmaterials zu ersetzen, so- 
wie das Anbringen von Anekdoten und Auslassungen, die, 
wie wir oben gesehen, oft nur sehr lose mit dem gerade zu 
behandelnden Gegenstand zusammenhängen, das Nachtragen 
von Vergessenem und üebergangenem^), das Einflechten von 
Reflexionen 3), stören den Fortgang der Darstellung, zumal da 
oft ihr Umfang in keinem Verhältniss steht zu demjenigen 
der Gesammterzählung. Vopiscus ist, wie wir sehen, seinem 
Vorsatze, der künstlerischen Gestaltung des Stofies keine 
Rücksicht zu tragen, treu geblieben und der einzige Stand- 
punkt, von dem aus wir seine Kaiserbiographien beurtheilen 
und werthen dürfen, ist derjenige, den er selbst uns anweist, 
indem er seine Darstellungen als blosses Material bezeichnet. ^) 



B. Specieller Theil. 

Wir gehen nun zur eingehenden Prüfung der von Vopis- 
cus gebrachten Nachrichten über, wodurch wir nicht nur ein 
vollständigeres Bild unsers Autors, sondern auch, soweit es 
möglich ist, eine klare Erkenntniss der von ihm berührten 
Ereignisse zu gewinnen versuchen werden. Ich werde die 
Angaben des Vopiscus der Einfachheit wegen in der Beihen- 



nio. Car. 4,5: ipse . . . . ut epistola eius indicat Ro- 

manuB uolt uideri. 

1) Aur. 8, 5: Haec epietula indicat, quantae fuerit seuentatis, ut 
illam Yalerianus etiam timuisse so dicat. Aar. 11, 10: His quoque lit- 
teris iudicatur, quantus fuerit Aurelianus . . . Aur. 31, 10: Hae litterae, 
ut nidemus, iudicant eatiatani esse immanitatem principis duri. Prob. 
6, 7: £x quo intellectmn est, Aurelianum in animo hoc habuisse, ut, si 
quid aibi scienti prudentique eueuiret, Probum principem faceret. 

2) Aur. 37, 5; 38, 1; Tac. 16, 1—6. 

3) Aur. 3, 2 — 5; 15, 3—6; 24, 8 — 9; 42. 43. Tac. 16, 6. Prob. 22. 
23. Firm. 6, 3 ff. 

4) Gar. 21, 2 s. S. 25 Anm. 2. 



44 .TiiliiiB Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

folge untersuchen ; in der sie uns derselbe bietet und dann 
am Schlüsse das Gesammtresultat formiren. 

1. Aurelianus. 

3,1 und 2 stellt Vopiscus die verschiedenen, wenn auch 
nicht weit auseinandergehenden Notizen über den Geburtsort 
Aurelian's zusammen ; er entscheidet sich für keine derselben 
ausdrücklich; er hält es überhaupt für unwichtig, solche 
Dinge genauer zu untersuchen und argumentirt mit Plato, 
Aristoteles, Zeno und Anacharsis. Man denkt heutzutage 
darüber freilich ganz anders und mit Recht. ^) Wenn eine 
Version Aurelian in der „Dacia Ripensis" geboren werden 
lässt, so mag dies darauf beruhen, dass Aurelian bekannter- 
massen der Gründer der, später wenigstens, so genannten 
Provinz „Dacia Ripensis" wurde ^), und sie daher vielleicht, 
eine Zeit lang wenigstens, seinen Namen trug.') Die be- 
treffende Notiz des Vopiscus ist freilich sonst nirgends bezeugt, 
findet aber gewiss dadurch eine Bestätigung, dass eine Ueber- 
lieferung entstehen konnte, welche, wahrscheinlich fussend 
auf dem Namen der Provinz, dieselbe zur Heimat Aurelian's 
machte; einige nur hielten Moesien dafür, die Mehrzahl 
Sirmium, und Vopiscus selbst scheint sich dieser Ansicht 
zuzuneigen, wenn er (Aur. 24, 3) Aurelian als einen „homo 
Pannonius'' bezeichnet. Dass er niedriger Herkunft gewesen 
sei, sagt Vopiscus selbst noch einmal (Aur. 4, modicis ortus 
parentibus) un des stimmt damit eine fernere Nachricht über- 
ein, die seinen Vater zu einem Pächter eines Senators Aure- 
lius macht.*) Von diesem mag er auch seinen Namen be- 
kommen haben. 



1) Bernhardt, Geschichte Roms von Valerian bis zu Diocletians 
Tode, 144. 

2) Jordanis, de bri'viatione temporum, (ö. Wattenbach, Deutach- 
lande Geschichtsquellen etc. 51. 1. Aufl.) bei Muratori, scriptt. rerum 
Itall. I 233. Aurelianusque imperator, evocatus exinde legionibus in 
Moesia collocavit ibique aliquam partem Daciam Mediterraneam Da- 
ciamqne Ripeusem constituit. 

S) Aur. 39, 7: appellauitque suam Daciam. 

4) Aur el Victor ep. 35, 1: Aurelianus, genitus patri mediocri, et ut 



II. Literarische Prüfung. 45 

4, 2 erzählt Vopiscus, auf Callicrates Tyriiis sich be- 
ziehend ^ dass die Mutter des Aurelian Priesterin des Sonnen- 
gottes gewesen sei. Die Verehrung, die Aurelianus sein 
ganzes Leben lang für diesen gehegt, ist bekannt: er hat 
ihm in Rom einen prächtigen Tempel gebaut'), liess einen 
bei Palmyra von seinen Soldaten zerstörten Sonnentempel 
wieder aufbauen^); einzelne seiner Münzen tragen auf dem 
Revers das Bild der Sonne mit der Umschrift: SOL. DOMI- 
NVS. IMPERL R0MANL3) 

Ob diese Geistesrichtung des spätem Kaisers zurückzu- 
führen ist auf Eindrücke, die er in früher Jugend schon 
empfangen hat, oder ob das umgekehrte Verhältniss statt- 
findet und sein späteres Verhalten der Grund zu dieser Er- 
zählung vnirde, ist nicht zu sagen. ^) Uebrigeus war bekannt- 
lich der Sonnencult, resp. Mithrasdienst, in den Heeren der 
römischen Kaiserzeit sehr verbreitet. 

5, 2 spricht er von einer Gesandtschaft nach Persien, 
an der Aurelian soll theilgenommen haben, weitere Andeu- 
tungen über die Zeit derselben u. s. w. scheint Vopiscus aber 
für überflüssig zu halten. Sie muss wol vor der Gefangen- 
nehmung Valerian's durch die Perser stattgefunden haben. *^) 

7, 1 erwähnt Vopiscus einer WaflTenthat des Aurelian bei 
Mainz; wenn ihn Valerianus in einem Briefe (Aur. 8, 4) 
^^Galliarum restitutor" nennt, so ist der Ausdruck doch zu 
volltonend, wenn er sich nur auf die von Vopiscus bezeich - 



quidam ferunt, Aurelii clariBsimi senatoris colono iuter Daciam et Ma- 
cedoniam. 

1) Aur. 25, 6: et Romae Soli templum posuit malore honorificen- 
tia consecratum. a. a. 0. 35, 3: templam Solis fandauit et porticibus 
roborauit. a. a. 0. 39, 2: Templum Solis magnificentisaimum constituit. 
Ausserdem noch erwähnt: Aur. 1, 3; 10, 2; 28, 5; 48, 4; Tac. 9, 2; 
Firm. 3, 4. 

2) Aur. 31, 7: templum sane Solis, quod apud Palmyram aquiliferi 
legioniB tertiae cum uexüliferis et draconario et comicinibuB atque liti- 
cinibus diripuerunt, ad eam formam uolo quae fuit reddi. 

3) Eckfael, doctrina numorum Vfl 483. 

4) Bernhardt a. a. 0. 
6) a. a. 0. 148. 



46 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

nete That beziehen sollte. Die Stelle ist aber, wie Bern- 
hardt ganz richtig bemerkt ^)^ fragmentarisch und meldet -aus 
einer Reihe von Erfolgen nur diese eine Probe personlicher 
Tapferkeit. 

8. Die Aechtheit dieses Briefes ist bezweifelt worden 
von Düntzer^), weil 1) der Adressat^ der Consul Antoninus 
Gallus, nicht nachzuweisen sei, 2) der Kaiser Valerian doch 
unmöglich seinen Sohn Gallienus dem Aurelian deswegen nicht 
habe anvertrauen wollen, weil dieser zu streng sei, während 
er ihn dem Posthumus übergab, der doch nach des Valerian 
eigenem Urtheil ^) gerade sehr streng sei , 3) Valerian seinen 
Sohn, der damals fünfunddreissig Jahre alt war, doch un- 
möglich habe als „puer^^ bezeichnen können; daraus schliesst 
denn Düntzer, dass der Brief untergeschoben, sei es, dass 
Vopiscus der Betrogene oder selbst der Betrüger sei. Der 
Umstand, dass der Consul Antoninus Gallus nicht nachzu- 
weisen ist, kann auf keinen Fall in's Gewicht fallen; wenn 
wir die Aechtheit solcher Briefe davon sollten abhangig 
machen, so müsste wol die Mehrzahl der uns von Vopiscus 
mitgetheilten als unächt verworfen werden. In den Fasten 
werden nur die „consules ordinarii", nicht aber die „consules 
suffecti'' aufgeführt^), deren es in jener Zeit bekanntermassen 
eine ganze Menge gab, und ein solcher kann doch dieser 
Antoninus Gallus gerade gewesen sein. 

Die „seueritas'', ferner, die Valerian an der betreffenden 
Stelle an Posthumus lobt, ist vermuthlich etwas anderes als die 
„seueritas" des Aurelian, von der er für seinen Sohn fürchtet; 
bei jenem ist es das, was wir „Strenge" nennen, bei diesem 
mehr „Grausamkeit'', bekanntlich ein hervorstechender Cha- 
rakterzug dieses Mannes. Der dritte Einwand Düntzer's, dass 



1) a. a. 0. 20 Anin. 1. 

2) Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden in den Rhein- 
landen IV 48. 

.S) in einem Briefe: Treb. Pollio, trig. tyr. 3, 9: uirum dignissi- 
nium seueritate üallorum. 
4) Becker. II .S, 237. 



11. Literarische Prüfung. 47 

der Kaiser von seinem Sohne und damaligen Mitregenteu 
unmöglich habe so sprechen können, wie er es in diesem 
Briefe thut, ist allerdings der gewichtigste. Ob aber dess- 
halb eine Fälschung darf angenommen werden , ist doch sehr 
fraglich. Jeder Fälschung muss irgend ein Interesse zu 
Grunde liegen; wer konnte nun ein Interesse daran haben, 
einen Brief zu erfinden, der im Grunde nichts weiter ent- 
hält als einen neuen Beleg für die grausame Sinnesart Aure- 
lians? Jedenfalls nicht Yopiscus, der dieser Belege eine 
ganze Menge schon hat*) und diesen neuen jedenfalls nicht 
mehr braucht; ebenso wenig die von Vopiscus benutzte 
Quelle, die libri lintei^ d. h. die Ephemeriden des Kaisers 
Äurelian.^) So lange nicht das Interesse kann nachgewiesen 
werden, das der Fälscher hier verfolgte, so lange wird auch 
keine Fälschung dürfen angenommen werden. Wir werden 
versuchen müssen die Schwierigkeiten hinwegzuräumen, oder 
unsere Ohnmacht eingestehen. Den ersten — indirecten — 
Erklärungsversuch machte Gasaubonus in einer Anmerkung 
zu Treb. PoUio trig. tyr. 3, 1 , in welchem er aber den Gal- 
lienus, Sohn des Valerian, und den Gallienus, Enkel des 
Yalerian, nicht gehörig unterscheidet. Clinton (11 55,) nahm 
einen zweiten Sohn des Valerian an, der ebenfalls Gallienus 
geheissen hätte. Die Annahme Clinton's mag doch etwas 
zu willkürlich sein und allzusehr blos in der Luft schweben, 
und da ein dritter Weg die Schwierigkeit zu losen wol kaum 
vorhanden sein wird, werden wir mit Gasaubonus annehmen 
müssen, dass hier Valerian von seinem Enkel Salononinus 
Gallienus spreche, denselben aber allerdings ungenauer Weise 
als „filium^' bezeichne. 

9. Der Adressat des hier mitgetheilten Briefes, der Stadt- 
präfect Geionius Albinus ist gewiss identisch mit dem Stadt- 
präfecten des Jahres 256, Nuramius Albinus.') 



1) 8. oben S. 12 Anm. 6. 

2) 8. oben S. 35. 

3) vergl. das Verzeichniss der Stadipräfecten bei Mommsen, der 
Chronograph v. 354. 627. 



48 Julius Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

10; 2 usgue adeo ut eiiäm ülpii Criniti 

uicetn sumeret. VergL in der Kede des ül- 

pius Crinitus (14, 6) . . . quem (seil. Aurelianum) mihi uicariwn 
iudicii tut auctoritate fecisti. 

13. Memmius Tuscus, consul Ordinarius, ist der Consul 
des Jahres 258.^) 

15, 2: mandatum esse Crinito a Valeriano, ut Aurelianus 
adoptareiury idcirco praecipue quod pauper esset . . . Die Armuth 
Aurelians bezeugt Valerian selbst mehrfach, 11, 9: leuanda 
est enim paupertas eorum hominum qui diu in re publica Vivan- 
tes, pauperes sunt, und 12, 1: cui (seil. Aureliano) consuiatum 
detvlimus ob paupertatem . . . 

16, 1 : ut post eum (seil. Claudium) Quintillo quoque fratre 
interempto solus teneret imperium; mit diesen Worten hat 
Vopiscus, sich selbst vielleicht nicht ganz klar bewusst, das 
Verhältniss zwischen Aurelian und Quintillus richtig bezeich- 
net, indem beide eine Zeit lang neben einander regierten. 
Später (37, 5 und 6) bringt er allerdings dann eine deutlich 
ausgesprochene Nachricht darüber. Nachdem nämlich Clau- 
dius in Sirmium gestorben war^), wurde daselbst Aurelianus 
zum Kaiser ausgerufen; ja Claudius selbst soll denselben zu 
seinem Nachfolger bestimmt haben '^), zu gleicher Zeit aber 
in Italien, wie Vopiscus in der angeführten zweiten Stelle*) 
wohl ganz richtig sagt, und unter dem Einfluss des Senates ^), 



1) fasti condulares a. a. 0. 622. 

2) Stadtchronik bei Mommseu a. a. 0. 648: Excessit Sirmi. Zou. 
Xll 26: *€v bä Tip Cip)üi(uj öittTpißujv ö KXaöbioc ^vöcnce . . .-Malalae 
XII pag. 299 ed. Bonn, ö h^ aCitöc ßaciXcOc KXauötoc ^v tiS) CipMtiij ifv 
TroX€|üiüöv KdK€lc€ TcXcuT^. Chron. Paschale I 508 ed. Bonn. KXaObioc 
TcXtuT^ ^v Cip)üi(a;. 

3) Zon. a. a. 0. Kai cuTxaXdcac (seil, ö KXaöbioc) tö Xoyi)üii6t€pov 
Toö CTpaT€Ö|üiaToc ir€pi ßaciX^wc bieiX^x^n aöxoic, Kai t6v AöpriXiav^v 
dEiov Tf^c ßaciXeiac eine TUTXdv€iv. €lcl ö' ol X^touciv, öti Kai aöriKO 
ßaciX^a dveiTTCv aÖTÖv. 

4) Aur. 37, 6: nam multi ferunt, QuintiUum, fratrem Claudii, cum 
in praesidio Italico esset, audita morte Claudii sumpsisse imperium. 
Damit stimmt die Stadtchronik bei Mommsen a. a. ü,: occisus Aquileia. 

5) Zon. a. a. 0. ?vioi bi X^fouci, ti^v cutkXtitov iv 'Plii^l3 ^aeoO- 
cav TOÖ KXauöiou töv edvaxov, KuvTiXiavöv töv d6€Xq)öv ^kcCvov, b\ä 



IL Literarische Prüfung. 49 

QuintilluS; der Bruder des Claudius. Er scheint aber beim 
Heere wenig Rückhalt gefunden zu haben ^ denn sobald die 
Erhebung Aurelians bekannt geworden war^ nahm sich Quin- 
tillus das Leben. ^) 

Diesen Entschluss fesste Quintillus wahrscheinlich in 
Folge des offenen Abfalls des Heeres und des vergeblichen 
Versuchs dasselbe zum Gehorsam zurückzubringen ^ wie uns 
Vopiscus in jener nachträgliehen Notiz weiter meldet.^) 
Wenn A^opiscus an diesem Orte die Regienmgszeit' des Quin- 
tillus auf zwanzig Tage angibt; so nähert er sich damit der 
Mehrzahl der Quellen ^ welche dieselbe siebzehn Tage dauern 
lassen ^)^ gegenüber Zosimus^ der sagt; Quintillus hätte we- 



t6v irp6c KXa06iov iröeov dSidicat Tf)c ßaciXciac, tö bi CTpariwriKÖv 
dvatopeOcai töv A6pr)Xiav6v. Eutr. IX 12: consensu senatus appella- 
ins Augustus. Wenn dagegen Polüo (Claud. 12, 3) sagt: ,,delatum sibi 
onmium iudicio suscepit imperium, non hereditarium sed merito uirtu- 
tum, qui factuB esset imperator, etiamsi frater Claudii principis non 
fuisset'S so ist das natürlich nichts als Phrase. 

1) Zos. I 47 Kuvt(XXou Kard xivac tu»v XotoitoiOöv Otto tOuv dTiiTii- 
6€(ujv cujißouXeuO^vToc, ä^a xCfi Tvuüvai tV)v ßactXeiav AöpT^Xiaviij irapabc- 
6ofi4vT)v, ^auTöv öircHoraTclv kqI ^KÖvra rf^c dpx^c dirocrf^vai tCi) iroX- 
Xiji Kp£(TTovi. ö bi\ Kai ireicoiriK^vai X^cxai, xuiv iarpuiv tivöc <pX^ßa 
T€fi6vToc aÖTip Kai ivböynoc ^cOcai t6 al|ua, ^i^XP^c oöoc ^t^vcto. Zon. 
a. a. O. hat eine etwas anders gefärbte Relation . . . ö KuvriXiavöc 

ILiaOUiv Tfjv dvdppnciv toO Aöpr|XiavoO, ^auxöv dvctXc, rcfidiv Tfjv 

9X^ßa Tf^c olKciac x^^P^^* ^al t^^^kcIOcv toO a\VaToc ^vairo^iOSac {)oQ. 
PolUo, der den Bruder seines Helden nicht zu einem feigen Selbst- 
mörder stempeln will, lässt ihn durch die Soldaten getödtet werden, 
imd deutet das wahre Sachverhältniss nur sehr unbestimmt an. Claud. 
12, 5 u. 6: nam septima decima die, quod se grauem et serium contra 
militea ostenderat ac uerum principem pollicebatur, eo genere quo 
Galba, quo Pertinax interemptus est. et Dexippus quidem Quintillum 
non dicit occisum, sed tantum mortuum. nee tamen addidit morbo, ut 
dubium sentire uideatur. 

2) Aur. 37, 6: uerum postea, nbi Aurelianum comperit imperare, a 
toto ezerc^tu eum derelictum; cumque contra eum contionaretur nee a 
militibuB audiretur, incisis sibimet uenis die uicesimo imperii sui perisae. 
Darauf weisen auch vielleicht die Worte des Treb. Follio a. a. 0.: 
„quod se grauem et serium contra milites Obtenderat*' hin. 

3) Treb. Pollio a. a. 0.: septima decima die. Zon. a. a. 0: ^irra- 
Ka(öeKa ^6vac f^iii^pac 6veipUi£ac üjcirep Ti\y aOrapxiav. Die übrigen 
Quellen, z. B. Eutrop, Hieronymus etc., sind abgeleitet. 

Untersuch, z. R/iiii. Kaiscrgesoh. II. 4 



50 Julias Brunner: Vopiscus Lebensbeschreibungen. 

uige Monate regiert J) Die Menge von Münzen des Quin- 
tillus, worunter sogar alexandrinische^), spricht für die An- 
gabe des ZosimuS; sowie diejenige der Stadtchronik ^) , die 
ihm siebenundsiebzig Tage gibt. Da die Version, welche 
dem Quintillus jene unverhältnissmässig kurze Regieiiingszeit 
beilegt, keine junge ist und sogar bei Trebellius Pollio er- 
scheint, so kann sie doch wol nicht aus der Luft gegriffen 
sein; ich muss liier aber auf den Versuch verzichten, ihre 
Entstehung zu erklären und sie eventuell mit derjenigen des 
Zosimus zu combiniren. 

Die Reihenfolge, in welcher Vopiscus die Ereignisse dem 
Leser vorführt, ist eine confuse: nachdem er in der knapp- 
sten Weise vom Tode des Claudius und Quintillus und der 
Erhebung des Aurelian gesprochen, kommt er wieder auf 
die Zeiten des Claudius zurück (16, 4 und 17), dann wieder 
auf die Erhebung Aurelians (17, 4: atque ipse siatim, ui supra 
diximusy consensu omnium ^) legionum f actus est imperator), dann 
wieder auf kriegerische Leistungen Aurelians unter Claudius 
(18, 1) imd den Uebergang zu der Regierung des Aurelian 
bildet die Erwähnung von Kämpfen desselben (18, 2), von 
denen man nicht genau weiss, ob sie schon unter diesen 
oder noch unter jenen fallen, imd in einer nachträglichen 
und sehr beiläufigen Notiz ^) endlich spricht Vopiscus dann 
eingehender über die Erhebung und den Fall des Quintillus. 
Ebenso ist das, was er über den Tod des^Aureolus sagt, im 
Grunde unpassend angebracht. Veranlasst wurde er dazu 
durch den Umstand, dass unter den mannigfachen Versionen 
darüber sich eine findet, nach welcher Aurelian den Aureolus 
getodtet hätte, sei es mit, sei es ohne Auftrag des Claudius, 
nach einer dritten soll er damals sogar schon Kaiser gewesen 

1) a. a. 0. KuvriXXou öXitouc xe ßiuOcavToc ^f)vac. 

2) Eckhel a. a. 0. 478. 

3) bei Mommaen a. a. 0.: Quintülas imp. dies LXXVII. 

4) der Ausdruck „omnium legionum" ist wol etwas zu voll, denn 
die Zustimmung der italischen Legionen kam doch erst nachträglich. 

ö) Sie wird oing(^leit«t durch die naiven Worte (87, 6): Quia )>or- 
tinet ad Aurclianum. 



Tl. Literarische Prüfung. 51 

seinJ) Vopiscus entscheidet sich für keine derselben^), aber 
das musste er, der die Schriften des Trebellius PoUio kennt ^), 
wissen und sagen , dass die dritte unmogUch richtig sein 
könne, da ja Aureolus noch unter Gaudius umkam. 

16, 4. Unter den „Meotides*^ sind vielleicht die unter 
Claudius in's romische Gebiet eingebrochenen Völker zu ver- 
stehen, die bei Trel)ellius PoUio (Claud. 8, 4 in dem Briefe 
des Claudius an Brocehus) Gothen , bei Zosimus (I 42) 
Scythen heissen; vergl. im folgenden Briefe (17, 4): ,,ego 
aliis rebus occupatus summam belli illius uirtutibus iuis 
credo*' mit Treb. Pollio, Claud. g, 2: denique'Scythamm dt- 
tiersi poptüi, Peuci GnUungi Austrogoti Virtingui Sigypedes, 
Celtae eliam et Erult, praedae cupidiiate in Romanvm solum 
inmperunt atque illic pleraque tiastaruntj dum aliis occupa- 
tus est Claudius, Die Form Maeotides für „Maeotae^^ oder 
Maeotici ist unerhört. Zonaras (XII, 26) sagt von den näm- 
lichen Völkern, von welchen Vopiscus hier spricht: ßapßd- 
puiv öia TTic MaiuiTiboc biaßdvTuiv. Etwas ähnliches, vielleicht 
„a Meotide^^, wie Tac. 13, 2, hat wahrscheinlich in der 
Quelle des Vopiscus gestanden, und daraus wurde bei seiner 
flüchtigen und oberflächlichen Weise „Maeotides". 

18 spricht Vopiscus von den eben erwähnten Kämpfen 
gegen Sueben und Sarmaten in so unbestimmter Weise, dass 
man nicht weiss, hat Aurelian diese geliefert, als er noch 
Feldherr des Kaisers Claudius, oder als er schon Kaiser war. 
Wenn wir die Worte: „isdem temporibus'' streng nehmen 
wollen, so müsste das erste der Fall sein. Diese Kämpfe 
sind in diesem Falle weiter nicht bezeugt und es ist doch 
kaum anzunehmen, dass unser Autor die Völker, die, wie 
er aus dem Briefe des Kaiser Claudius sehen konnte, Gothen 



1) 16 , 2 hoc loco tanta est diuersitas historicorum, et quidem Grae- 
corum, ut alii dicaot, inuito Claudio ab Aareliano Anreolum interfectum, 
alü mandante ac uolente, alii ab imperatore iam Aureliauo eundem oc- 
ciaum, alii uero adhuc priuato. 

2) 16, 3: sed haec quoque media relinqaemus, ab ipsis petenda, 
per quoB in litteras missa sunt. 

3) Aur. 2, 1; Firm. 1, 3. 

4* 



52 Julius Brunner: VopiscuB Lebensbeschreibungen. 

waren ^ die er selbst soeben ;,Meotide8^^ genannt hat^ nun 
noch einmal als Sueben und Sarmaten aufführt. Wenn wir 
femer die Art und Weise betrachten, in der Vopiseus ohne 
jeden Uebergang von den Kämpfen des Aurelian gegen die 
in Italien selbst eingebrochenen Volker spricht, die unzwei- 
felhaft schon unter die Regierung dieses Kaisers fallen, so 
werden wir wol richtig gehen, wenn wir darin Andeutungen 
(allerdings sehr ungenügende) von kriegerischen Ereignissen 
sehen, die unter Aurelian stattfanden.^) Eine eingehende 
Darstellung dieser Ereignisse ist uns erhalten in den zwei 
Fragmenten des Dexippus.^)^ Die Volker heissen bei diesem 
aber Juthungen (louGouTTOi CkuGqi) und Vandalen (BavöfiXot). 
Nachdem Aurelian die ersten an der Donau besiegt, begehren 
sie Unterhandlungen mit ihm anzuknüpfen; er bestellt sie 
auf den folgenden Tag und empfangt sie dann im vollen 
Glänze eines romischen Imperators ; einen Augenblick liessen 
sie sich .dadurch imponiren; ihre Ansprache aber war voll 
Selbstgefühl, sie rühmten sich ihrer Erfolge, der üner- 
schÖpfUchkeit ihrer Streitkräfte und begehrten wieder in ein 
freundschaftliches Verhältniss zu den Römern zti treten, vor 
allem aber, dass der ihnen bis dahin ausbezahlte Tribut auch 
ferner zugestanden werde. Die Antwort Aurelian's war eine 
abschlägige, sogar drohende; bestürzt kehrten die Gesandten 
zu den Ihrigen zurück. Einen feiten Sieg errang Aurelian 
sodann über die Vandalen (bei Zos. I, 48 ZxuOat). Derselbe 
scheint jedoch kein vollständiger gewesen zu sein.') Die 
Stimmung im Heere war wenigstens für Abschluss des Fne- 
dens , der denn auch erfolgte. Die Barbaren stellten Geissein 
und 2000 Mann Hülfstruppen; der Rest ihres Heeres wurde 



1) Diese nämliche Notiz wird von Bernhardt doppelt ausg^beatet: 
das eine mal (S. 128 Anm. 1) sind ihm die Snebi, die von Claudios am 
Gardasee besiegten Alamannen (Aur. Vict. ep. 34, 2), die Sarmatae, die 
von ebendemselben bekämpften Gotlien; das andere mal (S. 152 Anm. 1) 
sieht er darin die Andeutung der von Dexippus geschüderten KSmpfe. 

2) Corpus scriptorum historiae Byzautinae ed. Bonnen. I, 11 — 21. 

3) Vergl. auch Zos. I, 48: xal pi&xr\c iv Tf| TTaiov^ T€VOfi^vt)C 
IcoTraXoOc. 



II. Literarische Prüfung. 53 

mit Lebensmitteln versehen und bis zur Donau escortirt. 
Aurelian aber eilte nach Italien, um gegen die dort einge- 
brochenen Juthungen zu kämpfen (bei Zos. I; 40 heissen sie 
'AXajiavoi, bei Äurel. Vict. Caes. 35, 2 ebenso; bei Vopiscus 
Aur. 18, 2 Marcomannen). *) Wenn Vopiscus die beiden ersten 
Feldzüge des Kaisers Aurelian nur so kurz und oberflächlich 
berührt, verweilt er um so länger bei der Darstellung der 
darauf in Italien sich vollziehenden Kämpfe. Hier ist zunächst 
der Name der Marcomannen fälschlich für den der Alaman- 
nen gesetzt. ^) Die Niederlage , von welcher Vopiscus gleich 
im Anfang (18, 3) berichtet, ist gewiss die nämliche, von 
der er weiter unten wieder spricht (21, 1 — S)*^), und von 
der er gewiss etwas zu viel sagt, wenn er dadurch das 
römische Reich , au den Rand des Abgrundes gebracht werden 
lässt. *) Die Nachricht über diese Niederlage bei Piacenza, 
die (Jonsultation der sibyllinischen Bücher und die Wirkung 
derselben auf den weitern Fortgang des Krieges sind die 
einzigen einigermassen eingehenden Nachrichten. Die übrigen 
Ereignisse werden mit einer allgemeinen Phrase abgethan ''^), 
während uns der Epitomator des Aurelius Victor®) noch von 

1) Die Juthungen sind nur ein Theü der Alamannen. Zeuss, die 
Deutschen und die Nachbarstämme, 312. Der Bericht des Zosimus 
([, 48 u. 49) ist unvollständig und zum Theü verwirrt. Den ersten von 
Dexippus berülirten Kampf und die Unterhandhuigen mit den Juthungen 
erwähnt er gar nicht, sondern kommt gleich auf den zweiten Feldzug 
(gegen die Vandalen) zu sprechen; eine Verwechslung mit der Entschei- 
dungsschlacht im ersten Feldzug gegen die Juthungen ist es, wenn er 
die Vernichtung der Barbaren in Italien iv xaTc irepl töv 'Icxpov ^cxa- 
Tiaic verlegt. Zeuss a. a. 0. 313. 

2) Zeuss a. a. 0. 314. 

3) Aur. 20, 4: denique nisi diuina ope post inspectionem librorum 
sacrificiorumque curas monstris quibusdam speciebusque diuinis inpli- 
citi essent barbari, Romana uictoria non fuisset. 

4) a. a. 0. 1: tanta apud Placentiam clades accepta est ut Roma- 
num paene solueretur imperium. 

5) a. a. 0. 18, 6: atque ita barbari restiterunt, quos omnes Aure- 
lianuB carptim uagantes occidit. 

6) 36, 2: Iste in Italia tribus proelüs victor fuit, apud Placentiam, 
iuzta amnemMetaurum ac fanumFortunae, postremo Ticineusibus campis. 
DasB die Epitome Aurelian bei Piacenza siegen lässt, ist wol Flüchtigkeit. 



54 Julius Bruuner: Vopiscus LebeusbeBclireibungeu. 

zwei Treffen, bei Faiium Fortunae am Metaurus uud in den 
Gefilden des Tessin meldet, von denen das erstere durch eine 
Inschrift bezeugt ist. ') 

21, 6: Inier fecti sunt enim nonnuUi eiiam. nobiles setiaio- 
res. In diesen Zusammenhang gehört wol auch die nach- 
trägliche Notiz (39, 8): Diciiur praeierea huius fuisse cru- 
äelitalis, ut plerisqtte senatoribus smulatam ingereret faciionem 
coninrationis ac tyrannidis, quo facilim eos posset occidere. 
Genauer, sogar mit Nennung von Namen berichtet Zosimus 

1 , 49 : €V TOüTUi hk KQl TOt TTCpi TTjV 'PlUfiriV CTTpdxOTl , , TIVUIV 

dnö Tfjc Ycpouciac, ibc ^TrißouXfj Kaid toO ßaciXeujc koivuiv»]- 
cavTU)v, €ic euGüvac t^tm^viuv Kai BaväTui Cti)uiiuj0^vtujv, und 
nachdem er von der Befestigung Roms gesprochen: Kard 

TOUTOV TÖV XPOVOV €10 ^VVOlttV fjXGe V€UJTepiC)UlOÖ 'CTTlTijUllÖC Te 

Kai Oupßavöc Kai Aofienavöc, Kai napaxpfiMa xifiwplav uitecxov 
dXövTec 

21, 9. Der Wiederaufbau der Stadtmauer durch Aure- 
lian ist eine allbekannte Thatsache. Ueber die Ausdehnung 
des Baues werde ich weiter unten Gelegenheit haben zu 
sprechen. Derselbe wurde übrigens erst unter Probus voll- 
endet.^) Die Hinzuziehung des Senates ist nicht weiter be- 
zeugt. Die Erweiterung des Pomoeriums durch Aurelian wird 
bezweifelt von Salmasius (ad loc), weil ja unter Aurelian 
das Gebiet des römischen Reiches nicht nur keinen Zuwachs, 

1) Orelli 1031: 
HERCVLI. AVG. 
CONSORTI. 

D. N. 

AVRELIANI 
INVICTI. AVGVS. 
RES. PVB. PIS. 
CVRA. AGENTE 

C. IVLIO. PRtSCIANO V. E (viro egregio), 

DVC. CVR. R. P. PIS. ET FAN (ducenario. curatore R. P. Pisauris et 

Fanestris). 

2) Zon.I, 49: ^TeixicOTi hi töt€ f| *P^JÜ^T^ irpÖTCpov drcixicToc oöca* Koi 
Xaß6v Tf|v dpx^iv kl AOpTiXiavoO cuv€TTXr]pii»eri ßactXeOovroc TTpößou tö T€i- 
xoc. Wenn ZosimuB hier Rom npörepov dtcixicroc nennt, so riihrt das da- 
her, dass die ehemalige Stadtmauer ganz verschwunden war. Becker 1, 186 f- 



II. Litorjirische Prüfung. 55 

sondern sogar den Verlust einer Provinz (Dacien) erfahren 
habe und weder Vopiscus noch ein anderer Schriftsteller wei- 
ter davon spreche. Er will daher die Worte: „e?o tempore 
sed postea" als Glossem streichen. Es ist nicht zu leugnen, 
dass die Meinung von Salmasius streng genommen viel für 
sich hat; es hätte nur nachgewiesen werden müssen; wie das 
Glossem entstand. Wenn man aber bedenkt , dass das rö- 
mische Reich seit langer Zeit unter Aurelian zum ersten 
Male wieder unter einem Herrscher stand, so liegt die Mög- 
lichkeit nicht fern, dass Aurelian vielleicht doch von dem 
„ius proferendi pomoerii" Gebrauch gemacht habe. 

Die Erweiterung des Pomoeriums durch Augustus ist 
bezeugt durch Tacitus^) und Gassius Dio^), nicht aber die- 
jenige durch Nero und Trajan, dagegen die Hinzufügung 
des ,,Pontu8 Polemoniacus" und der „Alpes Cottiae" zu dem 
römischen Reiche') unter Nero. 

Die Darstellung der Unternehmungen Aurelian 's gegen 
Zenobia nimmt verhältnissmässig den grössten Raum ein; 
(22 — 31) mit Recht; denn die Zerstörung der palmyrenischen 
Herrschaft war jedenfalls für das römische Reich das folgen- 
schwerste Ereigniss dieser Regierung. Abgesehen von den 
mitgetheilten Briefen und dem Berichte über die Einnahme 
von Tyana erweist sich unser Vopiscus aber als verkürzen- 
der Ausschreiber von übrigens gewiss ganz zuverlässigen 
Quellen; denn seine Darstellung stinmit im ganzen mit der 
Hauptquelle für diese Epoche, Zosimus, dessen Berichte be- 
sonders über die im Osten sich vollziehenden Ereignisse durch- 
aus zu Grunde gelegt werden müssen. 

22. Die Nachricht, dass Zenobia im Namen ihrer Söhne 



1) Ann. XII, 23: et pomerium urbis auxit CaeBar (Claudius), more 
prisco, quo iis qui protulere imperium etiam terminos urbis propagare 
datur. nee tarnen duces Romani, quamquam magnis nationibus subactis» 
UBurpaverant, nisi L. Sulla et divus Augustus. 

2) LV, 6, 6 (ed. Dindorf): rd xe xoO iTU)jLir]p(ou öpia ^nrjOHTice (seil.: 

ö Pi&(0\3CT0C). 

3) Sueton. Nero 18: Ponti modo regnum concedente Polemone, 
item Alpium defuncto Cottio in provinciae formam redegit (seil. Nero). 



56 Juli